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Geschichte und Faszination der Todesstrafe

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 9 Seiten

Soziologie - Recht, Kriminalität abw. Verhalten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Machtdemonstration / Ambivalenz des Publikums

3. Zum Ritual der Hinrichtung

4. Religiöse Hintergründe

5. Theorien zum Genuss des Schreckens

6. Fazit

Anhang

1. Einleitung

Ein in der Neuzeit beliebtes Massenspektakel war das Ritual der Hinrichtung. Ein rotes Tuch am Rathaus bot Ausblick auf ein Fest zu dem das gemeine Volk wie auch Bürger von Stand zusammenliefen. Zahlreiche Buden dienten dem leiblichen Wohl und aufgestellte Tribünen sicherten den Blick auf ein ambivalentes Schauspiel. Unter dem obrigkeitlichen Anspruch der Abschreckung entwickelte sich die Vollstreckung der Todesstrafe zu einem pompösen Schauspiel und einer willkommenen Ablenkung zum Alltag für das „geladene“ Publikum.

Die Justiz des 16Jh., 17Jh. und auch des 18.Jahrhunderts nutze das breite gesellschaftliche Interesse um ihre reinigende Kraft zu demonstrieren. An Hexen, Mördern oder auch politischen Gegnern wurde ein Exempel statuiert, welches die anwesende Masse von Straftaten abhalten sollte. Daher war es notwendig Einladungen, in Form von Flugblättern oder dem schon erwähnten roten Tuch, auszusprechen, um eine pädagogische Wirkung beim Volk zu erzielen.

Vorliegende Arbeit wird sich mit dem gesellschaftlichen Interesse an der Vollstreckung der Todesstrafe befassen, Machtverteilungen, Rituelle Instanzen und religiöse Hintergründe sollen dabei die Symbolik und Sinngebung der Exekution verdeutlichen.

2. Machtdemonstration / Ambivalenz des Publikums

Hinrichtungen hatten in der frühen Neuzeit einen ambivalenten Charakter, so dienten sie der Unterwerfung des Volkes wie auch zur Abschreckung. (Dülmen, 1987, Das Schauspiel des Todes, S. 204) Eine öffentliche, möglichst aufregende Zurschaustellung des Rechts war aus diesem Grund erwünscht. Obschon ein möglichst großes Publikum von der Obrigkeit angestrebt wurde, ergaben sich daraus auch Probleme die Ordnung betreffend. Nicht nur das gemeine Volk wurde vom Spektakel angezogen, bezahlte Sitzbänke für Standespersonen waren ebenfalls gut besetzt. Den festlichen Charakter einer öffentlichen Exekution, unterstrichen zahllose Buden in denen „Galgenbier“ oder „Armesünderwürstel“ angeboten wurden. Tribünen die gegen ein Entgelt eine bessere Sicht auf den Akt boten, waren ebenfalls eine willkommene Einnahmequelle. (Dülmen, 1985, Theater des Schreckens, S.146f.) Um die Stärke der Macht in dieser Jahrmarktähnlichen Posse zu bezeugen wie auch gegebenenfalls zu demonstrieren wurden beträchtliche militärische Sicherheitsmaßnahmen unternommen. Diese konnten auch einschreiten wenn die Zustimmung des Volkes das Urteil betreffen nicht mit dem der Obrigkeit konform ging, und es infolge dessen zu Ausschreitungen und Protesten kam. Da das Ziel in der Wiederherstellung der Ordnung und dem lehrenden Effekt auf die Bevölkerung lag, war das Einverständnis des Volkes elementar. Mehr noch erlangte das Urteil erst durch die Zustimmung des Volkes soziale Rechtsgültigkeit. (Dülmen, 1985, Theater des Schreckens, S. 147)

Es wird deutlich, dass sich das Volk nicht auf eine passive Rolle beschränken ließ, kam ihm doch gerade auch bei Gnadengesuchen eine tragende Rolle zu. „Verwandte, Freunde, hohe Standespersonen konnten Fürbitten einreichen […], wobei die Entscheidung schlussendlich der richterlichen Gewalt oblag. (Dülmen, 1985, Theater des Schreckens, S. 149) Des Weiteren gab es Bräuche, aufgrund derer Personen begnadigt werden mussten. Relevant wurden diese meist erst unmittelbar vor oder gar bei der Hinrichtungszeremonie. Bekannt ist der Brauch des „Losheiratens“, demnach die Schuld durch die jungfräuliche Reinigung getilgt ist, obschon das Paar hernach aus der Gemeinschaft ausgeschlossen und der Stadt verwiesen wurde, floss kein Blut. Auch der Henker konnte eine zum Tode Verurteilte Sünderin zur Frau nehmen und ihr somit, wenn auch ein Leben in sozialer Isolation, das Leben schenken. Die Obrigkeit verhielt sich bei einem solchen „Gnadengesuch“ ambivalent. War es doch auf der eine Seite dem Recht zuwider, ist ein Stellungsbezug gegen die Bräuche des Volkes auch mit Ausschreitungen und Unruhen verbunden. Auch wenn die Exekution nicht das gewünschte Ergebnis zu Folge hatte, d.h. der Verurteilte, „durch Gottes Gnaden“ nicht den Tod fand, war er, nach Ansicht des Volksbrauches, von der Schuld befreit. (Dülmen, 1985, Theater des Schreckens, S. 150f.)

Die Justiz jener Zeit zielte nicht auf Besserung eines Delinquenten ab, lediglich die Wiederherstellung der gesellschaftlichen Ordnung stand im Interesse. Daher waren Strafen körperlich orientiert. Wobei jedem Verbrechen eine bestimmte Strafe zugeordnet wurde, nach dem biblischen Motto „Auge um Auge [...]“ festgesetzt durch die „Carolina“, dem ersten deutschen Strafgesetz, war die Rechtsprechung der Willkür enthoben. (Dülmen, 1987, Das Schauspiel des Todes, S. 206)

3. Zum Ritual der Hinrichtung

Die öffentliche Inszenierung einer Hinrichtung erscheint in der Gegenwart brutal und zumeist unverhältnismäßig, kaum sind diese juristischen Praktiken in Übereinstimmung mit unserer Vorstellung eines ordentlichen Gerichtsverfahrens und einer gerechten Strafe zu bringen. In der Frühen Neuzeit waren sie jedoch grundlegend für den ordentlichen Ablauf von Gerichtsverfahren und Bestrafung.

Von Symbolen und Ritualen begleitet wurde die Rechtsprechung symbolisch nach den Richtlinien der Constitutio Criminalis Carolina aus dem Jahre 1532 vollzogen. (Martschukat, 2000, Inszeniertes Töten, S. 16) Für die Überführung und Verurteilung eines Täters war sein Geständnis von immanenter Bedeutung, dieses war nicht nur für einen anerkannten rechtskräftigen Schuldspruch wichtig, es war auch eine Art der Reinigung, welche einer Beichte gleichkam. (Martschukat, 2000, Inszeniertes Töten, S. 33f) Meist war es ein Geistlicher unter dessen „Zuspruch“ ein Geständnis abgelegt wurde. (Dülmen, 1987, Das Schauspiel des Todes, S. 210) Bei Nichtanerkennung der Schuld erfolgte zumeist der Einsatz der Folter, da Indizienbeweise und Zeugenaussagen nicht ausreichten, um einen Angeklagten zu richten. Erfolgte unter der Folter ein Geständnis, musste es anschließend noch einmal wiederholt werden, da es nur Gültigkeit erlangte, wenn es ungezwungen und aus freier Einsicht erfolgte. (Dülmen, 1985, Theater des Schreckens, S. 36) Mit dem Geständnis des Täters endete die Untersuchung einer Straftat, eine juristische Verteidigung wurde dem Täter nicht gestellt, seine Aussagen, die der Zeugen und auch das Geständnis machten dies überflüssig. (Dülmen, 1987, Das Schauspiel des Todes, S. 211) Das festgelegte Urteil wurde schließlich am Rechtstag der Öffentlichkeit, wie auch zuvor schon dem/der SünderInnen, verkündet. Bei Todesurteilen mussten zwischen der Fixierung des Urteils und der Vollstreckung bis zu drei Tage liegen, um der Obrigkeit und dem Delinquenten selbst genügend Zeit zur Vorbereitung einzuräumen. (Dülmen, 1987, Das Schauspiel des Todes, S. 213) Unmittelbar vor der öffentlichen Hinrichtung fand die Henkersmahlzeit statt. Nicht nur der Straftäter, sondern auch das Gerichtspersonal kamen in den Genuss einer üppigen Mahlzeit. (Dülmen, 1987, Das Schauspiel des Todes, S. 215) Am Rechtstag, dem öffentlichen zeremoniellen Abschluss des Gerichtsverfahrens, wurde der Täter zur Urteilsvollstreckung dem Scharfrichter übergeben. Der Weg vom Gericht zur Richtstätte, den der sogenannte „Armesünderzug“ zurücklegen musste, erhöhte den Abschreckungsfaktor, schaffte eine breite Öffentlichkeit und machte zusätzliche Strafverschärfungen, wie das Zwicken mit glühenden Zangen, möglich. (Dülmen, 1987, Das Schauspiel des Todes, 223f.)

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Details

Seiten
9
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656766292
ISBN (Buch)
9783656766339
Dateigröße
395 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v281927
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden
Note
1,3
Schlagworte
Todesstrafe Ritual Exekution

Autor

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