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Gefahren der Mediennutzung bei Kindern

Akademische Arbeit 2006 44 Seiten

Pädagogik - Medienpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung... 3

2 Medien und Gewalt... 3

2.1 Was ist Gewalt? Ein Definitionsversuch... 3

2.2 Thesen der Gewaltwirkung... 4

2.2.1 Schlussfolgerung aus den Thesen... 9

2.3 Gewalt und Computerspiele... 10

2.3.1 Gewalt und mangelnde Empathiefähigkeit durch Computerspiele... 10

3 Medien und schulische Leistungen... 14

3.1 Fernsehen, Computer und Schulleistungen... 14

3.2 Medien und Lesen... 17

3.3 Fernsehen und Konzentrationsprobleme... 22

4 Gefahr Internetsucht?... 23

4.1 Definition Sucht... 24

4.2 Definition Internetsucht... 24

4.3 Ergebnisse einzelner Studien... 25

5 Gefahr Fernsehsucht?.. 27

6 Fernsehen und Angst... 29

7 Macht Fernsehen dick?... 32

8 Weitere negative Auswirkungen des starken Medienkonsums auf den menschlichen Körper... 33

9 Zusammenfassung der Gefahren des Medienkonsums... 36

10 Literaturverzeichnis (inkl. weiterführender Literatur)... 38

1 Einleitung

Gefahren der Mediennutzung werden seit der Erfindung des Buchdrucks diskutiert. Selbst das Lesen war nicht immer eine hochgeschätzte kulturelle Technik. So sagte bereits der Schulreformer Johann Heinrich Campe, dass zu viel, zu vielerlei und auch verderbliche Angebote gelesen werden. (vgl. Hurrelmann, 1995, S. 17) Diese Argumente aus dem Ende des 18. Jahrhunderts tauchten bei der Entstehung des Kinos, des Fernsehens und des Computers wieder auf (vgl. ebd., S. 18) und es werden die vielfältigsten Gefahren der Medien in der Literatur diskutiert. In der folgenden Arbeit soll eine kleine Auswahl möglicher negativer Auswirkungen des Medienkonsums beschrieben werden.

2 Medien und Gewalt

Ein spezielles Thema in der Wirkungsforschung ist das Thema Gewalt. Das Thema wird bereits seit langem diskutiert, ist beständig von großer Aktualität und Gegenstand zahlreicher Studien. Dennoch gibt es in der Forschung kaum einen Konsens in der Frage, wie und ob überhaupt Gewaltdarstellungen in Medien auf den Rezipienten wirken. Bevor auf verschiedene Thesen dieses Forschungsbereichs eingegangen wird, soll ein Definitionsversuch zum Gewaltbegriff geleistet werden.

2.1 Was ist Gewalt? Ein Definitionsversuch

Da in der Literatur Uneinigkeit über den Begriff der Gewalt besteht, werden nun zwei häufig erwähnte Autoren mit ihren Definitionen vorgestellt.

Theunert definiert Gewalt als „die Manifestation von Macht und/oder Herrschaft, mit der Folge und/oder dem Ziel der Schädigung von einzelnen oder Gruppen von Menschen.“ (Theunert, 1996, S. 59) Gewalt ist demnach dann vorhanden, wenn ein Mensch geschädigt wird.

Kunczik erweitert bzw. differenziert den Gewaltbegriff und bezieht sich dabei auf Kepplinger und Dahlem (1990). Es kann bei medialer Gewalt zwischen natürlicher und künstlicher Gewalt und zwischen realer und fiktiver Gewalt unterschieden werden. Wird reale Gewalt dargestellt, werden Verhaltensweisen gezeigt, die eine psychische oder eine physische Schädigung zur Absicht haben. Die Darstellung fiktionaler Gewalt zeigt Verhaltensweisen, die ein gleiches Verhalten nur vorgeben. Natürliche Gewaltdarstellungen zeigen eine lebensechte Präsentation (z.B. Krimi) und unter künstlichen Darstel­lungen werden artifizielle Präsentationen verstanden, z.B. ein Zeichentrick­film. In Film und Fernsehen handelt es sich meist um natürliche und fiktive Gewalt. (vgl. Kunczik, 1998, S. 14)

Des Weiteren wird zwischen direkter, personaler Gewalt und indirekter, struktureller Gewalt unterschieden. Nach Galtung (1971) ist strukturelle Gewalt die in ein soziales System eingeflochtene Gewalt, sie ist eine Art „Ungerechtigkeit“. Diese Gewalt beruht auf ungleichen Machtverhältnissen und Lebenschancen. So muss kein konkreter Akteur sichtbar sein, und das Opfer ist sich häufig dieser Art von Gewalt bzw. Gewalterfahrung nicht bewusst. Ob eine Form der strukturellen Gewalt vorliegt und empfunden wird, ist von dem individuellen und subjektiven Wertemaß des Individuums abhängig. (vgl. Kunczik, 1998, S. 16)

Personale Gewalt meint die beabsichtigte körperliche und/oder psychische Schädigung einer Person. Laut Kunczik ist dies der grundlegende Gewaltbegriff der meisten Untersuchungen zum Thema Gewalt und Medien. (vgl. ebd., S. 17)

2.2 Thesen der Gewaltwirkung

Wie genau Gewalt in den Medien auf den Rezipienten wirkt und ob sie überhaupt wirkt, soll in diesem Kapitel geklärt werden.

Im Alltag unserer Gesellschaft werden Gewalttaten Jugendlicher häufig mit ihrem Medienkonsum begründet. So z.B. im Fall von Robert Steinhäuser, der am 26. April 2002 im Erfurter Gutenberg Gymnasium 16 Menschen und anschließend sich selbst tötete. Eine oft genannte Begründung in der Presse und in anderen Medien lautete, er habe zu viel Gewalt verherrlichende Computerspiele gespielt und vergleichbare Filme konsumiert. (vgl. http:// www.unibielefeld.de/paedagogik/Seminare/moeller02 /04computerspiele/erfurt.htm, 08.10.2006)

Die Medien bzw. der Medienkonsum werden hier oft als einzige Ursache gesehen, in einer monokausalen Begründung. Von solch einfachen Wirkungsvorgängen, wie sie eben beschrieben wurden, geht ein Großteil der Wirkungsforschung heute nicht mehr aus.

Wie Gewalterfahrung durch Medienkonsum genau wirkt, ist in der Wissenschaft immer noch umstritten und auch durch die bisher erschienenen etwa 5.000 Untersuchungen noch nicht geklärt worden. (vgl. Kübler, 1995, S. 471) Die verschiedenen Thesen vertreten Ansichten, wie sie widersprüchlicher nicht sein können. Von einer Steigerung von Gewalt, deren Reduzierung bis hin zur Wirkungslosigkeit ist die Rede.

Die Diskussion beschränkt sich dabei nicht nur auf Kinder und Jugendliche, aber bei ihnen ist das Thema besonders besorgniserregend, da sie durch äußere Einflüsse las leichter beinflussbar gelten. Es wird angenommen, dass diese Altersgruppe besonders nachhaltig von medialen Gewaltdarstellungen geprägt wird und deutliche Schäden davontragen kann. (vgl. Kübler, 1995, S. 470) Einen Überblick über Wirkungstheorien von medialer Gewalt bieten die folgenden Thesen.

Stimulationsthese

Es wird von einer direkten Wirkung ausgegangen. Mediale Gewalt steigert die Aggressionen und Gewaltbereitschaft der Rezipienten, das Gewaltpotenzial wird gewissermaßen angeregt. Es kann zu Nachahmungen kommen. Dies hängt aber auch mit der Person und ihrer Situation zusammen. So wird von der erhöhten Wahrscheinlichkeit einer Gewalthandlung ausgegangen, wenn die Person bereits zuvor frustriert ist und dann in den Medien die eigene Situation gespiegelt sieht. Würde diese These zutreffen, ließen sich Medienwirkungen relativ sicher vorhersagen, wenn die genauen Inhalte bekannt sind. (vgl. Winterhoff-Spurk, 2004, S. 131)

Inhibitionsthese

Gewalttätige Modelle können dazu führen, dass ein Verhalten gehemmt wird. Gewaltdarstellungen verhindern dieser These nach Gewalt, indem sie Schuldgefühle erzeugen oder Angst vor Bestrafung wecken. Diese tragen dazu bei, dass aggressive Handlungen unterdrückt werden und führen so zu Gewalthemmungen. (vgl. Vollbrecht, 2001, S. 169) Demnach hätte die Gewaltdarstellung eher eine positive Wirkung, da sie verhindert, dass reale Gewalt ausgeführt wird.

Habitualisierungsthese

Gewaltkonsum führt demnach zu einer Abstumpfung und Desensibilisierung gegenüber Gewalt, d.h., der Rezipient wird „immun“ gegen derartige Darstellungen. In der Lernpsychologie ist dies unter dem Begriff Gewöhnungseffekt bekannt. Es kann dazu führen, dass Gewalt als ein Bestandteil des Alltags und als „normal“ betrachtet wird. Die emotionale Erregung bei der Gewaltwahrnehmung wird somit herabgesetzt und die Empathiefähigkeit reduziert sich. Dies geschieht allerdings nicht bei gelegentlichem Konsum, sondern nur bei andauerndem und exzessivem. Hingegen führen einzelne Betrachtungen solcher Darstellungen nicht zu einer Gewaltsteigerung. (vgl. Bergmann, 2000, S. 186)

These der Wirkungslosigkeit

Gewalt in den Medien hat nach dieser These keine Auswirkungen auf den Rezipienten. Konsum gewalthaltiger Medieninhalte bleibt bei dem Rezipienten wirkungslos. (vgl. Winterhoff-Spurk, 2004, S. 130) Argumentiert wird, dass eine Wirkung bisher noch nicht bewiesen werden konnte, deshalb wird sie zunächst ausgeschlossen. (Theunert, 1996, S. 33) In der Literatur herrscht Einigkeit darüber, dass diese These nicht haltbar ist und nicht von einer Wirkungslosigkeit medialer Gewalt ausgegangen werden kann.

Erregungsthese

Bewiesen ist, dass Medieninhalte, und zwar nicht nur gewalthaltige, bei dem Rezipienten eine emotionale Erregung auslösen. (vgl. Kunczik, 1998, S. 105) Grundlegend ist hier die Annahme, dass Erregungszustände die Handlungs­bereitschaft erhöhen können. (vgl. Bonfadelli, 2004, S. 272) Das Fernsehen und vor allem das Sehen von Gewaltdarstellungen führen zu einer emotionalen Erregung, die die Handlungsbereitschaft erhöht und so die Wahrscheinlichkeit steigt, dass auch aggressives Verhalten ausgelebt wird. (vgl. Vollbrecht, 2001, S. 170) Die Wirkung wird dabei verstärkt, wenn die gezeigte Situation der des Opfers ähnelt. (vgl. Kunczik, 1995, S. 60)

Imitationsthese

Diese These ist eine banale Form der These des Modellernens. Sie behauptet, dass visuell wahrgenommene Gewalthandlungen anschließend mit großer Wahrschein­lichkeit nachgeahmt werden. Es wird von einem simplen Reiz-Reaktions-Modell ausgegangen, ohne Beachtung des Einflusses von individuellen und sozialen Faktoren. (vgl. Vollbrecht, 2001, S. 169)

Suggestionsthese

In einer Modifizierung der Imitationsthese führt auch hier die Wahrnehmung von Gewalt zur Nachahmung des Gesehenen. Dabei wird von einem einfachen Reiz-Reaktion-Wirkungsmechanismus ausgegangen.

Nachahmungseffekte gibt es, sie hängen jedoch mit vielen weiteren Faktoren zusammen. Diese These bezieht sich vor allem auf den Suizid, denn auf die mediale Berichterstattung folgen häufig Nachahmungstaten, aber es kann nicht von einer generellen unmittelbaren Wirkung ausgegangen werden. (vgl. ebd., S. 169) Außerdem ist es schwer zu sagen, welche in den Medien dargestellten Taten eine Handlung bzw. Nachahmung bei dem Rezipienten auslösen. (Kunczik, 1995, S. 37) Laut Kunczik wird diese These heute nicht mehr vertreten. (vgl. Kunczik, 1998, S. 99)

Lernen am Modell

Grundlegend ist das Modelllernen nach Bandura. Demnach ist Gewalt auch erlerntes Verhalten. (vgl. Bonfadelli, 2004, S. 269) Modelle und deren Verhalten werden unter bestimmten Bedingungen nachgeahmt. Dies geschieht vor allem nach dem Prinzip der Verstärkung. So wird eher ein Modell nachgeahmt, das Erfolg bewirkt als eines, wofür der Handelnde bzw. „Täter“ bestraft wird. Gelerntes Verhalten muss aber nicht zwangsläufig auch realisiert werden. Eine mögliche Ausführung ist von den zu erwartenden Konsequenzen, den Persönlichkeitsmerkmalen und der Situation abhängig. Wird in den Medien gewalttätiges Verhalten gezeigt, das zum Erfolg führt, also „belohnt“ wird, kann dies eher zu einer Nachahmung führen. (vgl. Vollbrecht, 2001, S. 168) Es bauen sich dann Hemmungen ab, die normalerweise die Ausübung aggressiven Verhaltens verhindern könnten. (vgl. Kunczik, 1998, S. 161) Bleiben zudem negative Sanktionen für die Tat bzw. den Täter aus, wird Gewalt sozusagen für den Rezipienten legitimiert. (vgl. Kübler, 1995, S. 481)

Katharsisthese

Es wird davon ausgegangen, dass aggressives Verhalten angeboren ist und sich mit der Zeit aufstaut, bis es entladen werden kann. (Moser, 2000, S. 176) Der Begriff geht auf die Lehre der antiken Tragödie zurück und fokussiert eine Art Reinigung: Gezeigte Gewalt führt beim Rezipienten zum Abbau aufgestauter Aggression, indem er die Szenen „miterlebt“. Durch die Teilhabe an der gezeigten Gewalt wird der eigene Trieb abgebaut. Medien haben demnach die Funktion eines Ventils. Diese These gilt bereits als widerlegt und wird heute nicht mehr vertreten. (vgl. Kunczik, 1995, S. 35) Wäre sie gültig, so müsste die reale Gewalt eigentlich abnehmen, bedenkt man die vielen gewalthaltigen medialen Inhalte. (vgl. Vollbrecht, 2001, S. 168)

Da diese Thesen weder eindeutig bewiesen erscheinen bzw. zum Teil bereits widerlegt sind, wie z.B. die Katharsisthese, können mit Groebel und Gleich (1993) Aussagen der Wirkungsforschung (vgl. Vollbrecht, 2001, S.170) wie folgt zusammen­gefasst werden:

- Dass Gewaltdarstellungen in Medien zu einem Aggressionsabbau führen, kann nicht belegt werden.

- Einzelne Medienangebote führen in der Regel nicht zu abweichendem Verhalten.

- Bei dieser Thematik muss der Zusammenhang von sozialem und gesellschaftlichem Kontext gesehen werden, ebenso wie die Persönlichkeit des Rezipienten.

- Ein Medieneinfluss ist eher wahrscheinlich, wenn nur wenig nicht mediale alternative Erfahrungen gemacht werden.

- Die Art und Weise der Gewaltdarstellung ist ein mit entscheidender Faktor.

- Wirkungen von Gewaltdarstellungen lassen sich nicht verallgemeinern, es kann sie aber durchaus geben.

- Es muss zwischen kurz- und langfristigen Wirkungen unterschieden werden.

- Die Verstärkung von bereits vorhandenen Dispositionen ist oft wahrschein­licher als eine ursächliche Wirkung.

Ein weiterer Aspekt, den Groebel betont, ist die Familie. Das familiäre Umfeld hat demnach einen erheblichen Einfluss auf Aggressionsbereitschaft, aggressives Verhalten und diesbezügliche Einstellungen. (vgl. Vollbrecht, 2001, S. 171) Diesen Punkt gibt auch Kunczik zu bedenken. Die Familie ist für ihn von entscheidender Bedeutung hinsichtlich eventueller Wirkungen von medialer Gewalt auf Kinder. Kunczik hält Kinder aus so genannten „intakten“ Familien – gemeint sind Kinder mit gut ausgeprägten verbalen Strategien in der Konfliktlösung – für sehr wenig gefähr­det. Erst nach der Familie folgt die das gesellschaftliche Umfeld, aus dem sich die Ausübung von Gewalt ebenfalls erlernen lässt. (vgl. Kunczik, 1995, S. 47)

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Details

Seiten
44
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783656738220
ISBN (Buch)
9783668137547
Dateigröße
544 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v280605
Note
1,0
Schlagworte
gefahren mediennutzung kindern

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