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Eine metapherntheoretische Abhandlung mit Schwerpunkt auf der kognitiven Metapherntheorie von Lakoff und Johnson

Bachelorarbeit 2014 36 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Metapher - von Aristoteles bis in die Gegenwart
2.1 Aristotelisches Metaphernkonzept
2.2 Zentrale linguistische Metapherntheorien
2.2.1 Vergleichs- bzw. Substitutionstheorie
2.2.2 Interaktionstheorie
2.2.3. Bildfeldtheorie

3. Metapherntheorie von Lakoff und Johnson
3.1 Metaphorische Konstruktion der Wirklichkeit
3.2 Metapher als Kulturträger
3.3 Metaphernarten nach Lakoff und Johnson
3.4 Jan Kruse: Problematiken, Kompromisse, Modifikationen

4. Politische Sprache
4.1 Definition
4.2 Funktionen der politischen Sprache
4.3 Rhetorische Figuren

5. Theorie und Praxis der Metaphernanalyse
5.1 Gegenstand
5.2 Rahmenbedingungen; Forschungsfragen
5.3 Methodik; Anwendung

6. Ausblick

LITERATURVERZEICHNIS

1. Einleitung

Der Hauptgegenstand der vorliegenden Arbeit ist die Auseinandersetzung mit der kognitiven Metapherntheorie von Lakoff und Johnson, diese wird auch metaphernanalytisch auf Ausschnitte einer politischen Rede angewendet, um ihre Struktur, Funktionsweise und Grenzen aufzuzeigen. Die Arbeit besteht demzufolge aus einem theoretischen und einem angewandten Teil, sowie einem abschließenden Ausblick.

Im theoretischen Teil werden vorerst die Ursprünge und die Weiterentwicklung der Metapherntheorie durch die Beschreibung ausgewählter Theorien geschildert. Die Auswahl dieser Theorien basiert auf deren historischer Relevanz und ihrem Bezug zum Hauptgegenstand. Sie sollen als theoretisches Fundament für die darauf folgende Schilderung der Theorie von Lakoff und Johnson dienen und den sprachwissenschaftlichen Kontext der Metaphernforschung umreißen.

Im Hauptteil des theoretischen Abschnitts werden die kognitive Metapherntheorie und die darauf basierende metaphernanalytische Methodik geschildert. Letztere beruht auf dem Werk von Jan Kruse “Metaphernanalyse: Ein rekonstruktiver Ansatz”.

Das Fragment, welches analysiert wird, gehört sprachlich gesehen zu der Gattung der politischen Sprache. Um diese vorerst zu beleuchten findet eine kurze Abhandlung über ihre Besonderheiten, ihre sprachlichen Mittel und ihre Funktionen statt.

Im angewandten Teil dieser Arbeit wird das vorliegende Diskursfragment auf der Basis der ausgearbeiteten theoretischen und methodischen Definitionen und Prinzipien selektiv analysiert. Als Textgrundlage dient eine Rede des ehemaligen sowjetischen Partei- und Staatschefs Michail Gorbatschow, die er im Juli 1989 vor dem Europarat hielt.

An dieser Stelle möchte ich erwähnen, dass der angewandte Teil dieser Arbeit nur als Veranschaulichung für die exemplarische Anwendung der kognitiven Metapherntheorie auf einen Text steht. Weder sollen allgemein gültige Aussagen über die Intentionen des politischen Akteurs getroffen werden, noch stelle ich die Forderung den Gesamttext vollständig einer Metaphernanalyse zu unterziehen.

2. Die Metapher - von Aristoteles bis in die Gegenwart

“Me⎟tạ⎪pher, die;-, -n (Sprachw. Wort mit übertragener Bedeutung, bildliche Wendung, z. B.» Haupt der Familie«)” (DUDEN: Seite 684)

Diese einfache Definition der Metapher kann ihr komplexes Gebilde als sprachliches Phänomen nicht erfassen, denn historisch gesehen variieren die Definitionen der Metapher im Umfang sehr (vgl. Haverkamp: Seite 25).

Dieses Kapitel meiner Arbeit sucht nicht nach einer allgemein gültigen Definition, sondern hat zum Zweck, einen geschichtlichen und theoretischen Überblick zu schaffen. Dieser Überblick soll als Grundlage für die weitere Betrachtung der Metapherntheorien, die bezüglich der Theorie von Lakoff und Johnson relevant sind, dienen.

Das sprachliche Phänomen der Metapher wurde bereits in der Antike thematisiert, wie überlieferten Texten zu entnehmen ist, wobei hier die Metapherntheorie von Aristoteles die größte Rolle spielt. Das Fundament der aristotelischen und postaristotelischen Metaphorologie wurde von den vorsokratischen Denkern und Platon gelegt. Diese befassten sich jedoch nicht direkt mit Metapherntheorien, sondern mit der Erkenntnis von Denk- und Ausdrucksformen und der Klärung des Verhältnisses von Sprache und Wirklichkeit (vgl. Lau: Seite 53).

2.1 Aristotelisches Metaphernkonzept

“Es ist ein nur zu oft übersehener Wink, daß das, was bei einer Metapher geschieht, ursprünglich mit Hilfe einer Metapher charakterisiert wurde. Denn das Wort »Übertragung« (epiphora), das Aristoteles in diesem Zusammenhang verwendete, war metaphorisch verwendet. Ein Wink deswegen, weil damit stillschweigend ausgedrückt wird, daß die Beschreibung der metaphorischen Prozedur selbst wieder Metaphern voraussetzt–ebenso wie die Beschreibung der Sprache Sprache voraussetzt” (Kurz: Seite 7).

Die aristotelische Metapherntheorie ist für diese Arbeit relevant, da sich alle Theorien, die nachfolgend geschildert bzw. praktisch angewendet werden, wenn auch kritisch, am aristotelischen Erklärungsmodell orientieren (vgl. Kurz: Seite 8).

Die zwei signifikantesten Werke, in denen Aristoteles seine Metaphorologie entfaltet, sind die “Poetik” und die “Rhetorik” (vgl. Lau: Seite 119). Zahlreiche Beispiele und Gedanken zur Metapher sind dort zu finden.

Unter den poetischen Mitteln ist laut Aristoteles die Metapher das weitaus wichtigste. Er betrachtet laut Kurz die Metapher als ein Mittel der poetischen Redeweise und nicht als Mittel der konventionellen alltäglichen Redeweise (vgl. Kurz: Seite 8). Laut dem aktuelleren Werk von Lau ist jedoch diese oft in der modernen Metaphorologie vertretene Ansicht, dass Aristoteles die Metapher nicht als eine allgemeine Erscheinung der menschlichen Sprache verstanden hat, falsch.

Lau beweist in seiner Aushandlung mit ausgewählten Zitaten, dass bereits Aristoteles die Metapher als ein übergreifendes Konzept verstanden hat (vgl. Lau: Seite 119).

2.2 Zentrale linguistische Metapherntheorien

Die Definitionen von Aristoteles gelangen über das Mittelalter bis in die gegenwärtigen Metapherntheorien. Seit den 30er Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts steht man jedoch einer völlig neuen Welle der Metaphernforschung gegenüber (vgl. Feng: Seite 15). Im folgenden werden zwei zentrale Metapherntheorien vorgestellt. Zusätzlich wird die Bildfeld- und Kontexttheorie von Harald Weinrich geschildert, da diese laut Drewer als Vorgänger der kognitiven Linguistik und des Begriffs der kognitiven Metapher von Lakoff und Johnson gilt (vgl. Drewer: Seite 19).

2.2.1 Vergleichs- bzw. Substitutionstheorie

Die Vergleichs- bzw. Substitutionstheorie zählt als die “klassische” Metapherntheorie. Max Black verweist als erster Forscher in seiner Typologisierung auf die Vergleichs - bzw. Substitutionstheorie, indem er die Theorien von Aristoteles und Quintilian zusammenfasst (vgl. Feng: Seite 16).

Blacks Vergleichstheorie geht auf folgende Definition der Metapher nach Aristoteles zurück:

“Eine Metapher ist die Übertragung eines Wortes (das somit in uneigentlicher Bedeutung verwendet wird), und zwar entweder von der Gattung auf die Art, oder von der Art auf die Gattung, oder von einer Art auf eine andere oder nach den Regeln der Analogie” (Poetik: Kap. 21 und 22).

Black entwickelt diesen Ansatz weiter, indem er die Behauptung, dass eine Metapher in der Darstellung der zugrundeliegenden Analogie oder Ähnlichkeit bestehe, als Vergleichstheorie klassifiziert.

Die Vergleichstheorie der Metapher besagt zusammengefasst, dass das Konstrukt ‘A ist B’ die Metapher umschreibt. Der Ausdruck ‘Moritz ist ein Fuchs’ würde also bedeuten, dass Moritz(A) ein Fuchs(B) ist, da eine Analogie oder Ähnlichkeit zwischen ‘Moritz’ und ‘Fuchs’ besteht.

In der Substitutionstheorie liegt der Schwerpunkt nicht auf dem Vergleich oder der Analogie. Wie der Begriff Substitution schon verrät - von lat. substituere ‚ersetzen‘, -besteht die Substitutionstheorie im Kern darin, dass die Metapher den eigentlichen Sinn eines Wortes oder eines sprachlichen Objekts ersetzt. Black nennt genauer gesagt jede Auffassung, die davon ausgeht, dass ein metaphorischer Ausdruck einen wörtlichen solchen ersetzt, substitutionstheoretisch. Die Substitutionstheorie besagt also nicht ‘A ist B’ sondern vielmehr ‘A ist C’ wobei C für die Bedeutung von B steht und A umschreibt: ‘Moritz’ ist ‘schlau’.

“Der Substitutionstheorie zufolge wird der Fokus einer Metapher, also jenes Wort oder jener Ausdruck, der deutlich metaphorisch gebraucht ist innerhalb eines Rahmens, der durch den Wortlaut des Satzes gegeben ist, dazu benutzt, eine Bedeutung mitzuteilen, die auch wörtlich hätte ausgedruckt werden können“ (Black: Seite 62).

Damit der Rezipient die Bedeutung einer Metapher entziffern kann, muss er jedoch die beabsichtigte wörtliche Bedeutung kennen (Fuchs=schlau). “Das Verstehen einer Metapher gleicht dem Entziffern eines Codes oder dem Auflösen eines Rätsels” (Black: Seite 63).

Die kognitive Leistung des Rezipienten beschränke sich demzufolge auf die Deutung des metaphorischen Ausdrucks anhand eines Analogieschlusses. Die Nachteile des Models der Substitutionstheorie liegen darin, dass dieses für die Analyse komplexer Metapherngebilde nur bedingt geeignet ist. So können damit die kreativ-produktive Wirkung der Metapher auf das Bewusstsein und die Leistung der Metaphernproduktion nicht differenziert und adäquat bewertet werden (vgl. Internetquelle 6: Seite 228).

2.2.2 Interaktionstheorie

Max Blacks wichtigster Beitrag zur metapherntheoretischen Forschung ist die Einführung der Interaktionstheorie, die sich grundsätzlich von dem aristotelischen Ansatz unterscheidet. Laut der Interaktionstheorie ist die Metapher keine Substitution auf Wortebene, die Metapher begrenzt sich nicht auf die Sprache, sie ist vielmehr eine Kombination verschiedener Aspekte, die auch miteinander interagieren (vgl. Feng: Seite 26).

Hierzu bezieht sich Black auf den semantischen Ansatz des Metaphernforschers Richards:

“Auf die einfachste Formulierung gebracht, bringen wir beim Gebrauch der Metapher zwei unterschiedliche Vorstellungen in einen gegenseitig aktiven Zusammenhang, unterstützt von einem einzelnen Wort oder einer einzelnen Wendung, deren Bedeutung das Ergebnis der Interaktion beider ist” (Richards: Seite 34; Black: Seite 69).

Die Interaktionstheorie vertritt nicht die Ansicht, dass Metaphern durch den Analogie/Ähnlichkeit-Ansatz der Vergleichs/Substitutionstheorie zu ergründen sind. Sie befreit die Metapherndiskussion von den Beschränkungen der Analogien und setzt Ihren Schwerpunkt auf die Interaktion auf kognitiver Ebene.

Weiterhin führt Black das Konstrukt ein, in dem der Primärgegenstand in einem gegenseitigen Implikationszusammenhang mit dem Sekundärzusammenhang steht:

“Im Kontext einer bestimmten metaphorischen Aussage “interagieren” die beiden Gegenstände auf folgender Weise: (I) das Vorhandensein des Primärgegenstandes reizt den Zuhörer dazu, einige der Eigenschaften des Sekundärgegenstandes auszuwählen; und (II) fordert ihn auf, einen parallelen “Implikationszusammenhang” zu konstruieren, der auf den Primärgegenstand paßt; und umgekehrt (III) wiederum parallele Veränderungen im Sekundärgegenstand bewirkt” (Black 1977: Seite 393).

Die oberen Aussagen implizieren folgendes: Der Primärgegenstand (Moritz) und der Sekundärgegenstand (Fuchs) sind nicht nur sprachliche Objekte, vielmehr sind sie für den Rezipienten Konzepte. Diese Konzepte werden auf kognitiver Ebene generiert und können je nach dem gesellschaftlichen und kulturellen Kontext des Rezipienten variieren, ausserdem ist die Kommunikationssituation der Akteure ein Faktor, der diese Konzepte beeinflusst und bestimmt.

Das hieße, der Rezipient hätte in dem Fall ‘Moritz ist ein Fuchs’ auf kognitiver Ebene das Konzept ‘Fuchs’ mit dessen (dem Rezipienten) bekannten Eigenschaften und Bedeutungen auf das Konzept ‘Moritz’ projiziert. Im europäischen Kulturraum wären das mitunter Qualitäten und Bedeutungen wie ‘schlau’, ‘verschlagen’, ‘flink’, ‘räuberisch’ , ‘schwer zu fassen’, ‘Ungeziefer’ etc.,etc..

‘Moritz’ an sich ist allerdings auch ein Konzept, das zusätzlich vom Kontext der Aussage und der Kommunikationssituation beeinflusst wird. Auch im Falle eines fehlenden Kontexts könnte Moritz einige Assoziationen erwecken, die das Konzept bilden. Z.B.: Moritz ist vermutlich eine männliche Person deutschsprachiger Abstammung, ausserdem ist Moritz ein Name, der in Wilhelm Buschs “Max und Moritz – Eine Bubengeschichte in sieben Streichen” vorkommt und eventuell bei einigen Rezipienten eine Assoziation mit dieser Kunstfigur erweckt. In diesem Fall würden die Rezipienten wahrscheinlich die gängigste Bedeutung von ‘Fuchs’ auf ‘Moritz’ projizieren, nämlich ‘schlau’. Würden der Kontext oder die kommunikative Situation jedoch implizieren, dass ‘Moritz’ ein Verbrecher ist, so würden die Rezipienten womöglich eher Qualitäten wie ‘verschlagen’, ‘schwer zu fassen’ oder ‘Ungeziefer’ auf Moritz projizieren. Somit hätte man zwei mentale Konzepte, die sich gegenseitig beeinflussen.

2.2.3. Bildfeldtheorie

Die Bildfeld- und Kontexttheorie von Harald Weinrich gilt als Weiterentwicklung der Interaktionstheorie (Vgl. Internetquelle 7: Seite 15) und Vorgänger der kognitiven Metapherntheorie von Lakoff und Johnson (vgl. Drewer: Seite 19).

Weinrich entwarf die Bildfeld- und Kontexttheorie in fünf Aufsätzen, die zwischen 1958 und 1976 verfasst wurden. (vgl. Internetquelle 7: Seite 15)

In seinem Konzept des Bildfeldes betrachtet Weinrich die Metapher nicht mehr als statisches Phänomen der Bedeutungsübertragung, sondern vielmehr als ein dynamisches Prozess der Bedeutungskonstruierung (vgl. Drewer: Seite 20). Nach Weinrich stehen Einzelmetaphern in einem sprachlichen Zusammenhang mit anderen Metaphern, diesen Zusammenhang nennt er Bildfeld (vgl. Internetquelle 7: Seite 16).

Dabei sind die Bildfelder eine Erscheinung der langue - das nach de Saussure allgemeine, überindividuelle, soziale Sprachsystem als ein System von Zeichen und grammatischen Regeln (vgl. Internetquelle 8). Diese Erscheinung der langue wird im konkreten Sprechakt auf der Ebene der parole als Einzelmetapher realisiert wird. Dabei ist parole die Ebene der konkreten räumlich-zeitlichen Realisierung der langue in sprachlichen Äußerungen (vgl Internetquelle 8), (vgl Drewer: Seite 20).

Dabei bestehen Bildfelder aus einem Bildspender und einen Bildempfänger:

“Insofern zwei Sinnbezirke Bestandteile eines Bildfeldes sind, benennen wir sie [...] als bildspendendes und bildempfangendes Feld. In unseren Beispielen wird das bildempfangende Feld vom Sinnbezirk Sprache gebildet, das bildspendende Feld vom Sinnbezirk Finanzwesen; das Bildfeld, das sich in der Koppelung der beiden Sinnbezirke konstituiert, wollen wir nach seiner Zentralmetapher ‘Wortmünze’ benennen” (Weinrich 1976: Seite 284).

Damit ist gemeint, dass z.B. in der Metapher ‘Wortmünze’ das Sinnbezirk ‘Wort’ den Begriff ‘Sprache’ mitbringt, und den Sinnbezirk ‘Münze’ den Begriff ‘Finanzwesen’ mitbringt. Somit wäre ‘Finanzwesen’ das bildspendende Feld und ‘Sprache’ das bildempfangende Feld. Zusammen bilden Sie das Bildfeld ‘Wortmünze’ (vgl. Kovtun: Seite 69). Wichtig dabei ist, dass die Verknüpfung zwischen dem bildspendenden und bildempfangenden Feld nicht willkürlich entstehen und gemeinsames Wissen unter den Kommunizierenden erfordert. Bildfelder sind also objektive, soziale Gebilde, die in der Gesamtheit der Sprache existieren. Bildfelder werden nach Weinrich selten neu erschaffen, dafür wachsen sie stetig an dem Metapherumfang, den sie beinhalten. Da viele Metaphern mehreren Bilfeldern zugleich angehören, können sich Bildfelder auch überschneiden (vgl. Internetquelle 7: Seite 17).

Weinrich erreicht durch seinen Ansatz folgenden methodischen Fortschritt: Man muss nicht jede einzelne Metapher interpretieren und erklären; vielmehr erklären und stützen sich Metaphern, die dem selben Bildfeld gehören, gegenseitig (vgl. Drewer: Seite 20). Somit schuf Weinrich eine Theorie anhand derer die sprachlichen Einzelmetaphern zu übergeordneten Einheiten, die sowohl Herkunfts- und Zielbereich erfassen, zusammengefasst und systematisiert werden konnten. Dies ermöglichte die Metapher zu verstehen und deren Produktion vorherzusagen (Drewer: Seite 19). Metaphern sind nach Weinrich also nicht nur ein Mittel, um bestehenden Analogien und Korrespondenzen auszubilden, vielmehr erschaffen sie neue solche, womit sie auch die Realität strukturieren und erschaffen.

Somit legte Weinrich die Ansätze eines “kognitiven” Verständnis der Metapher bereits vor dem sprachwissenschaftlichen Umbruch, der zur Entwicklung der kognitiven Linguistik und im Speziellen zu dem Metaphernkonzept von Lakoff und Johnson führte (vgl. Drewer: Seite 22).

3. Metapherntheorie von Lakoff und Johnson

In diesem Kapitel wird die Metapherntheorie von Lakoff und Johnson nicht in ihrem ganzen Umfang präsentiert, vielmehr werde ich die Grundsätze dieser schildern und mich auf einzelne Konzepte konzentrieren, die dieser Arbeit zuträglich und für die nachfolgende metapherntheoretische Analyse relevant sind. Ich werde mich vermehrt auf die Interpretation von J. Kruse beziehen, da seine Methodik der rekonstruktiven Metaphernanalyse auf seiner Sicht der kognitiven Metapherntheorie aufbaut.

Anfang der 80er Jahre stellten Lakoff und Johnson im Rahmen der kognitiven Linguistik eine neue und innovative Metapherntheorie vor (vgl. Drewer: Seite 4).

Im klassischen Sinne der Rhetorik zählt die Metapher zu den Troppen. Das sind Stillmittel, die einen eigentlichen Ausdruck durch einen “uneigentlichen” solchen ersetzen. Unter anderem zählen zu den Troppen folgende sprachliche Mittel:

Metonymie, Synekdoche, Antonomasie, Vossianische Antonomasie und Personifikation. Lakoff und Johnson verstehen die Metapher nicht wie Aristoteles oder die klassische Rhetorik. Sie verstehen alle sprachlichen Phänomene, in denen Bedeutung übertragen wird, als Metapher. Bei Lakoff und Johnson stehen nicht die Stilfigur und ihre grammatische Funktion im Vordergrund, sondern deren Funktion für die Konstruktion von Realität. Weiterhin erweitern Lakoff und Johnson die Definition der Metapher, indem sie die Behauptung aufstellen, dass alle Stilfiguren, die eine Gleichung + eine Ungleichung enthalten, metaphorisch sind (vgl. Kruse: Seite 46).

Betrachten wir als Beispiel den Ausdruck ‘Europa ist ein Haus’:

Gleichung:

Man kann sowohl ‘Europa’ als auch ein ’Haus’ betreten oder verlassen, denn sie haben physikalische Grenzen. Beides ist auch geografisch gesehen unbeweglich und hat Bewohner.

Ungleichung:

Man kann ein ‘Haus’ abreißen oder auch vermieten, ein ‘Haus’ kann man anfassen, abschliessen oder um eine Etage erweitern. Oberes ist mit ‘Europa’ nicht machbar.

Durch diese Definition von Lakoff und Johnson rückt die Metapher aus der sprachlichen Eingrenzung der Rhetorik und wird zu einem übergreifendem Normal in der Alltagssprache. Durch das Projizieren von Eigenschaften von bekannten Zusammenhängen auf unbekannte solche, dient die Metapher der Veranschaulichung und führt infolgedessen zur Verständlichkeit eines abstrakten oder unbekannten Phänomens. So projizieren wir auf abstrakte Gebilde wie z.B. ‘Zeit’ Eigenschaften wie ‘fließend’, ‘unaufhaltsam’ etc. Diese Projektion verhilft uns die Komplexität des Gegenstands zu verringern und diesen in unserer Weltansicht aufzunehmen.

So werden unbekannte und unfassbare Phänomene ins Bekannte übersetzt. Nun, da das Bekannte jedoch subjektiv und begrenzt ist, werden diese Phänomene nicht nur übersetzt, sondern auch in das Bekannte eingefangen und darin begrenzt. So impliziert die Metapher “Eine Theorie ist ein Gebäude”, dass eine Theorie wie ein Gebäude konstruiert und betreten werden kann. Jeder weiss wie ein Gebäude aussieht und gewinnt durch die Metapher Einsicht in das Konzept ‘Theorie’. Die Gebäudemetapher impliziert jedoch auch eine gewisse Starrheit, so kann man ein Gebäude nicht mit einem anderen Gebäude kombinieren, was bei Theorien jedoch möglich ist. So ermöglichen uns Metaphern Dinge in die Welt zu sprechen, diese werden jedoch auch reduziert auf die Eigenschaften des bildenden Gegenstands. So strukturieren und beleuchten Metaphern Dinge nicht ganzheitlich, sondern nur teilweise (vgl. Kruse: Seite 65,66).

Nach Lakoff und Johnson bilden Metaphern ein dynamisches Netz von ineinandergreifenden Konzepten, wodurch unsere Realität strukturiert wird. Die Autoren unterscheiden dabei zwei Arten von Beziehung zwischen Metaphern - Kohärenz und Konsistenz.

Konsistent zu einander wären die Metaphern “Die Liebe blüht auf” und “Die Liebe ist verwelkt” - beiden Metaphern beziehen Sich auf die Liebe als Pflanze.

Kohärent wären die Metaphern “Die Liebe ist verwelkt” und “Die Liebe findet ihre Wege”. So wäre die Liebe im ersten Beispiel eine Pflanze und im zweiten ein Lebewesen mit Intentionen, beide Konzepte sind unterschiedlich, haben jedoch die gemeinsame Ableitung, dass Liebe ein Lebewesen ist. Diese metaphorische Ableitung zeigt laut Lakoff und Johnson, dass sich Metaphern überschneiden (vgl. Kruse: Seite 68).

[...]

Details

Seiten
36
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656843887
ISBN (Buch)
9783656843894
Dateigröße
526 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v281089
Institution / Hochschule
Universität Bielefeld – Fakultät für Linguistik und Literaturwissenschaft
Note
2,0
Schlagworte
Lakoff Johnson Metapher Metaphor Gorbatschow Metapherntheorie Kognitive bildfeldtheorie interaktionstheorie Substitutionstheorie jan kruse politische sprache

Autor

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Titel: Eine metapherntheoretische Abhandlung mit Schwerpunkt auf der kognitiven Metapherntheorie von Lakoff und Johnson