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Im Auftrag des Regimes: Zu Leben und Werk des Filmemachers Sergej Eisenstein

Seminararbeit 2011 15 Seiten

Geschichte - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Einleitung

2. Propaganda und Ideologie – Begriffsklärung

3. Propaganda und Ideologie im Film
3.1 Sowjetische Propagandafilme

4. Sergej Eisenstein
4.1 Sein Leben
4.2 Eisensteins Werke

5. Alexander Newski

6. Schlussbetrachtung

Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Diese Seminararbeit soll zeigen, wie die sowjetische Führung unter Stalin, als oberstes Entscheidungsorgan der Filmindustrie, bis in kleinste Details hinein Filme und Drehbücher zensierte und manipulierte und den Krieg propagandistisch verklärte und benutzte.

Am Beginn dieser Arbeit werden zunächst werden die Begrifflichkeiten „Propaganda“ und „Ideologie“ geklärt und als wichtige theoretische Arbeitsmittel der sowjetischen Führung und damit verbunden der Filmschaffenden dargestellt. Dadurch bietet sich ein Einblick in die Einflussbereiche der kommunistisch - stalinistischen Führung, deren Weltbild und deren Auswirkungen auf die Filmproduktion.

Ein weiteres zentrales Thema soll das Leben und Wirken des sowjetischen Filmemachers Sergej Eisenstein sein und im Besonderen sein Werk „Alexander Newski“. Geklärt werden soll die politische Einstellung Eisensteins und sein Schaffen für das sowjetische Regime.

Als Hauptliteratur für die vorliegende Arbeit werden das Buch Peter Kenez „Cinema & Soviet Society 1917 – 1953“ von 1992, sowie die Artikel von Kenez „Black and White - The War on Film“ von 1995, die Dissertation von Lars Karl „‘Von Helden und Menschen’ Der Zweite Weltkrieg im sowjetischen Spielfilm und dessen Rezeption in der DDR, 1945 – 1965“ aus dem Jahr 2002, und „Sergej Eisenstein – eine Biographie“ von Oksana Bulgakowa aus dem Jahr 1997, wie auch Eisensteins „Alexander Newski“ sein.

2. Propaganda und Ideologie - Begriffsklärung

Der Begriff ‚Propaganda’ (lat. ‚propagare‘ = ausdehnen, fortpflanzen) durchlief im Laufe der Menschheitsgeschichte immer wieder einen starken Wandel und hatte unterschiedliche Bedeutungen. Im Zusammenhang mit katholischer Missionstätigkeit zunächst religiös geprägt, bekam er im 18. und 19. Jahrhundert eine immer stärkere politische Bedeutung und wurde unter anderem in der Französischen Revolution als „Kampfbegriff“ verwendet. Im letzten Jahrhundert dann veränderte sich seine Bedeutung in die Richtung einer wirtschaftlichen Sinnzuschreibung. Durch den Zweiten Weltkrieg erfuhr der Begriff einen nachteiligen Beigeschmack, so dass man ihm heute eher negativ gegenüber steht.[1]

Das Historische Wörterbuch der Rhetorik definiert den Begriff folgendermaßen: „Der moderne Begriff der Propaganda bezeichnet den gezielten Versuch von Personen oder Institutionen, einen bestimmten Adressatenkreis durch Informationslenkung für eigennützige Zwecke zu gewinnen und diese Zwecke zugleich zu verschleiern“[2]. Eine neutralere Definition liefert Christian Schwendinger: Propaganda „[ist] in der Politik die systematische, oft eifernde Werbung für ein bestimmtes politisches Anliegen, insbesondere die auf Verbreitung einer politischen Auffassung, Meinung oder Ideologie gerichteten eifernden Bestrebungen“[3].

Ideologien dienen im politischen Sinne

„zur Begründung und Rechtfertigung politischen Handelns.“ Sie sind also eine Kombination von bestimmten Weltanschauungen, „die jeweils eine spezifische Art des Denkens und des Wertsetzens bedingen, und […] eine Kombination von bestimmten Interessen und Absichten, die eigenen […] Zielen dienen. [Außerdem sind sie] wesentlicher Teil politischer Orientierung; sie sind sowohl Notwendigkeit als auch Begrenzung politischen Handelns“.[4]

Lenin definiert den Begriff Propaganda folgendermaßen: „Unter Propaganda würden wir die revolutionäre Beleuchtung der gesamten gegenwärtigen Gesellschaftsordnung oder ihrer Teilerscheinungen verstehen, unabhängig davon, ob das in einer Form geschieht, die dem einzelnen oder der breiten Masse zugänglich ist. Unter Agitation [lat. ‚agitare‘ = aufregen, aufwiegeln] im strengen Sinne des Wortes würden wir verstehen: den Appell an die Massen zu bestimmten konkreten Aktionen, die Förderung der unmittelbaren revolutionären Einmischung des Proletariats in das öffentliche Leben“[5]. Anders als Lenin bezeichnet Lars Karl schon die Propaganda selbst als aktionistisch. Er sieht sie als die Offensive der Ideologie, mit der durch Aktionismus jenes Ziel erreicht wird, das im Sinne der Propagandisten wünschenswert erscheint[6].

3. Propaganda und Ideologie im Film

Der Vorteil des propagandistischen Films gegenüber anderen Propagandaformen liegt schon in der Struktur des Filmes an sich. Zum einen wird nur ein Teil der Wirklichkeit abgebildet, zum anderen nimmt das Publikum den Inhalt passiv wahr. Weiterhin sind die Filmproduktion und die Filmrezeption zeitlich und lokal getrennt und die ästhetische Darstellung von Handlungen im Film an sich erschwert eine rationale Urteilsfindung zusätzlich[7]. Diese genannten Faktoren macht sich die Propaganda zunutze, um propagandistische Motive zu übermitteln. Ein Hauptmerkmal des Propagandafilms ist die größtmögliche Enthaltung und Vermeidung offener politischer Aussagen, vielmehr durch kleine Aspekte wird ein Film propagandistisch aufgeheizt. Die schwedischen Filmwissenschaftler Folke Isaksson und Leif Fuhrhammer haben die verschiedene Prinzipien, die für einen propagandistischen Film gelten müssen, wie folgt beschrieben: Die Ästhetisierung politischer Prozesse, der Führerkult, die Feindbilderzeugung und die Suggestion eines permanenten gesellschaftlichen Ausnahmezustands mit dem Ziel der Empörung des Publikums über die gerade gesehene tatsächliche oder vermeintliche Ungerechtigkeit.[8]

3.1 Sowjetische Propagandafilme

Die Bolschewiken glaubten unumstößlich an die Formbarkeit des menschlichen Geistes und sahen im Film ihr Medium zum Transport der Botschaften des Sozialismus. Sie nutzten sämtliche Mittel zur Propaganda. Die Propaganda im Film hatte aber von Anfang an eine Sonderstellung. Einerseits wurden gigantische Summen in die Filmproduktionen gesteckt, andererseits war man jedoch nie mit den Endresultaten zufrieden.[9] Jede Filmproduktion unterlag einem spitzfindigen Kontrollmechanismus durch den Staat: Seit den 1930er Jahren wurden von den Filmstudios Autoren engagiert, die fest vorgeschriebene Handlungsmotive verschriftlichen sollten. Die fertig gestellten Skripte wurden dann von, an die Filmstudios angegliederten, Partei- und Massenorganisationsabteilungen überprüft und bewertet. Dann erfolgte eine Veröffentlichung der Skripte in verschiedenen Parteiorganen, damit die Möglichkeit für „Änderungsvorschläge“ und „Diskussionen“ im Sinne der Parteilinie bestand. Auf jeder Ebene wurde Änderungen und Streichungen von unerwünschten Handlungen, Situationen oder Dialogen vorgenommen. Der schließlich fertig gestellte Film wurde der Abteilung für Propaganda und Agitation des Zentralkomitees der Partei vorgelegt, die einen abschließenden Bericht verfasste, bevor der Film dem gesamten Politbüro, einschließlich Stalin natürlich, vorgeführt wurde.[10] Somit war der Film nicht das Werk einer Filmfirma, geschweige denn eines Regisseurs, sondern immer der des Staates und somit auch des Politbüros unter Stalin. Von Andrei Zhdanov, Mitglied des Politbüros und zuständig für Kulturpolitik, ist zum Komplex der Propaganda im Film folgendes Zitat überliefert:

„Since everyone knows that all our films are state-produced, I, a Soviet viewer, conclude when I see a film that the ideas expressed in it are recommended by the government. And if this film encourages do-nothing attitude, I conclude that this is what the government recommends.“[11]

In diesem Zitat lässt sich eines sehr leicht erkennen: Der Zuschauer weiß, dass der Staat alle Filme produziert, also brauchte er nur die unterschwellige Botschaft des Films aufzugreifen, um zu wissen, was der Staat ihm vermitteln möchte. Seit der bolschewistischen Revolution unterlag der sowjetische Film einem enormen Wandel. Während der Film zu Beginn und Mitte der 1930er Jahre vor allem im Dienst der Bolschewisierung des Landes stand und eine Realität kreierte, die den Leuten nicht zeigt, wie das Leben ist, sondern wie es sein sollte[12], wurde zum Ende der 1930er Jahre die künstlerische Entfaltung der sowjetischen Filmemacher immer mehr eingeschränkt und das Kino immer mehr zur Mystifizierung Stalins benutzt. Dennoch entstanden durchaus bemerkenswerte Werke wie gerade „Aleksander Newski“ von Sergej Eisenstein. Laut Peter Kenez lässt sich dies auf die Einstellung der sowjetischen Führung zurückführen, die einen russischen Patriotismus forderte, deren Motto „je mehr, desto besser“ dazu führte, dass vor keiner Heldengestalt der russischen Geschichte Halt gemacht wurde: Marschall Kutuzov, der Held im Kampf gegen Napoleon, Iwan der Schreckliche oder Aleksandr Newski waren die benutzten Gestalten zur Schaffung eines vaterlandsliebenden, russischen Gemeinschaftsgefühls in der sowjetischen Öffentlichkeit. Diese Wende vom marxistischen Internationalismus zum altmodischen russischen Patriotismus fand also schon vor dem Krieg statt, kam aber durch den deutschen Überfall 1941 zur vollen Entfaltung[13]. Parallel hierzu verlief die Inszenierung Stalins als mythische Filmfigur. Eine Sonderrolle nimmt mit Sicherheit Sergej Eisensteins „Alexander Newski“ ein, auf den nachfolgend in dieser Arbeit näher eingegangen wird. Ein Film aus dem Jahr 1938, der den äußerst brutalen dargestellten Angriff des Deutschritterordens auf Nowgorod im Jahr 1242 thematisiert.

[...]


[1] Vgl. Ueding, Gert(Hrsg): Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Tübingen 2005. Bd. 7, Art. Propaganda.

[2] Schmidt, Manfred G.: Wörterbuch zur Politik. Stuttgart 2004. Art. Propaganda.

[3] Schwendinger, Christian: Was ist Propaganda? (http://www.rheton.sbg.ac.at/rhetonneu/index.php?option=com_content&task=view&id=81&Itemid=44)

[4] http://www.bpb.de/popup/popup_lemmata.html?guid=YEFPU0

[5] Lenin, Wladimir: Was tun?. Paderborn 2007. Kap. 3b).

[6] Vgl. Karl, Lars: „Von Helden und Menschen…“ Der Zweite Weltkrieg im sowjetischen Spielfilm und dessen Rezeption in der DDR, 1945 – 1965. Tübingen 2002. S. 49-50. Im Folgenden: Karl, Lars: „Von Helden und Menschen…“.

[7] Karl, Lars: „Von Helden und Menschen…“, S. 48.

[8] Isaksson, Folke; Fuhrhammer, Leif: Politik und Film. Ravensburg 1974.

[9] Kenez, Peter: Black and White. The War on Film, in: Stites, Richard (Hrsg.): Culture and Entertainment in Wartime Russia. Bloomington 1995. S. 157. Im folgenden: Kenez, Peter: Black and White.

[10] Vgl. Kenez, Peter: Black and White. S. 157 -159.

[11] Zhadov, Andrei zitiert von Kenez, Peter: Black and White. S. 158.

[12] Kenez, Peter: Cinema and Soviet Society, 1917-1953. Cambridge 1992. S. 192. Im Folgenden: Kenez, Peter: Cinema and Soviet Society.

[13] Kenez, Peter: Black and White, S. 170.

Details

Seiten
15
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656750840
ISBN (Buch)
9783656750833
Dateigröße
527 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v280979
Institution / Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Note
2,7
Schlagworte
auftrag regimes leben werk filmemachers sergej eisenstein

Autor

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