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Neturei Karta. Der Antizionismus einer ultraorthodoxen Sekte

Hausarbeit (Hauptseminar) 2014 23 Seiten

Judaistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung. 3

2 Hintergrund und Anfänge. 4
2.1 Orthodoxe Gruppierungen. 4
2.1.1 Agudat Israel 4
2.1.2 Ha-Edah Ha-Charedit 5
2.2 Neturei Karta. 6
2.2.1 Entstehung einer fundamentalistischen Bewegung. 7
2.2.2 Frühe Organisationsgeschichte. 8
2.2.3 Jüngere Entwicklung. 9

3 Ideologie. 11
3.1 (K)eine Nation wie jede andere. 11
3.2 Zionismus aus religiös antizionistischer Perspektive. 12
3.3 Fundamentalistischer Antiisraelismus. 14

4 Ziele und Aktivismus. 16
4.1 Das Verhältnis der Neturei Karta zum Staat Israel 16
4.2 Politische und kontroverse Aktionen. 17

5 Zusammenfassung. 20

6 Literaturverzeichnis. 22

7. Verzeichnis der hebräischen Begriffe. 24

1 Einleitung

Sie tragen lange schwarze Mäntel, Schläfenlocken und schwarze Zylinderhüte. Ihre Kleidung lässt keinerlei Zweifel bestehen, dass sie sich zum Judentum bekennen. Ein kleiner, aber feiner Unterschied jedoch unterscheidet die Mitglieder der ultraorthodoxen Organisation Neturei Karta von der Mehrzahl der religiösen Juden. Auf ihrer Internetpräsenz prangt an prominenter Stelle eine im Wind wehende weiße Flagge mit zwei blauen Streifen, zwischen denen sich ein Davidstern befindet. Im Vordergrund der unschwer erkennbaren Landesflagge zeugt ein roter Kreis mit einem Balken, wie man ihn von Verbotsschildern kennt, unübersehbar von der Gesinnung der Gruppe. Sie verneint das Existenzrecht des 1948 gegründeten jüdischen Staates Israel und sieht sich in göttlicher Mission, diese Botschaft in die Welt zu tragen. Der aktivistische Arm der Bewegung besteht aus wahrscheinlich weniger als 100 Personen, die umso ausgefallener und provokativer versuchen, die Legitimität des jüdischen Staates öffentlich zu hinterfragen.

Wie kam es zur Gründung einer solchen Bewegung innerhalb des Judentums? Wo sind die Ursprünge ihrer extremen Ideologie auszumachen und wie begründen sie ihre Weltanschauung? Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit den Anfängen und Vorläufern der wohl radikalsten antizionistischen jüdischen Bewegung und beschreibt die Entwicklung, durch die sie in ihrer über hundertjährigen Geschichte bereits geschritten ist. Sie beleuchtet das religiöse Selbstverständnis der Neturei Karta, deren Thoraauslegung ein Schlüssel zum Verständnis für die kontroversen Aktionen der Gruppe ist. Schließlich geht die Arbeit der Frage nach, auf welchem Weg die Organisation ihren Zielen nacheifert. Dabei soll auch ihr Verhältnis zum Staat Israel beleuchtet werden.

Die originalsprachigen und transkribierten hebräischen Begriffe und Namen von Organisationen finden sich am Ende der Arbeit auf Seite 24 wieder. [vorliegende Leseprobe enthält aus technischen Gründen keine Transkriptionen!]. Im weiteren Verlauf werden der besseren Lesbarkeit halber für das Deutsche gebräuchlichere Buchstabierungen anstelle der aus dem Hebräischen transkribierten Schreibweisen verwendet. Die für diese Arbeit verwendeten Quellen sind fast ausschließlich auf englischer Sprache verfasst und bei direkter Zitierung ins Deutsche übersetzt. Einige Zitate, welche dem englischen Webauftritt der Neturei Karta entstammen, wurden jedoch im Original übernommen, um ihre Aussage durch die Übertragung in eine andere Sprache nicht zu verfälschen oder abzuschwächen.

2 Hintergrund und Anfänge

Die Entstehung der Neturei Karta[1] ist eng verknüpft mit der politischen Entwicklung des britischen Mandatsgebietes Palästina. Der auflebende Zionismus aschkenasischer Juden, welcher durch die massive Verfolgung und Vernichtung von Millionen Juden durch die Nationalsozialisten weiter angeheizt wurde und schließlich in der Gründung des Staates Israel mündete, stieß unter orthodoxen Juden auf Widerstand. Darüber, wie dieser auszusehen habe, herrschte allerdings bei Weitem keine Einigkeit. Dieser Umstand führte zur Gründung verschiedener Bewegungen, von denen sich wiederum Splittergruppen lossagten.

2.1 Orthodoxe Gruppierungen

Grob unterteilt bilden die größten Strömungen des Judentums das Reform-, konservative und orthodoxe Judentum. Das orthodoxe Judentum existiert anders als der Name vermuten lässt erst seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Als Reaktion auf die Modernisierung und das aufkommende Reformjudentum stellt es eine neuere ursprünglich europäische Bewegung innerhalb des Judentums dar, die sich als Hüterin der Tradition sieht. [2] Es lässt sich in moderne Orthodoxie und Ultraorthodoxie[3] unterteilen. Die zahlreichen ultraorthodoxen Gruppierungen formieren sich ihrer Überzeugung entsprechend wiederum unter zwei Dachverbänden:Agudat Israel[4] (dt.: Israel-Vereinigung) und Ha-Edah ha- Charedit [5] (dt.: die haredische Gemeinschaft).

Ein Blick in diese einflussreichsten Bewegungen vor 1948 ist zum Herkunftsverständnis der ultraorthodoxen Neturei Karta unumgänglich. Beide opponieren dem Zionismus, wobei erstere durch Gründung einer eigenen Partei in Israel schon früh politisch aktiv wurde, um Einfluss auf die säkulare Politik nehmen zu können. Edah Ha-Charedit lehnt hingegen den Staat Israel als Ergebnis eines politischen Zionismus kompromisslos ab. Die Neturei Karta, ursprünglich aus Mitgliedern der Agudat Israel gegründet, bildet dabei die radikalste Bewegung dieses Dachverbandes.[6]

2.1.1 Agudat Israel

Als der Zionismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts mehr und mehr praktische Züge annahm und Aktivitäten umgesetzt wurden, stellte sich für die jüdische Gegenseite die Frage, wie darauf zu reagieren sei. Vor diesem Hintergrund wurde die Bewegung Agudat Israel 1912 ins Leben gerufen. Die Etablierung einer säkularen jüdischen Gesellschaft im Heiligen Land mit einem sich formenden neuen Lebensstil und der Wiederbelebung des Hebräischen als Alltagssprache unterminierte in den Augen der Agudisten den einzig wahren jüdischen Lebensstil, welcher von religiösen Familien in der Diaspora aufrecht erhalten wurde. [7] Diskutiert wurde, ob dem aufkommenden Zionismus durch Stärkung des Thora-Geistes auf lokaler und individueller Ebene oder durch Gründung einer politischen Organisation entgegengetreten werden sollte. Der Aufbau der Agudat Israel war jedoch auch unter Orthodoxen nicht unumstritten, die allein durch das Wesen einer politischen Körperschaft eine Gefährdung für die Thora sahen. [8] Ihrer sprachlichen und geografischen Orientierung wegen formierte sich Agudat Israel als rein aschkenasische Bewegung.[9]

Die Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland zwang der Körperschaft eine veränderte Einstellung der zionistischen Besiedelung Palästinas auf. Als mit Hitler der Nationalsozialismus die Weimarer Republik ablöste, betrachteten die dem Zionismus opponierenden Leiter der Agudat Israel Palästina als essentiellen Zufluchtsort.[10] Die anfänglich grundsätzliche Ablehnung eines durch Zionisten gegründeten jüdischen Staates in Israel wich einer lediglichen Verneinung einem säkularen Staatsgebilde gegenüber. Letzte Zweifel wichen spätestens, als die Bewegung durch den Holocaust in Europa fast ausgelöscht wurde. Agudat Israel unterstützte nunmehr die zionistische Bestrebung, einen jüdischen Staat zu errichten. [11]

Der in Israel von Ultraorthodoxen gegründete Zweig der Agudat Israel machte es sich zur Aufgabe, im Gegensatz zur veränderten Einstellung der europäischen Agudisten, eine strikte soziale und politische Trennung zur zionistischen Bewegung voranzutreiben. Mit den Einwanderungswellen aus Polen und Deutschland im Jahr 1935 kamen neue Mitglieder der Agudat Israel ins Land, die eine wirtschaftliche und politische Integration anstrebten. Die ultraorthodoxe Gemeinschaft verlor an Einfluss und trennte sich schließlich von der sich wandelnden Partei, um eine neue Bewegung zu gründen – die Neturei Karta. [12]

2.1.2 Ha-Edah Ha-Charedit

Nach der Eroberung Jerusalems 1917 durch Großbritannien suchten die Zionisten die gesamte jüdische Bevölkerung Jerusalems in einer Organisation zu vereinen. Unter der ḥaredischen Bevölkerung regte sich starker Widerstand gegen diese Bemühungen, welcher im Frühjahr 1918 in der Gründung einer eigenen Organisation mündete, dem aschkenasischen Stadtkomitee. Später wurde dieses Stadtkomitee in Ha-Edah Ha-Charedit umbenannt und übte eine starke Anziehungskraft auf radikaler eingestellte Ḥaredim wie die Neturei Karta aus. Jegliche Kooperation mit Zionisten wurde abgelehnt. [13]

2.2 Neturei Karta

Die Enzyclopaedia Judaica definiert Neturei Karta als eine Gruppierung ultrareligiöser Extremisten, welche den Staat Israel nicht anerkennen, da sie seine Gründung auf säkular-jüdischer Basis als eine Sünde und Verleugnung Gottes betrachten. Der aramäische Name ist der Gemara des Jerusalemer Talmud (Hag. 76, 3) entnommen und bedeutet ‚Wächter der Stadt‘.[14] In der Passage fragen zwei Rabbinen nach den ‚Wächtern der Stadt‘, worauf die gefragten Rabbiner auf die Schriftgelehrten und religiösen Studierenden als die wahren Stadtwächter verweisen.

Neturei Karta sieht sich als treue Nachkommenschaft des Yishuv ha-Yashan[15]; (dt. etwa: die alte Gemeinde) in Jerusalem, einer traditionellen jüdischen Gemeinschaft von Studierenden der Thora, die bereits ab 1840 in Palästina gelebt haben.[16] Die in Osteuropa aufgekommene Bewegung bestand aus Schülern und Anhängern der jüdischen Gelehrten und Rabbiner ha-Gaon me-Wilna[17] (dt.: der Gaon von Wilna)[18] sowie ha-Baal Shem Tov[19] (dt.: der Besitzer des guten Namens)[20] und ha-Maggid me-Mesritsch [21] (dt.: der Prediger von Mesritsch) [22]. Sie siedelten sich im Heiligen Land an und widmeten ihr Leben dem Studium und der Beschäftigung mit der Thora.[23]

Der Ultraorthodoxie zugehörig verstehen sich Kartisten als Wächter der jüdischen Traditionen und Repräsentanten historischer jüdischer Werte. Um sich vor dem wachsenden Einfluss der Gegenwart besser schützen zu können, lehnen sie Innovationen und Entwicklungen der modernen Welt fast prinzipiell ab und erwarten von ihren Mitgliedern, ein Leben wie im jüdischen Schtetl Osteuropas zu führen.[24] Die Neturei Karta betrachten sich selbst nicht als Sekte oder extremistische Gruppe ultraorthodoxer Juden. Ihrem Eigenverständnis nach sind die ‚Wächter der Stadt‘ keine Organisation, sondern stehen für ein Gedankengut.[25] Entgegen eigenen Aussagen bilden sie selbst in ihrem Milieu eine schwindende Minderheit. Ihre Mitglieder erkennen den Staat Israel nicht an und weigern sich, israelische Ausweise, Geld oder Briefmarken zu nutzen und staatliche Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen.[26] Sie bezahlen keine Steuern und betrachten Hebräisch als heilige Sprache, die nicht für den alltäglichen Gebrauch verwendet werden darf. [27]

Ginge es nach der Neturei Karta, würde sie eine gemeinsame Front mit den Palästinensern bilden, obwohl diese sie in der Vergangenheit bereits abgewiesen haben. Die Gruppe bemängelt, dass die arabische Politik keinen Unterschied zwischen ihnen und den Zionisten mache und sie während der Kriege selbst zu Zielscheiben wurden.[28]


[1] Hebräischer Begriff, siehe Verzeichnis S.24.
[2] vgl. Inbari 2012, S. 109
[3] Der Begriff Ultraorthodoxie wird von Anhängern der konservativen Glaubensströmung abgelehnt. Sie bezeichnen sich selbst als Haredim, was mit „Gottesfürchtige“ übersetzt werden kann.
[4] Hebräischer Begriff, siehe Verzeichnis S.24.
[5] Hebräischer Begriff, siehe Verzeichnis S.24
[6] vgl. Herriot 2009, S. 244f.
[7] vgl. Friedman 2007a, S. 505
[8] vgl. Zimmer 1961h
[9] Deutsche Neo-Orthodoxie, ungarische Orthodoxie sowie das orthodoxe Judentum Polens und Litauens begründeten die Agudat-Bewegung (vgl. Friedman 2007a, S. 505).
[10] vgl. Inbari 2012, S. 107
[11] vgl. Friedman 2007a, S. 506
[12] vgl. ebd., S. 506f.
[13] vgl. Inbari 2012, S. 106
[14] vgl. Friedman 2007b, S. 114
[15] Hebräischer Begriff, siehe Verzeichnis S.24.
[16] vgl. Inbari 2012, S. 106
[17] Hebräischer Begriff, siehe Verzeichnis S.24.
[18] Elijah Ben Solomon Zalman (1720-1797); Akronym Ha-GRA = Ha-Gaʼon Rabbi Eliyahu; der Gaʼon von Wilna war einer der bedeutendsten geistlichen und intellektuellen jüdischen Lehrer der jüngeren Vergangenheit, dessen scharfe Ablehnung des Chassidismus im Aufkommen der Gegenbewegung der Mitnaggedim mündete (vgl. Kaddari 2007).
[19] Hebräischer Begriff, siehe Verzeichnis S.24.
[20] Israel Ben Eliezer Baal Shem Tov (ca. 1700-1760); Akronym Besht = Baal Shem Tov; der Besht wurde zum ersten Lehrer des Chassidismus (vgl. Rubinstein 2007).
[21] Hebräischer Begriff, siehe Verzeichnis S.24.
[22] Dov Ber von Mesritsch (gest. 1772); der Maggid von Mesritsch trat in die Fußstapfen des Baal Shem Tov nach dessen Tod und führte die chassidische Bewegung an (vgl. Liebes 2007).
[23] vgl. Zimmer 1960
[24] Die Rolle der Frau beispielsweise hat sich im Zeitalter der Moderne enorm geändert. Ḥaredische Gemeinschaften sehen darin eine der größten Herausforderungen (vgl. Inbari 2012, S. 106). Obwohl die Halacha Frauen mehr Rechte einräumt als beispielsweise das islamische Recht, bleiben viele Privilegien wie Positionen in der Gesetzgebung, die ausführende Gewalt oder das Studium der Thora Männern vorenthalten. Gerade Letzteres definiert als Zentrum jüdischer Kultur eine klare Trennung zwischen den Status von Mann und Frau (vgl. Inbari 2012, S. 109).
[25] vgl. Rabbi Dovid Weiss, undatiert
[26] vgl. Beit-Hallahmi 1992, S. 23
[27] Religiöse sephardische Juden nutzen Judenspanisch im Alltag, während sich orthodoxe aschkenasische Juden auf Jiddisch unterhalten (vgl. Glass 1975, S. 59).
[28] vgl. ebd., S. 60

Details

Seiten
23
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656822592
ISBN (Buch)
9783656822608
Dateigröße
584 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v282777
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Note
1,3
Schlagworte
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