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Sublimierung bei Freud und Scheler

Bachelorarbeit 2014 41 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zum Begriff der ublimierung
2.1 Historische Entwicklung des ublimierungsbegriffes
2.2 Triebsublimierung in den Werken igmund Freuds
2.3 ublimierung und Geist bei Max cheler

3. Kritische Auseinandersetzung der dargestellten ublimierungsbegriffe
3.1 Kritik des ublimierungsbegriffs bei igmund Freud
3.2 Kritik des ublimierungsbegriffes bei Max cheler

4. Der Begriff ublimierung im Kontext ausgewählter philosophischer Ausführungen

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Begriff Sublimierung ist - trotz seiner populären Verbreitung - ein äußerst umstrittener Ausdruck, sowohl innerhalb der Psychoanalyse, als auch bei Kulturphilosophen und Anthropologen. In psychoanalytischen Kreisen wird oft auf die soziokulturelle Bedeutung hingewiesen, die mit der systematischen Einordnung des Begriffes schwierig zu vereinbaren ist. Die Psychologie und philosophische Anthropologie stößt sich dabei besonders an Sigmund Freuds These, dass Kultur und Geist als Triebableitungen zu sehen sind. Doch nach meinem Empfinden besitzt der Begriff der Sublimierung weiterhin seine Berechtigung und vor allem eine bemerkenswerte Aktualität. So steht jedes Individuum in einem stetigen Spannungsfeld von leiblichen Bedürfnissen sowie kultureller bzw. sozialer Einordnung. Diese beiden Realitäten können mithilfe des Sublimierungsbegriffes näher beurteilt und verbunden werden. Dabei entstehen Fragen über den Zusammenhang von Trieb und Geist, wie etwa ob der Leib ein antigeistiges Prinzip darstellt. Diese Fragen werden in den Bereichen Psychologie, Philosophie und philosophischer Anthropologie zu beantworten versucht. Aus diesem Grunde soll die vorliegende Ausarbeitung den von Sigmund Freud populären psychoanalytischen Begriff der Sublimierung analysieren und neben den Sublimierungsbegriff von Max Scheler einordnen.

„Die Triebsublimierung ist ein besonders hervorstechender Zug der Kulturentwicklung, sie macht es möglich, daß höhere psychische Tätigkeiten, wissenschaftliche, künstlerische, ideologische, eine so bedeutsame Rolle im Kulturleben spielen. Wenn man dem ersten Eindruck nachgibt, ist man versucht zu sagen, die Sublimierung sei überhaupt ein von der Kultur erzwungenes Trieb schicksal. Aber man tut besser, sich das noch länger zu überlegen.“[1]

Dieses Zitat aus Sigmund Freuds Werk Das Unbehagen in der Kultur führt die Problematik, ebenso auch die Schwierigkeit im Umgang mit dem Sublimierungsbegriff an. In dieser Anfertigung wird eben jener Begriff der Sublimierung behandelt und die Frage nach dem Triebschicksal soll - wie Freud dies anführt - noch länger überlegt werden. Dazu wird der Ausdruck Sublimierung in einem ersten Schritt in seinen historischen und etymologischen Kontext eingeordnet, das primäre Augenmerk wird dann auf den Sublimierungsbegriffen von Sigmund Freud und Max Scheler liegen.

Auch wenn Sigmund Freud keine ausgearbeitete Theorie der Sublimierung verfasst hat und dieser Begriff verstreut in vielen seiner Werke zu finden ist, hat der Psychoanalytiker dennoch die Idee der Sublimierung, in Abgrenzung zu früheren Autoren, als wichtige kulturelle und psychologische Qualität in seinen Werken befestigt, sodass der Ausdruck auch im gemeinverständlichen Sprachgebrauch seine Berechtigung findet. Für Freud steht fest, dass es Sublimierung gibt, ferner dass Sexualtriebe sublimiert werden, sowie dass Sublimierung als wesentlicher Kulturfaktor anzusehen ist. Unklar bleibt jedoch in seiner Konzeption, welche exakte Rolle Sublimierung bei der Kulturentwicklung spielt und vor allem wie Sublimierung metapsychologisch zu fassen ist. So können im Begriff der Sublimierung zwei Probleme der Philosophie- bzw. Anthropologiegeschichte miteinander verknüpft werden und zwar der Zusammenhang von Körper und Geist sowie das Verhältnis von Individuum zur Gesellschaft. Und so wird die Erarbeitung zum Sublimierungsbegriff bei Sigmund Freud zeigen, dass dieser zwei Dimensionen besitzt; eine soziale und eine individuelle.

Neben Sigmund Freud wird der Philosoph Max Scheler in das Zentrum der Erarbeitung gestellt, genauer gesagt dessen Konzeption des Sublimierungsbegriffes. Für Scheler, einem philosophischen Anthropologen des anfänglichen 20. Jahrhunderts, bildet der Begriff der Sublimierung einen wichtigen Bestandteil, um seine Konzeption von Geist und Drang zu belegen. Für Scheler, der in seinem Spätwerk Die Stellung des Menschen im Kosmos der Frage nach Abgrenzung von Mensch und Tier und einer damit zusammenhängenden Sonderstellung des Menschen nachgeht, ist die typisch menschliche Qualität der Geist. Dieser erklärt die Sonderstellung des Menschen, da er die höchste Seinsschicht darstellt sowie ein „allem und jedem Leben überhaupt, auch dem Leben im Menschen entgegengesetztes Prinzip“2 ist, also entgegen aller biopsychischen Formen steht. Der Geist umfasst neben kognitiver Akte auch eine „bestimmte Klasse volitiver und emotionaler Akte, wie Güte, Liebe, Reue, Erfurcht“3. Das Zentrum dieser geistigen Akte stellt die Person dar. Um seinen Geistbegriff zu unterstützen, führt Scheler den Begriff der Sublimierung ein. Der Geist ist in der Lage sich von der Umwelt- und Triebgebundenheit aller anderen Seinsformen zu befreien. Eben diese Befreiung von der Triebgebundenheit besteht in der Sublimierung von vitaler Energie des Triebes hin zu geistiger Aktivität. Diese Darstellung wird im Folgenden präzisiert und einer kritischen Betrachtung unterworfen, um Schelers Grundthese zu beleuchten, dass die Triebbefreiung des Geistes die charakteristischen menschlichen Züge des Selbstbewusstseins und der Weltoffenheit begründen, sowie dass die Triebbefreiung auf Sublimierung beruht. Da man Sigmund Freud, geboren 1856, und Max Scheler, geboren 1874, grob einer Generation zuordnen kann, bildet diese Ausarbeitung eine Grundlage den Sublimierungsbegriff der beiden Philosophen einer Betrachtung zu unterziehen, welche psychologische, philosophische und philosophisch anthropologische Züge der besagten Theorien des anfänglichen 20. Jahrhunderts zu bieten hat.

2. Zum Begriff der Sublimierung

2.1 Historische Entwicklung des Sublimierungsbegriffes

Der Duden[4]definiert sublimieren als etwas „auf eine höhere Ebene erheben, ins Erhabene steigern; verfeinern, veredeln“[5]sowie psychologisch „(einen Trieb) in künstlerische, kulturelle Leistung o. Ä. um[zu]setzen“[6]. Die Qualität als chemischen Faktor kann an dieser Stelle außen vor gelassen werden. Als Synonyme werden „erhöhen, hochstilisieren, ins Erhabene steigern, kultivieren, verbessern, verfeinern, verschönern, vervollkommnen; [...] veredeln; [...] spiritualisieren“[7]aufgezeigt; die Etymologie des Wortes lässt sich aus dem lateinischen sublimare, was so viel wie erhöhen bedeutet, ableiten. Im Folgenden soll der traditionelle Wortgebrauch von sublim bzw. Sublimierung erörtert und in den Kontext der Darstellungen von Max Scheler und Sigmund Freud eingearbeitet werden.

Bereits in der lateinischen Kultur war der Begriff sublime bekannt und wurde sowohl in wissenschaftlichen als auch in kulturellen Kreisen verwendet[8]. Im 18. Jahrhundert wurde in literarischen Kreisen ein Sprachstil gepflegt, der sublim genannt wurde. Der sublime Sprachgebrauch wurde unter anderem von deutschen Philosophen und Literaten wie Friedrich Schiller, Johann Wolfgang von Goethe, Novalis, Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche gepflegt und steht für das Feinste, für Kultur, für Geist. Im deutschen Wörterbuch von Jakob und Wilhelm Grimm wird sublim „zur kennzeichnung eines erhabenen sprachlichen stils [gebraucht,][...] sublim bezeichnet weiter die erhabene einstellung im geistigen überhaupt“[9]. Bei Friedrich Nietzsche meint sublim den erhabensten Kunstgenuss, Passagen an denen der deutsche Philosoph von sublim spricht, finden sich in vielen seiner Werke, so auch in Die dionysische Weltanschauung von 1870, in der er zu Papier bringt:

„[...] Hier begreift man am leichtesten den unglaublichen Idealismus des hellenischen Wesens: aus einem Naturkult, der bei den Asiaten die roheste Entfesselung der niederen Triebe bedeutet, ein panhetärisches Thierleben, das für eine bestimmte Zeit alle socialen Bande sprengt, wurde bei ihnen ein Welterlösungsfest, ein Verklärungstag. Alle die sublimen Triebe ihres Wesens offenbarten sich in dieser Idealisierung der Orgie.“[10]

Bezogen auf den Menschen bedeutet sublim bei Nietzsche, dass dieser einen erhabenen und hohen Zustand erreicht hat. Doch Nietzsches Sublimierungsgebrauch ist an eine differenzierte Begriffsdarstellung gebunden und soll an späterer Stelle thematisiert werden. Zu erwähnen sei, dass außerhalb des geisteswissenschaftlichen Sprachgebrauchs Sublimierung in der Chemie bzw. Alchemie seit dem Mittelalter geläufig war. Der Franziskanermönch Raimundus Lullus hat „zusammen mit der Destillation, Filtration und Kristallisation, auch die Sublimierung beschrieben“[11]. Diese chemische Qualität der Sublimierung, als „vom festen unmittelbar in den gasförmigen Aggregatzustand übergehen[de]“[12]Begrifflichkeit, wird in der folgenden Ausarbeitung jedoch nicht thematisiert.

Den Sublimierungsmechanismus hat sicherlich erst Sigmund Freud in das kollektive Bewusstsein gebracht. Stefan Andreae schreibt in Zum Begriff der Sublimierung bei Sigmund Freud, dass „die Bezeichnung Sublimierung [...] Freud nach seinen eigenen Aussagen von seinem langjährigen Freund [...] Wilhelm Fließ“[13]übernommen habe. Sublimierung ist ein Begriff, den Freud entschieden geprägt und beeinflusst hat, allerdings darf nicht vergessen werden, dass Friedrich Nietzsche Jahre vor Freud eine Form der Sublimierung in seinen Werken beschrieb[14]. Die Beziehung Freuds zu Nietzsche soll an dieser Stelle nicht vertieft werden, da sich ganze Bücher diesem Thema widmen. Festgehalten werden kann, dass Friedrich Nietzsche den Sublimierungsbegriff in vielen Passagen seiner Werke anführte und allgemein belegt ist mittlerweile ebenso, dass „Freud [.] Nietzsches Werk als Student kennengelernt hat [und sein] Einfluss auf Freud [...] unbestritten [ist]“[15].

Freuds wichtiger Beitrag zur Sublimierung ist deren Einordnung in den psychoanalytischen Kontext. Bezeichnend für die Relevanz, die der Begriff Sublimierung in der analytischen Psychologie spielt, ist, dass die Bezeichnung Sublimierung in Freuds Werken durch Sperrdruck hervorgehoben wurde.[16]Die genauere Erläuterung der psychoanalytischen Qualität der Sublimierung von Sigmund Freud soll im nächsten Kapitel differenziert dargestellt werden. Für Max Scheler stellt die Sublimierung eine bedeutsame Größe in seiner anthropologischen Philosophie dar. Nach Scheler kann der Geist, trieb- und umweltoffen, nur durch jene Sublimierung vom Triebleben befreit werden und vitale Triebenergie zu geistigen Aktivitäten erhöhen. Auch Schelers Sublimierungsdarstellung soll an späterer Stelle genauer gefasst werden. Erstmalige Erwähnung findet die Idee der Sublimierung für Eckart Goebel bei Platon in seinem Werk Symposion[17]. Gert Janssen führt aus, dass Nietzsche in Menschliches, Allzumenschliches II erstmals „von einer ,sublimierten Geschlechtlichkeit4 [...] sprach und damit dem Begriff seine spezifische Bedeutung gab“[18] .Fest steht, dass der Begriff Sublimierung durch die psychoanalytische Rezeption seine Berechtigung in Soziologie, Psychologie und Philosophie gefunden hat.

2.2 Triebsublimierung in den Werken Sigmund Freuds

Der Begriff der Sublimierung wurde von Sigmund Freud in die Psychoanalyse eingeführt, allerdings entwarf der Psychoanalytiker keine Gesamtkonzeption, sondern nur fragmentarische Ansätze dieses Begriffes. Dieses Kapitel widmet sich der Grundstruktur des freudschen Sublimierungsbegriffes, der in einem weiteren Schritt einer kritischen Betrachtung unterzogen wird. Eine praktische Übersicht über diese Thematik bietet das Kapitel Selbstbeherrschung. Sigmund Freud aus dem Werk Jenseits des Unbehagens. Sublimierung von Goethe bis Lacan. Ein sinnvoller kritischer Umgang mit dem psychoanalytischen Sublimierungskonzept bietet die von Gert Janssen verfasste Publikation Der Begriff der Sublimierung und seine Bedeutung für Erziehung und Psychotherapie. Sämtliche im Text kenntliche Zitate sind Freuds Gesammelte Werke entnommen. In Das Unbehagen in der Kultur wird Sublimierung als Vorgang, gemessen an anderen Passagen, anschaulich von Freud beschrieben:[19]

„Eine andere Technik der Leidabwehr bedient sich der Libidoverschiebungen, welche unser seelischer Apparat gestattet, durch die seine Funktion so viel an Geschmeidigkeit gewinnt. Die zu lösende Aufgabe ist, die Triebziele solcherart zu verlegen, daß sie von der Versagung der Außenwelt nicht getroffen werden können. Die Sublimierung der Triebe leiht dazu ihre Hilfe. Am meisten erreicht man, wenn man den Lustgewinn aus den Quellen psychischer und intellektueller Arbeit genügend zu erhöhen versteht. Das Schicksal kann einem dann wenig anhaben. Die Befriedigung solcher Art, wie die Freude des Künstlers am Schaffen, an der Verkörperung seiner Phantasiegebilde, die des Forschers an der Lösung von Problemen und am Erkennen der Wahrheit, haben eine besondere Qualität, die wir gewiß eines Tages werden metapsychologisch charakterisieren können. Derzeit können wir nur bildweise sagen, sie erscheinen uns »feiner und höher«, aber ihre Intensität ist im Vergleich mit der aus der Sättigung grober, primärer Triebregungen gedämpft; sie erschüttern nicht unsere Leiblichkeit. Die Schwäche dieser Methode liegt aber darin, daß sie nicht allgemein verwendbar, nur wenigen Menschen zugänglich ist. Sie setzt besondere, im wirksamen Ausmaß nicht gerade häufige Anlagen und Begabungen voraus. Auch diesen wenigen kann sie nicht vollkommenen Leidensschutz gewähren, sie schafft ihnen keinen für die Pfeile des Schicksals undurchdringlichen Panzer, und sie pflegt zu versagen, wenn der eigene Leib die Quelle des Leidens wird.“[20]

Die Libidoverschiebungen stellen also eine Technik der Leidabwehr- und verschiebung der Triebziele hin zu Arbeit, Wissenschaft, Kunst und im weiteren Sinne auch Philosophie dar. Albert Vinzens schreibt, dass „Verfeinerung der Triebe, kultureller Aufstieg und zuletzt Grenzen der Methode aufgrund nicht allgemeiner Anwendbarkeit [...] die [...] Merkmale von Sublimierung im Sinne Freuds [sind]“[21]. Somit gehört Sublimierung zu den zehn typischen Abwehrmechanismen, zu den außerdem noch Introjektion, Projektion, Ungeschehenmachen, Isolierung, Regression, Reaktionsbildung, Verdrängung, Verkehrung ins Gegenteil sowie Wendung gegen die eigene Person gehören. Unter Abwehrmechanismen werden Techniken verstanden, welche das Ich in einem etwaigen zur Neurose steuernden Konflikt nutzt.[22]Sublimierung wird unter die Abwehrmechanismen eingeordnet, weil „das Ich hierbei den Triebanspruch auf eine andere Art als durch bloße Befriedigung erledigt“[23]. Bei der Sublimierung kommt es nicht zur Verdrängung, da Triebziele und -objekte nur modifiziert werden. In seinem Werk Die kulturelle Sexualmoral und die moderne Nervosität expliziert Freud seinen Begriff der Sublimierung:

„[...] Man nennt diese Fähigkeit, das ursprünglich sexuelle Ziel gegen ein anderes, nicht mehr sexuelles, aber psychisch mit ihm verwandtes, zu vertauschen, die Fähigkeit zur Sublimierung. [...] Die ursprüngliche Stärke des Sexualtriebes ist wahrscheinlich bei den einzelnen Individuen verschieden groß; sicherlich schwankend ist der von ihm zur Sublimierung geeignete Betrag. Wir stellen uns vor, daß es zunächst durch die mitgebrachte Organisation entschieden ist, ein wie großer Anteil des Sexualtriebes sich beim Einzelnen als sublimierbar und verwertbar erweisen wird; außerdem gelingt es den Einflüssen des Lebens und der intellektuellen Beeinflussung des seelischen Apparates, einen weiteren Anteil zur Sublimierung zu bringen. Ins Unbegrenzte fortzusetzen ist dieser Verschiebungsprozeß aber sicherlich nicht, so wenig wie die Umsetzung der Wärme in mechanische Arbeit bei unseren Maschinen. [...] Während dieser Entwicklung wird ein Anteil der vom eigenen Körper gelieferten Sexualerregung als unbrauchbar für die Fortpflanzungsfunktion gehemmt und im günstigen Falle der Sublimierung zugeführt. Die für die Kulturarbeit verwertbaren Kräfte werden so zum großen Teile durch die Unterdrückung der sogenannt perversen Anteile der Sexualerregung gewonnen. [...] Die Bewältigung durch Sublimierung, durch Ablenkung der sexuellen Triebkräfte vom sexuellen Ziele weg auf höhere kulturelle Ziele gelingt einer Minderzahl, und wohl auch dieser nur zeitweilig, am wenigsten leicht in der Lebenszeit feuriger Jugendkraft.“[24]

Für Freud stellen die sublimierten Triebe eine höhere Rangordnung als die unsublimierten dar. Dass sublimierte Triebe ein höheres Kulturgut als unsublimierte bilden, sieht Freud seiner Zeit geschuldet, da diese gesellschaftliche Zwecke höher ansieht, als sexuelle. Da die kulturellen oder sozialen Triebziele, die gegen die erotischen eingetauscht werden, immer höher und besser sind, als die sexuellen, denen etwas selbstsüchtiges anhaftet, enthält der Begriff Sublimierung immer ein Werturteil.[25]So führt Freud aus:

„[...] Er besteht darin, daß die Sexualbestrebung ihr auf Partiallust oder Fortpflanzungslust gerichtetes Ziel aufgibt und ein anderes annimmt, welches genetisch mit dem aufgegebenen zusammenhängt, aber selbst nicht mehr sexuell, sondern sozial genannt werden muß. Wir heißen den Prozeß ,Sublimierung‘, wobei wir uns der allgemeinen Schätzung fügen, welche soziale Ziele höher stellt als die im Grunde selbstsüchtigen sexuellen. Die Sublimierung ist übrigens nur ein Spezialfall der Anlehnung von Sexualstrebungen an andere nicht sexuelle.“[26]

An dieser Stelle beschreibt Freud den Prozess der Sublimierung sowie den inhärenten Vorgang aus sexuellen Trieben, soziale zu formen. Die immense Bedeutung, die Sublimierung für die kulturelle Entwicklung hat, verdeutlicht Freud in Das Unbehagen in der Kultur:

„Die Triebsublimierung ist ein besonders hervorstechender Zug der Kulturentwicklung, sie macht es möglich, daß höhere psychische Tätigkeiten, wissenschaftliche, künstlerische, ideologische, eine so bedeutsame Rolle im Kulturleben spielen. [...] und das scheint das Wichtigste, ist es unmöglich zu übersehen, in welchem Ausmaß die Kultur auf Triebverzicht aufgebaut ist, wie sehr sie gerade die Nichtbefriedigung (Unterdrückung, Verdrängung oder sonst etwas?) von mächtigen Trieben zur Voraussetzung hat.“[27]

Für die Kultur ist Triebverzicht demnach die entscheidende Komponente. Nach Freuds Grundkonzeption besitzt der Mensch die beiden Triebkräfte des Aggressionstriebes und die Libido, die Energie des Eros. Um Kultur zu schaffen, also immer größere Einheiten zu bilden, versucht nun die Kultur vor allem den Aggressionstrieb zu hemmen. Dies geschieht unter anderem in der Ausprägung des Über-Ichs, doch dies soll nur als kleiner Exkurs angedeutet werden. Relevanz besitzt die Tatsache, dass die Hemmung und Abschwächung der Triebe, meist der Sexualtriebe, Kultur entstehen lassen. Freud spricht - unter anderem im Zusammenhang von Homosexualität - davon, dass der Sexualtrieb sich zur „kulturellen Sublimierung“[28]eignet. Diese kulturelle Sublimierung führt Freud in einer immer widerkehrenden Struktur auf, er postuliert:

„Die Kulturhistoriker scheinen einig in der Annahme, daß durch solche Ablenkung sexueller Triebkräfte von sexuellen Zielen und Hinlenkung auf neue Ziele, ein Prozeß, der den Namen Sublimierung verdient, mächtige Komponenten für alle kulturellen Leistungen gewonnen werden.“[29]

Und in Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung heißt es, „Sublimierung der erotischen Triebkräfte und Umsetzung derselben in nicht mehr erotisch zu nennende Strebungen“[30]. Nach diesen Grundannahmen vollzieht sich Sublimierung in eigentlich allen Fällen, die Freud ausführt. Stefan Andreae führt allerdings die Ausnahme an, für den Fall, dass Freud von Sublimierung in Zusammenhang des Destruktionstriebes spricht.[31]An wenigen Stellen setzt Freud Sublimierung mit der Neutralisierung des Destruktionstriebes gleich. Dies kann jedoch aufgrund der quantitativen Textpassagen vernachlässigt werden, zeigt aber deutlich, dass Freud eben keine Gesamtkonzeption des Sublimierungsbegriffes ausführt. Es sollen nun weitere Textabschnitte verdeutlichen, wie der recht vage Begriff der Sublimierung nach Freud das Verhältnis von Trieb und Geist erklären kann. Es ist wiederum die Kulturentwicklung in Kurzer Abriß der Psychoanalyse, die den Begriff konkretisiert:

„Wenn man von wenig bekannten inneren Antrieben absieht, so darf man sagen, der Hauptmotor der Kulturentwicklung des Menschen ist die äußere reale Not gewesen, die ihm die bequeme Befriedigung seiner natürlichen Bedürfnisse verweigerte und ihn übergroßen Gefahren preisgab. Diese äußere Versagung zwang ihn zum Kampf mit der Realität, der teils in Anpassung an dieselbe, teils in Beherrschung derselben ausging, aber auch zur Arbeitsgemeinschaft und zum Zusammenleben mit seinesgleichen, womit bereits ein Verzicht auf mancherlei sozial nicht zu befriedigende Triebregungen verbunden war. Mit den weiteren Fortschritten der Kultur wuchsen auch die Ansprüche der Verdrängung. Die Kultur ist doch überhaupt auf Triebverzicht aufgebaut, und jedes einzelne Individuum soll auf seinem Wege von der Kindheit zur Reife an seiner Person diese Entwicklung der Menschheit zur verständigen Resignation wiederholen. Die Psychoanalyse hat gezeigt, daß es vorwiegend, wenn auch nicht ausschließlich, sexuelle Triebregungen sind, welche dieser kulturellen Unterdrückung verfallen. Ein Teil derselben zeigt nun die wertvolle Eigenschaft, sich von ihren nächsten Zielen ablenken zu lassen und so als ,sublimierte‘ Strebungen ihre Energie der kulturellen Entwicklung zur Verfügung zu stellen.. Ein anderer Anteil bleibt aber als unbefriedigte Wunschregung im Unbewußten bestehen und drängt nach irgendwelcher, wenn auch entstellter, Befriedigung.“[32]

Im Kern besagt Freuds These, dass Kultur trotz ihrer Notwendigkeit etwas Versagendes besitzt, in dessen Endziel ein Triebverzicht steht. Kulturentwicklung und Sublimierung besitzen somit einen ähnlichen Charakter, da Grundlage der Kulturentwicklung offenbar die Lebensnot ist. Diese ist somit auch der Ausgangspunkt der Sublimierung. Wenn Freud feststellt, dass das Ziel der Kulturentwicklung verständige Resignation sei, bedeutet dies, dass er die Unerfüllbarkeit des Strebens der Menschen einsieht. Hier wird deutlich, dass „die Kräfte der Kulturbildung verwandeltete Triebkräfte sind, eine Verwandlung, die unter dem Druck der äußeren Realität geschieht“. Die Triebe werden unter Zwang ihrer Mächtigkeit beraubt, dies stellt dann die entstehende Kultur dar. [33]Die sublimierte Sexualität, in obiger Zitation erwähnt, bezeichnet die gewöhnliche Anwendung des Sublimierungsbegriffes. Die Sexualität scheint ein Wesen zu besitzen, dass in der Realität nicht erfüllt werden kann, sodass sie kulturelle Ersatzformen bilden kann. Festgehalten werden kann, dass „Sublimierung [...] nach Freud Triebverzicht aus Lebensnot [ist], die Folge ist die Entstehung von Kultur“[34].

[...]


[1]Freud, Sigmund: Gesammelte Werke. Chronologisch geordnet, Band 14 hrsg. Von Anna Freud, E. Bibring, W.

[2]Hoffer, E. Kris, O. Isakower, Imago Publishing Co., London 1952, Seite 457.

[3]

[4]Scheler, Max: Die Stellung des Menschen im Kosmos. Bonn 2010, Seite 27.

[5]Ebd.

[6]Vgl. Sublimierung auf: Duden.de. Abzurufen unter: http://www.duden.de/node/730051/revisions/1138720/view. Abgerufen am 23.03.2014.

[7]Ebd.

[8]Ebd.

[9]Ebd.

[10] Vgl. im Folgenden: „Sublim“ im traditionellen Wortgebrauch und das Problem der Sublimierung in: Vinzens, Albert: Friedrich Nietzsches Instinktverwandlung. Basel 1999, Seite 22 - 26.

[11]Sublim in: Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. 16 Bde. in 32 Teilbänden. Leipzig 1854­1961. Quellenverzeichnis Leipzig 1971, sublim bis subsistieren (Bd. 20, Sp. 815 bis 818).

[12]Nietzsche, Friedrich: Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, Band 1 hrsg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari. München und New York 1980, Seite 556.

[13]Vinzens, Albert: Friedrich Nietzsches Instinktverwandlung. Basel 1999, Seite 26.

[14] Sublimierung auf: Duden.de. Abzurufen unter: http://www.duden.de/node/730051/revisions/1138720/view. Abgerufen am 23.03.2014.

[15] Andreae, Stefan: Zum Begriff der Sublimierung bei Sigmund Freud. In: Materialien zur Psychoanalyse und analytisch orientierten Psychotherapie, hrsg. von P. Hahn, E. Herdieckerhoff. Göttingen und Zürich 1975, Seite 7.

[16] Vgl. dazu Die Entdeckung der Sublimierung in der Psychoanalyse in Vinzens, Albert: Friedrich Nietzsches Instinktverwandlung. Basel 1999, Seiten 26 - 32.

[17]Vinzens, Albert: Friedrich Nietzsches Instinktverwandlung. Basel 1999, Seite 26.

[18] Vgl. Vinzens, Albert: Friedrich Nietzsches Instinktverwandlung. Basel 1999, Seite 26, sowie ausgewählte Passagen in Freud, Sigmund: Gesammelte Werke. Chronologisch geordnet, hrsg. Von Anna Freud, E. Bibring, W. Hoffer, E. Kris, O. Isakower, Imago Publishing Co., London 1952.

[19]Vgl. Goebel, Eckhardt: Jenseits des Unbehagens. ,Sublimierung‘ von Goethe bis Lacan. Bielefeld 2009, Seite 9 f.

[20] Janssen, Gert: Der Begriff der Sublimierung und seine Bedeutung für Erziehung und Psychotherapie. Eine kritische Auseinandersetzung mit dem psychoanalytischen Sublimierungskonzept. Berlin 1992, Seite 7.

[21] Vgl. im Folgenden: Die Entdeckung der Sublimierung in der Psychoanalyse in Vinzens, Albert: Friedrich Nietzsches Instinktverwandlung. Basel 1999, Seite 28.

[22] Freud, Sigmund: Das Unbehagen in der Kultur. In: Sigmund Freud: Gesammelte Werke, chronologisch geordnet. Bd. 14. Hrsg. v. Anna Freud , E. Bibring, W. Hoffer, E. Kris, O. Isakower. Imago Publishing Co, London 1952, Seite 437 f.

[23]Vinzens, Albert: Friedrich Nietzsches Instinktverwandlung. Basel 1999, Seite 29.

[24] Das Strukturmodell der Psyche, auch zweite Topik genannt, besteht aus den drei Instanzen Es, Ich und Über- Ich. Während das Es den Ausdruck der Triebe in sich hat, stellt das Über-Ich die sozialen Normen und Werte dar. Das Ich entspricht dem Selbstbewusstsein und kann als Realitätsprinzip erklärt werden. Werden Triebe nicht befriedigt und stehen im Kontrast zum Über-Ich, kann es zur Neurosenbildung kommen. Vgl. für ein einführendes Verständnis: Freud, Sigmund: Das Ich und das Es. In: Freud, Sigmund: Gesammelte Werke, chronologisch geordnet. Bd. 13. Hrsg. v. Anna Freud , E. Bibring, W. Hoffer, E. Kris, O. Isakower. Imago Publishing Co, London 1952.

[25] Janssen, Gert: Der Begriff der Sublimierung und seine Bedeutung für Erziehung und Psychotherapie. Eine kritische Auseinandersetzung mit dem psychoanalytischen Sublimierungskonzept. Berlin 1992, Seite 35.

[26] Sigmund Freud: Die kulturelle Sexualmoral und die moderne Nervosität. In: Sigmund Freud: Gesammelte Werke, chronologisch geordnet. Bd. 7. Hrsg. v. Anna Freud , E. Bibring, W. Hoffer, E. Kris, O. Isakower. Imago Publishing Co, London 1952, Seite 150.

[27]Vgl. Der Begriff der Sublimierung bei Freud. Darstellung und negative Kritik. In: Andreae, Stefan: Zum Begriff der Sublimierung bei Sigmund Freud. In: Materialien zur Psychoanalyse und analytisch orientierten Psychotherapie, hrsg. von P. Hahn, E. Herdieckerhoff. Göttingen und Zürich 1975, Seite 9.

[28] Freud, Sigmund: Gesammelte Werke, chronologisch geordnet. Bd. 11. Hrsg. v. Anna Freud , E. Bibring, W. Hoffer, E. Kris, O. Isakower. Imago Publishing Co, London 1952, Seite 358.

[29] Freud, Sigmund: Das Unbehagen in der Kultur. In: Sigmund Freud: Gesammelte Werke, chronologisch geordnet. Bd. 14. Hrsg. v. Anna Freud , E. Bibring, W. Hoffer, E. Kris, O. Isakower. Imago Publishing Co, London 1952, Seite 457.

[30] Freud, Sigmund: Die kulturelle Sexualmoral und die moderne Nervosität. In: Sigmund Freud: Gesammelte Werke, chronologisch geordnet. Bd. 7. Hrsg. v. Anna Freud , E. Bibring, W. Hoffer, E. Kris, O. Isakower. Imago Publishing Co, London 1952, Seite 153.

[31]Freud, Sigmund: Die infantile Sexualität. In: Sigmund Freud: Gesammelte Werke, chronologisch geordnet. Bd. 5. Hrsg. v. Anna Freud , E. Bibring, W. Hoffer, E. Kris, O. Isakower. Imago Publishing Co, London 1952, Seite 79.

[32]Freud, Sigmund: Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung. In: Sigmund Freud: Gesammelte Werke, chronologisch geordnet. Bd. 10. Hrsg. v. Anna Freud , E. Bibring, W. Hoffer, E. Kris, O. Isakower. Imago Publishing Co, London 1952, Seite 106.

[33]Vgl. Grunddefinition der Sublimierung in Andreae, Stefan: Zum Begriff der Sublimierung bei Sigmund Freud. In: Materialien zur Psychoanalyse und analytisch orientierten Psychotherapie, hrsg. von P. Hahn, E. Herdieckerhoff. Göttingen und Zürich 1975.

[34] Freud, Sigmund: Gesammelte Werke, chronologisch geordnet. Bd. 13. Hrsg. v. Anna Freud , E. Bibring, W. Hoffer, E. Kris, O. Isakower. Imago Publishing Co, London 1952, Seite 424.

Details

Seiten
41
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656833796
ISBN (Buch)
9783656833802
Dateigröße
631 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v282977
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel – Philosophisches Seminar
Note
1,0
Schlagworte
Philosophie Max Scheler Sigmund Freud Sublimierung sublimation

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Titel: Sublimierung bei Freud und Scheler