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Grimms "Schneewittchen". Inhalts-, Text- und Figurenanalyse

Akademische Arbeit 2008 15 Seiten

Germanistik - Gattungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1 Inhaltsanalyse

2 Interpretation des KHM 53, Schneewittchen

3 Analyse der Frauenfiguren

Literaturverzeichnis (inklusive weiterführender Literatur)

Einleitung

Eine der beliebtesten und bekanntesten Erzählungen aus der Sammlung der Brüder Grimm ist das KHM 53, Schneewittchen. Von welchem Beiträger die mündliche Version der Geschichte tatsächlich stammte, konnte nicht genau festgelegt werden. „Als Erzähler des Schneewittchenmärchen sind zwei Personen bekannt: Jeanette Hassenpflug, die Tochter des Kasseler Regierungspräsidenten, und Ferdinand Siebert, ein geprüfter Theologe, der sich dem Studium des ›Altdeutschen‹ zugewandt hatte.“[1]

Das Märchen erscheint im Jahr 1812 in der Erstausgabe der Sammlung, nachdem es aber für die zweite Auflage von 1819 stilistisch und inhaltlich von Wilhelm Grimm überarbeitet wurde. „Ein entscheidender Eingriff in das Märchengeschehen erfolgt […], indem er in der letzten Fassung die ʹböseʹ leibliche Mutter durch die ʹböseʹ Stiefmutter ersetzt, die Schneewittchen wegen ihrer Schönheit aus dem Elternhaus verstößt […].“[2] Der inhaltliche Kern der Geschichte blieb unverändert. Es wurde einen besonderen Akzent auf den Kontrast der moralischen Prinzipien ʹGutʹ und ʹBöseʹ gelegt.

In dem Märchen von Schneewittchen entwickelt sich die richtige Mutter zur Stiefmutter, „[…]da man der leiblichen Mutter keine derart üble Rolle zuteilen konnte“[3]. Die Märchensammlung sollte als Erziehungsbuch dienen, deswegen konnte Wilhelm Grimm es nicht zulassen, dass die negativen Eigenschaften und Fähigkeiten von der Figur der leiblichen Mutter repräsentiert werden.

1 Inhaltsanalyse

Das KHM 53, Schneewittchen, beginnt mit dem sehnlichen Wunsch einer Königin nach einem Kind. Nach Schneewittchens Geburt stirbt aber die Mutter. Die Märchenhandlung wird dadurch ausgelöst, dass der König neu heiratet. Die gut aussehende Stiefmutter, die tatsächlich eine kaltherzige und übermütige Hexe ist, kann es nicht ertragen, dass mit der Zeit ihre junge Stieftochter sie an Schönheit übertrifft. Deswegen beschließt die boshafte Frau, das nichts ahnende Mädchen umbringen zu lassen.

Der Jäger, der der Mörder von Schneewittchen sein sollte, hat aber Mitleid mit der schönen Prinzessin und lässt sie im Wald laufen. Nach langem Wandern gelangt sie zu dem Häuschen der sieben Zwerge, wo sie die Hausarbeiten verrichtet und als Gegenleistung dafür bei diesen wohnen darf. Die böse Königin erfährt aber von ihrem Zauberspiegel, dass ihre wunderschöne Stieftochter noch am Leben ist. Verkleidet als Händlerin, macht sie sich auf den Weg, das Mädchen zu finden und selbst zu töten. Drei Mal versucht die Stiefmutter Schneewittchen umzubringen. Zweimal schaffen es die Zwerge, die Prinzessin ins Leben zurückzuholen, aber als sie von dem vergifteten Apfel abbeißt, verfällt sie scheinbar dem Tode. Schneewittchen wird nicht begraben, sondern von den Zwergen in einen gläsernen Sarg gelegt, wo jeder ihre Schönheit bewundern kann.

Ein vorbei reitender Königssohn, der sich in die Prinzessin verliebt, hat den Wunsch, den Glassarg auf sein Schloss tragen zu lassen. Bei dem Versuch, diesen hochzuheben, fällt durch die Erschütterung das giftige Apfelstück aus Schneewittchens Mund. Sie erwacht zu neuem Leben, das sie mit dem Prinzen verbringen will.

Die böse Stiefmutter wird ebenfalls zu deren Hochzeit eingeladen. Die Nachricht, dass ihre Stieftochter wieder lebendig und diesmal tausendmal schöner als sie ist, lässt ihr keine Ruhe. Deswegen geht die Hexe zu dem Fest, um sich davon zu überzeugen. „Da mußte sie in die rotglühenden Schuhe treten und so lange tanzen, bis sie tot zur Erde fiel.“[4]

2 Interpretation des KHM 53, Schneewittchen

„Spieglein, Spieglein an der Wand,

wer ist die Schönste im ganzen Land?

So antwortete der Spiegel:

Frau Königin, Ihr seid die Schönste im Land.“[5]

Diese bekannten Worte haben sich zu einer Art Erkennungszeichen des KHM 53, Schneewittchen, entwickelt. Sie stellen am besten die Handlungsproblematik dar.

Als Hauptthema dieses Märchen erweist sich die Schönheit. Sie ist der Grund, dass die böse Königin auf ihre junge Stieftochter eifersüchtig wird und sie zu töten versucht. Wegen ihrer Schönheit wird die junge Königstochter verfolgt, aber auch beschützt und am Ende doch gerettet. „Die Stiefmutter als ihr Gegenbild ist zwar auch schön, jedoch nicht wie Schneewittchen durch innere Werte ausgezeichnet, sondern durch nicht nachahmenswerte Eigenschaften und Fähigkeiten charakterisiert: Sie ist ʺstolz und übermütigʺ, voller ʺNeid und Hochmutʺ, ʺboshaftʺ, lacht ʺüberlautʺ - bis hin zur extremen Feststellung, sie sei ʺgottlosʺ.“[6] Laut Rainer Wehse ist in den Märchen die Schönheit als „Zusammenfassung aller positiven Charaktereigenschaften des Menschen“ gemeint. Da die Stiefmutter innerlich hässlich und böse ist, hat ihre äußerliche Schönheit keine Bewunderung verdient. Im Gegensatz zu ihr verkörpert Schneewittchen das Idealbild einer weiblichen Person, die sowohl körperlich als auch seelisch schön ist.

Die Märchenhandlung findet in einer Königsfamilie statt, in der sich die Beziehungen zwischen den Mitgliedern als problematisch erweisen. Die junge Prinzessin muss ohne leibliche Mutter und ohne jegliche Hilfe von ihrem passiven Vater an einem Ort aufwachsen, wo sie von der boshaften Stiefmutter ständig bedroht wird. Der Kinderpsychologe Bruno Bettelheim ist der Meinung, dass in diesem Märchen reale Familienverhältnisse bildhaft geschildert werden. „Die Stellung des Kindes innerhalb der Familie sei zum Problem geworden; es müsse darum kämpfen, aus der Dreieckbeziehung herauszukommen, und gerade auf den einsamen Weg zu sich selbst.“[7]

In den Vordergrund tritt der Konflikt zwischen Schneewittchen und ihrer eitlen Stiefmutter, der nach dem siebten Lebensjahr des Mädchens unversöhnlich hervorbricht. Die tragischen Beziehungen der weiblichen Hauptfiguren „[…]sind symbolisch für gewisse ernste Schwierigkeiten, die zwischen Mutter und Tochter vorkommen können“[8]. Dieses Zitat macht zugleich deutlich, dass auch bei einer leiblichen Mutter die Gefahr besteht, eifersüchtig auf ihre eigene Tochter zu werden. Im Fall von Schneewittchen ist aber die selbstverliebte Stiefmutter derjenige Elternteil, der die schöne Prinzessin verfolgt und vernichten will.

Der König spielt nur eine unbedeutende Nebenrolle, da er nicht als Beschützer, sondern nur als biologischer Vater fungiert. Er lässt seine eigene Tochter einfach im Stich, als sie ihn am meisten braucht.

Daß Schneewittchen von ihrer Stiefmutter um ein Haar ermordet wird, daß das Kind zu den «Zwergen» fliehen muß, um sein Leben zu retten, daß es von der «bösen» «Stiefmutter» nach mehrfachen Versuchen schließlich doch noch beinahe umgebracht wird – von all dem hört in der Grimmschen Erzählung auch dieser Monarch von Vater anscheinend kein Sterbenswörtchen; es geht ihn nichts an; die ganze Tragödie eines Schneewittchens spielt einzig zwischen (Stief)Mutter und (Stief)Tochter […].[9]

Die wunderschöne Prinzessin verdankt ihr Leben tatsächlich männlichen Gestalten, die aber wesentlich hilfsbereiter als ihr leiblicher Vater sind. Am Anfang der Geschichte ist es der mit dem Mord an Schneewittchen beauftragte Jäger, der Mitleid mit der Königstochter hat und sie am Leben lässt. Er ist aber kein richtiger Retter, da er erwartet, dass die wilden Tiere im Walde seine Aufgabe erfüllen werden. „Der Jäger versucht sowohl die Mutter zu beschwichtigen, indem er ihren Befehl scheinbar ausführt, als auch dem Mädchen gerecht zu werden, indem er es nicht direkt umbringt.“[10]

Schneewittchen findet erst im Haus der sieben Zwerge die so ersehnte Geborgenheit und Ruhe. Die Hausbesitzer zeigen sich als gutmütig und lassen die unbekannte Schönheit bei sich wohnen. „Die Zwerge als Elementarwesen des Volksglaubens sind die Hüter der Erde, bei ihnen ist der schutzlose Mensch in guter Hut.“[11] Sie beschützen das Mädchen von der Angriffen der bösen Stiefmutter, indem sie sie ständig vor den gefährlichen Künsten der Hexe warnen und Schneewittchen sogar zweimal wiederbeleben. Die Zwerge sind die Helfer, die die Titelheldin in einer sehr wichtigen Lebensphase begleiten.

Der Aufenthalt im Zwergenhaus ist für die Königstochter einerseits eine Art Flucht aus der Wirklichkeit und vor ihren Familienproblemen. Die da verbrachte Zeit kann aber andererseits auch als die Periode bezeichnet werden, in der Schneewittchen sich zu einer jungen Frau entwickelt hat. Die Heldin dieses Märchen wird von der Realität isoliert und erst dann mit dem Leben wieder konfrontiert, als sie dafür bereit und reif geworden ist. Die hinterhältige Stiefmutter versucht sie erneut umzubringen, aber diesmal benutzt sie verschiedene verzauberte Gegenstände. „Schneewittchen sei anfällig für die Verführungen, weil sie auch ihren Wünschen entsprächen.“[12] Da sie schon kein kleines Mädchen mehr ist, wirken der Kamm und der Schnürriemen sehr verlockend für sie. Dass Schneewittchen sich der unbekannten Frau gegenüber so naiv und vertrauensvoll verhält, kann als Zeichen für ihr noch kindliches Denken verstanden werden. „Die Zeit im Glassarg sieht Bettelheim als eine Zeit der Reife, die verdeutliche, daß mit der körperlichen noch nicht die intellektuelle und emotionale Reife erreicht ist.“[13]

Schneewittchens glückliches Erwachen am Ende der Geschichte symbolisiert die Beendigung ihrer Reifephase. Die Person, die die scheinbar tote Prinzessin diesmal ins Leben zurückholt, ist ein vorbei reitender Prinz. „Was den Zwergen als Verkörperungen der elementar dinglichen Kräfte der Natur nicht gelingen konnte, gelingt nun dem Königssohn mit seiner Liebe, die das durch den Haß im Kern vergiftete Leben wieder gesund macht.“[14]

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass alles in diesem Märchen sich in ständiger Bewegung und Entwicklung befindet. Sowohl die positiven als auch die negativen Ereignisse passieren aus einem bestimmten Grund. „Die Dinge verkehren sich in ihr Gegenteil, Gutes wird zu Bösem und Böses führt zu Gutem, der Tod führt zur Auferstehung, und nur weil Schneewittchen verstoßen und vergiftet wird, kommt es dazu, daß der Prinz, der ihm bestimmt ist, es findet und heimführt.“[15]

Da die boshaften Gestalten im Märchen nie wirklich siegen werden, stellen die endgültige Rettung der Titelheldin und ihre Hochzeit das glückliche Ende dar. Die grausamen Taten der Stiefmutter werden durch das schöne Bild von dem frisch vermählten Ehepaar verdrängt.

Das KHM 53, Schneewittchen,

[…]enthüllt uns nicht nur Neid und Eifersucht als eine der mächtigsten Wurzeln des Bösen, sondern offenbart uns darüber hinaus eine ganze Reihe von Wesenszügen des menschlichen Daseins: die Schrecken und die Herrlichkeiten der Verkehrung der Dinge in ihr Gegenteil, das Wunder der Auferstehung des Totgeglaubten, das Leiden an sich selber.[16]

[...]


[1] Bausinger, Hermann: Anmerkungen zu Schneewittchen. In: Und wenn sie nicht gestorben sind… Perspektiven auf das Märchen. Hrsg. von Helmut Brackert, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1980, S. 50

[2] Hofius, Annegret: Sneewittchen oder die Schöne und das Böse. In: Das selbstverständliche Wunder. Beiträge germanistischer Märchenforschung. Hrsg. von Wilhelm Solms in Verbindung mit Charlotte Oberfeld, Band 1, Dr. Wolfram Hitzeroth Verlag, Marburg 1986. S. 65

[3] Lüthi, Max: So leben sie noch heute. Betrachtungen zum Volksmärchen. S. 60

[4] Grimm, Brüder: Kinder- und Hausmärchen. Erster Band, Märchen Nr. 1-60, S. 271

[5] Vgl. ebd., S. 262

[6] Uther, Hans-Jürgen: Handbuch zu den „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm. Entstehung – Wirkung – Interpretation., S. 127

[7] Uther, Hans-Jürgen: Handbuch zu den „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm. Entstehung – Wirkung – Interpretation. S. 129

[8] Bettelheim, Bruno: Kinder brauchen Märchen. S. 244

[9] Drewermann, Eugen: Schneewittchen. Märchen Nr. 53 aus der Grimmschen Sammlung. Patmos Verlag GmbH & Co. KG, Walter Verlag, Düsseldorf und Zürich, 1997, S. 30

[10] Bettelheim, Bruno: Kinder brauchen Märchen. S. 236

[11] Freund, Winfried: Deutsche Märchen. Eine Einführung. S. 142

[12] Uther, Hans-Jürgen: Handbuch zu den „Kinder- und Hausmärchen“ der Brüder Grimm. Entstehung – Wirkung – Interpretation. S. 131

[13] Vgl.ebd., S. 131

[14] Freund, Winfried: Deutsche Märchen. Eine Einführung. S. 146

[15] Lüthi, Max: So leben sie noch heute. Betrachtungen zum Volksmärchen. S. 63

[16] Vgl. ebd., S. 68

Details

Seiten
15
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783656754558
ISBN (Buch)
9783668136571
Dateigröße
492 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v281572
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf – Philosophische Fakultät
Note
2,0
Schlagworte
grimms schneewittchen inhalts- text- figurenanalyse

Autor

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