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Feindbild Kopten in Ägypten – eine Anwendung der ethnischen Kriegstheorie Günther Schlees

Seminararbeit 2014 16 Seiten

Politik - Politische Theorie und Ideengeschichte

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zentrale Thesen in Günther Schlees „Wie Feindbilder entstehen“

3. Politische und gesellschaftliche Stellung der Kopten in Ägypten bis zum Sturz Hosni Mubaraks Anfang

4. Angriffe auf Kopten seit Beginn des „Arabischen Frühlings“

5. Entstehung des Feindbildes Kopten

6. Schluss

Anhang:

Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der sogenannte „Arabische Frühling“, während dessen einige Nationen im arabischen Raum ein – teilweise erfolgreiches – Aufbegehren breiter Volksschichten gegen die herrschenden Regime erlebten, ist bereits wenige Jahre nach seinem Beginn Gegenstand einer Vielzahl von politikwissenschaftlichen Analysen geworden. Medial ebenfalls präsent, jedoch wissenschaftlich bislang unterbelichtet ist der in Ägypten aufgebrandete gewaltsame Konflikt, der sich die gegen die christliche Minderheit der Kopten richtet. Diese Arbeit will die politische und gesellschaftliche Stellung der Kopten in Ägypten vorstellen sowie den Zusammenhang zum „Arabischen Frühling“ herleiten. Dabei werden beispielhaft einige Angriffe auf Kopten nochmals dargestellt. Um die erarbeiteten Erkenntnisse in einen theoretischen Rahmen einzubetten, wird das wenige Jahre alte Buch „Wie Feindbilder entstehen. Eine Theorie religiöser und ethnischer Konflikte“ des Sozialanthropologen Günther Schlees herangezogen. Die darin aufgestellten Thesen, die in eine Theorie ethnischer Konflikte münden, sind größtenteils aus den Eindrücken von Beobachtungen des tribalen Ostafrikas, v.a. Kenia und Somalia, entstanden. Daher wird sich letztenendes herausstellen, ob die Theorie auch Konflikte andernorts erklären kann.

Zunächst werden die zentralen Thesen vorgestellt, bevor auf die Situation in Ägypten und dortige gewaltsame Ereignisse eingegangen wird. Schon bei den Schilderungen werden weitere, passende Thesen Günther Schlees vorgestellt und angewandt. Schließlich wird im letzten Kapitel genauer analysiert, wie es dazu gekommen ist, dass Kopten als populäres Feindbild in bestimmten, sich vergrößernden Kreisen Ägyptens fungieren. Neben dem eigentlichen Werk wurde für Analyse der Lage vor Ort ein Buch von William Faragallah herangezogen. Angemerkt sei, dass diese Schrift mitunter unprofessionell wirkt, da bisweilen unwissenschaftliche Sprache und Quellen verwendet werden. Jedoch hält es viele relevante, objektiv wirkende Informationen über die Kopten in Ägypten bereit. Angemerkt sei noch, dass die Begriffe „Kopten“ und „Christen“ synonym verwendet werden, da beinahe alle Christen in Ägypten Kopten sind.

2. Zentrale Thesen in Günther Schlees „Wie Feindbilder entstehen“

Günther Schlee sammelt in seinem Werk persönliche Erfahrungen und Ansichten eines Projektarbeiters in Konfliktregionen weltweit und entwickelt daraus eine Kriegstheorie über religiös-/ ethnische Konflikte. Im Folgenden sollen seine zentralen Thesen bzw. der Inhalt dieser Theorie skizziert werden.

Die bekannteste These ist, dass Ethnizität nicht die Ursache, sondern das Ergebnis der beobachteten Zunahme von Konflikten ethnischer Natur sei[1]. Als noch zentraler für die folgende Theorieentwicklung ist allerdings folgende Aussage einzustufen: „Ethnizität ist an das Bewusstsein gekoppelt, das man von ihr hat.“[2] Denn im weiteren Verlauf behandelt Schlee ethnische Identität nicht als vordefinierten Parameter, sondern als flexibel ausprägbare Variable. So habe etwa das Alter von Ethnonationalismen keinen direkten Einfluss auf die Intensität ethnischer Konflikte[3]. Die eigentliche Identifikation und Bindung hingegen passierten „oft in Situationen von raschem Wandel“[4], sagt Schlee und unterstreicht damit deren fluiden Charakter. Zudem könnten Identität und Differenz als politisch-rhetorisches Rohmaterial angesehen und selektiv benutzt werden[5]. Eine weitere prägnante These ist die, dass kulturelle respektive sprachliche Unterschiede zwischen zwei Bevölkerungsgruppen negativ mit dem Gewaltniveau zwischen ihnen korrelierten[6] – dies ist eine bewusste Absage an die verbreitete Annahme, dass Unterschiede einen Konflikt wahrscheinlicher machen. Für die Entscheidungsfindung bei der Identifikationssuche stellt Schlee eigens eine Theorie auf, in der er nach drei Typen (A, B, C) unterscheidet (Identitätskonzepte, Dimensionswechsel, Crowding)[7]. Trotz der variablen Natur von Ethnizität wird dem starren Prinzip, der Struktur, in der Identifikationsarbeit ebenso eine Bedeutung zugerechnet wie dem fluiden Prinzip der Handlung, indem letztere erstere biegen, sich aber auch an ihr brechen kann[8]. Die abgegebenen Definitionen von Ethnizität, die in der sekundärliterarischen Analyse relevant sein können, sind „kollektive Identität“ und „kulturelles Konstrukt“[9].

3. Politische und gesellschaftliche Stellung der Kopten in Ägypten bis zum Sturz Hosni Mubaraks Anfang 2011

Vor dem Jahre 641 war Ägypten ein zeitweise voll christianisiertes Land[10], erst danach vollzog sich mit der Eroberung der Araber der gesellschaftliche Wandel hin zum Islam. War zunächst noch persönlich-opportunistischer Machtgewinn das Motiv, wurde bald der Druck immer stärker und kamen ernste Drohungen hinzu. Es folgten Jahrhunderte der latenten, teils gewaltsamen, Diskriminierung von Kopten, ehe ihre politische und wirtschaftliche Stellung in den 1920er bis -30er Jahren ihren Höhepunkt erreichte – der Aufstieg der Muslimbrüder 1928 läutete jedoch eine bis heute andauernde, neue Phase der Ausgrenzung der Kopten ein.[11] Die verfassungsrechtliche Stellung von Religion ist bis 1972 relativ minderheitenfreundlich gewesen (Artikel 40 und 46 garantieren das Recht, nicht aufgrund der Religion diskriminiert zu werden bzw. das Recht auf Glaubensfreiheit), mit der Einbringung des Artikel 2 jedoch wurde der Islam zur Staatsreligion und zum Fundament der Judikative erklärt.[12] Günther Schlee sagt zur Bedeutung der juristischen Umstände, politisch-rechtliche Sonderregeln zum Schutz einer Ethnie erhöhten deren Ethnizität.[13]

Im Falle Ägyptens gab es höchstens Kopten-neutrale Regierungen, aber nie eine aktive Schutzpolitik; insofern kann diese These nicht auf das vorliegende Fallbeispiel angewandt werden. Es müssen andere Faktoren bzw. Phänomene sein, die zur Ethnisierung der Kopten geführt haben. Zu prüfen ist in jedem Fall, ob die in Kapitel 2 vorgestellte, prägnante These zutrifft, wonach Sprach- bzw. Kulturunterschied und Gewaltniveau negativ korrelierten; kulturelle Homogenität also „kein Garant für friedliches Zusammenleben“[14] sei. Die koptische Sprache, früher eine präsente Umgangssprache, wird seit mehreren Generationen nicht mehr im Alltag gesprochen und findet nur noch in der Liturgie Verwendung. Insofern ist das ägyptische Arabisch ein Element sprachlicher Gleichheit. In Bezug auf den Kulturunterschied ist grundsätzlich ebenfalls Homogenität zu konstatieren, da Lebensrhythmus und -stil kaum unterscheidbar sind. Andererseits ist das heutige Ägypten ein streng islamisches Land, in dem die alltägliche religiöse Praxis, an der Kopten nicht teilnehmen, eine besondere Stellung einnimmt. Allerdings schließen öffentliche Gebete etc. Nicht-Muslime nicht in höherem Maße vom sonstigen gesellschaftlichen Leben aus: es ist keine erkennbare soziale oder berufliche Isolation zu erkennen. Daraus muss geschlossen werden, dass die geringe kulturelle Distanz das Konfliktpotenzial fördern könnte (aber es nicht erklären kann, schließlich gibt es genug Beispiele für die friedliche Koexistenz zweier kulturell homogener Gruppen).

[...]


[1] Vgl. Günther Schlee: Wie Feindbilder entstehen. Eine Theorie religiöser und ethnischer Konflikte, München 2006, S. 9.

[2] Ebd., S. 9.

[3] Vgl. ebd., S. 13.

[4] Ebd., S. 29.

[5] Vgl. ebd., S. 59.

[6] Vgl. ebd., S. 11.

[7] Vgl. ebd., S. 36f.

[8] Vgl. ebd., S. 51.

[9] Vgl. ebd., S. 126-127.

[10] Vgl. William Faragallah: Die Koptischen Christen des heutigen Ägyptens. Eine Dokumentation, Sulzbach 2012, S. 56.

[11] Vgl. ebd., S. 60.

[12] Vgl. Verfassung der Arabischen Republik Ägypten, 18. Januar 2014, in: http://www.sis.gov.eg/Newvr/Dustor-en001.pdf, abgerufen am 26. August 2014.

[13] Vgl. Schlee, a.a.O., S. 16.

[14] Ebd., S. 12.

Details

Seiten
16
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656759102
ISBN (Buch)
9783656759119
Dateigröße
539 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v281920
Institution / Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn – Institut für Politische Wissenschaft und Soziologie
Note
Schlagworte
feindbild kopten ägypten anwendung kriegstheorie günther schlees

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