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Der Mindestlohn. Vor- und Nachteile

Essay 2014 8 Seiten

VWL - Arbeitsmarktökonomik

Leseprobe

Deutschland braucht dringend Lohnerhöhungen, um dem jahrelangen Wirtschaftswachstum gerecht zu werden. Nur ist ein flächendeckender Mindestlohn die sinnvollste Lösung? Kann die Einkommensungleichheit damit besiegt werden?

Der Mindestlohn kommt! Dies wurde im Rahmen des Koalitionsvertrages zwischen CDU/CSU und der SPD beschlossen. Ab dem 1. Januar 2015 gilt dieser flächendeckend. Spätestens zum 1. Januar 2017 wird er ebenfalls in den Branchen eingesetzt, in denen bis dahin noch Tarifverträge repräsentativer Tarifpartner gelten. Lediglich Rentner, Schüler und Studenten sollen von dieser neuen Regelung ausgenommen werden, genauso wie Auszubildende, deren Gehalt dadurch nicht steigt.

Die Befürworter des gesetzlichen Mindestlohns wollen damit das Lohndumping verhindern, für gerechtere Gehälter sorgen, Armut von Haushalten mit Niedriglohnbeschäftigten verringern, Arbeitslosengeld-II Leistungen aufgrund der Verdienststeigerungen mit Lohneinkommen ersetzen, die bestehende Einkommensungleichheit mindern und darüber hinaus zusätzliches fiskalisches Aufkommen für den Staat generieren. Letzteres soll durch die steigenden Gehälter der Betroffenen realisiert werden. Der letzte Bonus ist zusätzlich die Stärkung der Binnenwirtschaft durch Kaufkraftsteigerungen der privaten Haushalte.

All diese Versprechungen hörten sich während des Wahlkampfes im letzten Jahr sehr verlockend an. Auch für die in Dortmund lebende Beate Müller, die mit Hilfe eines Halbtagsjobs in einer Drogeriefiliale in ihrer Nachbarschaft die Haushaltskasse ihrer Kleinfamilie aufzubessern versucht. Mit gerade einmal 6,50 € Stundenlohn würde sie von der neuen gesetzlichen Regelung stark profitieren, dieser Meinung ist auch ihr Mann Wolfgang, der als vollzeitbeschäftigter Steuerfachangestellter den Großteil des Haushaltsbudgets erwirtschaftet. Mit dieser kleinen finanziellen Verbesserung, könnten sie mit ihren beiden noch schulpflichtigen Kindern im kommenden Jahr einen größeren Urlaub planen, als den alljährlichen Ausflug an die Nordsee mit dem Wohnmobil. Doch werden sich diese Wünsche auch erfüllen?

Um diese Frage beantworten zu können, bedarf es der Einsicht in die bereits zu Hauf existierenden veröffentlichten Studien. Ein Konsens besteht dort zu den möglichen Verteilungseffekten, denn der flächendeckende Mindestlohn führt zu einer Lohnstauchung im unteren Bereich der Lohnstruktur. Doch in Bezug auf das tatsächliche Haushaltseinkommen der Deutschen hat dies kaum Verteilungseffekte, wie in zahlreichen, unabhängigen Studien renommierter Wissenschaftler aus unterschiedlichen Ländern schon zu Genüge untersucht wurde. Somit reduziert der Mindestlohn weder signifikant die aktuelle Armut noch die Einkommensungleichheit. Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen kombinieren Niedriglohnbezieher meist ihr Einkommen innerhalb eines Haushalts mit einer Person mit einem mittleren oder gar guten Lohn. Zum anderen wird diese Lohnerhöhung dementsprechend höher besteuert und etwaige Steuervorteile werden reduziert. Der Bruttoverdienst aller Deutschen wird durch das neue Gesetz im Durchschnitt gerade einmal um drei Prozent erhöht, was keine Kaufkraftsteigerung erwarten lässt. Darüber hinaus ist es wahrscheinlich, dass vor allem Geringqualifizierte, Langzeitarbeitslose, Zweitverdiener und Jugendliche aus dem Markt gedrängt werden, da ihre Produktivität dem Lohn meist nicht entspricht. Dies hat eine Untersuchung ergeben, die dies am Beispiel Frankreichs gezeigt hat. Dort herrscht sogar ein derzeitiger Bruttomindestlohn von 9,53€, welcher jedes Jahr an die Inflation angepasst wird.

Vor allem das höhere Steueraufkommen und die möglicherweise wegfallenden Steuervorteile bedeuten für Frau Müller und ihre kleine Familie, dass ihre Hoffnungen über einen großen Urlaub in der Südsee wohl zu vorschnell waren. Die während des Wahlkampfes versprochenen großartigen Vorteile des Mindestlohns, waren anscheinend zu hoch gestochen. Dass sich ihr Lohn nicht signifikant erhöhen wird, ärgert Frau Müller zwar stark, aber sie fragt sich noch stärker, ob die Gesetzesänderung Einfluss auf den beruflichen Werdegang und die Ausbildung ihrer beiden Kinder hat.

Durch die höheren Lohnkosten für Arbeitgeber, kann es in vielen Branchen die bereits Löhne in Höhe der Grenzproduktivität der Arbeit zahlen, zu Beschäftigungsverlusten kommen. Die damit verbundenen Sparmaßnahmen könnten der Bereitstellung von Ausbildungsplätzen schaden, auch wenn diese nicht vom Mindestlohn betroffen sind. Geringqualifizierte können noch nicht einmal in andere Branchen ausweichen, wenn der Mindestlohn ihre Produktivität übersteigt, da dieser in allen Bereichen gleich ist. Viel attraktiver für junge Berufseinsteiger wären demnach außerdem bezahlte Langzeitpraktika und Berufe mit geringen Qualifikationsvoraussetzungen, da dort der Einstiegslohn um einiges höher ausfallen würde. Dementsprechend verringert der Mindestlohn die Attraktivität, einen Ausbildungsberuf anzunehmen. Ein weiteres Problem stellt sich in der Ausnahme von Schülern, Studenten und Rentnern von der Mindestlohnregelung. Diese verkörpern somit günstigere Arbeitskräfte, als der Rest der arbeitswilligen Bevölkerung und es ist wahrscheinlich, dass Arbeitgeber diese bevorzugen. Demnach käme es zu Verdrängungseffekten zum Vorteil bestimmter sozialer Gruppen.

Zu dem Problem, dass die Ausbildungschancen ihrer Kinder gefährdet sein könnten, kommt nun für Frau Müller sogar das Problem hinzu, dass ihre eigenen Kinder sogar eine berufliche Konkurrenz für sie darstellen. Die negativen Auswirkungen des Mindestlohns werden für sie bei genauerer Betrachtung immer offensichtlicher. Doch wieso wird dieser dann überhaupt eingeführt?

Im europäischen Vergleich hat Deutschland derzeit einen sehr geringen „Mindestlohn“. Zwar gibt es branchenspezifisch bereits tarifliche Regelungen, doch eine flächendeckende Lohnuntergrenze existiert bis zum 1. Januar 2015 noch nicht. Dieser Lohnzurückhaltung hat es Deutschland zu verdanken, im internationalen Vergleich mit jährlich horrenden Exportüberschüssen, wettbewerbsfähig zu bleiben. Dies geht jedoch vor allem auf Kosten der anderen EU-Staaten, welche teilweise Exportdefizite zu verzeichnen haben und sich demnach von Ländern wie Deutschland Geld leihen müssen. Gesamtwirtschaftlich gesehen wäre eine ausgeglichene Außenhandelsbilanz für alle Parteien von Vorteil. Der Mindestlohn wird von den Politikern als wirksames Instrument gesehen, einen Ausgleich zwischen Wirtschaftswachstum und Lohnerhöhung zu erzielen.

Da vor allem in den Niedriglohnsektoren des Landes die gewerkschaftliche Macht der Arbeitnehmer so gut wie gar nicht existiert, sieht sich der Staat berufen, regulatorisch einzugreifen. Primär in den bestimmten Sektoren, in denen ein Lohn weit unter der Grenzproduktivität der Arbeit gezahlt wird, kann es sogar zu positiven Beschäftigungseffekten, trotz Mindestlohn kommen. Trotz höherer Lohnstückkosten kann der Arbeitgeber einen zusätzlichen Teil der Produzentenrente abschöpfen, indem er neue Arbeitnehmer einstellt. Dies tut er, bis die Grenzproduktivität gleich den Lohnstückkosten ist. Beispiele für derartige Sektoren sind die Landwirtschaft, konsumnahe Dienstleistungen wie der Einzelhandel, das Gastgewerbe, die Gesundheitsdienstleistungen und die Pflege. Ebenso dazu gehören unternehmensnahe Dienstleistungen zu denen die Leiharbeit und das Reinigungsgewerbe zählen. Ob diese positiven Beschäftigungseffekte aber tatsächlich eintreten, hängt von unbestimmten Parametern wie der Marktstruktur, der Arbeitsmarktsituation und letztendlich auch der Höhe des Mindestlohns ab.

Der deutsche Arbeitsmarkt wird durch den verabschiedeten Gesetzesentwurf ebenfalls stark beeinflusst. Da der deutsche Arbeitsmarkt vergleichsweise rigide ist, werden die negativen Beschäftigungswirkungen eines Mindestlohns von 8,50€ wahrscheinlich höher ausfallen, als in anderen Ländern. Darüber hinaus verliert der Arbeitsmarkt zusätzlich zu der sowieso schon sehr hohen Rigidität, noch weiter an Flexibilität. Doch genau diese Anpassungsfähigkeit hat Deutschland die Finanzkrise um einiges unversehrter überstehen lassen, als es in anderen Ländern der Fall war. Wenn diese durch den Mindestlohn verringert wird, könnte man auf zukünftige Krisen nicht mehr so behände reagieren und die Arbeitsplatzverluste könnten deutlich höher ausfallen, als es in der Vergangenheit der Fall war. Des Weiteren besteht in Deutschland ein anderes Lohngefüge, als in den Ländern mit denen man sich zu vergleichen versucht. Es ist also nicht möglich, einen direkten internationalen Vergleich über die Auswirkungen des Mindestlohns durchzuführen, ohne verzerrte Ergebnisse zu erhalten. In Großbritannien beispielsweise, hätte eine Einführung in Höhe von 8,50€ ganz andere Konsequenzen als auf dem deutschen Arbeitsmarkt, da die Lohnstrukturen voneinander differieren.

Aufgrund all der zuvor aufgeführten Punkte ist der Mindestlohn der falsche Weg, um die gewünschten Ziele zu erreichen. Einen alternativen Lösungsansatz, welcher statt des Mindestlohns realisiert werden sollte, verdeutlicht uns das Beispiel Englands. Dort wurde ein deutlich niedrigeres Niveau festgesetzt. Nach sorgfältigem Monitoring der Auswirkungen dieser gesetzlichen Änderungen, kann dann die Höhe gegebenenfalls sukzessiv angepasst werden. Dies hat zum Vorteil, dass die wirtschaftlich und sozial unvorhersehbaren Konsequenzen, zuerst nicht so drastisch ausfallen wie durch den starken regulatorischen Einschnitt in Höhe von 8,50€. Einen weiteren alternativen Lösungsansatz präsentiert der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung in ihrem Jahresgutachten für das Jahr 2013/2014. Als kurzfristige Lösung schlagen sie vor, die Durchlässigkeit auf dem Arbeitsmarkt zu erhöhen. Regelungen zu Zeitarbeit und Befristungsmöglichkeiten sollen dabei wichtige Bestandteile des gesetzlichen Rahmens bleiben, um eine hohe Flexibilität auf dem Markt weiterhin gewährleisten zu können. Dadurch ist es den Arbeitgebern eher möglich, Anpassungen in der Beschäftigung durchzuführen, falls es zu wirtschaftlichen Schocks kommt. Mittel- und langfristig sieht der Sachverständigenrat den Fokus in der Verbesserung des Aus- und Weiterbildungssystems. Die Mobilität lässt mit zunehmendem Alter der Arbeitnehmer nach. Diesem soll durch die Maßnahmen entgegengewirkt werden, um eine transgenerationale Chancengleichheit zu schaffen.

Doch nun zurück zu Frau Müller. Ihr sind die internationalen Beziehungen der einzelnen EU-Staaten relativ egal und die arbeitsmarktpolitischen Auswirkungen interessieren sie auch herzlich wenig. Ihr ist viel wichtiger, wieviel Geld sie am Ende des Tages zur Verfügung hat, um ihren heimischen Mikrokosmos zu unterhalten. Dies ist allem Anschein nach nicht wirklich mehr und vielleicht sogar noch weniger, als wenn der Mindestlohn nicht eingeführt werden würde. Wie sich die Auswirkungen nun tatsächlich verhalten, bleibt abzuwarten, aber vorerst ist Frau Müller ein weiteres Mal enttäuscht über die fehlende Umsichtigkeit, den Mangel an vorausschauendem Verhalten und die leeren Versprechungen der deutschen Politik.

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Details

Seiten
8
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656747345
ISBN (Buch)
9783656747321
Dateigröße
456 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v281400
Institution / Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg
Note
2,3
Schlagworte
Mindestlohn flächendeckender Mindestlohn Contra Mindestlohn

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