Lade Inhalt...

Einsatzmöglichkeiten für Tiere in der Therapie. Allgemeine Informationen und Beispiele

Akademische Arbeit 2006 44 Seiten

Sozialpädagogik / Sozialarbeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1 Tiergestützte Pädagogik und Therapie
1.1 Zur Klärung der Begriffe „Therapie“ und „tiergestützt“
1.2 Lernen mit Tieren
1.3 Tiere als therapeutische Begleiter

2 Setting
2.1 Einrichtung des Gesundheitswesens
2.1.1 Arbeit als Tierbesuchsdienst
2.1.2. Krankenhäuser und Seniorenheime
2.1.3 (Psycho)Therapeutische Einrichtungen
2.1.4. Tiere in der Resozialisierung
2.2 Jugendfarmen
2.3 Schulbauernhöfe
2.4 Tiere in Schulen, Kindergärten und -tagesstätten
2.4.1 Bauernhofkindergärten

3 Tiere in sozialen Projekten
3.1 Soziale Arbeit mit Neuweltkameliden
3.2. „Die kleine Schweineschule“
3.3 Der Klassenhund - „Schule mit Jule“
3.4 „Green Chimneys“ in den USA
3.5 Konzeptgedanke „Almpädagogik“

4 Schlusswort

5 Quellennachweis:

Vorwort

In einem Großteil der deutschen Haushalte werden die unterschiedlichsten Haustiere wie Hunde, Katzen, Meerschweinchen, Fische oder Terrarientiere gehalten, wobei zum Teil horrende Summen für die Tierhaltung ausgegeben werden.

Welche Auswirkungen der Tiere auf den Menschen werden erwartet? Warum wird in bestimmten (Lebens-)Situationen auf die Präsenz von Tieren Wert gelegt? Warum wünscht sich der Großteil der Kinder ein Haustier? Wie kann der Kontakt mit Tieren in die verschiedensten Arbeitsfelder der Sozialen Arbeit integriert werden und welche Ergebnisse sind zu erwarten?

„Jeder Mensch hat ein angeborenes Bedürfnis, mit Tieren umzugehen. Bereits seit Jahrhunderten haben Tiere in der Therapie ihren Platz. Katzen werden schon seit der Antike vor allem bei nervlichen und psychischen Problemen eingesetzt. Seit den 60er Jahren wird wissenschaftlich an Universitäten untersucht, welchen gesundheitsfördernden Einfluss Tiere auf den Menschen haben können. Dabei fand man heraus, dass sich der Umgang mit Vierbeinern positiv auf die psychische Gesundheit auswirkt.

Die Tiertherapien erlebten so ihre Geburtsstunde.“ (www.br-online.de, o. V., aufgerufen am 09.01.06)

Auffallend ist, dass das Hingezogensein zu Tieren in allen Fällen von Kindesbeinen an bei jedem Kind zu finden ist, die spätere Ausprägung doch zu großen Stücken von der Erziehung durch die Eltern bzw. die Sozialisation des Kindes abhängt.

Umso wichtiger ist der gezielt herbeigeführte Kontakt zwischen Mensch und Tier mit all den sich daraus ergebenden Möglichkeiten um Lernerfahrungen in den verschiedensten (Lebens)Bereichen tätigen zu können.

1 Tiergestützte Pädagogik und Therapie

1.1 Zur Klärung der Begriffe „Therapie“ und „tiergestützt“

„Unter dem Begriff Therapie werden allgemein Heilbehandlungen, Behandlungen von Krankheiten oder andere Heilverfahren verstanden. Feuser (1991) versteht unter Therapie ein „ Mittel der Strukturierung von Lebens- und Lernfeldern in einer Weise, dass sie unter den individuellen Bedingungen eines jeden Menschen aneigbar sind, d. h. auf die Verhältnisse einzuwirken und sie zu verändern, damit in den Aneignungsprozessen andere Verhaltensweisen in der Rückwirkung auf die Verhältnisse reduzieren können“ (ebd., zit. Nach Wald/Berger o. J.).

Bei der „Therapie“ handelt es sich also um menschliches Lernen, welches sich im Zusammenhang mit einer Strukturierung von Aneignungsprozessen vollzieht, mit dem Ziel die eigene Lebensqualität zu steigern.“ (Förster, 2005, Seite 26)

„In Anlehnung an die amerikanischen Termini AAA (Animal Assisted Activities) und AAT (Animal Assisted Therapy) (Burch et. al., 1996), unterscheidet man in Deutschland zwischen tiergestützten Aktivitäten (z. B. Tierbesuchsdiensten) und tiergestützter Therapie sowie tiergestützter Pädagogik. Unter tiergestützter Therapie versteht man gezielte Interventionen im Rahmen eines therapeutischen Konzeptes, die Tiere einbeziehen.“ (Endenburg, N. 2003 in Otterstedt 2003; vergl. Auch Förster 2005 Seite 26 f.)

Die tiergestützte Therapie ist von der tiergestützten Pädagogik nur schwer und daher unzureichend zu trennen, da auch zur tiergestützen Therapie Elemente der tiergestützen Pädagogik („Lernen mit Tieren“) benötigt werden um die auch hier notwendigen Lernprozesse anzuregen.

1.2 Lernen mit Tieren

Das Lernen mit Tieren stellt das Herzstück der tiergestützen Pädagogik dar.

Mit dem Begriff „lernen“ wir von den meisten Menschen sofort der Begriff „Schule“ mit all den damit verbundenen positiven oder negativen Erinnerungen assoziiert.

Das Lernen natürlich im Rahmen der Schule stattfindet, aber bis an das Lebensende hinausgeht, wir von vielen Menschen nicht beachtet. Der Begriff des „lebenslangen Lernens“ hat in den letzten Jahren in Verbindung mit der demographischen Entwicklung in Deutschland immer mehr an Bedeutung gewonnen.

Nicht nur das Drücken der Schulbank wir hier im Rahmen des Lernens gesehen, sondern all die Lernprozesse, welche Menschen im Laufe ihres Lebens durchlaufen.

„Lernen ist ein nicht beobachtbarer Prozess, der durch Erfahrung und Übung zustande kommt und durch den Verhalten relativ dauerhaft entsteht oder verändert wird.“ (Hobmair, 1998, Seite160)

Lernen wir hierbei als ständige Veränderung des Menschen betrachtet, die andauernde Adaption an veränderte Lebensbedingungen.

So fallen neben dem Erlernen verschiedenster Kenntnisse wie z. B. die Fähigkeit der logischen Problemlösungen in der Mathematik, handwerklicher Kenntnisse oder dem Erlernen eines Vokabelwortschatzes auch die als „soft-skills“ bezeichneten Eigenschaften einer Person, deren Schlüsselqualifikationen, in den Bereich des Lernens. Diese sind im Gegensatz zu den „hard-skills“ nicht auf Zertifikaten nachzulesen. Neben den im (beruflichen) Alltag geforderten soft-skills wie Pünktlichkeit u. ä. zählen auch Freundlichkeit, Aufgeschlossenheit usw. zu den gewünschten Eigenschaften einer Person. Diese Eigenschaften müssen ebenso erlernt werden, wie Mathematik oder Vokabeln.

„Man spricht hier von der emotionalen und der sozialen Intelligenz, dessen Ausprägung die Entwicklung andere Fähigkeiten keineswegs beeinträchtigt. (…) Jede Aktivierung bewusster Prozesse – also auch das Lernen – ist von Emotionen begleitet. Sie (die Emotionen, Anm. d. Verf.) bewerten psychische Aktivitäten, geben ihnen zum Beispiel eine positive oder negative Tönung. So können sie im Falle von positiven Emotionen durchaus eine zuvor nur partielle Informationsverarbeitung erweitern, sie können genauso im Falle negativer Emotionen zur Begrenzung, ja, zur Abspaltung ganzer Bereiche von Wissen beitragen.“ (vergl. Schwarzkopf 2003, Seite 255)

Unter der intrapersonalen Intelligenz versteht man die Regelung der innerpsychischen Prozesse der eigenen Person, z. B. der Abstimmung des Selbst- und Fremdbildes sowie der daraus resultierenden Handlungen, was ein hohes Maß an mit der Realität übereinstimmender Selbstwahrnehmung bedeutet.

Die interpersonale (soziale) Intelligenz bezeichnet die Art und Weise der Beziehungen der eigenen Person zu Mitmenschen oder Tieren. Darunter zählen auch die Ausprägung der Empathie gegenüber Mitmenschen, das abstrakte „sich in jemanden hineinversetzen“, sowie das Deuten der daraus abgeleiteten Gefühlsregungen. Die Fähigkeit zum Erfassen sozialer Beziehungen beinhaltet ebenfalls, die nonverbalen Regungen des Gegenübers deuten und danach handeln zu können.

Durch die Pluralität der sozialen Erfahrungen während der Sozialisation v. a. der dadurch entstehenden „schwierigen“ Jugendlichen fehlt es oft an diesen Fähigkeiten. Die im Laufe der Zeit als „Soziopathen“ bezeichneten Personen haben enorme Schwierigkeiten, sich im bestehenden Sozialgefüge zurechtzufinden und die herrschenden Werte und Normen bzw. die zwischenmenschlichen Verhaltensregeln zu akzeptieren. Gefühle wie Mitleid oder Liebe zu zeigen werden mit „Schwäche zeigen“ in Verbindung gebracht. Gegenüber Mitmenschen würden sich diese Menschen (insb. Jugendlichen) nur sehr schwer oder gar nicht öffnen oder anvertrauen. So werden bestehende Probleme nur unzureichend verarbeitet oder mit Hilfe von Gewalt „gelöst“. Jugendliche, welche sich als folgende Konsequenz in Jugendstrafanstalten o. ä. aufhalten, könnten mit Hilfe von Tieren lernen, eine gelingende soziale Beziehung aufzubauen und am Fortbestehen dieser beizutragen. Dies könnte dann wiederum auf das herrschende Umfeld übertragen und in den lebensweltlichen Kontext eingebunden werden.

Die Art der sozialen Beziehung, in der das Lernen stattfindet ist also von großer Bedeutung. So können zum einen Chancen und Möglichkeiten geschaffen, zum anderen Zugänge gestört bzw. verschüttet werden. Zu sehen ist dies z. B. bei als „Schulverweigerer“ bezeichneten Jugendlichen, welche nach erfolgter Bestätigung des eigenen Handelns durch erzielte Erfolge (intrinsisch) oder durch Dritte (Lehrer, Pädagogen, peer-group; extrinsisch) unerwartet „aufblühen“ und Lernerfolge sichtbar werden.

1.3 Tiere als therapeutische Begleiter

Dies kann und wird in verschiedensten pädagogisch-therapeutisch arbeitenden Einrichtungen durch die Arbeit mit Tieren als „Co-Therapeuten“ gezielt gefördert.

Es werden Situationen geschaffen, in denen Menschen durch den Kontakt oder die Betreuung von Tieren in ihrem Handeln bestärkt werden. So wird ein Lama, eine Kuh oder sonstiges Tier erst nach gewisser Zeit Vertrauen fassen und sich dem Menschen nähern. Durch das der Situation angepasste Handeln erfährt der Jugendliche durch das Tier zunehmende Bestätigung durch dessen Hinwendung zum Menschen.

Vertrauen ggü. der eigenen Person zu erfahren und sich angenommen fühlen, egal mit welcher körperlichen Erscheinung stellt für viele Menschen z. B. mit schwerer körperlicher Behinderung oder aus zerrütteten familiären Verhältnissen, eine bedeutsame Erfahrung dar. Durch die Bestätigung der Person wird es möglich, verloren gegangenes Selbstvertrauen und das damit verbundene Selbstwertgefühl erheblich zu steigern. Durch Mitmenschen verletzte Personen wie Opfer sexueller Gewalt wird durch das „Medium Tier“ der Zugang zu anderen Menschen erleichtert oder überhaupt erst ermöglicht.

So werden einem Tier, viel leichter und schneller als einem Mitmenschen, die eigenen Ängste anvertraut und über bestehende Sorgen gesprochen. Durch dieses verbalisieren emotionaler Erlebnisinhalte, d. h. der Bewusstwerdung der eigenen Lage, eingebettet in den sozialräumlichen Kontext – i. S. der Erschließung oder Bewusstwerdung bestehender Netzwerke - wird der Weg zur gelingenden Kommunikation zu anderen Menschen und die Möglichkeit das eigene Handeln zu reflektieren geschaffen.

Je nach Wohnort und / oder Lebensweise wird jeder Mensch unterschiedlichen Kontakt mit Tieren aufsuchen. Außerhalb des üblichen Kinderwunsches, ein Haustier als Spielkameraden zu betreuen, verändern sich im Laufe des Lebens und der individuellen Sozialisation die Wünsche entsprechend den jeweiligen individuellen Bedürfnissen des Menschen. „Das Tier wird Partner im sozialen Leben, Begleiter in Freizeit und Sport usw. Ein Tier hilft auch in Krisensituationen. Eine Ratte oder ein Hund kann beispielsweise einem Obdachlosen Respekt und Sicherheit geben („Sonst wär man ja ganz allein unter den vielen Menschen“), ist ihm Kumpel und Partner, der ihm unabhängig von seiner Lebenssituation achtet und ihm vertraut.“ (Otterstedt, 2001, Seite 19)

Trotz den offensichtlichen Vorteilen, den der Kontakt mit Tieren mit sich bringt, treten viele Einrichtungen dieser Idee mit Skepsis gegenüber. Vielmals wird befürchtet, dass ein Tier einen älteren oder geschwächten Menschen durch das Übertragen von Krankheitserregern gefährlich sein könnte.

Erfahrungsberichte zeigen jedoch, dass sich Tierbesuche auch bei Menschen mit angeschlagenem Immunsystem als sehr hilfreich für die Rekonvaleszenz erwiesen, wenn ein angemessenes Maß an Hygienemaßnahmen getroffen wird. Dieses Problem soll später aber noch ausführlich behandelt werden.

Was in angelsächsischen Ländern seit Jahren zur üblich Praxis gehört und in Deutschland in der Durchführung begonnen wird, zählt Otterstedt auf:

- Tierbesuchsdienst (mit Privattieren oder Tieren aus dem Tierheim) als Begleitung von behinderten, alten, kranken oder auch sterbenden Menschen,
- Tiere als therapeutische Begleiter u. a. im Rahmen des Klinik- oder Pflegeheim-Alltags auf Station und bei der Visite,
- Tiere als therapeutische Begleiter u. a. ausgebildet als Begleithund, z. B. für Blinde, Schwerhörige oder Rollstuhlfahrer.

In Übereinstimmung mit dem Pflegepersonal werden hierbei die zu erreichenden Ziele besprochen und abgestimmt. Das wären u. a. die Einrichtung eines Tierbesuchsdienstes, einer „Kurzzeittherapie“ oder die Bereitstellung eines Tieres für einen längeren Zeitraum wie eines Blindenhundes oder ähnlichem.

Otterstedt nennt folgende, erreichbare Zielsetzungen:

- Förderung der nonverbalen und verbalen Sprach- und Dialogfähigkeit,
- Erhalt und Förderung der körperlichen und geistigen Mobilität,
- Unterstützung auf der Suche nach der eigenen seelischen Balance,
- Impulse für soziales Verhalten und damit Verhinderung sozialer Isolation.

(Vergl. Otterstedt, 2001)

Als Beispiel können folgende, inhaltliche Schwerpunkte eines Therapieangebotes genannt werden:

- Wahrnehmungsfördernde Aufgaben für geistig behinderte Menschen
- Kommunikationsfördernde Angebote für verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche
- Spielfördernde Angebote für alle Kinder, die an der Therapie teilnehmen
- Hinwendung und Erziehung zu Verantwortungsbewusstsein und Übernahme von täglichen Verpflichtungen gegenüber den Tieren
- Überwindung der Einsamkeit in Institutionen
- Mobilisation älterer Menschen
- (…)

2 Setting

Die Arbeit mit Tieren kann im Rahmen der tiergestützten Sozialen Arbeit, der tiergestützten Therapie und Pädagogik an den verschiedensten Orten erfolgen.

Grundsätzlich können die Tiere zu den Menschen oder die Menschen zu den Tieren kommen. Beides ist der jeweiligen Situation der Menschen aber auch der Tiere angepasst.

Die gut durchdachte Wahl des Settings trägt in nicht unerheblichem Maße zum Gelingen z. B. einer Maßnahme der Jugendhilfe bei, das Setting schafft den äußeren Rahmen, in dem die tiergestützte Arbeit stattfindet.

Im Folgenden werden die Einsatzgebiete der tierischen Therapeuten im Einzelnen aufgeführt und näher erläutert werden.

2.1 Einrichtung des Gesundheitswesens

Tiere können und werden mit großem Erfolg in den verschiedensten Bereichen des Gesundheitswesens eingesetzt.

Hierunter fallen die Krankenhäuser, Alten- und Pflegeheime sowie psychotherapeutisch arbeitende Einrichtungen sowie Einrichtungen der Resozialisierung, Fachkliniken für Substanzabhängige, Heime für Menschen mit Behinderung, Betreutes Wohnen sowie im Rahmen der ambulanten und stationären Hospitzarbeit.

Menschen, die mit einem Tier zusammenleben, fühlen sich nicht so allein. Sie geraten seltener in eine depressive Stimmung und haben in Zeiten der psychischen Belastung ein Tier als Gesprächspartner zur Seite.

2.1.1 Arbeit als Tierbesuchsdienst

In manchen Fällen, in denen keine dauerhafte Tierhaltung erwünscht oder aus organisatorischen Gründen nicht möglich ist, fällt das Halten institutionseigener Tier außer Betracht.

Hier kommt die Einrichtung eines Tierbesuchsdienstes in Frage, bei dem Tiere von ehrenamtlichen Helfern in bestimmten Abständen (wöchentlich, 14-tägig, …) zu den Patienten gebracht werden.

Der Tierbesuchsdienst verbindet viele der Vorteile, welche durch den Kontakt mit Tieren entstehen mit der Unverbindlichkeit eines Krankenbesuches, was vor allem in der Anfangszeit von Seiten der Einrichtung geschätzt werden.

Durch die Einrichtung eines Tierbesuchsdienstes profitieren aber nicht nur die Patienten; Otterstedt (2001) nennt hier folgende Punkte:

- Der Mensch, der besucht wird, erhält Kontakt zum Tier, kann neue soziale Kontakte aufbauen, wird durch den Tierbesuchsdienst auch für bereits bestehende soziale Kontakte (z. B. gleichzeitiger Besuch von Freunden, Familie) wieder interessanter
- Das Tier erweitert seine sozialen Kontakte, lernt neue Lebensräume kennen und erhält eine neue Aufgabe, die von Erfolgserlebnissen, Lob und Leckerli begleitet ist.
- Viele Tierhalter leben mit ihrem Tier alleine. Durch den Tierbesuchsdienst erhalten auch die Tierhalter neue soziale Kontakte. Der Tierhalter hat im Tierbesuchsdienst die Möglichkeit, sich sozial zu engagieren. Das Tier hilft ihm über mögliche anfängliche Berührungsängste hinweg. Das Tier ist Thema und Mittler im Kontakt zum Menschen und erleichtert dadurch die Kontaktaufnahme auch zu Fremden.
- Die Betreuer der besuchten Menschen erhalten während des Tierbesuchs die Gelegenheit, einmal auf einer anderen Ebene mit dem zu Betreuenden zu kommunizieren. Der Gesprächs- und Körperkontakt z. B. zwischen Pfleger und Patienten bleibt nicht auf pflegerische Maßnahmen beschränkt. Beide haben durch den Tierbesuchsdienst nun auch gemeinsame Erlebnisse, über die man sprechen kann und die nicht nur die Krankheit betreffen. (Otterstedt, 2001, Seite 190)

Da Tierbesuchsdienste fast vollständig durch ehrenamtliche Helfer abgedeckt werden, fallen hier nur sehr geringe Kosten für alle Beteiligten an.

Deutschlandweit wird die Zahl der ehrenamtlichen Helfer auf etwa 300 geschätzt. Das Interesse an Tierbesuchsprogrammen und die Bereitschaft, daran teilzunehmen, steigen stetig.

Das stellt einen unumstrittenen Vorteil dar und ist vielleicht auch ein Grund, sich als Institution dafür zu entscheiden, sollte jedoch der professionelle, sozialarbeiterische Gedanke, i. S. der Professionalisierung der Sozialen Arbeit dabei nicht aus dem Auge verloren werden.

Könnte hier doch ein Beschäftigungsfeld im Bereich der Sozialen Arbeit geschaffen werden, was den bisher üblichen Tierbesuchsdienst nicht ablösen, ihn aber verbessern könnte.

Den Tierbesuchsdienst lediglich von geschultem Personal wie Sozialpädagogen oder Erzieher durchführen zu wollen, ist sicherlich nicht im Sinn dieser Idee.

Dennoch könnte eine Art Teamgespräch aller Involvierten Betreuer, also der Tierhalter und z. B. des Pflegepersonals, durch Sozialpädagogen erfolgen. Dies sollte nicht im Sinne von Wissensvermittlung o. ä. erfolgen, sondern dem Pflegepersonal und den dafür nicht geschulten Tierhaltern die Möglichkeit bieten, sich Hilfe bei aufgetretenen Problemstellungen zu holen und ihr eigenes Handeln zu reflektieren.

Die dadurch entstehenden Kosten wären sicherlich tragbar, die Betroffenen zufriedener und der Tierbesuchsdienst würde dadurch an zusätzlicher Qualität gewinnen.

Kosten des Tierbesuchsdienstes können durch Spenden, Patenschaften o. ä finanziert werden; Unterstützung findet man z. B. bei Kleintierzuchtvereinen, Vereinen, welche Tiere in die Soziale Arbeit integrieren möchten („Leben mit Tieren e. V.“), oder Zoofachgeschäften.

Die Dauer des Tierbesuches hängt von der Verfassung der Patienten ab. So ist z. B. bei Menschen mit Konzentrationsschwäche ein Tierbesuch von 30 Minuten sinnvoller als ein ganzer Nachmittag, welcher schnell zur Belastung würde.

In Seniorenheimen oder Krankenhäusern hingegen kann der Tierbesuch im Rahmen eines „Kaffeekränzchens“ der Bewohner in Beisein der Tiere den ganzen Nachmittag andauern, auch Spaziergänge mit den Tieren sind dabei möglich.

Dass die hierfür, wie die auch überall anders eingesetzten Tiere tierärztlich betreut und frei von Krankheiten sein sollten, versteht sich von selbst.

2.1.2. Krankenhäuser und Seniorenheime

„Mittlerweile nimmt in Deutschland bereits mehr als jedes zwanzigst der knapp 7000 Alteneinrichtungen die Haustiere ihrer Bewohner mit auf.“ (mündl. Mitteilung Hr. Spitz, Seniorenheim Neumarkt) Nach Schätzungen des Vereins „Tiere helfen Menschen“ gibt es derzeit etwa 90 Seniorenheime sowie einige Behinderteneinrichtungen und Kinderheime, die an Tierbesuchsprogrammen teilnehmen.

Während in Krankenhäusern vor allem der Tierbesuchsdienst anzutreffen ist, ist es in manchen Seniorenheimen möglich die eigenen Tiere mitzubringen, oder gar auf die Anwesenheit einrichtungseigener Tiere zurückgreifen zu können.

Warum ist für Senioren der Kontakt zu Tieren wichtig?

Gerade in einem Pflege- oder Seniorenheim ist der ältere Mensch zuvor aus seiner vertrauten Umgebung mehr oder weniger „herausgerissen“ worden, von seinem sozialen Umfeld entfernt. Ist nun ein Haustier vorhanden, ist dies meist der einzige Trost und der einzige positive Blick in die Zukunft.

Dass das Zusammenleben von Menschen und Tieren positive gesundheitliche Auswirkungen auf den Gesundheitszustand, bzw. die Rekonvaleszenz eines (älteren) Menschen hat, erläutern Gäng und Turner an folgendem Beispiel:

„Die Amerikaner Erik Friedmann und Aaron Katcher fanden 1979 in einer Untersuchung heraus, dass in einer Gruppe von Koronar- und Infarktpatienten innerhalb eines Jahres weitaus mehr Patienten verstorben waren, die kein Haustier hielten, als Patienten mit Haustier. Da auch die Hundebesitzer hier mitgezählt waren, mochte die Differenz auch dadurch so beeindruckende sein, dass ja Hundebesitzer täglich spazieren gehen müssen und somit physisch länger fit bleiben.

Um den Spaziergang-Effekt auszuklammern, schlossen Friedmann und Katcher in einem nächsten Schritt die Hundebesitzer aus ihrer Studie über den mortalitätssenkenden Effekt von Haustieren aus und evaluierten nur noch die Gruppe von 92 Patienten mit Angina pectoris oder Herzinfarkt, von denen 53 Patienten ein Haustier besaßen und 39 keines. Nach einem Jahr waren von den 39 Nicht-Haustierbesitzern elf verstorben, von den 53 Haustierbesitzern aber nur drei. (Hervorhebung d. d. Verf.)

Diese Mortalitäts-Differenz zwischen Haustierbesitzern und Nicht-Haustierbesitzern ist signifikant. Sie lässt sich nach Friedmann und Katcher durch nichts anderes als den Faktor „Haustierhaltung“ erklären“ (Gäng, Turner, 2005, Seite 32)

An Beispielen dieser Art wird deutlich, dass der Erfolg der tiergestützten Arbeit durchaus in Zahlen angegeben und somit nachgewiesen werden kann.

An immer mehr Seniorenheimen wird das Bedürfnis zum Kontakt mit Tieren von Seiten der Bewohner ernst genommen.

„Die Tierhaltung und der Umgang mit Tieren in der Integration von therapiebegleitenden Maßnahmen erfordern spezielle Kenntnisse. Der Diozösen-Caritasverband für das Erzbistum Köln führt in Zusammenarbeit mit dem Kuratorium Deutsche Altenhilfe eine sechsmonatige Fortbildung „Tiere öffnen Welten: Fachgerechter Einsatz von Tieren in der Altenhilfe“ für Angestellte in Pflegeberufen durch. Wissenschaftler und Praktiker aus den Bereichen Gerontologie, Altenhilfe, Veterinärmedizin und Sozialwissenschaften werden neben den Aspekten Hygiene, des Tierschutzes und der rechtliche Grundlagen die Mensch-Tier-Beziehung beleuchten. Einer der Schwerpunkte liegt auf therapeutischen Maßnahmen für Demenz-Erkrankte. Die Teilnehmer erhalten nach einer Prüfung ein Zertifikat.“ (vergl. Forschungskreis Heimtiere in der Gesellschaft (Hrsg.), „Mensch & Tier“, Ausgabe 01-2004, Seite 3)

Aber nicht nur der Tierbesuchsdienst oder das Mitbringen eigener Tiere in ein Seniorenheim stellt sich als Möglichkeit, tiergestützt zu arbeiten dar, sondern auch das Einrichten eines „heimeigenen Tierparks“ oder eines Tierbegegnungshauses.

Innerhalb ihnen zugeteilter Bereiche werden Ziegen Hühner, Schafe oder Kaninchen gehalten. Vor Planung eines solchen Projektes muss abgeklärt werden, welche Zielsetzung dabei verfolg wird. Sollen die Senioren zur aktiven Mitarbeit motiviert werden? Werden Tiere nur zum Streicheln oder Ausführen benötigt? Sollen die Tiere zum Zusammensein an frischer Luft anregen?

Je nach den Vorstellungen oder der Ideologie der jeweiligen Institution, den finanziellen Mitteln sowie den Wünschen, Bedürfnissen und Fähigkeiten der Bewohner wir die Wahl ausfallen.

2.1.2.1 Das Mensch-Tier-Begegnungshaus

Eine besonders interessante Möglichkeit stellt das Errichten eines Mensch-Tier-Begegnungshauses dar (vergl. Große-Siestrup, C., in Gäng, Turner 2005, Seite 78 ff)

Zielsetzung ist hierbei, eine Räumlichkeit zur gleichzeitigen Begegnung von Menschen (auch Kranken und Menschen mit Behinderung) und Tieren außerhalb des Seniorenheims oder des Krankenhauses zu ermöglichen, dabei aber die Möglichkeit zu großer Nähe und gleichzeitig ausreichender Distanz zu einzelnen Tieren oder Tiergruppen bieten zu können.

[...]

Details

Seiten
44
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783656820758
ISBN (Buch)
9783668139848
Dateigröße
720 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v283003
Institution / Hochschule
Georg-Simon-Ohm-Hochschule Nürnberg
Note
1,3
Schlagworte
einsatzmöglichkeiten tiere therapie allgemeine informationen beispiele

Teilen

Zurück

Titel: Einsatzmöglichkeiten für Tiere in der Therapie. Allgemeine Informationen und Beispiele