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Sprachlosigkeit bei Mehrsprachigkeit. Selektiver Mutismus bei Kindern mit Migrationshintergrund

Bachelorarbeit 2014 80 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung
1. 1. Zielsetzung
1. 2. Aufbau der Arbeit

2. Begriff „Selektiver Mutismus“ und „Zweisprachigkeit“

3. Definition, Klassifikation und Diagnostik
3. 1. Klassifikation und Diagnostische Kriterien nach dem ICD-10
3. 2. Klassifikation und Diagnostische Kriterien nach dem DSM-V
3. 2. 1. Diagnostische Merkmale nach dem DSM-V
3. 2. 2. Zugehörige Merkmale und Störungen
3. 2. 3. Kulturelle diagnostische Merkmale
3. 2. 4. Differentialdiagnose
3. 3. Diagnostische Erhebung
3. 3. 1. Exploration des Kindes
3. 3. 2. Untersuchungsablauf

4. Epidemiologie und Prävalenz

5. Mutismusarten

6. Komorbidität, Risikofaktoren und Ätiologie
6. 1. Komorbidität bei Mehrsprachigkeit und Migrationshintergrund
6. 2. Risikofaktoren und Ätiologie
6. 2. 1. Biologische Prädisposition
6. 2. 2. Sprachliches Überforderungsverhalten
6. 2. 3. Risikofaktor Mehrsprachigkeit und Migrationshintergrund
6. 2. 4. Innerfamiliäre Lernerfahrungen
6. 2. 5. Außerfamiliäre Lernerfahrungen

7. Störungsverlauf
7. 1. Funktionelle Konsequenzen des Selektiven Mutismus
7. 2. Sprachentwicklung und Sprechverhalten

8. Andere Gründe für das Schweigen eines Kindes
8. 1. Abgrenzung zum Autismus
8. 2. Abgrenzung zur Sprechangst
8. 3. Abgrenzung zur ausgeprägten Schüchternheit
8. 4. Abgrenzung zur Spracherwerbsstörung
8. 5. Abgrenzung zu Sprachstörungen und Stottern
8. 6. Abgrenzung zum Schweigen in emotional schwierigen Situationen
8. 7. Abgrenzung zum Schweigen in der fremden Sprache
8. 8. Abgrenzung zum Reaktiven Schweigen

9. Therapiemöglichkeiten
9. 1. Kognitiv-behaviorale Mutismustherapie
9. 2. Therapeutischer Ansatz von Katz-Bernstein
9. 3. Umgang mit einem selektiv mutistischen Kind im Kindergarten
9. 4. Umgang mit einem selektiv mutistischen Kind in der Schule

10. Soziale Arbeit und Selektiver Mutismus

11. Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

„Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“ (o. V.)

Eine alte Redewendung besagt, dass reden Silber und Schweigen Gold ist. Da Gold wertvoller ist als Silber, ist nach dieser Redensart Schweigen wertvoller als Reden. In manchen Lebenslagen mag das stimmen, aber das beharrliche Schweigen eines Kindes in verschiedenen Situationen ist häufig für alle Beteiligten sehr belastend. Dabei ist aber selbst das Schweigen eine Art der Kommunikation. Denn wie Watzlawick (2007) erklärt, kann man nicht nicht kommunizieren. Das Schweigen hat genauso einen Mitteilungscharakter wie Worte, da auch das Schweigen andere Personen beeinflusst (Watzlawick, et al., 2007, S. 51). Das Kind teilt seinem Gegenüber durch sein eisernes Schweigen ebenfalls etwas mit. Es ist ein Versuch Anforderungen des Lebens zu bewältigen (Katz-Bernstein, 2005, S. 60; Smits & Lütje-Klose, 2008, S. 21; Baldus, 2013, S. 10 f. und S. 289). Mehrsprachigkeit, emotional schwierige Situationen, Ängste, eine neue Umgebung oder eine Sprachstörung sind nur einige Anforderungen mit denen ein Kind lernen muss umzugehen (Garbani Ballnik, 2009, S. 13 ff.; Bahr, 2012, S. 47 ff.).

1. 1. Zielsetzung

Die Motivation, in dieser Arbeit den Selektiven Mutismus bei Kindern mit Migrationshintergrund zu untersuchen, rührt daher, dass ich selbst zweisprachig aufgewachsen bin. In meinem Umfeld habe ich einige zweisprachige Personen, die aus verschiedensten Gründen vermeiden ihre Muttersprache zu sprechen. Dabei war es ein Ziel aufzudecken, ob die Sprachlosigkeit von mehrsprachigen Kindern andere Gründe als den Selektiven Mutismus haben kann und ob sogar die Diagnose „Selektiver Mutismus“ zu voreilig getroffen wird.

Bereits seit vielen Jahren wird vermutet, dass Selektiver Mutismus bei Kindern mit Migrationshintergrund häufiger vorkommt und die Mehrsprachigkeit einen höheren Risikofaktor darstellt (Elizur & Perednik, 2003, S. 1451 ff.; Smits & Lütje-Klose, 2008, S. 20 ff.; Katz-Bernstein & Subellok, 2009, S. 313; Katz-Bernstein & Wyler- Sidler, 2012, 16 ff.). Dies möchte ich in dieser Arbeit genauer betrachten und herausfinden, ob der Selektive Mutismus tatsächlich häufiger bei Kindern mit Migrationshintergrund bzw. mehrsprachigen Kindern vorkommt. Dabei interessieren mich auch die Gründe, weshalb der Selektive Mutismus bei Kindern mit Migrationshintergrund häufiger auftreten könnte.

Die Begrenzung auf die Kindheit hat den Grund, dass die Störung häufig im Kindesalter eintritt und selten bis ins Jugendlichen- oder gar Erwachsenenalter anhält.

1. 2. Aufbau der Arbeit

Die vorliegende Arbeit ist eine reine Literaturarbeit, dabei kamen vorwiegend wissenschaftliche Fachzeitschriften zum Einsatz. Denn Selektiver Mutismus bei Kindern mit Migrationshintergrund ist ein sehr junges Thema, zu dem es noch nicht allzu viel Literatur gibt.

Die Arbeit ist in elf Kapitel gegliedert. Im nachfolgenden Kapitel erkläre ich die Begriffe „Selektiver Mutismus“ und „Zweisprachigkeit“. Im dritten Kapitel wird die Störung definiert und die Klassifikation sowie die Diagnostik nach dem ICD-10 und DSM-V (aus dem Englischen übersetzt) dargestellt (DSM-V, 2013; DIMDI, 2014). In diesem Kapitel wird auch die diagnostische Erhebung beschrieben, die ein frühzeitiges Erkennen eines Selektiven Mutismus ermöglichen soll. In Kapitel vier werden die Epidemiologie und die Prävalenz der Störung im Allgemeinen, sowie bei mehrsprachigen Kindern aufgezeigt. Grundlage hierfür waren unter anderem die Studien von Elizur und Perednik (aus dem Englischen übersetzt) und Starke und Subellok (Elizur & Perednik, 2003; Starke & Subellok, 2012). Beide Studien untersuchten den Selektiven Mutismus bei mehrsprachigen Kindern mit Migrationshintergrund. Im fünften Kapitel werden die verschiedenen Arten des Mutismus aufgezeigt. In Kapitel sechs werden komorbid auftretende Störungen und Risikofaktoren sowie die Ätiologie des Selektiven Mutismus beschrieben. Auch hier wird auf die Mehrsprachigkeit und den Migrationshintergrund eingegangen und erklärt, weshalb der Selektive Mutismus bei Kindern mit Migrationshintergrund häufiger auftreten könnte. Unter Kapitel sieben werden der Verlauf und die funktionellen Konsequenzen der Störung sowie die Sprachentwicklung und das Sprechverhalten eines selektiv mutistischen Kindes dargelegt. In Kapitel acht werden andere Gründe und Störungen, die bei einem Kind zum Schweigen führen können, dargestellt. In Kapitel neun werden dann einige Therapiemöglichkeiten aufgezeigt und beschrieben, wie man in einem Kindergarten und in der Schule mit dem Auftreten einer solchen Störung umgehen kann. Im zehnten Kapitel beschreibe ich die Aufgabe der Sozialen Arbeit im Bezug zum Selektiven Mutismus und was die Soziale Arbeit erreichen kann. Ein persönliches Fazit rundet die Arbeit ab.

2. Begriff „Selektiver Mutismus“ und „Zweisprachigkeit“

Das Wort „Mutismus“ stammt vom lateinischen Wort „mutus“ ab und bedeutet Schweigen (Katz-Bernstein, 2005, S. S. 20). Das erste Mal wurde das Störungsbild des beharrlichen Schweigens mit dem Ausdruck „aphasia voluntaria“, was so viel wie „freiwilliger Sprachverlust“ bedeutet, 1877 von Kussmaul erwähnt (Kussmaul, 1877 zit. n. Melfsen & Warnke, 2009, S. 556). Im Jahr 1893 schrieb Gutzmann von der „freiwilligen Stummheit“ (Gutzmann, 1893, zit. n. Melfsen & Warnke, 2009. S. 556). Den Begriff „elektiver Mutismus“ erwähnte Tramer im Jahr 1934 das erste Mal (Tramer, 1934 zit. n. Melfsen & Warnke, 2009, S. 556). Aktuell hat sich die Bezeichnung „Selektiver Mutismus“ durchgesetzt, denn dieser suggeriert im Gegensatz zum Begriff „elektiver Mutismus“ nicht, dass das Kind eine freiwillige Wahl trifft und sich bewusst für das Schweigen entscheidet. Der Begriff „selektiv“ bedeutet „ausgewählt“ und nimmt Bezug auf die bestimmten ausgewählten Situationen in denen und Personen mit denen das Kind nicht spricht (Bahr, 2012, S. 14 f.).

Im ICD-10 findet man die Störung unter dem Ausdruck „elektiver Mutismus“ (Melfsen & Warnke, 2009, S. 556) und im DSM-V unter der Bezeichnung „Selektiver Mutismus“ (DSM-V, 2013, S. 195). In der Fachliteratur liest man auch häufiger die Abkürzung „SM“ oder verkürzt einfach nur „Mutismus“ (Elizur & Perednik, 2003; Starke & Subellok, 2012). Der Begriff „Mutismus“ wird benutzt, um die Sprachlosigkeit oder das Verstummen eines Menschen zu beschreiben (Garbani Ballnik, 2009, S. 13). In der vorliegenden Arbeit wird der Begriff „Selektiver Mutismus“ benutzen. Steht eine der anderen Schreibformen oder Begriffe da, dann ist dies aus der Literatur entnommen und eine Änderung wäre unpassend gewesen. In der gesamten Arbeit wird aufgrund der besseren Lesbarkeit die männliche Sprachform verwendet, die stellvertretend für beide Geschlechter steht und nicht als Wertung zu verstehen ist.

Der Begriff der Zweisprachigkeit ist bislang nicht einheitlich in der Fachliteratur bestimmt worden. Es finden sich ungenaue und sogar widersprüchliche Definitionen. In dieser Arbeit bezieht sich der Begriff der Zweisprachigkeit vor allem auf Kinder, die in einem bilingualen Umfeld aufwachsen und daher zwei Sprachen sprechen können. Also eine binationale Familie durch Mischehe oder eine Familie mit Migrationshintergrund. Wobei das Kind von Geburt an mit beiden Sprachen aufwachsen kann oder die zweite Sprache erst mit dem Eintritt in die Kindertagesstätte erlernen kann (Nauwerck, 2005, S. 42). Natürlich sind auch Kinder, die mit ihren Eltern neu nach Deutschland immigriert sind und somit das erste Mal mit einer deutschsprachigen Bildungseinrichtung in Kontakt kommen gemeint. Dies ist zurzeit ein aktuelles Thema, da viele bulgarische Familien nach Deutschland einwandern. Häufig können weder die Eltern noch die Kinder Deutsch sprechen.

Ein mehrsprachiges Kind kann nur in der Erstsprache (Muttersprache; (Kielhöfer & Jonekeit, 1998, S. 70)), nur in der Zweitsprache (Umgebungssprache; (List, 2007, S. 42; Garbani Ballnik, 2009, S. 33 f.; Baldus, 2013, S. 12) oder in beiden Sprachen schweigen.

3. Definition, Klassifikation und Diagnostik

Selektiver Mutismus ist ein dauerhaftes Schweigen in bestimmten Situationen, die dem Kind fremd sind, z.B. im Kindergarten, in der Schule und gegenüber bestimmten Personen. Dies betrifft meistens alle Personen, die nicht zum engsten Familienkreis gehören. Das Kind verfügt jedoch über die Fähigkeit mit einigen vertrauten Personen in einem vertrauten Umfeld zu sprechen (Bahr, 2012, S. 14).

3. 1. Klassifikation und Diagnostische Kriterien nach dem ICD-10

F94.0 Elektiver Mutismus

„Dieser ist durch eine deutliche, emotional bedingte Selektivität des

Sprechens charakterisiert, so dass das Kind in einigen Situationen spricht, in anderen definierbaren Situationen jedoch nicht. Diese Störung ist üblicherweise mit besonderen Persönlichkeitsmerkmalen wie Sozialangst, Rückzug, Empfindsamkeit oder Widerstand verbunden.

Dazugehöriger Begriff: selektiver Mutismus

Differentialdiagnose:

Passagerer Mutismus als Teil einer Störung mit Trennungsangst bei jungen Kindern (F93.0)

Schizophrenie (F20.-)

Tiefgreifende Entwicklungsstörungen (F84.-)

Umschriebene Entwicklungsstörungen des Sprechens und der Sprache (F80.-)“ (DIMDI, 2014)

In der Literatur (bis ca. 2009) findet man teilweise noch eine ältere, etwas ausführlichere Definition des ICD-10 zum elektiven Mutismus. Dort fand man noch die Sätze: „Meistens tritt die Störung erstmals in der frühen Kindheit auf.“ und „Typischerweise spricht das Kind zu Hause oder mit engen Freunden, ist jedoch in der Schule oder bei Fremden mutistisch.“ (Katz-Bernstein, 2005, S. 22 f.; Melfsen & Warnke, 2009, S. 556).

Im ICD-10 ist der selektive Mutismus den Störungen der sozialen Funktionen mit Beginn in der Kindheit und Jugend zugeordnet. Allerdings findet man in der aktuellen Literatur zu Störungsbildern in der Kindheit den Selektiven Mutismus in der Gruppe der Sozialen Phobien und der Angststörungen. Jedoch ist diese Zuordnung, aufgrund der aktuellen internationalen Forschungen zum Selektiven Mutismus, noch nicht gesichert. Auch in den „Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie“ wurden 2012 alle Angaben zum Selektiven Mutismus neu überarbeitet (Katz-Bernstein & Wyler-Sidler, 2012, S. 16 f.). Melfsen und Warnke (2009) vertreten die Ansicht, dass die Klassifizierung des Selektiven Mutismus als Soziale Phobie nicht richtig ist. Im Unterschied zum Selektiven Mutismus ist der Störungsbeginn der Sozialen Phobie wesentlich später (9-11 Jahre). Bei Kindern mit einer Sozialen Phobie können auch vertraute Personen von der Sprechblockade betroffen sein und im Gegensatz zur Sozialen Phobie wird der Selektive Mutismus häufig spontan überwunden. Die Soziale Phobie scheint eher eine häufig auftretende komorbide Störung des Selektiven Mutismus zu sein (Melfsen & Warnke, 2009, S. 562).

3. 2. Klassifikation und Diagnostische Kriterien nach dem DSM-V

DSM-V selektiver Mutismus

„A. Andauernde Unfähigkeit, in bestimmten Situationen zu sprechen, in denen das Sprechen erwartet wird (z.B. in der Schule), wobei in anderen Situationen normale Sprechfähigkeit besteht.
B. Die Störung behindert die schulischen oder beruflichen Leistungen oder die soziale Kommunikation.
C. Die Störung dauert mindestens einen Monat (und ist nicht auf den ersten Monat nach Schulbeginn beschränkt).
D. Die Unfähigkeit zu sprechen ist nicht durch fehlende Kenntnisse der gesprochenen Sprache bedingt, die in der sozialen Situation benötigt werden, oder dadurch, dass der Betroffene sich in dieser Sprache nicht wohl fühlt.
E. Die Störung kann nicht besser durch eine Kommunikationsstörung (z.B. Stottern) erklärt werden und tritt nicht ausschließlich im Verlauf einer tiefgreifenden Entwicklungsstörung, Schizophrenie oder einer anderen psychotischen Störung auf.“ (DSM-V, 2013, S. 195)

Die Diagnosekriterien des DSM-V sind ausführlicher als die des ICD-10. Der Aspekt der Einschränkungen der beruflichen und schulischen Leistungen wird eingebunden. Außerdem ist es festgelegt, dass die Störung mindestens einen Monat lang anhalten sollte. Damit kann man ausschließen, dass das Kind vorübergehend, lediglich in der Eingewöhnungsphase, nicht spricht (Katz-Bernstein, 2005, S. 62; DSM-V, 2013, S. 195 ff.).

3. 2. 1. Diagnostische Merkmale nach dem DSM-V

Bei Begegnungen mit anderen Personen in sozialen Interaktionen fangen Kinder mit Selektivem Mutismus das Gespräch nicht an oder sie antworten nicht, wenn sie von anderen angesprochen werden. Sprechmängel treten in sozialen Interaktionen mit Kindern und Erwachsenen auf. Kinder mit Selektivem Mutismus sprechen in ihrem Zuhause in der Gegenwart von engen Familienangehörigen, aber häufig nicht vor engen Freunden oder Verwandten zweiten Grades, wie z. B. Großeltern oder Cousins. Diese Störung ist oft gekennzeichnet durch eine hohe soziale Angst. Kinder mit Selektivem Mutismus lehnen es häufig ab in der Schule zu sprechen. Dies ist auf schulische oder pädagogische Beeinträchtigungen (z. B. finden es Lehrer häufig schwierig Fähigkeiten, wie beispielsweise das Lesen zu bewerten) zurückzuführen. Die Sprechmängel können die soziale Kommunikation beeinträchtigen, obwohl Kinder mit dieser Störung manchmal nonverbale Mittel benutzen (z. B. Grunzen, Aufzeigen, Schreiben), um zu kommunizieren. Vielleicht sind sie bereit oder wollen sogar unbedingt in sozialen Begegnungen, in denen Sprechen nicht nötig ist (z. B. nonverbale Rollen in Schulaufführungen), auftreten oder sich beteiligen (DSM-V, 2013, S. 195).

3. 2. 2. Zugehörige Merkmale und Störungen

Nach dem DSM-V (2013) sind folgende Merkmale und Störungen zum Selektiven Mutismus zugehörig: übermäßige Schüchternheit, soziale Isolierung und sozialer Rückzug, Angst vor Befangenheit in sozialen Situationen, Anhänglichkeit, Negativismus, zwanghafte Verhaltensweisen, Wutanfälle oder kontrollierende und oppositionelle Verhaltensweisen. Obwohl Kinder mit dieser Störung im Allgemeinen normale Sprechfähigkeiten haben, kann jedoch gelegentlich auch eine begleitende Kommunikationsstörung auftreten, wenngleich keine besondere Verbindung mit einer spezifischen Kommunikationsstörung identifiziert wurde. Selbst wenn diese Störungen vorhanden sind, bestehen ebenfalls Ängste. Im klinischen Rahmen erhalten Kinder mit Selektivem Mutismus fast immer die Diagnose einer weiteren Angststörung, am häufigsten eine soziale Angststörung (Soziale Phobie; (DSM-V, 2013, S. 196)).

3. 2. 3. Kulturelle diagnostische Merkmale

Im DSM-V (2013) wird auch auf kulturelle Merkmale, die für die Diagnose relevant sind, eingegangen. Kinder aus Familien, die in ein Land immigriert sind, in dem eine andere Sprache gesprochen wird, können sich aufgrund der mangelhaften Sprachkenntnisse weigern, die neue Sprache zu sprechen. Besteht die Ablehnung zu sprechen weiterhin, obwohl die Verständigung in der neuen Sprache adäquat ist, kann eine Diagnose zu einem Selektiven Mutismus gerechtfertigt sein (DSM-V, 2013, S. 196).

Das Ausschlusskriterium, dass das Kind nicht spricht, weil es sich in der Sprache nicht wohl fühlt, ist für die weitere Ausarbeitung sehr interessant (DSM-V, 2013, S. 195 ff.). Denn es kommt bei zweisprachigen Kindern häufig vor, dass sie sich in einer der Sprachen aus verschiedenen Gründen nicht wohl fühlen. Mehrsprachigkeit kann ein Risikofaktor für die Entstehung eines Selektiven Mutismus sein (Katz-Bernstein, 2005, S. 63 f.). Hierauf wird unter dem Punkt 6.2.3. genauer eingegangen.

3. 2. 4. Differentialdiagnose

Im DSM-V (2013) werden folgende Diagnosen vom Selektiven Mutismus differenziert:

Kommunikationsstörungen

Der Selektive Mutismus sollte von Sprachstörungen unterschieden werden, die besser durch eine Kommunikationsstörung erklärt werden können, wie z. B. die Expressive Sprachstörung, Phonologische Störung, Kombinierte Rezeptive-Expressive Sprachstörung oder Stottern. Im Unterschied zum Selektiven Mutismus ist die Sprachstörung nicht auf eine spezifische Situation beschränkt (DSM-V, 2013, S. 197).

Entwicklungsstörungen und Schizophrenie und andere Psychotische Störungen

Personen mit autistischen Störungen, einer schweren Geistigen Behinderung, Schizophrenie oder anderen Psychotischen Störungen können Probleme in der sozialen Kommunikation haben und unfähig sein in sozialen Situationen angemessen zu sprechen. Dagegen sollte der Selektive Mutismus nur diagnostiziert werden, wenn das Kind die Sprechfähigkeit in einigen sozialen Situationen (z. B. üblicherweise zu Hause) schon erreicht hat (ebenda).

Soziale Angststörung (Soziale Phobie)

Mit der sozialen Angst und dem sozialen Vermeidungsverhalten bei der Sozialen Phobie kann ein Selektiver Mutismus einhergehen. In diesen Fällen sollten beide Diagnosen gestellt werden (ebenda).

3. 3. Diagnostische Erhebung

Da das kommunikative und psychosoziale Verhalten von selektiv mutistischen Kindern in Abhängigkeit von den Situationen gravierende Unterschiede aufzeigt, wird häufig eine rechtzeitige Erkennung des Störungsbildes erschwert. Da das Kind innerhalb der Familie häufig sehr gesprächig ist, können die Eltern kaum Rückschlüsse auf ein mutistisches Verhalten in anderen Situationen ziehen. Die Verhaltensweisen, die das Kind zu Hause zeigt stimmen häufig nicht mit dem mutistischen Verhalten überein. Daher wird das mutistische Verhalten häufig von vielen Eltern bagatellisiert oder sogar ignoriert (Katz-Bernstein, 2005, S. 61; Melfsen & Warnke, 2009, S. 562 f.). Häufig sind die Eltern überrascht, wenn sie das schweigende Verhalten ihres Kindes das erste Mal beobachten. Beim Spätmutismus im Schulalter ist es den Eltern häufig bekannt, dass ihr Kind einen Selektiven Mutismus hat, im Gegensatz zum Frühmutismus im Vorschulalter. Das liegt daran, dass sich die Störung beim Spätmutismus häufig bereits eindeutig gezeigt hat und es gravierendere Folgen für die Entwicklung des Kindes hatte (Katz-Bernstein, 2005, S. 64). Meistens fällt es dem Erzieher im Kindergarten bzw. in der Vorschuleinrichtung auf, dass das Kind über eine längere Zeit hinweg nicht spricht. Dieser Abschnitt soll Beobachtungskriterien aufzeigen, die es Fachleuten ermöglicht mit einer gewissen Sicherheit ein selektiv mutistisches Kind zu identifizieren (Katz-Bernstein, 2005, S. 60 ff.).

Bei vielen Kindern ist das Verhalten an einem fremden Ort, vor allem in einer Kindergruppe, zurückhaltend, beobachtend und/ oder scheu (Katz-Bernstein, 2005, S. 60). Katz-Bernstein erklärt, dass dies zu einem ganz gewöhnlichen Bewältigungsverhalten gehört, da sich das Kind in einem Übergang zwischen „Umweltausschnitten“ befindet (Bronfenbrenner, 1980 zit. n. Katz-Bernstein, 2005, S. 60). Das Kind muss zunächst einmal seinen Platz in der neuen Gruppe finden und die Umgangsformen, Kommunikationsrituale und Regeln der Umwelt kennen lernen (Katz-Bernstein, 2005, S. 60). Die Autorin zählt drei Arten von mutistischen Verhaltensweisen auf, die die Kinder in den meisten Fällen aufweisen:

1. Die Kinder schweigen und haben ein allgemein gehemmtes, zurückgezogenes Verhalten.
2. Die Kinder verhalten sich relativ normal, sprechen jedoch nicht. Sie meiden die Lautsprache und das laute Sprechen, wobei häufig eine Bereitschaft zum gestikulierenden Kommunizieren vorhanden ist.
3. Die Kinder haben ein feindseliges, abwehrendes und aggressives Verhalten und schweigen hartnäckig und fast schon „demonstrativ“ (Katz-Bernstein, 2005, S. 61 ff.).

Diese Verhaltensweisen sind häufig nicht voneinander zu trennen und können als Mischtypen auftreten oder sind temporär und situativ bedingt. Auch die Neigung zur Vermeidung von Körpergeräuschen, wie beispielsweise Husten, Niesen oder Räuspern kann stark schwanken (ebenda). Zeigt das Kind eine der drei Verhaltensweisen in Verbindung mit dem Schweigen und hat es in der neuen Umgebung länger als drei Monate kein Wort von sich gegeben oder hat die pädagogische/ therapeutische Fachkraft die Stimme des Kindes nicht einmal gehört, dann sind genügend Merkmale vorhanden, um ein mutistisches Verhalten zu vermuten. Dabei sind zwei weitere Zeichen zu beachten. Einmal, ob das Kind in seinem Verhalten fixiert ist und zweitens, ob es keine weitere Entwicklung ausführt, um eine Vertrautheit zu erreichen, die zum Sprechen führen könnte (ebenda).

In der Regel zeigt sich der Selektive Mutismus während eines Übergangs aus einem vertrauten, intimen Ort in einen neuen sozialen Kontext. Wie bereits erwähnt ist es ein normales Verhalten, wenn Kinder im Kindergarten oder in der Schule in den ersten Monaten mit Schüchternheit und Schweigen reagieren (ebenda). Die Fremdheit der Situation legt sich in der Regel mit den Erfahrungen, des Gesehen-Werdens, Angesprochen-Werdens, der Beachtung durch die pädagogische Bezugsperson, die Teilhabe an Spielen, Projekten und Handlungen in Kombination mit der Bestätigung der eigenen Beiträge. Beim Kind wächst das Vertrauen, die unterschiedlichen sozialen Anforderungen einordnen, meistern und verstehen zu können. Das Kind sollte genauer beobachtet werden, wenn das Schweigen länger als drei Monate anhält (ebenda).

3. 3. 1. Exploration des Kindes

Die Exploration des Kindes ist sehr bedeutend. Dabei ist der Einsatz von schriftlichen und nonverbalen Methoden sinnvoll. Die Beobachtung des Verhaltens während der Exploration ist sehr wichtig. Dabei ist darauf zu achten, welche Körpergesten (z. B. Nicken, Blickkontakt, Lächeln), Hinweisverhaltensweisen (z .B. Hinweis durch Kopfbewegungen oder Hinblicken) sowie Körpergeräusche (z. B. Lachen oder Husten) das mutistische Kind aufweist (Melfsen & Warnke, 2009, S. 563).

Katz-Bernstein hat, in erster Linie für den Kindergarten und die Schule, eine Beobachtungs-Checkliste erstellt, die zur ersten Feststellung eines Selektiven Mutismus dient. Es sollte eine fachliche Diagnostik vorgenommen werden, wenn drei oder mehr der folgenden Fragen mit „Nein“ beantwortet werden müssen (KatzBernstein, 2005, S. 62 ff.).

Zeigt das Kind ein allgemein unbeschwertes Verhalten?

Befindet sich das Kind noch in einer Eingewöhnungsphase an die Abläufe?

Sind Situationen auszumachen, in denen das Kind sich eher wohl und entspannt fühlt, z .B. wenn es alleine oder mit einzelnen Kindern spielt, sich unbeobachtet weiß?

Nimmt das Kind Anteil am Geschehen? Lacht es mit, macht es sonstige Körpergeräusche?

Gibt das Kind Lautmalereien beim Spielen von sich z. B. „brrr“ beim

Autofahren, schnalzen, wenn mit einem Pferd gespielt wird, „Peng“, wenn geschossen wird, Fauchen beim Spiel mit Tigerfiguren?

Kommuniziert es nonverbal? Wenn ja, mit wem und in welchen Situationen? Sind vielleicht nur ritualisierte Situationen wie Morgenkreis oder Frontalunterricht mit Meldepflicht betroffen?

Ist eine Entwicklung und Entspannung seit dem Anfang auszumachen?

Es kann ebenfalls von einem Selektiven Mutismus ausgegangen werden, wenn mehrere der folgenden, typischen Verhaltensweisen für den Mutismus bzw. Selektiven Mutismus mit „Ja“ beantwortet werden (ebenda).

Das Schweigen dauert über sechs Monate an.

Es zeigt sich keine Entwicklung Richtung Sprechen.

Das Schweigen zeigt sich als systematisch und wirkt „eisern“.

Beim Ansprechen senkt das Kind den Kopf und/ oder erstarrt.

Das Kind zeigt ein ritualisiertes Verhalten zur Etablierung des Schweigens. Es wird z. B. stellvertretend ein sprechendes Kind aus der Gruppe organisiert oder ein Zeichensystem für die Verständigung entwickelt.

Das Kind schweigt auch im Spiel mit einzelnen Kindern, in informellen Situationen und im versunkenen Spiel.

Es sind sonstige Verhaltensauffälligkeiten, soziale Risikofaktoren, Behinderungen und/ oder Störungen zu beobachten.

Die Berichte der Eltern zeigen eine Diskrepanz zwischen den Verhaltensweisen zu Hause und dem Verhalten in der Einrichtung (z. B. redet das Kind zu Hause „ganz normal“ oder „wie ein Wasserfall“, ist ganz frech und aufsässig). (ebenda)

3. 3. 2. Untersuchungsablauf

Es müssen andere mögliche Gründe für das Schweigen ausgeschlossen werden. Ein psychopathologischer Befund sollte erhoben werden, um psychotische Symptome, z.

B. einen Stupor, auszuschließen. Um eine periphere oder zentralbedingte Hörstörung auszuschließen, sollte eine medizinische, genauer eine HNO-ärztliche Untersuchung, erfolgen. Durch eine neurologische Untersuchung sollten motorische Entwicklungsverzögerungen ausgeschlossen werden. Um eine geistige Behinderung auszuschließen, sollte ein sprachfreier Intelligenztest durchgeführt werden (Melfsen & Warnke, 2009, S. 563 f.).

Die Eltern sollten zum Ausmaß, sozialen Kontext, Verlauf, Beginn und zur Dauer des mutistischen Verhaltens befragt werden. Die Fragen sollten auch die früheren Trennungsängste, Verhaltens- und Kontaktprobleme, sowie die Sprachentwicklung des Kindes, die motorische, kognitive und soziale Entwicklung betreffen. Weiterhin sollte in Erfahrung gebracht werden, welche kommunikativen Hilfsmittel das Kind benutzt und wie die Bezugspersonen auf das mutistische Verhalten des Kindes reagieren (ebenda). Häufig erkennen die Eltern ihr Kind kaum wieder, sind ratlos und reagieren verlegen. Dabei ist es nicht selten, dass sie das Kind ermahnen, zum Sprechen drängen und anderweitige erzieherische Maßnahmen ergreifen (Katz- Bernstein, 2005, S. 64). Das Spektrum der möglichen Reaktionen umfasst unter anderem auch das Lächerlich machen des Kindes vor anderen Personen, Bestrafung durch Liebesentzug, körperliche Bestrafung, Ablehnung oder vermehrte Zuwendung und Schutzbedürfnis, indem z. B. für das Kind geantwortet wird. Außerdem sollte erfasst werden, ob im letzten halben Jahr vor Beginn der Störung ein kritisches Lebensereignis geschehen ist (Melfsen & Warnke, 2009, S. 563 f.). Ferner sollten die Eltern zu ihren eigenen Ängsten und möglichen mutistischen Verhaltensweisen und Sprach- oder Sprechstörungen befragt werden. Es ist auch interessant mit welchen Bewältigungsstrategien die Eltern auf angsterzeugende Situationen reagieren. Weitere Fragen sollten klären, ob die Eltern eine andere Sprache sprechen oder einen starken Dialekt haben und ob die Familie sozial isoliert lebt (ebenda). Des Weiteren sollten die Eltern und das Kind nach ihren Therapieerwartungen und ihrer Bereitschaft zur Mitarbeit befragt werden. Es ist zu klären, inwieweit sich die Eltern und vor allem das Kind durch den Mutismus eingeschränkt fühlen oder belastet werden (ebenda).

Pädagogische Fachkräfte können feststellen, in welchem Maß das Schweigen die gesamte soziale und sprachliche Entwicklung des Kindes beeinträchtigt (Katz- Bernstein, 2005, S. 64). Deshalb sollten die Erzieher und Pädagogen im Kindergarten und in der Schule zu einigen Punkten befragt werden (Melfsen & Warnke, 2009, S. 563 f.). In Erfahrung gebracht werden sollte die Integration des Kindes in die Gruppe, die Ressourcen des Kindes, das Störungskonzept, die belastenden Bedingungen im Kindergarten bzw. in der Schule und die Bereitschaft der Erzieher, sowie Pädagogen zur aktiven Mitarbeit im therapeutischen Prozess (ebenda).

Schließlich sollte eine ausführliche Sprachdiagnostik, z. B. mittels Sprachtests, erstellt werden um die rezeptive und expressive Sprache, sowie die Artikulation zu klären. Die Eltern sollten Sprechproben des Kindes, die auf Tonband aufgenommen wurden, zur Verfügung stellen. Hat das Kind einen Migrationshintergrund sollte der Stand des Erst- und Zweitspracherwerbs ermittelt werden (ebenda). Dabei sollte zwischen einem (Selektiven) Mutismus und dem Schweigen aufgrund der Nicht-Beherrschung der Sprache wegen einer Migration oder dem Schweigen aufgrund einer starken kognitiven Beeinträchtigung (Unfähigkeit das Sprachsystem anzuwenden) unterschieden werden. Allerdings gestaltet sich die Unterscheidung eines „reinen“ Mutismus von einem Mutismus, der das Resultat von sprachlichen Erschwerungen infolge einer Zweisprachigkeit ist, in der Praxis sehr schwierig. Jedoch sind in beiden Fällen die Entwicklungsbehinderung und die Auswirkungen identisch. Häufig sind Erschwerungen in der Sprachentwicklung und im Spracherwerb aufgrund einer Mehrsprachigkeit eines Kindes ein größerer Risikofaktor für die Entwicklung eines Mutismus, als bisher gedacht (Katz-Bernstein, 2005, S. 63 f.).

4. Epidemiologie und Prävalenz

Die veröffentlichten Angaben zu der Häufigkeit des Selektiven Mutismus schwanken mit einer Prävalenzrate von etwa 0,7% (Bergman et al., 2002 zit. n. Starke & Subellok, 2012, S. 64; Elizur & Perednik, 2003, S. 1455) bis zu 2,6% (Starke & Subellok, 2012, S. 71) sehr. Selektiver Mutismus ist eine relativ seltene Störung und wurde daher auch nicht als eine diagnostische Kategorie in epidemiologischen Studien über die Prävalenz von Störungen in der Kindheit aufgenommen. Die Punktprävalenz bei verschiedenen Stichproben in Kliniken und Schulen schwanken zwischen 0,03% und 1% abhängig vom Umfeld (Klinik, Schule, allgemeine Bevölkerung) und dem Alter der Personen in der Stichprobe (DSM-V, 2013, S. 196).

Starke und Subellok (2012) nahmen an, dass die Dunkelziffer der Kinder mit Selektivem Mutismus wesentlich höher sei, als die bisherigen Untersuchungen und Studien zeigten. Aufgrund seiner Seltenheit und Unscheinbarkeit werde der Selektive Mutismus häufig als eine ausgeprägte Form der Schüchternheit interpretiert (Starke & Subellok, 2012, S. 64). Da Kinder mit SM eher selten im Unterricht stören würden, würden sie auch weniger Aufmerksamkeit auf sich ziehen, weshalb der SM häufig länger unentdeckt bliebe (Starke & Subellok, 2012, S. 73). Durch eine Befragungsstudie an Grund- und Förderschulen in Nordrhein-Westfalen wollten sie die Zahl der Kinder mit der Diagnose SM und dem Verdacht auf SM bemessen. Dazu entwickelten sie einen Ad-hoc-Fragebogen anhand der DSM-IV Kriterien, der an die Lehrkräfte gerichtet war (Starke & Subellok, 2012, S. 66 f.). Der Verdacht beruhte auf dem Urteil der Lehrkräfte und ihren Einschätzungen, wobei sie eine theoretische Einführung in das Störungsbild SM erhielten. Die Einführung ging insbesondere auf die Unterschiede zwischen SM und Schüchternheit ein. Damit wollten Starke und Subellock das Risiko einer Übergeneralisierung mutismusspezifischer Verhaltensweisen auf schüchterne Kinder klein halten (Starke & Subellok, 2012, S. 68 ff.). Die Lehrkräfte schätzten das Verhalten von 207 Schülern als überwiegend schweigend und zurückhaltend ein, dies wies mit großer Wahrscheinlichkeit auf das Vorliegen eines SM hin. Bei insgesamt 7917 betrachteten Kindern macht das einen Anteil von 2,6% aus. Dies bestätigt die Annahme, dass es eine hohe Dunkelziffer gibt und die Zahl der Kinder, die einen SM haben, wesentlich höher ist als bisherige Studien zeigten. Bei 119 der 7917 Kinder lag eine Diagnose für einen SM vor und bei 99 Kindern lag ein Verdacht für einen SM vor (Starke & Subellok, 2012, S. 70 ff.).

Die Störung tritt häufiger bei jungen Kindern als bei Jugendlichen und Erwachsenen auf (DSM-V, 2013, S. 196). Das Durchschnittsalter, in dem der SM begann, lag in der Studie von Elizur und Perednik (2003) bei 3;4 Jahren. Bei einheimischen (einsprachigen) Kindern war der Beginn signifikant früher mit 2;7 Jahren gegenüber den Kindern mit Migrationshintergrund, bei ihnen begann es erst mit 3;9 Jahren (Elizur & Perednik, 2003, S. 1453 ff.). Häufig tritt die Störung im Vorschulalter auf. In der Wahrnehmung der Eltern markiert der Eintritt in den Kindergarten als erste außerfamiliäre Sozialisationsinstanz den Beginn des auffälligen Schweigeverhaltens (Wichtmann, 2011, S. 28). Bei Therapiebeginn sind die Kinder ungefähr 5 Jahre alt, denn das Phänomen zeigt sich häufig erst im Kontakt mit fremden Personen, Kontexten und fremder Kultur (Katz-Bernstein & Wyler-Sidler, 2012, S. 17). Die Dauer der Störung seit ihrer Erfassung beträgt ungeachtet der therapeutischen Versorgung bei Mädchen 5;6 Jahre und bei Jungen 4;0 Jahre (Katz-Bernstein, 2005, S. 27).

Der Selektive Mutismus ist die einzige Sprach- bzw. Entwicklungsstörung, die mehr Mädchen betrifft als Jungen (Hartmann, 1997; Kearney, 2010 zit. n. Katz-Bernstein & Wyler-Sidler, 2012, S. 16). Einige Studien geben ein Verhältnis von Jungen zu Mädchen von 1:1,6 bis 2,6 an (Steinhausen & Juzi, 1996 zit. n. Melfsen & Warnke, 2009, S. 558; Starke & Subellok, 2012, S. 66). Im DSM-V (2013) findet man hingegen, dass anscheinend das Geschlecht sowie die Rasse bzw. die ethnische Zugehörigkeit die Prävalenz nicht beeinflussen (DSM-V, 2013, S. 196).

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Details

Seiten
80
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656817581
ISBN (Buch)
9783656817598
Dateigröße
704 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v282769
Institution / Hochschule
Fachhochschule Mannheim, Hochschule für Sozialwesen – Fakultät für Sozialwesen
Note
1,3
Schlagworte
Sprache Mehrsprachigkeit Selektiver Mutismus Zweisprachigkeit Spracherwerb Schweigen Schüchternheit Sprechangst Zweitspracherwerb Erstsprache Zweitsprache Mutismus mutistische Kinder Migrationshintergrund Elektiver Mutismus Sprachlosigkeit schweigende Kinder Redeangst Kinder

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Titel: Sprachlosigkeit bei Mehrsprachigkeit. Selektiver Mutismus bei Kindern mit Migrationshintergrund