Lade Inhalt...

Yoshimoto Banana und die gesellschaftliche Situation junger Frauen

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 16 Seiten

Orientalistik / Sinologie - Japanologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die gesellschaftliche Stellung der Frau in Japan und in der japanischen Literatur

3. Die gesellschaftliche Stellung der Frau am Beispiel von „Federkleid”
3.1 Handlung in „Federkleid“ (Hagoromo)
3.2 Analyse der weiblichen Charaktere und ihrer Beziehungen zueinander
3.2.1 Hotaru und ihre Beziehung zu Männern
3.2.2 Rumi und ihre Beziehung zu Hotaru
3.2.3 Hotarus Großmutter, Mitsurus Mutter und Mitsurus Großmutter
3.3 Einordnung der weiblichen Charaktere nach Frauentypen

4. Der Bezug von Frauen in der japanischen Gesellschaft zu den Protagonistinnen in Yoshimotos Werken

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Als eine der berühmtesten japanischen Autorinnen der Gegenwart hat Yoshimoto Banana erheblichen Einfluss auf die Frauenwelt in Japan. Ihre Leser umfassen hauptsächlich eine Gruppe von Frauen vom Teenageralter bis Anfang 30, doch auch ältere Frauen und einige Männer lesen ihre Romane. Yoshimotos Werke werden oft mit shōjo Manga verglichen, mit denen ihre Generation und auch ihre Leser aufgewachsen sind, so dass beim Lesen der Erzählungen eine vertraue Atmosphäre entsteht. Im Verlaufe dieser Arbeit soll erörtert werden, inwiefern Yoshimoto durch ihre Werke einen Einfluss auf die gesellschaftliche Situation der Frau in Japan hat und anhand ihres Romans „Federkleid“ wird im Folgenden genauer analysiert, wie die aktuelle Lage junger Frauen in der Literatur zum Ausdruck kommt.

2. Die gesellschaftliche Stellung der Frau in Japan und in der japanischen Literatur

Q. : Do you have the problem of discrimination of women in today's society in your mind when you are writing?

A. [Yoshimoto]: I don't in my work...though I feel some discrimination occasionally in real life. You may sense it in my books as a result. (Banana Yoshimoto Official Website, http://www.yoshimotobanana.com/question_e/, 24.05.2013)

Tatsächlich spiegeln Autoren mit ihren Romanen meistens – manchmal auch unbewusst – die derzeitigen kulturellen Verhältnisse im jeweiligen Land wieder, zum Teil entsprechen die beschrieben Verhältnisse allerdings nicht denen der Realität sondern eher wünschenswerten. Überdies hinaus zeigt sich, dass Leser und Leserinnen der Romane diese auch oft als persönliche Hilfe für sich und ihre Lebensentscheidungen ansehen und damit die Autoren einen großen Einfluss auf ihre Leserschaft haben und so womöglich in der Gesellschaft wünschenswerte Zustände erreichen können (Hein 2008: 23-26). Bereits 1911 waren mit der Seitō („Blaustrumpf“-)Bewegung derartige Prozesse in der Gesellschaft vorhanden, nämlich wurden Frauen überall in Japan durch Beiträge weiblicher Literatinnen in der Zeitschrift (Seitō) zur Selbstentfaltung ermutigt. Während zur damaligen Zeit diese Emanzipierung als unmoralisch angesehen wurde und als eine Art vergängliche Modeerscheinung keinen großen Einfluss auf die realen gesellschaftlichen Gegebenheiten hatte (Sato 2003: 112), kann heute behauptet werden, dass immer mehr japanische Frauen Gefallen an der eigenen Selbstentfaltung haben und auch nicht davor zurückscheuen, sich aus eigenem Entschluss von ihrem Mann scheiden zu lassen oder erneut zu heiraten (Hein 2008: 25).

In Yoshimotos Werken ist die Protagonistin meistens weiblich und so ist es nicht verwunderlich, dass hin und wieder Frauen gegenüber diskriminierende Andeutungen zu spüren sind, wie im Zitat von Yoshimoto bereits angedeutet. Kasai (2002: 168) stellt dazu treffend fest, dass die sprachlichen Beziehungen im Japanischen in Yoshimotos Werk „Kitchen“ zwischen Protagonistin und ihrem Geliebten zeigen, dass sie sich gegenseitig fast nie auf derselben Höflichkeitsebene ansprechen. Eine Ausnahme dabei ist allerdings, dass sich beide gegenseitig mit ihrem Vornamen ohne Suffix (- san oder ähnliches) ansprechen, was Kasai bereits als „revolutionär“ und als Besonderheit in der japanischen Literatur auszeichnet. In diesem Zusammenhang ist unschwer zu erkennen, dass Frauen noch immer traditionell einen niedrigeren sozialen Status in der japanischen Gesellschaft einnehmen und es zu tolerieren haben, dass sprachlich und in Alltagssituationen auf sie herabgesehen wird.

3. Die gesellschaftliche Stellung der Frau am Beispiel von „Federkleid”

Im Folgenden sollen nun anhand von Yoshimotos Werk „Federkleid“ (Hagoromo) die weiblichen Hauptcharaktere und ihre Rollen im Roman stellvertretend für die Frauenrolle in der japanischen Gesellschaft analysiert werden.

3.1 Handlung in „Federkleid“ (Hagoromo)

In dem Werk „Federkleid“ von Yoshimoto geht es um die junge Hotaru, die 26 Jahre alt ist und nach acht Jahren Beziehung mit einem verheirateten Mann von diesem endgültig verlassen wird. Aus der Wohnung in Tokyo, in der sie zusammen mit eben diesem Mann gelebt hat und die ihr als „Abfindung“ geschenkt wurde, flüchtet sie zurück in ihre provinziale Heimatstadt, verwirrt und allein gelassen. Dort kommt sie bei ihrer Großmutter unter, in deren Café sie aushilft und von da an muss sie allein über ihren Schmerz hinwegkommen und auch allein entscheiden wie es in Zukunft mit ihr weitergehen soll.

Durch das kleine Fenster schaute ich zum Mond hinauf. Er war da, wie immer. Der gleiche Mond, den ich so oft mit meinem Geliebten angeschaut hatte. Aber jetzt war ich allein in diesem jämmerlichen Verschlag, irgendwo in der Provinz, ohne richtige Arbeit, ohne irgend etwas… Es gab Momente, in denen ich das als befreiend empfand, aber es waren schmerzliche Momente. Wo war bloß mein Leben? Wo gehörte ich hin? Jedesmal, wenn mir die Frage durch den Kopf geisterte, verspürte ich ein heftiges Verlangen nach jener Zeit, die mir alles bedeutet hatte. Gäbe es nur ein Zurück! (Yoshimoto 2007: 52-53)

Mit der Zeit lebt sich Hotaru wieder in der kleinen Stadt ein und trifft sich wieder mit ihrer Freundin Rumi, die sie lange nicht gesehen hat. Fast zur gleichen Zeit trifft sie zufällig auf einen Mann, der ihr bekannt vorkommt, den sie aber tatsächlich noch nie gesehen hat und der sich letztendlich als schicksalhafte Begegnung herausstellt. Bei dem Mann, den sie zufällig trifft, handelt es sich um Mitsuru, den sie als Kind schon einmal im Traum gesehen hat. Durch ihre Großmutter, die Mitsuru ebenfalls in einer Art Wachtraum sah, erfährt sie schließlich, wer der mysteriöse Mann ist da sie sich nicht mehr an ihren eigenen Traum erinnern kann. Sie lernt wenig später Mitsurus bettlägerige Mutter kennen, der es nach der Begegnung mit ihr gleich etwas besser geht, und erfährt von Mitsurus bereits verstorbener Großmutter. Nachdem Hotaru eine schöne Zeit mit Rumi, ihrer Großmutter und Mitsuru verbringt, bemerkt sie bald, dass sie sich gar nicht so allein und unglücklich fühlt wie einst gedacht. Dies zeigt sich vor allem bei dem Besuch eines Onsens, zu dem sie mit ihrer Großmutter fährt:

Das Wort „Glück“ konnte nicht fassen, was dieser friedliche, geruhsame Moment mir bedeutete. Es war, als weitete sich der Horizont ins Unendliche, als spürte ich endlich wieder Leben in mir. So vergaß ich mit der Zeit. Vergaß den Trennungsschmerz, die Grabesstimmung in meiner Kammer, die nächtelangen Weinkrämpfe. […] Das bedrückende, dumpfe Gefühl, das mich stets begleitet hatte, löste sich von meinem Körper. […]Wie unerbittlich war die Macht der Zeit! Selbst wenn ich hätte zurückkehren wollen – es gab kein Zurück. Als würde ich von der Strömung des Flusses einfach mitgerissen. (Yoshimoto 2007: 98-99)

Mit der Zeit fühlt sich Hotaru immer weniger dazu bewegt, in das Apartment in Tokyo zurückzukehren und betrachtet das Leben dort, im Gegensatz zum Leben auf dem Land, als hektisch und vor allem einsam:

Endlich mal wieder eine neue Freundschaft, dachte ich voller Freude, nachdem ich in Tokyo einzig und allein für meinen Geliebten dagewesen war und weder Zeit noch Lust gehabt hatte, irgendwelche Leute kennen zu lernen. (Yoshimoto 2007: 63)

Hotarus Vater, der sie aus den USA, in denen er sich aufhält, hin und wieder anruft, zwingt sie indirekt zu einer Entscheidung, obwohl Hotaru ihm weismacht, dass sie womöglich doch nach Tokyo zurückmöchte: „‚Was willst du denn in Tokyo? Wartet dort jemand auf dich? Braucht dich da jemand?‘ Vaters Worte trafen mich mitten ins Herz. Das war die bittere Wahrheit“ (Yoshimoto 2007: 139). Letztendlich fällt Hotaru ihre Entscheidung und obwohl das Ende mehr oder weniger offen ausgeht, erkennt Hotaru bei ihrem Besuch bei Rumi, dass sie sich in ihrer Heimatstadt wohl fühlt und deutet somit an, dass sie dort bleiben möchte: „Hier fand mein verwaistes Herz seinen Frieden, fühlte es sich wie in ein schmiegsames, flauschiges Kleid gehüllt“ (Yoshimoto 2007: 154).

3.2 Analyse der weiblichen Charaktere und ihrer Beziehungen zueinander

Auffällig in diesem Werk ist, dass es sich bei dargestellten Beziehungen zum Großteil um Beziehungen zwischen Frauen handelt. Im weiteren Verlauf des Kapitels sollen die weiblichen Hauptcharaktere, darunter vor allem Hotaru, beschrieben werden. Im Einzelnen sollen zum besseren Verständnis des Romans auch die Beziehungen der Figuren zu Hotaru näher erläutert werden.

3.2.1 Hotaru und ihre Beziehung zu Männern

Durch die schmerzliche Trauer und gleichzeitige Verwirrung, die zu Anfang des Romans einsetzt und sich durch diesen hindurch zieht, bemerkt man sofort, wie abhängig Hotaru sich von diesem Mann gemacht hat, der ohne sie problemlos weiterleben kann, da sie für ihn „nur zum Vergnügen“ da war (Yoshimoto 2007: 12). Sie trauert ihm über weite Teile des Romans nach und man erfährt Seite für Seite wie das Verhältnis zu ihm war; dabei wird dem Leser sofort das Gefühl vermittelt, dass dieser Mann nur mit Hotaru zusammen sein wollte solange sie ihm Vergnügen bereitete oder nützlich für ihn war. So fühlt sich auch Hotaru nutzlos ohne ihn an ihrer Seite und sie erzählt über die Zeit mit ihrem ehemaligen Geliebten, der von Beruf Fotograf ist: „Wenn Aufträge anstanden, durfte ich jeweils als Assistentin mithelfen. In solchen Momenten fühlte ich mich wie jemand, der richtig arbeitet“ (Yoshimoto 2007: 64). Im Gegensatz zu ihrer Freundin Rumi fühlt sie sich, als hätte sie nichts im Leben erreicht:

Im Vergleich zu ihr fühlte ich mich, obwohl schon Mitte zwanzig, wie ein kleines Kind. Während sie in all den Jahren zielstrebig auf etwas hingearbeitet hatte, was ihr wichtig schien und auch ihren Fähigkeiten entsprach, hatte ich meine Zeit für andere aufgeopfert und konnte gerade mal ein Diplom für Nail Art und ein bißchen Erfahrung als Fotoassistentin vorweisen. (Yoshimoto 2007: 75)

Im Verlauf des Romans beginnt Hotaru nach der Trennung reflektierend über ihr damaliges Ich und ihr jetziges Ich nachzudenken, da der Sinn des Lebens für sie nun nicht mehr daraus besteht, sich um ihren Geliebten zu kümmern und für ihn schön auszusehen:

Seit ich aufs Land zurückgekehrt war, schminkte ich mich nicht mehr, steckte mein langes Haar hoch und trug nur noch Jeans. Meine alten Freundinnen staunten nicht schlecht, als sie mich in dieser Aufmachung sahen. Sogar ich selbst war überrascht, wenn ich in den Spiegel blickte. Jahrelang dachte ich, es sei die Aufgabe einer Geliebten, jederzeit hübsch auszusehen. Ich war mit nichts anderem beschäftigt gewesen. […] Kein Zweifel, mein Ich war während jener Zeit in Tokyo etwas, das wir uns gemeinsam geschaffen hatten. (Yoshimoto 2007: 25)

Langsam wird Hotaru also bewusst, dass sie nicht mehr dieselbe Person ist, die sie während ihrer Beziehung war, in der sie einen Nutzen zu erfüllen hatte.

Der Mann, der ihr außerdem noch das Gefühl zu vermitteln zu scheint, dass sie ohne einen Mann an ihrer Seite nutzlos ist, ist ihr Vater. Auf Hotarus Reaktion hin, sie wolle nach Tokyo zurück, fragt er sie sofort, wer sie dort braucht und drängt sie damit in die traditionelle Frauenrolle. Für die Selbstentfaltung seiner Tochter scheint er nur wenig Verständnis zu haben und fordert sie indirekt dazu auf, bei ihrer Familie zu bleiben. Es kommt zum Streit zwischen ihnen, in dem Hotaru einwirft:

„Aber wenn ich hierbleibe und einfach alles weitergeht wie bisher, werde ich eines Tages noch Omas Café übernehmen müssen. Oder einen Skilehrer heiraten inklusive Schwiegermutter. Oder im Kinderhort arbeiten. Und das, obwohl ich selbst gar nichts getan, mir gar nichts ausgesucht habe.“ „Ach mein kleines, dummes Mädchen.“, sagte Vater, als wäre mir nicht mehr zu helfen. (Yoshimoto 2007: 139-140)

[...]

Details

Seiten
16
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656736004
ISBN (Buch)
9783656735991
Dateigröße
545 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v279834
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Note
2,0
Schlagworte
yoshimoto banana situation frauen

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Yoshimoto Banana und die gesellschaftliche Situation junger Frauen