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Werteverständnis und Ethik innerhalb der Mensch-Tier-Beziehung

Solidarität und Alterität als Grundlagen der Tierethik

Hausarbeit 2014 29 Seiten

Philosophie - Praktische (Ethik, Ästhetik, Kultur, Natur, Recht, ...)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort: Zur Aufgabe der Arbeit

1. Die Suche nach dem Wert. Problematische Fragestellungen innerhalb der Natur-u Tierethik
1.1 Implikationen der naturethischen Grundfrage
1.2 Die pathozentrische Argumentation als Folge der naturethischen Grundfrage
1.2.1 Der Pathozentrismus als Streben nach Objektivität
1.2.2 Das implizite Wahrheitsverständnis naturalistischer Argumentationen
1.2.3 Die anthropologische Differenz und anthropozentrische Tierethik
1.3 Eine alternative Grundfrage der Natur- bzw. Tierethik

2. Pragmatismus, Alterität und Solidarität als Alternativen der Tierethik
2.1 Der Pragmatismus als Grundlage der erneuerten tierethischen Fragestellung
2.2 Solidarität als Grundlage der Tierethik
2.3 Ethik der Alterität

3. Literaturverzeichnis

Vorwort: Zur Aufgabe der Arbeit

Die vorliegende Arbeit versteht sich als Beitrag zur aktuellen Tierethikdebatte. Ausgehend von der These, dass die natur-u. tierethische Grundfrage, wie sie im einschlägigen Sammelband von Angelika Krebs zur Natur-u. Tierethik1 gestellt und durch die dort versammelten Aufsätze be- antwortet wird, Implikationen enthält, die nicht expliziert werden aber problematisch sind, wird eine alternative natur-u. tierethische Fragestellung entwickelt. Diese wird im Rahmen der Phi- losophie des Amerikanischen Pragmatismus, wie Richard Rorty ihn im Hinblick auf die Frage nach der Solidarität unter Menschen entwickelte, kontextualisiert. Das Solidaritätsverständnis Rortys wird dabei auf die Tierethik angewendet, wodurch zu einer Ethik der Alterität gelangt wird, welche sich als Alternative zu klassischen Argumentationsfiguren der Tierethikdebatte versteht. Vor allem utilitaristische und darunter die dominierenden pathozentrischen Argu- mente werden im Kontext ihrer subtilen metaphysischen Suche nach Objektivität kritisch un- tersucht. Ihre Leistungsfähigkeit im Hinblick auf die Beantwortung zentraler Fragen der Tie- rethik wird in Frage gestellt, wobei vor allem angezweifelt wird, dass diese Argumente lang- fristig für eine stetige Erneuerung und Entwicklung des begrifflichen Apparates dienlich sind, mittels dessen wir die tierethischen Problemlagen beschreiben, diskutieren und lösen. Stattdes- sen etablieren sie, so die These, eine weltanschaulich nicht neutrale anthropozentrische Vorein- stellung, die zur fragwürdigen moralischen Diskriminierung vieler Lebewesen führt. Die ent- wickelte Alternative soll im Vergleich dazu eine angemessenere Möglichkeit eröffnen, sowohl dem Menschen als auch dem Tier in der Tierethik gerecht zu werden. Die Grundlage dafür, so wird behauptet werden, liegt im Einnehmen einer grundlegend solidarischen Haltung gegen- über dem Anderen als Anderem. Diese Haltung soll an die Stelle einer verdinglichenden Ein- stellung treten, durch die der Andere in der Begegnung immer bloß zum Objekt der eigenen moralischen Willkür degradiert wird. Die Arbeit stellt einen ersten Durchlauf der Richtung dar, die sich ergibt, wenn der solidarische Pragmatismus Rortys auf Mensch-Tier-Verhältnisse an- gewendet wird.2

1. Die Suche nach dem Wert. Problematische Fragestellungen innerhalb der Natur-u. Tierethik

The single biggest problem in communication is the illusion that it has taken place.

(George Bernard Shaw)

Der Titel der Arbeit verrät bereits eine wesentliche Problematik des Untersuchungsgegenstan- des. Verorten wir den Status der Normativität nämlich innerhalb der Mensch-Tier-Beziehung, so sollten wir davon ausgehen, dass gleichermaßen Mensch und Tier an der Gestaltung dieser Beziehung teilhaben. Der Status der Normativität innerhalb dieser Beziehung wird aber aus- schließlich vom Menschen konstituiert. Notwendigerweise objektiviert der Mensch das Tier zu einem unter Umständen moralrelevanten Sachverhalt, indem er über seine Beziehung zu ihm in ethischer Terminologie nachdenkt und spricht. Diese der tierethischen Debatte innewoh- nende Vergegenständlichung der einen Seite der Betroffenen impliziert eine Erhöhung der Wahrscheinlichkeit, dass die Debatte in Terminologien paternalistischer Moraltraditionen ge- führt wird. Der Mensch als aktiver Kommunikationsakteur befindet mittels seiner rationalen Analysekraft über den moralischen Status der Tiere, indem er seine ihn auszeichnende Ratio- nalität dazu gebraucht, etwaige Hinweise zu entdecken, die eine moralische Berücksichtigung oder Nicht-Berücksichtigung nicht-menschlichen Lebens rechtfertigen sollen. Die Entdeckung moralrelevanter Kriterien wird zum Merkmal ethischer Kompetenz und die Suche danach zu deren Methode. Gesucht werden dabei Kriterien, die plausibel begründen sollen, weshalb wir mit nicht-menschlichem Leben auf eine Weise umgehen sollen, die das Attribut »moralisch gerechtfertigt« verdient. Die Richtung dieser Suche vollzieht sich dabei ausgehend vom wer- tenden Menschen hin zum bewerteten Tier. Die Problematik der aus dieser Ausgangssuche re- sultierenden Fragestellungen soll im Folgenden skizziert werden.

1.1 Implikationen der naturethischen Grundfrage

Die Suche des Menschen nach Kriterien dafür, dass er nicht-menschliches Leben moralisch zu berücksichtigen hat, führt grundlegend zwei Tatsachen mit sich:

(1) Die Richtung der Suche verläuft eindimensional (Mensch Tier).
(2) Die Suche suggeriert einen Dualismus zwischen Suchendem und Gesuchtem.

Diese Tatsachen finden Ausdruck in den Fragestellungen, die innerhalb der tierethischen De- batte dominieren. Diese Fragestellungen sind abgeleitet von denen der allgemeinen Naturethik, da die Tierethik als Teilbereich der Naturethik vorgestellt werden kann. Innerhalb dieses Teil- bereichs spezifiziert sich die naturethische Grundfrage in Richtung des empfindungsfähigen nicht-menschlichen Lebens.3 Angelika Krebs bezeichnet als »naturethische Grundfrage« jene, die nach »dem moralischen Wert der Natur« fragt (Krebs 1997, 7). Entsprechend leitet ihr Sammelband zur Naturethik mit der Frage ein: »Hat die Natur einen eigenen moralischen Wert, oder ist sie nur für den Menschen da? « (ebd.) Alle anderen Fragen seien dieser »naturethischen Grundfrage systematisch nachgeordnet. « (ebd.) Im Rahmen der Tierethik lautet die analoge Fragestellung: Hat das Tier einen eigenen moralischen Wert, oder ist es nur für den Menschen da? Krebs suggeriert, dass die Antwort auf konkretere moralrelevante Fragen4 davon abhängt, welche Antwort auf diese Grundfrage gegeben wird.

Die Frage nach dem moralischen Wert der Natur impliziert dabei auf subtile Weise einen Du- alismus zwischen dem Wert zusprechenden Menschen und eben diesem moralischen Wert der Natur, so als müsse man die Beziehung zwischen beiden als eine Beziehung zwischen zwei voneinander abgetrennten Objekten bzw. Akteuren begreifen; als gäbe es den Menschen auf der einen Seite und den Wert der Natur/des Tieres auf der anderen Seite. Die Seite, von der aus der Mensch wertend aktiv wird, könnten wir als Handlungsebene bezeichnen. Die Seite, auf welcher der Wert der Natur gesucht wird, könnten wir als Objektebene bezeichnen. Der Sinn der Wertsuche besteht darin, einen Grund für normative Orientierung auf der Handlungs- ebene zu finden. Gleichzeitig konstituiert aber diese vom Fund betroffene Handlungsebene die Art und Weise der Suche. Von einer objektiven Methode kann im Hinblick auf diese Suche also nicht gesprochen werden, auch dann nicht, wenn postuliert wird, dass der gefundene Wert auf der Seite der Natur bzw. des Tieres ein objektiver sei. Der gefundene Wert kann nur in dem Maße objektiv sein, als er Bestandteil der Objektebene ist, auf der er gesucht wird. Die Art der Suche impliziert eine Vorstellung von der Charakteristik dessen, was gesucht wird. Folgendes können wir über die Implikationen einer solchen Suche zusammenfassend sagen, sofern wir vom Sinn dieser Suche ausgehen und sie zur Prämisse der Verleihung moralischer Stati ma- chen:

(1) Es wird etwas auf einer nicht-menschlichen Objektivitätsebene gesucht (in der Natur bzw. im/am Tier).
(2) Was gesucht wird, muss derart beschaffen sein, dass es vom Menschen entdeckt werden kann. Eine spezifische Erkenntnistheorie ist notwendig.
(3) Was gesucht wird, muss bestimmte Eigenschaften aufweisen, um eine plausible Ver- bindung zur menschlichen Handlungsebene auf normative Weise herzustellen.
(4) Dem, was gesucht wird, verleiht man den Namen »Wert«. Wenn wir fragen, ob die Na- tur bzw. ein Tier einen »Wert« hat, dann fragen wir danach, ob sie bzw. es eine erkenn- bare Eigenschaft »hat«, anhand derer wir ihr bzw. ihm einen moralischen Status zuord- nen können.
(5) Der gesuchte Wert überbrückt demnach die Kluft zwischen der menschlichen Hand- lungsebene und der nicht-menschlichen Objektebene. Darin liegt seine Funktion.
(6) Durch den Wert erhält die Beziehung von Handlungsebene und Objektebene einen nor- mativen Charakter. Der Mensch, der sich am »Wert in der Natur« oder am »Wert im Tier« orientiert, hat einen Grund gefunden, im Hinblick auf sein Handeln von einem ihm zu Grunde liegendem »Sollen« bzw. einer »Pflicht« oder mindestens einem »gutem Grund« zu sprechen.

Nun ist der Mensch in der Lage jedem beliebigen Ding und jedem Sachverhalt einen morali- schen Status zuzuordnen. Die Frage lautet also nicht, ob wir der Natur bzw. dem Tier kraft einer ihr bzw. ihm innewohnenden Eigenschaft einen moralischen Status zuordnen können - denn das tun wir in jedem Fall - sondern, ob wir dies anhand der Überzeugungskraft dieser gesuchten Eigenschaft tun soll(t)en. Denn indem wir positive Thesen in Bezug auf die Existenz solcher Eigenschaften aufstellen, treten wir als Moralisten auf, die ein solches Sollen begründen. Der Dualismus von menschlicher Wertungsebene (Handlungsebene) und objektiver Wertebene muss geschlossen werden durch die normative Verbindlichkeit des Wertes, der auf der Objekt- ebene gefunden aber auf der Handlungsebene wirksam wird. Dies geschieht über die klassi- schen naturethischen Argumentationsfiguren5.

1.2 Die pathozentrische Argumentation als Folge der naturethischen Grundfrage

Im Hinblick auf die Tierethik dominieren dabei naturalistische Argumente und innerhalb deren pathozentrische Argumente.6 Alle Argumente, die eine Antwort auf die Frage nach dem Wert in der Natur bzw. einem Teil von ihr geben, müssen dabei weltanschaulich nicht neutrale Prä- missen - wir können auch sagen: metaphysische Prämissen - akzeptieren. Denn um aus der Beschreibung einer Eigenschaft, die auf der Objektebene verortet wird, ein Sollen abzuleiten, das auf der Handlungsebene wirksam werden soll, muss entweder vom Sein aufs Sollen ge- schlossen werden (Naturalistischer Fehlschluss) oder es muss eine Eigenschaft postuliert wer- den, die selbst ein bindungsmächtiges Sollen enthält. Da der Prozess der Wertesuche aber ab- hängig ist von der Konstitution des Bewusstseins, das sich auf diese Suche macht, muss die Bedeutung des gefundenen Wertes stets abhängig von diesem Bewusstsein bleiben. Dem su- chenden und findenden Werteprozess haftet konstitutiv eine willkürliche Subjektivität an. Wird also irgendein Ethiker behaupten, er hätte eine Eigenschaft der Natur oder des Tieres gefunden, anhand der wir sicher sein können, dass sie bzw. es eine bestimmte Form unserer moralischen Berücksichtigung verdient hat und wird dies normativ formuliert, also mit dem Hinweis auf ein Sollen oder eine Pflicht des Menschen dem Träger dieser Eigenschaft gegenüber, dann muss mit einem Fehlschluss gerechnet werden. Die naturethische Ausgangsfrage, welche wir uns vorgelegt haben, führt demnach notwendigerweise zu Antworten, die, sobald sie auf normative Weise gegeben werden, einer logischen Prüfung nicht standhalten werden, die also kein gülti- ges moralisches Urteil abbilden können. Als gültiges moralisches Urteil sei dabei eines ver- standen, das Anspruch darauf erhebt, universalisierbar, allgemeingültig und kategorisch zu sein.7 Daraus folgt, dass die Frage nach dem Wert in der Natur bzw. dem Tier zugunsten einer weniger implikationsreichen Fragestellung erneuert werden sollte. Diese neue Fragestellung sollte die Möglichkeit von Antworten enthalten, die sich nicht notwendig in Fehlschlüsse ver- wickeln. Bevor ich eine solche Frage vorschlage, möchte ich zeigen, welche Konsequenzen die ursprüngliche naturethische Grundfrage zu zeitigen in der Lage ist, sofern Antworten auf sie Klassikerstatus erreichen. Dies sei am Beispiel pathozentrischer Argumente skizziert, weil diese die Tierethikdebatte dominieren (bzw. dominiert haben).

Die pathozentrische Argumentation innerhalb der Tierethikdebatte dient als Beispiel einer me- taphysischen Suche nach Objektivität. Dies soll im Folgenden erläutert werden. Traditionell werden innerhalb der Naturethik vier Typen von Argumenten unterschieden: me- taphysische Argumente, naturalistische Argumente, moralisch-pragmatische Argumente und moralische Sinnargumente (vgl. Fischer 2006, 157 Abb. 9). Innerhalb der Tierethik spielen vor allem die naturalistischen Argumente die Hauptrolle, solange die Debatte der Tierethik darum kreist, moralrelevante Kriterien in Form von Eigenschaften dafür zu finden, Tiere zum Objekt- bereich der Moral zu machen. Die »Erfahrung bzw. wissenschaftliche Theorien [von diesen Eigenschaften] sollen der epistemische Ort dieser Argumente sein. « (ebd. 141) Das einflussreichste naturalistische Argument ist das pathozentrische:

»Es [das pathozentrische Argument] möchte die moralische Relevanz von Handlungen in Ansehung der empfindsamen Natur begründen und empfindsame Lebewesen unter moralischen Schutz stellen. […] Empfindsamkeit steht dabei für die Fähigkeit, Schmerzen empfinden zu können, was als Leidensfähigkeit interpretiert wird. « (Fischer 2006, 142)

Bei der Frage, welcher wahrnehmbare Ausdruck für ein Leidempfinden spricht, aus dem die Forderung moralischem Schutz resultiert, unterscheiden sich vor allem zwei grundlegende Me- thoden:

»Während der Utilitarismus sein moralisches Kriterium im Sinne einer exakten Wissenschaft messtheoretisch und messpraktisch bestimmen möchte und dabei auf die Maximierung bzw. Optimierung einer Bilanz an Lust bzw. Präferenzerfüllung zielt, hält sich die moderne Variante des generalisierten Mitleids an den Affekt des Mitleids und möchte auf dieser Grundlage „eine reflektierte allgemeine Einstellung ausbilden“. «

(Fischer 2006, 145; zitiert: Wolf 2004, 142f.)

Wir wollen im Folgenden zwei wesentliche Probleme behandeln, die mit dem pathozentrischen Argument verbunden sind, insbesondere mit Formen des Präferenzutilitarismus. Diese Prob- leme lassen sich darauf zurückführen, dass die pathozentrische Argumentation auf die proble- matische Suche zurückgreift, welche wir oben beschrieben haben. Sie gibt eine Antwort auf die Frage, ob das Tier einen Wert hat, indem sie postuliert, diesen Wert im Innern einer Eigenschaft des Tieres finden zu können, um daraus normative Konsequenzen zu ziehen. Diese Eigenschaft ist die Leidensfähigkeit des Tieres. Der gesuchte Wert wird in der Vermeidung des Leids ge- funden. Damit sind die Bedingungen erfüllt, die wir erarbeitet haben, um sicher sein zu können, dass diese Argumentation logisch nicht schlüssig sein und gleichzeitig gültige Normen setzen kann. Die problematische Kluft zwischen menschlicher Wertungsebene und objektiver Wert- ebene ist offensichtlich. Dies soll im Folgenden anhand der Charakteristik einer solchen Argu- mentation gezeigt werden.

1.2.1 Der Pathozentrismus als Streben nach Objektivität

Solange wir als Rechtfertigungsgrund für die Legitimation moralischer Normen oder Appelle nach Eigenschaften oder Werten suchen, streben wir nach Objektivität, auf die wir, sofern wir sie zu erreichen glauben, solidarische Moralvorstellungen gründen. Wenn wir so handeln, dann versuchen wir, aus unserer ganzheitlichen Wahrnehmung des Anderen etwas zu entnehmen und dieses vom Anderen Isolierte mit einer nicht-menschlichen Realität zu verbinden, also mit et- was, das außerhalb der Beziehung von Ich und Du liegt. Wir beziehen einen willkürlich ausge- wählten Teil des Anderen - wobei dabei die Willkür als rational gerechtfertigter Grund darge- stellt wird - auf eine von ihm strikt zu trennende (vorgebliche) Realität. Diese Realität besteht meist aus einem durch logische Argumentation abgeleiteten normativen Satz, der als Konklu- sion einer (in sich) logisch schlüssigen Argumentation fungiert. Wir machen einen Konver- genzpunkt außerhalb des konkreten Anderen zum Ausgangsort unseres Sollens ihm gegenüber. Beispielsweise erheben wir die Eigenschaft »Leidensfähigkeit« im Rahmen der Tierethik zum Kriterium, anhand dessen wir unser Handeln am Anderen orientieren. Je nachdem, welchen Grad an Leidensfähigkeit wir einem Anderen zuweisen, werden wir ihn mehr oder weniger in unser moralisches Universum einbeziehen.

Einerseits argumentiert nun Peter Singer mit seinem »Prinzip der Gleichheit«8 gegen die Inan- spruchnahme von Eigenschaften zur Zuteilung moralischer Rücksichtnahme. So schließt er richtig, dass der »Fehler des Rassismus oder des Sexismus« (Singer 1997, 16) nicht in der Vor- stellung liegt, dass eine Gruppe einer anderen in Bezug auf bestimmte Fähigkeiten überlegen sei. Der Fehler des Rassismus oder Sexismus läge vielmehr darin, dass ihre Anhänger glauben, dass eine Überlegenheit in Bezug auf bestimmte Fähigkeiten zur Folge haben soll, dass die moralische Berücksichtigung jener, die in Bezug auf diese Fähigkeiten unterlegen sind, einge- schränkt oder aufgehoben werden darf (vgl. dazu ebd. 16-19.). Andererseits entwickelt er selbst innerhalb seines Essays »Alle Tiere sind gleich« (vgl. ebd. 13-32) ein moralrelevantes Krite- rium, das sich als Fähigkeit beschreiben lässt. Nämlich die Fähigkeit zu leiden. An diese Fä- higkeit wird eine andere Fähigkeit geknüpft, nämlich die, ein Interesse zu haben (vgl. ebd. 20ff.). Damit unterschreitet Singer seinen eigenen Anspruch nach Gleichheit für alle. Denn die Zuschreibung eines Interesses ist abhängig vom zuschreibenden Bewusstsein und dessen Vor- stellung von »Interesse« sowie dessen Fähigkeit, ein Interesse am Anderen wahrzunehmen, und insofern vage. Zudem treffen für eine solche Zuschreibung alle jenen Probleme zu, die wir im oben Kapitel bereits skizziert haben.

Die Konsequenzen des Präferenzutilitarismus widersprechen dementsprechend dem morali- schen Konsens und den moralischen Intuitionen vieler menschlicher Gemeinschaften. So wird in vielen Gemeinschaften auch jenen Menschen ein moralischer Status zugeordnet, die keine unmittelbaren Anzeichen für Leidensfähigkeit (also: Interesse) zeigen. Der Grund für den Zu- spruch eines moralischen Status muss also an einer anderen Stelle gesucht werden, nicht im Objekt, das uns mit der Frage konfrontiert, ob ihm ein moralischer Status zugeordnet werden soll. Diese Frage stellt sich vielen Menschen gar nicht, sobald sie in einer Ich-Du Beziehung zu einem anderen Wesen stehen.

[...]


1 Vgl. Krebs 1997.

2 Im Fließtext werden die Quellen der Zitate mit „(Autor Jahr, Seite/Minute)“ angegeben.

Die Formatierung der Zitate ist - sofern nicht anders angegeben - dem Original entnommen. Kommentare in eckigen Klammern stammen vom Autor dieser Arbeit (B. Baumann). Alle zitierten Quellen sind im Literaturverzeichnis angeführt.

3 Die Arbeit schließt an die geläufige Definition des Begriffs »Tier« an, nach der Tiere als empfindungsfähige nicht-menschliche Lebewesen begriffen werden können. Mit der Empfindungsfähigkeit soll aber noch kein mora- lisches Kriterium angegeben sein, das zur Verleihung eines moralischen Status anleitet oder nicht, sondern ledig- lich ein definitorisches Merkmal für die Verwendung des Begriffes »Tier«. Gemäß der Thesen dieser Arbeit wird es nicht auszuschließen sein, auch nicht-empfindungsfähigem Leben moralische Stati zuzuweisen. Lediglich die Rede von »Tieren« würde sich (zugunsten der Einführung des Begriffs »Natur«) dann erübrigen.

4 »Darf man an Tieren leidvolle Experimente vornehmen? «; »Darf man sie [Tiere] zu Objekten industrieller Fleischproduktion machen? «; »Darf man Tiere überhaupt töten und verzehren? « (Krebs 1997, 7).

5 Vgl. dazu: Krebs 1997, 337-379 und Fischer 2006, 138-157 [insbesondere 157, Abb. 9].

6 Vgl. Fischer 2006, 140-147 und einer alternativen Systematik folgend: Krebs 1997, 337-379.

7 Vgl. dazu die Kennzeichen moralischer Urteile nach Birnbacher 2007, 8-43.

8 »Das Prinzip der Gleichheit beinhaltet, unsere Rücksicht auf andere nicht davon abhängig zu machen, wie sie aussehen oder welche Fähigkeiten sie besitzen - obwohl das, was diese Rücksicht im einzelnen von uns verlangt, sich nach den Besonderheiten der von unserem Handeln Betroffenen richtet. « (Singer 1997, 19).

Details

Seiten
29
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656765394
ISBN (Buch)
9783656765400
Dateigröße
535 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v281929
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Fakultät für Sozial-u. Verhaltenswissenschaften. Ethikzentrum / Lehrstuhl für Angewandte Ethik
Note
1,0
Schlagworte
Mensch-Tier-Beziehung Ethik Tier-Ethik Solidarität Alterität Tierschutz Umweltschutz Würde Moralphilosophie Pragmatismus Rationalismus

Autor

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Titel: Werteverständnis und Ethik innerhalb der Mensch-Tier-Beziehung