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Angstzustände. Individuelle und gesellschaftliche Ursachen

Akademische Arbeit 2002 53 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Angst als Problem

2. Das Zeitalter der Angst ? -kurzer Abriss der Situation

3. Gibt es „gute“ Gründe für unsere Angst ?

4. Abwehrmechanismen

5. Angst als Abbild gesellschaftlicher Zustände –
5.1 Gesellschaftliche Probleme mit und durch die Angst
5.2 „Der neurotische Mensch unserer Zeit“ - Neurosen als kulturelles Abbild

6. Charakterneurose und Hilflosigkeit

7. Typische Ängste unserer Tage
7.1 Epidemiologie „realer“ Ängste und der „Angststörungen“
7.2 Diffusität und neue Abhängigkeiten - Angstquellen und Technikdominanz

8. Strukturelle Ursachensuche - belastende Bedingungen
8.1 Stress und Angst
8.2 Kapitalismus und Angst : Anpassung und Entfremdung
8.3 Furcht vor der Freiheit

9. Literaturverzeichnis (inklusive weiterführender Literatur)

1. Angst als Problem

Ängste nehmen im alltäglichen Wahrnehmen und Handeln einen großen Stellenwert ein. Die generalisierte Angststörung ist laut WHO die zweithäufigste Ursache als „ psychischer Konsultationsanlass “ bei den Ärzten. (www.psychotherapie.de) Auch Krankschreibungen gehen mehr und mehr auf psychische Ursachen zurück. Die Angststörungen haben inzwischen -laut Berufsverband der Allgemeinärzte- eine höhere Verbreitung als etwa Diabetes erreicht (ca. 7 Millionen Menschen), deren Dimension jedoch durch die breite Bevölkerung bisher aber kaum wahrgenommen wird oder wahrgenommen werden will. (DIE ZEIT, 27/02) Scheinbar versuchen viele Menschen so gut es geht, diese Störungen zu verheimlichen, da diese eine Inkombatibilität zur allgemeinen Leistungsgesellschaft darstellen (bzw. als solche empfunden werden). Für die Volkswirtschaft entstehen durch die Angststörungen Kosten von 50 Milliarden Euro pro Jahr, wie eine Studie der Fachhochschule Köln besagt. (www.psychotherapie.de) Wenn man bedenkt, dass viele Haus- und Allgemeinärzte noch dazu fehlerhafte Diagnosen stellen, kann man sich vorstellen, dass es ein bedeutsames Problem ist. Jeder fünfte Deutsche erlangte in einer Studie des Münchner Max-Planck- Instituts für Psychiatrie den Status „psychische Störung“. An der Spitze dieser Untersuchung lagen die verschiedenen Formen der Angststörungen.

(http://www.psychotherapie.de/psychotherapie/angst/00092601.html)

Wichtig ist dabei zu erkennen, dass es nicht mehr „nur“ Einzelschicksale sind, sondern es sich um Zustände von „ grosser gesundheitsökonomischer Bedeutung “ handelt. (ebd.)

Nach einer Forsa-Umfrage, (in der 1000 Arbeitnehmer in deutschen Büros befragt wurden), werden 60 % der Angestellten von Angst-Attacken geplagt. Als wahrscheinliche Ursache wird hier vor allem der Konkurrenzdruck und die Möglichkeit selbst Fehler zu machen angeführt, was sich nun auf die Befindlichkeit auswirke. Bei den Ostdeutschen dominiert noch die Angst vor der Kündigung, während die Westdeutschen eher eigene Fehler befürchteten. (VÖ:26.9.2000) Besonders Unsicherheiten und drohende Umstrukturierungsmaßnahmen seien hiernach eine Bedingung für eine Angstempfindung.(ebd.)

Für viele Experten sind Depressionen und Angsterkrankungen auf dem absoluten Vormarsch. Für das Jahr 2020 wird bereits prognostiziert, dass diese dann den zweiten Platz unter den am meisten belastenden Krankheiten innehaben. Die Angst vor der Angst wäre in dieser Hinsicht die Angst vor dem Unwohlsein, den Einschränkungen, der Krankheit. Dies allerdings bedingt wohl zumindest bereits eine Erfahrung mit den Angst-attacken.

Sehen wir näher auf die angsterzeugenden Bedingungen, so kann -will man auch eine psychische Gesundheit als „volkswirtschaftliches Gut“ anstreben- dies nur bedeuten, strukturelle Änderungen vorzunehmen. Die gesellschaftliche Betrachtung, also die Ursachensuche auf struktureller Ebene führt zurück zur Frage nach dem Umgang mit uns und unseren Ängsten: Zum einen gibt es da ein angstbesetztes Er-leben, also eine Verschärfung der Angstwahrnehmung, zum anderen aber auch eine indirekte Angstleugnung, eine Blindheit für Veränderungsbedarf, die ebenso schädlich ist. Um der Angst zu begegnen, muss man sie zunächst aber selbst wahrnehmen und akzeptieren.

2. Das Zeitalter der Angst ? -kurzer Abriss der Situation

Erstaunt gibt sich Wolfgang Deubelius hinsichtlich des Umstandes, dass erst in der Neuzeit Bestrebungen herrschten, diesem Zustand des Unwohlseins, der Bedrohung, einen Namen zu geben. ( Deubelius in Grubitzsch/ Weber, S.24) Ob es tatsächlich Zeiten gab, in denen die Angst, wie wir sie kennen, keine grössere Rolle spielte?

Der Stellenwert der Angst in unserem Kulturkreis ist wohl seit Freuds Schrift zum kollektiven Unbehagen (1930) mehr und mehr offensichtlich geworden. Viele psychoanalytisch vorgehende Autoren befassten sich mit diesen Urgefühlen, die doch scheinbar parallel mit vielfältigen modernen Entwicklungen zusammenlaufen. So Erich Fromm mit seinen frühen Texten zur Gesellschaftsanalyse und speziell zum entsprechenden Charakter der gesellschafts-teilhabenden Menschen. Angst ist dabei ein treibendes Moment, ein kollektiv wirksames Mittel der Anpassung und der Unterordnung. Zugleich ist die Angst in der Art und Weise ihres Auftretens ein Merkmal eines spezifischen Zustands (dazu weiter unten näheres zur Frage der „kranken Gesellschaft“), abhängig von ihrer Intensität und Lebensweltdominanz. So entwickelte sich Angst (als Ur-Empfindung der neurotischen Störungen) zu einer alltagsdominierenden Befindlichkeit. Karen Horney beschrieb bereits ebenfalls in den 30er Jahren diese charakterliche Erscheinung und sprach schon vom „neurotischen Menschen unserer Zeit“.

Auch Ereignisse wie die Anschläge in New York lassen die Ängste wachsen. So wurden in den deutschen Praxen nach dem 11. September 2001 45% mehr Angstörungen diagnostiziert. Vermutlich trugen viele die Ängste bereits in sich und nahmen dann dieses Ereignis zum Anlass, ihre Sorgen auszusprechen. Angst ist eine heimliche Krankheit, die von Betroffenen gern unterschlagen wird; es ist leichter Flugangst oder Prüfungsangst zuzugeben, als die undefinierten Angstgefühle, die man (wiederum aus Angst), um nicht als „bekloppt“ oder geistesgestört zu gelten, lieber unterdrückt, wie es durch die Worte von Professor Klaus Wahle vom Berufsverband der deutschen Ärzte in der „ZEIT“ formuliert wurde.

So hat die Angst (wenn wir den Zustand einmal verabsolutieren) auch als allgemeiner Wahrnehmungszustand, wenn auch nicht ausschliesslich in rein neurotischer Natur (obgleich eine absolute Differenzierung hier unmöglich wird) eine erstaunliche Alltagsrelevanz. Entsprechend gibt sich jeder Mühe, mittels verschiedenster Mechanismen diesem unliebsamen Zustand zu trotzen, so durch Abwehrhaltungen, Verdrängungen, offenen Aggressionen oder durch Abschottung nach innen und aussen. Die Zuhilfenahme verschiedenster Mechanismen, also etwa technische Hilfsmittel sind jedoch zweifelhaft in ihrer Wirkung, Angst wird dadurch verlagert und z.B. auf andere, manchmal diffusere Ursachen projiziert. Eine treffende Einschätzung machte bereits Hans Zbinden im 1959 veröffentlichten Buch „Der bedrohte Mensch“:

„ Je mehr Sicherheiten wachsen, desto geringer ist das allgemeine Vertrauen, je dichter der Ring von Bollwerken, desto stärker das Gefühl eines ständigen, vagen Bedrohtseins, um so unersättlicher die Sucht nach immer mehr und immer höheren Umzäunungen. Immer raffinierter trachten Medizin, Hygiene, Seelentherapie zu heilen, vorzubeugen, zu festigen, und immer drückender lastet die Furcht vor Krankheit, vor Einsamkeit, vor der Leere und Ohnmacht des persönlichen Daseins.“ (Zbinden, S.13)

So wie Neurosen Abbilder einer kulturellen Situation sind, der sie entspringen, d.h. gesellschaftlich geformt werden, geben uns auch die Ängste der Menschen und die Bewältigungsmuster Auskunft über den Zustand einer Gesellschaft. Die Angstbezüge bei den Menschen sind verschieden, abhängig vom jeweiligen Erkenntnisstand, von der Wahrnehmung als auch von der Integration der Bedrohungen. Sie werden dann mittels Hilfe kultureller und gesellschaftlich akzeptierter Maßnahmen bezwungen. Angstneurotiker haben den kulturellen Standard zu einem Teil quasi abgelegt. Ihre Art Angst zu empfinden ist im Vergleich zu anderen kulturellen Teilhabern insgesamt als irrational zu bewerten, was die Relativität des „Neurotischen“ in der Bewertung verdeutlicht. Wie Karen Horney schreibt, ist ein Abweichen von der Norm zwar ein Zeichen einer Neurose, es können aber grosse Teile der Normalität trotzdem neurotisch sein. Daher definiert sie eine Neurose mit dem Vorhandensein von Starrheit (also einem Mangel an Biegsamkeit, die verschiedenartiges Reagieren in verschiedenen Situationen ermöglicht) als auch mit dem Vorhandensein einer Diskrepanz zwischen Möglichkeit und Leistung. (Horney, S.23) Wenn man den Erfolg von technischer Machbarkeit zu einem guten Teil der Strategie einer Angstbekämpfung zuschreibt, so muss man wohl auch davon ausgehen, dass das Vorhandensein von einer Vielzahl von Neurosen und Panikerkrankungen mit diesen Entwicklungen zusammenhängt. Neurosen basieren auf Entwicklungen, die das „Ich“ in der „objektiven“ Betrachtung und Bewertung von Situationen hemmen, es im unfertigen Zustand den Bedrohungen ausliefern, denen man entsprechend kaum gewachsen ist. Zumeist sind frühkindliche Erfahrungen ausschlaggebend, also etwa die Erfahrung des Abgelehntwerdens.

Historisch gesehen haben wir ja den gewissermaßen schützenden Zustand der Gemeinschaft zum Teil schon lange vor dem Mittelalter aufgegeben und im Grunde mit der Sesshaftigkeit bereits begonnen, den materialistischen Werten, dem Besitztum, einen großen Vorzug und Stellenwert zu erteilen. Gewisse Ängste („Realängste“) und besonders Abhängigkeiten konnten auch hier wohl gebunden werden, obwohl doch zugleich der unermüdliche Prozess der Umweltumgestaltung besondere Formen und Intensität der Angsterweckung annahm. Mit der Dominanz des Besitze(n)s und dem Erstarken des Kapitalismus begann auch eine Entwicklung, die den Individualismus - also eine Ich-Zentrierung- hervorbrachte, die in heutiger Form zu einer großen „Eigendrehung“ (Riemann) geführt hat und dem Menschen die Kläglichkeit seiner Existenz vor Augen führt. Der Verlust anderer großer Bezugsrahmen, wie der Religion, die gesellschaftliche Bindung und Sicherheit gab (und auch Leere kompensierte), tat sein übriges.

Die Risiken, die mit der Aufklärung eine besondere Eigenverantwortung des Menschen bedeuteten, sind groß, „denn unsere kognitiven Fähigkeiten sind Leistungsbegrenzungen unterworfen, die in der Konstitution unseres Hirns begründet sind.“ (Eibl-Eibesfeldt/Sütterlin, 437f.)

Für den bekannten Soziologen Ulrich Beck sind es in erster Linie die Ambivalenzen in einer eher unsicher gewordenen „post-industriellen“ Gesellschaft mit den Sicherungssystemen des 19. Jahrhunderts (Versicherungen), die zu Unsicherheiten und Zukunftstängsten führen. Laut Beck gibt es keine Natur, auf die man sich berufen kann (er verbindet den Begriff „Natur“ mit Norm, Gegenentwurf oder Utopie), sondern nur ein entsprechend angepasstes, neues Verhalten. So entwickele sich eine bedeutsame Angst aus einer unzureichenden Sicherheit, denn Institutionen, die die globalen Folgen bändigen sollen, seien wie „ Fahrradbremsen am Interkontinentalflugzeug“ (Beck in Hartwich (Hg.), S.32)

Während, wie Beck schreibt, in der „Klassengesellschaft“, die treibende Kraft noch im Ausdruck „Ich habe Hunger!“ begründet lag, kündet nunmehr die Aussage „Ich habe Angst!“ von der existentiellen Lage der neuerlichen Risiken. „An die Stelle der Gemeinsamkeit der Not tritt die Gemeinsamkeit der Angst“ meint Beck und spricht sogar von der Solidarität aus Angst, die mithin in einer politischen Kraft ihren Ausdruck findet.(Beck, S.66)

Die Lebensängste, die nahezu alle Mitglieder dieser Gesellschaft mehr oder minder stark teilen, entstammen wohl auch den postulierten Bedrohungen einer „Risikogesellschaft“, die nun zwar mittels Rationalität und Wissenschaft vorgibt, Risiken sachlich zu handhaben, letztlich aber an der sozialen Realität und den Ambivalenzen scheitert. Zivilisationsrisiken sind stärker denn je in den Vordergrund gerückt, nicht allein dem unbestimmten Fortschreiten einer undurchschaubaren Gesellschaft (und deren Unsicherheiten), die sich scheinbar zügel- und grenzenlos ausbreitet geschuldet, sondern auch durch offensichtliche „Schwierigkeiten“ wie Reaktorunfällen, Umweltzerstörung und Terrorismus verstärkt, die als äussere Bedrohungen die „ultimative Angst“ -die Todesangst- begleiten.

Gerade die Verleugnung des Todes scheint als notwendige Schutzmaßnahme ein besonderes Charakteristikum der modernen Gesellschaften zu sein. Sieht man dies als natürliche, selbsterhaltende Reaktion (Todesangst), so versteht man auch jene Schlussfolgerung, wonach der Mensch Wege finden muss, das Bewusstsein der Sterblichkeit zu beschwichtigen, da diese Angst als grundlegendste Angst der Menschen (und auch als Antrieb der Gesellschaft) angesehen wird. (vgl. Ochsmann in „Zeitschrift für Sozialpsychologie“, S.5)

Parallel gibt es aber auch die Anschauung, wonach die Todesfurcht als von Lernerfahrungen geprägt und damit kulturell und sozial geformt verstanden wird. Randolph Ochsmann beschreibt so einen Zusammenhang zwischen zunehmender „Furcht vor Tod und Sterben“ und der wachsenden Industrialisierung und deren Folgen. Speziell die Vereinzelung des Menschen verstärkt dieses Problem: „Die Furcht vor der Einsamkeit verbindet sich mit der vor dem Tod. Todesfurcht ist sozusagen der Preis für den Individualismus in den westlichen Industrieländern.“ (zit. nach ebd.) Auch der Arzt Linus Geisler schreibt auf seiner Internet-Seite von der Dominanz der Todesangst in unsere Zeit. (so besonders die Unvorstellbarkeit des persönlichen Todes) (www.linus-geisler.de)

Geisler verweist auf Erich Fromm und den Gedanken der Angstkompensation durch die Anhäufung von Besitz. Doch dies ist eine zweifelhafte Motivation: „Denn Konsumieren besitzt ja etwas Zweideutiges: Es vermindert die Angst, weil das Konsumierte nicht mehr weggenommen werden kann, aber es zwingt auch, immer mehr zu konsumieren, denn das einmal Konsumierte hört bald auf, zu befriedigen.“ (www.linus-geisler.de.)

Ängste der Moderne sind wohl auch der Dynamik und Größe der Institutionen geschuldet. Je stärker sie wachsen und Dominanz einnehmen, um so mehr entwickeln sie ein Eigenleben, das sich in Verselbstständigung äussert und zunehmende Abhängigkeit (für die Menschen) bedeutet. Die aufgeblähte Struktur der Institutionen, die viel mit Machtausübung (symbolische als auch reelle) und zugleich Bedrohungsabwehr zu tun hat, schlägt gegenüber den Machern zurück: Es kommt praktisch zu einer Verselbstständigung (Verwaltungsapparate etc.) und zur zunehmenden Entziehung von der Kontrolle der Schöpfer zu ihren Produkten. (vgl. Eibl-Eibesfeldt/Sütterlin, S.441)

Auch die subjektive Hilflosigkeit gegenüber computergesteuerten Systemen ist ein solcher Aspekt. Etwa in modernen Gebäuden, in denen Überwachungssysteme vom technischen Stand künden, als auch Sicherheit demonstrieren sollen, da Kriminalität als Gefahr und Bedrohung angesehen wird (a la „1984“) oder automatische Rolladen/ Fensterverdunkelung, die sich der menschlichen Befehlskontrolle entziehen. Ebenso suggerieren ausgefeilte Elektronik in Autos oder sonstig automatisch-gesteuerte Systeme eine Überlegenheit gegenüber dem Menschen. Die technische Machbarkeit dient hier ebenfalls dem Sicherheitsgefühl und dem Triumph gegenüber einer als menschenfeindlich erachteten Umwelt, aber auch als Legitimation des sogenannten Fortschritts.

Ein einzelner Mensch fühlt sich dadurch leicht hilf- und machtlos, denn die Überpräsenz verlangt Anpassung und Unterordnung. Erich Fromm verwies in einem Vortrag von 1964 bereits auf die psychischen Folgen des Industrialismus, wo er von der Angst des entfremdeten und isolierten Menschen sprach, wie sie insbesondere in Grossunternehmen zutage tritt. Diese Angst rühre u.a. aus der Diskrepanz zwischen der Grösse der Einrichtung und der Kleinheit des Einzelnen. Neben dem Verkauf ihrer Arbeitskraft hätten die Menschen auch ihre Integrität verkaufen müssen, meinte Fromm; ihre Angst um Erfolg oder Misserfolg sei so übermächtig, dass diese sogar die Angst vor der Möglichkeit eines drohenden Atomkriegs überdecke. (Fromm, 1992a, S.42)

Eine ähnliche Stimmung, wenn auch in „menschlicher“ Hinsicht beschreiben Franz Kafkas beiden grossen Werke, „Das Schloss“ und „Der Prozess“, wo die Einschüchterung und Bedrohung durch mächtige Institutionen im Zentrum steht, die unnahbar und unverständlich ihre Fäden ziehen.

3. Gibt es „gute“ Gründe für unsere Angst ?

Da viele Situationen heute Angst hervorrufen, ob bei Neurotikern, Panikern, Angstgestörten in hoher Intensität oder auch bei ganz „normalen“ Menschen, bedeutet dies, dass Vorkehrungen getroffen werden müssen, um den Ängsten die Macht zu nehmen. Im „Realangst“-Fall (der bei genauerem Hinsehen ebenfalls neurotischer Natur sein kann) werden, wie auch bei neurotischen Ängsten, bestimmte Sicherheitsmaßnahmen ergriffen um der Bedrohung zu entgehen (etwa vor Furcht vor Terror). Teilweise herrscht sogar der Glaube vor, Gefahren fast sämtlichst ausschalten zu können und zu müssen. Slogans und Warnhinweise, mit denen oftmals profitable Geschäfte betrieben werden, begleiten uns im Alltag: „Zu ihrer Sicherheit“... tun sie dies und jenes. Es herrscht geradezu ein Zwang vor, Unsicherheiten und „Schicksal“ zu verbannen und durch Überwachung und Kontrolle (nicht zu vergessen: Kommerz) den Bürger zu reglementieren. Hier sind wir wieder beim Freiheitsbegriff angelangt, der später noch näher betrachtet werden soll: Angst durch (zuviel) Freiheit und daher resultiert eine Einschränkung der Freiheit, um die Sicherheit weiter zu „gewährleisten“.

Durch das Auslöschen des früher vorherrschenden Bewusstseins, wonach das „Gefährliche“ zwangsläufig zum Leben gehört, leben wir nun in einer von rationaler Machbarkeit getriebenen „Nichts-ist-unmöglich“- Welt. So meinen wir uns loskaufen zu können von unerwünschten und hinderlichen Bedrohungen, „uns durch Klugheit, Forschung, Technik, Organisation, durch ein System von Kollektivsicherungen den Gefährdungen des Daseins entziehen zu können; um dann erkennen zu müssen, dass die Ängste bleiben, sich nur anders vermummen.“ (Zbinden, S.17)

Unsere Kultur sei geradezu „angstgestört“, meint Hans-Christian Röglin, speziell wir Deutschen hätten, etwa im Gegensatz zu den Italienern, „keinerlei Kultur und Tradition im Umgang mit Angst und Ängsten entwickeln können“; in Italien galt beispielsweise als lebensklug, was bei uns „feige“ war. (Röglin, S.10) Röglin verweist auf das erziehungstypische „Ein Junge hat keine Angst“- Modell, was wohl entscheidend war und auch ist beim Zugebenkönnen von Ängsten (Frauen zeigen sich nach Röglin deutlich ängstlicher in verschiedenen Erhebungen). Besonders bei den Deutschen sei der Umgang mit Ängsten speziell, meint Röglin, so würde Angst eher als ein „Störfaktor“ wahrgenommen, den man „In den Griff“ bekäme oder darob in der Psychiatrie behandelt werden würde.

Je höher die Risiken und Bedrohungen sind, bzw. als solche wahrgenommen werden, umso höher ist auch der Einsatz, der Aufwand, der betrieben wird, um das Leben trotzdessen lebenswert zu machen. Daher verwendet jeder Mensch individuelle Abwehrstrategien, um der physischen und psychischen Leidensfreiheit willen.

4. Abwehrmechanismen

Um Angstgefühle zu unterdrücken oder zu vermeiden werden bestimmte Strategien angewendet, z.B. die Rationalisierungen, die fast täglich von jedem angewendet werden. Dabei soll das Selbst geschützt werden durch Verschleierung und Beruhigung. Die Projektion als weitere Abwehrform geschieht dadurch, dass (ungewünschte) Verhaltensweisen auf andere übertragen werden (sie in diese hineinprojiziert werden), wo sie dann entsprechend heftig bekämpft werden können. Sie ist eine „seelische Deformation“, wie es Peter Lauster ausdrückt.(Lauster, 39) Ähnlich bewirkt die Verschiebung eine gewisse Entlastung, da aggressives Potenzial via Ersatzobjekten abreagiert werden kann. Eine Abwehr, die zum Beispiel durch eine der eigenen Empfindung gegenteiligen Emotion in Erscheinung tritt, wird Reaktionsbildung genannt.

Sehr häufig ist natürlich die Vermeidung unliebsamer Situationen. Damit wird eine scheinbare Harmonie erzeugt, die allerdings auf Kosten der Selbstentfaltung und Lebendigkeit geht. Ein Beispiel der extremeren Art wäre die Abschottung nach aussen, wenn jemand etwa nur noch vor dem Fernsehapparat sitzt. Eher unbewusste Strategien sind Verdrängung und Symptombildung . Während erstere wohl die geläufigste Form der Abwehr ist, macht die Symptombildung ein Erkennen des Zusammenhanges besonders schwer, da körperliche Erscheinungen nicht direkt in Verbindung mit einer psychischen Belastung zu stehen scheinen. Es handelt sich also um ein Alarmsignal, das zeigt, dass der Mensch überfordert ist und als Konfliktbewältigung „in der organischen Krankheit Ruhe, Entlastung und Entschuldigung sucht.“ (Lauster, S.38)

Auch die kindliche Anpassung an die Normen der Erwachsenen bedeuten eine Schmerz- und Angstminderung (neben Angst vor schmerzlichen Strafen kommt eine Angst dazu, ausgestossen zu werden, draussen zu stehen, allein und verlassen zu sein...)So bemühen sich viele ihr Leben lang, „das Abwehrsystem fester und dichter zu machen und sich mehr an die Normen ihrer Charakterschablone und ihrer Gesellschaftsschicht anzupassen.“ (ebd., S.45)

Peter Lauster beschreibt einen dreistufigen Anpassungsprozess, der von nahezu jedem Kind durchlebt wird und betont die Verhaltensauffälligkeiten, die ein Aufbäumen der Individualität gegen die Fremdbestimmung darstellen, was seiner Meinung nach kein Makel darstellen muss, im Gegensatz zur häufigen Meinung und Rationalisierung, wonach ein angepasstes Kind es leichter im Leben hat. In der ersten Stufe dieses Anpassungsprozesses steht zunächst die Angst vor Schmerz und Ausgeschlossen zu werden, in der zweiten Stufe wirken die Abwehrmechanismen und die dritte Stufe bildet die Über-Ich Ausbildung und Anpassung an die Verhaltensnormen, die gleichsam als angstbindend erlebt werden. (ebd.)

Unsere Mechanismen der Angstabwehr sind zwar verschieden, doch kommen häufig gesellschaftstypische Charakterausformungen zum tragen, die Abbilder dieser Angtsabwehr sind. Ganz besonders eben die neurotischen, charakterlichen Ausformungen, die eine Art Panzerung für die eigene Aufrechterhaltung der Sicherheit darstellen, die unser Selbst vor Angriffen schützen soll und daher selten aufgegeben werden, weil sonst die Angst hervorbricht. (Duhm, S.22)

Erich Fromm unterteilte drei Fluchtmechanismen, die „Flucht ins Autoritäre“, die „Flucht ins Destruktive“ und die „Flucht ins Konformistische“.

Da auf Autorität später noch eingegangen wird, erspare ich mir hier weitere Erläuterungen. Unter „Flucht zum Destruktiven“ versteht man die Vernichtung des Angstmachenden. Ziel ist die Zerstörung dessen, was man selbst als zerstörend begreift. Vielfach sind diese Bestrebungen natürlich rationalisiert und auch gesellschaftlich verkleidet . „Tatsächlich gibt es praktisch nichts, was nicht zur Rationalisierung der Destruktivität herangezogen wird. Liebe, Pflicht, Gewissen und Patriotismus benutzte und benutzt man als Masken, um andere oder sich selbst zu zerstören.“ (Fromm zit. nach Huygen, S.73)

Das Konformistische, der „regressive“ Mechanismus der Anpassung beinhaltet eine ähnliche Haltung, nämlich die Selbstaufgabe, eine Angleichung an geforderte und vermittelte gesellschaftstypische Merkmale. Damit wird der Angst vor Ohnmacht und dem Alleinsein begegnet. Es handelt sich hier wohl um einen Hauptmechanismus in der Angstbewältigung der modernen Konsumgesellschaft.

5. Angst als Abbild gesellschaftlicher Zustände –

5.1 Gesellschaftliche Probleme mit und durch die Angst

Wenn Ängste überhand nehmen, so kann man dies als ein Zeichen für einen „ungesunden“ Zustand bewerten. Betrachten wir die Umstände und Ursachen, die eine Neurose hervorbringen, so antworten wir meist mit individueller Therapie (soweit möglich). Der ängstliche Charakter ist aber auch Ausdruck einer spezifischen Situation, die erkannt und verändert werden will. Die angstvolle Erscheinung ist demnach mithin ein Merkmal für eine kulturell gesteuerte Situation. Anschliessen müsste eine Erkenntnis, die darauf basiert, dass der Mensch bestimmte Bedürfnisse hinsichtlich von Sicherheit hat (lebenserhaltende Maßnahmen), diese aber häufig in technokratischer Weise in das genaue Gegenteil verkehrt und instrumentalisiert werden. So wird –oft aus Profit- und Machtgründen- Kapital aus Unsicherheiten (und bestimmten Ängsten) gewonnen (z.B. Versicherungsverkauf, Konsumgüter etc..) und zusätzlich werden neue Quellen der Bedrohung erschlossen, die eher indirekter Art sind. Durch zunehmende Institutionalisierung wird der Mensch nicht angstfreier und sicherer (implizierter Wunsch nach Freiheit), sondern oft eingeschüchterter und abhängiger. Doch scheint dies eine bestimmte Neigung vieler Menschen zu sein: Hinwendung zu neuer Abhängigkeit zum Zwecke der Gegenwehr der wahrgenommenen Ängste. Wie Erich Fromm dieser Thematik u.a. sein Buch „Escape from Freedom“ (im Deutschen etwas verfremdet: „Furcht vor der Freiheit“) 1941 widmete und darin verdeutlichte, wie dabei die Gesellschaft eine grosse Rolle spielt, die den Charakter manipuliert und steuert. Autoritäre Züge sind demnach symptomatisch für diese Gehorsamkeit, die bereitwillig in Kauf genommen wird um sich nicht dieser Präsenz der „Freiheit“ auszusetzen, die hier wieder mit „Leere“ als auch mit Risiko übersetzt werden könnte.

Die Tendenz unserer Gesellschaft ist entsprechend auch zunehmend Reglementierung und Überwachung, um neuen Bedrohungen zuvorzukommen oder abzuschwächen und so wird selbst ein Angriffskrieg als sicherheitsfördernd oder gar friedensstiftend deklariert. Der Mensch als Einzelner wird immer mehr zum Spielball höherer Mächte und empfindet sich in besonders hohem Maß als hilflos („Die da oben..“ etc.) und fremdbestimmt.

Es scheint ein besonders angstgeprägter Kreislauf zu sein: Die Bürger haben Angst, der auf die Führungsebene übergeht, Politiker haben Angst vor ihren Wählern, alle haben Angst vor Medien, während die Medien Angst haben, ihre Kunden zu verlieren. Wie es Hans-Christian Röglin in Bezug zur Angstbereitschaft der Deutschen bemerkt, werden so aus einer hohen Zahl von vermuteten Ängsten diese letztlich zu einer realen Gefahr, da sie ihrerseits neue Ängste erzeugen. Konsequenz dieser „Fehlvermutungen“ ist, dass Politik und Verwaltung besonders sensibel auf jede Aufregung reagieren und neue Vorschriften und Gesetze erlassen, die doch scheinbar oft nur zum Ziel haben, zu zeigen, „das wir die Ängste der Bevölkerung ernstnehmen“ (solche oder ähnliche Politikerstimmen sind an der Tagesordnung). (vgl. Röglin, S. 12)

Das angstbesetzte Handeln und die gleichzeitige Verleugnung von Angst ist ein besonderes Charakteristikum dieser Gesellschaft. Wesentlichste Aufgabe wäre hier, den objektiven Angstgründen etwas entgegenzusetzen (so im strukturellen Bereich, Akzeptanz statt Intoleranz und Ausgrenzung, andere Werteorientierung, Gemeinschaftsförderung etc..), um letztlich einen weniger angstdominierenden Umgang zu erreichen, denn die Angst will erkannt und überwunden, nicht aber verdrängt werden.

Bestimmte Ängste werden gesellschaftlich instrumentalisiert womit ein kollektiver Druck entsteht, auch kollektiv Ängste zu haben. Gesellschaftlich produzierte Ängste wirken im Individuum, müssen dort verarbeitet, aber gleichsam im kollektiv geäussert werden, etwa in einer Art „Angstdemonstration“. (Müller, S.14) Kollektiv empfundene Ängste haben die Besonderheit, dass sie im Gegensatz zur individuellen Angst eben auch kollektiv, also „quasi-kulturell“ verarbeitet werden und damit das Stigmatisierende, „Pathologische“ der Angst verschwindet, besonders im Angesicht einer globalen Kollektivbedrohung oder einer vermeintlichen „Vaterlandsbedrohung“, die an den Gemeinschaftssinn appelliert.

5.2 „Der neurotische Mensch unserer Zeit“ - Neurosen als kulturelles Abbild

Gibt es einen (angstbesetzten) Zustand, der trotz seiner allgemeinen Verbreitung (und damit dem öffentlichen „normal = akzeptabel“-Verständnis entspricht) zum „Pathologischen“ zu zählen ist, ein neurotisches Verhalten einer großen Anzahl von Menschen? Was zeichnet dieses speziell neurotische in unsere Kultur besonders aus ?

Wie Karen Horney mit ihrem Buch „Der neurotische Mensch unserer Zeit“ beschreibt, ist die Angst bei den Neurotikern der Motor, der die Prozesse in Gang setzt und in Gang hält.

Die Angst ist aber ohne Objekt. Im Unterschied zur Realangst, die alle Menschen einer Kultur teilen, kommen beim Neurotiker zusätzlich individuelle Befürchtungen hinzu, die in Quantität und Qualität von der (kulturbedingten) Norm abweichen. (Horney, S.26) Um diese Ängste abzuwehren, benötigt der Neurotiker entsprechende Mechanismen, für die er einen hohen Preis zu zahlen hat. Dabei muss er aber noch nicht einmal wissen, dass er leidet.

Karen Horney stellt nun die Frage, ob nicht alle neurotischen Menschen von heute die gleichen Züge haben, die ein spezielles Charakteristikum unsere Zeit ausmachen. Die größten Ähnlichkeiten sieht sie weniger in den Auslösefaktoren, als vielmehr in den Konflikten, die die Menschen durchleben. „Die Tatsache, dass die Mehrzahl der Menschen innerhalb derselben Kultur denselben Problemen gegenübersteht, lässt den Schluss zu, dass diese Probleme durch die besonderen, in dieser Kultur vorherrschenden Lebensbedingungen erzeugt wurden.“ (ebd. S.34)

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Details

Seiten
53
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783656745099
ISBN (Buch)
9783668137769
Dateigröße
587 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v281100
Institution / Hochschule
Fachhochschule Erfurt
Note
Schlagworte
angstzustände individuelle ursachen

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