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Büchners "Woyzeck". Vergleich der Szenen "Der Hauptmann. Woyzeck" und "Woyzeck. Der Doctor"

Der Zusammenhang von Nicht-Kommunikation und Gewalt

Seminararbeit 2002 19 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Georg Büchner –Leben und Werk

2. Hintergründe des Dramas „Woyzeck“

3. Interpretationen
3.1. Der Hauptmann. Woyzeck
3.2. Woyzeck. Der Doktor

4. Gewalt und Nicht-Kommunikation
4.1. Der Hauptmann. Woyzeck
4.2. Woyzeck. Der Doktor

5. Bemerkung in Hinblick auf die Aktualität „Woyzecks“

Literaturverzeichnis

1. Georg Büchner – Leben und Werk

Georg Büchner, der Autor des Dramas „Woyzeck“, wird am 17. Oktober 1813 in Goddelau bei Darmstadt als Sohn einer angesehenen Arztfamilie geboren. 1831 nimmt er in Straßburg das Medizinstudium auf und findet Kontakt zu politischen Kreisen der Studentenschaft. Nach zwei Jahren muss er aufgrund der hessischen Gesetze sein Studium im Heimatlande weiterführen; er geht nach Gießen. Dort findet er es, verglichen mit der freiheitlichen Gesinnung in Straßburg, als bedrückend. Er schließt sich einer Gruppe revolutionärer Studenten an und verfasst im Jahre 1834 die Flugschrift „Der hessische Landbote“, die gegen die absolute Gewalt des Herrschers gerichtet ist. Er wird deswegen von der Polizei gesucht und flieht im Jahre 1835 nach Straßburg. Seit Oktober 1836 ist Büchner Privatdozent für Medizin in Zürich, wo sein unvollendet gebliebenes Drama „Woyzeck“ entstanden ist. Büchner stirbt am 19. Februar 1837 in Zürich in Folge einer Typhusepidemie.[1]

Aufgrund seiner Genialität der psychologischen „Durchleuchtung“ der Personen und ihrer Handlungen, seiner scharfen Betonung des Sozialen und seiner neuartigen stilistischen und dramaturgischen Mittel ist Georg Büchner einer der bedeutendsten Pioniere des neuen Dramas. Seine Technik der Aneinanderreihung von Szenen und Bildern ohne »strenges Kausalprinzip«[2] kann als Vorwegnahme des epischen Stils gelten. Büchner beschäftigt sich im „Woyzeck“ mit verschiedenen Themen, die im Stück dadurch zusammengehalten werden, dass sie an die Hauptfigur, die ausnahmsweise nicht den höchsten gesellschaftlichen Schichten entstammt, und an die Personen ihres sozialen Umfeldes gebunden sind. Einige dieser thematischen Gesichtspunkte werden von Büchner auch in seinen anderen schriftstellerischen Werken behandelt: Isolation, Wahnsinn und Nicht-Kommunikation in „Lenz“, die soziale und politische Problematik im „Hessischen Landboten“, der entscheidende Einfluss der Verhältnisse auf das Leben und Handeln des einzelnen Menschen in „Dantons Tod“ oder auch die Langeweile in „Leonce und Lena“.

Im Weiteren wird zum einen auf die Szene „Der Hauptmann. Woyzeck.“[3] und die Szene „Woyzeck. Der Doctor.“ (Hd.8, S.21, Z.4) von Georg Büchners Drama „Woyzeck“ eingegangen. Durch Interpretation der Handlungen soll dabei der Zusammenhang der Themen »Nicht-Kommunikation« und »Gewalt« erörtert werden.

2. Hintergründe des Dramas „Woyzeck“

Die Thematiken in Büchners Werken sind keinen bloßen Fiktionen, sondern der Realität entlehnt und schon dadurch wirklichkeitsnah. »Der dramatische Dichter ist in meinen Augen nichts, als ein Geschichtschreiber, [...]. Seine höchste Aufgabe ist, der Geschichte, wie sie sich wirklich begeben, so nahe als möglich zu kommen«[4]. So hat auch „Woyzeck“ historische Tatsachen als Quellen und stützt sich vornehmlich auf den Fall Johann Christian Woyzeck, der am 21. Juni 1821 seine Geliebte ermordete und von Hofrat Dr. Johann Christian August Clarus als uneingeschränkt zurechnungsfähig erklärt wurde, obwohl er nachweislich unter einer psychischen Erkrankung litt.[5] Ferner orientierte sich Büchner an literarischen und vor allem an »dramatischen Mustern« von Shakespeare, Goethe und Lenz, »um an ihnen die Technik der [...] Umsetzung von realem Geschehen zu lernen«[6].

3. Interpretationen

Bei „Woyzeck“ handelt es sich um ein Drama mit »atektonisch[em]«[7] Aufbau, obgleich die Bezeichnung »offenes Drama«, in dem die Ständeklausel keine Gültigkeit hat, lediglich eingeschränkt vertretbar ist, da „Woyzeck“ aufgrund seiner Eigenschaft als Fragment nicht eindeutig kategorisiert werden kann. Ein Kennzeichen, das Stück als »atektonisch« zu bezeichnen, ist die lockere Abfolge der einzelnen Szenen, die fast schon »mosaikartig«[8] erscheint, bis auf die Mordszene, die dem Ablauf des Geschehens zufolge den Schluss bilden muss. Dem „Woyzeck“ fehlt der gestufte Aufbau und die Einteilung in Akte, welche die Handlung gliedern, sondern Variationen, verbale Verknüpfungen, Wort- und Leitmotive bauen die Handlungsszenen nach und nach auf. Die Szenen stehen »nicht unter dem Gesetz der zeitlichen Abfolge«[9] und können daher auch einzeln interpretiert werden, wie folgt dies am Beispiel von Szene 5 und 8 dargestellt werden soll.

3.1. Der Hauptmann. Woyzeck.

Die Grundsituation der Szene ergibt sich aus dem gesellschaftlichen Umstand, der Woyzeck zum Untergeordneten des Hauptmanns macht: „Der Hauptmann [sitzt] auf einem Stuhl, Woyzeck rasiert ihn“ (Hd.5, S.16. Z.19f). Als einfacher Soldat ist es die Aufgabe Woyzecks, besondere Dienstleistungen für den Offizier auszuüben, jedoch ist in dieser Szene darauf zu verweisen, dass beide Personen außerhalb ihres Arbeitsbereiches zusammentreffen. Der Hauptmann fordert Woyzeck auf, langsamer zu schaffen, sich nicht abzumühen und sich die Zeit besser einzuteilen, denn ansonsten werde es dazu kommen, dass er seine restliche Zeit nicht mit sinnvollen Verrichtungen ausfüllen könne:

„Hauptmann: Langsam, Woyzeck, langsam; ein’s nach dem andern; Er macht mir ganz schwindlich. Was soll ich dann mit den zehn Minuten anfangen, die er heut zu früh fertig wird? [...] Was will er denn mit der ungeheuren Zeit all anfangen? Theil er sich ein, Woyzeck“ (Hd.5, S.16, Z.21-24; S.17, Z.1f). Der Hauptmann, als Repräsentant des Feudalismus, spricht hier erkennbar über seine eigene Lebenssituation, sein Offiziersleben, das recht langweilig und ohne viel Beschäftigungen zu sein scheint. »Zeit ist für ihn keine Gelegenheit mehr für sinnvolle Tätigkeiten, da seine Klasse im Begriff steht, ihre Funktion im Gemeinwesen zu verlieren«[10]. Ihm wird „ganz schwindlich“ (Hd.5, S.16., Z.22f) von der Rastlosigkeit, die Woyzeck an den Tag legt, und dessen Bewegungen, was wiederum darauf schließen lässt, dass der Hauptmann Angst vor schnellen, unruhigen Bewegungen hat, ja sogar unter regelrechter »Bewegungsphobie«[11] leidet, wenn er betont, dass er „kein Mühlrad mehr sehn“ (Hd.5, S.17, Z.12f) kann und gleich der Melancholie verfällt. Das „Mühlrad“ als Lebensgefühl des Hauptmanns spiegelt erneut die Langeweile wider als auch die Vergänglichkeit, die einen bedrohenden Einfluss auf die Ewigkeit darstellt: „Hauptmann: Es wird mir ganz angst um die Welt, wenn ich an die Ewigkeit denke. [...] ewig das ist ewig, das ist ewig, das siehst du ein; nun ist es aber wieder nicht ewig und das ist ein Augenblick, ja, ein Augenblick- [...]“ (Hd.5, S.17,Z.4-9). Die Zeit als eine schnelle Abfolge macht dem Hauptmann fürchterliche Angst, da sie nun mal auch zu einem Ende führen muss, welchem er entgehen will: „Woyzeck, es schaudert mich, wenn ich denk, daß sich die Welt in einem Tag herumdreht [...]“ (Hd.5, S.17, Z.9ff). Ursula Kaiser spricht in diesem Zusammenhang über eine »Doppelschichtigkeit der Zeiterfahrung«[12] bezüglich des Hauptmanns, also die Zeit empfunden als »unendliche Leere« und »rasender Ablauf«.

Woyzeck „sieht immer so verhetzt aus“ (Hd.5, S.17., Z.15f.), weil er als einfacher Mann der Unterschicht durchaus überarbeitet ist und die Ruhelosigkeit ihn krank macht. Somit ist für ihn der leidige Zustand des Hauptmanns gänzlich abstrus, da er keine freie Minute rastet, um Geld anzuschaffen für Weib und Kind. Dadurch dass der Hauptmann Woyzecks schlechtes gesundheitliches Befinden tugendhaft auslegt, werden seine sozial bedingten Befürchtungen auf Woyzeck übertragen, denn »verhetzt sein, also sich nicht langsam und gemessen bewegen, widerspricht den moralischen Anforderungen an den Menschen an sich«[13]: „Hauptmann: [...] Ein guter Mensch thut das nicht, ein guter Mensch, der sein gutes Gewissen hat“ (Hd.5, S.17., Z.16ff). Bisweilen Woyzeck lediglich „Ja wohl, Herr Hauptmann“ (Hd.5, S. 17, Z.3, 14) entgegnete, fordert ihn nun der Hauptmann mit „Red’ er doch was Woyzeck. Was ist heut für Wetter?“ (Hd.5, S.17, Z.17f) zu einer Antwort heraus, die nur aus dem unvollständigen Satz „Schlimm, Herr Hauptmann, schlimm; Wind“ (Hd.5, S.17, Z.19f) besteht. So sieht der Hauptmann in dieser Szene Begeisterung darin, wenn er mit Woyzeck seine üblen Scherze macht: „Hauptmann: Ich spür’s schon, s’ist so was Geschwindes draußen; [...] Ich glaub’ wir haben so was aus Süd-Nord“ (Hd.5, S.17, Z.21-24), ihn auslacht und als „ganz abscheulich dumm“ (Hd.5, S.17, Z.27) und herablassend als „ein[en] gute[n] Mensch[en]“ (Hd.5, S.17, Z.28) bezeichnet. Der Hauptmann sieht in Woyzeck keineswegs einen gleichberechtigten Gesprächspartner, im Gegenteil, er verspottet ihn, nutzt jede Gelegenheit aus, ihn zu demütigen, lediglich bloß, weil jener den Ausführungen des Hauptmanns ohne weiteres mit einem „Ja wohl“ (Hd.5, S.17, Z.25) beistimmt. So wandelt sich jedoch Hauptmanns Lachen über Woyzeck alsbald in scheinbare Anteilnahme für Woyzeck um, aber nicht, weil er plötzlich Mitleid mit ihm bekommen hätte, nein, sondern weil er sich seiner intellektuellen Überlegenheit Woyzeck gegenüber wohl bewusst wird.

[...]


[1] Vgl. Mayer, Hans: Georg Büchner und seine Zeit. Berlin: 1960.

[2] Meier, Albert: Georg Büchner: „Woyzeck“. 2., unveränderte Auflage. München: Fink 1980. S.33.

[3] Büchner, Georg: „Woyzeck“. Studienausgabe. Hg.v. Burghard Dedner. Stuttgart: Reclam 1999. Hd.5, S.16, Z.18.[ebenso alle nachfolgenden Angaben in: (Hd., S., Z.)]

[4] Dedner, Burghard (Hg.): Erläuterungen und Dokumente. Georg Büchner: Woyzeck. Stuttgart: Reclam 2000 (=UB 16013). S.255.

[5] Vgl. Dedner: S.114.

[6] Dedner: S.225.

[7] Klotz, Volker: Geschlossene und offene Form im Drama. 5.Auflage. München: Hanser 1970. S. 15.

[8] Meier: S.33.

[9] Ebd. S.33.

[10] Ebd. S.43.

[11] Kitzbichler, Martina: Aufbegehren der Natur. Das Schicksal der vergesellschafteten Seele in Georg Büchners Werk. Opladen: Westdeutscher Verlag GmbH 1993. S.139.

[12] Vgl. Ullman, Bo: Die sozialkritische Thematik im Werk Georg Büchners und ihre Entfaltung im „Woyzeck“. Stockholm: 1972. S.46.

[13] Meier: S.44.

Details

Seiten
19
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638301282
Dateigröße
620 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v28306
Institution / Hochschule
Universität Regensburg – Germanistik
Note
1,7
Schlagworte
Büchners Woyzeck Interpretieren Zeile Szenen Hauptmann Doctor Zusammenhang Nicht-Kommunikation Gewalt Einführung Neuere Deutsche Literaturwissenschaft

Autor

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