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Soziale Arbeit in der Postmoderne nach Heiko Kleve

Hausarbeit 2014 21 Seiten

Soziale Arbeit / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Soziale Arbeit und Wissenschaft der Sozialen Arbeit
2.1. Profession und Disziplin
2.2. Gegenstand der Sozialen Arbeit
2.3. Entstehung von Problemlagen
2.4. Postmodernismus
2.5. Zielsetzung der Wissenschaft der Sozialen Arbeit
2.6. Das Verhältnis zu den Bezugswissenschaften

3. Hintergrund und Wissenschaftssystem

4. Einschätzung und Relevanz

5. Literaturverzeichnis

Abkürungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

Die Forderung nach einer wissenschaftlichen Fundierung sozialarbeiterischer/sozialpädagogischer Praxis löste bis in die Gegenwart anhaltende Bemühungen zur Bestimmung und Definitionsbildung von Sozialer Arbeit als Wissenschaft aus. Die Fülle der zu diesem Thema diskutierten Publikationen ist kaum mehr zu überblicken. Den Anspruch der Relevanz einer Theorie der Sozialen Arbeit für die Praxis der Sozialen Arbeit soll zumeist eine systematische Reflexion der beruflichen Wirklichkeit erfüllen, mit dem Zweck, daraus methodische Vorgehensweisen für die Praxis abzuleiten und den sozialarbeiterisch/sozialpädagogisch Tätigen eine Grundlage zu schaffen, auf der sie ein spezifisches Professionsverständnis entwickeln können.

Der seit Jahrzehnten im deutschsprachigen Raum geführte Fachdiskurs zur Wissenschaft der Sozialen Arbeit (vgl. Engelke 2003, 2004; Spatscheck 2009; Thole 2012; Birgmeier/Mührel 2009, 2011; Rauschenbach/Züchner 2012; May 2010; Mührel 2011; Mühlum 2004) verläuft in höchtem Maße kontrovers. So vermisst Engelke „eine Einigung auf einen konkreten, präzise definierten Gegenstand“ (Engelke 2004, 70), gleichwohl seiner Ansicht nach selbslt ein gemeinsamer und allgemein akzeptierter Erkenntnisgegenstand unterschiedliche Theorieentwicklungen zulasse und in der Folge zu „verschiedenen Forschungsansätzen“ (a.a.O., 63) führe. Eine „Wissenschaftsdisziplin“ lasse sich „nicht auf eine oder auf die Theorie reduzieren“ (ebd.) [Herv. V.G.].

Während Thole von einer „plural ausdifferenzierte[n] Theorielandschaft“ (Thole 2012, 31 f.) spricht, bezeichnen Rauschenbach/Züchner die gegenwärtige Theorieentwicklung in der Sozialen Arbeit „mit Blick auf ihre inhaltlichen Ebenen, ihre Gegenstandsbestimmung und ihr Wissenschaftsverständnis“ (Rauschenbach/Züchner 2012, 171) als ein „offenes Projekt [..], bei dem Theorien [..] in ein Verhältnis zueinander gesetzt werden können“ (ebd.). Generell existiere jedoch „keine einheitliche Linie“ (a.a.O., 155) bei der nach ihrer Auffassung nötigen „Bestimmung der praktischen und semantischen Außengrenzen“ (ebd.), sowie des „Einbezugs von Fragestellungen und Diskursen, von Grundbegriffen und thematischen Bestandteilen“ (ebd.). Bereits die elementare Frage, „was Theorien der Sozialen Arbeit eigentlich enthalten müssen“ (a.a.O., 153), oder auch, was generell „die Grundsubstanzen von Theorien“ (a.a.O., 151) betrifft, bleibt ihrer Meinung nach bislang ungeklärt.

Nach Einschätzung von May vertritt die Mehrheit der Theoretisierungsansätze Sozialer Arbeit ein Wissenschaftsverständnis, gemäß dessen die „Theorieproduktion eigenen Gesetzmäßigkeiten folge, die nicht identisch seien mit denen ihres Gegenstandes“ (May 2010, 234).

Thaler/Bernd Birgmeier vertreten in ihrem Vorschlag einer methodologischen Systematisierung die Ansicht, dass die Soziale Arbeit bislang einer adäquaten begrifflichen Rahmung entbehrt. Selbst gebräuchliche Begriffe wie „Sozialarbeit, Sozialarbeitswissenschaft, Sozialpädagogik und Soziale Arbeit“ (Thaler/Birgmeier 2011, 195) seien „nicht eindeutig bestimmt“ (ebd.) und daher aus „forschungsmethodischer Sicht [..] nicht so ohne Weiteres [zu] unterscheiden“ (ebd.).

Scherr sieht in der Sozialarbeitswissenschaft den Versuch einer sachhaltigen Begründung zur Notwendigkeit einer Disziplinbildung, vornehmlich durch „Abgrenzung gegen bestehende Dis­ziplinen“ (Scherr 2012, 289). Das von Heiko Kleve vorgelegte Denkmodell der Postmodernen Sozialarbeit identifiziert Scherr als „postmodernistische Ausdifferenzierung innerhalb der Sozialarbeitswissenschaft“ (ebd.).

Kleve bezeichnet die Soziale Arbeit als eine „potentiell schwer zu bestimmende, eine vielfältige, eine in sich widersprüchliche Profession“ (Kleve 2009, 102). „Das Gleiche kann auch für die Wissenschaft der Sozialen Arbeit konstatiert werden“ (ebd.).

Bei Mühlum wird Kleves Konzept einer Sozialarbeitswissenschaft beschrieben als „transdisziplinär zwischen herkömmlichen Disziplinen und zwischen Theorie und Praxis operierend“ (Mühlum 2009, 92) bzw. als „‚Koordinationswissenschaft‘ für interdisziplinäre Zugänge auf soziale Probleme“ (ebd.).

Kleves zentralen Aspekten einer Sozialen Arbeit in der Postmoderne widmet sich diese Arbeit.

Im ersten und zweiten Teil gehe ich der Frage nach, wie Kleve Soziale Arbeit und die Wissenschaft der Sozialen Arbeit definiert und inhaltlich bestimmt.

Im dritten Teil gehe ich auf Kleves Wissenschaftssystem ein und lege ich den Hintergrund dar, vor dem Kleves Perspektive einzuordnen und zu verstehen ist.

Im vierten Teil schließlich nehme ich eine Einschätzung Kleves Position vor, auch in Hinblick auf deren Relevanz für die (Weiter-)Entwicklung der Wissenschaft der Sozialen Arbeit.

2. Soziale Arbeit und Wissenschaft der Sozialen Arbeit

2.1 Profession und Disziplin

Auf ihrer Generalversammlung im australischen Melbourne im Juli 2014 beschlossen die Mitglieder der International Federation of Social Worker (IFSW) und der International Association of Schools of Sovial Work (IASSW) nachfolgende aktualisierte Fassung ihrer globalen Definition für die Profession der Sozialen Arbeit („social work profession“):

„Social work is a practice-based profession and an academic discipline that promotes social change and development, social cohesion, and the empowerment and liberation of people. Principles of social justice, human rights, collective responsibility and respect for diversities are central to social work. Underpinned by theories of social work, social sciences, humanities and indigenous knowledge, social work engages people and structures to address life challenges and enhance wellbeing.” (IASSW 2014, 1)

„Soziale Arbeit ist eine handlungsorientierte Profession und akademische Disziplin, die den sozialen Wandel, die soziale Ausrichtung und den sozialen Zusammenhalt fördert, sowie die Befähigung und Befreiung von Menschen. Zentral für Soziale Arbeit sind die Grundsätze sozialer Gerechtigkeit, der Menschenrechte und kollektiver Verantwortung, sowie die Achtung von Verschieden­heiten. Gestützt auf Theorien der Sozialen Arbeit, der Sozialwissenschaften, der Geisteswissenschaften und traditionellem Wissen widmet die Soziale Arbeit sich den Herausforderungen des Lebens und der Steigerung des Wohlbefindens, indem sie Menschen und Strukturen motiviert.“ (IASSW 2014, 1) [Übers. ins Deutsche V.G.]

Wendt weist der Praxis einen Zuständigkeits- und der Wissenschaft einen „Gegenstandsbereich“ (Wendt 2004, 92) zu. Im Zentrum des Erkenntnisinteresses sieht Wendt „Bewältigungs- und Unterstützungsmöglichkeiten“ (ebd.) für „Menschen in [in] ihren konkreten sozialen Situationen“ (ebd.).

Dazu bedarf es nach Klüsche einer „strukturelle[n] Klärung und Reduzierung von Komplexität“ (Klüsche 2004, 251). Die Disziplin ist hier die „Grundlage für Idee und Gestaltung von Sozialer Arbeit, für Analyse und Handeln“ (ebd.).

Für Kleve ist in der Sozialen Arbeit eine „klare Trennung zwischen Theorie und Praxis [..] nicht möglich“ (Kleve 2002, Kap. 3 Abs. 2), ebensowenig eine „klare Differenzierung zwischen Wissenschaft und Praxis“ (a.a.O., Kap. 3.2 Abs 1). Dadurch nimmt er nach Becker-Lenz/Müller-Hermann eine „radikale konstruktivistische Position“ (Becker-Lenz/Müller-Hermann 2013, 109) ein. Kleve verortet die Soziale Arbeit in eine „ambivalente Stellung zwischen Theorie und Praxis und zwischen den Disziplinen“ (Kleve 2002, Kap. 3.2 Abs 3). Er schlägt vor, „das Feld von Theorie und Praxis Sozialer Arbeit aus multiperspektivischen Sichten neu zu erkunden“ (Kleve 2007, 15) und „theo­retische Reflexionen“ über die „gesellschaftliche Praxis der Sozialarbeit“ (a.a.O., 20) anzustellen.

Demnach sieht Kleve die disziplinäre Aufgabe der Sozialen Arbeit in der Beobachtung, Beschreibung, Erklärung und Bewertung der Professionsausübung. Die Wissenschaft der Sozialen Arbeit wird der Profession als nachgeordnet beschrieben.

Der Ausdruck ‚Profession‘ beschreibt nach Thole „das gesamte fachlich ausbuchstabierte Handlungssystem, also die berufliche Wirklichkeit eines Faches [..] auf der Basis der von der Gesellschaft an sie adressierten Ansprüche und Wünsche“ (Thole 2012, 21).

‚Profession‘ bezeichnet bei Kleve „das berufliche Handlungsfeld“ (Kleve 2003a, 6), also die „Praxis der Sozialen Arbeit“ (ebd.).

Thole fasst das „gesamte Feld der wissenschaftlichen Theoriebildung und Forschung“ (Thole 2012, 21), sowie das „Handlungsfeld [..], in dem sich die Forschungs- und Theoriebildungsprozesse realisieren“ (ebd.) mit dem Begriff ‚Disziplin‘ zusammen. Während es der Profession auf Wirksamkeit ankomme, strebe die Disziplin nach Erkenntnissen im Sinne von „Wahrheit und Richtigkeit“ (ebd.).

Für Klüsche gilt die Wissenschaft der Sozialen Arbeit als „Lehre von den Definitions-, Erklärungs- und Bearbeitungsprozessen gesellschaftlich und professionell als relevant angesehener Problemlagen“ (Klüsche 2004, 256) zur „systematischen Erzeugung“ (Klüsche 2004, 268) eines Handlungswissens um wirksamere Problemlösungen. (ebd.)

Kleve schreibt der Profession die Prüfung und Bewertung des beruflichen Handlungswissens auf „Wirksamkeit und Angemessenheit“ (Kleve 2003a, 5) zu, der Wissenschaft die Bewertung des Reflexionswissens auf „Brauchbarkeit“ (ebd.). Wissenschaft wird bei Kleve als Wissenschaft für die Praxis gedacht, die er in seinen Überlegungen in den Mittelpunkt rückt. „Die Praxis regt [..] die Produktion von Theorien erst an“ (Kleve 2009, 197). Dem wissenschaftlichen Forschungsfeld sind somit entsprechende Grenzen gesetzt.

Den Kern des durch die Reflexion des „im sozialarbeiterischen Handlungsfeld“ (Kleve 2007, 20) gewonnenen disziplinären „(Erklärungs-)Wissens“ (Kleve 2003a, 5) bildet bei Kleve die stets kontextuelle Abhängigkeit von Bewertungskriterien für Wirksamkeit und Angemessenheit (vgl. Kleve 2003b, Kap. III.3 Abs. 2). Die Disziplin soll u.a. dazu beitragen Kausalitäten aufzudecken, um die Dynamik von Phänomenen des menschlichen Lebens zu erklären. Daraus lassen sich nach Kleve dann Handlungsoptionen für die Praxis ableiten, um (positiven) Einfluss auf die reflektierten Phänomene zu nehmen (vgl. Kleve 2009, 107 f.).

Die sozialarbeiterische Praxis ist nach Kleve geprägt durch „Identität sprengende Vielfältigkeit und Widersprüchlichkeit“ (Kleve 2002, „Einleitung“ Abs. 2). Ihre unüberwindbare „strukturelle Ambivalenz“ (Kleve 2007, 20), ihre unauflösbare „Heterogenität und Pluralität“ (Kleve 2002, Kap. 3.2 Abs. 2) sind der Sozialen Arbeit so gesehen immanent, weshalb Kleve sich in seinem Konzept der postmodernen Sozialarbeit auf eine „Ambivalenzreflexion“ (Kleve 2007, 37) konzentriert.

Die „Ambivalenz des gesellschaftlichen Einsatzes Sozialer Arbeit“ (Kleve 2002, Kap. 3.2 Abs. 2) kann für Kleve daher nur für Profession und Disziplin gleichermaßen gelten. Die Theorie und Wissenschaft der Sozialen Arbeit ist demnach ebenso „ambivalent und mehrdeutig, nämlich transdisziplinär und zwischen Theorie und Praxis stehend konstituiert“ (a.a.O., Kap. 3 Abs. 1). Auch die Wissenschaft der Sozialen Arbeit habe sich daher mit den „biologischen und psychischen und sozialen Ebenen des Menschlichen“ zu befassen (a.a.O., Kap. 3.2 Abs. 2).

2.2 Gegenstand der Sozialen Arbeit

Als Gegenstand der Sozialen Arbeit nennt Engelke das „Bewältigen sozialer Probleme” (Engelke 2003, 301), Klüsche die „Bearbeitung von gesellschaftlich und professionell als relevant angesehenen Problemlagen“ (Klüsche 2004, 257) und Mühlum die „Bearbeitung der Ambivalenzen funktionaler Differenzierung“ (Mühlum 2009, 92), bei der nach Mühlum „biologische, psychische und soziale Aspekte“ (ebd.) zu berücksichten sind.

Bei Kleve wird der Gegenstand der Sozialen Arbeit umschrieben als die „Folgeprobleme gesellschaftlicher Differenzierung“ (Kleve 2005, Kap. II Abs. 7) bzw. von „gesellschaftlicher Modernisierung“ (Kleve 2009, 104). Als Beispiel nennt er die „Aufsplitterung der lebensweltlichen Zusammenhänge moderner Individuen“ (Kleve 2005, Kap. II Abs. 7).

Nach Kleve dient Soziale Arbeit der Unterstützung zur Lebensbewältigung von „Menschen, die unter erschwerten individuellen und sozialen Bedingungen leben“ (Kleve 2001, Kap. I Abs. 1). Diese Unterstützung bezeichnet Kleve als „Strategie der Differenzminimierung“ (Kleve 2001, Kap. I Abs. 2), was er auf allgemeine Vorstellungen für ein gelingendes Leben und die davon abweichende Lebensrealität bezieht (a.a.O., Abs. 1). Dabei hält Kleve es ebenso wie Michael Bommes und Albert Scherr für prinzipiell ausgeschlossen, die Hilfebedürftigkeit von Menschen eindeutig zu spezifizieren oder zu kategorisieren (Kleve 2009, 104). Im Gegenteil beziehe sich Soziale Arbeit insbesondere auf „jene nicht klar eingrenzbaren Schwierigkeiten [..], die also nicht (nur) medizinisch, juristisch, religiös oder psychologisch gelöst werden können“ (ebd.). Im Unterschied zu den „klassischen Professionen“ (ebd.) sei es in der Sozialen Arbeit nötig, eine „mehrdeutige, eine Ambivalenzperspektive“ (Kleve 2002, Kap. 1, letzter Absatz) einzunehmen. Genau das mache das „generalistische Expertentum“ (ebd.) der Sozialen Arbeit aus, nämlich eine „Haltung des Sowohl-Als-Auch“ (a.a.O., Kap. 1.1 Abs. 1) anstelle eines „Entweder/Oder“ (ebd.).

Die Unmöglichkeit einer klaren Abgrenzung stellt für Kleve ein kennzeichnendes Merkmal „sozialarbeiterische[r] Orientierung“ (Kleve 1997, 2) dar, welche er als „postmoderne Verfassung“ (Kleve 2009, 103) der Sozialen Arbeit beschreibt.

2.3 Entstehung von Problemlagen

Historisch betrachtet datiert Kleve die Entstehung der „Profession Soziale Arbeit (als Einheit von Sozialarbeit und Sozialpädagogik)“ (Kleve 2004, Kap. „Teil II“ Abs. 1) mit „der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert“ (ebd.), als sozial helfende Tätigkeiten zunehmend verberuflicht wurden, d.h. sich von einer „moralisch inspirierten [..] ,Mildtätigkeit‘“ (Kleve 2007, 18) in eine „professionelle [..] Sozialarbeit“ (ebd.) wandelte und entsprechende Ausbildungsstätten entstanden.

Die Prozesse der Modernisierung der Wirtschaft führten zu einer „Mobilisierung und Flexibilisierung der Menschen“ (Kleve 2002, Kap. 2.1 Abs. 8), während religiöse und moralische Beweggründe zunehmend an Bedeutung verloren (ebd.). Als Folge gesellschaftlicher Modernisierung nennt Kleve die Entwicklung „gegensätzlicher Tendenzen“ (ebd.), z.B. wachsende Armut und individueller Reichtum oder „psycho-soziale Stabilität“ (ebd.) und psycho-soziale Probleme, im Ergebnis „Ambivalenz“ (ebd.).

Kleve fühlt sich der postmodernistischen Tradition verpflichtet und verwendet den Begriff der ‚Ambivalenz‘ im Sinne von „Mehr- bzw. Vieldeutigkeiten, [..] Mehr- bzw. Vielwertigkeiten, also Uneindeutigkeiten, Unbestimmbarkeiten, Widersprüchlichkeiten oder auch Paradoxien in psychischen, sozialen bzw. kommunikativen Verhältnissen sowie in deren Beobachtung“ (Kleve 2007, 22) auch dann, wenn eigentlich der Ausdruck ‚Polyvalenz‘ treffender wäre, wie Kleve einräumt (ebd.; Kleve 2002 Kap. 1 Abs. 5). Ausschlag gebend ist für Kleve, dass „zwei oder mehr“ Gegensätzlich- oder Widersprüchlichkeiten „gleichermaßen plausibel erscheinen“ (a.a.O., 22) können bzw. dürfen.

Die Soziale Arbeit charakterisiert er „im philosophischen Sinne“ (Kleve 1997, 2) als postmodern, insofern sie „die Pluralität und Differenz von Realitätskonstrukten [..] ausdrücklich anerkennt“ (ebd.). Dazu zählen nach Kleve die „Exklusionsrisiken (z.B. Mangel an Geld, Macht, Bildung oder Liebe)“ (Kleve 1997, 3) der „ausdifferenzierten Funktionssysteme der Gesellschaft (etwa Wirtschaft, Politik, Erziehung, Familie)“ (ebd.). Wer von „bestimmten Bereichen gesellschaftlicher Kommunikation“ (ebd.) ausgeschlossen wird, ist nach Kleves Auffassung „in materieller oder sozialisatorischer Hinsicht gefährdet“ (ebd.).

Die Aufgabe der Sozialen Arbeit sieht Kleve daher in der Bearbeitung der als „soziale Probleme“ (ebd.) artikulierten „Probleme, Schwierigkeiten und Konflikte“ (Kleve 2005, Kap. II Abs. 7) mittels „Exklusionsvermeidung (Prävention), stellvertretender Inklusion, Inklusionsvermittlung oder Exklusionsbetreuung“ (Kleve 1997, 3).

Der Ausdruck ‚soziale Probleme‘ steht hier für ein offeneres Verständnis gesellschaftlicher Problemlagen, insbesondere ohne Beschränkung auf die Auseinandersetzung mit der während des Übergangs von der Agrar- hin zur sich urbanisierenden Industriegesellschaft aufgekommenen sogenannten ‚sozialen Frage’.

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Details

Seiten
21
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656822677
ISBN (Buch)
9783656838876
Dateigröße
565 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v282885
Institution / Hochschule
Technische Hochschule Köln, ehem. Fachhochschule Köln
Note
1,0
Schlagworte
Transversalität poly-kontextural heterarchisch Konstruktivismus Systemtheorie Ambivalenz Pluralität Funktionssystem selbstreferentiell Lyotard Welsch Postmodernismus Transdisziplinarität Sozialarbeitswissenschaft transversal

Autor

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