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Facilitated Communication als Hilfsmittel für Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen in der Sekundarstufe I

Hausarbeit 2014 31 Seiten

Pädagogik - Medienpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Bildungstheoretischer Bezug
2.1 Der Bildungsbegriff Wilhelm von Humboldts
2.2 Inklusive Medienbildung

3 Die Methode der Facilitated Communication (FC/gestützte Kommunikation)
3.1 Historie
3.2 Beschreibung des Verfahrens
3.3 Kritik an der FC und ihre kontroverse Diskussion
3.4 Diskussion über die Vor- und Nachteile der FC gegenüber dem Einsatz von nicht digitalen Hilfsmitteln

4 FC und Schule
4.1 der Bildungskontext der Sek. I
4.2 Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) – kurze Einführung in die Problematik
4.3 Implementierung der FC in der Sekundarstufe I

5 Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang
A. Grundbedingungen der Technik des Stützens
B. Standards und Kriterien für eine erfolgreiche Umsetzung der Methode der Gestützten Kommunikation
C. Kommunikationsstufen nach Nagy
D. Gelingensbedingungen schulischer Förderung

Facilitated Communication als Hilfsmittel für Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen in der Sekundarstufe I

1 Einleitung

Kommunikation ist heute in aller Munde. Dieses Wort wird schon fast inflationär genutzt. Die Frage ist, woher kommt es eigentlich, was bedeutet es? Der Ursprung des Wortes Kommunikation ist das lateinische „ communicare“, dass „teilen/mitteilen“ bedeutet. Damit schließt es Prozesse von Gemeinschaft und Interaktion (ebd., S. 366) mit ein, die sich unter anderem auch in gesprochener Sprache ausdrücken. Sprache selbst ist laut Böhm (2005, S. 608) nicht leicht zu definieren. Im Allgemeinen wird sie jedoch mit der Möglichkeit verbunden, dass Menschen Gegebenheiten, welche sinnlich wahrnehmbar sind, ideell lautsprachlich zum Ausdruck bringen. Sprache kann demnach als Informations- und Kommunikationsmittel, das dem Mitteilungsbedürfnis des Menschen entspringt, gelten (ebd.).

Kommunikationsmodelle gehen daher grundsätzlich von mindestens zwei Personen aus: eine Person als Sender, die die Informationen kodiert und übermittelt und eine Person als Empfänger, die die Informationen aufnimmt und dekodiert (ebd.). Watzlawick (1921 - 2007) beispielsweise entwickelte eine auf 5 Axiomen aufbauende Kommunikationstheorie, deren wichtigstes Axiom „ Man kann nicht nicht kommunizieren“ lautet (ebd.). Das bedeutet, dass, sobald zwei Individuen einander begegnen, sie miteinander kommunizieren, selbst wenn sie nicht sprechen. Er nimmt hier die Körpersprache wie Gestik und Mimik mit in den Blick. Wo demnach Sprache als Medium zur Informationsübermittlung versagt, kann die Körpersprache sie zumindest teilweise ersetzen. Hierzu braucht man nach Meinung der Autorin nur Kinder aus verschiedenen Sprachfamilien auf einem Spielplatz beobachten; oft zeigt sich, dass sie instinktiv mithilfe der Gestik und Mimik kommunizieren. Humboldts Bildungstheorie nähert sich der Sprache indem er sie als entscheidendes Medium der Bildung begreift. Sprache bedeutet für Humboldt Bildung und umgekehrt, denn Sprache macht Bildung erst möglich.

Wie aber kommunizieren, wenn das betreffende Individuum sich nicht lautsprachlich äußern kann und die Regeln der Körpersprache kaum bis gar nicht versteht? Sind solche Individuen – streng nach Humboldts Theorie, dass Bildung über Sprache vermittelt wird – dann bildungsunfähig? Diese Problematik, sich nicht verbal äußern und Körpersprache kaum oder gar nicht entschlüsseln zu können, besteht bei vielen Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen (ASS). Sie nutzen zur (zumindest teilweisen) Kompensation ihrer Unvermögen verschiedene Hilfsmittel, wie bspw. Talker, Bild-, Texttafeln oder auch die Facilitated Communication (FC).

Die Autorin dieser Arbeit ist selbst Mutter eines 16-jährigen Jungen, der an einem hochgradigen frühkindlichen Autismus (Kanner-Autismus) leidet und möchte der Frage nachgehen, inwieweit sich computerbasierte Facilitated Communication (FC; gestützte Kommunikation) in den Schulalltag von nichtsprechenden Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) integrieren lässt. Denn im Zuge der Inklusion haben auch Menschen mit ASS das Recht auf den Besuch der Sekundarstufe I (Sek. I) und sie können Mittel und Ausstattung sowie fachlich geschulte (Unter-)Stützer für den Unterricht einfordern.

Der bildungstheoretische Bezug dieser Arbeit wird in Kapitel 2 über das Bildungsverständnis von Wilhelm von Humboldt hergestellt und beleuchtet in 2.2 die inklusive Medienbildung. Kapitel 3 befasst sich mit der computergestützten Facilitated Communication. Hier wird im Anschluss eines kurzen Blicks in die Historie (3.1), das Verfahren der FC beschrieben (3.2). Auch die kontroverse und kritikreiche Diskussion um FC wird beleuchtet (3.3) um dieses Kapitel mit einer Diskussion der Vor- und Nachteile dieser Methode im Vergleich zu nicht digitalen Hilfsmitteln abzuschließen. Kapitel 4 stellt kurz den Bildungskontext der Sekundarstufe I (4.1) dar und führt in 4.2 in die Problematik der Autismus-Spektrum-Störungen ein, um dann die Möglichkeit der Implementierung der FC in der Sek. I zu beleuchten (4.3). Im diese Arbeit abschließenden Fazit wird die Methode der FC als Hilfsmittel für nichtsprechende Menschen mit ASS unter Einbezug der oben genannten Punkte noch einmal kritisch hinterfragt.

2 Bildungstheoretischer Bezug

2.1 Der Bildungsbegriff Wilhelm von Humboldts

Wilhelm von Humboldt (1767 – 1835) war in der Zeit von 1809 – 1810 Leiter des preußischen Bildungswesens und gilt als Reformer, der ein einheitliches, alle Menschen einschließendes Schulkonzept in drei Stufen entwickelte (Böhm 2005, S. 288f). Diese umfassten die Elementarschule, das Gymnasium und die Universität, wofür der Staat die Voraussetzungen zu schaffen habe (ebd.). Später widmete er sich vorrangig der Sprachwissenschaft, da Sprache eine Schlüsselrolle in seinem Menschenbild innehatte. So individualisierte Humboldt den Menschen; d.h. er wandte sich ab von dem in der Aufklärung gezeichneten Bild eines optimal, zur Verbesserung von Staat und Gesellschaft sozial integrierten Gemeinschaftswesens, hin zu einem Einzelwesen, dem ein Eigenwert zukam (Groppe; Harney & Krüger (Hrsg.) 2006, S. 47). Er definierte den Menschen als mit drei unterschiedlich ausgeprägten Kräften ausgestattet: Verstand, Fantasie und Gefühl, welche im Bildungsprozess der Ausgewogenheit zugeführt werden müssen (ebd.), um ein Sich-Selbst-Fremd-werden zu verhindern. Verstand und Gemüt solle die Schule entwickeln, um eine Bildung des ganzen Menschen zu erreichen (Tennenbaum 1998, S. 3). Zur Annäherung an dieses Ziel müsse sich der Unterricht sowohl mit den prinzipiellen Dingen der menschlichen Natur und seines Daseins, als auch mit Grundfragen der menschlichen Existenz und den Sinnfragen des Lebens beschäftigen (ebd.). Da Humboldt Denken und Lernen als emotionale Prozesse ansah, soll das Kind die Erfahrung machen, dass es wesentliche Einsichten selbst finden, seinen eigenen Geist entdecken und sich seiner Selbst bewusst werden kann (ebd.).

Hier ist anzumerken, dass Humboldt strikt zwischen allgemeiner Menschenbildung und Berufsausbildung trennte; ersteres galt dem ganzen Menschen mit seinen Kräften (Verstand, Fantasie, Gefühl); letzteres jedoch sah er als einseitige Bildung, die zu einem Ungleichgewicht zwischen den Kräften führte. Als wichtigste Komponente seiner Bildungstheorie sah Humboldt die Sprache. Sie ist das bildende Organ der Gedanken (Humboldt 1988 [1830 – 1835], S. 6). Weshalb er bei seiner Schulreform auch so viel Wert auf Fremdsprachen, vor allem dem Griechischen legte. Jede Sprache, jedes gesprochene Wort hat seine Eigentümlichkeit. Alles, was das Individuum von der Welt mittels seiner Sinne wahrnimmt, erlangt durch das Denken Deutlichkeit und wird durch das Sprechen äußerlich (ebd.). Somit sind Denken und Sprache laut Humboldt im Bildungsprozess eins. Sprache übersetzt eine subjektive Vorstellung in eine „wirkliche Objektivität“, wobei jedoch das Gesprochene nichts von seiner Subjektivität verliert (ebd., S. 7). Wenn also zwei Individuen sich unterhalten, heißt das noch lange nicht, dass sie das gesprochene Wort bezüglich ihrer je individuellen Vorstellungen, Wahrnehmungen und Gefühle in der jeweils genau gleichen Art und Weise interpretieren. Das meint Humboldt, wenn er davon spricht, dass die Sprache die doppelte Natur der Welt und des Individuums annehmen muss, um beide wechselseitig zu befördern (Mauthner Gesellschaft/Verein für Sprachkritiker, S. 3). Denn die Welt stellt laut Humboldt die Gesamtheit der außerhalb des menschlichen Körpers liegenden Gegenstände dar, an der sich der Mensch in Form einer Auseinandersetzung mit diesem Fremden und Neuen entwickelt. Die Welt prägt den Menschen, der wiederum kraft seiner geistigen Kräfte mittels Sprache die Welt prägt.

2.2 Inklusive Medienbildung

2009 wurden die UN-Behindertenrechtskonventionen (UN-BRK) vom deutschen Bundestag ratifiziert (Lachwitz; Tolmein 2013, S. 5). Hierin werden in 50 Artikeln die Rechte von Menschen mit Behinderung geregelt. So bezieht sich z.B. Artikel 24 auf den zu leistenden Aufbau eines inklusiven Schulsystems in Deutschland, das die Segregation bzw. Aussonderung von Menschen aufgrund ihrer Behinderung in Sondereinrichtungen, ausschließt. Dies schließt die Gewährleistung der Chancengleichheit und des Abbaus von Bildungsbarrieren mittels individuell angepasster Hilfsmittel ein. Artikel 9 der UN-BRK behandelt neben Barrierefreiheit in Schulen, medizinischen Einrichtungen, öffentlichen Gebäuden etc. auch die der Informations-und Kommunikationswege (ebd., S. 15). Die inklusive Medienbildung hat sich diese Barrierefreiheit in Bezug auf Medien zum Ziel gemacht.

Die inklusive Medienbildung beschäftigt sich sowohl mit noch bestehenden Barrieren in der Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) als auch mit Möglichkeiten, diese zu beseitigen. Ihr Ziel: der barrierefreie Zugang zu Medien für alle Individuen. Um volle gesellschaftliche Partizipation von Menschen mit Benachteiligungen (z.B. Behinderung, Alter, Migrationshintergrund etc.) zu erreichen, wird der Medienbildung dieser Klientel nicht nur eine wichtige Schlüsselrolle zugewiesen, sondern Medienkompetenz wird als Kulturtechnik gesehen (Bosse 2012, S. 12). In der heutigen Wissensgesellschaft wird der Medienkompetenz ein hoher Stellenwert eingeräumt; Defizite können als soziale Ausgrenzungskriterien gesehen werden. Dies beginnt schon bei Kindern und kann im Erwachsenenleben die eigene soziale Positionierung negativ beeinflussen. Um diese „Digitale Spaltung“ genannte Aufteilung der Bevölkerung in einen digital kompetenten und einen an Wissen und Ressourcen unterversorgten Teil zu entgegnen, soll die inklusive Medienpädagogik binnendifferenziert, barrierearm und kultursensibel gestaltet sein (Schnaak; Böhmig, S. 19). Das Wort „Inklusion“ steht in diesem Kontext als Synonym für eine Medienpädagogik der Vielfalt (ebd.). Da Inklusion nicht nur Menschen mit Behinderungen anspricht, sondern auch z.B. Alter, Geschlecht, ethnische/soziale Herkunft sowie die kulturellen Faktoren berücksichtigen will, ist ein interdisziplinärer Einschluss der interkulturellen und sonderpädagogischen Medienarbeit in die inklusive Medienbildung ein wichtiges Kriterium (ebd., S. 18). Inhalte und Methoden sollen die Möglichkeit schaffen, auf unterschiedliche heterogene Zugangsarten der Menschen zu den Medien und ihre Lerntempi zu reagieren (ebd.). Um diesem Anspruch gerecht zu werden, braucht es auch Unterstützender (UT) bzw. Assistiver Technologien (AT) (Fisseler S. 87), welche allen behinderten Menschen zugänglich sein sollen (ebd.).

In einer inklusiven Schule ist es wichtig, dass alle Schüler[1] – egal ob behindert oder Nicht – an einem gemeinsamen Lerngegenstand arbeiten können. Dazu ist es nötig, dass auf individuelle Problemlagen der Schüler reagiert wird und diese in individueller Weise und in ihrer eigenen Art zu lernen, unterstützt werden. Hierzu bedarf es einer leicht verständlichen Sprache, allgemeingültiger Piktogramme, eindeutigen Bildmaterials aber auch der Berücksichtigung der auditiven, der haptischen und der visuellen Ebene (Bosse 2013, S. 1). Inklusive Medienbildung kann demnach die Schule dabei unterstützen, der Herausforderung, die die unterschiedlichen Heterogenitätsdimensionen an sie stellen, gerecht zu werden (ebd.). Multimedialität der Technik, die die Möglichkeit der haptischen, auditiven oder visuellen Aufbereitung von Informationen bereitstellt, ohne dabei die Prinzipien von Einfachheit und Konstanz (Bosse 2013, S. 2) zu verletzen, kann dann als eine Form des Empowerments in der inklusiven Medienbildung gesehen werden. Empowerment orientiert sich hier an die Entwicklung und Entfaltung individueller Handlungsmächtigkeit/-fähigkeit im Spannungsfeld von Gesellschaft und Individuum (Schluchter 2013, S. 65). Medien können somit als „Möglichkeit des kulturellen Ausdrucks, als Möglichkeit der sozialen Kommunikation und als Erweiterung individueller Erfahrungs-, Handlungs- und Kommunikationsräume“ (ebd.) gedacht werden.

UT und AT sind gerade bei nichtsprechenden Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) ein wichtiges Hilfsmittel zur Ermöglichung einer Kommunikation mit der „Außenwelt“. Wichtige Komponenten sind hier der Gebrauch von sogenannten Talkern, Bild- und Texttafeln oder auch der computerbasierten Facilitated Communication (FC/Gestützte Kommunikation). Letzteres wird zu den AAC (Augmentative and Alternative Communication) gezählt.

3 Die Methode der Facilitated Communication (FC/Gestützte Kommunikation)

Facilitated Communication (FC), in Deutschland Gestützte Kommunikation genannt, zählt zu den unterstützenden Kommunikationsmethoden (UK) und findet ihren Einsatz bei nicht oder nur rudimentär sprechenden Menschen mit Behinderung. Obwohl FC hauptsächlich mit Menschen mit ASS in Verbindung gebracht wird, wird sie auch bei bspw. Trisomie 21 (Down-Syndrom), Cerebralparese und anderen, die Sprachfähigkeit beeinträchtigenden Behinderungen zum Einsatz gebracht. FC gilt als sehr umstrittene Methode der Kommunikationsanbahnung, die Wissenschaftler, Pädagogen und auch Eltern von Kindern mit ASS in zwei unterschiedliche Lager spaltet: Befürworter und Gegner.

3.1 Historie

Die Entwicklung der FC geht auf die australische Pädagogin Rosemary Crossley zurück (Nußbeck 2000, S. 11). Im Rahmen ihrer Tätigkeit in einem Heim für Schwerbehinderte lernte sie eine junge Frau mit Athetose[2] kennen, die nicht sprechen konnte und als geistig behindert galt (ebd.). Um ihr die Kommunikation mit anderen Menschen zu ermöglichen, erarbeitete Crossley gemeinsam mit der jungen Frau, die auf physische Unterstützung basierende Methode der FC. Die junge Frau zeigte, mit Unterstützung, auf Buchstabiertafeln oder einer Schreibmaschine auf die gewünschten Buchstaben und teilte so ihre Gedanken mit. Im Alter von 18 Jahren konnte sie das Heim verlassen, nachdem sie einer unabhängigen Kommission bewiesen hatte, dass sie Kommunikationsfähig ist. Crossley beschrieb zusammen mit McDonald 1993 die Methode der FC in einem Buch (ebd.).

Der US-amerikanische Pädagoge Biklen machte die Methode durch einen Artikel in den USA bekannt, gründete das Facilitated Institute in Syracuse/USA und gibt seit 1992 eine über wissenschaftliche Beiträge, Diskussionen, Forschungen etc. berichtende Fachzeitschrift (Facilitated Communication Digest) heraus (ebd., S. 12). Die Methode der FC verbreitete sich schnell in den USA und auch Kanada, wurde jedoch vielfach mit Fällen sexuellen Missbrauchs in Verbindung gebracht, da viele gestützte Schreiber Anschuldigungen gegenüber Eltern, Betreuern etc. vorbrachten. Dies führte zu einer bis heute kontrovers geführten Diskussion um Nutzen und Gefahr der FC, beeinträchtigte jedoch nicht ihre weitere Verbreitung, so z.B. auch in Deutschland. Hier zeichnet sich vor allem eine Mitarbeiterin Biklens, A. Schubert, für das Bekanntwerden dieser Methode im deutschsprachigen Raum verantwortlich. Bücher von als geistig behindert eingestuften nichtsprechenden Autisten, allen voran die Bücher von Birger Sellin, sorgten für weiteres Aufsehen (ebd., S. 13). Die Methode der FC ist trotz immer wieder veröffentlichter Erfolgsberichte eine bis heute heftig umstrittene, wissenschaftlich nicht untermauerte Methode der Kommunikation.

3.2 Beschreibung des Verfahrens

Facilitated Communication (FC) ist eine Kommunikationsmethode, die für alle Menschen geeignet ist, die entweder gar nicht oder nur sehr eingeschränkt verbal kommunizieren können (Nußbeck 2000, S. 15). Die meisten Erfolge beziehen sich hierbei jedoch auf Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) (ebd.), welche auch in dieser Arbeit als Adressaten behandelt werden. FC wird als Kommunikationsmittel der Unterstützten Kommunikation (UK) zugerechnet und stellt eine heilpädagogische Methode dar, die verbal schwer beeinträchtigten Menschen ermöglichen soll, mit Hilfe einer Stütze gezielt auf Bilder, Piktogramme, Symbole oder eben auch auf Buchstaben von Schreibmaschine oder Tastatur eines PCs zu zeigen bzw. die Tasten zu drücken (Bundschuh; Basler-Eggen 2000, S. 36). Auf diese Weise bekommen diese Menschen die Chance, sich auszudrücken und mitzuteilen. In dieser Arbeit wird speziell auf das FC-Schreiben per Computer eingegangen.

Bei der FC agieren 2 Personen sehr eng miteinander: der Schreiber (die beeinträchtigte Person) und der Stützer (er gibt die Hilfestellung). Als Stützer (Facilitator) in Frage kommen ebenso vertraute Personen wie z.B. Mütter, Lehrer, Betreuer wie auch professionelle Stützer, die in Einrichtungen für behinderte Menschen arbeiten (Nußbeck 2000, S. 18). Die Methode des Stützens kann in Wochenend-Seminaren erlernt werden. Wichtig ist, dass der Stützer während des Stützvorganges seine eigenen Gedanken, körperlichen Reaktionen und Bewegungen stets reflektiert, um zu vermeiden, das er seine Gedanken über den Schreiber schreiben lässt; den Vorgang also unbewusst manipuliert. Als Stützer darf keine direkte Steuerung oder Führung der Hand des Schreibers übernommen werden. Die Hilfe bezieht sich ausschließlich darauf, dem Schreiber den schriftsprachlichen Ausdruck seiner Gedanken zu ermöglichen; der Stützer ist quasi in der Rolle eines „krankengymnastischen Hilfsmittels“. Erlaubt sind jedoch indirektes oder verbales Führen (z.B. bei Wahl einer falschen Taste oder Hinweis auf Korrekturtaste), abbremsen zu hastiger Bewegungen und das Verhindern von Perseverationen (Verbleiben des Fingers auf der Taste) (Bober; Biermann 2001, S. 1f). Der Stützer soll dem Schreiber während des Schreibens als physische, verbale und emotionale Stütze dienen (Grundbedingungen der Technik des Stützens siehe auch: Anlage A.).

Physisch, da er dem Schreiber das Tippen einzelner Buchstaben auf der Tastatur des PC erleichtern soll. Die Stütze selbst beginnt meist am Handgelenk oder am Unterarm, in besonderen Fällen, wenn der Schreiber nicht in der Lage ist, seinen Finger selbständig zu strecken, hilft der Stützer auch gezielt beim Isolieren eines Zeigefingers. Manchmal reicht auch die Berührung der Kleidung als Initialzündung für einen Schreibprozess. Die Berührung selbst soll die Eigenwahrnehmung des Schreibers verbessern und durch leichten Gegendruck einen Zeige- bzw. Tippimpuls zum Schreiben auslösen. Die Stützfunktion soll im Laufe der Zeit immer weiter abgebaut werden. Idealerweise soll der Gestützte irgendwann unabhängig Schreiben; der Stützer macht sich selbst entbehrlich. Verbal, indem der Stützer die Äußerungen des Gestützten verbalisiert und damit stets Rückmeldung gibt (Bundschuh; Basler-Eggen 2000, S.36). Emotional, die dem Schreiber Mut zuspricht, Selbstvertrauen und Zuversicht vermittelt und Geduld zeigt. Deshalb ist es auch so wichtig, dass der Stützer die Fähigkeiten des Schreibers nicht hinterfragt, sondern von dessen Kompetenzen überzeugt ist (Adam 2003, S.7). Bevor die FC beim Menschen mit ASS angebahnt wird, sollte der Stützer – egal ob Angehöriger oder Professioneller – nicht nur über die Methode selbst, sondern auch über Ängste, mögliche Schwierigkeiten und Problemfelder sowie über die Autismus-Spektrum-Störungen aufgeklärt werden. Es ist sinnvoll, dass von Anfang an mehrere Stützer für den zukünftigen Schreiber geschult werden. Zum zweiten ist es wichtig, dass für den zukünftigen Schreiber ein auf ihn abgestimmtes Hilfsmittel (bspw. PC, Notebook, I-Pad, normale Tastatur, Touch-Screen u.ä.) gefunden wird (Bundschuh; Basler-Eggen 2000, S. 163f). Unabdingbar ist eine entsprechende Diagnostik bezüglich der Literalität (Lesefähigkeit, Buchstabenkenntnisse, freies Schreiben etc.) des Menschen mit ASS (ebd. S. 164)[3]. Nach Abschluss dieser vorbereitenden Maßnahmen, kann mit dem Schreiben begonnen werden. Es ist anzuraten, dass die Förderung hin zu dem großen Ziel des freien Schreibens, mit Hilfe einer gestaffelten Förderung von statten geht. Das heißt, dass man mit sehr stark vorstrukturierten Aufgaben beginnt und langsam den Schwierigkeitsgrad erhöht bis das freie Schreiben erreicht ist[4]. Hierbei wird versucht, die physische Hilfe abzubauen und damit den Schreiber unabhängig zu machen. Dieses Ziel zu erreichen kann Jahre dauern bzw. wird bei manchen Schreibern nie erreicht (Bober; Biermann 2001, S.2).

3.3 Kritik an der FC und ihre kontroverse Diskussion

Die Kritik an der FC richtet sich in erster Linie auf folgende Faktoren:

1. Der Schreiber ist in seiner schriftsprachlichen Kommunikation von seinem Stützer abhängig (Nußbeck 2000, z.B. S. 61). Es ist kaum zu bestimmen, ob das Geschriebene wirklich den Gedanken des Schreibers entspringt oder aber (unbewusst) vom Stützer „diktiert“ wird; die Frage ist: wer steuert die Kommunikation (ebd.). Dies ist auch den Verfechtern der Methode bewusst, weshalb bspw. FC Netz Standards für die Anwendung der FC entwickelte, um genau diesen Stützereinfluss zu minimieren (s. Anhang B.).

2. Keine eindeutige wissenschaftliche Validierung der Methode der FC (Probst 2004, S.114). Nußbeck (2000, S. 39) beschreibt in ihrem Buch sowohl Untersuchungen mit als positiv bewerteten als auch solche mit als negativ bewerteten Ergebnissen. Gerade in letzteren zeigt sich, dass Schreiber in Versuchsreihen, in denen ihre Stützer die Antworten auf Fragen nicht kannten, häufiger zu „Wortfindungsschwierigkeiten“ neigten bzw. sogar die Antworten verweigerten (ebd., z.B. S. 54ff). Auch schnitten Schreiber, die auch ungestützt bessere Fähigkeiten zeigten in den Versuchsreihen besser ab (ebd.). Verfechter der Methode sehen das Versagen der Schreiber in der ungewohnten Testsituation (ebd., S. 56), in – wie bereits beschrieben – Wortfindungsschwierigkeiten oder auch als Angstreaktion. Dies konnte in den verschiedenen Testanordnungen jedoch nicht wissenschaftlich untermauert werden (ebd., S. 54ff). Die Wichtigkeit der Validität und Authentizität der schriftsprachlichen Äußerungen zeigt sich vor allem dann, wenn Missbrauchsvorwürfe erhoben werden (Probst 2004, S. 108). Probst zeigt sehr deutlich, dass viele Äußerungen unter FC nicht nur unrichtig, sondern massiv von den Stützern gesteuert waren (ebd.). 3. Befürworter der FC gehen häufig von einer autodidaktisch erworbenen Schriftsprachlichkeit der FC-Schreiber mit ASS aus. Dafür Spricht laut Klauß (2003, S. 4) das sogenannte Phänomen der „ Hyperlexie“[5]. Ein Ansatz der sich in die Symptomatik der ASS einpassen lässt. Menschen mit ASS instrumentalisieren oft andere Menschen, um zu bekommen, was sie wollen (siehe Kapitel 4.2). Klauß (ebd.) konstatiert, das Menschen mit ASS Schriftsprache durchaus auch als Selbstzweck instrumentalisieren könnten, anstatt diese zur Kommunikation zu nutzen. Diese Annahme konnte bisher nicht widerlegt werden.

4. Veröffentlichungen von Menschen mit ASS, die als intellektuell retardiert galten und unter FC sehr gute schriftsprachliche Fähigkeiten offenbarten (z.B. Birger Sellin), sind für die Fürsprecher der FC Beweis genug, um Validationsstudien mit negativen Ergebnissen als mit gravierenden Mängeln besetzt zurückzuweisen. Größter Kritikpunkt sind hier die bereits erwähnten Testsituationen. Befürworter konstatieren bspw., dass die Testsituationen zu Angst, Wortfindungsschwierigkeiten und Antwortverweigerungen führen (Nußbeck 2000, S. 56ff).

Die Diskussion um die FC ist ein sehr breites und weites Feld. Hier alle Argumente für oder gegen FC, alle Untersuchungsergebnisse der Validitätsstudien darzulegen, würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Abschließend lässt sich folgendes feststellen: FC ist eine sehr umstrittene, wissenschaftlich in ihrer Wirksamkeit nicht bzw. nur in Einzelfällen nachgewiesene Kommunikationsmethode. Wichtig ist, dass andere Kommunikationsmethoden (z.B. AAC, PECS, Bild-, Schrifttafeln, TEACCH etc.) nicht vernachlässigt werden. Schon Crossley wies 1997 darauf hin, dass FC „keine ideale Methode [ist]; es ist eine Methode, die man anwendet, wenn keine „bessere“ zur Verfügung steht“ (Crossley 1997 in: Biermann 2005, S. 3).

[...]


[1] Bei personenbezogenen Bezeichnungen werden zur besseren Lesbarkeit nur die männlichen Formen verwendet. Sie bezeichnen jedoch immer Personen beiderlei Geschlechts.

[2] Extrapyramidales Syndrom mit bizarr geschraubten und langsamen Bewegungen v.a. an den weiter vom Rumpf entfernten Extremitäten (z.B. Hände, Füße) (Pschyrembel, S. 146)

[3] Kriterien/Standards zur Anwendung der FC siehe Anhang B.

[4] Die Kommunikationsstufen nach Nagy siehe Anhang C.

[5] Hyperlexie ist ein bei Kindern auftretendes Syndrom, das ein mögliches Anzeichen für Autismus ist. Die betroffenen Kinder beginnen weit vor der normalen Entwicklung zu lesen und sind stark von Buchstaben und Zahlen fasziniert. Trotz Ihrer bemerkenswerten fehlt Kindern mit Hyperlexie das "inhaltliche" Sprachgefühl. Sie erkennen nicht die Bedeutung der von Ihnen gesprochenen Worte und Sätze und haben daher oft Schwierigkeiten im normalen sozialen Umgang mit anderen Menschen. Quelle: http://flexicon.doccheck.com/Hyperlexie

Details

Seiten
31
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656736141
ISBN (Buch)
9783656736127
Dateigröße
689 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v279815
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – KSW
Note
1,7
Schlagworte
facilitated communication hilfsmittel menschen autismus-spektrum-störungen sekundarstufe

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Titel: Facilitated Communication als Hilfsmittel für Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen in der Sekundarstufe I