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Eignung von Probiotika zur Prävention des Atopischen Ekzems bei Kindern

Bachelorarbeit 2012 73 Seiten

Zusammenfassung

Das atopische Ekzem hat sich in letzter Zeit in den Industrienationen zu einer regelrechten Volkskrankheit entwickelt und ist in Deutschland mit 20% Prävalenz die häufigste chronische Hauterkrankung bei Kindern (Werfel 2009). Zwar beruht die Erkrankung hauptsächlich auf genetischer Prädisposition (Altmeyer 2006:243), doch auch das Aufwachsen in einer nahezu keimfreien Umgebung in den Industrienationen, in welcher das Immunsystem des Kindes nicht durch Bakterien und andere Mikroorganismen trainiert wird, scheint ein Grund für den weltweiten Anstieg der Prävalenz zu sein (Yazdanbaksh et al. 2002).
Der Einsatz von Probiotika zur Prävention, aber auch zur Therapie des AE wird unter Wissenschaftlern aktuell angeregt und kontrovers diskutiert. Den probiotischen Mikroorganismen werden vielfältige gesundheitsfördernde Eigenschaften zugesprochen, wenn sie in aktiver Form und ausreichender Menge in den Darm gelangen (Meier 2007). Besonders im Zuge einer Prävention der Entstehung eines AE bei Säuglingen sollen sie eine Schlüsselrolle einnehmen. Die positive Wirksamkeit ist wissenschaftlich allerdings noch nicht eindeutig belegt.

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

I. Einleitung

II. Methoden

III. Theoretische Grundlagen
1. Grundlagen zum atopischen Ekzem
a) Definition und Krankheitsbild
b) Immundysregulation bei Atopie
c) Ursachen, Auslöser und Verstärker
d) Diagnosekriterien und -methoden
e) Prävalenz und weltweite Entwicklung
i) Fortschritte in der Erforschung des atopischen Ekzems
2. Grundlagen zu Probiotika, Präbiotikaund Synbiotika
a) Definition
b) Das Ökosystem Darm und seine Entwicklung
c) Mögliche probiotische Wirkungsmechanismen

IV. Eignung von Probiotika während Schwangerschaft und Stillzeit zur Prävention des atopischen Ekzems
1. Analysekriterien für die ausgewählten Studien
a) Studie 1: „Probiotics in pregnant women to prevent allergic disease“ (Dotterud etal.2010)
b) Studie 2: „Lactobacillus rhamnosus GG as treatment of atopic dermatitis in infancy“ (Grüber et al. 2007)
c) Studie 3: „The effects of selected probiotic strains on the development of eczema (the PandA study)“ (Niers et al. 2009)
d) Studie 4: „Effect of probiotic mix (Bifidobacterium bifidum, Bifidobacterium lactis, Lactobacillus acidophilus) in the primary prevention of eczema“ (Kim et al.2010)
e) Studie 5: „Treatment and secondary prevention effects of the probiotics Lactobacillus paracasei or Bifidobacterium lactis on early infant eczema: randomized controlled trial with follow-up until age 3 years“ (Gore et al. 2011)
2. Zusammenfassende Diskussion
3. Persönliches Resümee und Ausblick

V. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten.

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Unterschiedliche Differenzierungen einer naiven T-Zelle

Abbildung 2: Immundysregulation beim atopischen Ekzem

Abbildung 3: Die Entwicklung der intestinalen Mikroflora im Laufe des Lebens

Abbildung 4: Entwicklung der intestinalen Mikroflora nach der Geburt

Abbildung 5: Mögliche Wirkungsmechanismen von Probiotika

Abbildung 6: Diagnostische Kriterien für das AE gemäß "UK Working Party"

Abbildung 7: Verlauf der Studie im Hinblick aufProbandenzahl

Abbildung 8: Verringerung des SL der AD

Abbildung 9: Anzahl der Teilnehmer im Laufe der Studie

Abbildung 10: Zytokinlevel nach (A) 48h und (B) 72h

Abbildung 11: Stadien des Studienverlaufs

Abbildung 12: Untergruppen und Studienverlauf

Abbildung 13: Schematischer Studienverlauf.

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Bestandteile der menschlichen Muttermilch

Tabelle 2: T-Zell-Subpopulationen

Tabelle 3: Ursachen für die Entstehung eines AE

Tabelle 4: Diagnostische Kriterien des AE

Tabelle 5: Wichtige Probiotika - Stämme

Tabelle 6: Mikrobielle Besiedelung des Gastrointestinaltrakts

Tabelle 7: Aerobe und anaerobe Mikroflora einzelner Abschnitte des Gastrointestinaltrakts

Tabelle 8: Probiotische Wirkungsmechanismen

Tabelle 9: Immunmodulatorische Effekte von Probiotika

Tabelle 10: Ausgangseigenschaften und klinische Charakteristika

Tabelle 11: Schweregrad des AE im Alter von 2 Jahren nach NESS

Tabelle 12: Subgruppen-Analyse nach atopischer Familiengeschichte. Kumulative Inzidenz der AE bei 2-Jährigen

Tabelle 13: Änderung der SCORAD Subscores A (extent), B (intensity) und C (pruritus/ insomnia)

Tabelle 14: Ausgangseigenschaften der beiden Studiengruppen

Tabelle 15: Gesamt-IgE, spezifischer IgE und SPT-Reaktionen

Tabelle 16: Prävalenz und kumulative Inzidenz des Ekzems im Alter von 3, 6 und 12 Monaten

Tabelle 17: Vergleich der Sensibilisierung und der Prävalenz wahrscheinlicher Lebensmittelallergien in beiden Gruppen

Tabelle 18: Überblick über analysierte Studien

Tabelle 19: RR für die Inzidenz des IgE-assoziierten AE

I. Einleitung

Das atopische Ekzem hat sich in letzter Zeit in den Industrienationen zu einer regelrechten Volkskrankheit entwickelt und ist in Deutschland mit 20% Prävalenz die häufigste chronische Hauterkrankung bei Kindern (Werfel 2009). Zwar beruht die Erkrankung hauptsächlich auf genetischer Prädisposition (Altmeyer 2006:243), doch auch das Aufwachsen in einer nahezu keimfreien Umgebung in den Industrienationen, in welcher das Immunsystem des Kindes nicht durch Bakterien und andere Mikroorganismen trainiert wird, scheint ein Grund für den weltweiten Anstieg der Prävalenz zu sein (Yazdanbaksh et al. 2002).

Der Einsatz von Probiotika zur Prävention, aber auch zur Therapie des AE wird unter Wissenschaftlern aktuell angeregt und kontrovers diskutiert. Den probiotischen Mikroorganismen werden vielfältige gesundheitsfördernde Eigenschaften zugesprochen, wenn sie in aktiver Form und ausreichender Menge in den Darm gelangen (Meier 2007). Besonders im Zuge einer Prävention der Entstehung eines AE bei Säuglingen sollen sie eine Schlüsselrolle einnehmen. Die positive Wirksamkeit ist wissenschaftlich allerdings noch nicht eindeutig belegt.

Da der Grundstein für ein stabiles Immunsystem auch in einer intakten gastro­intestinalen Mikroflora liegt, scheint eine möglichst frühzeitige Modulierung der Darmflora durch probiotische Bakterien ein vielversprechendes Konzept zu sein. Frühzeitig könnte in diesem Kontext bedeuten, dass mit der präventiven Behandlung bereits vor der Geburt und während der Entwicklung des Immunsystems des Säuglings begonnen wird. Über die Supplementierung der Mutter während der Schwangerschaft und Stillzeit, könnte somit das Risiko der Entstehung eines AE beim Säugling beeinflusst werden (Zuppa et al. 2010:458).

Genau dieses vielversprechende Konzept soll im Rahmen dieser Bachelorarbeit auf den Prüfstand gestellt werden. Die Frage, ob die Verabreichung von Probiotika während der Schwangerschaft und Stillzeit einen präventiven Effekt auf die Entwicklung eines atopischen Ekzems bei Säuglingen hat, soll hierbei im Mittelpunkt stehen.

Im ersten Teil der Arbeit wird der Leser in die theoretischen Grundlagen zum AE und den Probiotika eingeführt. Daraufhin soll anhand von fünf sorgfältig ausgewählten klinischen Studien der aktuelle wissenschaftliche Stand skizziert und aussagekräftige Argumente für oder gegen die präventive Wirkung von Probiotika gewonnen werden.

In den ausgewählten Studien geschieht die Probiotika-Verabreichung entweder einzeln oder in Kombinationspräparaten. Außerdem weisen die Studien teilweise unterschiedliche Ziele und Darreichungsformen auf. Dadurch kann abgewägt werden, ob eine präventive, perinatale Supplementierung wirksamer ist als die therapeutische Gabe von Probiotika in den ersten Monaten nach der Geburt.

In einer zusammenfassenden Abschlussdiskussion werden die Ergebnisse der Studien anhand einer selbst erstellten Tabelle miteinander verglichen und bewertet. Daraus wird ersichtlich, ob eine allgemeingültige Empfehlung zur Probiotika- Supplementierung für Schwangere bzw. Stillende formuliert werden kann oder die Wissenschaft in dieser Frage noch keine eindeutigen Antworten liefert.

Sollte sich die präventive Wirksamkeit von Probiotika auf das AE nebenwirkungsarm bewahrheiten, würde diese einfach durchzuführende Interventionsmöglichkeit eine große Erleichterung für all diejenigen Kinder darstellen, welche an den Symptomen dieser Erkrankung zu leiden haben.

II. Methoden

Aufgrund der umfangreichen Menge an medizinischen Veröffentlichungen musste die Literaturrecherche methodisch, nachvollziehbar und zielgerichtet ablaufen.

Die Recherche für den Grundlagenteil wurde in Literaturdatenbanken, Büchern und Fachzeitschriften anhand folgender Suchbegriffe durchgeführt:

- probiotics/ Probiotika
- atopic / atopisch
- dermatitis/ Dermatitis
- eczema/ Ekzem
- prevention/ Prevention
- pregnancy/ Schwangerschaft

Folgende Literaturdatenbanken wurden hierzu abgefragt:

- Deutsches Cochrane Zentrum: www.cochrane.de
- Springerlink: www.springerlink.com
- Medline: www.medline.de
- Pubmed: www.pubmed.de

Außerdem erfolgten eine Abfrage in der Suchmaschine „google“, hier vorwiegend für den Abschnitt mit wissenschaftlichen Artikeln, sowie eine Literatursuche in der Universitäts- und Stadtbibliothek (allerdings war bei letzterer das Angebot eher auf allgemeine Ratgeber für die Erkrankung beschränkt).

Eine ähnliche Strategie wurde bei der Suche nach den zu analysierenden Studien angewendet. Hierbei war ein Aktualitätsbezug der Veröffentlichungen besonders wichtig, so dass meistens nach Reviews ab dem Jahr 2009 gesucht wurde. Die ausgewählten Studien sollten evidenzbasiert sein, sowie ein randomisiertes, placebokontrolliertes und doppelblindes Studiendesign aufweisen. Der Grund hierfür ist, dass solche Studien die meiste wissenschaftliche Aussagekraft, Glaubwürdigkeit und Nachvollziehbarkeit bieten.

Letztlich wurden fünf Studien ausgewählt, die im weiteren Verlauf analysiert werden konnten. Hierbei orientierten sich die betrachteten Aspekte zumeist an der Gliederung der Studienbeschreibungen: Das Ziel, die Methodik und die Auswahl der Probanden wurde umschrieben, die Ergebnisse vorgestellt und abschließend eine Diskussion der Ergebnisse durch die Studienautoren vorgestellt.

Bei der Erstellung der Tabelle für die Abschlussdiskussion wurden einzelne Aspekte ausgewählt, die sinnvoll für eine überblicksweise Darstellung der Studien zu sein schienen. Die Tabellendarstellung aus der Metaanalyse von Pelucchi et al. (2012) wurde hierbei als Orientierungshilfe verwendet. Mithilfe dieser Tabelle sollte ein Vergleich und eine kritische Bewertung der verschiedenen Studienergebnisse ermöglicht werden.

III. Theoretische Grundlagen

1. Grundlagen zum atopischen Ekzem

Im nachfolgenden Kapitel werden Grundlagen zum atopischen Ekzem (AE) erläutert. Nach der Darstellung einiger geläufiger Definitionen werden das Krankheitsbild und häufig verwendete Synonyme vorgestellt, um daraufhin ausführlich auf die immunologischen Mechanismen dieser Erkrankung einzugehen. Anschließend werden die Ursachen, Auslöser und Verstärker der Symptome zusammengefasst sowie Diagnosekriterien und -methoden beleuchtet. Hierauf folgt ein Abschnitt sowohl zu Prävalenz und als auch zur weltweiten Entwicklung und abschließend ein Ausblick auf die Fortschritte in der weiteren Erforschung des AE.

a) Definition und Krankheitsbild

Das AE ist eine chronisch entzündliche Hauterkrankung, die auf genetischer Disposition beruht. Bei betroffenen Personen ist die Bereitschaft der Haut erhöht, auf unterschiedliche Reize mit Entzündungserscheinungen, Juckreiz und der Bildung von Ekzemen zu reagieren. Zu unterscheiden sind ein intrinsisches (nicht allergisches) sowie ein extrinsisches (allergisches) AE mit klinisch identischen Hautsymptomen. Bereits im Säuglingsalter bilden sich Milchschorf, trockene Hautstellen im Gesicht sowie Windelbereich heraus. Im Kindes- und Jugendalter sind vor allem Ellen- und Kniebeugen, der Hals, die Wangen sowie die Stirn betroffen (Altmeyer 2006:243). Begrifflich sollte ein Kontaktekzem, eine durch Berührung hervorgerufene Hautentzündung (ebd.:246) von einem AE klar abgegrenzt werden. Der Begriff „Atopie“ beschreibt eine Reihe von Krankheitserscheinungen, die eine erbliche Überempfindlichkeit von Haut und Schleimhäuten mit Neigung zu vermehrter Bildung von Immunglobulinen der Klasse E (IgE) gegen harmlose Substanzen der natürlichen Umwelt gemeinsam haben. Klinische Manifestationen dieser Überempfindlichkeitsreaktion sind neben dem AE die allergische Rhinitis sowie die Asthma bronchiale (Koletzko 2004:284). Patienten mit extrinsischer Form weisen meistens erhöhte IgE-Werte bzw. Sensibilisierungen gegen Umwelt- oder Nahrungsmittelallergene auf (Nieman 2006).

Es werden drei Krankheitsstadien unterschieden: Im akuten Krankheitsstadium findet man an der Haut Bläschen, die sowohl zerplatzen als auch nässende Hautstellen hinterlassen. Im subakuten Stadium weist die Haut zusätzlich rote, schuppende Hautveränderungen auf. Im chronischen Stadium dominieren diese roten und schuppenden Hautveränderungen. Insgesamt ist die Haut verdickt und zeigt eine Vertiefung des Hautreliefs, die sogenannte Lichenifikation (Altmeyer 2006:245).

Das AE ist meistens die erste klinische Manifestation des sogenannten „atopischen Marsches“. Die atopische Hauterkrankung steht in den ersten 3 Lebensjahren (gelegentlich in Verbindung mit einer Nahrungsmittelallergie) im Vordergrund, wird aber zwischen dem 3. und 7. Lebensjahr von Asthma und/oder allergischer Rhinitis begleitet oder überlagert (Koletzko 2004:284).

Das AE ist weiterhin unter den Synonymen atopische Dermatitis, Neurodermitis und Endogenes Ekzem bekannt (Altmeyer 2006:243).

b) Immundysregulation bei Atopie

Das Immunsystem schützt den Körper mit spezifischen Antikörpern, den Immunglobulinen. Diese erkennen unter Milliarden von Substanzen eine einzige, die ein bestimmtes Protein trägt und können gegenjene vorgehen. Als Verteidigungsinstanz muss das Immunsystem beijedem Fremdkörper entscheiden, ob er schädlich ist oder nicht. Erst nachdem es gewisse Stoffe als harmlos eingestuft hat, geht diese Information in das immunologische Gedächtnis über, diese Substanzen werden toleriert und lösen keine Beschwerden aus. Wennjedoch eine eigentlich harmlose Substanz, zum Beispiel Eiweiß oder Gräser-Pollen, irrtümlich als gefährlich eingestuft wird, werden Antikörper einer bestimmten Klasse gebildet, nämlich Immunglobuline der Klasse E (IgE). Beim ersten Kontakt mit einem Allergen bildet das Abwehrsystem IgE, um bei einem späteren Kontakt schnell auf die vermeintlich gefährlichen Eindringlinge reagieren zu können. Dies nennt man die Phase der Sensibilisierung, d.h. es besteht eine Allergiebereitschaft und die Möglichkeit, dass die Symptome einer Allergie ausbrechen können (Staines 1997:106-110). Es mussjedoch nicht zwingend eine Allergie entstehen, sobald IgE- Antikörper im Blut nachweisbar sind, da auch eine bloße Sensibilisierung ohne Allergieausbruch bestehen bleiben kann. Dabei ist es wichtig herauszufinden, gegen welche Allergene der Patient besonders sensibilisiert ist (Aeroallergene, Lebensmittelallergene oder Kontaktallergene).

Während das Immunsystem echte Krankheitserreger eliminieren kann, können Allergene nicht einfach beseitigt werden, um den Körper vor künftigen Attacken zu schützen. Die Beschwerden halten meist solange an, bis die Auslöser den Organismus verlassen haben.

Insgesamt gibt es vier verschiedene Allergietypen. Am häufigsten sind Allergien vom Sofort- und Spättyp. Die beiden anderen, sprich die zytotoxische Reaktion (Typ II) und die Immunkomplex-Reaktion (Typ III), kommen eher selten vor. Beim Soforttyp (Typ I) reagiert das Immunsystem sofort nach dem Kontakt mit dem Allergen. Beispiele hierfür sind Allergien aufPollen, Nahrungsmittel oder Hausstaubmilben.

Zu diesem Typ zählen auch die atopischen Erkrankungen (Staines 1997:105). Beim Spättyp (Typ IV) setzt die allergische Reaktion innerhalb von 72 Stunden nach dem Allergenkontakt ein. Auslöser dieses Allergietyps sind meist Chemikalien und Metalle, die nach dem Hautkontakt Ausschläge hervorrufen (Kontaktekzeme). Beispiele sind Allergien gegen Latex, Metalle oder Reinigungsmittel (Staines 1997:130f.).

Neugeborene besitzen ein funktionsfähiges aber unausgereiftes Immunsystem, welches sie gegen Infekte schützt. Die Entwicklung des Immunsystems ist verbunden mit der Aneignung einer ausgeprägten Darm-Mikroflora. Muttermilch enthält eine Vielzahl biologisch aktiver Bestandteile, die das Immunsystem des Kindes beim Ausbilden einer intestinalen Flora unterstützen (Moreno Villares 2010:117), z.B. 0.4 bis 1.0 g/L IgA, antimikrobielle Proteine, Zytokine, Fettsäuren und andere Bestandteile, die ihren Beitrag zur Abwehr gegen Infektionen beitragen. Einen detaillierten Überblick über die verschiedenen Bestandteile der menschlichen Muttermilch gibt Tabelle 1. Stillen mit Muttermilch schützt somit den Säugling vor Atopie und Infektionen (ebd.:119).

Während der ersten Lebenstage werden die mukosale Oberfläche des gastrointestinalen als auch des respiratorischen Traktes mit Bakterien kolonisiert und das Immunsystem beginnt, sich auf die Abwehr von Krankheitszellen vorzubereiten. Dies geschieht durch den Vorgang der sog. negativen Selektion, d.h. der Körper bildet durch zufällige genetische Rekombination viele Millionen unterschiedlicher Abwehrzellen, von denenjede ein anderes Antigen erkennen kann. Dann werden diejenigen Zellen eliminiert, welche eine Immunreaktion auf körpereigene Strukturen veranlassen. Bei den T-Zellen geschieht dies in ihrer Reifungsstätte, dem Thymus.

Hier differenzieren sich die T-Zellen in die verschiedenen Typen (CD4+ und CD8+ Zellen) und werden anschließend mit körpereigenen Substanzen konfrontiert. Wenn sich eine T-Zelle an die körpereigene Struktur bindet, weil sie einen dazu passenden Rezeptor trägt, stirbt die T-Zelle ab. Das Immunsystem lernt so „fremd“ von „eigen“ zu unterscheiden und nur gegen Fremdkörper vorzugehen. Wenn dieses System versagt und zum Beispiel übersteigerte Immunantworten gegen harmlose Substanzen hervorbringt, kann das Resultat eine Allergie oder Autoimmunkrankheit sein (edb.:118).

Tabelle 1 : Bestandteile der menschlichen Muttermilch

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten.

Um die Ausführungen im Studienteil dieser Arbeit besser verstehen zu können, muss man nicht nur überblicksweise die Eigenschaften und Abläufe im Immunsystem kennen, sondern auch einen detaillierteren Einblick in die Mechanismen, Pro- und Antagonisten bei der Entstehung eines AE bekommen, was im Folgenden ausgeführt werden soll.

An der Entstehung einer atopischen Erkrankung ist ein komplexes Zusammenspiel verschiedener, bei der Immunantwort involvierter Zellen und deren Botenstoffen (z.B. Zytokinen oder Chemokinen), beteiligt. Dendritische Zellen (DC) gelten als die wesentlichen antigenpräsentierenden Zellen im lymphoiden Gewebe.

()Quelle: Eye lieh et al. 2000a).

Abbildung 1 : Unterschiedliche Differenzierungen einer naiven T-Zelle (Ring 2012:85)

Tabelle 2: T-Zell-Subpopulationen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten.

Bei entzündlich veränderter Haut des AE kommen vor allem die inflammatorischen dendritischen epidermalen Zellen (IDEC) zum Einsatz. Beim ersten Kontakt mit einem Fremdstoff können sie diese Antigene aufnehmen, verarbeiten und in einer von T-Zellen erkennbaren Form auf ihrer Oberfläche präsentieren. Dadurch können naive T-Zellen, die den entsprechenden antigenspezifischen T-Zell-Rezeptor tragen, sowohl zur Proliferation als auch Differenzierung angeregt und somit spezifische Immunreaktionen gegeben werden (Ring 2012:82f.). Abbildung 1 zeigt, welche Subpopulationen sich aus den naiven T-Zellen entwickeln können und in Tabelle 2 werden deren Funktionen genauer erläutert.

Durch Signale wie z.B. mechanische Verletzung oder Kratzen können die DC aktiviert werden und über die Produktion unterschiedlicher Zytokine die Entwicklung sowie Polarisierung der T-Zellen beeinflussen. Vorwiegend T-Helfer- Zellen (CD4+) treten bei ekzematischen Hautreaktionen auf. Diese können in Thl- und Th2-Subpopulationen differenziert werden. Thl-Zellen sind die klassischen Träger der Delayed Type Hypersensitivity (DTH) und der allergischen Kontaktdermatitis (Spättyp-Allergie). Sie produzieren vorwiegend Interferon-y (IFN­y) und Tumornekrosefaktor (TNF-a) (Tab.2).

Allergische Erkrankungen sind mit einer Verschiebung des Thl/Th2-Gleichgewichts in Richtung einer Th2-Immunantwort assoziiert. Th2-Zellen bilden Interleukine (IL) wie IL-4, IL-5 sowie IL-13 und sind entscheidend bei der IgE-Produktion beteiligt. Il-4 bewirkt in B-Zellen die Differenzierung zu IgE-sezernierenden Plasmazellen und ermöglich somit die IgE-Produktion. IL-5 führt zur Rekrutierung und Aktivierung eosinophiler Leukozyten. Neben den konventionellen T-Zellen, die nach ihrer Aktivierung eine Immunantwort auslösen, gibt es regulatorische T-Zellen (Tregs). Diese sind in der Lage, nach ihrer Aktivierung konventionelle T-Zellen zu hemmen und folglich eine Immunantwort zu verhindern. Mehrere Subtypen von Tregs sind bisher identifiziert und beschrieben worden; eine Modulierung der Aktivierung sowie Funktion von Thl und Th2 ist ihnen gemeinsam. Beim AE sind Tregs in eher abgeschwächter Form vorhanden (Ring 2012:84ff.).

AE sind in ihrer Entwicklung biphasisch. Während in akuten AE-Läsionen Th2- Zytokine dominieren, überwiegen in älteren Läsionen die Thl-Zytokine IFN-y und IL-12. Tregs sind dabei Schlüsselspieler von Selbst-Toleranz und Toleranz gegenüber Umweltallergenen. Ihre Aufregulation ist eine der Wirkmechanismen der spezifischen Immuntherapie zur Behandlung der Typ-l-Allergien. Abbildung 2 zeigt anschaulich, wie dieser Prozess der Immundysregulation bei typischen Allergenen wie Staphylococcus aureus, Hausstaubmilben oder Pollen abläuft (Ruzicka l997). Die IL-3l-Expression in der Epidermis atopischer Patienten ist gegenüber gesunden Kontrollen deutlich erhöht. Das Enterotoxin aus Staphylococcus aureus, mit dem mehr als 90% der AE-Patienten kolonisiert sind, kann zu einer sofortigen Aufregulation von IL-3l führen, was den Juckreiz der betroffenen Patienten weiter verstärkt (ebd.).

Die Rolls inhalativer Allergens bei atopischem Ekzem. Inhala rive Allergene dringen durch die gestörte derma­le Barriere in die Epidermis ein und werden von IgE cm der Oberfläche von Longerhans-Zellen gebunden. Noch Antigenpräsentalion an T-Lymphozyten kommt es zur Ausschüttung von immun reg ulatoristhen und pminflum- mo torischen Enti ü nd и ngsme diatoren und Zytokinen. Inder Akutphose des atopischen Ekzems uherwiegen die van TH,-Lymphozyten gebildeten Zytokine, wahrend in der chronischen Pb ase TH,-Lymphozyten prädominie­ren. (LÍ - Langerhans-Zellen, IL = Inlerlcukin), ECP = eosinophil calionisches Protein).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Immundysregulation beim atopischen Ekzem

(Ruzicka 1997:39)

Fehlen spezifische Stimuli, bleibt das bei Geburt bestehende Th2-Muster dominierend. Sind hingegen Mikroorganismen mit immunmodulatorischen Fähigkeiten anwesend, kommt es zu einer Verschiebung in Richtung einer Thl- Immunantwort. Auf diesem Hintergrund basiert die Gabe von Pre- und Probiotika: durch den Einsatz von apathogenen Mikroorganismen soll das Immunsystem in Richtung einer Thl-Immunantwort beeinflusst werden.

Auf weitere Wirkungsmechanismen der Probiotika wird im Kapitel 2. c) dieser Arbeit detaillierter eingegangen.

c) Ursachen, Auslöser und Verstärker

Das AE ist eine genetisch bedingte Erkrankung. Das Erkrankungsrisiko eines Kindes liegt zwischen 30-50 %, wenn ein Elternteil und zwischen 60-80 %, wenn beide Eltern (und insbesondere die Mutter) an einer atopischen Erkrankung leiden. Es sind mehrere Gene, die Art und Schweregrad der Erkrankung bestimmen (Ring 2012:68).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Ring 2012:82)

Weiterhin beruht das AE auf einer Barrierestörung der Haut: Durch das Fehlen von Lipiden in der Hornschicht ist die Epidermis vermehrt durchlässig. Daher ist die Wasserbindungsfähigkeit der Haut vermindert, sie verliert Feuchtigkeit nach Außen und die Haut des Patienten fühlt sich trocken und spröde an („transepidermaler Wasserverlust“). Gleichzeitig können Allergene von außen leichter durch die Haut eindringen und eine Sensibilisierung verursachen.

Ähnlich wie Asthma und Heuschnupfen ist auch das AE durch eine Störung der immunologischen Regulation gekennzeichnet, welche eine erhöhte Entzündungsaktivität bewirkt. Die Einwanderung von Entzündungszellen in die Haut führt zu Rötung und Juckreiz; durch das Kratzen werden wiederum bakterielle Infektionen der Haut begünstigt (Ring 2012:78-82). Tabelle 3 zeigt zusammenfassend weitere Ursachen für die Entstehung des AE.

Darüber hinaus wird das AE durch äußerliche Einflüsse moduliert: Infekte, Klimawechsel und psychosoziale Faktoren (Stress) können Schübe auslösen, sind jedoch nicht die Ursache. Das Immunsystem stellt keine spezifischen Antikörper gegen solche Provokationsfaktoren her, daher werden sie als „unspezifisch“ zusammengefasst (Ruzicka 1997).

Mehr als zwei Drittel aller Betroffenen Patienten leiden zusätzlich an Allergien, die Ekzeme auslösen und verstärken können.

Hierzu zählen vor allem Allergien gegen Aeroallergene wie Hausstaubmilben, Pollen, Schimmelpilze (z.B. Sporen der Gattungen Aspergillus, Pénicillium, Candida) und Tierallergene (z.B. Haare oder Hautschuppen von Haustieren) (ebd.). Außerdem spielen Nahrungsmittelallergene bei 30% der Kinder für die Auslösung oder Verschlechterung des AE eine Rolle. Es ist bekannt, dass Kinder mit AE häufig allergisch aufKuhmilch, Ei, Weizenmehl, Sojabohnen, Nüsse und Fisch reagieren. Die Prognose von Nahrungsmittelallergien im Kindesalter istjedoch insgesamt als günstig einzustufen, denn bis zum Ende des 4. Lebensjahres kommt es in aller Regel bei 90 % der Kinder zur Rückbildung der meisten Nahrungsmittelallergien (Tebbe 2012).

Pseudoallergene sind Stoffe, gegen die der Körper keine spezifischen Antikörper bilden kann und die somit auch nicht in Allergietests nachgewiesen werden. Meistens lösen solche Stoffe erst ab einer gewissen Menge eine allergische Reaktion aus, z.B. hat der Verzehr einer Zitrusfrucht keine Auswirkungen auf den Körper, wohingegen mehr als zehn Mandarinen eine allergische Reaktion auslösen können. Natürliche Aromastoffe in Obst und Gemüse oder künstliche Aromastoffe gehören genauso zu den Pseudoallergenen wie biogene Amine (Histamin, Serotonin, Thyamin z.B. in Salami oder Käse) und Konservierungs-, Farb- oder andere Zusatzstoffe (ebd.).

d) Diagnosekriterien und -methoden

Die Diagnose des AE erfolgt aufgrund der Kranken- und Familienanamnese, der Hautuntersuchung und typischer äußerer Kennzeichen auf der Haut. Tab. 4 listet die Haupt- und Nebenkriterien, die ein behandelnder Arzt bei der Allergieanamnese untersuchen muss, auf.

Der Schweregrad einer atopischen Dermatitis wird häufig durch den sog. SCORAD- Index - den „Score of Atopic Dermatitis“ eingestuft. Dieses Punkteschema berücksichtigt das Ausmaß befallener Hautflächen, die Intensität der Hautentzündungen sowie die subjektive Stärke des Juckreizes und der Schlafstörungen. Zudem werden die Schwere der Hautrötung, Bildung von Bläschen oder Knötchen, dem Nässen genauso wie der Krustenbildung, Hautabschürfungen durch Kratzen, Hautverdickungen und Vertiefungen der Hautfurchen (Lichenifikation) sowie Hauttrockenheit abgebildet. Die Summe der Punktwerte jener Ausprägungen eines Merkmals (null steht für „nicht vorhanden“ und drei für „stark ausgeprägt“) bildet den SCORAD. Bei 24 Gesamtpunkten liegt eine leichte, bei 25 bis 50 Punkten eine mittelschwere und bei 51-103 Punkten eine schwere Neurodermitis vor. (Ring 2012:64f.)

Unter den zahlreichen Hauttestverfahren ist der am häufigsten verwendete der Skin- Prick-Test, bei dem ein Tröpfchen des Allergenextraktes auf die Haut aufgetragen wird. In Mitteleuropa kann man davon ausgehen, dass über 90% der „Atopiker“ positive Reaktionen gegenüber den häufigsten Aeroallergenen aufweisen, denn positive Skin-Prick-Test-Reaktionen korrelieren mit der Konzentration von spezifischen IgE-Antikörpern im Serum (ebd.:102f.)

Tabelle 4: Diagnostische Kriterien des AE

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

e) Prävalenz und weltweite Entwicklung

Allergien sind im Laufe der letzten Dekaden in Industrieländern zu einer regelrechten Volkserkrankung geworden. Die Häufigkeit der Diagnose AE legte in Deutschland zuletzt um fast fünfProzent pro Jahrzehnt zu. Wenn 1964 nur 5,3% aller Schulkinder in Schottland (mit Deutschland vergleichbar) betroffen waren, haben sich die Zahlen 1994 schon auf 17,7 % verdreifacht. Während in industrialisierten Ländern vermutlich ein Höhepunkt in der Inzidenz erreicht wurde, zeigen

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Details

Seiten
73
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656824541
ISBN (Paperback)
9783656824534
Dateigröße
2.8 MB
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Technische Universität München
Erscheinungsdatum
2014 (Oktober)
Note
1,3
Schlagworte
eignung probiotika prävention atopischen ekzems kindern

Autor

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