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Die Folgen von postpartalen Depressionen auf Kinder und Hilfsmöglichkeiten

Akademische Arbeit 2006 56 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Allgemeine Begriffsbestimmung
2.1 Depressionen
2.2 Pränatal und postpartal/postnatal
2.3 Depressionen in der Postpartalzeit

3 Postpartale Depressionen und ihre Folgen für die Kinder
3.1 Psychische Erkrankungen als Familienerkrankungen
3.2 Die Lebenssituation betroffener Kinder
3.3 Auswirkungen von postpartalen Erkrankungen auf die Kinder
3.3.1 Langfristige Auswirkungen
3.3.2 Regulationsstörungen in der frühen Kindheit
3.3.3 Störung der Mutter-Kind-Interaktion
3.3.4 Deprivationsverhalten
3.4 Schutzfaktoren für die psychische Entwicklung

4 Hilfs- und Interventionsmöglichkeiten

5 Ressourcenorientierung in der Sozialen Arbeit
5.1 Psychoanalyse im sozialen Feld
5.2 Gesetzliche Grundlagen
5.3 Kooperation Jugendhilfe und Psychiatrie
5.4 Präventive Hilfsangebote
5.4.1 Geburtsvorbereitungskurse
5.4.2 Edinburgh Postnatal Depression Scala (EPDS)
5.4.3 Feinfühligkeitstraining
5.5 Interventionsangebote für Mütter und ihre Kinder
5.5.1 Schreibaby-Ambulanz
5.5.2 Modellprojekt „Patenschaften“
5.5.3 Kindergruppenprojekt AURYN
5.5.4 Säuglings-Mutter-Psychotherapie
5.5.5 Stationäre Mutter-Kind-Behandlung

6 Schluss

7 Literaturverzeichnis (inklusive weiterführender Literatur)

1 Einleitung

Im Folgenden möchte ich die unterschiedlichen Auswirkungen einer postpartalen Erkrankung auf Kinder herausarbeiten. Hierbei konzentriere ich mich vornehmlich auf das Säuglings- und Kleinkindalter, wende mich aber auch den langfristigen Folgen zu, die für ältere Kinder relevant sind.

Im Anschluss daran werde ich verschiedene Interventions- und Hilfsmöglichkeiten genauer beleuchten, die vor allem im interdisziplinären Bereich angesiedelt sind. Hierbei richte ich meinen Blick auf präventive Maßnahmen sowie auf pädagogische und therapeutische Ansätze, die speziell auf Mütter und ihre Kinder ausgerichtet sind.

2 Allgemeine Begriffsbestimmung

2.1 Depressionen

Eine Depression (lateinisch: deprimere „niederdrücken“) ist eine psychische Erkrankung, deren Symptomatik sich durch eine bedrückte, niedergeschlagene und pessimistische Stimmung auszeichnet, die häufig mit einem Interessensverlust einhergeht. Internationale Studien belegen, dass Depressionen mittlerweile zu den häufigsten psychischen Erkrankungsbildern zählen, die zu verzeichnen sind. Bereits in Deutschland leiden ca. 10 bis 15 Prozent aller Menschen an depressiven Verstimmungen, wovon jede vierte Person eine schwere psychische Störung entwickelt (vgl. Der Brockhaus Gesundheit 2004, S. 269). Frauen sind deutlich häufiger von Depressionen betroffen als Männern. Die Ursachen werden sowohl biologischen als auch psychosozialen Faktoren zugeschrieben (vgl. Angst/Sellaro 2001, S. 63).

2.2 Pränatal und postpartal/postnatal

Die Bezeichnung „pränatal“ stammt aus dem lateinischen Wortschatz und bedeutet ins deutsche übersetzt „vor der Geburt“. Vorzugweise wird dieser Begriff in der Pränataldiagnostik eingesetzt. Hierbei geht es um vorgeburtliche Untersuchungen, die zur Erfassung von genetischen Erkrankungen und Entwicklungsstörungen beim Fötus dienen sowie zur Früherkennung von Schwangerschaftskomplikationen eingesetzt werden (vgl. Der Brockhaus Gesundheit 2004, S. 974).

Demgegenüber stehen die Begrifflichkeiten postpartal und postnatal, die in der psychiatrischen Terminologie (Fachsprache) gleichbedeutend eingesetzt werden. Aus dem lateinischen abgeleitet, bedeutet „post“ „nach“ und „partus“ steht für die „Entbindung“. Der Ausdruck postpartal bedeutet somit „nach der Entbindung“, wohingegen „natus“, aus dem lateinischen übersetzt, für die „Geburt“ steht. Somit bedeutet postnatal „nach der Geburt“. In der deutschen Fachsprache ist man dazu übergegangen, vorzugsweise den Begriff postpartal zu verwenden, wohingegen sich im englischen Sprachraum der Begriff postnatal durchgesetzt hat (vgl. Rohde 2004, S. 21). Treten innerhalb des ersten halben Jahres nach der Entbindung Symptome einer psychischen Störung auf, dann wird dieser Zeitraum als postpartal bezeichnet.

Es gibt auch vereinzelte wissenschaftliche Meinungen, die diese Zeitspanne bis auf ein Jahr nach der Geburt erweitern (vgl. ebd., S. 27).

Im Hinblick auf die oben ausgeführte gängige Klassifizierung beziehe ich mich in meiner Diplomarbeit ebenfalls auf den Ausdruck postpartal, der an dieser Stelle gleichbedeutend mit dem Begriff postnatal eingesetzt wird.

2.3 Depressionen in der Postpartalzeit

Viele Frauen leiden im Wochenbett unter depressiven Verstimmungen, die durch biologische und psychosoziale Umstellungsprozesse während der Schwangerschaft und der Geburt begünstigt werden (vgl. Der Brockhaus Gesundheit 2004, S. 270). In zahlreichen Studien zu diesem Thema erkannte man, dass das Risiko, an einer psychischen Störung zu erkranken, zu keinem anderen Zeitpunkt so ausgeprägt ist, wie nach einer Entbindung. Die Erkrankungsrate steigt in dieser Zeit signifikant an, wohingegen das Risiko während der Schwangerschaft an Depressionen zu erkranken, verhältnismäßig gering ist (vgl. Unger/Rammsayer 2001, S. 153).

Die postpartalen psychischen Erkrankungen verfügen über unterschiedliche Ausprägungsgrade, die von einem leichten Stimmungstief bis zu einer gravierenden Depression reichen können (vgl. Dalton 2003, S. 12). In der Regel handelt es sich um eine kurzlebige Erscheinung, die als postpartale Dysphorie (Baby-Blues) klassifiziert wird. Erst wenn sich die Symptomatik verfestigt und über einen längeren Zeitraum andauert, kann sich hieraus eine postpartale Depression entwickeln. Im schlimmsten Fall entsteht eine postpartale Psychose, die mit schwerwiegenden Verhaltensstörungen einhergehen kann. Die hier skizzierten Ausprägungsformen gehören zu den klassischen Störungen der Postpartalzeit. Eine eindeutige Abgrenzung untereinander ist oft schwer zu vollziehen, weil es innerhalb der einzelnen Krankheitsbilder zu zahlreichen Überschneidungen kommt (vgl. Gröhe 2003, S. 41).

3 Postpartale Depressionen und ihre Folgen für die Kinder

3.1 Psychische Erkrankungen als Familienerkrankungen

Jede Lebenslage, die zu drastischen Veränderungen im Familiensystem führt, birgt automatisch Stress- und Belastungsfaktoren in sich. Die Auswirkungen depressiver Störungen treffen somit nicht nur die erkrankte Person, sondern sie werden zum Problem für das ganze Familiensystem. In diesem Zusammenhang kann man davon sprechen, dass psychische Erkrankungen Familienkrankheiten sind. Dass auch Kinder in dieses Familiensystem eingebunden sind und somit unter der Erkrankung der Eltern leiden, war lange Zeit nicht im Bewusstsein der Fachöffentlichkeit. Noch vor einigen Jahren wurden sie als vergessene Risikogruppe klassifiziert. 1996 diskutierte man auf dem Kongress „Hilfen für Kinder psychisch Kranker“ die vielfältigen Probleme, denen Kinder depressiver Eltern ausgesetzt sind. Dabei erkannte man, dass sie unter erheblichen Belastungen leiden, die tief greifende Auswirkungen auf ihre Lebenssituation haben (vgl. http://www.liga-kind.de/pages/204wagenblass.htm, S. 1).

Innerhalb der letzten dreißig Jahre wurde eine Reihe von Risikostudien zu diesem Thema durchgeführt. Hierbei erkannte man, dass die Diagnoseerstellung einen geringeren Einfluss auf die kindliche Entwicklung hat als die Ausprägung und der Schweregrad der elterlichen Erkrankung. Zudem besteht ein gravierender Unterschied darin, bei welchem Elternteil eine psychische Störung auftritt. Die Erkrankung des Vaters kann in der Regel durch die mütterliche Fürsorge kompensiert werden. Wohingegen die Mutter als Hauptbezugsperson einen stärkeren Einfluss auf die seelische Entwicklung des Kindes hat, wie es im Fall von postpartalen Depressionen zu beobachten ist (vgl. http:// www.liga-kind.de/pages/204deneke.htm, S. 1 f.).

3.2 Die Lebenssituation betroffener Kinder

Neben den seelischen Beschwerden der Mütter treten in der Regel soziale Schwierigkeiten wie Arbeitslosigkeit, Armut, soziale Isolation, innerfamiliäre Konflikte und krankheitsbedingte Trennungen auf (vgl. Deneke 1998, S. 88).

In diesen Krisenzeiten, die durch die psychische Erkrankung ausgelöst werden, rücken die Bedürfnisse der Kinder in den Hintergrund und finden oft keinen Anklang mehr. Der erkrankte Elternteil beansprucht die gesamte Aufmerksamkeit, wodurch sich eine Neustrukturierung in der Familie ergibt. Kinder sind diesen Veränderungen hilflos ausgeliefert. Gerade in dieser Zeit des Umbruchs benötigen sie eine Bezugsperson, die sie unterstützt und ihre essentiellen Bedürfnisse nach Sicherheit, Zuwendung und Geborgenheit befriedigt (vgl. Schone/Wagenblass 2002, S. 13).

Eine postpartale Depression oder Psychose geht in der Regel mit einer Einschränkung der mütterlichen Erziehungskompetenz einher. Dieser Umstand ist vor allem auf die Krankheitssymptomatik zurückführen, die mit mangelnder Impulskontrolle, Antriebslosigkeit sowie Halluzinationen und Wahnvorstellungen einhergehen kann (vgl. Staets /Hipp 2004, S. 29). Kinder depressiver Mütter werden oftmals mit Stimmungsschwankungen und bizarren Verhaltensänderungen konfrontiert, die sie nicht verstehen oder nachvollziehen können. In dieser Situation wäre es ratsam, dass sie über den Verlauf der Erkrankung sowie deren Auswirkung informiert werden. Leider ist dieses, nur selten zu beobachten. In den meisten Fällen werden die psychischen Probleme innerhalb der Familie tabuisiert und mit einem Kommunikationsverbot belegt. Hierdurch wird die Krankheit zu einem Familiengeheimnis, das dem Kind nicht erlaubt, darüber zu sprechen. Das fatale an dieser Situation ist, dass vor allem sehr kleine Kinder dazu neigen, aufgrund ihres „egozentrischen Weltbildes“, alle Ereignisse die sie nicht verstehen, auf sich zu beziehen. Somit fühlen sie sich für die Erkrankung der Mutter verantwortlich und entwickeln infolgedessen extreme Schuldgefühle (vgl. ebd., S. 31 f.).

Viele Familien durchlaufen in dieser Zeit einen Entwicklungsprozess, der mit einer neuen Rollenverteilung einhergeht. In diesem Zusammenhang spricht man von einer Parentifizierung, die sich durch eine Verantwortungsverschiebung auszeichnet. Die davon betroffenen Kinder stellen ihre eigenen Bedürfnisse hinten an und sorgen sich stattdessen um das psychische Wohlergehen ihrer Mutter. Sie beginnen den erkrankten Elternteil zu ersetzten und Aufgaben zu übernehmen, die nicht selten eine Überforderung mit sich bringen. Richter spricht davon, dass diese Kinder verfrüht zu „kleinen Erwachsenen“ werden (vgl. Richter 1995, S. 5). Ein zusätzlicher Belastungsfaktor ergibt sich dadurch, dass viele Familien durch die Erkrankung von ihrer Umwelt abgewertet werden. Infolge dieser Stigmatisierung ziehen sie sich von der Außenwelt zurück, was zwangsläufig eine soziale Isolation mit sich bringt (vgl. Baumann 2000, S. 35). Betroffene Kinder entwickeln ein intuitives Gespür dafür, dass sich ihre Lebenswelt von anderen unterscheidet und verschweigen demzufolge die Erkrankung der Mutter. Vor allem gegenüber Gleichaltrigen entwickeln sie vielfältige Handlungsstrategien, mit denen sie die Familienprobleme effizient verbergen können. Somit geraten sie in einen Loyalitätskonflikt zwischen der eigenen Scham und der Verantwortung gegenüber dem erkrankten Elternteil. Erhalten diese Kinder keinerlei Unterstützung aus dem Familien- oder Freundeskreis, so bleibt ihnen jede Möglichkeit verwehrt, korrigierende und entwicklungsadäquate Erfahrungen zu machen. Dieses instabile Lebensumfeld, indem die Kinder aufwachsen, hat in der Regel vielfältige Auswirkungen auf ihren weiteren Entwicklungsweg (vgl. Staets/Hipp 2004, S. 31f.).

3.3 Auswirkungen von postpartalen Erkrankungen auf die Kinder

Im Rahmen der Säuglingsforschung stellte sich heraus, dass je jünger ein Kind ist, umso mehr Einfluss hat die depressive Störung eines Elternteils. Hierbei ist vor allem zu berücksichtigen, dass die Erkrankung der primären Bezugsperson, die in der Regel durch die Mutter verkörpert wird, noch umfassendere Folgen nach sich zieht. Lynn Murray (1992), die auf dem Gebiet der postpartalen Depressionen forscht, besagt, dass vor allem in den ersten Lebensmonaten die psychische Entwicklung eines Babys extrem anfällig ist und in keiner späteren Entwicklungsperiode so beeinflussbar ist wie zu Beginn

(vgl. http://www.isa-muenster.de/pdf/hauptsache_gesund.pdf, S. 67f.).

In dieser Phase ist der Säugling in erhöhtem Maße auf eine stimmige und feinfühlige Beziehung zur Mutter angewiesen. Die Versorgung der kindlichen Grundbedürfnisse wie Nahrungsaufnahme, körperliche Pflege und Zuwendung müssen gewährleistet sein. Zudem muss die Mutter ihrem Säugling Anregungen und Herausforderungen zur Verfügung stellen, die seine weitere Entwicklung fördern. Um neue Situationen erforschen zu können und sie nicht als Bedrohung zu erleben, muss einem Kind das Gefühl der Geborgenheit und Anerkennung vermittelt werden. Die erste Form von Sicherheit, die einem Kind zuteil wird, erfährt es durch die emotionale Zuwendung seiner primären Bezugsperson. Feinfühlige und empathische Mütter stehen als sichere Basis bereit und vermitteln ihrem Kind auf diesem Wege ein Bild der Verlässlichkeit, wodurch die kindliche Eigenaktivität gefördert wird. Säuglinge, die eine unsichere Bindung erfahren, meiden bedrohlich wirkende Situationen, weil ihnen die nötige Sicherheit fehlt, um sich neugierig ihrer Umwelt zuzuwenden. Somit bilden Kinder depressiver Mütter nur einen geringen Explorationstrieb aus, wodurch ihre wachsende Aktivität erheblich eingeschränkt wird. Diese Kinder erleben sich nicht als eigenständig und effektiv, was den Aufbau ihrer Selbstständigkeit mindert (vgl. Schone/Wagenblass 2002, S. 18-20). Nur wenn die Mutter dazu in der Lage ist, die kindlichen Bedürfnisse adäquat zu befriedigen, kann der Säugling ein „Urvertrauen“ ausbilden, was für seine weitere Entwicklung von entscheidender Bedeutung ist (vgl. Gundelfinger 1995, S. 5).

In der Psychoanalyse geht man schon sehr lange davon aus, dass die erste Beziehung, die ein Kind eingeht, den Grundstock für seine weitere Persönlichkeitsentwicklung legt. Bowlby spricht davon, dass die psychische Gesundheit eines Kindes von einer innigen und dauerhaften Beziehung zur Mutter beeinflusst wird, die sich dadurch auszeichnet, dass beide „Befriedigung und Genuss“ empfinden (vgl. Bowlby 1972, S. 11). Mütter, die unter postpartalen Depressionen leiden, haben oftmals erhebliche Schwierigkeiten, eine innige Beziehung zu ihrem Kind aufzubauen. Diese Tatsache wird einerseits den wiederholten Trennungserfahrungen (z.B. Klinikaufenthalte, Fremdunterbringung in Heimen oder in Pflegefamilien) zugeschrieben und andererseits dem Umstand, dass depressive Mütter aufgrund ihrer eigenen Defizite dem Bedürfnis ihres Säuglings nach Sicherheit, Nähe und Bindungsstabilität nicht entsprechen können. Somit zeigen sich bei postpartalen Erkrankungen primär Störungen in der Mutter-Kind-Beziehung (vgl. http:// www.dustri.de/zd/ne/volltext/closed/05-04/net04_162.pdf, S. 165).

Winnicott sieht die emotionale Entwicklung eines Kindes ebenfalls als gefährdet an, wenn die Mutter aufgrund einer Depression nicht dazu in der Lage ist, ihrem Kind affektiv gegenüber zu treten und seine Bedürfnisse adäquat zu befriedigen (vgl. Winnicott 1992, S. 111). Er besagt: „Wenn ein Säugling in einer Phase ist, in der er es nötig hat, daß die Mutter sich in erster Linie mit seiner Versorgung beschäftigt, kann es für ihn eine schwere Störung bedeuten, wenn die Mutter plötzlich in erster Linie mit etwas anderem beschäftigt ist, mit etwas, das einfach nur zum persönlichen Leben der Mutter gehört. Ein Säugling in dieser Lage fühlt sich fallengelassen, so, als müsse er unendlich fallen“ (zit. n. ebd., S. 111).

Aufgrund ihrer Erkrankung sind viele Mütter nicht dazu in der Lage, ihrem Kind eine hinreichende Fürsorge zukommen zu lassen. Trotz dieser Tatsache verweist Winnicott darauf, dass diese Frauen keinesfalls für ihr „angebliches Fehlverhalten“ angeklagt werden dürfen, sondern dass man vielmehr nach den Ursachen des Defizits forschen muss, die es dann zu bearbeiten gilt (vgl. Winnicott 1990, S. 21f.).

Die Mannheimer-Risikostudie belegt, dass Kinder psychisch kranker Mütter eine weitaus ungünstigere Entwicklungsprognose aufweisen als Kinder aus gesunden Familien (vgl. Schone/Wagenblass 2002, S. 19). Bereits im Alter von drei bis sechs Monaten zeigen sie typische Symptome der mütterlichen Depression. Nach Dornes ist dieser Umstand darauf zurückzuführen, dass ein Säugling die emotionalen Gesichtsausdrücke seiner Mutter nachahmt und somit in eine identische Verfassung verfällt. Ist die gefühlsmäßige Stimmung der Mutter durchgängig negativ, so kann dieser Umstand nachhaltige Auswirkungen auf den kindlichen Organismus haben (vgl. Dornes 2002, S. 199).

Mütter, die unter Depressionen leiden, verhalten sich im Umgang mit ihren Kindern weitaus distanzierter und äußern vermehrt negative Gefühle oder Feindseligkeiten. Der Kontakt ist oft auf das Nötigste beschränkt und zeugt von einer gewissen Interesselosigkeit. Dieses drückt sich sowohl in der Körpersprache als auch in der Mimik und Artikulation aus (vgl. Schone/Wagenblass 2002, S. 20). Beobachtet man Interaktionssequenzen zwischen depressiven Müttern und ihren Kindern, so wird ersichtlich, dass der affektive Austausch nur unzureichend gelingt. In der Regel sind diese Frauen nur bedingt dazu in der Lage, responsiv und feinfühlig auf die kindlichen Signale zu reagieren (vgl. Deneke 1995, S. 6). Ist die Mutter nicht dazu fähig, in einen gemeinsamen affektiven Dialog mit ihrem Kind einzutauchen, so wird die Kommunikation zwischen beiden äußerlich und leer bleiben. In diesem Fall ist die Frau zwar körperlich anwesend, ihr Verhalten wirkt aber mechanisch und wenig sensitiv, woraufhin sie nur unzureichend auf die kindlichen Bedürfnisse eingehen kann (vgl. Gerspach 2004, S. 55f.). Das Kind macht somit die Erfahrung, dass seine emotionale Verfassung von der Mutter nicht wahrgenommen wird und sie auf dieser Grundlage seine innere Befindlichkeit nicht angemessen spiegeln kann. Mit der Zeit passt sich der Säugling diesem Muster an und entwickelt ebenfalls ein resignatives Verhalten, welches dem Ausdruck der Mutter gleicht. Diesen Kindern werden nur wenige Anreize für ihre motorische und intellektuelle Entwicklung geboten, wodurch ihre Entdeckungslust erheblich gemindert wird (vgl. Deneke 1995, S. 6).

Zudem erzeugen die oft unverständlichen Signale der Mutter Irritationen beim Kind, die als Mangel an Verlässlichkeit gewertet werden. Stehen keine weiteren Personen zur Verfügung, durch die das Kind altersgemäße und entwicklungsadäquate Erfahrungen machen kann, so können tief greifende Störungen auf der Beziehungsebene erfolgen, die mit dem Aufbau eines negativen Selbstkonzeptes einhergehen (vgl. Schone /Wagenblass 2002, S. 20). Einige Längsschnittstudien belegen, dass unsichere Bindungen zu den häufigsten negativen Auswirkungen gehören, die infolge einer Depression ausgebildet werden und die mit einer Störung der mütterlichen Emotionalität einhergehen (vgl. Murray/Dymond/Cooper 2002, S. 325; vgl. Fremmer-Bombik/Grossmann 1993, S. 103).

Bei zweijährigen Kindern treten vor allem Defizite im sozial-emotionalen Bereich auf sowie in der sprachlichen und kognitiven Entwicklung. Hierbei ist zu beobachten, dass die depressive Erkrankung der Mutter, eine Beeinträchtigung in allen drei Bereichen nach sich zieht, wohingegen sich psychische Probleme des Vaters nur auf die kognitive Entwicklung des Kindes auswirken. Diese Ergebnisse stützen erneut die Aussage, dass der Mutter eine größere emotionale Bedeutung im Säuglings- und Kleinkindalter zukommt (vgl. Baumann 2000, S. 51f.). Weitere Auffälligkeiten zeigen sich im Sozialverhalten. In Beobachtungssituationen erkennt man, dass Kinder depressiver Mütter sozial zurückgezogener sind. Sie entwickeln nur einen geringen Explorationstrieb, suchen immer wieder die Nähe zur Mutter, reagieren ängstlich und bleiben in Spielsequenzen mehr für sich alleine (vgl. Gundelfinger 1995, S. 5f.).

3.3.1 Langfristige Auswirkungen

Die Störungen, die sich im Säuglings- und Kleinkindalter manifestieren, nehmen im Alter zu und entwickeln sich unerwartet heterogen (vgl. Papousek 2002, S. 201). Hierbei ist zu berücksichtigen, dass jedes Kind individuell auf die Belastungssituationen reagiert, denen es ausgesetzt ist. Manche Kinder neigen zu defensiv-vermeidenden Bewältigungsstrategien, indem sie sich von der Außenwelt zurückziehen. Andere wiederum fallen durch aggressive Verhaltensmuster auf (vgl. Schone/Wagenblass 2002, S. 17). In der Regel lassen sich Lernschwierigkeiten, Leistungsstörungen sowie Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätssyndrome verzeichnen. Zudem bilden viele Kinder Angststörungen aus und zeigen Probleme in der Sozialanpassung.

Vor allem die Beziehung zu Gleichaltrigen und Lehrerinnen wird oft als sehr konfliktreich beschrieben. Viele Kinder entwickeln depressive Muster, die mit Hoffnungslosigkeit, Schuldgefühlen und einem mangelnden Selbstbewusstsein einhergehen. Bei älteren Kindern sind vermehrt Suizidgedanken, seelische Probleme und Suchtproblematiken zu beobachten. Langfristig haben Kinder depressiver Mütter nicht nur ein höheres Risiko ausgebildet, selbst an einer psychischen Störung zu erkranken hinzu kommt, dass die Krankheit früher einsetzt, die Symptomatik länger andauert und schwerer verläuft als bei Kindern gesunder Eltern (vgl. Papousek 2002, S. 201). In einer Vergleichsstudie beobachtete man, dass die ersten Symptome einer Depression bei Kindern psychisch kranker Eltern mit etwa zwölf Jahren auftreten, wohingegen sich erste depressive Anzeichen bei Kindern gesunder Eltern erst mit sechzehn Jahren abbilden (vgl. Remschmidt /Mattejat 1994, S. 74). Zudem lassen sich geschlechtsspezifische Unterschiede verzeichnen, die darauf hindeuten, dass Mädchen für depressive Störungen anfälliger sind als Jungen (vgl. Lenz 2005, S. 16).

Selbst nachdem die Symptome einer zeitlich begrenzten Wochenbettdepression abgeklungen sind, können weitere Entwicklungsstörungen auftreten. Somit werden betroffene Kinder auch in der nachfolgenden Zeit als Risikogruppe eingestuft (vgl. http:// www.liga-kind.de/pages/pap198.htm, S. 5f.).

3.3.2 Regulationsstörungen in der frühen Kindheit

„Der Begriff der Selbstregulation bezeichnet die Fähigkeiten des Organismus, sein Verhalten im Kontext der Anpassung und Auseinandersetzung mit der Umwelt zu regulieren und dabei sein psychophysisches Gleichgewicht, die Balance zwischen aktivierenden und hemmenden Prozessen, aufrechtzuerhalten“ (zit. n. Papousek/Papousek 1979b nach Papousek/Wollwerth de Chuquisengo 2003, S. 145).

Fünf bis zehn Prozent aller Säuglinge und Kleinkinder bilden im Zuge ihrer Entwicklung eine Verhaltensregulationsstörung aus. Innerhalb des ersten Jahres zeichnet sich die Symptomatik durch ein exzessives Schreiverhalten, Ess- und Gedeihstörungen, dysphorische Unruhe, sozialen Rückzug, Probleme mit der Schlaf-Wach-Regulation und durch ein extremes Klammern aus, das als Merkmal für ein gesteigertes Bindungsverhalten angesehen wird. Im zweiten Lebensjahr treten zusätzliche Probleme auf, die sich in Geschwisterrivalitäten, einem ausgeprägtem Trotzverhalten, Verhaltensauffälligkeiten sowie Aggressions- und Wutausbrüchen äußern können (vgl. http://www.liga-kind.de/pages/hedervari101.htm, S. 1).

Vor allem Mütter mit psychischen Problemen haben vermehrt Säuglinge, die Regulationsstörungen ausgebildet haben. Diese Tatsache ist darauf zurückzuführen, dass diesen Frauen oftmals die nötige Sensibilität und Sensitivität fehlt, um sich in ihr Kind hineinzufühlen. Die gemeinsame Bewältigung der frühkindlichen Anpassungs- und Entwicklungsaufgaben gelingt nicht oder nur unzureichend, weshalb der Aufbau einer sicheren Bindung erheblich gefährdet ist (vgl. http://www.isa-muenster.de/pdf /hauptsache_gesund.pdf, S. 60). Diese Säuglinge entwickeln bereits sehr früh „Ich-bezogene Strategien“, mit denen sie ihr inneres Gleichgewicht stabilisieren wollen. In der Regel gelingt ihnen dieses aber nur in unzureichendem Maße, weshalb vermehrt Regulationsstörungen auftreten (vgl. Schone/Wagenblass 2002, S. 19). Somit lassen sich 49 Prozent aller Fälle auf eine gestörte Mutter-Kind-Beziehung zurückführen, die durch eine depressive Erkrankung ausgelöst wurde (vgl. http://www.isa-muenster.de /pdf/hauptsache_gesund.pdf, S. 60).

3.3.2.1 Folgen des exzessiven Schreiens

Die Gründe, warum Säuglinge ein Schreibaby-Syndrom entwickeln, können zwei unterschiedliche Ursachen haben. Auf der einen Seite kann dies an einer Kontaktstörung beim Kind liegen, die aufgrund traumatischer Erlebnisse (Trennung nach der Geburt, Kaiserschnitt) entstanden ist. Auf der anderen Seite entwickelt sich ein ausgeprägtes Schreiverhalten beim Kind, wenn die Mutter ihrerseits durch eine Kontaktstörung blockiert ist, wie es bei einer postpartalen Depression der Fall sein kann. Die Frau ist somit nicht dazu in der Lage, ihrem Kind das nötige Maß an Halt und Geborgenheit zu vermitteln, was es für eine adäquate Entwicklung benötigt. Die essentiellen Bedürfnisse des Säuglings, die aus Nahrung, Schlaf, Geborgenheit, Liebe und (Körper-)Kontakt bestehen, können nicht mehr befriedigt werden (vgl. Diederichs 2000, S. 243). Das Schreiverhalten des Kindes ist somit ein Kommunikationsmittel, mit dem es auf sein Unwohlsein oder seine Bedürfnisbefriedigung aufmerksam machen will. Darüber hinaus kann der Säugling Anspannungen oder Schmerzen die er verspürt durch ein intensives Schreien abbauen (vgl. Solter 2000, S. 391).

Brazelton betont: „Das zyklische Auftreten der Schreiperioden plus die Entschlossenheit des Säuglings, sich nicht stoppen zu lassen, sind starke Beweise dafür, dass der Säugling ein inneres Bedürfnis hat zu schreien, um Spannungen los zu werden“ (zit. n. Brazelton 1969 nach Solter 2000, S. 391).

Ein entscheidender Faktor ist in diesem Zusammenhang, dass die Mutter auf das Schreien ihres Kindes in angemessener Weise reagieren muss, um es wieder in ein emotionales Gleichgewicht zu bringen und es nicht zu frustrieren. Wie bereits vielfach angemerkt, reagieren gerade depressive Mütter verlangsamt auf die kindlichen Signale, wodurch der Säugling bei seiner Selbstregulation keine Unterstützung erfährt (vgl. Solter 2000, S. 391).

Auch wenn somit das kindliche Schreiverhalten erklärbar wird, so ändert es nichts an den Gefühlen, die durch das permanente Weinen bei der Mutter ausgelöst werden. In diesen Phasen absoluter Erschöpfung neigen viele Frauen zu Affekthandlungen. Sie verspüren eine unbändige Wut, Verzweiflung und Ohnmacht, die sie nicht mehr kontrollieren können (vgl. Diederichs/Olbricht 2002, S. 34). Statistisch wurde belegt, dass etwa 40 Prozent aller Kindesmisshandlungen innerhalb der ersten zwölf Monate erfolgen und zwar gehäuft in Schreisequenzen des Säuglings (vgl. Deneke 2001, S. 156). Die ersten Anzeichen zeigen sich in Gewaltfantasien, die bis zu Tötungsfantasien reichen können. Erfolgen daraufhin tätliche Übergriffe, so beginnen diese in der Regel mit einem heftigen Schütteln des Babys, was zu einem so genannten Schütteltraumata führen kann. Steigert sich die Belastungssituation zunehmend, so können Schläge gegenüber dem Säugling die Folge sein. Nach solchen Gewaltübergriffen verspüren viele Frauen ein blankes Entsetzen und grenzenlose Schuldgefühle, die dazu führen, dass sie sich noch mehr verschließen und sich keinem Menschen anvertrauen (vgl. Diederichs /Olbricht 2002, S. 34).

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Details

Seiten
56
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783656741756
ISBN (Buch)
9783668137677
Dateigröße
594 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v280835
Note
1,0
Schlagworte
folgen depressionen kinder hilfsmöglichkeiten

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