Lade Inhalt...

Marke Eigenbau. Gesellschaftliche Ausprägungen und psychologische Erklärungen des Do-It-Yourself-Trends

Bachelorarbeit 2014 91 Seiten

Psychologie - Arbeit, Betrieb, Organisation und Wirtschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Problemstellung und Aufbau der Arbeit

2. Der Trend des Selbermachens
2.1 Historie
2.1.1 Selbermachen im 19. Jahrhundert
2.1.2 Do-it-yourself wird zum Trend
2.2 Heutige Ausprägungen des Do-it-yourself-Trends
2.2.1 Hobby
2.2.2 Gegenkulturen
2.2.3 Wissen und Medien
2.3 Mögliche Entwicklungen

3. Psychologische Erklärungsansätze für den Trend des Selbermachens
3.1 Basale Erklärungsansätze
3.1.1 Bedürfnisse
3.1.2 Emotionen
3.1.3 Motivation
3.1.4 Die psychologischen Bedürfnisse und das Selbst
3.2 Externale Erklärungsansätze
3.2.1 Arbeit
3.2.2 Konsum
3.2.3 Gesellschaft
3.3 Internale Erklärungsansätze
3.3.1 Kompetenz und Wirksamkeit
3.3.2 Soziale Umwelt
3.3.3 Autonomie und Selbstbestimmung

4. Praktische Implikationen bezüglich des Do-it-yourself-Trends
4.1 Kundenorientiert
4.2 Mitarbeiterorientiert

5. Fazit

Quellenverzeichnis

Anhang

Ehrenwörtliche Erklärung

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 Anteil der „Selbermacher“

Abbildung 2 Soziodemografie "Social Trends"

Abbildung 3 DIY-Tätigkeiten nach Geschlecht

Abbildung 4 Die zehn auflagenstärksten Zeitschriften

Abbildung 5 Die beliebtesten Nähzeitschriften

Abbildung 6 Informationsquellen

Abbildung 7 Relevanz Beratung und Materialeinkauf

Abbildung 8 Gründungsmotive

Abbildung 9 Gründungsmotive 2

Abbildung 10 SBT nach Deci und Ryan

Abbildung 11 Selbstentfremdungstheorien

Abbildung 12 Eigenes Modell der psychologischen Bedürfnisse

Abbildung 13 DAK-Studie psychische Erkrankungen

Abbildung 14 Psychologische Bedürfnisse-Unbefriedigt

Abbildung 15 Beweggründe für DIY

Abbildung 16 Ethischer Konsum-Häufigkeit

Abbildung 17 Psychologische Bedürfnisse-befriedigt

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Problemstellung und Aufbau der Arbeit

Früher dienten den Menschen ihre handwerklich hergestellten Produkte primär zur Überlebenssicherung, indem sie diese selbst konsumierten oder unabhängig auf lokalen Märkten verkauften (Friebe und Ramge, 2008, S.27). Im Zuge der Massenproduktion wurden Produkte dann zunehmend günstiger und für fast je­der­mann erschwinglich (Kotler, Kartajaya und Setiawan 2010, S.21). Die Men­schen hatten es infolge nicht mehr nötig, Dinge selbst zu fertigen. Der Kon­sum von Produkten steht seither für Luxus, Status und Macht (Fromm, 1976, S.36). Und trotzdem die Menschen in der heutigen Gesellschaft ihren Wohlstand noch immer über ihre Kaufkraft definieren, ist das Selbermachen unter dem Be­griff „Do-It-Yourself“ (DIY) zu einem Trend geworden (Kuni2 2008, S.98). In der vor­liegenden Arbeit soll untersucht werden, warum Menschen Dinge selbst an­ferti­gen obwohl sie in einer Überflussgesellschaft leben, in der sie sich eigent­lich alles kaufen könnten. Zu Beginn möchte die Autorin in Kapitel 2 auf die Ge­schichte des Selbermachens eingehen und untersuchen, welche Faktoren dazu beigetra­gen haben könnten, dass eine ursprünglich überlebensnotwendige Tä­tigkeit zu einer Trendbewegung wurde. Danach sollen einige aktuelle Ausprägun­gen des Selbermachens exemplarisch in den Bereichen Hobby, Gegenkulturen sowie Wissen und Medien betrachtet werden. Anschließend möchte die Autorin einen kleinen Ausblick auf mögliche zukünftige Entwicklungen des Selbst­machtrends geben. In Kapitel 3 sollen dann psychologische Erklärungsansätze für den DIY-Trend gebildet werden. Um zu erklären was Menschen überhaupt zu ihren Hand­lungen bewegt, werden zu Beginn in Kapitel 3.1 psychologische Grundlagen der menschlichen Motivation dargelegt. Dabei orientiert sich die Au­torin an der Selbstbestimmungstheorie (SBT) der Psychologen Deci und Ryan (1993, 2002), welche dann die Grundlage für die weiteren Ausführungen bilden soll. Anschlie­ßend wird die Autorin in Kapitel 3.2 untersuchen, inwiefern ex­ternale Einflüsse dazu beitragen könnten, dass Menschen Dinge wieder selbst an­fertigen möchten. Dabei sollen die ökonomischen Faktoren Arbeit und Konsum, aber auch der so­ziale Faktor Gesellschaft betrachtet werden. In Kapitel 3.3 soll abschließend un­tersucht werden, was das Selbermachen in einem Menschen bewirkt und was die tatsächlichen Beweggründe dafür sein könnten, dass sich diesem Trend immer mehr Men­schen anschließen. In Kapitel 4 bildet die Autorin dann letztendlich praktische Implikati­onen für Unternehmen bzgl. des Marketings und der Mitarbei­terorientierung. Zum Schluss zieht die Autorin in Kapitel 5 ihr Fazit. Aufgrund der begrenzten Seitenanzahl beziehen sich die Aussagen dieser Arbeit primär auf die DIY-Bewegung in Deutschland. Außerdem sollen nur die­jenigen Menschen betrachtet werden, die Dinge aus Leidenschaft und/oder Über­zeugung und nicht aus einer Notwendigkeit heraus selbst fertigen.

2. Der Trend des Selbermachens

2.1 Historie

2.1.1 Selbermachen im 19. Jahrhundert

Im 18. Jahrhundert war die Welt fast nur von unabhängigen Produzenten bevöl­kert, die ihre selbst gefertigten Produkte auf lokalen Märkten verkauften. Das Sel­ber­machen stellte für die meisten Menschen eine Überlebensgrundlage dar und hatte einen rein praktischen Nutzen (Friebe und Ramge, 2008, S.27). Der Slogan „Do it yourself“ tauchte zum ersten Mal 1912 in dem amerikanischen Bastler­ma­gazin „Suburban Life“ auf und hatte nichts mit Überlebensstrategien zu tun. Die Leser des Magazins wurden erstmalig dazu aufgefordert, ihre Wände selbst zu streichen und dafür keine Fachkräfte anzuheuern (Hornung, Nowak und Kuni, 2011, S.8). In Deutschland blieb das Thema des Selbermachens als Freizeit­aktivität allerdings vorerst unberührt, denn dort hatte es durch den zwei­ten Welt­krieg noch primär praktische Züge. Nach 1945, als die Menschen so gut wie alles verloren hatten, wurden neben den üblichen handwerklichen Arbeiten viele Kriegsmaterialien gesammelt und wiederverwertet, modifiziert oder zweckent­fremdet. Das geschah entweder privat oder in kleinen Betrieben. Die Fundstücke wurden dann beispielsweise durch eine neue Farbe oder Form ver­edelt, umge­staltet, umgeformt oder als Rohstoffe für eine neue Produktion wieder­verwertet (Flagmeier, 2011, S.61). Da im Krieg viele Häuser zerstört wur­den, herrschte neben der Armut eine große Wohnungsnot. Durch den Wiederaufbau ent­spannte sich die Lage Ende der 50er Jahre wieder und für den Deutschen wurden die eigenen vier Wände zum Ort der Ruhe und Entspannung. Freizeitaktivitäten und das familiäre Leben spielten sich überwiegend Zuhause ab. Der wirtschaftli­che Aufschwung führte außerdem dazu, dass die Einkommen stiegen und sich die Familien immer mehr leisten konnten. Eine schöne Wohnung und ein hoher Wohnkomfort waren für die meisten Deutschen erstrebenswerte Ziele. Da jedoch vielen die finanziellen Mittel fehlten und zudem ein großer Fach­kräftemangel in Deutschland herrschte, legten einige Menschen einfach selbst Hand an (Selbst-Redaktion1, 2007, S.4-5) und es kamen immer mehr Produkte auf den Markt, die den Bürgern das Selbermachen erleichtern sollten (Hornung, Nowak und Kuni, 2011, S.10). Gleichzeitig hielt die Massen­produktion Einzug in Deutschland. Die Produkte waren vereinheitlicht und un­differenziert, aber durch die geringen Produktions­kosten für viele Menschen er­schwinglich (Kotler, Kartajaya und Setiawan, 2010, S.21). Im Jahr 1953 erschien dann erstmals die Zeit­schrift „Hobby“ und 1957 „Selbst ist der Mann“. Die Magazine beschäftigten sich mit allen möglichen Dingen rund um das Thema Selbermachen (Selbst-Redak­tion1, 2007, S.8; Friebe und Ramge, 2008, S.21). Sie waren mit Modernisierungs­anleitungen, Bauvorschlägen und Reno­vierungstipps eine „Revolution“ in Deutschland und wurden gut vom überwiegend männlichen Publikum auf­genom­men (Selbst-Redaktion1, 2007, 8). Aber auch Frauen entdeckten das Selber­ma­chen zunehmend als Freizeitaktivität für sich. Die Handarbeit erhielt mehr und mehr eine ästhetische Funktion. Es ging erstmals darum, die eigenen Kleidungs­stücke durch die Handarbeit ästhetisch aufzuwerten und sich so von anderen abzuheben (Hornung, 2011, S.52). Unterstützt wurden sie dabei zum Beispiel durch das renommierte Modemagazin „Burda-Style“, das seine Leserin­nen be­reits ab 1950 mit modernen Schnitt­mustern und Nähanleitungen versorgte (Burda-Style.de). Im Jahr 1960 wurde dann in Mannheim der erste Baumarkt von Heinz G. Baus in einer Garage eröffnet (Friebe und Ramge, 2008, S.139), da­nach folgten zahlreiche weitere Geschäfte, die Heimwerker mit Werkzeugen und Materialien versorgten (Hornung, Nowak und Kuni, 2011, S.10).

Ende der 60er Jahre formierte sich dann Wiederstand gegen die Vereinheitli­chung von Produkten durch die Industrie. Konsumkritische und antikapitalisti­sch eingestellte Menschen formierten sich zu einer Protestbewegung, die später als die sogenannte Hippie-Bewegung in viele Geschichtsbücher ein­gehen sollte (Eisele,, 2011, S.66-67). Durch einzelne Intellektuelle oder so­ziale Gruppen wurden neue Ideen außerhalb einer bis dahin repräsentativen Kul­tur entwickelt und weiterverbreitet (Kreier, 2012, S.16). Es ging den Menschen darum, wieder Individualität und Authentizität in ihr Leben, die Mode und die Gesellschaft zu bringen. Ein Mittel zur Abgrenzung von der Konsum­gesellschaft und ihrer un­re­flektierten Verschwendungssucht war ein auffallender Kleidungsstil aus einem Mix von Second-Hand, selbstgemachten und um­funktionierten Kleidungs­stücken. Auch die Nachhaltigkeit rückte immer mehr in den Fokus der Öffentlich­keit. Als Konsequenz wurden zum Protest viele Dinge aus bereits vorhandenem hergestellt oder umfunktioniert, zum Beispiel Betten oder Sessel aus alten Auto­reifen (Eisele, 2011, S.66-67). Sogenannte Radio­bastler protestierten sogar durch illegale Radiosendungen, die sie aus ihren eigenen vier Wänden über ihre selbsthergestellten Bastelgeräte sendeten (Nowak, 2011, S.172). Und auch mu­sikalisch äußerten Menschen ihren Unmut. Es gründeten sich zahlreiche Punk­bands die ihre Lieder auf einfachstem Wege selbst produzierten. Eine der be­kanntesten Bands in Deutschland waren zu dieser Zeit „Ton, Steine, Scherben“ aus Berlin, die mit Alben wie „Warum geht es mir so dreckig“ und „Keine Macht für Niemand“ gegen die Politik, die Konsum­gesellschaft, Massenproduktion und Vereinheitlichung protestierten (Kreier, 2012, S.88). In ihrem bekanntesten Lied „Macht kaputt was euch kaputt macht“ hinterfragen sie den Konsumwahn kritisch: „Radios laufen, Platten laufen, Filme laufen, TV's laufen, Reisen kaufen, Autos kaufen, Häuser kaufen, Möbel kaufen, Wofür?“ (Ton Steine Scherben, 1971, ab Min.: 00:20) und trafen damals den Nerv einer ganzen Generation (Teipel, 2011, S.91). In dieser Zeit gewann auch die Frauenbewegung in Deutschland zu­nehmend an Bedeutung, weshalb auch sie immer mehr Aufmerksamkeit im Be­reich des DIY bekamen. Handarbeit wurde ebenfalls ein wichtiger Teil der Pro­test­bewegung und Ausdruck einer alternativen Lebensphilosophie. Überwie­gend Frauen strickten sich vieles selbst und das z. B. auch auf öffentlichen De­monst­rationen (Weinig, 2011, S.100). Unternehmen reagierten schon damals auf diese Bewegung, indem sie ihren Kunden immer mehr Materialien, Ideen und Anleitun­gen für DIY-Projekte zur Verfügung stellten (Eisele, 2011, S.66-67).

In den 80er Jahren gewann die Nachhaltigkeit zunehmend an Bedeutung, es gründeten sich Organisationen wie „Greenpeace International“ und die umwelt­orientierte Partei „Die Grünen“. Der verschwenderische Umgang mit Rohstoffen wurde kritisch hinterfragt und Themen wie Energiesparen, Umweltschutz und Ressourcenerhalt waren präsenter denn je. Auch aus diesem Grund gewann das Selbermachen immer mehr an Bedeutung (Selbst-Redaktion², 2007, S.6). Doch zeitgleich stieg auch die Konsumfreude in Deutschland immer weiter an (Oesterdiekhoff und Jegelka, 2001, S.34). In den 90er Jahren legten die Deut­schen immer noch sehr viel Wert auf die eigenen vier Wände und auf deren Aus­bau. Das Eigenheim wurde nicht nur neu erbaut, sondern es wurden auch alte Objekte erworben und renoviert. Individuelles Wohnen stand im Vordergrund und wurde so auch von vielen Zeitschriften kommuniziert, Renovieren war im Trend (Selbst-Redaktion³, 2007, S.5-6). Dass sich das Bild des Heimwerkers dann vom verschrobenen Tüftler zum modernen Macher gewandelt hat, ist mitunter den Dokusoaps zu verdanken, die in den 2000er Jahren immer mehr an Popu­larität gewannen. Es wurden Möbel, Zimmer und Häuser verschönert, ver­ändert und umfunktioniert. Alles unter den Augen vieler Zuschauer und meist unter der Leitung von Moderatorinnen, die das Selbermachen auch endgültig für Frauen etablierten. DIY wurde mehr und mehr mit dem Realisieren von Träumen gleich­gesetzt (Hornung, Nowak und Kuni, 2011, S.10).

2.1.2 Do-it-yourself wird zum Trend

Wie die Geschichte der DIY-Bewegung zeigt, wurde Selbstgemachtem schon im­mer eine gewisse Bedeutung zugeschrieben. Aber der richtige Trend kommt aus den USA und stand dort schon Mitte der 90er Jahre für eine neue Gemeinschaft, die für die Ablehnung von kapitalistisch gefertigten Massen­produkten, auf­ge­zwungenen Modediktaten und für die Entschleunigung des eigenen Lebens stand (Friebe, 2011, S.81). Nach Deutschland kam der Trend erst Ende der 90er Jahre. Die oben beschriebenen Fernsehshows, verschiedene Zeitschriften und auch die Werbung von Baumärkten trugen dazu bei, dass das Heimwerken im­mer beliebter und bekannter wurde. Gleich­zeitig wandelte sich das Image des typischen Heimwerkers vom pfennig­fuchsenden Familienvater zum ganz norma­len Menschen (Friebe und Ramge, 2008, S.141). Aber erst der Einzug des Inter­nets in die privaten Haushalte brachte schließlich im Jahr 2005 den Durch­bruch. Ideen, Anleitungen und Tipps ver­breiteten sich schnell und waren für jeder­mann zugänglich. Auf Foren und Chats verbanden sich die Heimwerker mit den Bastlern, die Tüftler mit den Kunst­handwerkern und die Polit- mit den Sozial­aktivisten. Eine große Auswahl an Materialien, Werkzeugen und Anleitungen stand auf einmal im Netz zur freien Ver­fügung. So entstanden und entstehen immer noch unzählig viele neue Ideen, Bereiche und Ansätze, welche die Szene bis heute immer weiter wachsen lassen (Friebe, 2011, S.81).

Die Bastler, Heimwerker, Amateure oder ganz allgemein „Selbermacher“ von heute zeichnen sich dadurch aus, dass sie versuchen so viele Dinge wie möglich selbst zu fertigen und keine, oder nur wenige vorgefertigte Produkte für ihre Vor­haben verwenden. „Der Bastler oder Amateur arbeitet in erster Linie anders als der Profi: Er macht etwas selbst wozu er nicht ausgebildet wurde“ (Hornung, Nowak und Kuni, 2011, S.9). Und lag der Fokus früher beim Selbermachen pri­mär auf dem praktischen Nutzen, geht es heute vielen um das Design. „Selber­macher“ arbeiten heute professioneller und auf einem viel höheren Qualitäts­niveau als früher (Sywottek, 2014, S.34) und es gibt die unterschiedlichsten (Lebens-) Bereiche, in denen sie sich betätigen. In einer Studie von Tomorrow Focus Media (TFM Social Trends, 2014, n=735) über DIY, bekannten sich 79,2 Prozent der Teilnehmer zum Selbermachen (Abbildung 1 im Anhang auf S.A1). Über die Hälfte (57,1 Prozent) der Befragten waren weiblich und 69,6 Prozent aller Befragten waren 36 Jahre oder älter (Abbildung 2 im Anhang auf S.A1). Frauen beschäftigen sich der Studie zufolge mehr mit kreativen Tätigkeiten wie beispiel­weise Handarbeit, Basteln oder Handwerkskunst. Männer interessieren sich da­gegen mehr für das Heimwerken, Modellbau und Kraftfahrzeuge, wie die Ab­bildung 3 im Anhang auf S.A2 veranschaulicht. Auf die Frage welche Bildungs- und Einkommensschichten sich hinter dem Selbstmachtrend verbergen, konnte die Autorin keine konkreten Quellen finden. Bezüglich der Gesellschafts­schichten sagt aber Peter Wippermann, einer der führenden Trendforscher Deutschlands, dass es wohl eine Hochkultur, eine geringere Mittelschicht und eine große Unter­schicht gibt. Die Unterschicht sei jedoch relativ weit vom Hand­arbeiten entfernt, da Konsum für sie immer noch Bequemlichkeit und Luxus bedeuten würde (Handmadekultur.de, 2014). Außerdem ist es in Anbetracht aller benötigten Wissens­quellen, Materialien und Werkzeugen relativ teuer Dinge selbst zu ma­chen. Deshalb könnte es sein, dass sich ärmere Menschen den Trend oft nicht leisten können. Einen anderen Anhaltspunkt für die Be­antwortung der Frage bie­tet das Gehalt der Leserschaft des Heimwerker-Magazins „Selbst ist der Mann“. Es betrug im Jahr 2012 durchschnittlich 2.654 € netto im Monat und der Redak­teur der Zeitschrift Christian Meyer sagt in einem Interview: „[…] die Mehrheit der Leser hat Wohneigentum und vor allem Garten“ (Meyer, 2014, S.A2). Die Autorin geht deshalb davon aus, dass der typische „Selber­macher“ aus der Mittel- oder Ober­schicht kommt und relativ gut gebildet und wohlsituiert ist. Um zu ergründen, wo und wie sich diese Menschen selber be­tätigen, möchte die Autorin im folgen­den Kapitel näher auf die heutigen Ausprä­gungen des DIY-Trends eingehen.

2.2 Heutige Ausprägungen des Do-it-yourself-Trends

2.2.1 Hobby

Da es heutzutage sehr viele verschiedene Bereiche, Möglichkeiten und Formen von DIY gibt, werden aufgrund des Umfangs dieser Arbeit nur ausgewählte For­men des Selbermachens dargestellt. Und gleich zu Beginn steht ein sehr popu­läres DIY-Phänomen, das Heimwerken. Es erfreut sich in Deutschland großer Beliebtheit und ist längst keine reine Männerdomäne mehr, wie die Abbildung 3 im Anhang auf Seite A.2 veranschaulicht. Unter Heimwerken wird allgemein die Tätigkeit verstanden, mit der in der Freizeit mit eigenem Budget und mit den ver­schiedensten Materialien und Hilfsmitteln Dinge im Haus oder Garten selbst her­gestellt, re­pariert, renoviert, verschönert, verbessert, umfunktioniert, installiert oder befes­tigt werden (Honer, 2011, S.26-27). Dabei umfasst das Heimwerken jeglichen Aufgabenbereich der auf dem eigenen Grund und Boden anfallen kann. In dieser Arbeit sollen jedoch nur diejenigen Heimwerker betrachtet werden, die Dinge aus Leidenschaft selber machen. Sie werden auch gerne als „Bastler“ oder „Boh­rer“ bezeichnet und es gibt kaum noch etwas am und um das Haus, das nicht von ihnen bearbeitet werden könnte. Dabei liegt der Fokus der Heimwerker meist darauf, so viel wie möglich selbst zu machen und das auf einem immer höheren Qualitätsniveau. Sie genießen die Zeit des Selbermachens und ent­decken immer mehr den Zusatznutzen des selbstbestimmten Arbeitens (Honer, 2011, S.26-27). Die Motivationen für die DIY-Aktivitäten sind also für viele zum einen die gewonnene Lebensfreude die aus Selbstgemachtem hervorgeht und zum an­deren die Kreativität, die sie in ihren Projekten ausleben können.

Heimwerker sind dem Segment der „Smart Shopper“ zuzuordnen. Sie ver­gleichen Preise, verhandeln Rabatte und suchen aktiv nach Sonderangeboten, um die eigenen Vorhaben möglichst kostengünstig in die Tat umsetzen zu kön­nen (Honer, 2011, S.26-27, Meyer 2014, S.A2). Neben der Kosten­ersparnis durch das Selbermachen rückt die Nachhaltigkeit immer mehr in den Vorder­grund und wird auf kreative Weise gefördert. So stellen für viele Heim­werker Dinge, die eigentlich weggeworfen werden sollten, wertvolle Ressourcen für das nächste Projekt dar (Honer, 2011, S.26-27). Sie werden dann aber meist in einer nicht üblichen Weise und in einem anderen Kontext verwendet, als für welchen sie ursprünglich vorgesehen waren. So bekommen manche Dinge eine, von den Entwicklern meist unvorhergesehene, Verwendung und aus diesen Basteleien entstehen teilweise völlig neue und innovative Ergebnisse (Reinhardt T., 2011, S.34 – 39). Der typische Heimwerker hat außerdem immer etwas zu tun, er ist nie fertig und er hat meist mehrere Projekte gleichzeitig. Denn einmal mit dem Selbermachen angefangen, wird Heimwerken meist mehr als nur eine Freizeit­beschäftigung. Es wird für einige eher zu einem festen Be­standteil des Lebens und zu einem „praktischen Gegenteil“ zu dem Berufsleben, das sich heute durch die Digitalisierung zunehmend vor Computerbildschirmen abspielt. „Die Gesellschaft besteht heute nicht mehr weitestgehend aus Facharbeitern und Handwerkern, die mit ihren Händen jeden Tag etwas schaffen, sondern zu einem großen Teil aus Dienstleistenden & Co., die im Büro am Rechner mit Zahlen und Wörtern jonglieren. Aber auch diese Menschen wollen etwas Eigenes schaffen – und das machen sie dann zu Hause“ (Meyer, 2014, S.A3). Denn das Selber­machen bietet durch die praktische Betätigung eine gewisse Qualität und erfolg­reich abgeschlossene Projekte spornen den Heimwerker durch Freude und Stolz zu immer neuen Vorhaben und Taten an. Aber die Selbstmontage von Möbeln und anderen Dingen kann auch ihre Tücken haben. Denn abgesehen von schwe­ren Un­fällen, können durchaus frustrierende Erlebnisse entstehen, wenn z. B. Gebrauchsanweisungen falsch, undeutlich oder gar in anderen Spra­chen ge­liefert werden. Denn Anleitungen sind sehr anfällig dafür, fehlerbehaftet zu sein (Kuni, 2011, S.132). Außerdem können Umsetzungsfehler dazu führen, dass teure Nachbesserungen durch einen Fachmann durchgeführt werden müssen (Meyer, 2014, S.A2).

Ein weiteres großes und bekanntes DIY-Segment stellt die Handarbeit dar. Sie zählt heutzutage nicht mehr zu den häuslichen Pflichten, sondern wird viel mehr in den öffentlichen Raum getragen. Sie umfasst Stricken, Häkeln, Stopfen, Sti­cken und Nähen. Das damals von Feministinnen verschmähte Stricken wurde von alternativen und subkulturellen Kreisen bereits in den 70er Jahren als Kultur­technik wiederentdeckt und zum gemeinschaftlichen Produzieren, als Technik der Entschleunigung und als politisches Statement gegen Modediktate und Massen­produktion benutzt. Da die Handarbeit also nicht mehr als sozialer Zwang, sondern als vergnügliche Freizeitbeschäftigung ge­sehen wurde, stellte sich ein ganz neuer Umgang mit ihr ein (Friebe und Ramge, 2008, S.23). Heute treffen sich Menschen in Cafés zum Stricken, es werden Workshops und Strickzirkel initiiert, Discounter bieten ihren Kunden Strick-Sets zum Kauf an und im Internet wimmelt es nur so von Seiten, in denen Strick­anleitungen und Ideen verbreitet werden. Stricken und auch Nähen hat sich aus­gehenden von den USA zu einem Trend entwickelt, dem vor allem junge Menschen folgen. Und dabei werden die alten Handarbeitstechniken nicht mehr nur dazu verwendet um individuelle Klei­dung und Accessoires herzustellen, sondern auch um modische Statements zu setzen (Weinig, 2011, S.98 – 100). Die dekorativen und angewandten Künste der Handarbeit sind traditionell eher weiblich besetzt (Friebe und Ramge, 2008 S.21), aber im Gegensatz zu früher entsprechen Stricken, Häkeln und Nähen heute kei­nen festgefahrenen Rollen­klischees mehr. Die Handarbeit steht jedem offen, der Spaß daran hat. Es gibt sogar zunehmend reine Männerstrickzirkel. Das Startup-Unternehmen „Hat­nut“ wurde beispielsweise von fünf Sportstudenten gegründet und verkauft seit­dem sehr erfolgreich selbstgehäkelte Mützen und Häkel-Zubehör über das Internet (Weinig, 2011, S.100; Hatnut.de, 2014). Handarbeit scheint definitiv ein Trend zu sein, das zeigt sich auch an den Reaktionen von Unternehmen. Viele Geschäfte bieten ihren Kunden bereits fertige Sets mit An­leitungen zum Nähen oder Stricken an und im Jahr 2013 überlegte die Baumarkt­kette OBI erstmals, ihr Sortiment um den Bereich Handarbeit zu erweitern (Mattauch, 2013, S.43). Aber auch Handarbeitskünste wie Töpfern, Malen oder Basteln erfreuen sich großer Beliebtheit. Wie die Abbildung 3 im Anhang auf S.A3 zeigt, werden diese Tätigkeiten jedoch nach wie vor überwiegend von Frauen ausgeführt.

Neben dem Heimwerken und der Handarbeit zieht es die Menschen aber auch immer öfter raus in das eigene Grün. In Deutschland verfügt mittlerweile jeder zweite Privathaushalt über einen Garten und im Jahr 2012 konnte das Konsum­gütermarktfeld „DIY-Garden & Construction“, verglichen mit sieben anderen un­ter­suchten Konsumgütermarktfeldern, mit einem Umsatzplus von 8,8 Prozent die beste Umsatzentwicklung verzeichnen (Kurtz, 2012, S.31). Den Trend bestätigen auch die Zahlen von Zeitschriften, die sich mit Themen rund um den Garten be­fassen. Die Zeitschrift „Landlust“ landet beispielsweise im ersten Quartal 2014 mit einer Auflage von fast 980.000 Zeitschriften auf Platz sieben der auflagen­stärksten Zeitschriften in Deutschland (Abbildung 4 im Anhang, S.A5) und ins­gesamt haben Zeitschriften mit Wohn- und Gartentrends beachtliche 8,66 Mio. Leser (Bühnen, 2012, S.11). Die Menschen nutzen ihre Gärten wieder, um „[…] das eigene Tun als Ursache von Blüte, Reifung und Ernte zu er­leben“ (Tschechne, 2013, S.64) und um sich von ihrem Alltag zu erholen. Denn ein Garten galt in der Geschichte der Menschheit schon immer als natürlicher Ort der Ruhe, der Erholung, Entspannung und der Philosophie (Tschechne, 2013, S.64). Und neben dem positiven Effekt des Grüns auf die Psyche (Louv, 2012, S.40) führen zunehmende Lebensmittelskandale, sowie Diskussionen um Pesti­zide und Gentechnik dazu, dass die Menschen den Anbau von Obst und Gemüse wieder selbst in die Hand nehmen möchten und das am liebsten im heimischen Garten (Hermes, 2013, S.42).

Doch der ist nicht nur für Menschen auf dem Land oder in Vororten von Be­deutung. Zunehmend entdecken auch Städter das Grün für sich. Der Trendbegriff „Urban Gardening“ steht für portable Gärten in der Stadt und hat seinen Ursprung in den 70er Jahren, als „Guerilla Gärtner“ in New York Kugeln aus Saatgut und Erde auf unbenutzte und leblose Flächen warfen. Ihr Ziel war es, die Städte grüner zu machen. Zum einen aus ökologischer Sicht und zum anderen, um ihre Umgebung schöner zu gestalten. Auch in Deutschland fand diese Bewegung schnell Anhänger und so werden bis heute immer mehr graue Flächen in grüne Oasen verwandelt, in denen sich Menschen wieder begegnen können (Wißmann2, 2014, S.18). Urban Gardening bedeutet also, dass sich Men­schen in der Stadt ihr Obst und ihr Gemüse selbst anbauen, ohne einen ei­genen Garten zu besitzen. Sie bilden Gemeinschaften, in welchen sie sich um die Aus­saat, die Pflege und die Ernte der Pflanzen kümmern (Tschechne, 2013, S.64). Als Anbaufläche nutzen die Hobby-Gärtner meist Dächer von Tief­garagen, Brachland, ein Trümmergrundstück oder eine Baulücke. Und dabei geht es für viele um wesentlich mehr als nur um den Anbau von Obst und Gemüse: „Es geht um Eigentum und Teilen, um neue Modelle von Kredit, Sicherheit und Koopera­tion.“ (Tschechne, 2013, S.63). Die Motivation der Menschen für diese Art der Selbstversorgung liegt also zum einem in dem Zugehörigkeitsgefühl einer prakti­schen Gemeinschaft, die sich Wissen, Zeit und Arbeit teilt und zum anderen in dem Bestreben eine zukunftsfähige Gesellschaft zu schaffen, in der sich nach­haltige, lokale und selbst organisierte Institutionen gegen die vorherrschende Konkurrenzkultur auflehnen können (Tschechne, 2013, S.64). Unter den Men­schen die in der Stadt säen und pflanzen finden sich Angestellte, Selbst­ständige, Beamte, Schüler, Studenten und Rentner zusammen, um gemeinsame Ziele zu verfolgen (Tschechne, 2013, S.65). Sie machen sich alle immer mehr Gedanken über Transportwege, Energiekosten, Produktionsbedingungen, Lohn­niveaus, Konsumgewohnheiten, Pestizide, Konservierungsmittel und die Be­lastung der Umwelt. Sie wollen eine Ökonomie bilden, die auf Integration und Gemeinschaft beruht. Deshalb unterscheiden sie sich von Kleingärtnern, die schon seit Jahr­hunderten ihre eigenen Gärten bepflanzen und bewirtschaften. Denn bei dem Konzept „Urban Gardening“ werden Werte wie Verantwortung, Respekt, Rücksicht­nahme gegenüber der Natur und Engagement für alle zu­gänglich und nach außen getragen. Und danach sehnen sich vor allem Menschen in der Stadt, wo diese Werte immer weniger bedeuten (Herwig, 2014, S.100). Der Trend Ur­ban Gardening ist weltweit in vielen Städten zu be­obachten und wird längst nicht mehr nur als Bewegung der „[…] spleenigen Groß­stadt-Ökos be­lächelt“ (Wißmann2, 2014, S.18). Und nicht nur Hobby-Gärtner profitieren von dem Grün in der Stadt. Stadtplaner und Wissenschaftler sehen in diesem Trend eine Möglichkeit, Städte für die Bewohner attraktiver zu machen und der städ­tischen Umwelt- und Luftverschmutzung entgegenzuwirken (Wißmann2, 2014, S.18).

Eine weitere Möglichkeit für Menschen die keinen Garten haben aber ihr Gemüse dennoch selbst anbauen möchten, bieten Ackerflächen die saisonal von Privat­personen gemietet und selbst gepflegt werden können. So genannte Miet­parzellen. Ein Bio-Bauer kümmert sich im Frühjahr um den Acker und um die Aussaat. Ende April übernehmen die Hobby-Gärtner ihre gemieteten Felder und pflegen sie für einen bestimmten Betrag pro Saison selbst. Neben den gängigen Gemüsesorten experimentieren einige Mieter auch mit exotischen Pflanzen, ein­fach um Neues auszuprobieren, um zu lernen und um zu experimentieren (ARD-Mediathek1, 2014, ab Min. 03:50). Frau Gerber, eine Mieterin einer Parzelle aus Bonn, äußert sich dazu in einem Interview in der Sendung „Ratgeber Haus & Garten“ des ARD: „Wir sind an der frischen Luft und genießen das, das ist wie ein kleiner Ausflug für uns. Wir fahren raus und freuen uns dann immer und kön­nen frisches Gemüse ernten. Das schmeckt uns auch besser, als wenn man das irgendwo verpackt im Supermarkt kauft“ (ARD-Mediathek1, 2014, ab Min. 04:10). Die Vermieterin solcher Gemüsefelder Wanda Ganders berichtet, dass Sie die­ses Projekt im Jahr 2010 begonnen habe. Mittlerweile seien die Mietfelder von Berlin bis Stuttgart in über 20 Standorten vertreten und werden von über 2000 Menschen bewirtschaftet (ARD-Mediathek1, 2014, ab Min. 04:30). Eine ähnliche Idee kommt aus England. Die kostenlose Internetplattform „Landshare“ vernetzt Hobbygärtner ohne Land mit Grundbesitzern die zwar Land, aber keine Lust oder Zeit haben, sich darum zu kümmern. Auch in Deutschland gibt es mittlerweile Plattformen die das Teilen von Grünflächen ermöglichen. So zum Beispiel „garten-teilen.de“ oder „will-pflanzen.de“ (Wißmann2, 2014, S.22). Doch das Gärtnern in der Großstadt hat nicht nur Vorteile. Eine Studie der Technischen-Universität in Berlin ergab im Jahr 2012, dass Gemüse, das straßen­nah angebaut wurde, deutlich höher mit Schadstoffen belastet ist als das aus dem Supermarkt. Denn von viel befahrenen Straßen gelangen schädliche Stoffe in die Luft und gesundheitsgefährdender Feinstaub verteilt sich überall (TU Berlin, 2013, S.21). Laura Hensel, Stadtökologin von der TU Berlin sagt in einem Interview mit dem WDR bzgl. einer Untersuchung: „[…] 52 Prozent der untersuchten Proben haben erhöhte Schwermetall­gehalte gezeigt, die die EU-Grenzwerte über­schreiten“ (WDR-Fernsehen, 2012, ab Min. 16:00). Werden aber ein paar Regeln be­achtet, z. B. dass die Beete mit Mauern oder Hecken von der Straße abgeschirmt werden und dass das Gemüse nach der Ernte gründlich gewaschen wird, kann die Schadstoffbelastung gering gehalten werden (TU Berlin, 2013, S.21; Wißmann2, 2014, S.24). Wie dieses Ka­pitel zeigt, stellt das Gärtnern für manche Menschen nicht nur eine entspannende und erholende Tätigkeit, sondern auch eine Art des Protests und der Unabhängig­keit gegenüber Unternehmen und Institutionen dar. Und es diesbezüglich gibt es noch weitere DIY-Formen, von denen einige im folgenden Ka­pitel vorgestellt werden sollen.

2.2.2 Gegenkulturen

Wie bereits in Kapitel 2.1.1 beschrieben, diente das Selbermachen den Men­schen auch früher schon als eine Art Protest. Eine Motivation war und ist für einige noch immer die bewusste Abgrenzung von der Verschwendung, der Massen­kultur und der Ausbeutung durch Unternehmen. Weg von unnötigen Be­dürfnis­sen, die durch die Wirtschaft geweckt werden, hin zur Selbst­bestimmung und Autonomie. In der heutigen Gesellschaft ist die Annahme, dass es für alles Experten gibt, weit verbreitet. Die eigene Leistung scheint oft un­genügend zu sein und könne nie der eines erfahrenen Experten entsprechen. Viele Menschen sehen sich nur noch als passives Subjekt, da sie zu vielen Aktivitäten einfach nichts mehr beizutragen haben. Deshalb lehnen sie sich gegen dieses Denken auf, frei nach dem Motto „Hauptsache: machen!“ (Teipel, 2011, S.89; Kuni2, 2008, S.96). Heute werden Produkte überwiegend gekauft, um sie nach kürzester Zeit wegzuwerfen und durch neue zu ersetzen. „Ver­brauchen, nicht bewahren, lautet die Devise“ (Fromm, 1976, S.75). Doch es verändert sich etwas in der Gesell­schaft. Menschen beginnen wieder damit, Dinge zu reparieren anstatt sie weg­zuwerfen. Als Protest gegen die Wegwerf­gesellschaft die propagiert, Dinge weg­zuwerfen und dann wieder neu zu kaufen sei einfacher und billiger als sie zu reparieren. So versuchen sich immer mehr Menschen mit Hilfe des Internets und Foren an der Reparatur verschiedenster Geräte (Scherer, 2014, S.84).

Aus Sicht von Fachleuten sind Menschen die Dinge unfachmännisch selbst re­parieren „klägliche Gestalten“ (Schmidbauer, 2012, S.47). Doch das sehen einige Menschen anders. In den Städten entwickelt sich eine neue Form der „Hilfe zur Selbsthilfe“. Die sogenannten „Repair Cafés“ erobern gerade Deutschland. Hier helfen Menschen mit handwerklichem Geschick in ihrer Freizeit den Besuchern dabei, ihre kaputten Dinge kostenlos zu reparieren. Den Hilfesuchenden wird durch die Hobby-Bastler die Reparatur ihres kaputten Gerätes erklärt und beige­bracht, sofern sie nicht zu komplex ist. Denn die meisten Menschen wären nach Meinung einer Veranstalterin in der Lage Dinge selbst zu reparieren, nur trauen sie sich nicht die Sachen aufzuschrauben und nach dem Fehler zu suchen (ZDF-Mediathek2, 2013, ab Min. 07:20). Neben der Kostenersparnis spielt für viele Be­sucher auch der persönliche Wert eines Gegen­standes eine große Rolle. Wenn es sich beispielsweise um Erbstücke handelt, können sich viele nicht von den kaputten Sachen trennen. Aber es werden auch Geräte repariert, die gerade erst gekauft wurden. Bei diesen sei es besonders oft der Fall, dass sie sehr schnell kaputt gehen, so die Gründerin des Hamburger Repair Cafés Kristina Deselaers (Scherer, 2014, S.83). Das Ziel solcher Cafés ist es also, dass kaputte Dinge nicht mehr so schnell entsorgt und durch Neues ersetzt werden. Das erste Repair Café wurde 2009 in den Niederlanden eröffnet, seither entwickelte sich aus die­ser Idee regelrecht eine globale Bewegung. An mehr als 400 Orten auf der gan­zen Welt treffen sich bereits Menschen, um sich gegenseitig beim Reparieren von kaputten Dingen zu helfen (Scherer, 2014, S.83). Und es werden immer mehr. Die Stiftung zur Gründung eines solchen Cafés erhält fast täglich neue Grün­dungs-Anfragen. Kristina Deselaers sagt: „Mittlerweile glaube ich, dass die Leute nur darauf warten, sich einbringen zu können“ (Scherer, 2014, S.84). Eine Besu­cherin eines Repair Cafès äußert sich: „Es wird heute einfach viel zu viel wegge­schmissen oder wenn man zur Reparatur zu einem Fachmann geht, dann heißt es „da lohnt sich die Reparatur nicht, kaufen Sie sich besser was Neues!“ (ZDF-Mediathek2, 2013, ab Min. 06:30). Doch das wollen diese Menschen so anschei­nend nicht mehr hinnehmen. Die Erfolgsquote solcher Reparaturwerkstätten liegt ungefähr bei 50 Prozent (ZDF-Mediathek2, 2014, ab Min. 07:00).

Anstatt defekte Dinge zu reparieren, können sie aber ebenso gut dazu verwendet werden, um neue Dinge aus ihnen herzustellen. Als „Upcycling“ oder auch „Re­design“ wird die „[…] Umnutzung zur ästhetischen oder funktionalen Aufwertung des Ausgangsobjekts bezeichnet. Man nimmt bereits Vorhandenes und bearbei­tet es, wertet es um, und so entsteht etwas Neues, das jedoch noch immer die Spuren seiner Machart trägt“ (Hornung, Nowak und Kuni, 2011, S.10). Upcycling ist das neue Recycling, denn der Müll wird nicht erst zerstört und dann wieder aufbereitet, sondern gleich zu Neuem umfunktioniert. Immer mehr Workshops greifen das Thema auf. Teilnehmer bringen alte Sachen von zuhause mit und verwandeln diese in Neues. Das Motto lautet, dass nichts weggeworfen werden sollte, da es vielleicht an irgendeiner Stelle wieder gebraucht werden könnte. Meist geht es nicht nur darum, dass Gebrauchtes einfach zu irgendetwas verar­beitet wird. Es hängen oft auch Erinnerungen und Gefühle an alten Dingen, wie z. B. Knöpfe von der Oma oder Kinderspielzeug von früher. Gleichzeitig sind die Dinge meist kostenlos und man wiedersetzt sich dem Konsumwahn (Iseghohi, 2014, S.35). Gerhard Bär ist Künstler, er studierte Innenarchitektur und verwan­delt Kunststoff-Müll in Skulpturen und Möbel. Damit protestiert er gegen die Weg­werfgesellschaft und gegen die Industrie, die Rohstoffe durch un­ökonomische Produktionstechniken verschwendet. Mittlerweile ist er sogar ein hoch angese­hener Gesprächspartner vieler Unternehmen, die ihren Kunststoff­verbrauch re­duzieren möchten. Durch das Anfertigen von Tischen, Stühlen, Lampen und an­deren Gebrauchsgegenständen aus Müll, möchte er der Gesell­schaft und den Unternehmen einen Denkanstoß zum nachhaltigeren Umgang mit Ressourcen geben. „Müll bedeutet Mehrwert“, so der Künstler im Interview mit der Zeitschrift „Enorm“. Sein Ziel ist es, dass es das Bestreben einer ganzen Gesellschaft ist, Materialien und Ressourcen sinnvoll einzusetzen und weniger verschwenderisch damit umzugehen (Iseghohi, 2014, S.34 – 36). Neben dem Upcycling kommt aber auch die Modifikation von Produkten immer mehr in Mode. Dabei werden bereits bestehende Produkte verändert, indem ihnen neue, alte und andere Dinge zuge­fügt oder sonstige Merkmale der Produkte verändert werden. Denn Produkte aus der Massenproduktion sind, im Gegensatz zu hand­werklich gefertigten Produk­ten, nicht einzigartig und haben für viele keinen Charakter. Das aber widerspricht dem Wunsch vieler Konsumenten nach Einzig­artigkeit, Selbstbestimmung, neuen Erfahrungen und Eindrücken (Schwer, 2008, S.56). Deshalb entwickeln sie immer neue Metho­den, um gekaufte Produkte zu individualisieren um sich so mit ihnen identifizieren zu können. Beispiele hierfür finden sich zum Beispiel bei Textilien, die verschie­den miteinander kombiniert, umgenäht oder zerschnitten werden. Oder in der Auto­mobilbranche, in der Fahrzeuge durch das sogenannte „Tuning“ optimal an die Bedürfnisse und Vorstellungen seines Besitzers angepasst werden (Schwer, 2008, S.55 – 58). Aber auch Einrichtungs­gegenstände werden personalisiert, in­dem sie gestrichen, beklebt oder umfunktioniert werden und so zum Ausdruck der eigenen Persönlichkeit dienen (Schwer, 2008, S.58). Doch um all diese Tä­tigkeiten selber ausführen zu können, benötigen die Menschen Wissen über Vor­gehens­weisen, Materialien und Lösungen für Probleme. Deshalb möchte die Au­torin im folgenden Kapitel näher auf die Informationsbeschaffung der „Selber­macher“ ein­gehen.

2.2.3 Wissen und Medien

Menschen sind von Natur aus neugierig. Sie wollen Dinge erkunden, verstehen und herausfinden, wie und warum sie funktionieren. Dieses Bedürfnis nach Neuem ist auch ein wesentlicher Bestandteil der Motivation Dinge selbst zu ma­chen. Denn auch hier muss die Funktionsweise bzw. die Zusammensetzung von Dingen ergründet werden um herauszufinden, wie sie selbst hergestellt werden können (Kuni, 2011, S.136). Viele Projekte von „Selbermachern“ laufen in Eigenregie ab, was Wissen über die Vorgehensweise und die zu verwenden­den Materialen voraussetzt. Und um dieses Wissen zu erwerben, muss sich der Mensch die benötigten Informationen selbst aneignen (Schröder, 2011, S.162). Damit sie sich in größeren Projekten also nicht nur auf mitgelieferte Anleitungen verlassen müssen, informieren sich viele Bastler und Heimwerker zusätzlich in Fachbüchern und Fachzeitschriften über mögliche Herangehens­weisen, eventu­elle Probleme und deren Lösungen. Denn dort finden sich gebündelte Informati­onen über Materialien, Vorgehensweisen und Werk­zeuge sowie deren Handha­bung, die über Jahre hinweg gesammelt und erprobt wurden. Die Bau-, Heim­werker-, Bastel- und Handarbeitsanleitungen können auf eine lange Geschichte zurückblicken und sind auch heute noch ein begehrter Ratgeber in Sachen DIY. Waren es damals rein schriftliche Anweisungen, sind die Bücher und Zeitschrif­ten heute meist reich bebildert und versprechen so eine noch höhere Erfolgs­wahrscheinlichkeit (Kuni, 2011, S.136). So zum Beispiel das Modemagazin "Burda Style", das zu den beliebtesten Nähzeitschriften in Deutschland zählt wie Abbildung 5 im Anhang auf S.A5 veranschaulicht. Oder die Hefte Selbermachen (Lübbers, 2013, S.15), „Landlust“ für die perfekte Umsetzung des Land­hausstils in Haus und Garten, „Selbst ist der Mann“ für das professionelle Heim­werken oder „Lisa – Wohnen und dekorieren“, mit Ideen für die eigenen vier Wände. Aber Bücher und Zeitschriften dienen nicht nur dem Wissenserwerb, auch bereits vorhandenes Wissen kann durch diese Literatur erweitert und ver­festigt werden. Zudem bieten sie neue Inspirationen, Sicht- und Herangehens­weisen für alte Probleme (Kuni, 2011, S.136). Gleichzeitig stellen sie jedoch keine Garantie für das eigene erfolgreiche Handeln dar, sondern dienen viel mehr als Stütze für die praktischen Er­fahrungen, die über Jahre hinweg von den „Selber­machern“ gesammelt werden müssen. Denn der Bastler eignet sich schließlich selbst das Wissen an, das sonst nur Fachleute besitzen, die sich ihre Kenntnisse unter Anleitung über eine längere Zeit hinweg aneignen mussten (Hornung, Nowak und Kuni, 2011, S.14-16). Neben schriftlichen Quellen ver­einfachten Lehrfilme im Fernsehen das Selber­machen durch spezielle Anweisun­gen in Videos. Im Jahr 1974 erschien im deutschen Fernsehen erstmals die Sen­dung „Hobbythek“. Der Moderator Jean Pütz versorgte die Zuschauer mit Bau- und Bastelanleitungen rund um das Thema Heimwerken und mit Tipps und Tricks für Hobbys wie z. B. das Bauen eines eigenen Drachens. Von vielen wurde die Sendung als Ergänzung und später als Fortsetzung der bekannten Zeitschrift „Hobby“ gesehen, die 1991 wegen mangelndem Absatz eingestellt wurde. Die Hobbythek lief bis 2004 über die deutschen Fernseher und wurde zumeist vom Westdeutschen Rundfunk gesendet (Friebe und Ramge, 2008, S.138). Von 2003 bis 2006 wurde dann unter anderem die Sendung „Do it Yourself – S.O.S“ auf ProSieben mit Sonya Kraus ausgestrahlt, die mit 0,73 Millionen Zu­schauer einen guten durchschnitt­lichen Wert erzielte (Quotenmeter.de, 2006).

Da sich die Videotechnologie bereits in den 1980er Jahre rasant weiter­entwi­ckelte, besaßen die meisten Privathaushalte zu dieser Zeit bereits Cam­corder, die Video- und Tonaufnahmen erstmals vereinten. Die Menschen agierten als Amateurfilmer und hielten so den sozialen Alltag der Familie und der Freunde fest. Wurden die Aufnahmen damals primär für private Zwecke genutzt, werden die verschiedensten Videos heute oft im Internet auf Videoplattformen wie You­Tube hochgeladen (Reichert, 2011, S.189). Die durch das Internet ent­standenen Kommunikations- und Netzwerktechnologien haben maßgeblich zu dem Erfolg von DIY beigetragen. Denn durch sie sind Informationen für sehr viel mehr Men­schen zugänglich und durch deren Kommunikation untereinander wächst und verbreitet sich das Wissen in den verschiedensten Bereichen konti­nuierlich (Kuni, 2011, S.137). Das Web 2.0 ermöglicht es dem User, selbst aktiv zu werden. Durch zahlreiche Anleitungen, Blogs, Internetseiten und Foren steht dem „Selber­macher“ von heute so viel Wissen zur Verfügung, dass die Grenzen zwi­schen Fachmann und Amateur in manchen Bereichen zunehmend ver­schwimmen (Kuni, 2011, S.136 – 137). Beispiele für Wissenssammlungen im In­ternet sind die Rezeptsammlungen auf Chefkoch.de, alle möglichen Video­anleitungen auf YouTube, die verschiedensten Podcasts in Mediatheken oder Textsammlungen auf Online-Enzyklopädien wie Wikipedia (Schröder, 2011, S.162). Aber auch die sogenannten Blogs sind eine interessante Erscheinungs­form der Kommunikation. Sie sind meist aktualisierte Websites von Privat­personen mit eher kurzen Beiträgen zu den verschiedensten Themen, wobei der neuste Artikel oft ganz oben steht. Die Inhalte werden über Bilder, Texte, Videos oder Tonaufnahmen kommuniziert. User können sich dann mit Blogs verbinden und sie abonnieren, wenn ihnen deren Inhalte gefallen. Sie können Artikel kom­mentieren, bewerten oder mit anderen teilen. So entstehen zum Teil riesige ver­zweigte Netzwerke aus Bloggern, die über ihr Leben, eigene Ideen und Projekte, aber auch Unternehmen und ihre Produkte schreiben (Friebe und Lobo, 2012, S.122 – 123). Durch die Verbreitung von Digitalkameras und Smartphones be­sitzen heutzutage außerdem viele Menschen eine Kamera, mit der sie Fotos oder Videos auf­nehmen können. So entstehen unzählige Anleitungen zum Backen, Basteln, Stricken, Schrauben und Bohren ganz nebenbei (Regener, 2011, S.179). Das Internet bietet den „Selbermachern“ so viele Möglichkeiten wie nie zuvor. Die webbasierten Foren und Plattformen haben den Vorteil, dass sie viele Men­schen mit unterschiedlichem Wissen und ähnlichen Interessen zusammenführen. Daraus entsteht eine wertvolle Sammlung an Erfahrungen, Kenntnissen und Rat­schlägen, die zu einem erfolgreichen Projekt beitragen können (Kuni, 2011, S.137). Deshalb nutzen laut einer Umfrage (TFM Social Trends, 2014) die meis­ten „Selbermacher“ das Internet, um sich vorab über Projekte zu informieren, wie die Abbildung 6 im Anhang auf S.A6 zeigt. Für den tatsächlichen Kauf von Materialien ist jedoch für 53,1 Prozent der Befragten eine fachgerechte Beratung wichtig und die Mehr­heit kauft ihre Materialien auch bevorzugt in einem Fachhandel (Abbildung 7 im Anhang auf S.A6).

Neben dem Erwerb von Wissen bietet das World Wide Web den Bastlern und Heimwerkern aber noch eine ganz andere und neue Möglichkeit zur Selbst­verwirklichung. Denn es war noch nie so einfach wie heute, vom Kunden zum Anbieter zu werden (Friebe und Ramge, 2008, S.82). Immer mehr Plattformen bieten Menschen die Möglichkeit, als Mikroproduzent mit Selbstgemachtem Geld zu verdienen. Im Jahr 2005 ging in den USA die erste Internetplattform für das Verkaufen und Kaufen von ausschließlich handgemachten Produkten mit dem Namen „Etsy.com“ an den Start. Sie entstand auf Basis von „getcrafty.com“, einer Internetseite, die ihre User mit Tipps und Tricks rund um das Selbermachen ver­sorgte (Friebe und Ramge, 2008, S.25). „DaWanda.de“ ist die derzeit größte Internet­plattform für Selbstgemachtes in Deutschland mit Sitz in Berlin. 150 Mit­arbeiter betreuen rund 200.000 Hersteller, die Dinge selbst fertigen und diese über einen eigenen Shop auf der Webseite verkaufen. Claudia Helming, die Gründerin von DaWanda sagt in einem ZDF-Interview: „Früher konnte man zwar auch schon selbstgemachte Produkte im Laden kaufen, aber es blieb immer eine Distanz zum Hersteller. Das Internet schafft hingegen Verbindungen, die es so früher nicht gab“ (ZDF-Mediathek2, 2013, ab. Min 24:00). Dieser Online-Markt­platz bringt Verkäufer und Käufer zusammen. Über zwei Millionen Produkte wer­den auf der Seite angeboten, jedes davon ist selbstgemacht und das zu 85 Prozent von Frauen (ZDF-Mediathek2, 2013, ab. Min 24:00). „DaWanda.de“ nutzt das Selber­machen also kontrovers zu seiner ursprünglichen Bedeutung. Die Internet­plattform kommerzialisiert das, was früher als Protest gegen den Konsum galt. Diesbezüglich gibt es natürlich auch Kritik und es werden Vorwürfe erhoben, dass dadurch die Grundidee von DIY verloren ginge. Aber scheinbar hat sich diese Grund­idee nur gewandelt. Denn Menschen wollen sich nicht mehr nur durch „Selbst­gemachtes“, sondern auch durch „gekauftes Selbst­gemachtes“ abgrenzen (Kuni, 2008, S.110), was den Erfolg dieser Plattformen erklären könnte.

2.3 Mögliche Entwicklungen

Wie die bisherigen Ausführungen gezeigt haben, gewinnt die DIY-Bewegung zu­nehmend an Bekanntheit und an Aufmerksamkeit. Was heute noch von kleinen Gruppen aus Randbewegungen gedacht, gefertigt oder publiziert wird, könnte schon morgen vieles in unserer Gesellschaft verändern. Durch das breit verfüg­bare Wissen können Menschen auf den verschiedensten Gebieten zu innovati­ven Experten werden und durch die Verbindung des Selbermachens mit neuen Technologien entwickeln sich allmählich bisher ungeahnte Möglichkeiten und eine neue Realisierbarkeit von Ideen und Projekten (Friebe und Ramge, 2009, S.21). Die von Unternehmen unabhängige Arbeit besteht und entwickelt sich be­reits, da ein Schreibtisch und ein Computer heute oft schon als Produktions­mittel reichen und vielen Menschen zur Verfügung stehen (Friebe und Ramge, 2008, S.63). Ein Beispiel für die Innovationkraft und den Wissen­stand einiger „Selber­macher“ bietet der „Personal Computer“. Er war ein Produkt der Marke Eigenbau und wurde von Bastlern in einer Garage gefertigt, nicht in einer großen Entwicklungs­abteilung eines Konzerns. Er kam Ende der 70er Jahre auf den Markt und revolutionierte die Wirtschaft. Allerdings war er bis heute nur in der Lage, Daten und Informationen zu verarbeiten, keine Materie (Friebe und Ramge, 2008, S.121). Mittlerweile ist es aber möglich, Computerdaten in drei­dimensionale Gegenstände zu transformieren und umgekehrt. Dieses Ver­fahren nennt sich „Fabbing“ und könnte die heutige Welt ähnlich revolutionieren wie der Computer es damals tat. In privaten Laboratorien, den sogenannten „Fab Labs“, stehen spezielle Maschinen wie z. B. 3D-Drucker die es ermöglichen, Bau­teile und Werkstücke präzise nach selbstgefertigten Vorlagen herzustellen. Die 3D-Drucker sind ungefähr so groß wie die üblichen Laserdrucker. Um 3D-Objekte drucken zu können verflüssigen sie zuerst Plastik, das sie dann in sehr dünne Scheiben schneiden und nach einem digitalen Bauplan wieder aufeinander schichten (Mattauch, 2013, S.43). Vorlagen können eingescannt oder ge­zeichnet werden. Außerdem lassen sich mit speziellen Kameras Bilder von Gegen­ständen aufnehmen, die dann mit einem 3D-Drucker ausgedruckt werden können (Anderson, 2010, S.5). Diese Technologien ermöglichen es bereits einigen „Selber­machern“, vieles ohne das Zutun von großen Unternehmen herzu­stellen (Friebe und Ramge, 2008, S.123). Und dieser Trend wächst. In größeren deut­schen Städten entstehen immer mehr offene Werkstätten, die es Konsumenten ermöglichen zu Produzenten zu werden. Allein in Deutschland existieren bereits 200 solcher Räume in denen Ideen durch bauen, reparieren, restaurieren oder modifizieren verwirklicht werden können, Tendenz steigend. Durch die zu­nehmend technische Ausrüstung dieser meist privat organisierten Räumlich­keiten beinhalten sie teilweise bereits die oben genannten 3D-Drucker, Platinen­fräser und Lasercutter (Sywottek, 2013, S.33).

Die Produktionsmöglichkeiten der „Selbermacher“ erweitern sich durch diesen technischen Fortschritt zunehmend. Sei es für die Entwicklung von Produkten für den Eigenbedarf oder für welche, die sich auch auf dem Markt behaupten können. Ähnlich wie bei anderen Selbstmachtrends, wie der Eigenanbau von Gemüse oder die private Herstellung von Textilien, entpuppt sich dieser Trend ebenfalls als eine Art Demokratisierung der Produktion, die es den Menschen erlaubt sich vom Diktat der Industrie zu befreien (Sywottek, 2013, S.33; Mattauch, 2013, S.42). Die Produkte, die in diesen Werkstätten realisiert werden, sind aber kei­neswegs mehr „nur“ die Werke von Bastlern, die nach dem größten funktionel­len Nutzen streben. Viele sind komplex und auf einem anspruchsvollen Niveau ge­fertigt, die Heimfabrikanten werden zunehmend professioneller in dem was sie tun. Das Wissen vieler Bastler, das sich in diesen Räumen bündelt, könnte zu neuen Innovationen und Produkten führen und für einige „Selbermacher“ sogar den Weg in die Selbstständigkeit ebnen (Sywottek, 2014, S.35). Und es gibt noch weitere Formen solcher Werkstätten. Sogenannte „Co-Working-Spaces“ bieten Menschen beispielsweise einen Ort, an dem sie auf andere Menschen treffen und von ihnen lernen können. Ein Beispiel hierfür wäre das „Co-Working-Spaces“-Konzept „betahaus“, das seine Standorte bereits in Berlin, Hamburg, Barcelona und Sofia hat und weiter expandiert. Es vernetzt Menschen mit den unterschiedlichsten Fähigkeiten und Kenntnissen durch Workshops mit­einander. In Berlin beraten zum Beispiel Marketing-Profis selbstständige Unter­nehmer, der Steuerfachmann hilft bei der Steuererklärung und die Grafik­designerin gibt Tipps zur Aufwertung von privaten Internetseiten. Aber auch praktisch gibt es viel Wis­sen zu vermitteln. Zum Beispiel in Holz-Work­shops, Kreativ- oder Siebdruck­kursen (Betahaus.com, 2014). Wie bei den Repair Cafés treffen sich die Men­schen auch hier in ihrer Freizeit und unabhängig von ihren Arbeitgebern. Und die Mitglieder sind längst nicht nur Tüftler und Bastler, sondern auch Angestellte, die nach ihrer eigentlichen Arbeit Abwechslung und Neues suchen (Friebe, 2011, S.84; Betahaus.com, 2014).

Eine weitere mögliche Entwicklung wäre, dass DIY durch die oben be­schriebe­nen Entwicklungen nicht nur ein Hobby bleibt, sondern für manche zu einer tat­sächlichen Alternative für die klassische Festanstellung wird. Denn immer mehr Menschen sehen sich dazu gezwungen tagtäglich zu einer Arbeit zu fahren die ihnen keinen Spaß macht, ihre Zeit dort abzusitzen und die Tage bis zum nächs­ten Urlaub zu zählen, bis dann alles wieder von vorne beginnt. Und der Sieges­zug der digitalen Technologien und die Vernetzung durch das Internet verändern die Arbeitswelt, sie bieten den Menschen immer neue Möglichkeiten für selbst­bestimmtes Arbeiten (Friebe und Holm, 2011, S.82). Menschen könnten sich also zunehmend der hierarchischen Arbeitswelt entziehen und versuchen, sich und ihre Ideen durch neue Produktionsmöglichkeiten zu verwirklichen. Denn für viele spielt das Geldverdienen bei einer Unternehmensgründung gar keine so große Rolle mehr, in einer Studie über Unternehmensgründungen in Deutschland (Gründungsmonitor 2013) nannten im Jahr 2012 nur 6,8 Prozent der Befragten Geld (pekuniäre Gründe) als Gründungs­motiv. Hingegen ging es 50,6 Prozent der Selbstständigen darum, sich selbst zu verwirklichen (Abbildung 8 im Anhang auf Seite A7), indem sie ihre Geschäftsidee ausnutzen (Abbildung 9, Anhang, S.A7). Zudem wollen immer mehr Menschen eigene Prioritäten setzen und un­abhängig von anderen handeln können (Friebe und Ramge, 2008, S.66). Der Schritt in die Selbstständigkeit ist noch nie so einfach gewesen wie in der heuti­gen Zeit. Das enorm große Angebot an Dienstleistern, welche die verschiedens­ten Arbeitsschritte für Unternehmen anbieten, ermöglicht eine völlig neue modu­lare Herangehensweise. Immer mehr Innovationen auf transparenten Märkten ermöglichen es außerdem, bei Preis und Vertrieb mit großen Unternehmen mit­halten zu können (Friebe und Ramge, 2008, S.78 – 79). Aber auch Produkte könnten sich noch mehr verändern, wenn Unternehmen noch stärker auf den Selbstmachtrend reagieren. Die Konsumenten wollen individuellere Produkte, das zeigt der Erfolg von Internet­plattformen wie DaWanda. Also könnte es durch­aus sein, dass sich auch Unternehmen noch mehr umstellen, ihre Produkte noch mehr individualisieren und den Bedürfnissen der Verbraucher anpassen. Wie die­ses Kapitel zeigt, gibt es also bereits einige Weiterentwicklungen des DIY-Trends. Noch vor ein paar Jahren hätte es sich niemand vorstellen können, drei­dimensionale Dinge einfach wie eine Textseite ausdrucken zu können und die Menschheit war nie so gut ver­netzt und informiert wie heute. Das eröffnet immer wieder neue Perspektiven und Möglichkeiten, die scheinbar noch lange nicht aus­geschöpft sind. Die nächste industri­elle Revolution könnte also durchaus eine Renaissance der kleinen Manufaktur­betriebe bedeuten, in denen Mikro­produzenten fast alles selbst herstellen können (Anderson, 2010, S.4).

Das Kapitel 2 hat mit der Historie, den exemplarisch vorgestellten Ausprägun­gen und den möglichen Entwicklungen des Selbermachens gezeigt, wie viel­schichtig, ausdifferenziert und wandelbar der Begriff Do-It-Yourself sein kann. Die Motive und Beweggründe für das Selbermachen variierten bis jetzt zwischen den ver­schiedenen Menschen, den Tätigkeiten, Statistiken und den aufgeführten DIY-Bereichen. Es war unter anderem die Rede von Selbstverwirklichung, Ge­mein­schaften, Auflehnung, Erholung, Protest, Unabhängigkeit und Freude. Doch die Autorin möchte in dieser Arbeit ergründen, ob es etwas gibt, dass all diesen Men­schen gemeinsam zugrunde liegt. Etwas, dass ihr Verhalten wissenschaftlich er­klärt. Deshalb sollen im folgenden Kapitel psychologische Erklärungsansätze für den DIY-Trend gesucht und erörtert werden.

3. Psychologische Erklärungsansätze für den Trend des Selbermachens

3.1 Basale Erklärungsansätze

3.1.1 Bedürfnisse

Um herauszufinden warum Menschen Dinge selbst herstellen obwohl sie es ei­gentlich nicht müssten, möchte die Autorin in diesem Abschnitt darlegen, was Menschen überhaupt zu Handlungen motiviert.

Am Anfang einer jeden Handlung stehen die angeborenen Bedürfnisse eines Menschen (Asendorpf, 2007, S.222). Maslow (1948) gilt als Gründer der huma­nistischen Psychologie. Nach sei­ner Theorie lassen sich menschliche Bedürf­nisse in fünf hierarchisch geordnete Gruppen einordnen. Demnach bilden physio­logische Bedürfnisse das Funda­ment dieses fünfstufigen Modells (Maslow, 1948, S.433). Sie werden auch als Triebe bezeichnet und entstehen meist aus einem physiologischen Ungleich­gewicht, das durch eine Handlung wieder ausgeglichen werden soll. Ein Reiz löst demnach ein gewisses Verhalten aus. Beispielsweise wird sich ein hungriges In­dividuum Nahrung suchen, um seinen Hunger zu stillen. Dieses Reizausgelöste Suchverhalten wird Appetenzverhalten genannt (Eibl-Eibesfeldt, 2004, S.105). Den physiologischen Bedürfnissen folgen nach Maslow (1948) in auf­steigender Reihenfolge das Sicherheitsbedürfnis, das Bedürfnis nach sozialen Bindungen, das Bedürfnis nach Selbstachtung und letztlich das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung (Maslow, 1948, S.433). Die kognitiv orien­tierten Motivationspsychologen Deci und Ryan (1993, 2002) nutzten diese Ein­teilung als Basis für ihre Selbstbestimmungstheorie (SBT), die sie Anfang der 80er Jahre zur Erklärung menschlicher Motivation entwickelten. Die Theorie be­ruht auf dem Konzept der Intentionalität. Sie geht also davon aus, dass jeder Mensch das natürliche und angeborene Ziel hat, ein komplexes und ganzheitli­ches Bild von sich selbst zu entwickeln. Und das gelingt ihm den Psychologen nach nur dann, wenn er sich mit sich selbst und mit seiner Umwelt auseinander­setzt (Deci und Ryan, 2002, S.5). Zur etwa gleichen Zeit entwickelte der Motivations­psychologe Nuttin (1984), weitestgehend unabhängig von Deci und Ryan (1993, 2002), eine ähnliche Theorie zu der Erklärung der menschlichen Motivation. Auch er geht davon aus, dass die Motivation eines Menschen nur durch eine ganzheitliche Person-Umwelt-Konzeption untersucht werden kann. Nach Nuttin (1984) sind Person und Umwelt wechselseitig aufeinander bezogen und müssen als eine funktionale Einheit („functional unit“) betrachtet werden (Nuttin, 1984, S.56).

[...]

Details

Seiten
91
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656740643
ISBN (Buch)
9783656740575
Dateigröße
6.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v280089
Institution / Hochschule
Fachhochschule Westküste Heide
Note
1,0
Schlagworte
DIY Selbermachen Do-It-Yourself Entfremdung Selbstentfremdung HandwerklicheTätigkeit Hobby Selbstmachtrend Motivation Selbstentfremdungstheorie

Autor

Zurück

Titel: Marke Eigenbau. Gesellschaftliche Ausprägungen und psychologische Erklärungen des Do-It-Yourself-Trends