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Dekonstruktion der Großstadtwahrnehmung in Rilkes "Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge"

Hausarbeit 2013 25 Seiten

Didaktik - Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsbestimmung Dekonstruktion

3. Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge
3.1 Die Struktur der Aufzeichnungen
3.2 Veränderung der Wahrnehmung
3.3 Impressionistische Darstellungsweise
3.4 Erzählproblematik
3.5 Der Leser als Souverän

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Zeit der Jahrhundertwende konfrontiert das Individuum mit einem großstädtischen Leben, das sich grundlegend von den Erfahrungen früherer Generationen unterscheidet. Im Zuge der industriellen Revolution verändert sich die wirtschaftliche und soziale Wirklichkeit nachhaltig. Der veränderte Lebens- und Erfahrungsraum hat einen großen Einfluss auf das Individuum, welches sich einer enormen Beschleunigung des Lebens gegenübergestellt sieht. Die Großstadt ist ein Ort der Reizüberflutung, die das Subjekt zwingt, seine Wahrnehmung den veränderten Bedingungen seiner Umwelt anzupassen.

Diese Veränderung der Perzeption geht mit einer Infragestellung der traditionellen Erzählform einher, da diese an der Darstellung dieser neuen Wirklichkeit zu scheitern scheint. Rilkes Werk „ Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge “ 1 zeigt den Versuch, der neuen großstädtischen Lebensform in der Darstellung des Textes gerecht zu werden. Die Unmöglichkeit des Erzählens einer sich kontinuierlich entwickelnden Handlung wird im einzigen Prosawerk Rilkes nicht nur durch die Hauptfigur selbst thematisiert, sondern zeigt sich auch in der Zerstückelung des Textes, der sich als eine Sammlung verschiedener Textfragmente präsentiert.

Die Entstehungsbedingungen legen nahe, dass die Zerstreutheit und Offenheit der Textpassagen ein von Rilke gewollt konstruierter Versuch einer neuen Erzählweise darstellt. So entstanden einige Geschichten schon vor der eigentlichen Arbeit am Werk, bei anderen Textpassagen griff der Autor auf Briefäußerungen und Tagebuchnotizen zurück, die er zeitlich und oft auch logisch in eine neue Reihenfolge brachte. Die Destruktion nimmt den ursprünglichen Sinn und damit die kausale Kohärenz, gleichzeitig wird durch die Konstruktion des neuen Textgefüges ein anderer Sinnhorizont eröffnet.

In der Untersuchung der Darstellungsweise des Textes soll herausgearbeitet werden, dass die Aufzeichnungen eine Dekonstruktion tradierter Erzählformen repräsentieren, deren Konzept darin besteht, der großstädtischen Wirklichkeit adäquat zu begegnen. Dabei sollen jene Elemente hervorgehoben werden, die die Komponenten dieses Dekonstruktionsvorhabens darstellen. Betont werden hierbei die Wahrnehmungsveränderungen, insbesondere das Motiv des „Sehen Lernens“, die Unmöglichkeit der erzählerischen Darstellung großstädtischer Wahrnehmungen und die Verwendung impressionistischer Verfahren, die die Aufzeichnungen prägen. Dem folgend steht die Betrachtung des Lesers, von dem durch die veränderte Form der Darstellung eine neue Art der Rezeption gefordert wird.

Dieser Analyse voran gehen eine Betrachtung des allgemeinen Strukturprinzips der Aufzeichnungen und eine Bestimmung des Dekonstruktionsbegriffes, der die theoretische Basis der Arbeit bildet. Im Sinne der Dekonstruktion soll aufgezeigt werden, wie diese in den aufgezählten Elementen im Text aufscheinen, die mittels ausgewählter Passagen ermittelt werden. Die Analyse der Struktur der Aufzeichnungen soll herausarbeiten, wie diese Form zur Offenheit beiträgt und ein Aufbrechen der chronologischen und kausalen Erzählstruktur zur Folge hat. Die Veränderung der Wahrnehmung, insbesondere das von Malte beschriebene „neue Sehen“, hebt hervor, wie diese Wahrnehmung die Grenzen der Innen- und Außenwelt verwischt. Die mit der großstädtischen Erfahrungswelt einhergehende Wahrnehmungsveränderung korrespondiert mit der impressionistischen Darstellungsweise, welche nicht die objektive Erfahrung in den Mittelpunkt stellt, sondern die Rekonstruktion von Stimmungen und Atmosphären zum Ziel hat. Die detaillierte Beschreibung sinnlicher Wahrnehmung ist geprägt von der Reizüberflutung und der daraus resultierenden subjektiven Empfindlichkeit. Die dem Impressionismus zugrundeliegende Intention, einzelne Eindrücke zu beschreiben, soll anhand von Beispielen impressionistischer Erzählweisen in den Aufzeichnungen deren dekonstruktiven Charakter belegen.

Die erwähnte Erzählproblematik bezieht sich auf die Darstellung von Maltes Wahrnehmungen und Gedanken angesichts seiner Großstadterfahrung. Das Abhandenkommen einer vollständigen und vereinheitlichenden Erfassung der wahrgenommenen Elemente wird im Text durch das Aufbrechen der traditionellen Erzählform dargestellt. So wird in Rilkes Werk die Erzählkrise nicht nur durch den Protagonisten inhaltlich thematisiert, sondern zeigt sich auch in der Gestaltung der Aufzeichnungen selber. Die daraus folgende neue Art des Erzählens wirkt sich auf die Rezeption des Textes aus. Der Leser wird zum Souverän, wenn die Autorität eines Erzählers abhandenkommt, Zusammenhang zu stiften. Abschließend soll eine Zusammenstellung der Ergebnisse die anfangs gestellte These begründen.

2. Begriffsbestimmung Dekonstruktion

Die Dekonstruktion bezeichnet eine Richtung des Poststrukturalismus, welche sich vordergründig mit dem sprachlich-textuellen und dem ideologisch-metaphysischen Aspekt der Literaturanalyse beschäftigt. Ursprünglich von Jacques Derrida als Strategie der Literaturkritik gedacht, griff auch Paul de Man auf Aspekte der Dekonstruktion zurück, um sich einen Text von innen her anzunähern.2 Eine genaue Eingrenzung und Bestimmung des Begriffes „Dekonstruktion“ stellt insofern eine Schwierigkeit dar, als sie sich auf unterschiedliche Art und Weise präsentiert, verschiedene Strömungen beinhaltet und eine einheitliche, abschließende Definition dem Prinzip der Dekonstruktion entgegenlaufen würde. Im Folgenden soll darum eine Annäherung an unterschiedliche Strategien der Dekonstruktion dargestellt werden, wie sie von Jacques Derrida und Paul de Man beschrieben wurden.

Das Wort Dekonstruktion setzt sich aus zwei Bedeutungseinheiten zusammen, dem der Destruktion und der Konstruktion. Die Dekonstruktion will so durch das Zerlegen und erneute Zusammenfügen eines Textes seine Konstruiertheit herausarbeiten, indem es die Textteile in andere Gedankengefüge integriert.3 Dies ermöglicht, die zentral gesetzten thematisch-strukturellen Instanzen zu dezentrieren und auch jenes hervorzuheben, was im Text marginalisiert wird. Dies führt zu einer Auflösung binärer, hierarchischer Bedeutungsoppositionen, da statt der stillstehenden Ordnung das Paradigma der Verweisfunktion von Signifikanten überwiegt. Der Text ist ein Netzwerk aufeinander bezogener Zeichen, ein Spiel des Bezeichnens, welches nicht abgeschlossen werden kann. Dies sprengt die Eindeutigkeit und Abgeschlossenheit jedes Diskurses und führt in der Folge zum Aufbrechen der scheinbaren Einheit und Geschlossenheit eines Textes. Die kohärente Struktur wird so durch ein heterogenes Kraftfeld von Spannungen und Widersprüchen ersetzt, die eine Auflösung ungebrochener Identitäts- und Subjektkonzepte nach sich zieht. Die Identität des Subjekts ist kein einheitliches Ganzes mehr, sondern eine Mixtur verschiedener Antriebskräfte und Selbstbilder, eine plurale Identität. Schlüsselkonzepte bei Derrida sind die Schrift und die diff é rance. Beide Begriffe sind gegen das logozentrische Denken gerichtet. Die Schrift als „ Spur “ verweist aufgrund der wechselseitigen Beziehung der Zeichen immer schon auf andere Zeichen, ohne einen festen, logozentrischen Bezugspunkt zu benennen4 Die „ diff é rance “ als Wortgeschöpf der beiden Verben „différencier“ und „différer“ bezeichnet die Eigenschaft beziehungsweise den Prozess der Differenz und des Aufschiebens, die den Signifikanten inhärent ist. Bedeutung ist keine außersystemische Wirklichkeit oder Präsenz, sondern ist durch die permanente Aufschiebung der Bedeutung, ihrer Abhängigkeit in der Beziehung zu anderen Zeichen, stets flüchtig und dadurch nicht stabil.5

Paul de Man beschäftigt sich mit der rhetorisch-strukturellen Konfiguration eines Textes und deren Lesbarkeit. Als Paradigma hält de Man fest, dass es keine Unterscheidung zwischen einer figurativen, also literarischen Sprache, und einer eigentlichen, ordinären Sprache, gäbe. Sprache sei immer figurativ, eine von der Rhetorik befreite Sprache existiere nicht. Das Lesen wird somit zur Interpretation rhetorischer Figuren.6 Die Verwendung des Begriffes Rhetorik7 gelangt bei de Man von der Lehre der Redekunst zu einem terminologischen Instrumentarium der Analyse und Reflexion des sprachlichen Ausdrucks. Paul de Man deckt im Text binäre Oppositionen auf und zeichnet das unentscheidbare Oszillieren beider Pole nach, die er als aporetische Polarität bezeichnet.8

Im Zusammenhang der Analyse von Rilkes Werk betont der Literaturtheoretiker den Chiasmus als vorherrschende rhetorische Figur. Diese Figur ermögliche, durch eine Kreuzung der Attribute des Innen und Außen, eine Übertragung der Subjektivität auf Objekte und Dinge und dadurch eine Dekomposition des Subjekts.9 Dies führt zur Schlussfolgerung, dass eine wahre, eindeutige Erkenntnis der Wirklichkeit unmöglich wird, wenn eine klare Unterscheidung zwischen den Polaritätsgruppen entfalle. Die kohärente Geschlossenheit des Textes weicht einem arbiträren, offenen System.10 Paul de Man stellt ein offenes Lesemodell vor, das von der grundsätzlichen Unlesbarkeit von Texten ausgeht, da die rhetorische Verfasstheit von Sprache der Welt Sinn verleiht, dieser Sinn aber unendlich ist und zahlreiche Lektüren zulässt.11 Eine weitere Intention der Dekonstruktion liegt im Aufzeigen der Autodekonstruktion eines Textes, d.h. inwiefern reflektiert ein Text seine rhetorische Verfasstheit, sein sprachliches Material.12 Unter dieser Voraussetzung soll im nächsten Kapitel die Dekonstruktion als Strategie der Großstadtwahrnehmung in den „ Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge “ herausgearbeitet werden.

[...]


1 Rainer Maria Rilke: „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“, Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 2000; in der folgenden Arbeit taucht des Öfteren der Begriff „Aufzeichnungen“ auf. Dieser bezieht sich auf oben genanntes Werk und wird aufgrund der besseren Lesbarkeit synonym verwendet.

2 Vgl. Dekonstruktion. In: Metzler Lexikon Literatur. Hg. von Dieter Burdorf, Christoph Fasbender und Burkhard Moennighoff: Stuttgart, Weimar: Verlag J.B. Metzler, 3. Aufl. (2008) S. 115-117.

3 Vgl. Sabina Becker: Literaturwissenschaftliche Methoden und Theorien. In: Grundkurs Literaturwissenschaft. Hg. von Sabina Becker, Christine Hummel, Gabriele Sander: Stuttgart: Reclam Verlag 2006, S. 259-266.

4 Vgl. Dekonstruktivismus. In: Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie, Hg. Ansgar Nünning: Stuttgart, Weimar: Verlag J.B. Metzler, 4. Aufl. (2008) S. 117-120.

5 Vgl. Différance. In: Lexikon der Linguistik. URL:

http://www.hispanoteca.eu/Lexikon%20der%20Linguistik/d/DIFF%C3%89RANCE%20nach%20 Derrida.htm

6 Vgl. Katerina Karakassi: Portraits zur Literaturtheorie I: Paul de Man (1919-1983). In: Kritische Ausgabe. URL: http://www.kritische-ausgabe.de/herfte/industrie/karakassi.pdf

7 Der Verfasserin ist sich dessen bewusst, dass es sich bei rhetorischen Figuren und Tropen um unterschiedliche Formen der rhetorischen Textanalyse handelt. Analog der verwendeten Sekundärliteratur wird der bei de Man „ freizügige Umgang mit der rhetorischen Terminologie “ beibehalten, etwa die synonyme Verwendung der oben genannten Begriffe, um die in seinen Texten und auf ihn bezogenen Aufsätzen getätigten Aussagen nicht zu verfälschen. (zitiert nach Szczepanski, S. 12).

8 Vgl. Jens Szczepanski: Rhetorik bei Paul de Man (1997/2011). In: Philosophenpraxis. URL: http://philosophenpraxis.de/texte/index.php?pg=2, S. 3f.

9 Vgl. Paul de Man: Allegorien des Lesens. Berlin Suhrkamp Verlag 1987, S. 66-69.

10 Szczepanski: Rhetorik bei Paul de Man, S. 8.

11 Karakassi: Portraits zur Literaturtheorie I: Paul de Man (1919-1983).

12 de man: Allegorien des Lesens, S. 57-59.

Details

Seiten
25
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656737223
ISBN (Buch)
9783656737155
Dateigröße
495 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v279847
Institution / Hochschule
FernUniversität Hagen – Institut für neuere deutsche und europäische Literatur
Note
2,0
Schlagworte
dekonstruktion großstadtwahrnehmung rilke aufzeichnungen malte laurids brigge

Autor

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