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Analyse von Bertolt Brechts Ballade "Vom armen B.B."

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 24 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Bertolt Brecht – einer der bekanntesten deutschen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts

2. Die Hauspostille
2.1 Warum wählte Brecht die Form Hauspostille?
2.2 Die Entstehungsgeschichte der Hauspostille
2.3 Die fünf Lektionen der Hauspostille
2.4 Sprache und Stil der Hauspostille

3. Genaue Analyse der Anhangsballade „Vom armen B.B.“
3.1. Entstehungsgeschichte der Ballade
3.1.1 Die erste Fassung: „Ich, BERTOLT BRECHT“
3.1.2 Die überarbeitete Fassung: „Vom armen B.B.“
3.2 Erschließung des Inhalts
3.3 Die Charakterisierung des lyrischen Ichs
3.4 Die Symbolik der Kälte

4. Autobiografische Darstellung von Brechts Leben in der Ballade „Vom armen B.B.“

5. Literaturverzeichnis
5.1 Primärliteraturen:
5.2 Sekundärliteraturen:

1. Bertolt Brecht – einer der bekanntesten deutschen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts

Bertolt Brecht gilt als einer der bekanntesten und wichtigsten deutschen Schriftsteller des zwanzigsten Jahrhunderts. Er ist bekannt für seine zahlreichen Dramen, z.B. Mutter Courage (1938/39), Der gute Mensch von Sezuan (1938-40) oder das Leben des Galilei (1939). Seine Theorie und Praxis vom „epischen Drama“ haben einen großen Teil zum modernen Theater beigetragen. Aber er verfasste nicht nur Dramen, sondern schrieb auch Gedicht, Erzählungen, theoretische Essay und Aufsätze. Immer wieder wird behauptet, dass Autoren in ihren Werken Erlebnisse aus ihrem Leben verarbeiten bzw. mit einfließen lassen. Auch Bertolt Brecht hat eine Ballade verfasst, über die in Kritikerkreisen diskutiert wird, ob es sich dabei, um eine biografische Darstellung seines Lebens handelt. In der folgenden Arbeit soll diese Ballade – „Vom armen B.B.“ – genau analysiert und besprochen werden, sodass am Ende festgestellt werden soll, ob es sich bei der Ballade „Vom armen B.B.“ um eine biografische Darstellung seines Lebens handelt.

2. Die Hauspostille

2.1 Warum wählte Brecht die Form Hauspostille?

Der Duden beschreibt eine Hauspostille als „eine Sammlung religiöser und erbaulicher Sprüche und Erzählungen, die in der Familie gelesen werden“.[1]

Die Definition von Hauspostille ist in der freien online Enzyklopädie detaillierter beschrieben:

„Mit Hauspostille bezeichnete man ursprünglich eine Sammlung von Predigten oder ein Predigtbuch, das zur häuslichen Erbauung und unter Umständen auch zum Vorlesen in der Kirche bestimmt war. Sie war auch als Hilfe für die Pfarrer zur Vorbereitung eigener Predigten gedacht. Vom Wortsinn her waren Postillen Erklärungen der Texte der Bibel, welche nach den Textesworten folgten. (Lateinisch: post illa verba = nach jenen Worten).“[2]

Das bedeutet, Hauspostillen besitzen immer einer christlichen Grundlage. Bertolt Brecht war schon von frühster Kindheit an mit dem Vokabular der kirchlichen Rituale und der Gedankenwelt der christlichen Erbauungsbücher vertraut. Außerdem nannte er 1921 seine Gedichte Psalmen und Evangelien. Aber zu beachten ist, dass er keine biblischen Inhalte oder christliche Unterweisungen darlegte. Vielmehr interessierte er sich für die Darbietungsformen und Gliederungsprinzipien, die er in der Bibel und im Gebetbuch vorfand. Es ging ihm hauptsächlich um die Anordnung der Texte und um den Gebrauch für den des Lesers. So wollte er auch dem Leser seiner Zeit seine Gedichte präsentieren. Außerdem haben einige der Texte Noten, sodass man diese singen könnte.

2.2 Die Entstehungsgeschichte der Hauspostille

Brechts Hauspostille entstand zwischen 1920 und 1927. Er orientierte sich an Luthers Kirchen- und Hauspostille von 1527. Die Zeit bis zur endgültigen Fassung der Hauspostille kann in fünf Phasen gegliedert werden.

Die erste Phase umfasst den Zeitraum 1920/21. Bertolt Brecht reichte beim Kiepenheuer Verlag das Manuskript zu Hauspostille ein. Fünf Lektionen waren zu dieser Zeit geplant, aber Brecht lieferte nie das versprochene Typoskript ab. Das lag daran, dass er die Fassung noch nicht für druckreif hielt. So wurde er mehrmals vom Verlag ermahnt.

Die zweite Phase begann 1925 mit der Abgabe des langersehnten Typoskripts. Die Hauspostille wurde aber nur als Privatdruck herausgegeben, da der Verlag die Ballade „Legende vom toten Soldaten“ nicht veröffentlichen wollte. Das Buch hatte ein handliches Format, einen zweispaltigen Druck und wurde als Taschenpostille gehandelt.

In der dritten Phase ab 1927 wechselte Brecht zum Propyläen Verlag, der die Hauspostille komplett publizierte – allerdings war der Druck nicht mehr zweispaltig, sondern besaß ein gewöhnliches Buchformat.

1938 begann die vierte Phase, in der Brecht einige alte Gedichte aussortierte und neue hinzufügte. Die vierte Lektion wurde umbenannt in „Literarische Sonette“ und auch der Anhang wurde von ihm verkürzt.

In der fünften Phase 1954 kam es wieder zu diversen Streichungen und Ergänzungen.

2.3 Die fünf Lektionen der Hauspostille

Die Hauspostille teilt sich in fünf Lektionen. Zusätzlich gibt es eine Einleitung, ein Schlusskapitel und einen Anhang. In der Einleitung wird beschrieben, wie mit der Hauspostille umgegangen werden soll, bzw. wie man sie gebrauchen kann; z.B. wird empfohlen, dass man immer ein komplettes Kapitel lesen und danach noch das Schlusskapitel anhängen soll.

1. Lektion: Bittgänge

Diese Gedichte werden an Gebets- und Prozessionstagen verwendet. In den Gedichten wird darum gebeten, dass die Ernte gut verläuft und das Unheil abgewendet wird. Brechts Fürbitten hingegen sind Mördern und Räubern gewidmet, die er in seinen Balladen als Opfer der Gesellschaft darstellt.

2. Lektion: Exerzitien

Hierbei geht es um intensive Andachten und Besinnungen. Brecht hingegen zeigt unverständliche und aussichtslose Haltungen verschiedener Personen und Tiere auf.

3. Lektion: Chroniken

Es wird die christliche Kultur, exemplarische Taten und Lebensläufe als Zeichen Gottes dargestellt. Bei Brecht geht es um unmoralische Menschen und deren Verhalten.

4. Lektion: Mahagonnygesänge

Hier stellt sich die Frage, ob auf Babylon angespielt wird. Diese Lektion stellt bei Brecht eine Persiflage auf die Schlager der 20er Jahre dar, in dem er einfachstes Englisch primitiv darstellt.

5. Lektion: Die kleinen Tagzeiten der Abgestorbenen

Diese Lektion stellt in der christlichen Kirche einen Ritus dar, bei dem an die Verstorbenen gedacht wird. Brecht gedenkt hier an die „Abgestorbenen“. Er setzt Naturmotive ein, die den Gottesglauben und den Glauben an die Gesellschaft ablösen.

Schlusskapitel: Gegen Verführung

Dieses Kapitel heißt zwar so, kehrt sich aber von der christlichen Richtlinie ab und fordert den Leser auf, genau das Gegenteil zu tun: sich verführen zu lassen. Außerdem kommt diesem Kapitel eine besondere Bedeutung zu, denn man soll es am Ende jeder Lektüre der Hauspostille lesen.

Der Anhang enthält die Ballade „Vom armen B.B.“. Die Ballade hat Brecht seinen Freunden gewidmet. Es stellt eine Selbstdokumentation dar, weil der Abschluss einer Hauspostille immer auf den Autor bezogen ist. Es soll zeigen, welch ein tugendhafter Schriftsteller hinter dem Werk steht.

2.4 Sprache und Stil der Hauspostille

Es wurde schon erwähnt, dass die Einleitung als Art Gebrauchsanweisung verstanden werden kann. Die Gedichte selbst sollen somit als Gebrauchsgegenstände gesehen werden. Das bedeutet, Brechts Lyrik ist nicht als reiner emotionaler Ausdruck zu verstehen. Dazu tragen bei, dass er die Form der Hauspostille gewählt hat, die Einteilung in Lektionen und Kapiteln, die Nummerierung und Abfolge der Strophen, sowie die Überschriften „Von…“ der Balladen, die an Abhandlungen erinnern. Man muss immer bedenken, dass Gedichte nicht unmittelbare, sondern künstliche Produkte sind.

Brecht hat sich immer wieder verschiedenste Vorbilder und Vorlagen für seine einzelnen Gedichte gesucht: Kinderlieder (z.B. Das buckliche Männlein), Kriminalfälle (z.B. Apfelböck), Personen oder Ereignisse (z.B. Vom Francois Villon), Gedichte anderer Autoren (z.B. verwendet er Goethes – „Ein gleiches“ für seine Ballade „Liturgie vom Hauch“), Schlager (z.B. „Alabama Song“) oder Bibellieder (z.B. nimmt er das Lied „Lobe den Herren“ und verändert es zu „Großer Dankchoral“).

Die Hauspostille komplett zu analysieren, stellt sich als sehr schwierig dar, da die Gedichte und Ballade so unterschiedlich und verschieden sind. Aber bestimmte Themen und Motive lassen sich finden: Er zeigt die Abkehr von der Gesellschaft in die Natur und er stellt den Nihilismus „lustig“ dar. Das bedeutet, dass nach dem Leben nichts mehr kommen wird, deswegen sollte man es in vollen Zügen auskosten. Außerdem beschäftigen sich seine Balladen mit der Thematik des Untergangs. Dieses Motiv lässt sich auch in dem Anhangsgedicht „Vom armen B.B.“ finden, welches im folgenden Verlauf genauer untersucht werden soll.

3. Genaue Analyse der Anhangsballade „Vom armen B.B.“

3.1. Entstehungsgeschichte der Ballade

3.1.1 Die erste Fassung: „Ich, BERTOLT BRECHT“

Wann das Gedicht genau entstanden ist, ist offensichtlich nicht bekannt. Da es sonst die Herausgeber der Großen Berliner und Frankfurter Ausgabe vielleicht verraten hätten.[3] Wahrscheinlich wird die Ballade seine endgültige Gestalt in der Taschenpostille vom Jahre 1926 erhalten haben. Das Entstehungsdatum, das zumeist angegeben wird, ist der der 26.04.1922, da Brecht dieses Datum in seinem Notizkalender unter die an diesem Tage entstandene erste Fassung des Gedichts geschrieben hat. Aber bis zum Erscheinen der Taschen- und Hauspostille hat er die Ballade völlig verändert. Das titellose Gedicht aus dem Jahr 1922 sah wie folgt aus:

Ich, BERTOLD BRECHT, bin aus den schwarzen Wäldern.

Meine Mutter trug mich in die Städte hinein

Als ich in ihrem Leibe lag. Es müssen die Wälder

Aber dennoch in mir geblieben sein.

In der Asphaltstadt bin ich daheim. Seit vielen Jahren

Lebe ich dort als ein Mann, der die Städte kennt

Zwischen Zeitungen mit Tabak und Branntwein

Mißtrauisch und faul und zufrieden am End.

Aber in den Bettstatten aus Tannenholz war mir

Immer kalt und das Schlechteste war die Nacht.

Von den vielen Kammern, die ich bewohnte

Habe ich keine wohnliche gemacht.

In der Nacht sind die schwarzen Wälder voll Unruh.

Kann sein: es treten Tiere zwischen das Geäst!

Die großen Tannen haben viele Geschäfte.

Pfui Teufel, wenn der bleiche Himmel des Waldes

einschlafen läßt.

Gegen Morgen in der grauen Frühe pissen die Tannen

Und ihr Ungeziefer fängt an zu schrein.

Um diese Stunde trinke ich den Branntwein aus und

schmeiße

Die Zigarre weg und schlage unruhig ein.

Denn ich spiele mitunter in viel Gesichten Gitarre

Und verstehe mich nicht gut und bin leidlich allein.

Sie fressen die rohen Wörter. Es sind andre Tiere.

Ich aber liege und spüre im Rücken noch einen Stein.

Mag sein, denke ich, ich bin Papier und Weiber

verschlagen

Und aus der Asphaltstadt komme ich nie mehr heraus:

So habe ich doch über den Dächern einen bleichen

Waldhimmel für mich.

Und eine schwarze Stille in mir und ein Tannengebraus.

[...]


[1] https://www.duden.de/rechtschreibung/Hauspostille

[2] http://www.enzyklo.de/Begriff/Hauspostille

[3] Müller, Kindt (2002), S. 118 f.

Details

Seiten
24
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656746041
ISBN (Buch)
9783656746027
Dateigröße
593 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v280553
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
2,7
Schlagworte
analyse bertolt brechts ballade

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