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Bekanntes und unbekanntes Judentum. Zweiter Teil

Wissenschaftliche Studie 2014 77 Seiten

Judaistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Das Phänomen „der Ostjude“
1.1 Geografische und demographische Charakteristik Galiziens
1.2 Die Phänome „Ostjude“ und „Shtetl“
1.3 Die chassidische Bewegung
1.4 Die Emigration der Ostjuden
1.5 Die Ostjuden in Wien

2. Das Leben im Shtetl
2.1 Geschichte der polnisch-jüdischen Beziehungen
2.2 Schtetl

3. Jerusalem – die heilige Stadt oder der Ort der Unruhen?
3.1 Die Bedeutung Jerusalems im Judentum
3.2 Die Bedeutung Jerusalems im Christentum
3.3 Die Bedeutung Jerusalems im Islam
3.4 Die Besiedlung Jerusalems
3.5 Politischer Kampf um Jerusalem
3.6 Die Heiligkeit Jerusalems

4. Jüdisches Schulwesen
4.1 Kurzgeschichte der jüdischen Erziehung in der Antike und im Mittelalter
4.2 Die Etappen der deutsch-jüdischen Erziehung in der modernen Zeit
4.3 Historische Entwicklung der jüdischen Schulerziehung in Palästina bzw. im Staat Israel bis
4.4 Die Änderung der jüdischen Schulerziehung in Israel seit
4.5 Das Schulwesen im Kibbutz und unabhängige Schulen

5. Jüdische Philosophie
5.1 Ära des Talmuds (70-1040)
5.2 Mittelalter
5.3 Neuzeit
5.4 Das 20. Jahrhundert

6. Jüdisches Gebet

7. Messianismus im Judentum
7.1 Messianische Erwartungen im Tanach
7.2 Rabbinisches Verstehen des Messianismus
7.3 Der Messianismus am Anfang des 1. Jahrhunderts u. Z
7.4 Messianische Vorstellungen im Laufe der Jahrhunderte
7.5 Messianismus und Chassidismus
7.6 Messianismus im Reformjudentum

8. Historischer Hintergrund des Feiertages Purim
8.1 Historischer Hintergrund
8.2 Bräuche, die mit dem Feiertag Purim verbunden sind
8.3 Welche Pflichten haben wir zu Purim?

9. Historischer Hintergrund des Feiertages Pessach
9.1 Die Ankunft der Israeliten nach Ägypten
9.2 Revolte und Flucht aus Ägypten
9.3 Haggada
9.4 Was für Pflichten haben wir zu Pessach?

10. Jüdisches Prag
10.1 Geschichte
10.2 Gegenwart
10.3 Bedeutende Persönlichkeiten des Prager jüdischen Lebens

1. Das Phänomen „der Ostjude“

1.1 Geografische und demographische Charakteristik Galiziens

Galizien war nach der Teilung Polens ein Teil der Habsburger Monarchie.[1] Die rechtliche Lage der Juden in Galizien war schlimm, wenigstens bis zum Jahre 1867. Dies war die Konsequenz der Josefinischen Reformen. Die Lockerung des Regimes in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts führte dazu, dass man immer öfter auf jüdische Gastwirte, Steuereinnehmer oder Hofmeister treffen konnte. Damit kamen aber wieder die alten, traditionellen Konflikte auf, die in den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts zu Prozessen mit angeblichen Ritualmördern führten. Man hörte wieder, dass die jüdische Schenken die Bauern zum Alkoholismus trieben und jüdische Wucherer sie finanziell vernichteten.

Galizien war – mit der Ausnahme von Dalmatien – die am wenigsten industrialisierte Provinz Österreichs.[2]

Noch um das Jahr 1900 arbeiteten mehr als 80% der Bevölkerung in der Landwirtschaft. Weil die Industrie nur langsam vorwärts kam, konnte auch der Sekundärbereich nicht genug Beschäftigung anbieten. Große Armut und die Verschlechterung der sozialen Lage der Bevölkerung auf dem Lande hatten auch Einfluss auf die Juden in ihrer Funktion als Geschäftsleute und Handwerker, da sie direkt auf die Kaufkraft der Bauern angewiesen waren. Der Modernisierungsprozess bedeutete für die meisten Juden wachsende Armut und die Verdrängung aus ihrer Beschäftigung. Dies betraf die Juden in größerem Ausmaß als den Rest Bevölkerung, weil die Zuwachsrate der Bevölkerung bei den Juden höher war als bei Polen und Ruthenen.

In der Mitte des 19. Jahrhunderts betrug der Anteil der Juden an der Gesamtzahl der Bevölkerung mit 333 451 Personen 7,3 Prozent.

Übersicht der Explosion der jüdischen Bevölkerung in Galizien seit dem Jahre 1772:[3]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Eine große Zuwachsrate hätte für die Juden ein großes existenzielles Problem bedeuten, wenn dieses nicht teilweise durch Auswanderung gelöst worden wäre. Die Migrationsbewegung führte die Juden in Gebiete, wo sie leichter Arbeit finden und ihre Existenz sichern konnten.

Die Juden waren vor allem in der Gastwirtschaft und in der Textilindustrie tätig, die jüdischen Arbeiter arbeiteten vorwiegend in der Produktion von Streichhölzern und in der Erdölindustrie. Ihre ökonomische Position im Geschäft und in der Industrie wurde durch die Industrialisierung verschlechtert. Sie konnten dann aus wirtschaftlich-politischen Gründen keine Arbeit finden und wurden im Wirtschaftsleben Galiziens bewusst benachteiligt.

Der Anteil der Juden an der Gesamtzahl der Bevölkerung:[4]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Obwohl die Juden nur 10 bis 11 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachten, bildeten sie gleichzeitig 34 Prozent der Menschen, die in 40 Städten lebten. Beide Hauptstädte Westgaliziens (Krakau) und Ostgaliziens (Lemberg) waren zu einem Drittel jüdisch.

1.2 Die Phänome „Ostjude“ und „Shtetl“

Die assimilierten Juden der damaligen Zeit verstanden den „Ostjuden“ als Hindernis auf dem Weg zum Fortschritt.[5] Ihrer Meinung nach war der Ostjude schmutzig und unzivilisiert, hinterlistig und unterwürfig, trug abgetragene und schlotterige Kaftane, hatte Pejes bis zur Schulter, stank nach Zwiebel und Knoblauch. Diese Abneigung von Außen führte bei manchen Juden zum Hass gegen sich selbst und zum Zorn über ihre Herkunft. Es entstand ein sogenanntes „ostjüdisches Problem“. So, wie viele Westjuden durch die Zuwanderung der Ostjuden überrascht waren, so schauten auch die polnischen Juden mit Misstrauen und Abneigung auf die Juden aus Russland – die sogenannten „Litwaken“. Diese sprachen einen anderen jiddischen Dialekt, und in der Öffentlichkeit sprachen sie nicht Polnisch, sondern Russisch. Ihrem Aussehen und Verhalten nach entsprachen sie allen Vorurteilen. Die polnischen Juden sahen in ihnen die Ursache der wachsenden Feindschaft gegen die Juden.

Das Phänomen „des Ostjuden“ ist im 18. Jahrhundert entstanden, und zwar im Prozess des religiösen Suchens zwischen dem messianischen Erwarten des Weltendes und der frommen Fixierung in diesem Leben.[6] Der „Ostjude“ ist eine kulturell in sich geschlossene Persönlichkeit. Der Begriff setzte er sich erst im 19. und 20. Jahrhundert durch. Er bezeichnet mehr als nur die geografische Zugehörigkeit, denn die Ostjuden waren auch zahlreich außerhalb Osteuropas anzutreffen. Der Ostjude ist der Mensch, der sich bewusst zum Judentum bekennt, dessen Verständnis in ihm aber zum Konflikt ausgeartet ist. Die Tradition und die Erinnerungen sind dabei bestimmend. Er zieht sich meistens charakteristische Bekleidung an und hält die religiösen Vorschriften, Rituale, Sitten und Bräuche ein. Zum Ostjudentum gehört Jiddisch. Jiddisch wurde zur Muttersprache, Mameloschn, der Ostjuden. Die soziale und ökonomische Lage des Ostjudentums wurde dadurch erleichtert, dass die traditionelle Rolle der Juden als Vermittler zwischen Stadt und Land wieder einen Aufschwung erlebte. So wurden die Juden in Polen als Geschäftsleute zwischen dem Adel, den Bauern und den Bewohnern der Städte unersetzlich, und zwar als Hausierer, Pächter und Verwalter des adeligen Gutes und der Schenken. Sie waren eine Geldquelle und machten Geschäfte sowohl für den Adel als auch für die Bauern.

Das Shtetl bildete ein jüdisches Zentrum in der nichtjüdischen Welt.[7] Es herrschte hier oft sehr große Armut, die sich mit der Zeit noch vertiefte. Die Juden aus dem Shtetl waren sich aber ihres Judentums bewusst. Auch wenn sie arm waren, auch wenn sie beengt in kleinen Häusern wohnten, auch wenn sie sehr wenig Kleidung besaßen und oft hungern mussten – auf ihr Judentum waren sie stolz. Außerhalb des Shtetls kamen sie mit der nichtjüdischen Welt vor allem als Hausierer und Gastwirte in Kontakt. Die Hausierer boten den Bauern ihre Ware zum Kauf an und oft bekamen sie von ihren Kunden Aufträge, die sie in einem anderen Dorf oder auf dem Amt in der Bezirksstadt erledigen mussten. So diente ihre vermittelnde Tätigkeit nicht nur rein ökonomische Interessen, sondern sie konnten auch Nachrichten aus „der großen Welt“ mitbringen. Auf jeden Fall waren die Hausierer die Vermittler der Kultur zwischen Stadt und Land. Der jüdische Gastwirt war wiederum der typische Vermittler in den komplizierten Verhältnissen zwischen Adel, Bauern und Stadtbewohnern. Aber schon seit dem 18. Jahrhundert haben die katholischen Prediger die jüdischen Kneipen als „teuflische Höhle“ bezeichnet und die Wirte dienten als negatives Symbol des raffinierten, habsüchtigen und hinterlistigen Ostjuden.

Die Gelehrten bildeten die geistige und oft auch die soziale Elite des Ostjudentums.[8] Aber es gab unter ihnen sowohl materielle als auch Prestigeunterschiede.

Unter den zivilen Berufen kann man drei Kategorien unterscheiden:

1. Geschäftsleute (Einkäufer, Vermittler und Bankiers)
2. Handwerker
3. Vertreter der freien Berufe

Die Geschäftsleute standen in der Sozialhierarchie des Ostjudentums höher als Handwerker, sie gehörten meistens zum Mittelstand, den sogenannten balebatim (Hauswirten). Die Handwerker hatten als ungebildete, einfachere Leute eine ziemlich niedrige Position inne. Zu den Angehörigen der freien Berufe gehörten z. B. Ärzte, Anwälte usw.

1.3 Die chassidische Bewegung

Unter den Juden im Süden Polens und in der Ukraine wurde über jene Juden gesprochen, die sich beim Gebet ekstatisch verhielten.[9] Sie drückten sich aber nicht nur beim Gebet, sondern auch im Alltag sehr emotional aus. Ihre emotionalen Erlebnisse standen im Widerspruch dazu, was die rabbinischen Autoritäten über die emotionale Zurückhaltung gesagt hatten.

Ungefähr in der Hälfte der 30er Jahre des 18. Jahrhunderts kam aus den Bergen im Süden Polens ein jüdischer Mystiker und Heilpraktiker. Er dachte, er bringe den Juden, die sich dem Glauben ihrer Ahnen entfremdet hatten, neuen Einblick auf Gott, die Menschen und einen neuen Messianismus. Er gründete die jüdische Bewegung der Chassiden – der Frommen. Mit dieser Tat zerstörte er die Einheit der jüdischen Gesellschaft in der Ära des rabbinischen Judentums und die absolute Macht der rabbinischen Führer. Er war ein Waisenkind und hatte Probleme mit dem Lernen, flüchtete aus der Schule und bummelte durch die Wälder. Er wurde in der kleinen südpolnischen Stadt Okopy geboren. Alles, was wir über ihn wissen, wissen wir aus den Aufzeichnungen, die 50 Jahre nach seinem Tod entstanden sind, er selbst hat nichts geschrieben. Er wurde im Jahre 1700 geboren und hieß Israel ben Elieser. Um seinen Lebensunterhalt zu sichern, arbeitete er als Hilfslehrer. Er begleitete die Kinder zur Schule und holte sie nach dem Unterricht wieder ab. Viele seine Anhänger sagten, dass er ein guter Toragelehrter war, aber vermutlich interessierte er sich für die Talmudlehre nicht. Er war verheiratet und lebte mit seiner Frau als Einsiedler in einer Bude in den südpolnischen Karpathen. Bei den halbheidnischen Frauen auf dem Lande lernte er die heilende Kraft bestimmter Kräuter kennen. Er erwarb eine Gaststätte, die seine Frau geführt hat, während er in den Bergen bummelte. Sie lebten in furchtbarer Armut. Später kamen sie in eine kleine Stadt, wo er sich selber zum Heilpraktiker und Exorzisten erklärte.

In jener Zeit waren Heilpraktiker keine Besonderheit und sie bezeichneten sich als baal Schem (Herr des Namens Gottes). Sie glaubten, dass sie mit bestimmten Manipulationen und durch Aussprechen der Buchstaben, die die verschiedenen Namen Gottes bilden, den Teufel bannen konnten, der die Krankheiten verursacht hatte. Diese Heilpraktiker lebten vor allem in Deutschland und in Polen. Die Anfänge ihrer Tätigkeit kann man schon im 16. Jahrhundert erkennen. Manche waren auch Rabbiner. Im 17. und 18. Jahrhundert waren sie aber meistens einfache Menschen. Man bezeichnete sie mit verschiedenen Namen, z. B. baal Schem oder baal Schem tov (Herr des guten Namens), oder einfach mit der Abkürzung Bescht. Das ist ein Akrostichon von diesen drei Worten (die Anfangsbuchstaben).

Als sich Israel für baal Schem erklärte, war er 36 Jahre alt. Er wanderte im Süden Polens von Ort zu Ort und heilte die Krankheiten der Bauern, Arbeiter, Pächter. Was er verdiente, benutzte er zur Schuldentilgung, was übrig blieb, gab er für gemeinnützige Zwecke aus.

Obwohl Israel keine Studien betrieben hatte, wurde er von seinen Anhängern später als Rabbiner bezeichnet. Er war ein charismatischer Lehrer. Seiner Meinung nach muss sich der Mensch für seine Emotionen interessieren. Ekstatische Erlebnisse kann man durch Tanzen und Singen herbeiführen. Man muss im harten Leben voll Arbeit auch Freude erleben - diese Worte fanden unter den einfachen Menschen dankbare Zuhörer. Die Freude spielt also im Chassidismus eine sehr große Rolle und ihren Ausdruck findet sie besonders in Musik und Tanz. Die Musik soll die Freude der Seele des Chassids zum Ausdruck bringen, durch den Tanz kommt auch die Freude des Körpers hinzu. An verschiedenen Orten trafen sich die Menschen und diskutierten über Israels Worte und Lehre. Manche dachten, er sei der Messias.

Um 1745 beendete Israel seine Wanderung und siedelte sich in der südpolnischen Stadt Medziborze an. Ab und zu besuchten ihn Rabbiner aus dem Norden und als er im Jahre 1760 starb, hatte er eine kleine Gruppe an Schülern um sich.

Nach sechs Jahren erschien ein Prediger, der ein Nachfolger von Bescht war. Er hieß Dov Ber (1704-1772) und stammte aus der Stadt Mezirecze. Er hatte viele Schüler und die Bewegung verbreitete sich in den Westen Galiziens und nach Mittelpolen und weiter nach Norden bis Litauen. Überall bildeten sich kleine Gruppen chassidischer Gemeinden.

Im Jahre 1795 wurde Polen unter Preußen, Russland und Österreich geteilt. Damals lebte in Polen ca. eine dreiviertel Million Juden. Die Teilung Polens schwächte das rabbinische Judentum und führte auch zur Dezentralisierung des Chassidismus und später zur Bildung verschiedener Richtungen dieser Bewegung. Die chassidische Gruppe in Russland, bekannt auch als Lubawitsche Chassiden, betonte wieder das Studium und schwächte die ekstatischen Elemente ab. Allen chassidischen Gemeinden war die Rolle des Rabbiners, des Zaddik, gemeinsam. Um ihn herum konzentrierten sich alle Aktivitäten. Der Zaddik war für seine Anhänger Lehrer, Prediger, Sittenrichter und Heilpraktiker.

Die Chassiden konnten weit weg von ihrem Zaddik leben, trotzdem blieben sie in Verbindung mit ihm durch Geschichten über ihn, sein Leben, seine Wunder. Die Männer besuchten ihren Zaddik an den Feiertagen, während die Frauen mit den Kindern zu Hause blieben. Chassidismus war am Anfang die Welt der Männer.

Der Zaddik war auch die höchste Autorität in der chassidischen Gemeinde, nicht der Rabbiner, der in der Jeschiwa studiert hatte. Die Menschen wendeten sich mit ihren Fragen nicht an den Rabbiner, sondern an den Zaddik und so ist es den Zaddikim gelungen, die unbeschränkte Macht der Rabbiner über die Menschen zu zerstören.

Die Institution der Zaddikim wurde bald erblich. Langsam verlor der Chassidismus an revolutionärem Geist und näherte sich dem orthodoxen Judaismus mit den traditionellen Gebeten und Studien an. Nach drei Generationen wurde der Chassidismus als Teil des orthodoxen Judaismus anerkannt, obwohl er einen eigenen Lebensstil, eigene Gemeinden und bestimmte Unterschiede im Gottesdienst aufwies. Dem frommen Judentum herrschten jetzt gemeinsam der Rabbiner und der Rebe vor – der rabbinische Gelehrte und der mystische Vermittler.

Wesentliche Gedanken des Chassidismus:

1. Gott ist in allem, füllt die Weite der Welt und es gibt eine gegenseitige Beziehung zwischen der oberen und der unteren Welt.
2. Das Gebet, die Verbindung zwischen den beiden Welten, muss mit Freude verrichtet werden. Das Gebet der Chassidim ist laut, enthusiastisch, mit Gesang und Bewegungen.
3. Auf die Übertretungen darf man nicht mit Verachtung blicken, sondern darin einen Funken suchen, der dort verborgen ist und so das Schlechte schwach machen.
4. Man muss sich demütig verhalten, dies bildet eine Beziehung der Brüderlichkeit, Gleichwertigkeit und Liebe zu den anderen.
5. Die Bindung an den Zaddik ist wichtig.

1.4 Die Emigration der Ostjuden

Auf bestimmte gesellschaftliche und wirtschaftliche Änderungen mussten viele Ostjuden mit Emigration reagieren.[10] Aber die Struktur der Motivation zur Emigration war komplexer. Schauen wir aber zunächst die Zahlen an:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Anteil aus Galizien war ca. 80 bis 85Prozent.

Den Impuls zur großen Emigrationsbewegung bildeten die Pogrome in Russland als Folge der Ermordung des Zaren Alexander II. Die russischen Juden flüchteten in Panik und Angst um ihr Leben und kamen zuerst in die nahe gelegenen Städte – Brody und Lemberg.

Ein weiterer Grund für Emigration war die Befreiung von der traditionellen religiösen und geistigen Welt. Zur Emigration waren zuerst die Juden bereit, die die schwächste Verbindung mit dem Judentum hatten. Es waren also zuerst diejenigen, die im klassischen Shtetl nichts zu verlieren hatten.

Und wie verlief die Emigration? Ungelernte Arbeiter, die in keiner Stadt Arbeit fanden, emigrierten in die USA, während die Geschäftsleute nach Wien emigrierten.

Die Einstellung der jüdischen Orthodoxie zur Emigration war skeptisch, sogar ablehnend, besonders gegen die Emigration in die USA, in „tref medine“ - „nicht koscheres Land“ und die Rabbiner warnten beständig davor, dass in den USA eine Gefahr für das religiöse Leben bestehe.

Bis zum Ersten Weltkrieg emigrierten vor allem die armen Juden und Handwerker in die USA, die Geschäftsleute meistens nur nach Wien. Die konservativsten, orthodoxesten Juden wagten diese Reise nicht. Daß sie aber später doch stattfand, war das Ergebnis der weiteren Entwicklung.

Es kam dazu, dass die orthodoxen Juden eine neue Form des „jüdischen Seins“ annahmen. Sie begriffen, dass sie ihre Identität in die neue Welt auch mitnehmen konnten. Erst dann konnten sie sich von der religiös-sozialen Umgebung ihrer ursprünglichen Gemeinden trennen.

Die Emigration in die USA verlief in zwei Etappen:

- Zuerst war es die Reise aus der ursprünglichen Gemeinde in den Hafen, meistens nach Hamburg oder Bremen. Dort mussten die Emigranten meistens noch ein paar Tage auf ihr Schiff warten. Inzwischen fanden sie Unterkunft in einfachen Herbergen, was kostspielig war.
- Wenn sie endlich auf dem Schiff waren, falls sie vorher nicht um ihr Gepäck oder Geld beraubt wurden, warteten in den nächsten Tagen demütigende, sogar unmenschliche Verhältnisse auf sie – überfüllte Räume, kaum genießbares Essen, fehlende medizinische Behandlung, Brutalität, bis hin zum sexuellen Missbrauch der Frauen seitens der Schiffsbesatzung. Danach folgten Untersuchungen und Verhöre in Castle Garden, bis ihnen der Eintritt ins Land erlaubt wurde.

Der jiddische Schriftsteller Isaac Bashevis Singer beschreibt die Lage der Auswanderer in die USA in seiner Geschichte „Ein Guckloch im Tor“. „Die meisten Passagiere wurden nach Ellis Island gebracht. Ich war so gesund wie ein Bär und hatte Geld, so ließ man mich gleich herein. Agenten der verschiedensten Fabriken kamen zu den Schiffen, und sobald ein Einwanderer gelandet war, boten sie ihm Arbeit an. Es wurde nie mehr als drei Dollar in der Woche gezahlt und manchmal sogar noch weniger. Da ich Geld in der Tasche hatte, hatte ich es nicht eilig, ein Sklave zu werden. Im unteren Stadtteil gab es einen Platz, der Schweinemarkt hieß. Dorthin kamen die Arbeitsuchenden. Jeder Handwerker hatte sein Werkzeug bei sich, das ihn auswies. Ich sah einen Schneider, der das Oberteil seiner Nähmaschine trug, ein Tischler hatte eine Säge in der Hand. So geht es zu in Amerika.“

1.5 Die Ostjuden in Wien

Nach der Revolution 1848 erfuhr die Wiener jüdische Gemeinde einen stetigen Zuwachs durch jüdische Einwanderer aus allen Teilen der Monarchie. Während aber die jüdischen Zuwanderer aus Mähren oder Böhmen und die eingesessenen Wiener jüdischen Familien sehr stark assimiliert waren, hielten viele der galizischen Immigranten die jüdische Tradition ein und zeigten dies auch durch orthodoxe Kleider. Die große Einwanderungswelle galizischer Juden nach Wien setzte gegen Ende des 19. Jahrhunderts ein. Um 1910 stammten etwa 20 Prozent der Juden in Wien aus Galizien. Sie bildeten aber den ärmsten Teil der jüdischen Bevölkerung und meistens waren sie Tagelöhner, Arbeiter, kleine Händler und Hausierer.

In Osteuropa waren die Juden Träger der deutschen Kultur, aber sie bewahrten in Wien gleichzeitig ein starkes Gefühl für ihre eigene Identität und ihre traditionell ausgerichtete Religiosität. Die galizischen Juden errichteten in Wien viele Bethäuser, da ihnen der Wiener Ritus der offiziellen Kultusgemeinde nicht zusagte. Im Jahre 1882 gründeten sie den Israelitischen Bethausverein „Beth Israel“ zum Zweck der Errichtung einer Synagoge nach polnisch-jüdischem Ritus. Dies gelang im Jahre 1893 im zweiten Wiener Gemeindebezirk in der Leopoldsgasse 29 auch dank zweier aus Galizien stammender Persönlichkeiten – des Publizisten Saul Raphael Landau und des Rabbiners Josef Samuel Bloch. Während des Ersten Weltkrieges kamen zirka 70.000 jüdische Flüchtlinge aus Galizien nach Wien und davon blieben zirka 25.000 auch nach dem Kriegsende. In der Stadt herrschten aber Hunger und Armut. Schon während des Krieges reagierte die Kultusgemeinde auf den Zustrom der Flüchtlinge mit der Errichtung der „Zentralstelle für jüdische Kriegsflüchtlinge“ und eines Flüchtlingsbüros. An der Spitze der Hilfskommission der Kultusgemeinde stand die nur 24jährige Anita Müller-Cohen.

Die Tätigkeit für die Flüchtlinge war sehr umfangreich – so gab es zum Beispiel ein Mütterheim, einen Kinderhort, die Suppen- und Teeausgabestellen, eine Arbeitsschule für Frauen und Mädchen aus Galizien, eine Kinderheilstätte und ein Knabenheim. Die Finanzierung erfolgte auf Basis von Spenden. Anita Müller-Cohen übersiedelte im Jahre 1934 nach Palästina, wo sie schon ab 1926 ein Hilfswerk für Einwanderer aufbaute.

Eine weitere Persönlichkeit war der Oberrabbiner Zwi Perez Chajes, der auch aus Galizien stammte. Wien verdankt ihm auch die Gründung des „Hebräischen Pädagogikums“ für die Ausbildung von Lehrern der hebräischen Sprache und des Religionslehrerseminars. Er war auch Zionist und in der Vorbereitung des 14. Zionistenkongresses im Jahre 1925 in Wien aktiv.

In der Zwischenkriegszeit waren viele galizische Juden Zionisten und waren in zahlreichen Vereinen tätig. Im Jahre 1932 errangen sie sogar erstmals die Mehrheit bei den Wahlen in der Kultusgemeinde.

Nach dem Zweiten Weltkrieg zogen zwar in den ersten Jahren tausende Flüchtlinge durch Österreich, aber es blieben nur wenige – vor allem wegen des politischen Klimas und der materiellen Notlage.

Anfang der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts kam es zur sowjetischen Immigration. Damals bildete sich ein Unterstützungskomitee mit Räumen im zweiten Bezirk. Im Jahre 1972 wurden für die neuen Zuwanderer die ersten Deutsch- und Integrationskurse eingerichtet.

Heute stammen zirka 80 Prozent der Kultusgemeindemitglieder aus Osteuropa. Da unter den Einwanderern sephardische Kaukasier, Bucharen und Grusinier sind, wurde ein eigenes sephardisches Zentrum in der Tempelgasse errichtet.

2. Das Leben im Shtetl

2.1 Geschichte der polnisch-jüdischen Beziehungen

Polen war etwa 600 Jahre lang eines der bedeutendsten Zentren jüdischen Lebens auf der ganzen Welt.[11] Schon im 11. Jahrhundert hatten die Juden begonnen, sich hier niederzulassen und mit dem 14. Jahrhundert strömten sie in größeren Scharen ins Land. Am Ende des 17. Jahrhunderts lebten fast drei Viertel der jüdischen Weltbevölkerung im polnisch-litauischen Kondominium. Im 18. Jahrhundert, vor den polnischen Teilungen, bildeten die Juden etwa ein Zehntel der polnischen Bevölkerung und damit die größte Minderheit des Landes. Vor dem Zweiten Weltkrieg war diese Zahl auf 13 Prozent angewachsen. Polnische Juden hatten eindrucksvolle jüdische Einrichtungen geschaffen, politische Bewegungen ins Leben gerufen, eine weltliche Literatur hervorgebracht, wie auch eine charakteristische Lebensform. In moderner Zeit war das polnische Judentum Auslöser einer jiddischen und hebräischen Kultur, die die Diasporakultur in Europa und den Vereinigten Staaten maßgeblich beeinflusste.

All das bedeutete, dass die Juden über weite Strecken der polnischen Geschichte sehr sichtbar und in ihrer gesellschaftlichen Bedeutung präsent waren – ein Bevölkerungsteil, den man nicht außer Acht lassen konnte und der für die Polen selbst durchaus eine Herausforderung darstellte. In dieser Hinsicht stellt die Beziehung zwischen Polen und Juden eine Ausnahme dar: Die Situation in Polen steht im Gegensatz zu der in westeuropäischen Ländern, in denen die Juden normalerweise eine winzige Minderheit ausmachten (unter 2 Prozent der Bevölkerung in Deutschland der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts) und wo sie daher meist als die „imaginären Anderen“ wahrgenommen wurden. In der Vorstellung des Westens geht man durchwegs davon aus, Westeuropa sei stets Norm und Maßstab gewesen und Osteuropa müsse im Lichte dessen oft als rückständig oder zumindest weniger fortgeschritten angesehen werden.

Die Frage nach dem angemessenen Verhältnis zwischen den beiden Völkern zieht sich als Diskussionsthema durch die ganze polnische Geschichte, und auf beiden Seiten der ethnischen Trennungslinie wurden unterschiedliche Antworten angeboten. Einige polnische und jüdische Denker vertraten die Ansicht, die beiden Gruppen seien so verschieden in Geisteshaltung und Anschauungen, dass sie bestenfalls ein achtungsvolles Nebeneinander erreichen könnten. Befürworter der Assimilation auf beiden Seiten wiederum sahen in kultureller Vermischung oder sogar Konversion die einzig mögliche Lösung für die Spannungen zwischen den beiden Gruppen. Aber es gab auch Denker zur Zeit der Aufklärung, die ein gewisses Maß an jüdischer Integration in die polnische Gesellschaft mit geistiger Autonomie des Einzelnen verbinden wollten. Es gab jüdische Patrioten, die für Polen kämpften und polnische Romantiker, in deren Augen das jüdische Erbe ein integraler und bereichernder Bestandteil der nationalen Identität war.

Die Juden im Polen des Mittelalters waren nicht nur geduldet, sondern zumindest in einigen gesellschaftlichen Bereichen sogar willkommen. Diesen Eindruck bestätigt das erste Dokument, das die offizielle politische Linie gegenüber den Juden für das Gebiet Großpolens formuliert: das von Herzog Bolesław dem Frommen im Jahre 1264 erlassene so genannte „Statut oder Privileg von Kalisch“. Es verlieh den Juden den Rang von servi camerae, Kammerknechten, was bedeutete, dass ihre Gemeinschaft dem Landesherrn unterstellt und ihm zur Zahlung von Kopf- und Gemeindesteuer verpflichtet war. Es garantierte den neuen Siedlern die Sicherheit von Leben und Besitz sowie den Schutz der Synagogen und Friedhöfe; es gewährte ihnen freie Berufsausübung und untersagte ihre Benachteiligung vor Gericht. Ein weiterer Artikel des Privilegs legte fest, dass Juden nicht gegen ihren Willen dazu gezwungen werden konnten, Christen Gastfreundschaft zu erweisen und dass ein Christ, der einem des Nachts überfallenen Juden seine Hilfe versagte, eine Strafe zahlen musste. Der offizielle Versuch einer polnisch-jüdischen Koexistenz begann also in dieser fernen Epoche mit einer Reihe von rechtlichen Bestimmungen, die heute noch als exemplarische Aufstellung von Minderheitenrechten dienen könnten.

Die Juden scheinen im Polen des Mittelalters ein recht normaler Teil des gesellschaftlichen Gefüges gewesen zu sein. Zwischen ihnen und den Christen gab es zahlreiche ungezwungene Kontakte und sogar Gemeinschaft. Soweit wir wissen, wohnten die Juden in den polnischen Städten nicht abgesondert, sondern im gesamten Stadtgebiet, auch wenn sie sich natürlich vorzugsweise in bestimmten Straßen und Bezirken niederließen. Sie kleideten sich weitgehend wie die Allgemeinheit, und Farbigkeit und Pracht ihres Gewands hingen mehr von ihrem Wohlstand ab als von anderen Unterschieden oder irgendwelchen Verboten. Die katholische Kirche versuchte zwar zeitweise, Juden auf bestimmte Viertel zu beschränken und ihnen Kleidervorschriften aufzuerlegen, doch wurden derartige Verfügungen selten befolgt.

Die Juden in Polen waren nie eine gänzlich homogene Gemeinschaft und auch nie völlig einig in ihrer Meinung über die Außenwelt. Auch berufliche Hierarchien entwickelten sich früh. Die neuen jüdischen Einwanderer gingen einer Reihe von Tätigkeiten nach. Sie waren Handwerker, Kaufleute, Händler und Geldverleiher. Manche besaßen Grund und Boden. Ein paar wurden wohlhabend, errichteten Familienbetriebe und bauten sie über mehrere Generationen hinweg aus oder betrieben als Großhändler Geschäfte im internationalen Rahmen. Eine Reihe von Juden arbeitete für Fürstenhäuser, leitete deren Münzstätten oder verwaltete Güter für den Kleinadel. Die Juden, die nach Polen kamen, hatten schließlich eine hochentwickelte altehrwürdige Tradition der Gelehrsamkeit mitgebracht, die ihnen geholfen hatte, ihre Identität über die Jahrhunderte der Diaspora zu bewahren und die auf der Verehrung des geschriebenen Wortes basierte. Selbst im frühen Mittelalter hatten wenigstens einige jüdische Haushalte in Polen hebräische Bücher, während die Masse der polnischen Bevölkerung, mit Ausnahme des Adels, keinerlei Lese- und Schreibkenntnisse besaß.

In der Mitte des 14. Jahrhunderts begann Polen unter Kasimir dem Großen zu einem souveränen Königreich zusammenzuwachsen. Dieser Herrscher ist eine bleibende Gestalt der jüdischen Folklore; er hat einen festen Platz in der Erinnerung als „der König, der gut zu den Juden war“. In den Jahrzehnten seiner Herrschaft nahm Polen wieder große Scharen jüdischer Flüchtlinge auf. Die meisten von ihnen waren aus Westeuropa geflohen. Es hieß von Kasimir dem Großen auch, sein Wohlwollen gegenüber den Juden habe einen privaten Grund. Es ging das Gerücht, der König habe eine jüdische Geliebte, Esterka, der er ergeben war und mit der er angeblich vier Kinder hatte: zwei Söhne, die katholisch erzogen wurden und zwei Töchter, die den Glauben ihrer Mutter beibehielten. Die historische Wahrheit dieser Darstellung lässt sich aber nicht nachweisen.

Neben der Empfänglichkeit für Fremde und den liberalen Gesetzen gab es im frühen Polen – wie im gesamten vormodernen Europa – starke Vorurteile gegen Juden. Schließlich waren die Juden nicht nur Ausländer; problematischer war, dass sie andersgläubig waren, und in einer religiösen Welt war das ein fundamentaler und ethisch gewichtiger Unterschied. Es fällt den meisten von uns heute schwer, sich in einen allumfassenden Glauben einzufühlen, doch für die Christen des Mittelalters war ihr Glaube ein nie in Frage gestelltes Absolutum, ein Synonym für Struktur und Bedeutung der Realität. Die Religion gab ihrem Leben Ordnung und tieferen Sinn und musste bis ans Lebensende verteidigt werden. Innerhalb dieses weltanschaulichen Rahmens wurde der Toleranz gegenüber anderen Religionen keinerlei Wert beigemessen; vielmehr wäre eine derartige Offenheit als Verrat und als höchst verdächtig erschienen. In christlichen Augen waren Juden Ungläubige; eine Verdammung ihrer Religion war moralisch gestattet und sogar zwingend. In Polen wie auch sonst in Europa wurde der Klerus zum ideologisch antisemitischsten Teil der Gesellschaft. Im Zeitalter des Glaubens prägte religiöser Antisemitismus die Atmosphäre in ganz Europa – er war de facto die herrschende Weltsicht.

Die Polen waren für die Juden die zutiefst Anderen, genauso, wie es umgekehrt war. Allerdings waren die Positionen von Christen und Juden ungleich. Die Juden waren die Minderheit; sie wussten, dass sie in ihrem Gastland bestenfalls willkommen, schlimmstenfalls stillschweigend geduldet waren. In einer Zeit ohne Staatsbürgerschaft oder eine andere klare gesetzliche Vorschrift, die die Beziehung der Einzelperson zum Staat regelte, war der Status der Juden ständig ungewiss. Für das jüdische Leben in der Diaspora galt die fundamentale Notwendigkeit, sich anpassen und angleichen zu müssen. Im Unterschied zu anderen Minderheiten hatten die Juden aber nicht den Wunsch, sich zu assimilieren.

Die jüdische Bevölkerung entwickelte sich unterschiedlich und zwar nicht nur in Fragen des Vermögens, sondern auch was den sozialen Status betraf. Die auf dem Dorf lebenden Juden waren zum Teil Pächter von Schenken, Mühlen oder sogar ganzen Dörfern. Aber die meisten Juden lebten in kleineren und größeren Städten und waren als Händler und Kaufleute tätig oder als Makler zwischen polnischen und ausländischen Kaufleuten sowie polnischen Herstellern und Käufern. Diese Zwischenhändler kauften Ware im Ausland und verkauften sie in Polen oder umgekehrt. In den polnischen Ostgebieten, wo die jüdische Bevölkerungsdichte höher war, befassten sich die Juden mit den neuen Branchen Pelz- und Holzhandel. Einige bildeten Handelskompanien und wurden dabei ziemlich vermögend.

Neben diesem frühen jüdischen Bürgertum gab es natürlich auch arme Juden: Flickschuster, Zimmerer und Hufschmiede, die ihr niederes Handwerk ausübten und bescheidene Kaufleute, die als Zwischenhändler tätig waren. Am anderen Ende der Skala standen Leute, die für die Magnaten arbeiteten und durch diese Verbindung eine höhere gesellschaftliche Stellung innehatten, vor allem die Guts- und Finanzverwalter, die die Latifundien bewirtschafteten. Auf der höchsten Sprosse standen Juden, die unmittelbar für den König tätig waren oder die den offiziellen Titel Krondiener führten. Der Hof selbst beschäftigte oft jüdische Ärzte und Sekretäre. Mit der Zeit begannen einige der erfolgreichen Juden, sich mit der Szlachta (Adel) zu identifizieren und Tracht, Benehmen und manchmal auch den charakteristischen Hochmut von ihr zu übernehmen.

Das 16. Jahrhundert war ein Höhepunkt in der polnischen Geschichte, das Königreich Polen-Litauen war ein bedeutendes und friedliches europäisches Land, in dem die jüdischen Einwohner einen wichtigen Platz einnahmen. In Auftreten und Moral wurden sie mehr und mehr zu einer ganz unverwechselbaren Gruppe. Obwohl für Juden in Polen keine Kleidervorschriften galten, hatten sie eine eigene Tracht entwickelt, die sich von der des polnischen Adels herleitete: in der Taille gegürtete schwarze Kaftane und pelzbesetzte Hüte für die Männer, schwarze Kleider für die Frauen, dazu Perlenketten und anderen Schmuck für die Wohlhabenderen. In diesem Klima begann das polnische Judentum kommunale und religiöse Strukturen zu entwickeln, die für die aschkenasischen Juden auf der ganzen Welt zum Vorbild wurden und sich mehrere Jahrhunderte lang hielten.

Die wichtigste dieser Strukturen war eine bestimmte Form der Selbstverwaltung, die von allen jüdischen Gemeinden in Polen übernommen wurde. Jede Gemeinde wählte eine Körperschaft von Ältesten, den kahal, der alle ihre Angelegenheiten beaufsichtigte und lenkte. An der Spitze dieses Ältestenrates stand der Rabbi, die anderen wurden aufgrund ihrer religiösen Gelehrsamkeit ernannt. In der jüdischen Weltsicht jener Tage gab es weder Trennung noch Widerspruch zwischen religiöser und weltlicher Macht und die Ältesten verfügten über beides. Sie sammelten Steuern ein, verteilten die Geldmittel der Gemeinde und fungierten in gesetzlichen wie religiösen Streitfällen als Richter.

Das polnische Judentum entwickelte in einigen wesentlichen Punkten eine so starke innere Geschlossenheit, dass es sich als eigene Nation zu verstehen begann. Der Autonomiegedanke kulminierte in der Schaffung einer Institution, die in der Geschichte der Diaspora einmalig war – einer Art jüdischen Parlaments, das als waad arba aratzot (Vierländersynode) bekannt ist. Dass eine gesetzmäßig gewählte jüdische Versammlung etwa 200 Jahre lang in Europa existierte, lange vor der Entstehung Israels, wissen nur wenige. Die Anfänge des Waad liegen in den 50er Jahren des 16. Jahrhunderts, als die polnischen Könige den Juden das Recht zuerkannten, sich eigene Führer zu wählen. Der Waad traf sich zweimal im Jahr und behandelte die verschiedensten Angelegenheiten. Seine wichtigste Aufgabe war das Eintreiben der Kopfsteuer für die Krone. Den genauen Status des Waad gegenüber Polen zu bestimmen ist schwierig. Am nächsten käme vielleicht die Regierung eines Bundeslandes. Jedenfalls erkannten die polnischen Herrscher die Vollmacht des Waad an. Der Waad war auch ein Höhepunkt in den polnisch-jüdischen Beziehungen. Doch die Jahrhunderte seines Bestehens fielen zusammen mit einer Reihe von Katastrophen für Polen, die zum rapiden Niedergang des Landes führten und sich direkt auf die Juden auswirkten. Die schlimmste dieser Katastrophen waren die Feldzüge Chmielnickis Mitte des 17. Jahrhunderts. Man schätzt, dass etwa 20 bis 25 Prozent der jüdischen Bevölkerung in den Massakern den Tod fanden, also 70 bis 80.000 Menschen.

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[1] Haumann, H.: Dějiny východních Židů. Praha: Votobia, 1997, S. 163-164.

[2] Hödl, K.: Vom Shtetl an die Lower East Side: galizische Juden in New York. Wien: Böhlau, 1991, S. 19-31.

[3] a.a.O., S. 21.

[4] a.a.O., S. 31.

[5] a.a.O., S. 114-115.

[6] a.a.O., S. 53-54.

[7] a.a.O., S. 56-59.

[8] Kłańska, M.: Aus dem Schtetl in die Welt. 1772 bis 1938. Wien: Böhlau, 1994, S. 111-239.

[9] Potok, Ch.: Putování. Dějiny Židů. Praha: Argo, 2002, S. 392-400.

[10] Hödl, K.: Vom Shtetl an die Lower East Side: galizische Juden in New York. Wien: Böhlau, 1991, S. 32-70.

[11] Hoffmann, E.: Im Schtetl. Die Welt der polnischen Juden. München, DTV, 2003.

Details

Seiten
77
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656821458
ISBN (Buch)
9783656821465
Dateigröße
793 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v282162
Note
Schlagworte
Judentum Shtetl jüdisches Schulwesen jüdische Philosophie jüdisches Gebet Messianismus im Judentum

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Titel: Bekanntes und unbekanntes Judentum. Zweiter Teil