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Analyse und Interpretation der Erzählung "Kotuku" von Rainer Würth

Hausarbeit (Hauptseminar) 2004 32 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A) Einleitung
1) Vorbemerkung
2) Über den Autor Rainer Würth
3) Inhaltsangabe „Kotuku“

B) Analyse
4) Rechtfertigung des Begriffs „Literarisches Roadmovie“
4.1) Genre „road movie“ und „road novel“
4.2) Filmische Mittel: Geschwindigkeit durch Sprache
4.3) Montage als dramaturgisches und narratives Mittel

C) Interpretation
5) Die Hauptmotive: Leben, Tod, Sex und „Liebe“
5.1) Das Leben
5.2) Der Sex
5.3) Die Quintessenz: Vergänglichkeit statt Liebe
5.4) Der Tod und seine Boten: Über Opossums

D) Schlussbetrachtung

E) Literaturverzeichnis

A) Einleitung

1) Vorbemerkung

Im Oktober 2003 erschien die Erzählung „Kotuku“ von Rainer Würth im DreyVerlag. Ein Buch, das im Klappentext als „geschriebener Film“ und in diversen Rezensionen als „literarisches Roadmovie“ bezeichnet wird. „ Es ist eine frivole Geschichte um Liebe, Tod und Unterwegssein “ 1 Es ist eine Hommage an die „beat generation“ der 60er Jahre, an Jack Kerouac und „On The Road“ mit dem schalen Beigeschmack der unüberwindbaren Vergänglichkeit.

In der vorliegenden Arbeit soll unter Berücksichtigung filmwissenschaftlicher Aspekte geklärt werden, inwieweit die Bezeichnung „literarisches Roadmovie“ in Bezug auf Erzählmotive, filmische Elemente und Sprache gerechtfertigt ist. Denn meiner Ansicht nach ist die bloße Reduzierung des filmischen Charakters auf eine „ fortgesetzte Aneinanderreihung von Filmzitaten “ 2 zu kurzsichtig. Treffender erscheint mir die Feststellung, dass Würth sich an der „ filmhaften Montagetechnik “ 3 orientiert. „ In Dialogen werden Filmklischees bewusst zitiert, die Handlung wird dem Leser in filmischem Stil vermittelt. “ 4

Neben der Analyse soll eine Interpretation eine mögliche Lesart des Textes aufzeigen.

Besprochen werden hierbei die Leitmotive: Der Sex, das Leben und die „Liebe“ in Bezug auf die Protagonisten. Auf den Tod werde ich in einem separaten Punkt genauer eingehen.

Fußnoten, die nur eine Seitenzahl enthalten, beziehen sich auf:

Würth, Rainer: Kotuku. Gutach 2003

2) Über den Autor Rainer Würth

Der Autor und Journalist Rainer Würth wurde 1967 in Pforzheim geboren. Nach dem Abitur studierte er an den Universitäten Bochum und Karlsruhe Theater-, Film-, und Fernsehwissenschaften und Literaturwissenschaft. . Nach einer Ausbildung zum Redakteur arbeitet er als Journalist, Texter und Schriftsteller in seiner Heimatstadt.

Neben zwei längeren Neuseelandaufenthalten bereiste er zuletzt die Südsee.

Würth ist Mitglied im Verband Deutscher Schriftsteller und erhielt mehrere Auszeichnungen: 1998 gewann er den Wettbewerb „Frieden zwischen den Völkern“ in Osnabrück, 1999 den „Mannheimer Literaturpreis“, 2000 erhielt er ein Arbeitsstipendium des Förderkreises deutscher Schriftsteller in Baden- Württemberg.

„Kotuku“ ist seine erste Erzählung. Sein Gedichtband Flussaufwärts“ erschien im Jahr 2000 ebenfalls im Drey-Verlag.

3) Inhaltsangabe

Unglückliche Umstände beenden abrupt den Auftritt der Stripperin Emily, die mitten im Neuseeländischen Dschungel vor einer Horde angetrunkener Männer ihre übliche Nummer durchziehen will. Die Männer sind Teilnehmer eines Survival-Trainings, das von dem ruppigen Greg geleitet wird.

Zur gleichen Zeit irrt Jonathan durch den Dschungel. Auch er ist Teilnehmer des Survival-Trainings. Als er das Camp erreicht und Emily zum ersten Mal sieht, verliebt er sich schlagartig in sie. Im weiteren Verlauf ist sein einziges Ziel, Emily wieder zu sehen.

Diese wird allerdings von Greg inzwischen ein Stück im Auto mitgenommen. Auch er verliebt sich in sie, aber nachdem er sie abgesetzt hat verschwindet sie aus seinem Leben.

Raymond ist ein frustrierter Polizist, der für eine Weile aus Auckland weg will um auszuspannen. Er ist mit dem Rucksack unterwegs. Auf seiner Reise nach „Kotuku“ begegnet er vielen anderen Touristen und Einheimischen, aber auch Greg und Jonathan.

So reisen die vier Hauptfiguren unabhängig voneinander quer durch Neuseeland, bis sie am Ende alle aufeinander treffen.

Als Emily in einem Straßencafe in Auckland sitzt, wird sie zufällig von Jonathan entdeckt. Wie ein Besessener rast er vor Glück mit dem Motorroller auf sie zu. Es kommt zum Unfall, bei dem Emily unverletzt bleibt. Jonathan stirbt. Greg verfolgt das Geschehen im Fernsehen und erkennt Emily sofort wieder. Raymond, der zufällig hinzukommt, kümmert sich nach dem Unfall um Emily. Sie werden ein Paar. Emily ist schwanger.

B) Analyse

4) Rechtfertigung „Literarisches Roadmovie“

Dass „Kotuku“ als „literarisches Roadmovie“ betrachtet werden kann, hat zweierlei Gründe: Zum einen rechtfertigt der Erzählstoff die Einordnung in dieses Genre. Zum anderen legt die von Würth gewählte Sprache und die Erzähltechnik nahe, das Buch mit den Mitteln der Filmanalyse zu untersuchen. Hier zeigt sich, dass englische Begriff „road novel“ zwar ebenso treffend gewählt wäre, die deutsche Hilfskonstruktion „literarisches Roadmovie“ aber die filmischen Gesichtspunkte eher berücksichtigt. Der Hinweis im Klappentext „geschriebener Film“ kommt nicht von ungefähr. Abgesehen davon, dass die Erzählung mit ihren 103 Seiten ungefähr der Länge eines Drehbuches entspricht, und dass die Typografie ansatzweise an ein Drehbuch erinnert kommt man nicht umhin, eine detailliertere Betrachtung der Erzählstruktur und der Sprache vorzunehmen.

4.1) Das Genre „Roadmovie“ bzw. „road novel“

Anders als im Englischen, wo die „road novel“ als eigenständiger literarischer Begriff stehen kann, bedarf es im Deutschen der Hilfskonstruktion „ literarisches Roadmovie “.

Reisen, auf der Suche sein und vielleicht irgendwann irgendwo ankommen sind die grundlegenden Motive dieses Genres. Die Hauptpersonen sind ungebunden, sie sind auf der Suche nach dem Glück, auf der Flucht vor dem Tod, leben das Leben scheinbar auf der Überholspur.

„Mutter“ aller „road novels“ ist das Buch „Unterwegs“ von Jack Kerouac. Es erschien 1955 unter dem Titel „On The Road“. Er beschreibt nahezu autobiographisch das exzessive Leben des Autors zur Zeit der sogenannten „beat generation“, einer Generation, „ [..] die inmitten der ‚ schlechtesten aller Welten ’ ein dr ö hnendes Bekenntnis zum ‚ glücklichen Leben ’ ablegt, das den ehrbaren Bürger erschauern l ä sst. “ 5. Er beschreibt seinen Trip quer durch die Vereinigten Staaten, fernab dessen, was als „schön“ empfunden werden kann.

Mit „Kotuku“ hat Würth eine Hommage an die „beat generation“ geliefert, an unsere moderne Zeit sprachlich angepasst durch filmische Elemente und rasantes Tempo. Anders als bei Kerouac gibt es in „Kotuku“ keinen Ich-Erzähler. Die Spreche ist sehr „schnell“: direkt und lakonisch.

Den exotischen Background für die Geschichte liefert der Schauplatz Neuseeland. Nachdem der Autor selbst zwei Mal Neuseeland bereist hat, und einige der beschriebenen Orte tatsächlich existieren, könnte man der Erzählung den Charakter von Reiseliteratur attestieren. Die Beschreibungen beschränken sich allerdings auf das Nötigste. Sie bilden nur die Kulisse, in die die Handlung eingebettet ist. Es kann nicht auf das Exotische verzichtet werden. Ein klischeehaftes Survival-Training muss im Dschungel oder mindestens (wie aus zahlreichen Filmen bekannt) in der Wüste spielen. Die Geschichte stünde auf wackeligen Beinen, versetzten wir sie in hiesige Örtlichkeiten. Denn das amerikanisierte, was dem Buch einen Hauch Hollywood verleiht, und den Begriff „Roadmovie“ unterstreicht und rechtfertigt, kommt nicht von ungefähr. Es kommt aus Neuseeland. Und nur so funktioniert es.

4.2) Filmische Mittel: Geschwindigkeit durch Sprache

„ Würth schreibt lakonisch und trocken, unsentimental. Er schildert Zust ä nde. Die Trauer, die Verwirrung darüber muss der Leser fühlen. “ 6 Grundlage für diese Feststellung war nicht „Kotuku“, sondern die Lyrik aus dem Gedichtband „Flussaufwärts“. Die knappen Sätze seiner Erzählung, zum Teil nur aus einem Wort bestehend, sind in der Tat sehr lyrisch. Es gelingt ihm „ [..] ganze Szenarien in nur zwei, h ö chstens drei S ä tzen pr ä zise wiederzugeben. “ 7 Genauso auch die Wortwahl. Er skizziert „ [..] einige Orte der Handlung mit pr ä gnanten und knappen S ä tzen, die gerade soviel Informationen preisgeben, dass die Fantasie auflodert, aber nichtüberfüttert wird. Auf das notwendige Minimum reduzierte Anmerkungen, die an eilige Eintr ä ge in ein Reisetagebuch erinnerten - wie beispielsweise: ‚ Wind, Regen und die Warterei auf das Schiff. So war Wellington. ’ [..] “ 8

Diese Art der Beschreibung legitimiert eigentlich gerade nicht das Heranziehen filmwissenschaftlicher Aspekte zur Analyse. Aber es geht nicht um die Genauigkeit und die Details, sondern um die Geschwindigkeit, um die Bildfolge, um den Rhythmus.

Im Grunde ist uns im Film alles genau vorgegeben. Denn wir haben ein Bild, und auf diesem Bild sind die einzelnen Bildelemente genau angeordnet. Nehmen wir zum Beispiel die Beschreibung von Kotuku: „ Kotuku war ein paar H ä user auf einer Wiese. Vor der Wiese war das Meer und hinter der Wiese war der Dschungel. Im Hintergrund die Gletscher. “ 9 Im Film wüssten wir genau, wie die Häuser aussehen, wo genau der Dschungel anfängt, welche Farbe das Meer hat. Sogar die Perspektive, aus der wir uns Kotuku ansehen, wäre durch den Standpunkt der Kamera und den Bildausschnitt vorgegeben. „ Der Standpunkt der Kamera entspricht dem Standpunkt des Zuschauers. Auch der Perspektive kommt die allergr öß te psychologische Bedeutung zu. [..] Die Perspektive und die Blickrichtung der Kamera stellen in Verbindung mit variabler Einstellungsgr öß e innere Beziehungen zwischen dem Zuschauer und dem dargestellten Objekt her. Dieses kann von oben, von vorn oder seitlich pr ä sentiert werden. “ 10

In geschriebener Form, die außer „vorne“ und „hinten“ keine genauen Angaben macht, entspringt der Phantasie des Lesers ein individuelles Bild von Kotuku, das eben gerade nicht diese psychologischen Botschaften vermittelt, sondern uns freien Raum lässt. .

Dem könnte man nun entgegenhalten, dass dies auch bei jeder anderen literarischen Ortsbeschreibung so zutreffen könnte. Das stimmt nur zum Teil, denn in diesem speziellen Fall muss beachtet werden, dass wir nur sehr kurze Zeit benötigen, um die drei Sätze zu lesen. Danach haben wir sofort das Bild - ganz gleich, wie es bei jedem einzelnen aussehen mag. Denn wir müssen unsere Vorstellung nicht nach kleinlichen Detailangaben des Autors sortieren. Der „Establishing-Shot“ ist da - wie im Film - und es kann direkt weiter gehen. So gelingt es Würth, durch seine knappe bilderreiche Sprache und die Aufeinanderfolge einzelner Elemente den Film im Kopf entstehen zu lassen. Wie ein Filmstreifen fliegen die Bilder am Leser vorbei. Dadurch wird ein Rhythmus erzeugt, der für den Leser die Bewegung und die Geräusche im Film simuliert. Besonders deutlich wird das zum Beispiel bei der Beschreibung der Autofahrt, nach Waitomo. Greg und Emily sitzen gemeinsam im Wagen. „ Gestrüpp flog vorbei, kleine B ä umchen, Z ä une und dunkle Schatten, die Schafe waren. / `B-l- ö - d-e S-c-h-a-f-e` schrieb Emily in die Luft. Waitomo kam und kam nicht, und es wurde nicht hell. `Die Nacht ist ganz sch ö n warm`, sagte Greg. / Die Schafe h ö rten auf. / Ì st dir noch kalt?` / `Nein. ´ / B ä ume. “ 11 Der Leser sitzt mit im Auto, schon fast in Emilys Kopf. Wir sehen mit ihren Augen und denken ihre Gedankenfetzen. Das kurze Vorbeifliegen einzelner Bilder verstärkt den Eindruck der Bewegung. Die kurzen Dialoge lenken nicht vom Gefühl der Autofahrt ab, denn sie sind inhaltlich völlig belanglos. Die Handlung - die Autofahrt - korrespondiert mit der Sprache.

Was hier am einzelnen Beispiel gezeigt wird, hat für das gesamte Buch insofern Gültigkeit, als der Rhythmus der Bilder und die Bewegung sprachlich so umgesetzt sind, dass der Film im Kopf entstehen muss, da wir es durch unser Rezeptionsverhalten vom Fernsehen her gewöhnt sind, einzelne Bilder rasch miteinander zu verknüpfen und uns dem Rhythmus zu unterwerfen.

[...]


1 Klappe Auf. Kulturmagazin. 7/2001

2 Badische Neueste Nachrichten. 05.07.2001

3 Badische Zeitung. 08.05.2001

4 Pforzheimer Kurier. 07.10.2003

5 Kerouac, Jack: Unterwegs. Hamburg 1968. (Zitat aus dem Vorwort)

6 Pforzheimer Zeitung. 07.10.2003

8 Pforzheimer Kurier. 16.11.2000

7 Pforzheimer Zeitung. 07.10.2003

9 S. 49

10 Bazin, André: Was ist Kino? Bausteine zur Theorie des Films. Köln 1975. S.37

11 S. 22 f.

Details

Seiten
32
Jahr
2004
ISBN (eBook)
9783638301138
Dateigröße
552 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v28290
Institution / Hochschule
Universität Karlsruhe (TH) – Literaturwissenschaft
Note
sehr gut
Schlagworte
Analyse Interpretation Erzählung Kotuku Rainer Würth Literarische Neuerscheinungen

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