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Nicht nur die Opfer. Jüdische Geschichten aus Wien Leopoldstadt

Forschungsarbeit 2014 94 Seiten

Judaistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Erster Teil
Kaffeehaus in der Hollandstraße
Schneiderbetrieb und Straßenladen in der Praterstraße
Kleine Textilfabrik in der Schwarzingergasse
Fleischhauerei in der Großen Sperlgasse/Großen Pfarrgasse
Tischlerwerkstätte in der Wolfgang Schmälzl Gasse
Kurzwarengeschäft in der Rembrandtstraße
Marktstand am Karmelitermarkt
Greißlerei in der Großen Mohrengasse
Treibriemenfabrik in der Taborstraße
Hausierer in der Blumauergasse

Zweiter Teil
Kaffeehaus
Schneiderbetrieb und Straßenladen
Kleine Textilfabrik
Fleischhauerei
Tischlerwerkstätte
Kurzwarengeschäft
Marktstand
Greißlerei
Treibriemerfabrik
Hausierer

Vorwort

Über bekannte Persönlichkeiten und große jüdische Firmen in Wien wurde viel geschrieben. Ich möchte mit diesem Buch die Zahl solcher Bücher nicht erhöhen. Ich habe mein Interesse auf die jüdischen Einwohner Wiens fokussiert, die nicht bekannt sind, an welche nur selten jemand denkt, die aber in den letzten Jahrzehnten vor dem Zweiten Weltkrieg den genius loci des zweiten Wiener Bezirks Leopoldstadt mitgestaltet haben. Wie der Titel andeutet, soll dieses Buch die Juden aus Leopoldstadt nicht als Opfer zeigen, obwohl die jüdische Geschichte auch in Wien durch Verfolgung gekennzeichnet ist, sondern sie als handelnde Menschen in einem intakten sozialen Umfeld vorstellen, die zur Entwicklung dieses Bezirks beigetragen haben.

Der erste belletristische Teil des Buches ist eine Sammlung von Erzählungen, deren Handlungen sich ausschließlich im zweiten Wiener Gemeindebezirk abspielen. Der Kern jeder Erzählung basiert auf historischen Tatsachen, die Handlung und die Figuren sind z. T. frei erfunden. Die Namen der handelnden Personen wurden geändert.

Der zweite Teil zeigt den historischen Hintergrund einzelner Erzählungen. Hier werden schon bei einzelnen Unternehmen die echten Namen der Personen benutzt, die man durch die Recherchen feststellen konnte. Es geht nicht nur darum, möglichst viel über die konkreten realen Familien zu erfahren, sondern auch zu erfahren, was mit den Familien und ihren Geschäften, Gewerbe, kleinen Unternehmen nach 1939 passiert ist.

Ich möchte mit diesen Erzählungen den unbekannten, in den Augen der Welt vielleicht unbedeutenden Menschen, die einst den zweiten Wiener Gemeindebezirk bevölkert und mitgestaltet haben, ein Denkmal errichten.

Ich widme dieses Buch den unbekannten jüdischen Menschen aus Wien Leopoldstadt, damit ihr Leben, Tun und Leiden nicht in Vergessenheit geraten.

Die Autorin

Erster Teil

Kaffeehaus in der Hollandstraße

Das Flugzeug aus London kommt mit etwas Verspätung in Wien Schwechat an. Für Max Abeles ist es aber kein Problem, er hat es nicht eilig. Er ist nach Wien gekommen, um die Spuren seiner Familie zu finden. Wie oft hat er als Kind gehört: “Dein Großvater war Jemand im Geschäft!” “Seine Kaffeehäuser waren für viele berühmte Persönlichkeiten eine zweite Heimat!” Ja, das wusste Max schon längst, er hatte aber immer den Wunsch, diese bekannten Stätten mit eigenen Augen zu sehen, die Atmosphäre zu spüren, die diese Stätten umgibt. Endlich geht jetzt sein Wunsch in Erfüllung. Er lässt sich Zeit, er hat es nicht eilig zurück nach London. Aus den Erzählungen seiner Mutter wusste er, dass sein Großvater Besitzer zweier Kaffeehäuser in Wien war - das eine war im neunten Bezirk und das andere im zweiten - in der Leopoldstadt. Im Kaffeehaus in der Berggasse sei Freud oft Gast gewesen - so ist es wenigstens in der Familie überliefert. Max interessiert sich aber besonders für das Kaffeehaus im zweiten Bezirk, in der Hollandstraße. Deshalb hat er auch im Hotel Mercure für sich ein Zimmer reserviert. Vom Flughafen kommt er bequem mit dem Bus zum Schwedenplatz und von dort ist es nur ein Katzensprung in die Hollandstraße zu seinem Hotel. Es ist aber fast Mitternacht, als er sein Zimmer im Hotel betritt.

Am nächsten Morgen scheint die Frühlingssonne direkt in sein Zimmer und Max steht früh auf. Die Nacht im geräumigen Zimmer war angenehm, die braun - beigen Farben der Möbel und der Wände wirken beruhigend ebenso wie die olivenfarbigen Vorhänge vor dem Fenster. Nach dem schnellen Duschen und Rasieren geht er in den Speisesaal hinunter, der in frischen roten und gelben Farben mit modernen Möbeln und modernen weißen Leuchtern ausgestattet ist. Das reichliche Frühstücksbuffet lässt keine Wünsche offen und Max nimmt ein paar Toasts mit Käse, Powidlkolatschen und ein Glas frisch gepressten Orangensaft. Auch sein täglicher Kaffee darf nicht fehlen. Mit dem Frühstück gestärkt kehrt er noch kurz ins Zimmer zurück, um seine Aktentasche zu holen. Jetzt ist er für seine Entdeckungsreise in die Vergangenheit seiner Familie gut ausgerüstet. Er verlässt das sechsstöckige Hotel mit seiner hellgrün-orangen Fassade und dem typischen roten Schild mit dem Logo des Hotels “Mercure”.

Zunächst gehen seine Schritte zum Treffen mit dem Obmann des Klubs der Wiener Kaffeehausbesitzer, der so freundlich ist und für Max Abeles Zeit hat. Der Treffpunkt - das Kaffeehaus Demel am Kohlmarkt - ist nicht weit und das Treffen ist wirklich angenehm. Max wusste von seiner Mutter schon manches über die traditionelle Kaffeehauskultur in Wien. Zuerst zeichnet sich das Wiener Kaffeehaus durch die Ausstattung aus, die dafür typisch und unverwechselbar ist - klassische Marmortische im Stil des Historismus mit viel Details und ein unentbehrlicher Zeitungstisch. Das Kaffeehaus diente und dient ja nicht nur der Stärkung des Körpers, sondern soll auch Nahrung für den Geist anbieten - in der Form der neuesten Nachrichten aus der ganzen Welt. So war es schon vom Anfang an, als im 18. Jahrhundert in Wien das erste Kaffeehaus gegründet wurde. Das Kaffeehaus ist nicht nur der Treffpunkt der Freunde zum gemütlichen Plaudern und Kartenspielen, sondern auch ein Ort, wo man die aktuelle gesellschaftliche, politische oder wirtschaftliche Lage besprechen kann. Wie bekann, war das Kaffeehaus oft ein “zweites Zuhause” für viele Künstler, die lieber hier als zu Hause arbeiteten - sei es um der Einsamkeit zu entfliehen, sei es neue Inspiration zu bekommen, sei es um - vor allem in den Wintermonaten - in der Wärme zu sitzen, wenn kein Geld zum Heizen zu Hause war. Das alles hat Max Abeles von seiner Mutter schon gehört und er hat es jetzt nur bestätigt bekommen. Bei Demel kann er sich mit eigenen Augen von dieser typischen Wiener Kaffeehauskultur überzeugen. Max zeigt dem Obmann auch ein paar alte Fotos des Kaffeehauses “Commerz” seines Großvaters in der Holandstraße, die er von seiner Mutter bekommen hat. Viel ist darauf nicht zu sehen - auf einem ungefähr aus dem Jahre 1910 stammenden Foto stehen Kellner, Kellnerinnen und Gäste vor dem Eingang, auf dem anderen aus dem Jahre 1905 sieht man seine Großmutter als Sitzkassiererin an einem schönen geschweiften Buffet aus poliertem Holz und das dritte zeigt die Innenausstattung des Kaffeehauses um 1900. Der Obmann findet die Fotos sehr interessant und fordert Max auf, dass er auf jeden Fall den Ort und das Haus besuchen muss, wo das Kaffeehaus seines Großvaters war. Max hat das aber sowieso vor. So verabschieden sich die Männer, nachdem sie ihren Kaffee mit einem Stück Sachertorte gegessen hatten. Max findet das Treffen interessant und es ermuntert ihn zu weiterem Suchen nach den Spuren seiner Familie in Wien.

Er kehrt in sein Hotel zurück und da es in der Hollandstraße genau gegenüber der Nummer acht steht, möchte er das Café-Restaurant, das sich unter der Nummer acht befindet, gleich besuchen. Dies ist aber nicht möglich. Laut der Öffnungszeiten ist dieses Cafe erst von fünf Uhr Nachmittag bis zwei Uhr in der Früh geöffnet. Das erinnert ihn daran, was seine Mutter erzählt hatte - das Kaffeehaus “Comerz” war von sech Uhr in der Früh bis Mitternacht geöffnet, seine Großeltern haben hart gearbeitet und nur wenig geschlafen. Er muss also abends noch einmal hierher kommen, um das heutige Kaffeehaus, das jetzt unter dem Namen “Fliegender Holländer” bekannt ist, zu besuchen. Er entscheidet sich, im Hotelzimmer ein bisschen auszuruhen.

Gegen sechs Uhr geht er die Treppe hinunter und verlässt das Hotel. Er bleibt vor dem Eingang stehen und betrachtet das Haus gegenüber - die Nummer acht in der Hollandstraße. Das ist also das Haus, das meinen Großeltern gehört hat, denkt er. Das ist das Kaffeehaus, wo sie so hart gearbeitet haben, um ihre Existenz zu sichern und vielleicht auch etwas den Nachkommen zu überlassen. Das ist das Haus, wo sie im ersten Stock ihre gut ausgestattete Wohnung hatten und wo seine Mutter aufgewachsen ist. Gelingt es ihm, auch das Innere des Hauses zu sehen? Gelingt es ihm vielleicht, die Wohnung zu sehen, deren Wände die Stimmen gehört und das Alltagsleben seiner Vorfahren gesehen hatten? Max Abeles weiß es nicht, aber er wünscht es sich sehr. Mal sehen, was der nächste Tag ihm bringt. Von draußen sieht das Haus auch heute sehr gepflegt aus. Es ist ein vierstöckiges Haus mit einer hellgrauen gegliederten Fassade, im zweiten und dritten Stock haben die Wohnungen einzelne Balkons mit einer schwarzen schmiedeeisernen Brüstung. Ins Haus führt eine massive dunkelgrün gestrichene Holztür. Die Namen auf den Klingeln verraten etwas über die heutigen Bewohner des Hauses. Neben den österreichischen Namen sieht man auch ein paar türkische und russische Namen. Sind es vielleicht russische Juden? Wer weiß, nichts deutet darauf hin, das kann man nur vermuten.

Neben der Eingangstür ins Haus befindet sich der Eingang ins Café-Restaurant “Fliegender Holländer”. Beiderseits an den Wänden sind schwarze Holztafeln befestigt, die die Auszüge aus der Speisekarte beinhalten, um die Gäste ins Innere des Kaffeehauses zu locken. Ob es auch bei Café “Commerz” so war? Dem Foto nach, das er in seiner Aktentasche bewahrt und das eine Gruppe vor dem Eingang zeigt, sehr wahrscheinlich - nur waren hier keine Holztafeln, sondern Glasschilder mit dem Namen des Cafés. Auf dem alten Foto sieht man sogar die Fenster auf beiden Seiten - links ist in der Mitte des Fensters eine Telefonnummer angegeben, rechst sehen wir durch das Fenster ins Innere des Cafes. Direkt am Fenster steht ein Marmortisch und am Tisch sitzt eine elegante Dame mit Hut, die ins Objektiv der Kamera lächelt. Mit der linken Hand stützt sie ihren Kopf und in der rechten hält sie vermutlich eine Zigarette, denn vor ihr auf dem Tisch steht ein Aschenbecher. Aber zurück in die Gegenwart. Max steigt ein paar Stufen zur Eingangstür ins Café und blickt sich um. Das Café wirkt klein und dunkel. Die Möbel sowie die Täfelung sind aus dunklem Holz, die runden Tische sind mit langen roten Tischdecken bedeckt. Max wählt einen Tisch gleich am Fenster - so sieht er sehr gut auch direkt in die Hollandstraße. Er ist enttäuscht - keine klassische typische Ausstattung des Wiener Kaffeehauses, wie er es erwartet hatte. Alles ist anders. Was ist mit den Tischen, Stühlen, mit der Bar, mit dem Geschirr seiner Großeltern passiert? Wer hat sie versteckt? Wer hat sie gestohlen? Die Großmutter mit den Kindern musste das Haus sehr schnell verlassen und konnte nur das Notwendigste nach England mitnehmen. Der Großvater, der wegen des Geschäfts in Wien blieb - mit der Hoffnung noch rechtzeitig fliehen zu können - konnte nichts vom Kaffeehaus mitnehmen. Da er im Ersten Weltkrieg gekämpft hatte und auch für seine Verdienste ausgezeichnet worden war, glaubte er nicht, dass ihm etwas passieren könnte. Trotzdem wurde er im Juni 1942 aus seiner Wohnung geholt und nach Maly Trostinec in Weißrussland deportiert, wo er vier Tage nach seiner Ankunft ermordet wurde. Max bestellt einen Verlängerten und versinkt in seine Gedanken.

Am nächsten Morgen wecken Max Abeles die Sonnenstrahlen, die durch die olivengrünen Vorhänge in sein Hotelzimmer dringen. Im Speisesaal wartet wieder ein reichliches Frühstücksbuffet auf ihn. Er nimmt Sacherwürstchen mit Semmeln, Kren und Senf, dazu eine Tasse Tee und zwei Stück Apfelstrudel. Abschließend noch eine Tasse Kaffee. Eine halbe Stunde später verlässt Max das Hotel und geht zur Nummer acht in der Hollandstraße. Er klingelt und als eine ältere Frauenstimme fragt, was er wünsche, sagt er, dass er mit der Hausverwaltung sprechen möchte. Die Dame sagt ihm den Namen des Hausverwalters. So klingelt er nochmals und er hat Glück - der Herr ist zu Hause. Als er seine Bitte äußert, das Haus besichtigen zu dürfen, ist der Herr bereit, ihm das Haus zu zeigen. Ein paar Minuten später steht Max hinter der dunkelgrün gestrichenen Eingangstür und befindet sich in einem länglichen weiß ausgemalten Gang mit Stuckatur an den Wänden und mit schwarz weißen Fliesen, der einer breiten Steintreppe mit einem eisernen dunkelbraunen Geländer führt und durch eine große runde weiße Lampe beleuchtet ist. Ein Herr geht gerade die Treppe herunter und es stellt sich heraus, dass es der Hausverwalter ist. Nach der Begrüßung führt der Hausverwalter Max zum Lift, aber Max sagt, dass ihn besonders die Wohnungen im ersten Stock interessieren, da dort seine Großeltern vor dem Krieg gewohnt haben. Dann steigen sie die Treppe hinauf. Im ersten Stock befinden sich nur zwei Wohnungen, an jedem Ende des Ganges eine. Die eine hat eine hohe dunkelbraune Eingangstür aus Holz, die Eingangstür der anderen Wohnung ist ebenfall aus dem dunkelbraunen Holz, aber die obere Hälfte ist verglast und mit einem schwarzen Gitter verseht. Max Abeles schaut zuerst auf die Namensschilder, beide tragen einen österreichischen Familiennamen. An keinem Türpfosten befindet sich eine Mesusa - die kleine Hülle mit dem zusammengerollten Stück von Pergament mit dem Thoraausschnitt - wonach man eine jüdische Wohnung, ein jüdisches Haus erkennen kann. Hier wohnen also keine Juden mehr. Er steht schon an der verglasten Eingangstür und möchte klingeln, als sich plötzlich die gegenüberliegende Tür öffnet, aus der eine ältere Dame ihren Kopf mit den Lockenwicklern streckt.

„Grüß Gott. Suchen Sie jemanden?”, fragt sie.

„Grüß Gott. Entschuldigen Sie, wissen Sie vielleicht, wer in dieser Wohnung jetzt wohnt?”, antwortet Max.

„Warum denn? Wen suchen Sie?”

„Ich weiß es nicht genau, aber in dieser Wohnung wohnten vor dem Krieg meine Großeltern und meine Mutter ist hier aufgewachsen. So möchte ich gerne wissen, was mit der Wohnung nach dem Krieg passiert ist. Wissen Sie, meine Großeltern besaßen unten im Haus das Kaffeehaus Commerz. Wissen Sie etwas davon?”

„Es tut mir Leid. Ich weiß nichts davon. Wir sind in dieses Haus erst 1947 umgezogen. Ich weiß nicht, wer hier wohnte, ich war damals noch ein Mädchen. Es tut mir Leid. Wiederschauen der Herr.”

„Schade. Ich habe gehofft, dass Sie mir vielleicht helfen. Na ja, da kann man nichts machen. Wiederschauen.”

Max Abeles wendet sich wieder der verglasten Eingangstür zu, der Hausverwalter wartet abseits. Max klingelt mehrmals, aber niemand meldet sich. Vielleicht sind die Menschen nicht zu Hause, es ist ja Werktag. Sie können in der Arbeit, in der Schule sein. Es wäre vielleicht eine gute Idee, abends nochmals vorbeizukommen. Mit diesem Gedanken wendet Max sich an den Hausverwalter und der ist bereit, ihn auch abends hereinzulassen und sie vereinbaren einen Termin um sieben Uhr. Max bedankt sich bei ihm für seine Bereitschaft und verlässt das Haus. Es ist gegen Mittag. Zeit etwas zu Mittag zu essen. Er möchte sich nicht weit von der Hollandstraße entfernen, deshalb geht er die Straße hinauf, bis er zum Karmelitermarkt kommt. Er schaut sich um und wählt ein Fischrestaurant, wo er das Tagesmenü zu sich nimmt. Nachher kehrt er in sein Hotelzimmer zurück und macht es sich im Sessel bequem. Er zieht die Fotos von seiner Mutter aus der Aktentasche und legt sie auf den runden Konferenztisch vor sich. In Gedanken ist er wieder in der Vergangenheit, in den Erinnerungen. Was alles weiß er von seiner Mutter über die Wohnung, in der sie aufgewachsen ist? Er ist gespannt, ob es ihm abends gelingt, die Wohnung mit eigenen Augen zu sehen.

Jetzt sieht er sie nur vor seinen geistigen Augen. Eine schöne, geräumige bürgerliche Wohnung mit fünf Zimmern auf der Fläche von mehr als hundertachtzig Quadratmetern. Und der Balkon gehörte auch dazu. Wie die Mutter erzählte, durch die Eingangstür kam man in das längliche Vorzimmer … Im Vorzimmer war ein Marmorboden, aber es war einfach und praktisch eingerichtet - mit einem Kleiderständer aus Metall, einem Schuhschrank aus dem dunkelbraunen Holz und einem Spiegel, nur an eine Wand wurde ein roter Wandteppich gehängt. Aus dem Vorzimmer ging man links in die mit den weißen Möbeln und roten Stühlen ausgestattete Küche, zu der auch ein Abstellraum gehörte. Aus dem Vorzimmer gelangte man geradeaus in einen großzügigen Wohnsalon mit dem Balkon und dem offenen Kamin. Wie die Mutter erzählte, war der Wohnsalon auch schön eingerichtet - mit der Ledersitzgarnitur in der beigen Farbe, davor stand ein quadratischer Holztisch. In einem angrenzenden Speiseraum stand ein runder Esstisch mit sechs ebenfalls beigefarbenen Stühlen mit hohen Rückenlehnen. Und wieder der Marmorboden. Auch viele Pflanzen waren in diesem Wohnsalon, da er sehr hell war. Neben der Tür ist ein Klavier gestanden - eigentlich ein Piano. In der Wohnung standen noch drei große Räume und ein Kabinett zur Verfügung - also ein Schlafzimmer, in braun-beigen Farben ausgestattet, zwei Kinderzimmer - eins für Mädchen und eins für Buben - und das Kabinett diente als Gästezimmer. So hat es dem Max seine Mutter geschildert.

Aber wieder zurück in die Gegenwart - die Zeit vergeht sehr schnell, es ist schon fast halb sechs. Vielleicht wäre es an der Zeit, einen kleinen Spaziergang durch die nahe gelegenen Gassen zu machen und dabei einen kleinen Imbiss zu nehmen. Er möchte auch sehr gerne die Atmosphäre dieses Stadtviertels spüren, die seine Großeltern und seine Mutter seinerzeit gespürt haben. Er entscheidet sich noch weiter zu gehen, als er es am Vormittag gemacht hat, nämlich die Hollandstraße entlang, wobei er die Leopoldsgasse erreicht. Rechts an der Ecke entdeckt er das Restaurant “Schöne Perle”. Max tritt hinein und nimmt Spaghetti zum Abendbrot. Da es nach dem Essen schon viertel vor sieben ist, verlässt er das Restaurant und kehrt in die Hollandstraße zurück. Plötzlich steht er wieder vor der Nummer acht und klingelt. Der Hausverwalter öffnet die Tür und in einigen Minuten treffen sich die Männer wieder. Im ersten Stock angelangt klingelt Max schon zum zweiten Mal an demselben Tag an der verglasten Eingangstür. Nach ein paar Minuten öffnet ein Mann mittleren Alters die Tür.

„Guten Abend. Entschuldigen Sie bitte die Störung, ich bin Max Abeles und ich möchte Sie etwas fragen. Wissen Sie, in dieser Wohnung haben meine Großeltern vor dem Krieg gelebt und meine Mutter ist hier aufgewachsen. Ich bin extra aus London hierher gekommen, um die Spuren meiner Familie hier in Wien zu finden. Wäre es vielleicht möglich, dass ich mir Ihre Wohnung anschaue?”, fragt Max Abeles.

„Guten Abend. Es tut mir Leid, aber ich meine, ich kann Ihnen nichts sagen, was Sie interessieren würde. Woher soll ich auch wissen, dass Sie die Wahrheit sagen?”, fragt der Mann, mit etwas Ungeduld in der Stimme.

Da mischt sich der Hausverwalter ins Gespräch ein:

„Herr Müller, Sie können Herrn Abeles vertrauen. Es ist so, wie er sagt.”

„Es tut mir Leid, aber ich habe wirklich nichts zu erzählen”, erwidert Herr Müller. „Wir sind erst in den siebziger Jahren in diese Wohnung eingezogen und ich weiß nichts Näheres über ihre Geschichte - wer wann hier gewohnt hat. Wenn es der Hausverwalter auch nicht weiß, so kann ich Ihnen wirklich nicht helfen. Und ich wünsche auch nicht, dass Sie meine Wohnung besichtigen.”

„Na ja, wenn es so ist, dann kann man wohl nichts machen. Sehr schade. Ich habe gehofft, dass ich etwas mehr über die Wohnung erfahre, die einst meinen Vorfahren gehört hat. Wissen Sie, meine Großeltern besaßen auch das Restaurant unten im Haus im Erdgeschoss. Aber wenn es nicht geht, dann kann man nichts machen. Auf Wiedersehen.”

„Wiedersehen”, antwortet Herr Müller.

Max Abeles kehrt sich zur Treppe um. Er bedankt sich noch einmal beim Hausverwalter für seine Hilfsbereitschaft und mit langsamen Schritten verlässt er das Haus seiner Großeltern. Er ist enttäuscht durch die Ungefälligkeit des heutigen Eigentümers oder Mieters der Wohnung. Dabei geht ihm nur ein Gedanke durch den Kopf - wie anders könnte alles sein, gäbe es nicht den Krieg und die Verfolgung der Juden. Dieses Haus, das Restaurant, diese sicher sehr schöne Wohnung könnten ihm gehören. Wie anders würde die Geschichte der ganzen Familie verlaufen. So bleibt alles nur in seinen Gedanken, vermittelt durch die Erinnerungen seiner Mutter. Er hat keine Chance, die Sachen aus der Vergangenheit mit eigenen Händen zu berühren, er hat keine Chance, die Erinnerungen mit den konkreten Orten in Zusammenhang zu bringen. Was sucht er also noch in dieser Stadt? Plötzlich spürt er im Innern, dass Wien für ihn eigentlich eine ganz fremde Stadt ist, und er ist sicher, dass er nicht mehr hierher kommt, um nach den Spuren seiner Familie zu suchen. Nichts ist hier aus seiner Vergangenheit geblieben. Nichts, was noch an seine Familie erinnert. Als ob sie hier niemals gelebt, gearbeitet, gelitten hätten. Mit diesen traurigen Gedanken kehrt Max Abeles ins Hotel zurück und am nächsten Morgen sitzt er schon im Flugzeug nach London.

Schneiderbetrieb und Straßenladen in der Praterstraße

Schon der Eingang wirkt imposant. Betritt man durch die holz-gläserne Tür die Räumlichkeiten, kommt man in die von den führenden Gründerzeitkünstlern ausgestatteten Räume. Die Deckenbemalung stammt von Franz Lefler, das Mittelgemälde ist eine Allegorie auf den Seidenhandel, die Holztische und Regale sind aus massiver Eiche. Hinter dem Geschäft befindet sich die Schneiderwerktstätte. Die Wohnung des Besitzers Elieser Grünhut ist im ersten Stock, direkt über dem Laden. Er führt sein Geschäft mit seinem ältesten Sohn Alexander und man muss sagen, dass sein Geschäft in der Praterstraße siebenunddreißig erfolgreich ist.

Elieser Grünhut gehört zu den Schneidern der sogenannten zweiten Kategorie – nach der Einstufung, die seit dem 19. Jahrhundert in Wien üblich ist. Diese Kategorien der Schneider unterscheiden sich streng voneinander entsprechend der sozialen Lage ihrer Kundschaft.

Die Schneider der ersten Kategorie arbeiten für den hohen Adel und nennen ihre Werkstätten “Boutique” nach dem Arbeitstisch, auf dem der Schneider früher während des Nähens mit untergeschlagenen Beinen saß. Mit der Einführung der Nähmaschine verlor sich dieser jahrhundertealte Brauch. Der Schneidermeister dieser Gruppe präsentiert dem Kunden einmal jährlich seine Rechnung. Er lebt auf großem Fuß, spielt in der Gesellschaft eine bedeutende Rolle und bringt es zu Ansehen und Reichtum. Die Schneider der zweiten Klasse, des niederen Adels und anderer Personen gleichen Einkommens, ahmen das französische Vorbild nach. Ihr großartig ausgestattetes Geschäft nennt sich “Marchand Tailleur”. Schneiderrechnungen werden hier monatlich ausgestellt. Eine große Gruppe der Schneider arbeitet für das Groß- und Kleinbürgertum. Der Schneider für das Bürgertum hat zumeist kein offenes Geschäft, seine Wertstätte befindet sich im Anschluss an die Wohnung entweder im Stock oder ebenerdig. Bei ihm muss man sofort bezahlen. In weitem Abstand folgen die hauptsächlich in den Vorstädten und Vororten ansässigen Volks-, Markt-, Tandelmarkt- und Flickschneider, sie arbeiten für die breite Schicht des Volkes, der sie selbst angehören. Der Volksschneider wohnt in den Vorstädten mit Industrie- und Arbeiterbevölkerung. Seine hauptsächliche Kundschaft besteht aus Arbeitern und Dienstpersonal. Der Marktschneider ist eigentlich ein Handelsreisender, der auf den verschiedenen Jahrmärkten seine fertigen Kleider an den Mann oder an die Frau bringt. Den Stoff bezieht er billig, indem er altmodische oder verschossene Ware ankauft. Der Tandelmarktschneider kauft alte Kleidungsstücke billig zusammen und lässt sie vom Volks- oder Flickschneider auf Glanz herrichten. Selbst arbeitet er kaum. Er kauft, tauscht oder verkauft, er borgt Geld auf Pfänder. Die Kundschaft des Flickschneiders besteht aus den ärmsten Volksschichten. Er flickt für sie Kleider zusammen, die selbst auf dem Tandelmarkt unverkäuflich sind.

Die Kundschaft von Elieser Grünhut gehört also zu den wohlhabenderen Personen und da sein Geschäft eine gute Adresse hat, ist es auch oft besucht. Elieser Grünhut weiß es zu schätzen und ist immer bemüht, dass nicht nur die Ausstattung seines Geschäfts, sondern auch das Angebot für die Kunden möglichst breit ist. Deshalb erweitert er das Sortiment um Accessoires wie Krawatten, Tücher und Schals. Beim Sortiment liegt der Schwerpunkt einerseits auf einem breit sortierten Warenlager mit verschiedenen Stoffen wie Wollstoffen, Cashmere, Tweed, andererseits auf einer riesigen Auswahl an Seidenkrawatten, Seidentüchern, Seiden- und Cashmereschals, Manschettenknöpfen, Regenschirmen und feinen Lederwaren. Ebenso umfangreich ist das Angebot an Mascherln und Schalkrawatten. Handroulierte Taschentücher sind in Schachteln verpackt, von weiß bis zu Motiven von Jagd, Angeln und Golf reicht das Sortiment. Manschettenknöpfe nach dem Druckknopf-Prinzip zählen zu den beliebten Accessoires. Handgemachte Regenschirme für Damen und Herren in verschiedenen Designs und ausgefallenen Modellen. Von reinen und gefütterten Seidenschals bis zu Cashmereschals in vielen Modellen, Farben und Designs reicht das vielfältige Angebot. Er führt auch gestreifte, gemusterte und einfärbige Hosenträger verschiedener Qualität zum Klipsen und Knöpfen.

In den letzten Wochen kommt die Arbeit in Grünhuts Schneiderwerktstätte auf Touren. Der Grund dafür ist die sich nähernde Modeschau, an der Elieser Grünhut mit seinen Modellen teilnehmen möchte. Es ist für ihn eigentlich ein Muss, da er zu den wichtigsten Mitgliedern der Wiener Schneidergenossenschaft zählt und seine Herrenkleider zu denen gehören, die die Mode in Wien bestimmen. So haben seine Mitarbeiter unter der Leitung seines Sohnen Alexander volle Hände Arbeit. Auch wenn sich Herr Grünhut seiner Stärken bewusst ist, unterschätzt er nicht die Konkurrenz. In der Praterstraße selbst sind ja noch fünfzehn weitere Herrenkleidermacherbetriebe, obwohl unter ihnen nur die Werkstätten von Kohn, Schneider und Stern jüdisch sind.

In der Werkstätte summt es wie in einem Bienenstock. Drei Mitarbeiter und zwei Lehrlinge sind voll mit der Arbeit beschäftigt. An den Fenstern stehen fünf Nähmaschinen – die Marke „Singer“ garantiert gute Qualität der Arbeit. In der Mitte des Raumen stehen lange Holztische, auf denen man die Schnitte vorbereitet, voll mit Seidenpapier, Stoffen, Kreiden und Scheren, zwischen den Tischen sind Bügelbretter mit schweren Bügeleisen und etwas abseits die Schneiderpuppen platziert. Es fehlen nur noch ein paar Tage bis zur Modeschau, deshalb sind alle Modelle schon fast fertig. Es bleibt nur, die Kleinigkeiten zu verbessern, nochmals auszuprobieren, professionell zu bügeln und es kann los gehen. Elieser Grünhut freut sich besonders auf die heurige Modeschau Mitte November. Er möchte nämlich in seiner Frühjahrkollektion einen neuen Schnitt des Dreiteilers präsentieren und es soll sowohl für die Zuschauer als auch für die Jury eine Überraschung sein. Wieder ein Arbeitstag neigt sich zu Ende und Elieser Grünhut schließt abends die Räumlichkeiten und begibt sich in den ersten Stock, wo seine Frau Gisela schon mit dem Abendessen auf ihn wartet.

In der geräumigen Küche duftet es nach seiner Lieblingsspeise – Tafelspitz mit Spinat und Erdäpfelschmarren.

„Guten Abend, Liebling“, grüßt er seine Frau, die bereits den Tisch deckt, und küsst sie auf die Lippen.

„Guten Abend, Elieser. Wie war Dein Tag?“

„Viel Arbeit, aber es geht voran. Der Termin naht ja. Aber wir schaffen es sicher.“ „Das höre ich gerne. Ich wünsche mir so, dass Du mit Deiner neuen Kollektion Erfolg hast. Es steckt ja so viel Arbeit drin.“

„Ja, da hast Du Recht. Ich hoffe auch, dass ich auch heuer zu den besten zählen werde.“

Der Novemberregen patscht gegen die Scheiben im Schlafzimmer. Das stört die Eheleute Grünhut aber nicht. In der Wohnung ist sonst ganz still, die dicken Vorhänge vor den Fenstern garantieren die zum Schlafen nötige Dunkelheit, um von den Straßenlichtern nicht gestört zu werden. Die Praterstraße zählt zu den belebten Straßen Wiens und die Straßenlichter brennen die ganze Nacht.

Plötzlich fährt Elieser Grünhut aus dem Schlaf auf. Er hat etwas gehört. Einen dumpfen Schlag unten im Erdgeschoß. Er schaut zur linken Seite des Ehebettes und sieht, dass Gisela weiter ruhig schläft, sie hat nichts gehört. Hat er nur geträumt? Oder sollte er hinuntergehen und sich vergewissern, dass im Erdgeschoß alles in Ordnung ist? Sein Wecker auf dem Nachttisch zeigt fast halb drei in der Früh. Er entscheidet sich für das Zweite. Er schwingt seine Beine über das Bett hin, schlüpft in die Hausschuhe und den Bademantel hinein und vorsichtig betastet er die Möbel, um im dunklen Zimmer zur Tür zu kommen. Er öffnet sie leise und im Vorzimmer macht er schon das Licht an. Aus seiner Wohnung tritt er in den kalten Gang des alten Hauses. Auch hier macht er das Licht an und langsam geht er die Treppe hinunter. Er kommt zum Seiteneingang seiner Werkstätte, macht die Tür auf und mit dem Drehen des Schalters rechts von der Tür beleuchtet er den ganzen Raum. Er schaut sich um. Alles sieht so aus wie immer. Nähmaschinen, Holztische, Schneiderpuppen. Plötzlich sieht er es: das zweite Fenster ist nicht ganz geschlossen! Wieso? Wie konnte so etwas passieren? Er hat abends alles kontrolliert, so wie er es seit Jahren jeden Abend macht. Er ist sicher, dass das Fenster geschlossen war. Er tritt zum Fenster und macht es zu. Dann schaut er sich nochmals um und überlegt, was fehlen könnte. Die Nähmaschinen sind auf ihrem Platz, auch die Stoffe scheinen unberührt. Er öffnet den großen dunkelbraunen Schrank in der hinteren Ecke des Raumes, wo er große Ordner mit den Schnitten aufbewahrt. Alle stehen hier in den Reihen. Der letzte Ordner ist aber etwas schräg. Wer hat das gemacht? Sein Sohn? Einer von den Mitarbeitern? Oder hatte er hier einen ungebetenen Besuch? Er blättert schnell den Ordner durch und erstarrt vor dem leeren Blatt. Hier wurde der neue Schnitt aufbewahrt, seine Erfindung, seine Überraschung für die Modewelt Wiens! Wo ist er? Wer hat ihn gestohlen? Und warum? Außer für Herrenschneider hat er für niemanden einen Zweck. Was tun? Soll er die Polizei anrufen? Lächerlich, was würden sie ihm sagen – ein Stück Seidenpapier wurde gestohlen. Ja, es klingt wirklich lächerlich. Sie können nicht ahnen, was für einen Wert dieses Stück Seidenpapier für ihn hat. Sie können so etwas nicht verstehen. Elieser Grünhut entscheidet sich, niemandem etwas zu sagen. Nicht einmal seiner Frau, er weiß, wie aufgeregt sie reagieren würde. Für die Kollektion braucht er den Schnitt nicht mehr, die Kollektion ist so gut wie fertig, die Mitarbeiter bemerken nicht, dass etwas fehlt. Warum sollte er sie gerade jetzt beunruhigen, wenn sie vor einem so wichtigen Tag stehen? Nein, er sagt nichts.

Der große Tag ist da, der 14. November. Während des Tages wurden alle Modelle auf den Kleiderständern in das Hotel im ersten Bezirk abtransportiert, wo abends um 19 Uhr die Modeschau stattfindet. Der Laufsteg ist schon vorbereitet, an beiden Seiten die Stühle für die Zuschauer und für die Jury. Hinter den Kulissen sind die teilnehmenden Herrenkleidermacher mit ihren Models versammelt und bilden einzelne Gruppen. Sie sprechen nicht miteinander, es ist ja ein Wettbewerb und wer weiß, wer von ihnen gewinnt und wer verliert. Elieser Grünhut sieht sich um und registriert, dass einige Kleidermacher aus der Praterstraße auch anwesend sind. Dort links steht Schulmann mit seinen Leuten, ein Stück weiter Finkel und hier vorne ist Kohn. Gut, dass noch ein jüdischer Betrieb vertreten ist. Er fühlt sich dann nicht so allein unter lauter Nichtjuden. Noch ein paar Minuten und es geht los. Die Nervosität steigt. Der Saal ist nicht mehr beleuchtet, nur auf den Laufsteg scheinen die Reflektoren. Herr Grünhut kann im Spalt zwischen den Vorhängen sehen, dass der Saal voll ist, alle Stühle sind besetzt. Es verspricht Erfolg.

Nach der einleitenden Musik und den Einführungsworten des Veranstalters ist es so weit. Schulmann, Finkel, Endratz, Fisch, Kohn, Grünhut. In dieser Reihenfolge soll es gehen. Elieser Grünhut kontrolliert mit zufriedenem Blick noch zum letzten Mal seine Models. Alles sitzt perfekt, es darf nichts schief gehen. Nur mit halber Aufmerksamkeit beobachtet er die Models der Konkurrenz. Nicht schlecht, aber nicht so gut, nicht so präzis wie meine, denkt er. Plötzlich schärft er seine Beobachtung – was sieht er hier beim Model von Finkel? Das Model trägt einen Dreiteiler aus hochwertigem Stoff, aber der Revers des Sakkos ist genau so geschnitten wie ihn ER ausgedacht hat. Sogar die Ziernaht ist dort, so wie ER es sich vorgestellt hat. Das kann doch nicht wahr sein! Woher hatte Finkel diese Idee? Hat es etwas mit dem verschwundenen Schnitt auf dem Seidenpapier zu tun? Was soll er jetzt machen? Wie kann er nach diesem Finkel-Modell noch seine Anzüge als Überraschung präsentieren? Er blamiert sich bloß. Vor seiner Familie, vor den Mitarbeitern, vor den Freunden und Bekannten, die hier im Saal sitzen. Nein, das kann er nicht zulassen. Er hat seinen Stolz, er kann nicht vor den Augen aller lächerlich gemacht werden. Er, dessen Name in der Kleidermacherbranche so geschätzt ist.

Unbemerkt schleicht er sich davon, während die Aufmerksamkeit aller auf das Model auf dem Laufsteg gerichtet ist. Sogar seine Frau hat es nicht bemerkt, dass er nicht mehr da ist. Draußen steigt er in seinen Mercedes ein und fährt nach Hause. Er öffnet die Tür zur Wohnung, legt den Mantel ab und eilt ins Schlafzimmer. Im Nachttisch an seiner Seite bewahrt er einen 38er. Er besitzt legal diesen Revolver, er wollte ihn zu seinem Schutz haben. Jetzt nimmt er ihn in die Hand, spürt seine Kälte. Elieser Grünhut setzt sich zum Schreibtisch und konzentriert schaut er den Revolver an. Soll er es tun? Soll er sich von allem, was ihn jetzt erwartet, befreien? Soll er endlich Ruhe finden? Nach so vielen Jahren als Kaufmann und ausgezeichneter Schneider wird er die Schande nicht überleben. Er wollte mit seinem neuen Schnitt die Wiener Herrenmode der nächsten Jahre bestimmen. Das passiert jetzt nicht mehr. Wer wird ihm glauben, dass die Neuigkeiten im Schnitt seine Ideen sind, wenn eigentlich Finkel sie anfertigen wird? Niemand wird ihm glauben. Seine Kundschaft wendet sich von ihm ab, sein Geschäft geht runter, vielleicht macht er Pleite. Nein, das kann er nicht zulassen, solche Schande. Lieber Schluss machen.

Nur ein Zimmer in der Wohnung im ersten Stock ist beleuchtet. Der einsame Schuss durchdringt die Stille der kalten Novembernacht.

Kleine Textilfabrik in der Schwarzingergasse

Freitag Vormittag im Frühling. In der Luft spürt man schon die Wärme, die Bäume beginnen zu blühen und schmücken die nach dem Winter müden Straßen und Gassen. Mein Ziel ist die koschere Bäckerei in der Lilienbrunngasse. Noch drei Stufen und ich kann den herrlichen Duft des warmen Gebäcks riechen. Der Laden ist voll – wie fast immer. Vor dem Tresen drängt sich die Menschenmenge – wie sich die Verkäuferinnen darin auskennen, war mir immer ein Rätsel. Überall liegen kleinere und größere Sackerln mit der bestellten Ware – links auf den Regalen, rechts auf den Tischen. Wie gut, dass ich mein Barches – geflochtenes Brot mit Mohn - im Voraus bestellt und bezahlt habe! An den zwei frei gebliebenen Tischen sitzen Frauen mit Kleinkindern und essen ihre milchige Speise. Sie machen hier eine Pause, um mit der Freundin über die überstandene Krankheit ihres Kindes zu sprechen oder ein neues Rezept für den Kuchen auszutauschen und dabei eine Kleinigkeit zu sich zu nehmen. Ein paar Minuten nur für sich selbst haben. Die übrigen Stunden des Tages gehören der Familie, die jedes Jahr größer wird. Heute sitzt hier Rachel mit Ruth und an dem anderen Tisch wartet Chana. Hoffentlich kommt Naomi heute, sie möchte so gerne wissen, wie es bei der Hochzeit ihres jüngsten Bruders Mordechai in London war.

Ich nehme mein bestelltes Sackerl mit Barches und beeile mich nach Hause. Am Freitag Vormittag ist in den jüdischen Familien immer viel zu tun. Das steht auch in den Gesichtern der Frauen geschrieben, denen ich auf dem Karmeliterplatz und unterwegs nach Hause in die Schwarzingergasse begegne. Obwohl sie mit den Vorbereitungen für Schabbat bereits am Donnerstag begonnen haben – Kuchen gebacken, eingekauft, die Putzfrau hat auch die Wohnung aufgeräumt und die Wäsche gebügelt – bleibt noch einiges zu tun.

Ich habe es auch eilig. Heute erwarten wir Besuch zum Erew-Schabbat-Essen. Unsere Freundin mit ihrem Mann und Sohn. Dieses gemeinsame Essen am Freitagabend, wenn nach dem Sonnenuntergang der allwöchentliche jüdische Feiertag beginnt, stärkt die Familie und die Freundschaft. Deshalb freut man sich, wenn Gäste kommen. Nicht nur, um die lieben Bekannten wieder zu sehen, sondern auch um die gemeinsame jüdische Identität zu manifestieren. Der schön gedeckte Tisch und schmackhaftes Essen unterstreichen die feierlichen Momente. Auf den großen ovalen Tisch im Wohnzimmer habe ich die weiße Tischdecke gebreitet, welche nur für Schabbat und Feiertage bestimmt ist. In der Mitte des Tisches habe ich zwei Kerzenständer vorbereitet, welche in der Familie meines Mannes von Generation zu Generation vererbt werden. Einen langen Weg haben sie schon hinter sich – irgendwann am Ende des 19. Jahrhunderts von Galizien nach Schottland und wieder nach Jahrzehnten in eine kleine Stadt in England, um endlich hier auf unserem Schabbattisch in Wien zu stehen. Auf dem Tisch steht schon alles an seinem Platz – die weißen Teller mit dem goldenen Rand und kleinen Blümchen, Silberbesteck, Weingläser. Der silberne Becher – für den Segensspruch über den Wein – und das Brett mit zwei Barches, bedeckt mit dem weißen goldbestickten Tuch, nehmen auf dem Tisch einen besonderen Platz ein. So wie auch die Kerzen. Mit dem Anzünden der Kerzen und dem Segen über Wein und Brot beginnt für uns – wie für so viele Juden auf der ganzen Welt – Schabbat. Der Tag der Ruhe. Aber auch der Tag der Gemeinsamkeit.

Mein Mann Henry kommt am Freitag immer früher aus der Fabrik nach Hause in unsere Wohnung, die sich in demselben Haus im dritten Stock befindet. Obwohl unter unseren Mitarbeitern nicht nur Juden sind, endet die Arbeitszeit am Freitag für alle um drei Uhr Nachmittags. Da unsere Fabrik nur Damenbekleidung produziert, beschäftigen wir eigentlich nur Frauen und ich kann verstehen, dass sie sich freuen, besonders am Freitag früher zu Hause zu sein. Im Gegenteil zu den nichtjüdischen Betrieben wird in unserer Fabrik am Samstag nicht gearbeitet. Deshalb wissen es auch unsere nichtjüdische Mitarbeiterinnen zu schätzen, dass sie mehr Zeit für ihre Familie haben.

Freitag Abend. Das Klopfen an der Tür. Unser Besuch ist da. Umarmen, Grüße und Wünsche. Auch unser rot getigerter Kater schmiegt sich an die Beine, um die Gäste zu begrüßen. Ich zünde die Kerzen an, mit den Händen vor den Augen sage ich den Segensspruch. Nachdem mein Mann über Wein und Barches den Segensspruch sagt und allen davon gibt, sitzen wir schon am Tisch. Esther trägt ihr neues Kleid mit dem eleganten roten Karo, was zu ihrem dunklen Haar sehr gut passt. Auch Max ist in seinem dunkelgrauen Anzug und dem weißen Hemd und Krawatte sehr elegant. Der kleine Schlomo sieht zwar im weißen Hemd mit Krawatte und der Weste wie eine Miniatur eines Erwachsenen aus, aber man trägt es halt am Schabbat. Auch wenn er sicher T-Shirt und Jeans lieber hätte … Jetzt kann das traditionelle Schabbatessen serviert werden. Als Vorspeise haben wir gefillte Fisch mit Barches. Mit dem Rote-Rüben-Kren schmeckt er am besten. Traditionell ist die Hühnersuppe, die danach folgt sowie Brathendl mit Reis und Gemüse. Knusprige, gut gewürzte Haut und weiches Fleisch zergehen auf der Zunge. Es dauert nicht lange, bis die Teller leer sind. Guter Wein und angenehme Gespräche sorgen für die gemütliche Atmosphäre. So bemerkt man überhaupt nicht, wie schnell die Zeit vergeht. Nach der Nachspeise verabschiedet sich Esther mit ihrer Familie und wir sind wieder allein.

Auch wenn es nach elf Uhr abends ist, spürt man im Haus, dass die Schabbatfeier in den anderen Haushalten noch nicht zu Ende geht. Kein Wunder. Unsere chassidischen Nachbarn feiern länger und lauter als wir. Eine andere Welt, diese Chassidim. Ihre Freude bringen sie mit viel Singen und Tanzen zum Ausdruck. Von außen gesehen wirkt diese andere Welt vielleicht fremd. Ja, schon die Kleider der Chassiden sind auffallend auf der Straße. Besonders am Schabbat, wenn man dem Mann im schwarzen knielangen Mantel aus Seidenstoff und mit dem breiten Gürtel begegnet, darunter sieht man aber keine Hose, nur weiße Kniestrümpfe in den schwarzen Halbschuhen. Auf dem Kopf trägt der bärtige Mann mit den Schläfenlocken einen Schtreimel, die typische Kopfbedeckung mit dem breiten Pelzrand. Eine Art von Uniform, um für die Umgebung fremd zu bleiben und sich davon zu distanzieren, aber für die „eigenen“ eine nicht mehr existierende Welt des galizischen Schtetls zu präsentieren. Unsere Wohnzimmerdecke bebt unter den Tanzenden, so wissen wir, dass auch ihre Feier bald zu Ende geht. Um Mitternacht herrscht dann im ganzen Haus eine beruhigende Stille.

Samstag Vormittag. Wieder so ein schöner sonniger Tag wie gestern. Heute klingelt kein Wecker. Es ist Schabbat, ein Ruhetag, ich habe es nicht eilig wie an den Werktagen. Langsam stehe ich auf, mache Frühstück und bereite mich vor, um in die Synagoge zu gehen. Die Synagoge – beth knesset – Haus der Versammlung. Hier treffen wir uns, um zu beten, hier treffen wir uns, um miteinander zusammen zu sein, hier treffen wir uns, um u

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Details

Seiten
94
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656821571
ISBN (Buch)
9783656821564
Dateigröße
707 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v282178
Note
Schlagworte
nicht opfer jüdische geschichten wien leopoldstadt

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Titel: Nicht nur die Opfer. Jüdische Geschichten aus Wien Leopoldstadt