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Komplexe posttraumatische Belastungsstörung

Hausarbeit 2014 22 Seiten

Psychologie - Klinische u. Gesundheitspsychologie, Psychopathologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Definition: PTBS versus kPTBS

2 Klassifikation: komplexe posttraumatische Belastungsstörung

3 Komorbiditäten

4 Prävalenz

5 Differentialdiagnose / Abgrenzung zu anderen Störungsbildern

6 Therapiekonzepte

7 Resumeé

8 Literaturverzeichnis

1 Definition: PTBS versus kPTBS

Der wesentliche Bestandteil des Störungsbegriffes ist hier das Trauma. Trauma kommt aus dem griechischen und bedeutet: „Wunde“1 Natürlich bezieht sich das Trauma hier in diesem Falle nicht wie im medizinischen Sinne auf das Physische, wie etwa bei einem Schädelhirntrauma (SHT) sondern auf die Psyche. Der Psyche wird also eine „Wunde“ zugefügt. „Post“ hier lateinisch bedeutet „hinter“ oder „nach“2. Man kann die PTBS also übersetzen indem man sagt, es handelt sich um eine Belastungsstörung die nach einem erlebten Trauma zum Ausdruck kommt.

Zur posttraumatischen Belastungsstörung gibt es unterschiedlich formulierte Definitionen3. Hier ist Allen gemein, dass es sich als auslösenden Faktor um eine verzögerte und oder verlängerte Reaktion auf belastende Ereignisse oder Situationen, respektive Traumata handelt (vgl. Lexikon Online. 2014).

In den klinisch-diagnostischen Leitlinien des ICD-10 Kapitel V (F) ist die PTBS unter F43.1 (Neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen) folgendermaßen definiert:

Diese entsteht als eine verzögerte oder prothrahierte Reaktion auf ein belastendes Ereignis oder eine Situation außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigen Ausmaßes (kurz oder langanhaltend), die bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde. Hierzu gehören eine durch Naturereignisse oder von Menschen verursachte Katastrophe, eine Kampfhandlung, ein schwerer Unfall oder Zeuge des gewaltsamen Todes anderer oder selbst Opfer von Folterung, Terrorismus, Vergewaltigung oder anderen Verbrechen zu sein [….](S.207)

In den amerikanischen DSM-IV wird die PTBS allerdings anders klassifiziert. Sie ist dort eingegliedert in die Angststörungen. Der Codierungsschlüssel ist in diesem Fall 309.81, posttraumatic Stress Disorder (PTSD).

Was unterscheidet nun aber die PTBS in ihrer Definition von der kPTBS? Die amerikanische Traumaforscherin Judith Herman hat der gängigen Definition hinzugefügt, dass bei einer kPTBS (diese Bezeichnung wurde von ihr selbst 1993 vorgeschlagen) frühkindliche langanhaltende Traumatisierungen zum Tragen kommen, welche sich unter anderem in gestörter Affektregulation, Störung der Selbstwahrnehmung, der Sexualität und Beziehungsgestaltung, dissoziative Symptome sowie veränderte persönliche Wert- und Glaubensvorstellungen äußern4.

Auch wenn durch dieses neue Konstrukt Überschneidungen mit anderen bereits klassifizierten Störungen auftreten, wird dazu geraten, bei Verdacht auf eine kPTBS eine entsprechende Diagnose zu stellen. Um aus therapeutischer Sicht den richtigen Weg einer Weiterbehandlung zu gewährleisten.5

Der Unterschied zwischen der PTBS und der kPTBS ist also unter anderem gekennzeichnet durch die Einbeziehung Oben erwähnter Störungsbilder, welche unter Umständen eine eigenständige behandlungswürdige Störung darstellen könnten, diese hier jedoch bei extremen Formen von kPTBS zum Tragen kommen und damit Bestandteil einer kPTBS werden. Darüberhinaus beschreibt Judith Herman die kPTBS als „diffuser“ und „komplexer“ im Vergleich zur einfachen PTBS, was sich in einer „erhöhten Vulnerabilität für Reviktimisierung und der Neigung zu autoaggressivem Verhalten“ zeigt. Gerade die Tendenz zur selbstverletzendem Verhalten, sei bei denjenigen Opfern zu finden, welche bereits in früher Kindheit Opfer von Traumatisierungen geworden seien. Zudem neigten diese Opfer im Gegensatz zu jenen einer einfachen Belastungsstörung dazu, den Sinn für ihr eigenes Selbst zu verlieren. Dieser Vorgang kann als „charakteristisch“ angesehen werden und sich in extremen Fällen zu einer dissoziativen Identitätsstörung auswachsen6

Auf der anderen Seite besteht nach wie vor ein Diskurs darüber, ob die kPTBS tatsächlich eine eigenständige neue Diagnose darstellt oder nicht. Laut DSM-5 seien derzeit zu wenig empirische Beweise vorhanden um die kPTBS als eigenständige Diagnose aufzunehmen. Die ICD-11 Arbeitsgruppe betrachtet die Situation anders und geht davon aus, dass es von „klinischer Nützlichkeit“ wäre, die kPTBS als eigene Diagnose aufzunehmen. Diese würde die „Kernelemente“ der PTBS nach ICD-11 beinhalten und um „Affektbeeinträchtigungen“ und „Beeinträchtigungen im Zusammenhang mit interpersonellen Problemen“ erweitert werden7.

2 Klassifikation: komplexe posttraumatische Belastungsstörung

In den ICD-10 wird die kPTBS derzeit nicht als solche geführt, bzw. klassifiziert. Daher wird in der Praxis in einem vorliegenden Fall aktuell die Diagnose F62.0, andauernde Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung gestellt. In diesem Zusammenhang kann man die PTBS als der F62.0 vorangegangen betrachten. Aus dieser Betrachtung heraus, würde die kPTBS eine Erweiterung der PTBS darstellen welche unter anderem durch folgende Symptome gekennzeichnet ist: feindliche, misstrauische Haltung gegenüber der Welt, sozialer Rückzug und Gefühl von Leere, Hoffnungslosigkeit, ständiges Gefühl von Anspannung sowie Entfremdungsgefühle. In diesem Sinne würde die vorherige bzw. vorangegangene PTBS als „irreversibel“ angesehen8.

Auch in den DSM-IV ist die kPTBS aktuell nicht Bestandteil der Klassifikation. Im Gegensatz zu den ICD-10, die wie bereits erwähnt in einem solchen Fall auf eine andere Diagnose ausweichen (F62.0), wird die kPTBS hier der normalen PTBS (am. PTSD) untergeordnet. Im Zuge der Forschung von Herman und van der Kolk wurde versucht DESNOS (Disorders of extreme Stress not otherwise specified), wie die kPTBS synonym genannt wird, in die DSM-IV aufnehmen zu lassen. Nicht zuletzt, da sich in den DSM-IV im Gegensatz zu den ICD-10 auch keine Diagnose für eine andauernde Persönlichkeitsstörung findet. Dies scheiterte jedoch und DESNOS wurde lediglich als eine Form besonderer Ausprägung der herkömmlichen PTBS in den Anhang der DSM-IV aufgenommen und ihr wie bereits erwähnt untergeordnet9.

In der neuen Fassung der DSM von 2013 (DSM-5) wird die posttraumatische Belastungsstörung nicht mehr unter den Angststörungen geführt. Nach viel Kritik wurde ein neues Kapitel eingeführt, welches sich „Trauma- and Stressor-Related Disorders“, nennt. An der Codierung (309.81) hat sich gegenüber der DSM-IV nichts geändert. Zwar wurde auch das Kriterium A2 gestrichen, welches voraussetzte, dass „Angst, Hilflosigkeit oder Furcht“ durch den Betroffenen in der akuten Traumasituation erlebt werden mussten, dennoch findet sich auch nach wie vor keine eigene Diagnose für DESNOS oder kPTBS10. Es wurden zwar unter dem Kapitel weitere Subtypen der PTBS bzw. PTSD eingeführt wie beispielsweise die „Unspecified Trauma-and Stressor-Related Disorder“, diese scheint nach Jennifer Sweeton (2013) jedoch nicht weiter definiert zu sein:

Symptoms characteristic of a trauma- and stressor-related disorder that cause distress/impairment, but do not meet full criteria for other disorders in this class. Use this diagnosis for situation when you do not want to, or cannot, specify the reason(s) that criteria are not met for another disorder. Ex: When there is not enough information to make a more specific diagnosis (due to a short consult, emergency room visit, etc). (S.32)

[...]


1 Duden unter www.duden.de

2 Latein Wörterbuch unter: http://www.albertmartin.de/latein/?q=post&con=0

3 vgl. Lexikon online für Psychologie und Pädagogik unter: http://lexikon.stangl.eu/581/posttraumatische- stoerung/

4 vgl. Sack, M. (2010). Schonende Traumatherapie: ressourcenorientierte Behandlung von Traumafolgestörungen; mit 15 Tabellen. S.59.

5 vgl. Sack, M. (2010). Schonende Traumatherapie: ressourcenorientierte Behandlung von Traumafolgestörungen; mit 15 Tabellen. S.59.

6 vgl. Güls. F, Kunzke. D. Psychotherapeut 1, 2003. Diagnostik einfacher und komplexer posttraumatischer Störungen im Erwachsenenalter - Eine Übersicht für die klinische Praxis. S.55.

7 vgl. Knefel, M., Lueger-Schuster, B. (2013).Eine Evaluation der ICD-11 PTBS und komplexen PTBS Kriterien anhand einer Stichprobe Erwachsener mit Missbrauchserfahrungen in ihrer Kindheit in Institutionen. S.3

8 vgl. Güls. F, Kunzke. D. Psychotherapeut 1, 2003. Diagnostik einfacher und komplexer posttraumatischer Störungen im Erwachsenenalter - Eine Übersicht für die klinische Praxis. S.54f.

9 vgl. Güls. F, Kunzke. D. Psychotherapeut 1, 2003. Diagnostik einfacher und komplexer posttraumatischer Störungen im Erwachsenenalter - Eine Übersicht für die klinische Praxis. S.55f.

10 vgl. PsycheOnline.de PTBS: DSM-5 (2014) unter http://ptbs-ptsd.de/dsm-5.html

Details

Seiten
22
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656743668
ISBN (Buch)
9783656837855
Dateigröße
630 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v280898
Institution / Hochschule
Hochschule Magdeburg-Stendal; Standort Stendal
Note
1,3
Schlagworte
komplexe belastungsstörung

Autor

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Titel: Komplexe posttraumatische Belastungsstörung