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Das religiös „Andere“ im mittelalterlichen Diskurs

Religiöse Vorstellungen und heilsgeschichtliche Wahrnehmung der Wirklichkeit in Peters von Dusburg „Chronica Terre Prussie“

Bachelorarbeit 2013 35 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1) Einleitende Worte in Bezug auf die mittelalterlich-christliche Ordnung in Verbindung mit methodologischen Überlegungen zu Michel Foucaults diskurstheoretischem Ansatz: Regulative Maßnahmen und die Konstitution von Wahrheit und Wirklichkeit durch Diskurse und Dispositive. Heran- führung an den vorstellungsgeschichtlichen (Quellen-)Zugang
1.1 Der Christentum-Dispositiv in der mittelalterlichen Ordnung: Konstitution von Wirklichkeit und Wahrheit
1.2 Die Regulation des Christentum-Dispositivs durch die päpstliche Glaubenslehre: Markierung und Diffamierung des religiös „Anderen“ und der Eingriff in die Wirklichkeit
1.3 Der doktrinäre Diskurs im Spannungsfeld der Konstitution von Wahrheit: Die Kirche als Garant des Seelenheils
1.4 Methodologie und Konzept der vorliegenden Arbeit: Diskursfelder im Werk von Peters von Dusburg „ Chronica Terre Prussie

2) Religions- und Gottesverständnis in Peters von Dusburg „ Chronica Terre Prussie
2.1 Peters von Dusburg „ Chronik des Preußenlandes
2.2 Der Diskurs des religiös „Anderen“ am Beispiel der „Heiden“ und der Weizen Unkrautmetapher
2.3 Heilsgeschichtliche Zeichenhaftigkeit der Welt: Das Eingreifen Gottes in Form von Zeichen und des göttlichen Strafgerichts
2.4 Der Kreuzzugsdiskurs

3) Fremd- und Eigenzuschreibungen in Peters Preußenchronik
3.1 Das religiös „Fremde“ und das „Eigene“ aus christlicher und heilsgeschichtlicher Perspektive
3.2 Die moralisch-christliche Fremdzuschreibungsebene als „Interpretatio Christiana“
3.2.1 Das „ aquilo “-Konzept: Der „Norden“ als Sitz Satans
3.2.2 Die „Heiden“-Darstellung in der Preußenchronik
3.2.2.1 Das Konzept des „heidnischen“ Unglaubens in Peters Preußenchronik
3.2.2.1.1 Das Antisakrament
3.2.2.1.2 Der Unglaube
3.2.2.1.3 Die Laster und die bösen Werke
3.3 Die zivilisatorisch-kulturelle Fremdzuschreibungsebene

4) Zusammenfassung der Ergebnisse sowie abschließende Bemerkungen

5) Literaturverzeichnis

1. Einleitende Worte in Bezug auf die mittelalterlich-christliche Ordnung in Verbindung mit methodologischen Überlegungen zu Michel Foucaults diskurstheoretischem Ansatz: Regulative Maßnahmen und die Konstitution von Wahrheit und Wirklichkeit durch Diskurse und Dispositive. Heranführung an den vorstellungsgeschichtlichen (Quellen-)Zugang

1.1 Der Christentum-Dispositiv in der mittelalterlichen Ordnung: Konstitution von Wirklichkeit und Wahrheit

In der mittelalterlichen Wahrnehmungs- und Vorstellungswelt nahm das Christentum ohne Zweifel eine herausragende Position ein. Kein aus heutiger Sicht noch so profan anmutender Bereich war nicht durchdrungen von bestimmten religiösen Vorstellungen – überlagerten sich doch in der mittelalterlichen Kultur Religion und Gesellschaft nach Meinung des Hamburger Historikers Hans-Werner Goetz „[…] bis zur Unkenntlichkeit […].“[1] Peter Dinzelbacher bewertet die Religiosität des Mittelalters gar als „[…] die alles durchformende Grundlage der geistigen Existenz.“[2]

Bedient man sich zum besseren Verständnis der weder in der Forschungsliteratur noch bei Michel Foucault selbst keineswegs kohärent formulierten Diskurstheorie, so wird ein theoretischer Ansatz zur Konstitution von Wahrheit und Wirklichkeit geboten. Sowohl für den französischen Philosoph und Psychologen als auch für die moderne Historiographie gibt es keine Universalien (allgemein gültige Aussagen) – also keine überzeitlichen bzw. ewigen Wahrheiten.[3] Andernfalls wäre durch diese Art von Statik der Lauf der Geschichte vorhersagbar. Der Diskursbegriff bildet Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre das Zentrum von Foucaults Arbeit. Durch Diskurse werden Wirklichkeit und Wahrheit erzeugt, weshalb diese so sehr umkämpft seien. Diskurse wiederum seien eingebettet in verschiedene Dispositve, welche zu einer bestimmten Zeit bzw. historischen Epoche eine Art Netz oder Formation bestimmter diskursiver, praktischer und gegenständlicher – äußerst heterogener – Elemente bilden, die sich mit Wissen und Macht verbinden und damit eine Wirklichkeit konstituieren.[4] Jede Epoche bilde im Zuge der verschiedenen sich überlagernden Dispositive und deren enthaltenen Diskurse spezifische Wahrheiten und Wirklichkeit durch die Performanz des Wahrsagens innerhalb der einzelnen Diskurse, also durch Äußerungen dessen, was für wahr gehalten wird. Geschichte hat für Foucault nichts mit einem teleologischen Prozess zu tun, sondern werde seiner Meinung nach durch Brüche gekennzeichnet. Denken bilde sich im Spannungsfeld der Dispositive,[5] und nicht durch eine lineare bzw. teleologische Entwicklung. Dabei stützt sich Foucault auf Friedrich Nietzsche, der von der Prozessualität aller Begriffe ausging, was er beispielsweise auf die Moral bzw. die moralischen Werte anwandte, die zuvor als universal galten.[6] Dabei ist dieses Verhältnis zwischen Dispositiven, Diskursen, Gegenständen, Wirklichkeit und Wahrheit reziprok. In jeder historischen Epoche variieren die Fragen sowie die gegebenen Antworten (als Aussagen innerhalb des Diskurses), die sich auf die Wirklichkeit beziehen. Jede Veränderung des Wissens bringe gleichzeitig eine Veränderung dieser materialisierten diskursiven Gegen-stände mit sich.[7] Wird dieses Modell auf das Mittelalter angewendet, so wird das enorme Ausmaß und der riesige Einfluss des Christentum-Dispositivs deutlich, was sich im Denken, Handeln und Wahrnehmen der mittelalterlichen Menschen widerspiegelt. Zugleich wurde doch auch mit aller Schärfe die – zumindest öffentlichen – Aussagen innerhalb der einzelnen Diskurse des Christentum-Dispositivs von der Kirche kontrolliert und sanktioniert.

1.2 Die Regulation des Christentum-Dispositivs durch die päpstliche Glaubenslehre: Markierung und Diffamierung des religiös „Anderen“ und der Eingriff in die Wirklichkeit

Insbesondere im 11. und 12. Jahrhundert kam es zu einer allgemeinen sowie religiösen Unruhe und die sich entwickelnde Scholastik unternahm den Versuch, den christlichen Glauben durch Vernunft zu begründen.[8] Andererseits entwickelte sich durch das Reformpapsttum des 11. Jahrhunderts – insbesondere im Rahmen des Investiturstreits und unter Einfluss Papst Gregors VII. – der zentralistische Oberherrschaftsanspruch des römischen Papsttums aus. Ein aufschlussreiches Zeugnis für den päpstlichen Superioritäts-anspruch – sowohl innerkirchlich gegenüber dem einzelnen Bischof bzw. der Metropolitan-Synode als auch universal gegenüber dem Kaisertum – bildet das Eigendiktat Gregors in Gestalt des „ Dictatus Papae “.[9] Nicht unerheblich erweisen sich ebenso die Entwicklungen hinsichtlich der Hinwendung zu einem positiv konnotierten heiligen Krieg, der in den folgenden Jahrhunderten ein wichtiges machtpolitisches Instrument der lateinisch-römischen Kirche bilden sollte.[10] Doch im 12. und besonders im 13. Jahrhundert wurden von Seiten der bibelkundigen Laien Fragen aufgeworfen, der sich die Kirche nicht entziehen konnte. Die „ Vita apostolica“ und das damit verbundene Leben in Armut, die Würdigkeit des Priesters und der damit einhergehenden Spendung der Sakramente wurden beispielsweise gegenüber der offiziellen Orthodoxie angemahnt und es bildeten sich in weiten Teilen des christlichen Europas – keineswegs einheitliche – Laienbewegungen, wie die von der Kirche diffamierten und durch ihre Fremdzuweisungsbegriffe erst vereinheitlichten und damit erschaffenen „Katharer“ und die „Waldenser“.[11] Die Kirche ging gegen diese Tendenz der Abweichung zur offiziellen päpstlichen Glaubenslehre immer härter vor, doch bleibt zu bedenken, dass allein die Kirche definieren konnte, wer abwich und wer nicht.[12] Foucault sieht das Subjekt auf vielfältige Weise unterworfen unter und eingebettet in komplexe situative und temporäre Machtverhältnisse, wie beispielsweise innerhalb des Gesellschaftskörpers, wo sich ein an die Norm ausgerichtetes Bewusstsein bei den Subjekten generiere.[13] Die Kirche schaffte damit die gesellschaftlich-kollektive Norm in Dingen des Glaubens und der Wahrnehmung, da diese massiv in die Wirklichkeit der Alltagswelt – die von Peter Berger und Thomas Luckmann als die „oberste Wirklichkeit“[14] definiert wird – eingriff und damit das Handeln jedes Einzelnen beeinflusste. Um die Mitte des 12. Jahrhunderts verschärfte sich die Gangart in der „Häretiker“-Bekämpfung merklich, insbesondere durch das III. Laterankonzil (1179) und das sich in den nachfolgenden Jahren einstellende System von kirchlicher Verurteilung und gegebenenfalls weltlicher Exekution, welches durch das IV. Laterankonzil (1215) bestätigt wurde. Bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts wurde das ursprünglich für innerkirchliche Vergehen eingeführte Verfahren der Inquisition auf „Ketzer“ ausgeweitet und durch Kopplung des Vorwurfs der Häresie an das Kaiserrecht der Einsatz von Gewalt und die Hinrichtung legitimiert. Gegen die „Katharer“ wurde unter dem Kreuzzugs-Label in Südfrankreich jahrzehntelang gar ein brutaler Eroberungskrieg geführt[15] und auch in Bezug auf die „Juden“ innerhalb der christlich-lateinischen Gesellschaften Europas wurden Abgrenzungs- und Diffamierungsprozesse – vor allem in Form von gegen das Christentum und die päpstlich-orthodoxe Glaubenslehre konstruierten Fremdzuschreibungen – eingeleitet, die in den spätmittelalterlichen Pestpogromen ihren vorläufigen traurigen Höhepunkt erreichen würden.[16]

1.3 Der doktrinäre Diskurs im Spannungsfeld der Konstitution von Wahrheit: Die Kirche als Garant des Seelenheils

Erklären kann man diesen Vorgang durch das Modell der Doktrinen Foucaults. Doktrinen neigen dazu, sich auszubreiten und sie setzen als Zugangsbedingung zum Diskurs die Anerkennung derselben Wahrheiten voraus – in diesem Fall die Dogmen sowie dieselbe Auffassung des rechten christlichen Lebenswandels[17], welche gleichzeitig die Zusammengehörigkeit der sprechenden Subjekte innerhalb des Diskurses markieren. Aber sowohl die getätigten diskursiven Aussagen als auch das sprechende Subjekt müssen sich diesen Wahrheiten unterwerfen, da sich das Subjekt nach nonkonformen diskursiven Aussagen den Ausschließungs- und Verwerfungsmechanismen gegenübersieht – was sich an denselben Beispielen der „Katharer“ und „Waldenser“ festmachen lässt. Damit läuft simultan eine doppelte Unterwerfung ab: Einerseits unterwerfen sich die sprechenden Subjekte dem Diskurs, andererseits wird der Diskurs durch die Gruppe der sprechenden Subjekte unterworfen, da keine Aussagen mehr möglich sind, die den Doktrinen widersprechen. Somit werden bestimmte doktrinäre Aussagen vorausgesetzt, die das sprechende Subjekt tätigen muss, um weiterhin Zugang zu diesem Diskurs zu besitzen. Der Zugang zu einem solch gearteten doktrinären Diskurs wird somit in Form der Verringerung der sprechenden Subjekte erreicht.[18] Beispielsweise bilden im 13. Jahrhundert ein bestimmter Grad der geistlichen Weihe, der temporäre Aufenthalt an einer Universität oder die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Institution Formen des Zuganges. Die Institution Kirche hielt die mittelalterliche Gesellschaft zusammen und prägte diese gleichfalls. Damit war sie gleichzeitig der Garant für die Aufrechterhaltung der sozio-politischen Ordnung. Dies wiederum implizierte den alleinigen und unabdingbaren Wahrheitsanspruch der Kirche – moderner Pluralismus in Glaubensfragen war im Mittelalter in der christlich-lateinischen Gemeinschaft nicht vorhanden. Der Grund dafür bildete die ausschließliche Heilsnotwendigkeit der päpstlichen Glaubenslehre. Ein gleichberechtigtes Nebeneinander von unterschiedlichen Möglichkeiten zur Erlangung des Seelenheils hätte die Autorität und damit die Notwendigkeit der Kirche grundsätzlich infrage gestellt.[19] In einer der berühmtesten päpstlichen Bullen des Mittelalters – „ Unam Sanctam “ – diktierte und erneuerte Papst Bonifatius VIII. zu Beginn des 14. Jahrhunderts das Dogma, dass es kein Seelenheil und damit keine Erlösung außerhalb der abendländisch-lateinischen Kirche gebe,[20] was den Anspruch Roms auf den Diskurs der Glaubenslehre bzw. Orthodoxie deutlich prägte und unterstrich. Dies hatte gleichzeitig weitreichende Folgen für die Wahrnehmung und den Umgang mit dem religiös „Anderen“. Dies wird im Folgenden anhand von der von Peter von Dusburg im 14. Jahrhundert verfassten „ Chronica Terre Prussie [21] analysiert und dargestellt, nachdem zuvor einige methodologische Anmerkungen zum weiteren Vorgehen gemacht wurden.

1.4 Methodologie und Konzept der vorliegenden Arbeit: Diskursfelder im Werk von Peters von Dusburg „ Chronica Terre Prussie“

Die Einbeziehung der foucaultschen Diskurstheorie sowie deren Implikationen in den Bereichen des Dispositivs, der diskurskonstituierenden Aussagen und der Konstruktion von Wirklichkeit sowie von Wahrheit dienen im Rahmen dieser wissenschaftlichen Arbeit als eine Art Hilfskonstruktion, um den enormen Einfluss der christlichen Theologie zu verdeutlichen. Mit den eingangs zitierten Worten von Dinzelbacher und Goetz ist das Mittelalter im Allgemeinen ohne religiöse Vorstellungen nicht denkbar, da diese in alle Bereiche ausstrahlen, diese konstituieren oder auch verändern.[22] Des Weiteren erscheint die Anwendung des modernen Laizismusbegriffes bezüglich des Mittelalters als anachronistisch und äußerst utopisch.[23] Ferner erweist sich das Verfahren der historischen Diskursanalyse, wie sie beispielsweise Achim Landwehr vorschlägt,[24] auf das Mittelalter angewendet, als äußerst schwierig – müsste man doch, um die Prozessualität einzelner Diskurse abzubilden, alle jemals in irgendeiner Form getätigten Aussagen (ebenso in Form von Architektur, Handlungen, Ritualen, Kunst etc.) rekonstruieren. Für zeitgeschichtliche Historiker mag dieses Verfahren in Zeiten der allgemeinen elektronischen Kommunikationsüberwachung als eine gewinnbringende Methode erscheinen[25] – für das Mittelalter jedoch erweist sich die historische Diskursanalyse als utopisch, da überdies die Schriftkultur auf eine kleine geistige Elite beschränkt war, die „[…] nicht ausschließlich, aber doch weitgehend mit der religiösen Elite, dem Klerus und den Mönchen identisch war, und auch gebildete Laien unter den Autoren hatten durchweg dieselbe geistliche Schulbildung genossen.“ [26]

Die in den Werken des Mittelalters getätigten Aussagen waren damit nicht repräsentativ. Dennoch erscheint es sehr gewinnbringend, die einzelnen Diskursfelder einer mittelalterlichen Quelle herauszuarbeiten, um die Vorstellungswelt des sprechenden bzw. schreibenden Subjekts nachzuzeichnen und in reziprokem Verhältnis darzustellen, da dies den unzähligen Überlagerungen der religiös-mittelalterlichen Wahrnehmungs- und Vorstellungswelt besser Rechnung trägt.[27] Dabei bedient sich diese Arbeit dem Zugang der von Hans-Werner Goetz geprägten Vorstellungsgeschichte, die den subjektiven Standpunkt und die Sicht auf die Welt durch den sich in den historischen Strukturen und Prozessen befindenden zeitgenössischen Verfasser einer Quelle in den Mittelpunkt rückt. Durch diesen subjektiven Zugang werden durch die vermittelnde Darstellung darüber hinaus Ansichten, Ideen und Vorstellungen eines Kollektivs deutlich, die wiederum auf das Wahrnehmen, Deuten und Handeln des Subjekts zurückwirken. Kurz: Es geht um die (Kollektiv-)Deutungs- und Wahrnehmungsmuster[28] in der spätmittelalterlichen „ Chronica Terre Prussie “ Peters von Dusburg.

Der erste Teil des zweiten Kapitels setzt sich mit der Person des Autors in Gestalt Peters von Dusburg auseinander und analysiert, inwiefern sich die Tendenz Peters auf die Darstellung der Ordensgeschichte niederschlägt, welche Funktion dieser zukommt und aufgrund welcher historisch-politischen Entwicklungen dies geschah. Der zweite Abschnitt des zweiten Kapitels thematisiert das religiös „Andere“ sowie die Prozessualität des „Heiden“-Diskurses. Im dritten Teil des zweiten Kapitels wird analysiert, wie sich das christliche Heilsverständnis sowohl in Deutung und Wahrnehmung der (Um-)Welt als auch der Zeit sowie in Peters Chronik niederschlägt. Darüber hinaus wird anhand der Preußenchronik untersucht, wie sich Widrigkeiten und Hindernisse in der Wahrnehmung des Deutschen Ordens widerspiegeln und wie diese durch Peter eingeordnet werden. Der letzte Teil des zweiten Kapitels thematisiert den Kreuzzugsdiskurs und geht auf dessen elementare Bausteine ein. Das dritte Kapitel fokussiert die Wahrnehmung des religiös „Anderen“ im Mittelalter aus christlicher und heilsgeschichtlicher Perspektive und wirft die Frage auf, inwiefern der Christentum-Dipositiv die zeitgenössisch-spätmittelalterliche Wahrnehmung und Vorstellung in Bezug auf den Diskurs der „Fremdheit“ beeinflusste. Dazu erfolgen zuerst definitorische Vorbemerkungen zum christlichen Wahrnehmungs- und Deutungsraster, um dieses im Anschluss sowohl auf die moralisch-christliche als auch zivilisatorisch-kulturelle Fremdzuschreibungsebene im Werk von Peter von Dusburg anzuwenden. Dabei ist es nötig, in Bezug auf die erste Ebene ebenfalls auf das Konzept des „Nordens“ einzugehen. Das vierte Kapitel setzt es sich zur Aufgabe, abschließend alle Ergebnisse dieser wissenschaftlichen Arbeit zu präsentieren.

2. Religions- und Gottesverständnis in Peters von Dusburg „ Chronica Terre Prussie “

2.1 Peters von Dusburg „Chronik des Preußenlandes“

Im Folgenden wird Peters Chronik einer Quellenkritik unterzogen und danach gefragt, inwiefern sich die Tendenz Peters auf die Darstellung der Ordensgeschichte niederschlägt und welche Funktion dieser zukommt.

Peter von Dusburg – der Verfasser der „ Chronik des Preußenlandes “ – stammt nach Marzena Pollakowna wohl ursprünglich aus der heute zu den Niederlanden gehörenden Provinz Gelderland.[29] Peter von Dusburg gehörte selbst als Priesterbruder zum Deutschen (Ritter-)Orden in Preußen, wie er im Widmungsbrief an seinen kurz zuvor verstorbenen Hochmeister Werner von Orseln im Jahr 1326 anmerkt.[30] Durch diese Selbstidentifikation Peters wird klar, dass der Autor eine deutschordensfreundliche Tendenz aufweist bzw. dass er sich als Teil dieses Kollektivs begriff. Jaroslaw Wenta geht davon aus, dass Peter aufgrund seiner Informationen besondere Beziehungen zu den Deutschordensbrüdern in Königsberg und Ragnit unterhielt, Jaroslaw Wenta und Gerard Labuda vermuten gar, dass Peter in beiden Städten Ämter bekleidete und sich durch jahrzehntelange Dienste im Orden auszeichnete. Peter war scholastisch gebildet und verfügte wohl über eine theologische Bildung – dies zeigt sich insbesondere durch seine biblischen Kenntnisse sowie durch die Rezeption der Patristik und der teils (spät)antiken Literatur um Horaz und Macrobius. Aber auch die Gedanken Bernhards von Clairvaux wurden aufgegriffen, worauf später genauer eingegangen werden wird. Ferner besaß Peter von Dusburg Kenntnis von den Hoch- und Landesmeisterlisten, von Berichten der Ordensgründung im Heiligen Land und in Preußen, von den Kriegsberichten gegen den Danziger Herzog Sewantopolk sowie über die aus der „ Epitome gestorum Prussiae “ bekannten Annalen und Nekrologen, was in jüngster Zeit Spekulationen über die Autorschaft Peters auch in Bezug auf dieses Werk nährte. Nikolaus von Jeroschin verfasste darüber hinaus eine lyrische deutsche Übersetzung der Chronik.[31] Für die Struktur der Chronik erwies sich der Eingriff von Max Toeppen jedoch als schwerwiegend, platzierte er doch die teils überregionalen Geschehnisse und durch Peter am Rande der Chronik vermerkten Ereignisse sowie Königs- und Papstlisten am Ende der gesamten Chronik, was derselben erst den exklusiven Charakter einer Landeschronik zukommen ließ.[32]

Bezüglich der Distanz des Autors zu den beschriebenen Ereignissen vermerkt Peter, dass er Weniges mit eigenen Augen gesehen und den Rest durch Zeitgenossen und Erzählungen erfahren habe.[33] Somit liegt eine hohe Distanz zu den Darstellungen in der Chronik vor, die Raum für mittelalterliche Fremd- und Eigendarstellungen sowie Wahrnehmungs- und Deutungsmuster zuließen. Die Berichtzeit der Chronik deckt die Jahre zwischen 1190 und 1326 ab. Das Werk ist in vier Teile gegliedert, wobei sich nach dem anfänglich eingeschobenen Widmungsbrief der erste Teil mit der Gründungsgeschichte des Deutschen Ordens im Heiligen Land bzw. in Akkon befasst. Der zweite Teil berichtet von der Ordensstiftung in Preußen durch Herzog Konrad von Masowien sowie einer allegorischen Predigt über materielle und geistige Waffen. Der dritte und ausführlichste Teil bezieht sich auf die preußischen und litauischen Ordenskriege, wobei zwischen den Ereignissen in Preußen und Livland nicht scharf differenziert wird und abschließend folgt der angesprochene vierte Teil mit Bezügen von eher überregionalen bzw. teils universalen Ereignissen. Des Weiteren liegt eine Fortsetzung der Ereignisse zwischen 1327 und 1330 vor („ Supplementum “), die mit hoher Wahrscheinlichkeit von demselben Autor verfasst wurde und der Ermordung Werner von Orselns Rechnung tragen. Im Allgemeinen handelt es sich bei der Chronik nach der Meinung von Klaus Scholz und Dieter Wojtecki um eine offizielle Auftragsarbeit. Die Funktion der Chronik wiederum findet seine Begründung durch die bedrohliche („außen-“)politische Lage sowohl für die Ordensbrüder Preußens und Livlands in einem sich abzeichnenden Bündnis zwischen dem polnischen König Wladyslaw Lokietek und dem „heidnischen“ Litauerfürst Gedimin, welches sich wiederum 1325 durch die Hochzeit zwischen Wladyslaws Sohn Kasimir und Gedimins Tochter Anna-Aldona konkretisierte. Problematisch für die Ordensinteressen erwies sich die päpstliche Rückendeckung für den polnischen König, der sogar in einer Koalition mit den „heidnischen“ Litauern in die im Jahr 1323 an die bayerischen Wittelsbacher gefallene Mark Brandenburg einfielen. Der Deutsche Orden wurde offensichtlich in den großen Konflikt zwischen dem römisch-deutschen Königtum unter Ludwig IV. und dem avignonesischen Papsttum unter Papst Johannes XXII. zu seinen Ungunsten hineingezogen. Der Papst schreckte sogar nicht einmal vor einem Ketzerprozess mit anschließender Exkommunikation des Wittelsbachers zurück und verhängte 1324 das Interdikt über alle Ländereien der Wittelsbacher.[34] Für den Orden erwiesen sich glücklicherweise die Gerüchte um eine baldige Annahme des Christentums durch die Litauer als falsch – Gedimin distanzierte sich 1324 von diesen ihm untergeschobenen Absichten. Klaus Scholz und Dieter Wojtecki bewerten daher die Abfassung der Preußenchronik durch Peter von Dusburg einerseits als einen Versuch, die eigene Deutschordensexistenz durch die Wiedergewinnung des Papsttums zu sichern. Aus diesem Grund stilisiere Peter den Deutschen Orden zur neuen Streitmacht der Makkabäer („ […] alteri Machabei […] [35] ). Andererseits sollte die Chronik durch die darin glorifizierten Siege gegen die „Heiden“ den seit dem Fall Akkons 1291 an Popularität einbüßenden Kreuzzugsgedanken beleben und zur Anwerbung neuer Ordenskämpfer dienen.[36]

[...]


[1] Hans-Werner Goetz: Gott und die Welt. Religiöse Vorstellungen des frühen und hohen Mittelalters. Teil I, Bd.1: Das Gottesbild. Berlin: Akademie Verlag (Orbis mediaevalis. Vorstellungswelten des Mittelalters Bd.13.1), 2010, S.33 (im Folgenden zitiert als „Goetz, Gottesbild“).

[2] Peter Dinzelbacher: Lebenswelten des Mittelalters. 1000-1500. Badenweiler: Bachmann Verlag (Bachmanns Basiswissen Bd.1), 2010, S.370 (im Folgenden zitiert als „Dinzelbacher, Lebenswelten“).

[3] Vgl. Paul Veyne: Foucault. Der Philosoph als Samurai. Aus dem Französischen übersetzt von Ursula Blank- Sangmeister unter Mitarbeit von Anna Raupach. Stuttgart: Reclam Verlag, 2010, S.19-42 (im Folgenden zitiert als „Veyne, Foucault“).

[4] Vgl. Siegfried Jäger: Dispositiv. In: Michel Foucault. Eine Einführung in sein Denken. Hrsg. von Marcus S. Kleiner. Frankfurt a.M. und New York: Campus Verlag, 2001, S.72-89, hier: S.73-76 (im Folgenden zitiert als „Jäger, Dispositiv“); vgl. Jürgen Link: Art. „Dispositiv“. In: Foucault-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung. Hrsg. von Clemens Kammler u.a. Stuttgart und Weimar: Verlag J.B. Metzler, 2008, S.237-242, hier: S.239f (im Folgenden zitiert als „Link, Dospositiv“).

[5] Vgl. Veyne, Foucault, S.19-42.

[6] Vgl. Friedrich Nietzsche: Zur Genealogie der Moral. Eine Streitschrift. Nachwort von Volker Gerhardt. Stuttgart: Reclam Verlag, 2011 (ND 1988), S.8f.

[7] Vgl. Veyne, Foucault, S.67ff.

[8] Vgl. Arnold Angenendt: Toleranz und Gewalt. Das Christentum zwischen Bibel und Schwert. Münster: Aschendorff Verlag, 52009, S.239 (im Folgenden zitiert als „Angenendt, Christentum“).

[9] Vgl. Das Register Gregors VII. Ed. von Erich Caspar. Augsburg: Weidmannsche Verlagsbuchhandlung (MGH Epp. sel.), 1955 (ND 1920), II 55a, S.201-208; vgl. Hans Eberhard Mayer: Geschichte der Kreuzzüge. Stuttgart: Kohlhammer Verlag (Kohlhammer-Urban-Taschenbücher Bd.86), 102005, S.30f (im Folgenden zitiert als „Mayer, Kreuzzüge“); vgl. Angenendt, Christentum, S.241.

[10] Vgl. Mayer, Kreuzzüge, S.30-33.

[11] Vgl. Angenendt, Christentum, S.240f; vgl. Euan Cameron: Art. „Waldenser“. In: Theologische Realenzyklopädie. Hrsg. von Horst Balz u.a. Berlin und New York: Walter de Gruyter (Bd.35: Vernunft III - Wiederbringung aller), S.388-402, hier S.388ff.

[12] Vgl. Klaus Schreiner: ‚Tolerantia’. Begriffs- und wirkungsgeschichtliche Studien zur Toleranzauffassung des Kirchenvaters Augustinus. In: Toleranz im Mittelalter. Hrsg. von Alexander Patschovsky und Harald Zimmermann. Sigmaringen: Jan Thorbecke Verlag (Vorträge und Forschungen / Konstanzer Arbeitskreis für Mittelalterliche Geschichte Bd.45 ) S.335-389, hier: 381-387 (im Folgenden zitiert als „Schreiner, Tolerantia“).

[13] Vgl. Hannelore Bublitz: Art. „Subjekt“. In: Foucault-Handbuch. Leben - Werk - Wirkung. Hrsg. von Clemens Kammler u.a. Stuttgart und Weimar: Verlag J.B. Metzler, 2008, S.292-296, hier: S.293ff.

[14] Peter Berger und Thomas Luckmann: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie. Mit einer Einleitung zur deutschen Ausgabe von Helmuth Plessner. Mit einer Übersetzung von Monika Plessner. Frankfurt a.M.: Fischer Taschenbuchverlag (Bd.6623), 2012, S.24f.

[15] Vgl. Angenendt, Christentum, S.253-274.

[16] Vgl. Michael Toch: Die Juden im mittelalterlichen Reich. München: Oldenbourg Verlag (Enzyklopädie deutscher Geschichte Bd.44), 1998, S.54-68 und S.112-115 (im Folgenden zitiert als „Toch, Juden“).

[17] Vgl. Angenendt, Christentum, S.240.

[18] Vgl. Michel Foucault: Die Ordnung des Diskurses. Aus dem Französischen von Walter Seitter. Mit einem Essay von Ralf Konersmann. Frankfurt a.M.: Fischer Verlag, 122012, S.28ff (im Folgenden zitiert als „Foucault, Diskurs“).

[19] Vgl. Schreiner, Tolerantia, S.335 und S.381f.

[20] Vgl. Tilmann Schmidt: Art. „Unam sanctam“. In: Lexikon des Mittelalters. Hrsg. von Robert Auty u.a. Stuttgart und Weimar: Metzler Verlag (Bd.8: Stadt (Byzantinisches Reich) - Werl), 1997, Sp.1214f.

[21] Vgl. Peter von Dusburg: Chronica Terre Prussie. Übersetzt und erläutert von Klaus Scholz und Dieter Wojtecki. Darmstadt: WBG (Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters. Freiherr vom Stein-Gedächtnisausgabe Bd. 25), 1984 (im Folgenden zitiert als „Peter von Dusburg, Chronica“).

[22] Vgl. Dinzelbacher, Lebenswelten, S.370; vgl. Goetz, Gottesbild, S.33.

[23] Vgl. Roger Mehl: Art. „Laizismus“. In: Theologische Realenzyklopädie. Hrsg. von Horst Balz u.a. Berlin und New York: Walter de Gruyter Verlag (Bd.20: Kreuzzüge - Leo VIII.), 1990, S.404-409.

[24] Vgl. Achim Landwehr: Historische Diskursanalyse. Frankfurt a.M.: Campus Verlag (Historische Einführungen Bd.4), 22009, S.91-131.

[25] Vgl. beispielsweise Heribert Prantl: Internet-Überwachung: Im Zeitalter der digitalen Inquisition. In: Süddeutsche Zeitung Digital vom 13.09.2013 > http://www.sueddeutsche.de/digital/internet-ueberwachung- im-zeitalter-der-digitalen-inquisition-1.1769668< (zuletzt abgerufen am 26.09.2013 um 16:24 Uhr).

[26] Goetz, Gottesbild, S.32.

[27] Vgl. ebd., S.32f.

[28] Vgl. Hans-Werner Goetz: ‚Vorstellungsgeschichte’: Menschliche Vorstellungen und Meinungen als Dimension der Vergangenheit. Bemerkungen zu einem jüngeren Arbeitsfeld der Geschichtswissenschaft als Beitrag zu einer Methodik der Quellenauswertung. In: Vorstellungsgeschichte. Gesammelte Schriften zu Wahrnehmung, Deutungen und Vorstellungen im Mittelalter. Hans-Werner Goetz. Mit 16 Graphiken und 17 Tabellen. Hrsg. von Anna Aurast u.a. Bochum: Winkler Verlag, 2007, S.3-17; vgl. Ders.: Wahrnehmungs- und Deutungsmuster als methodisches Problem der Geschichtswissenschaft. In: Vorstellungsgeschichte. Gesammelte Schriften zu Wahrnehmung, Deutungen und Vorstellungen im Mittelalter. Hans-Werner Goetz. Mit 16 Graphiken und 17 Tabellen. Hrsg. von Anna Aurast u.a. Bochum: Winkler Verlag, 2007, S.19-29.

[29] Vgl. Jaroslaw Wenta: Art. „Peter von Dusburg“. In: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon. Begründet von Wolfgang Stammler, fortgeführt von Karl Langosch. Hrsg. von Burghart Wachinger u.a. Berlin und New York: Walter de Gruyter (Bd.11: Nachträge und Korrekturen), 2004, Sp.1188-1192 (im Folgenden zitiert als „Wenta. Peter von Dusburg“).

[30] Vgl. Peter von Dusburg, Chronica, Epistola, S.26f.

[31] Vgl. Wenta, Peter von Dusburg, Sp.1188-1192; vgl. Ders.: Studien über die Ordensgeschichtsschreibung am Beispiel Preußens. Torun: Wydawnictwo Uniwersytetu Mikolaja Kopernika (Subsidia Historiographica Bd.2), 2000, S.209 (im Folgenden zitiert als „Wenta, Studien“).

[32] Vgl. Peter von Dusburg, Chronica, Epistola, S.34f.; vgl. Wenta, Peter von Dusburg, Sp.1190.

[33] Vgl. Peter von Dusburg, Chronica, Epistola, S.34f.

[34] Vgl. Wenta, Peter von Dusburg, Sp.1190; vgl. Peter von Dusburg, Chronica, Einleitung, S.1-11; vgl. Malte Prietzel: Das heilige Römische Reich im Spätmittelalter. Darmstadt: WBG (Geschichte kompakt), 2004, S.50- 55.

[35] Peter von Dusburg, Chronica, III, 31, S.132.

[36] Vgl. Wenta, Peter von Dusburg, Sp.1190; vgl. Peter von Dusburg, Chronica, Einleitung, S.10ff; vgl. Philippe Josserand: Der Deutsche Orden. In: Ritterorden im Mittelalter. Hrsg. von Filiciano Novoa Portela und Carlos de Ayala Martinez. Darmstadt: WBG, 2006, S.167-193, hier: S.172 (im Folgenden zitiert als „Josserand, Orden“); vgl. Helmut Bauer: Peter von Dusburg und die Geschichtsschreibung des Deutschen Ordens im 14. Jahrhundert in Preußen. Vaduz: Kraus Reprint Ltd. (ND 1935; Historische Studien Bd.272), 1965, S.50f.

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Titel: Das religiös „Andere“ im mittelalterlichen Diskurs