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Der Kaiserkult des letzten Herrschers der iulisch-claudischen Dynastie

Ein Gegensatz von normgerechtem Verhalten und Größenwahn

Hausarbeit (Hauptseminar) 2012 25 Seiten

Geschichte - Weltgeschichte - Frühgeschichte, Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Kaiserkult in Theorie und Praxis

3. Provinzialkulte des Nero

4. Der Kaiserkult Neros in Rom

5. Die kultische Verehrung der kaiserlichen Familie

6. Verehrung und Verachtung nach dem Tod

7. Fazit

8. Bibliografie

9. Anhang

1. Einleitung

Der letzte Herrscher der iulisch- claudischen Dynastie, Nero, gehört bis in unsere heutige Zeit wohl zu den bekanntesten Kaisern des römischen Prinzipats und wird immer wieder mit dem negativ verklärten Bild eines Tyrannen in Verbindung gebracht.

Der Nachfolger des Claudius wurde 50 n. Chr. von diesem durch das Bestreben der Agrippina, der Mutter Neros,1 adoptiert und trat nach dessen Tod die Nachfolge am 13. Oktober 54 n. Chr. an.2 Nero wurde besonders durch die Erziehung des Senecas zu einem Philhellenen. In diesem Zusammenhang begeistere er sich gleichsam auch für die Künste und die Musik. Dieses Interesse lebte er in großem Umfang aus, was ihm im Verlauf seiner Herrschaft immer wieder enorme Kritik durch den Senat bescherte. Die Regierungsweise Neros trug vor allem absolutistische Züge. Das grausame Verhalten gegenüber dem Senat und seiner eigenen Familie am Ende seiner Regierungszeit löste immer wieder Aufstände der Führungsschicht aus, welche 68 n. Chr. auf Grund des Aufruhrs des C. Iulius Vindex zur Absetzung mit anschließendem Selbstmord des Kaisers führten.3

Im Zusammenhang mit dieser tyrannentypologischen Darstellung des Nero steht in der vorliegenden Untersuchung die Betrachtung des Kultes um den Kaiser im Vordergrund. Die Funktion des Kaiserkultes entwickelte sich vom Beginn des Prinzipats bis hin zu Nero als wichtiger Bestandteil der römischen Religion mit gleichsam großer politischer Bedeutung. Auf Grund seines „Tyrannenstatus“ stellt Nero4 eine Besonderheit in der Betrachtung des Kaiserkultes dar und liefert nicht nur die üblich ritualisierten Kulte. Diese entwickelten sich zwar auch im Verlauf weiter, boten aber nicht diese Fülle an Abnormitäten.

Folgend wird es wichtig zu sehen sein, in wie fern der Kaiserkult sich bis hin zu Nero als Grundlage der Herrschaftslegitimation etabliert hatte. Wie setzte der Kaiser dies in seiner Kultpolitik um? Beeinflusste Neros absolutistische Politik gleichsam den Kaiserkult?

Vor diesem Hintergrund beschäftigt sich die vorliegende Untersuchung in einem ersten Kapitel zunächst mit den Grundzügen und der Entwicklung des Kaiserkultes, um eine Grundlage für die Betrachtung zu schaffen. Anschließend stehen in den beiden folgenden Abschnitten Unterschiede von den Provinzen und Rom selbst im Focus. Inwiefern war zur Zeit Neros der östliche Herrscherkult prägend für den Kult in Rom und versuchte Nero Kulte aus dem östlichen Raum auf die Hauptstadt zu übertragen?

Anschließend soll die Betrachtung des Kaiserkultes in Bezug auf die kaiserliche Familie einen Einblick auf die absolutistische Regierung in Verbindung mit Kulthandlungen Neros geben. In einem abschließenden Kapitel wird die Verklärung des Kaisers nach seinem Tod betrachtet, wobei das konträre Verhältnis von Senat und Volk im Mittelpunkt steht.

Als Grundlagenquellen für die vorliegende Untersuchung dienen zum Einen die Annalen des Tacitus und zum Anderen die Kaiserbiografien des Sueton. Beide antiken Autoren nehmen das Bild des Tyrannen in ihrer Darstellung auf und dienen somit der Verklärung Neros. Jedoch sind sie als Quellen unerlässlich, da beide eine ausführliche, überblickende Darstellung zum Leben und zur Regierungszeit Neros liefern. Dennoch steht im Focus ihrer Betrachtung nicht der Kaiserkult selbst. Er findet seine Erwähnung im Zusammenhang mit historisch aufgeführten Ereignissen. Auch weitere Quellen, welche für diese Untersuchung verwendet wurden, wie der Panegyricus des jüngeren Plinius und Cassius Dio, zeigen ein negativ gezeichnetes Bild Neros.

In der Sekundärliteratur ist keine Einzelbetrachtung zu diesem Thema zu finden. Dennoch ist es im Großen und Ganzen gut aufgearbeitet und findet sich in zahlreichen Darstellungen wieder.5

2. Der Kaiserkult in Theorie und Praxis

Um einen Kaiserkult genau zu definieren, ist es zunächst notwendig, diesen von einer üblichen Kaiserverehrung abzugrenzen. Letztere lässt sich auf Ehrungen zurückführen, welchen Menschen zuteil wurden, die sich besonders verdient gemacht hatten. Im Gegensatz hierzu ist der Kaiserkult eine kultische Verehrung, welche den Göttern vorbehalten war.6

Desweiteren ist eine Abgrenzung von Kaiserkult und Götterkult notwendig. Ein Kult beschreibt das Verhalten von Menschen gegenüber Gottheiten.7 Der Herrscherkult ist also als eine Art Untergruppierung des Götterkultes zu betrachten, da es um die Verehrung einer einst lebenden Gottheit geht. Gottheiten garantieren den Menschen Wohlergehen und Zusammenhalt. Der pater patriae war aus damaligem Blickwinkel zum Schutz der Menschen bestimmt. Diese Sicherheiten konnten durch die Verehrung als Gott weiter ausgebaut werden.8

In Rom selbst gab es nie einen offiziellen, staatlichen Kult für den lebenden Kaiser. Dies lässt sich auf Augustus zurückführen, der selbst göttliche Ehrungen zu seinen Lebzeiten ablehnte.9 Jedoch erhielt das numen, der göttliche Wille und die Kraft, und auch der genius, die persönliche Schutzgottheit des Kaisers, einen staatlich sanktionierten Kult.10

Im Unterschied zur kultischen Verehrung des Kaisers in Rom steht diese im Kontrast zum praktizierten Kaiserkult in den Provinzen.

„Eine Gottheit Roma war als Band zu wenig um das Reich zusammenzuhalten. Es war vielmehr der Herrscherkult, der die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen verband.“11

Besonders in den östlichen Provinzen war ein enormer Unterschied evident. Letztendlich ging die Initiative der Entwicklung durch die dort ansässigen Griechen aus, welche schon Jahrhunderte zuvor einen Herrscherkult etabliert hatten und somit nun Einfluss nahmen auf die römische Religion. Augustus gestattete eine Institutionalisierung seiner göttlichen Verehrung ab den Jahren 30/29 v. Chr. und etablierte somit einen provinzialen Kaiserkult.12 Desweiteren lassen sich auch nichtoffizielle Kulte ausmachen. Zum Einen sind munizipiale Kulte zu nennen, welche in der Verantwortung der Städte stand. Zum Anderen lassen sich auch Kulte im Bereich der individuellen Sphäre finden.13

Der Provinzialkult des Ostens nach dem Modell des Augustus bildete die Grundlage für die Einrichtung eines Kaiserkultes im Westen mit dem eindeutigen Ziel, lokale Eliten an den Kaiser zu binden und zu befrieden.14

„Der Zweck der Einrichtung dieser Kulte ist eindeutig: Sie sollten allgemein der Romanisierung und der Zivilisierung der Provinzen dienen und im besonderen die Loyalität gegenüber dem Kaiser und Rom festigen durch Herstellung persönlicher Bindungen des mit dem Priestertum und Landtagsvorsitz betrauten einheimischen Adels.“15

Hierbei standen ältere Provinzen, welche schon lange unter römischer Herrschaft standen, zunächst zurück. Erst unter Vespasian wurden auch in diesen Provinzialkulte eingeführt.16

Der Kaiser wurde von vielen schon zu Lebzeiten als Gott betrachtet und wie ein solcher verehrt. Durch die Zahl an Wohltaten, die ein Kaiser ausübte, folgten Institutionalisierungen des Dankes. Öffentlich wurde dies, ausgenommen von verschiedenen Provinzialkulten, aber erst durch Senatsbeschluss nach dessen Tod.

Hierbei ist eine Unterscheidung von Konsekration und Divinisierung erforderlich. So ist eine consecratio ursprünglich als rechtsgültige, öffentliche Überweisung einer Sache aus dem Bereich des menschlichen in den des göttlichen Rechts zu sehen. Erst später wird sie zur Bezeichnung als Aufnahme neuer Gottheiten in die Reihe der Staatsgötter. Die Divinisierung steht in Abgrenzung als Beschluss des Senats zur Konsekration. Hierbei wurde der Titel der Staatsgottheit verliehen, welcher die betreffende Person aber nicht zu dieser machte.17 Eine Konsekration, welche meist durch den nachfolgenden Kaiser vorgenommen wurde, konnte nicht ohne Senatsbeschluss erfolgen.

Im historischen Verlauf entwickelten sich Divinisierung und Konsekration zu einer selbstverständlichen Ehrung eines verstorbenen Kaisers, wobei dieser als gleichberechtigter Gott betrachtet wurde.18 Durch den Beschluss zur Divinisierung wurde lediglich die Göttlichkeit des Princeps bestätigt, welche er durch sein Verhalten zu Lebzeiten bewiesen hatte.19 Der Senat wurde somit zum politischen Totengericht, welches über die moralische Beschaffenheit und Status des Verstorbenen richtete.

Durch die postume Divinisierung gestaltete sich das Leben des Princeps zu einem schwebenden Verfahren, in dem er den Beweis seiner Göttlichkeit erbringen musste.

Göttliche Ehrungen zu Lebzeiten des Kaisers sind aus Sicht der Führungsschicht sozusagen als eine Art Vorschusslorbeeren betrachtet worden. Die Differenz zwischen Volk und Senat wurde besonders im Falle einer damnatio memoriae 20 deutlich.

Der Kaiserkult ist folglich als Mittel der gesteigerten Kontrolle einer übermenschlichen Machtfülle anzusehen, dem gleichzeitig eine integrative, politisch- religiöse Rolle zukam. Die Göttlichkeit wurde funktionalisiert, wobei gleichzeitig individuelle Erwartungen an den Kaiser formuliert werden konnten.

3. Provinzialkulte des Nero

Für Nero lassen sich kaum Kulte auf provinzialer Ebene nachweisen. Witulski führt dies auf den nachlassenden Enthusiasmus der provinzialen Herrscherverehrung zurück, welche zu Beginn des Principats durch Augustus ausgelöst wurde.21 Folglich konnte Nero das von seinen Vorgängern hervorgerufene Niveau nicht erreichen.22

Dennoch gibt es zahlreiche Belege für eine Verehrung im Bereich der munizipalen und privaten Ebene, aber auch für einen provinzialen Kult, in der Provinz Ägypten. Schon seit seiner Jugend zeigte Nero, vermutlich durch seine Erziehung geprägt, ein großes Interesse für das alte Pharaonenland am Nil.23

So gab es während seiner Herrschaft immer wieder Beispiele von alexandrinischen Einflüssen. Dementsprechend kam es zu einer Orientierung an alexandrinischen Palästen als Vorbild für Neros domus aurea.24 Zum Teil wird dies in der Forschung für den Vorbildcharakter des ptolemäischen Königtums für Neros Herrschaft interpretiert. Eine Verbindung mit ideellen Vorstellungen ist jedoch nicht zwingend.

Schon kurz nach dem Herrschaftsantritt Neros kam es zu gebührenden Ehrungen in Alexandria. Von der Verkündung des Regierungspräfekten Alexandrias ist folgendes überliefert:

[...]


1 Claudius heiratete die Agrippina, die Mutter Neros, ein Jahr zuvor. Vgl. Malitz, Jürgen: Nero. München 1999. S. 122.

2 Vgl. zu den biografischen Daten ebd. S. 122.

3 Vgl. ebd. S. 123.

4 Gelichzeitig mit anderen Kaisern wie Caligula, Domitian oder Commodus.

5 An dieser Stelle sind vor allem Taeger, Fritz: Charisma. Studien zur Geschichte des antiken Herrscherkults. Bd. 2. Dillingen/ Donau. 1960. und Clauss, Manfred: Kaiser und Gott. Herrscherkult im römischen Reich. Leipzig 2001. zu nennen. Auch Witulski, Thomas: Kaiserkult in Kleinasien. Die Entwicklung der kultisch- religiösen Kaiserverehrung in der römischen Provinz Asia von Augustus bis Antoninus Pius. Göttingen 2007. und Pfeiffer, Stefan: Der römische Kaiser und das Land am Nil. Kaiserverehrung und Kaiserkult in Alexandria und Ägypten von Augustus bis Caracalla (30 v.Chr.- 217 n.Chr.). Stuttgart 2010. geben einen guten Überblick über den Kaiserkult Neros in den Provinzen.

6 Wesentliche Merkmale für einen Kaiserkult sind folgende: geweihte Tempel und Altäre für den Kaiser und seine Familie, die Einrichtung einer Priesterschaft, Kulthandlungen und Rituale, Gleichsetzung des Kaisers mit Gottheiten, Teilung von Kulten mit anderen Göttern. Vgl. Pfeiffer, Der römische Kaiser, S. 19. und Clauss, Kaiser und Gott, S. 36.

7 Vgl. ebd. S. 469.

8 Vgl. ebd. S. 470.

9 Vgl. Cass. Dio. 51.20.8.

10 Vgl. Pfeiffer, Der römische Kaiser, S. 20.

11 Clauss, Manfred, Kaiser und Gott, S. 473.

12 Vgl. Cass. Dio. 51.20.6.

13 Vgl. Pfeiffer, Der römische Kaiser, S. 25.

14 Vgl. ebd. S. 26.

15 Wlosok, Antonie: Römischer Kaiserkult. University of Michigan 1978. S. 47.

16 Pfeiffer, Der römische Kaiser, S. 26.

17 Vgl. Clauss, Kaiser und Gott, S. 357.ff.

18 Vgl. Peppel, Matthias: Gott oder Mensch? Kaiserverehrung und Herrschaftskontrolle. In: Cancik, Hubert / Hitzl, Conrad (Hrsg.): Die Praxis der Herrscherverehrung in Rom und seinen Provinzen. Tübingen 2003. S. 69- 95. S. 71.

19 Vgl. ebd. S. 73.

20 Der Kaiser wurde postum zum Staatsfeind erklärt. Sein Name wurde aus allen verfügbaren Inschriften getilgt und auch kultische Praxen musste eingestellt werden. Vgl. ebd. S. 76.

21 Vgl. Witulski, Kaiserkult in Kleinasien, S. 50.

22 Ausgenommen ist an dieser Stelle Claudius, für welchen ähnlich wie für Nero provinziale Kulte nur in einem geringen Umfang nachgewiesen werden können. Vgl. ebd. S. 46.ff.

23 Vgl. Pfeiffer, Der römische Kaiser, S. 88.

24 Kaiserpalast Neros Vgl. ebd. S. 89.

Details

Seiten
25
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656769927
ISBN (Buch)
9783656769934
Dateigröße
880 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v282508
Institution / Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig
Note
1,3
Schlagworte
kaiserkult herrschers dynastie gegensatz verhalten größenwahn

Autor

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