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Jonglieren im Sportunterricht der Grundschule.

Unterrichtseinheit mit einer 3. Klasse.

Examensarbeit 2002 98 Seiten

Didaktik - Sport, Sportpädagogik

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Vorhaben

2 Jonglieren
2.1 Geschichte des Jonglierens
2.2 Jongliermaterialien
2.2.1 Bälle
2.2.2 Tücher
2.2.3 Ringe
2.2.4 Keulen
2.2.5 Teller
2.2.6 Diabolo
2.2.7 Devilstick
2.3 Jongliertechniken
2.3.1 Kaskade
2.3.2 Tellerdrehen
2.3.3 Diabolospiel
2.3.4 Devilstickjonglage
2.4 Zusammenfassung

3 Einordnung des Jonglierens in die Vorgaben für den Sportunterricht an Grundschulen
3.1 Jonglieren in den Rahmenrichtlinien für die Grundschule - Sport
3.2 Jonglieren in den Grundsätzen und Bestimmungen für den Schulsport
3.2.1 Die Aufteilung in Lern- und Erfahrungsfelder
3.2.2 Jonglieren - eine Bewegungskunst
3.2.3 Jonglieren im Lern- und Erfahrungsfeld „Turnen und Bewegungskünste“
3.3 Zusammenfassung

4 Jonglieren mit Kindern
4.1 Das Einstiegsalter
4.1.1 Entwicklung der koordinativen Fähigkeiten
4.1.2 Schlussfolgerung
4.2 Aspekte für das Jonglieren in der Grundschule
4.3 Zusammenfassung

5 Die Unterrichtseinheit
5.1 Ziele der Unterrichtseinheit
5.2 Rahmenbedingungen
5.2.1 Die Schule
5.2.2 Die Klasse
5.2.3 Übungszeiten
5.2.4 Der Übungsort
5.2.5 Die Materialien
5.3 Diskussion von Unterrichtsvorschlägen in der Literatur
5.4 Eigene Unterrichtsentwürfe
5.4.1 Montag - 1. Jonglierabschnitt
5.4.2 Mittwoch - 2. Jonglierabschnitt
5.4.3 Donnerstag - 3. Jonglierabschnitt
5.4.4 Montag - 4. Jonglierabschnitt
5.4.5 Donnerstag - 5. Jonglierabschnitt
5.4.6 Freitag - Der Auftritt
5.5 Resümee der Unterrichtseinheit

6 Abschlussbetrachtung

7 Impressionen

8 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Mit 13 Jahren entdeckte ich den Spaß am Jonglieren. In meiner Freizeit und in einer Schüler-Arbeitsgemeinschaft meines Gymnasiums erlernte ich die Grundlagen und die ersten Tricks, die ich später einige Male vor Kinder aufführte, z. B. im Kindergarten, in dem ich meinen Zivildienst leistete oder auf Kinderfesten, die vom Hochschulsport organisiert wurden. Im Rahmen dieser Feste bestand die Gelegenheit, Kindern im Alter von 3 bis 14 Jahren erste Einweisungen in die Anwendung einiger Jongliergeräte zu gegeben. Seit vier Semestern erteile ich Kurse im Rahmen des Hochschulsports für Studenten und ältere Schüler. Immer wieder bin ich überrascht, wie schnell Kinder die Grundlagen und sogar erste einfache Tricks erlernen und mit welcher Freude und Eifer sie dabei sind.

Da ich noch immer mit Freude selbst jongliere und schon einige Erfahrungen im Unterrichten des Jonglierens gesammelt habe, kam mir die Idee „Jonglieren mit Kindern“ zum Thema meiner Examensarbeit zu machen. Seit 1998 studiere ich für das Lehramt an Grund- und Hauptschulen an der Hochschule Vechta. Da ich mein hier gesammeltes Wissen über das Vermitteln von Fertigkeiten nutzen und vergrößern möchte, wird der Schwerpunkt dieser Arbeit auf dem Jonglieren mit Kindern in der Schule liegen.

Seit einiger Zeit wird das Jonglieren vereinzelt an Schulen angeboten. Es existieren Schulzirkus-Projekte und Jonglier-Arbeitsgemeinschaften wie zum Beispiel am Cato-Bontjes van Beek Gymnasium in Achim, das ich bis 1996 besuchte. Vereinzelt gibt es Lehrer, die das Jonglieren bereits im Sportunterricht eingesetzt haben (vgl. Ebert 2000, S.7).

Mit den 1998 erschienenen „Grundsätze[n] und Bestimmungen für den Schulsport“ des Niedersächsischen Kultusministeriums, in dem die Einteilung des Sportunterrichts in Lern- und Erfahrungsfelder gefordert wird, wurde dem Jonglieren der Einzug in die Lehrpläne der Schulen ermöglicht.

Der Bestand an deutschsprachiger Literatur die sich mit dem Thema Jonglieren befasst ist jedoch gering. Insbesondere existieren sehr wenige Bücher in denen sich die Autoren mit dem Jonglieren in der Schule im Speziellen beschäftigen.

In nur zwei der Bücher die in meiner Literaturliste aufgeführt sind, wird das Jonglieren mit Kindern behandelt. Dies ist zum einem „Jonglieren in der Schule“ (Ebert, 2000) und zum anderen „Kinder machen Zirkus“ (Kelber-Bretz, 2000).

Der Großteil der angeführten Bücher geht kaum über die Erläuterungen einiger Jongliertricks hinaus. Die allgemeinen Theorieteile mit Hintergrundinformationen zum Jonglieren sind oftmals knapp formuliert und befassen sich kaum mit den sportpädagogischen Hintergründen.

Da es kaum Literatur zur Durchführung einer Unterrichtseinheit mit dem Thema Jonglieren gibt, ist es notwendig eine solche Einheit beispielhaft zu entwickeln. Dazu möchte ich meine praktischen Erfahrungen einbringen und werde eine Unterrichtseinheit in acht Abschnitten erarbeiten und in einer vierten Klasse der Grundschule „Andernacher-Strasse“ in Bremen persönlich durchführen.

Eine Begründung für die Durchführung dieser Einheit ergibt sich aus den folgenden Betrachtungen.

1.1 Problemstellung

Die Lebenswelt von Kindern hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Kinder verbringen einen Großteil ihrer Zeit in geschlossenen Räumen, sei es in der Schule oder zu Hause.

Auf Grund der zunehmenden Verstädterung, wird der Lebensraum der Kinder immer kleiner. Es besteht für die Kinder immer weniger die Möglichkeit sich frei zu bewegen, da ständige Gefahren, wie der Straßenverkehr, und Regeln, wie Spielverbote auf bestimmten Plätzen, den zur Verfügung stehenden Bewegungsraum stark einschränken (vgl. Hildebrandt u. a. 1993, S. 5 ff.). Sie müssen sich immer weiter in geschützte Räume zurückziehen und grenzen sich so „gegenüber der natürlichen Umwelt und de[n] Handlungsorte[n] [...] andere[r] Altersgruppen“ aus (ebd., S. 6). Es besteht die „Entwicklungstendenz von der ‚Straßenkindheit’ zur ‚Verhäuslichung’“ (ebd.).

Hinzu kommt die steigende Mediatisierung der heutigen Lebenswelt. Erfahrungen werden immer weniger selbst aktiv erlebt, sondern werden sehr oft nur aus zweiter Hand durch die Medien bezogen. Dazu gehören auch die Bewegungserfahrungen der Kinder. Kinder erschließen ihre Umwelt also immer weniger handelnd sondern konsumieren sie zunehmend (vgl. Ramin 1997, S. 109).

Aus diesen Veränderungen der Kindheit resultieren Bewegungsdefizite, sowie gesundheitliche und motorische Störungen. Das Unfallrisiko für Kinder ist gestiegen, da sie „auf alltägliche Situationen nicht mehr angemessen reagieren können.’“ (Einladung zum Symposium der Deutschen Olympischen Gesellschaft 1995, zitiert nach: Ramin 1997, S. 109).

Aufgabe des Schulsports ist es, diesem Bewegungsdefizit entgegenzuwirken. Er muss einen Ausgleich für die bewegungsarme Freizeit der Kinder schaffen. Im Sportunterricht der Schulen soll den Kindern die Möglichkeit gegeben werden, ein eigenes Bewegungsleben zu gestalten und Bewegungssicherheit zu erwerben. Ihre Bewegungsfähigkeiten sollen erweitert und differenziert werden. So soll der Schulsport die Entwicklung im körperlichen, im sozialen, im emotionalen und im kognitiven Bereich fördern. Damit ist der Schulsport für die Persönlichkeitsentwicklung wichtig (vgl. Grundsätze und Bestimmungen für den Schulsport, S. 6).

Jonglieren stellt eine Möglichkeit dar, das Bewegungsrepertoire von Kindern zu erweitern. Durch das präzise Werfen und die nötige Koordination der Bewegungen werden die koordinativen Fähigkeiten gefördert (vgl. Finnigan 1988, S. 449). Dabei stellt Jonglieren eine völlig neue Form der Bewegung dar, die die meisten Kinder noch niemals ausprobiert haben. Es bietet ihnen also neue sinnliche Erfahrungsmöglichkeiten, die sie in ihrer Lebenswelt so noch nicht erlebt haben.

Das Interesse für Jonglieren ist besonders bei Kindern leicht zu wecken. Allein die bunten Materialien und das Zirkusflair üben einen hohen Reiz auf Kinder aus. Sie haben einen hohen Aufforderungscharakter, da sie optisch auffallend gestaltet und unempfindlich sind und so zum Ausprobieren einladen.

Vorteilhaft ist auch, das auf engem Raum jongliert werden kann. (vgl. Finnigan 1988, S. 450). Dies ermöglicht auch Kindern, denen wenig Wohnraum zur Verfügung steht, sich mit ihren Jongliergeräten jederzeit zu bewegen. Da die interessierten Kinder so auch zu Hause trainieren können, erhöht sich die Übungszeit um ein Vielfaches im Gegensatz zu anderen Sportarten, die nur ein Mal pro Woche in der Turnhalle der Schule durchgeführt werden. Durch die Möglichkeit dieser intensiven Auseinandersetzung mit den Jongliergeräten, werden schon sehr schnell Erfolge sichtbar. Jonglieren bringt daher schnelle Resultate bei der Koordinationsverbesserung von Kindern.

Jonglieren ist somit eine gute Möglichkeit, die motorische Entwicklung der Kinder zu fördern und soll im Sportunterricht der Schulen Einzug erhalten, (vgl. Grundsätze und Bestimmungen für den Schulsport, S. 19)

Um dies zu verdeutlichen und um ein Beispiel für die mögliche Durchführung einer Unterrichtseinheit mit dem Thema Jonglieren zu geben, schreibe ich diese Arbeit. Was den Leser genau in dieser Arbeit erwartet, wird im Folgenden angeführt.

1.2 Vorhaben

In dieser Arbeit wird zunächst im Kapitel 2 „Jonglieren“ ein allgemeiner Teil über das Jonglieren erfolgen. Hier wird dem Leser ein Einblick in die Geschichte des Jonglierens gegeben werden, sowie ein Überblick über die verschiedenen Jongliermaterialien und deren Handhabung. Dies wird dem Leser ein Grundwissen über das Jonglieren vermitteln, welches für das Verständnis meiner Arbeit notwendig ist.

Anschließend erläutere ich im Kapitel 3 „Einordnung des Jonglierens in die Vorgaben für den Sportunterricht an Grundschulen“ die Einordnung des Jonglierens in die Vorgaben für den Sportunterricht an Grundschulen. Hier wird gezeigt, dass das Jonglieren in der Schule eine rechtliche Grundlage besitzt.

Danach wird in Kapitel 4 „Jonglieren mit Kindern“ die Frage geklärt werden, ob das Jonglieren von Kindern der dritten und vierten Klassen ausgeübt werden kann und warum es in der Grundschule durchgeführt werden sollte. Abschließend erfolgt in Kapitel 5 „Die Unterrichtseinheit“ die Darstellung und Auswertung der durchgeführten Unterrichtseinheit.

Ich beginne mit dem allgemeinen Teil über das Jonglieren.

2 Jonglieren

In der Literatur findet man folgende Definitionen:

Jonglieren: „Gegenstände auf geschickte Weise werfen, halten, balancieren oder manipulieren“ (Finnigan 1988, S. 524).

Jonglage: „Das Produkt des Jonglierens“ (ebd.).

Jongleur: „Artist, der besonders im Werfen und Fangen verschiedener Gegenstände geübt ist.“ (Ebert 2000, S. 9).

Trick: „Ein Kunststück, eine Bewegung oder mehrere wiederholte Bewegungen, die durch Übung gelernt werden. Beim Jongliertrick werden Gegenstände so gehandhabt, dass ein Zuschauer zum Lachen oder Staunen gebracht wird.“ (Finnigan 1988, S. 528).

Dies sind sachliche Definitionen, die eine Grundvorstellung dessen, was beim Jonglieren getan wird, vermitteln. Jonglieren ist für mich aber noch weitaus mehr. Jonglieren ist nicht begrenzt. Das heißt, es existieren unendliche Möglichkeiten die Jongliergeräte zu benutzen. Das Jonglieren kann nie vollständig beherrscht werden. Selbst wenn der Jongleur das Gerät schon auf viele Arten werfen, halten, balancieren oder manipulieren kann, so gibt es immer noch unendliche Kombinationen dieser Fertigkeiten. Es gibt immer weitere Möglichkeiten für den Jongleur sein Können, sein Repertoire zu erweitern. Dies kann er tun indem er neue Tricks von anderen Jongleuren lernt, neue erfindet, oder alte Tricks in einer neuen Anordnung oder mit neuen Gegenständen kombiniert. Diese unbegrenzte Anzahl von Tricks und die Möglichkeit sie kreativ immer weiter zu vergrößern machen für mich das Wesen des Jonglierens aus.

Durch besondere Variationen heben sich die großen Jongleure der Geschichte ab, von denen nun einige genannt werden.

2.1 Geschichte des Jonglierens

Die Geschichte des Jonglierens geht sehr weit zurück. Bereits auf einer Zeichnung in einer altägyptischen Grabkammer kann man zwei jonglierende Frauen bewundern. Diese Zeichnung wird auf circa 2040 vor Christus datiert. Dies ist die älteste bekannte Abbildung eines Ballspiels (vgl. Baier u.a. 1989, S. 10).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Jonglierende Frauen circa 2040 vor Christus (aus: Baier u. a. 1989, S. 10)

In alten Schriften der Römer und Griechen, heißt es, dass „dem Jongleur eine Vorbildfunktion zukomme, da das Erlernen dieser Kunst dem Übenden eisernen Willen, Selbstdisziplin, Geduld und Ausdauer bescheinige.“ (ebd.).

Mit Beginn des Mittelalters wurden die Berichte über Jongleure, die mit immer neuen Gegenständen jonglierten zahlreicher. In dieser Zeit begannen die Jongleure Mitglieder des fahrenden Volkes zu werden. Waren Jongleure bislang nur Lokalmatadore, so wurden sie nun überregional bekannt und gelangten zu Geld. Die Jongleure, die bis dahin meist nur von Königen und anderen hochgestellten Persönlichkeiten bewundert wurden, kamen nun mit dem Volk in Kontakt. Die jonglierenden Gaukler waren von nun an fester Bestandteil der Jahrmärkte. Die „Kunst der fliegenden Bälle“ wurde immer beliebter und die Zahl der Jongleure stieg. Dabei entwickelte sich aber nicht nur Masse, sondern auch Qualität. Nach und nach traten einzelne Jongleure hervor, die durch ihr Können und ihre Variationen hervortraten (vgl. ebd., S. 10 ff.).

Beliebte Tricks wurden nach und nach verfeinert und die Jonglierkunst bildete sich als eine eigenständige Unterhaltungskunst heraus.

Da die Übungen mit steigendem Gefährlichkeitsgrad interessanter wurden, kamen auch schnell die Jongliervarianten mit Messern oder Fackeln dazu. Auch die sogenannten Kraftjongleure, die mit schweren Eisenkugeln oder Gewichten jonglierten und balancierten, erfreuten sich noch vor einigen Jahrzehnten großer Beliebtheit (vgl. Peter, 1992, S. 7).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Kraftjongleure (aus: Ziethen 1988, ABB 10, 11)

Ende des 18. Jahrhunderts wurde in England der Zirkus erfunden, so wie er heute noch bekannt ist. Damit entstand für Künstler die Möglichkeit, vor einem breiten Publikum aufzutreten und verhalf der Jonglierkunst zu größerer Verbreitung und Popularität (vgl. Baier u. a. 1989, S. 11).

Als der größte Jongleur aller Zeiten, wird der 1890 geborene Enrico Rastelli genannt. Trotz seiner Begabung, trainierte er fünf bis sechs Stunden täglich. Er gilt als der einzige Jongleur, der korrekt mit zehn Bällen oder acht Tellern jonglieren konnte. Diese hohe Anzahl konnte bis heute nicht übertroffen werden (vgl. ebd.).

Weiterhin gab es im 19. Jahrhundert eine Reihe von Jongleuren, die sich vor Allem durch ihren besonderen Stil abhoben.

So gab es Jongleure, die in Restaurants auftraten, mit den dort vorhandenen Gegenständen arbeiteten und so die Gäste unterhielten. Sie jonglierten mit Stühlen, Zeitungshaltern, Geschirr und Besteck. Oftmals traten diese Restaurantjongleure in Gruppen auf, was besondere Koordination und präzise Technik verlangte (vgl. Hitzeler u. a. 1988, S. 20).

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Abbildung 3: Restaurantjongleure (aus: Hitzeler u. a. 1988, S. 21)

Die „Jongleure zu Pferde“ führten Tricks mit allen Jonglierartikeln von Tellern bis zu brennenden Fackeln auf dem Rücken ihrer durch die Zirkusmanege galoppierenden Pferde stehend durch. Emile Aguimoff konnte sogar seine drei brennenden Fackeln gleichzeitig in die Luft werfen, einen Salto auf dem Rücken seines galoppierenden Pferdes machen, dann die Fackeln wieder auffangen und weiter jonglieren (vgl. Peter 1992, S. 7).

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Abbildung 4: Jongleure zu Pferde (aus: Hitzeler u. a. 1988, S. 15)

Eine weitere Gruppe bildete die Gruppe der Gentleman-Jongleure. Sie stachen nicht durch einen besonderen Schwierigkeitsgrad ihrer Übungen hervor sondern versuchten möglichst elegant bei ihren Darbietungen auszusehen. Sie jonglierten mit allem was “zum Mann von Welt gehörte”: Zylinder, Zigarren, Handschuhe, Spazierstöcke, Sektflaschen, Billardkugeln und Billiardkoes (vgl. Peter 1992, S. 8).

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Abbildung 5: Gentlemanjongleur (aus: Ziethen 1988, ABB 16)

Die „komischen Jongleure“, waren ebenfalls weniger für die Schwierigkeit ihrer Tricks berühmt als für die clowneske Art ihrer Aufführungen. Die Anzahl der verwendeten Jonglierrequisiten war bei ihren Auftritten meist nicht sehr groß. Dafür ließen sie die Zuschauer intensiver am “Kampf mit der Tücke des Objekts” (Peter 1992, S. 8) teilhaben. Auch der als Schauspieler bekannte Charlie Chaplin konnte sich zu dieser Gruppe zählen. Er trat zwar selten jonglierend auf, war aber der erste, der zeigte, wie während des Jonglierens ein Apfel verspeist werden kann (vgl. ebd.).

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Abbildung 6: Komischer Jongleur (aus: Hitzeler u. a. 1988, S. 27)

Dies ist ein grober Abriss der zeitlichen Entwicklung des “klassischen Jonglierens”, mit Bällen, Keulen und Ringen. Zur Kunst des Jonglierens gehören aber noch andere interessante Geräte.

In den fernöstlichen Traditionen besitzt die Jonglage einen hohen Stellenwert. Sie bildet zusammen mit der Artistik den Höhepunkt religiöser Feste. So ist es nicht verwunderlich, das die chinesische Jonglage eine hohen Standard besitzt und hier viele Geräte erfunden wurden, von denen man im Westen lange Zeit nichts hörte. Zu den bekanntesten gehört zum Einen der Diabolo (vgl. Kapitel 2.2.6 Diabolo), ein Kreisel, der sich frei auf einer zwischen zwei Handstöcken gespannten Schnur dreht und angetrieben wird, zum Anderen, der Devilstick (vgl. Kapitel 2.2.7 Devilstick), ein Holzstab, der zwischen zwei Handstöcken frei in der Luft hin und her pendelt (vgl. Baier u. a. 1989, S. 12).

Bis heute sind viele Variationen der Jonglage ausprobiert worden. Es wird mit allen erdenklichen Gegenständen jongliert. Es gibt Jongleure, die mit Badmintonschlägern, Banjos, Stühlen, Bumerangs, Hüten, Seifenblasen, Degen oder sogar mit laufenden Kettensägen (Dick Franco, Amerika) jonglieren können. Weiterhin gibt es Jongleure, die bis zu zwölf Ringe gleichzeitig in der Luft halten können (vgl. Baier u. a. 1989, S. 13).

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Abbildung 7: Abbildung 8:

(aus: Ziethen 1988, ABB 67) (aus: Hitzeler u. a. 1988, S. 25)

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Abbildung 9: Abbildung 10: Abbildung 11:

(aus: Hitzeler u. a. 1988, S. 29) (aus: Hitzeler u. a. 1988, S.19) (aus: Hitzeler u. a. 1988, S.31)

Somit sind also viele Jongleure besonders durch die von ihnen benutzten Geräte hervorgetreten. Viele der verwandten Geräte wurde dabei von den Jongleuren zweckentfremdet, um ihren Darbietungen Besonderheit zu verleihen. Die gängigen Jongliermaterialien, die speziell nur für das Jonglieren entwickelt wurden, werden im nächsten Abschnitt vorgestellt.

2.2 Jongliermaterialien

Es gibt mehrere unterschiedliche Jongliermaterialien von denen sich aber nicht alle für Anfänger eignen. Welche sich für einen Einstieg in das Jonglieren anbieten, soll im Folgenden betrachtet werden.

Bei der Anschaffung von Jongliergeräten sollte im Allgemeinen auf folgende Eigenschaften geachtet werden:

Sie sollen:„

- sich gut werfen und fangen lassen
- nicht wegrollen, wenn man sie fallen lässt
- niemandem weh tun
- robust und langlebig sein
- nicht sehr teuer sein
- schön aussehen
- helle Farben haben“ (Vosskühler 1994, S. 11).

Prinzipiell können die meisten Jongliergeräte selbst hergestellt werden. In fast allen Jonglierbüchern finden sich Anleitungen zur Herstellung von Bällen oder Jongliersäcken (z. B. Vosskühler 1994, S. 11 ff.) und zum Teil auch für Keulen und Ringe (z. B. Peter 1992, S. 12). Nach meinen Erfahrungen kann nur die Anfertigung von Jonglierbällen empfohlen werden. Dies ist einfach und die hergestellten Bälle lassen sich gut werfen und fangen. Der Bau der anderen Jonglierutensilien ist dagegen mit viel handwerklichem Geschick verbunden. Die Präzision und die damit zusammenhängende Jonglierbarkeit ist aber nicht vergleichbar mit der von gekauften Materialien. Das liegt unter Anderem an der Schwierigkeit mehrere identische Keulen oder Ringe anzufertigen. Keulen mit verschiedenem Gewicht, Länge oder Form oder gar eiernde Ringe zu jonglieren ist schwer und wird einen Anfänger völlig entmutigen. Unterschiedliche, nicht voraussehbaren Flugbahnen der Gegenstände machen ein Jonglieren nahezu unmöglich. Außerdem sind solche herumfliegenden harten Holzgegenstände gefährlicher als die leichten Plastikutensilien aus dem Jongliergeschäft. Leider sind die gekauften Jonglierartikel oft sehr kostspielig.

Im einzelnen gibt es folgende, gängige Jongliermaterialien, deren Handhabung auch in den meisten Jonglierbüchern beschrieben wird.

2.2.1 Bälle

Jonglierbälle sind das älteste (vgl. Kapitel 2.1) und wohl bekannteste Jongliergerät. Die Jonglierbälle stammen aus Japan, „die dort traditionell mit Reis gefüllt werden“ (Peter 1992, S. 10).

Es wird zwischen den weichen, gefüllten Beanbags aus Stoff oder Leder und den festen, hohlen Stageballs aus Kunststoff oder ähnlichem unterschieden (vgl. Ebert 2000, S. 14).

Für Anfänger sind Beanbags geeignet, da sie beim Herunterfallen liegen bleiben und nicht wegspringen. Für einen Auftritt oder für Demonstrationen vor einer Gruppe sind allerdings Stageballs besser, da sie meist hellere Farben besitzen und somit besser zu sehen sind.

Beanbags haben einen Durchmesser von 60 bis 65 mm und ein Gewicht von circa 140 Gramm.

Stageballs sollten einen Durchmesser von 65 mm, 80 mm oder 110 mm haben und 110 bis 150 Gramm schwer sein (vgl. ebd.).

Auf diese Unterscheidung soll der Einfachheit halber im Folgenden verzichtet werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 11, 12: Jonglierbälle

Jonglierbälle lassen sich ohne viel Aufwand selbst herstellen. Dies ist auch mit Schülern problemlos möglich. Wichtig dabei ist, dass sie ein gewisses Gewicht haben, damit sie gut in die Hand fallen und nicht sofort wieder heraus springen. Sie können auf verschiedene Arten selbst hergestellt werden. Die ersten zwei Methoden die ich vorstelle, wurden mir in Jongliertreffs beigebracht, daher kann ich hier keine Quelle angeben.

Bei der einfachsten Methode wird in einen alten Tennisball ein circa ein Zentimeter langer Schlitz gestochen. Wird der Ball nun zusammengedrückt, so vergrößert sich das Loch und es kann ein Trichter eingeführt werden, durch den der Ball mit Sand, Reis oder Ähnlichem gefüllt wird. Dabei muss der Tennisball restlos gefüllt werden. Das Loch wird dann mit festem Klebeband verschlossen. Die hergestellten Bälle haben nun das nötige Gewicht um gut in der Hand zu liegen. Sie rollen allerdings beim Herunterfallen weg und die Beschaffung von jeweils drei Tennisbällen für die Kinder einer ganzen Klasse kann Probleme bereiten und Geld kosten.

Aus Luftballons, Frühstücksbeuteln und Sand lassen sich kostengünstigere gute Jonglierbälle herstellen. Dazu füllt man in den Frühstücksbeutel etwas Sand, so dass er angenehm in der Hand liegt. Bei der Durchführung mit Kindern, müssen die Bälle entsprechen der Handgröße kleiner angefertigt werden. Das Sandsäckchen wird zugedreht und in einen Luftballon gedrückt, von dem der Hals abgeschnitten wurde. Über den so entstandenen Ball wird ein weiterer Luftballon ohne Hals gestülpt, um das Loch am Hals des ersten Luftballons zu verschließen. Es muss darauf geachtet werden, dass die Bälle gleich groß werden. Nach dieser Methode können Kinder ihre Bälle selbst herstellen. Diese Jonglierbälle haben den Vorteil, dass sie nach dem Aufprall liegen bleiben.

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Abbildung 13: Ballonbälle

Nach einfachen Schnittmustern können auch professionelle Jonglierbälle aus Stoff oder Leder genäht werden. Die Kanten werden miteinander vernäht, doch bleibt ein Spalt offen, damit man das Säckchen umkrempeln kann. Mit Hilfe eines Trichters wird das Säckchen nun restlos gefüllt. Abschließend wird das Loch zugenäht (vgl. Vosskühler 1994, S.11 ff.).

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Abbildung 14: Schnittmuster (aus: Vosskühler 1994, S. 13)

2.2.2 Tücher

Jongliertücher sind häufig neonfarben und aus sehr leichtem Nylonstoff. Sie sollten circa 70 mal 70 cm groß sein. Tücherjonglage wird in vielen Büchern als Einstiegsmethode in das Jonglieren beschrieben. Dafür spricht die Eigenschaft der Tücher, da sie sehr langsam herabschweben und dem Jonglierenden viel Zeit lassen, seine nächste Bewegung einzuleiten (vgl. Ebert 2000, S. 13). Große Nachteile sind nach meinen Erfahrungen, das ständige Verheddern der fliegenden Tücher und die ruckartigen, reißenden und krallenden Bewegungen, die kaum Ähnlichkeit mit der gleichmäßigen, werfenden und fangenden Jonglage mit Bällen, Ringen und Keulen hat.

Tücher eignen sich gut um die Flugbahn der Gegenstände bei der Kaskade (vgl. Kapitel 2.3.1 Kaskade), der Jongliergrundform, zu verdeutlichen und nachzuvollziehen.

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Abbildung 15: Jongliertücher

2.2.3 Ringe

Jonglierringe haben einen Durchmesser von 26 cm und sind aus Kunststoff. Sie sind etwas schwerer zu jonglieren als Bälle, da sie beim Werfen noch zusätzlich in Drehung gebracht werden müssen, „damit sie beim Flug eine stabile Position haben. Allerdings kann man sie auch gut höher werfen als Bälle.“ (Peter 1992, S. 51). Mit Ringen sollte erst jongliert werden, wenn man die Grundform mit drei Bällen sicher beherrscht, da die genaue Dosierung der Drehung eine zusätzliche Schwierigkeit darstellt (vgl. ebd.). Jonglage mit Ringen ist sehr publikumswirksam, da die Ringe größer und damit besser sichtbar sind. Auch die hohe Flugbahn wirkt beeindruckender. Ein Problem beim Erlernen der Ringjonglage besteht allerdings darin, dass die Ringe sehr hart sind und somit ein leichtes Verletzungsrisiko besteht. Es sollte also darauf geachtet werden, dass sich im Umkreis von einigen Metern keine Personen oder zerbrechliche Gegenstände befinden (vgl. Ebert 2000, S. 15).

Beim Kauf von Ringen sollte auf Qualität geachtet werden, da kostengünstige Ringe oft schon nach einigen Aufschlägen auf dem Hallenboden zerbrechen (vgl. Baier u.a. 1989, S. 32). Nach meinen Erfahrungen ist es empfehlenswert, mit Ringen im Freien über Rasen zu jonglieren. Hier hat man genügend Platz, keine Beschränkung der Wurfhöhe und die Ringe fallen sehr weich. In der Halle kann die Unterlage einer Bodenmatte dazu dienen, die Ringe zu schonen.

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Abbildung 16: Jonglierringe

2.2.4 Keulen

Jonglierkeulen haben einen schmalen Griff und einen breiten Rumpf. Sie sind meist mit bunter Klebefolie dekoriert und oben und unten mit einem Gummistück vor Aufschlägen geschützt. Sie sind circa 48 bis 53 cm lang und 200 bis 300 Gramm schwer (vgl. Ebert 2000, S. 15). Keulen sind eines der teuersten Jongliergeräte. Ein gutes Set mit drei Keulen kostet circa 120 DM.

Die Keulenjonglage ist am publikumswirksamsten und gilt auch bei erfahrenen Jongleuren als die höchste Form des Jonglierens. Daraus lässt sich aber auch auf den hohen Schwierigkeitsgrad schließen. Die Keulen müssen wie die Ringe in Drehung versetzt werden, zusätzlich muss die Drehung derart dosiert werden, dass der Griff mit der auffangenden Hand zu greifen ist. Zudem sind Keulen hart und es besteht wiederum erhöhte Bruchgefahr. Keulenjonglage ist nur für Fortgeschrittene zu empfehlen (vgl. Baier u. a. 1989, S. 43).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 17: Jonglierkeulen

2.2.5 Teller

Jonglierteller sind ideal für Anfänger. Hier wird ein speziell geformter Kunststoffteller auf einem angespitztem Stab zum Drehen gebracht. Die nötige Technik ist schnell zu erlernen (vgl. Ebert 2000, S. 13). Die Tricks mit den Tellern sind meist akrobatische Übungen des Jongleurs, während ein drehender Teller balanciert wird. Der Teller kann auch hochgeworfen und dann mit dem Stab wieder aufgefangen werden. Dies ist auch mit einem Partner im Wechsel möglich.

Der Stab auf dem sich der Teller dreht, kann auch auf Kinn, Nase, Hand oder Fußspitze aufrecht balanciert werden (vgl. Finnigan 1988, S. 381 ff.). Jonglierteller sind recht kostengünstig und stabil. Der Stab ist circa 60 cm lang und ein Jonglierteller hat einen Durchmesser von 24 cm (vgl. Ebert 2000, S. 13). Er besitzt an der Unterseite einen Rand, der für das Andrehen wichtig ist. Zur Mitte hin läuft der Teller an der Unterseite spitz nach oben hin zu, so dass ein ruhigstehender Stab unter dem drehenden Teller zwangsweise in die Mitte läuft.

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Abbildung 18, 19: Jonglierteller

2.2.6 Diabolo

Das „Diabolo (griechisch: dia = quer, bolo = werfen) [ist ein] [t]raditioneller chinesischer Jongliergegenstand.“ (Ebert 2000, S. 14). Es handelt sich dabei um einen Kreisel, der aus zwei Halbschalen besteht, die durch eine Achse miteinander verbunden sind. Er wird auf eine Schnur gesetzt, die zwischen zwei Stöcken gespannt ist. Die Grundfertigkeiten und die ersten Tricks sind recht schnell erlernbar. Das Diabolo ist daher ein ideales Anfängergerät.

Die Halbschalen des Diabolos sind aus weichem Kunststoff, die Achse besteht aus Metall. Es gibt sehr kleine Diabolos, die aber nicht für Tricks geeignet sind, da sie zu leicht von der Schnur hüpfen.

Gute Diabolos sind 250 oder 310 Gramm schwer (vgl. Ebert 2000, S. 14) und kosten circa 60 DM. Die Stöcke sollten 50 cm lang sein und eine Schnurlänge besitzen, die der Armspannweite des Übenden entspricht (vgl. Peter 1992, S. 13).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 20, 21: Diabolo

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Details

Seiten
98
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638300704
ISBN (Buch)
9783638702737
Dateigröße
1.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v28224
Institution / Hochschule
Universität Vechta; früher Hochschule Vechta – Sport
Note
Gut
Schlagworte
Jonglieren Kindern Grundschule Examensarbeit Selbstwertgefühl steigern Didaktik Methodik Schule Schüler Äquilibristik

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Titel: Jonglieren im Sportunterricht der Grundschule.