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Professionalisierung der Pflege

Eine kritische Betrachtung

Hausarbeit 2013 35 Seiten

Gesundheit - Pflegewissenschaft - Pflegemanagement

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Problemstellung

3. Berufliche Entwicklung und berufliches Selbstverständnis der Pflege
3.1. Pflege vor dem Prozess der Verberuflichung
3.2 Einfluss von gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen
3.3. Pflege als „Liebesdienst“ der Frauen
3.4. Von der Berufung zum Beruf der Pflege
3.5. Pflege im Schatten der Medizin

4. Pflege im Umbruch
4.1. Vom Beruf zur Professionalisierung
4.1.1. Klassische Profession
4.1.2. Profession nach OEVERMANN
4.2. Professionalisierung der Pflege
4.3. Kritische Betrachtung der Professionalisierung der Pflege

5. Resümee

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Meine nunmehr 30jährige Tätigkeit als Krankenschwester wurde von kontinuierlichen Veränderungen in der Berufspraxis begleitet. Die ersten Berufsjahren, die ich noch einer Oberin erlebte und in der vor allem Unterordnung, Gehorsam und Disziplin gefordert wurden, waren vorwiegend ausgerichtet auf Tradition, Regeln und Prinzipien. Heute sind vielmehr Kriterien wie Fachkompetenz, technisches Know how, psychosoziale Fähigkeiten, Kommunikationsfähigkeiten, Handlungsbereitschaft, kritisches Denken und Kreativität von Bedeutung. Dieser fortlaufende Entwicklungsprozess prägt insbesondere den Arbeitsalltag und wird innerhalb der Berufsgruppe als Herausforderung genommen aber auch als negativ empfunden. Das ablehnende Verhalten ist meinem Empfinden nach auf die Tatsache zurückzuführen, dass der Schatten der Vergangenheit das Berufsbild der Krankenpflege - sowohl innerhalb des Berufsstandes als auch in der öffentlichen Meinung - begleitet. Auch wenn der Krankenpflege inzwischen einen Zugang in eine tertiäre Ausbildung geebnet wurde, ist die Berufspraxis in tradierten Strukturen eingebunden, die trotz dieser Entwicklung nicht angepasst werden.

Was sich bisher kaum geändert hat, ist dass der medizinische Versorgung in den Kliniken nach wie vor absolute Priorität eingeräumt wird und zwar sowohl durch die Organisation der Klinik, wie durch die Ärzte, aber auch von den praktizierenden Pflegekräften selbst. Gleichzeitig beeinflusst der tiefgreifende Umbruch, der sich in den letzten Jahrzehnten im Gesundheitswesen vollzieht, deutlich das Arbeitsklima in den Kliniken. Durch die demographische Entwicklung der Gesellschaft, der stetig wachsende medizinisch-technische Fortschritt und der gesellschaftliche Wertewandel kommt es zu einem zunehmenden Kostendruck, der entsprechend bewältigt werden muss. Die Pflege gerät dadurch verstärkt in ein sehr sensibles Spannungsfeld zwischen Rationalisierung und Humanität. Spürbar mit dieser Entwicklung ist die zunehmend ausgeprägte Unzufriedenheit, der Unmut und Unruhe im gesamten Arbeitsumfeld der Pflege. Nicht selten kommt es bei den Pflegekräften im Laufe ihrer Berufsjahre zur Sinnentleerung und führt zur Innerer Kündigung, zur Berufsflucht oder zum Burnout. Es wird eine Tendenz sichtbar, die die Expertenkommission Pflege 2009 mit den Worten beschreibt:

„ Pflegekräfte stehen damit häufig im Spannungsfeld zwischen ethisch-fachlichen Berufsauffassung, individuellen Erfordernissen, den Wünschen von den Klienten/Patienten und ihren Angeh ö rigen sowie wirtschaftlicher Notwendigkeiten. Arbeitsprozesse verdichten sich hierdurch belastend, Mehrarbeit bleibt jedoch unvergütet. “ „ Die mittlerweile zu beobachtenden vielschichtigen Dysfunktionen im

Pflegeprozess sind also durchaus auch darauf zurückzuführen, dass sich der Kernprozess der Pflege zwischen Recht, Bürokratie, Ö konomie, der verwirrenden Vielfalt an qualitätssichernden Ma ß nahmen und der tatsächlichen Pflegerealität aufreibt. Prioritäten des Kernprozesses, nämlich die individuelle Pflege und die soziale Betreuung der Pflegebedürftigen sind häufig verschoben und wandern an denäu ß eren Rand des Prozesses. So ist es nicht verwunderlich, das sich viele Pflegefachkräfte fragen, welchen Stellenwert ihren pflegefachlichen Kenntnissen, praktische Fertigkeiten und Erfahrungen noch beigemessen wird und welchen Sinn ihre Tätigkeitüberhaupt hat. “ 1

2. Problemstellung

Die bisher erarbeiteten Erkenntnisse der letzten 20 Jahre durch die Pflegeforschung und Pflegewissenschaft zeigen, welchen Einfluss der therapeutische Effekt von Pflege besitzt und vor allem welche Bedeutung pflegerisches Denken und Handeln für die Gesellschaft aufweist. Statt der Pflege eine damit verbundene erforderliche Eigenverantwortung zu übertragen, werden - durch die momentane Entwicklung der Kostendämpfungspolitik - die Handlungsfelder der Pflegepraktiker enorm eingeengt, so dass das Potential, indem Wissen, Erfahrungen, Fähigkeiten und vor allem berufliches Engagement aus Überzeugung steckt, kaum zum Tragen kommen kann. Warum nutzt die Pflege als größte Berufsgruppe im Gesundheitswesen nicht die Chance ihre eigene Entwicklung von beruflicher und professioneller Pflegekompetenz voranzutreiben? Anstatt sich als Sparposten in der Kostenexplosionsdebatte zu sehen und sich frustriert den Gegebenheiten zu beugen, die sich in einem Gefühl von Hilflosigkeit, Resignation und Ohnmacht äußern, müsste sich die Pflege viel selbstbewusster an den Machtdiskursen im Gesundheitswesen einbringen.

Es geht in dieser Bestrebung nicht darum mit der Medizin in Konkurrenz zu treten, um - wie die Soziologin Helga KRÜGER es beschreibt - besetzte Liegestühle 2 zu beanspruchen, sondern dass es vielmehr „ um den Freiraum [geht], eigene aufzuschlagen ( … ) es geht um die Entwicklung von etwas Neuem, um pflegerische Handlungskompetenz, Verantwortung und Ethik. Unsere eigenen Liegestühle aufzustellen, meint, nicht die der Ä rzte oder anderer Berufsgruppen zu besetzen, wohl aber sie zur Seite zu rücken ( … ) Das Ziel ist nicht, wie in der USA, die zu teuren Mediziner zu ersetzen durch akademisch gebildete Pflegekräfte, sondern denärztlichen Dominanz- und Definitionsanspruchüber das, was Pflege ist und leistet, in seine Schranken zu verweisen “ 3

Auf dieser Grundlage stelle ich im Rahmen dieser Hausarbeit die Frage:

Ist die Pflege auf dem Weg einer Professionalisierung oder ist es doch nur eine Modernisierung - mehr in Richtung Deprofessionalisierung?

Um die vieldiskutierte Debatte bezüglich einer Professionalisierung der Pflege zu verstehen, ist es notwendig im ersten Teil der Hausarbeit den Weg der beruflichen Krankenpflege zu skizzieren. Dabei beschränke ich mich nur auf die wesentlichen Aspekte, die den Krankenpflegeberuf in seiner Entwicklung begleitet haben. Im zweiten Teil wird die Notwendigkeit einer Professionalisierung der Pflege kurz aufgezeigt, um dann anhand von zwei Professionstheorien zu diskutieren, inwieweit die Pflege das Potential und die Konditionen aufweist und erfüllt, die einer Profession zu Grunde gelegt werden. Mit diesen Erkenntnissen gilt es zum Schluss zu prüfen, ob Pflege auf dem Weg einer Professionalisierung ist oder doch nur eine Modernisierung erfährt.

Der Blick in die Vergangenheit hat seinen Wert für die Gegenwart und für die Zukunft.

Elisabeth Seidl & Ilsemarie Walter 4

3. Berufliche Entwicklung und berufliches Selbstverständnis der Pflege

„ Die Krankenpflege befindet sich in einem Prozess der beruflichen Identitätsfindung und Professionalisierung. Das berufliche Selbstverständnis befindet sich im Wandel. Damit eng verbunden ist nicht nur die Entwicklung von Pflege und Medizin in den letzten drei Jahrzehnten, sondern auch der Wandel gesellschaftlicher und individueller Werte sowie gesellschafts- und gesundheitspolitischer Anforderungen. “ 5

Die Geschichte der beruflichen Pflege verweist auf einen langen, mühsamen und noch unvollendeten Weg der Emanzipation von fremd bestimmenden, externen Instanzen mit dem Ziel der Professionalisierung.6 Der Pflegeberuf wird noch nachhaltig - wie kein anderer Berufszweig - durch traditionelle Einflüssen geprägt. Mit einem kurzen geschichtlichen Rückblick, der die wesentlichen Elemente der Berufskonstruktion enthält, lässt sich die Problematik, die sich daraus ergeben und mit der die Pflegenden in der heutigen Zeit zu kämpfen haben, besser darstellen und verstehen.

3.1. Pflege vor dem Prozess der Verberuflichung

Die organisierte Pflege wurde mit dem Christentum begründet. Das mit dem Christentum verbundene Ideal der Nächstenliebe, der Caritas, verpflichtete zum Dienst am Nächsten und damit auch zur Sorge um den Kranken.7 Dieser christliche Caritasgedanke wurde als Erfüllung eines inneren Auftrags - als göttlicher Auftrag zur Pflege bzw. Berufung - verstanden und beeinflusst bzw. prägt das beruflichen Selbstverständnis der Pflege noch heute.

Bevor die Notwendigkeit einer organisierten beruflichen Pflege sich abzeichnete, wurde die Betreuung, Versorgung und Pflege gebrechlicher und kranker Menschen viele Jahrhunderte in den wenigen öffentlichen, überwiegend kirchlichen Einrichtungen durch Ordensschwester und -brüdern - aber auch durch die Entwicklung eines sogenannte Lohnwartsystem - garantiert. Dabei stand die Form der bezahlten Krankenpflege von WärterInnen in absoluten Gegensatz zur Pflege aus unentgeltlicher Nächstenliebe. In diesem System wurde die Ausübung der Krankenversorgung nicht mehr als Erfüllung eines inneren Auftrags gesehen, sondern eine Möglichkeit zur Sicherung der Existenz. Mit der Entstehung des Lohnwartsystems wurde der bisher vorherrschende Berufsgedanke durch eine materielle Berufsauffassung erweitert. Hauptsächlich wurden aber die Kranken und Alten bis zum 19.Jahrhundert innerhalb des Familiensystems betreut und gepflegt.8

Die Sozialhistorikerin BIRGIT BOLOGNESE-LEUCHTENMÜLLER, die eingehend die Sozialgeschichte der Medizin beleuchtet hat, registrierte, dass in den Lehrbüchern der Medizingeschichte in Bezug auf die Pflege, nur unzureichende Aufschlüsse zu erkennen sind. Sie schreibt es nicht nur der Tatsache zu, dass Pflege schon in jener Zeit weniger Wertschätzung entgegengebracht wurde als den ärztlichen Interventionen, sondern benennt zudem ein anderes wesentliches Phänomen. Ihrer Meinung nach wurde - nach heutigem Verständnis - erst Mitte des 19. Jahrhunderts offiziell eine Unterscheidung zwischen eigentlicher medizinischer Therapie und Pflegearbeit vorgenommen. Denn solange sich die medizinischen Möglichkeiten als höchst begrenzt erwiesen, flossen beide Bereiche praktisch ineinander über, oft war Pflege überhaupt die einzige Möglichkeit gesundheitlicher Wiederherstellung. „ Auf den Punkt gebracht: Bis zum endgültigen Durchbruch der naturwissenschaftlichen fundierten Medizin ist Medizingeschichte per se gleichzeitig Krankenpflegegeschichte und somit kann letzteres gar nicht unterbewertet werden. “ 9

Um die Frage zu beantworten, warum die Pflege dann nicht als ein Grundelement der medizingeschichtlichen Entwicklung zu betrachten ist bzw. sich herausgebildet hat und somit als gleichwertiger komplementärer Basisbereich der Medizin anerkannt wird, ist auf bedeutsame Ereignisse und Prozesse zurückzuführen, die sich ebenfalls in jener Zeit ergeben haben.10

3.2 Einfluss von gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen

Die Geburtsstunde der beruflichen Krankenpflege liegt im 19. Jahrhundert. In dieser Zeit kam es zu tiefgreifenden sozialen, politische, ökonomischen und gesellschaftlichen Umwälzungen, die eine Neuorientierung der Pflege notwendig machten. Zur Verdeutlichung der damaligen Ausgangslage benannte die historische Pflegeforscherin HILDE STEPPE folgende bedeutsame Einflussfaktoren:

- die Industrialisierung, in deren Folge sich Familiensysteme auflösten, die zur Verelendung breiter Bevölkerungsschichten führte und das Aufkommen eines proletarischen Bewusstseins, das sich in der Arbeiterbewegung manifestierte.
- die Kriege des 19.Jahrhunderts und das ungelöste Problem der Verwundetenversorgung.
- Die bisher bestehenden Versorgungssysteme bei Krankheit und Armut waren durch einen rapiden Anstieg der zu Versorgenden nicht mehr gewährleistet. Öffentliche Versorgungsmöglichkeiten wie Krankenhäuser in großer Zahl und entsprechendes Personal wurden notwendig. Gleichzeitig machten die kapitalistische Marktbedingungen, die sich im Rahmen der Industrialisierung durchsetzten, den ökonomischen Wert der »Arbeitskraft« deutlich und führten zu einer stärkeren Übernahme staatlicher Verantwortung bei der Gesunderhaltung der Bevölkerung. Nunmehr wurde die kirchliche Caritas in zunehmenden Maße durch die bürgerliche Wohlfahrt ergänzt.
- Die endgültige naturwissenschaftliche Orientierung der Medizin, die zum einen ein einigermaßen geschultes Hilfspersonal für alle »nicht- wissenschaftlichen« Tätigkeiten im Bereich der Diagnostik und Therapie erforderlich machte, und zum anderen zunehmend das Krankenhaus als Stätte medizinischer und Lehre forderte. Bolognes-Leuchtenmüller (1998): S.15 Vgl. Ebd.: S.15
- Die endgültige Überwindung des Feudalismus in Europa, die den Weg zur Gründung der bürgerlichen Gesellschaft mit ihren festgefügten patriarchalen Moralbegriffen freimachte und durch traditionelle christlich-kirchliche Wertorientierungen stark geprägt wurden.

- Die Emanzipationsbestrebungen vor allem der bürgerlichen Frauen, die von den Männern in gesellschaftlich akzeptablen Bahnen gelenkt werden mussten.
- Die Entwicklung der »bürgerlichen Moral« mit eigenen Wertvorstellungen, deren Grundpfeiler „ sittliche Integrität, ein eng gefasster Ehrbegriff, Staatsloyalität und ausgeprägtes Standesbewusstsein “ 11 waren und die stark geschlechtsspezifisch ausgerichtet wurden. In der Welt des Bürgertums war alles wohl geordnet: Die Frau verkörperte Dienen, Opfertum, Emotionalität, Selbstlosigkeit und Gehorsam. Dem Mann wurde Rationalität, Stärke, Selbstbewusstsein und absolute Entscheidungsgewalt zugeschrieben. Eine strenge bürgerliche Erziehung sollte garantieren, dass schon die Kinder diese Werte entsprechend verinnerlichten. Die Begriffe Pflicht, Ordnung und Gehorsam können als Symbole dieser idealen Gesellschaft gelten.12 13

Die radikalen Veränderungen des Wirtschafts- und Soziallebens der Gesellschaft führten zu einer gravierenden pflegerischen »Versorgungslücke«. Die Ordensschwestern und -brüder waren zahlenmäßig nicht in der Lage, den notwendigen Bedarf zu decken. Der Zustand der Krankenpflege war unter den damals vorherrschenden Bedingungen desolat und die Nachfrage nach quantitativem aber auch qualitativem Pflegepersonal wurde immer dringender.14 Das dafür erforderliche Personal sollte den gestiegenen Ansprüchen genügen, ohne die Dominanz der Ärzte in Frage zu stellen. Gleichzeitig sollte die Pflege und Betreuung hilfsbedürftiger und kranker Menschen nicht viel kosten.15 Um den Anforderungen nachzukommen wurde versucht, dass bereits vorhandene »proletarische« Lohnwartspersonal entsprechend zu schulen. Aufgrund der schlechten Arbeitsbedingungen, der geringen Entlohnung, aber auch aus Angst der Ärzteschaft vor Konkurrenz, die ihr Monopolanspruch gefährdet sahen, ist dieses Angehen gescheitert.16

3.3. Pflege als „Liebesdienst“ der Frauen

Die Lösung des Problems war eine Neukonstruktion der Krankenpflege, die zur Verweiblichung des Berufs führte. Im Bestreben nun die „gebildeten“ Frauen für die Krankenpflege zu gewinnen und es zudem gesellschaftlich akzeptabel durchzusetzen, galt es die kirchliche Tradition des aufopferungsbereiten Dienens zu säkularisieren und mit den bestehenden Normen und Werten bürgerlicher Familien- und Weiblichkeitsideologien zu verbinden.17 Mit dieser zeitgenössischen Vorstellung wurde ein berufsethischer Rahmen geschaffen, der sowohl den veränderten gesellschaftlichen Bedingungen Rechnung trug, als auch das bürgerliche traditionelle Sittlichkeitsbild nicht gefährdete. Die anfänglichen Widerstände wurden recht erfolgreich aus dem Weg geräumt, indem die Krankenpflege ideologisch als » weibliche Liebestätigkeit « aufgewertet wurde, die keiner » entwürdigen Bezahlung « unterliegen sollte. Diese außerhäusliche Berufstätigkeit der bürgerlichen Frauen wurde erlaubt mit dem Argument, dass Frauen nicht nur für die Familien- und Hausarbeit prädestiniert seien, sondern auch für den als hausarbeits- und familienähnlichen Beruf der Krankenpflege. Alle angeblich den Frauen angeborenen Eigenschaften wie Selbstaufgabe, Dienen, Opfertum und Nächstenliebe wurden gleichgesetzt mit beruflichen Anforderungen an die Pflege.18 Somit wurde die Krankenpflege inhaltlich nicht als ein Beruf für Frauen, sondern vielmehr als eine Berufung konzipiert.

Auch wenn diese charakterliche Zuschreibung und Entwicklung im Sinne der Ärzte und der Krankenhausverwaltung lag, kam die Initialzündung dieser neuzeitliche Krankenpflege von Theologen, Ordensgemeinschaften und Frauenvereinen und den sich daraus bildenden Institutionen - den Schwesternschaften und Mutterhäusern.19 Von herausragender Bedeutung ist das von Pastor Theodor Fliedner und seiner Frau 1836 gegründete Kaiserswerther Mutterhausdiakonie. Die Krankenschwester und Soziologin CLAUDIA BISCHOFF, hebt in ihrer Analyse zur berufliche Situation von Pflegekräften in Deutschland hervor, dass mit diesem patriarchalisch und familiär aufgebauten Mutterhaussystem zwar Ausbildung und lebenslange Versorgung garantiert, aber die ökonomische Unabhängigkeit der Frauen und auch die Verberuflichung der Krankenpflege verhinderte wurde. „ Für die Schwestern bedeutete die Pflege im Mutterhaussystem eine verlängerte Abhängigkeit und Unselbstständigkeit. Sie hatten keine Verfügungüber ihre Arbeitskraft, sie wurden in pers ö nlicher und ö konomischer Unselbstständigkeit gehalten. Durch die Kasernierung standen sie unter ständiger Kontrolle und Verfügbarkeit, sie bekamen nur ein Taschengeld, bzw. einen v ö llig unzureichenden Lohn. “ 20 Nachhaltig wurde auf diese Weise zum einen der Weg einer eigenständigen Entwicklung der Pflege verhindert und zum anderen war das Streben nach finanzieller Wertschätzung, sozialrechtlicher Absicherung und beruflicher Anerkennung für die Schwestern im Mutterhaussystem nicht von Bedeutung.

Dieser Prozess der Berufskonstruktion der organisierten Pflege wurde von der Pflegehistorikerin HILDE STEPPE zudem als ein wahres Meisterwerk in Sachen geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung bezeichnet: „ denn die ursprünglich umfassende Heilkunde wurde nun endgültig in einen » männlichen « , sprich medizinischen und herrschenden, und einen » weiblichen « sprich pflegerischen und dienenden Teil aufgegliedert und strikt hierarchisch geordnet. Das Interesse der Medizin, zum einen, ihren Berufsstand m ö glichst rein männlich zu erhalten, und zum anderen, wenigstens einigerma ß en geschultes Hilfspersonal zur Verfügung zu haben, traf sich sowohl mit den Interessen der bürgerlichen Frauen, ihre angeblich » weiblichen « Eigenschaften in entsprechenden Berufen entfalten zu k ö nnen, als auch mit dem staatlichen Interesse, der personellen Mangelsituation begegnen zu k ö nnen und den ö ffentlichen Versorgungsauftrag sicher zu stellen. “ 21 Aus heutiger Sicht kann man feststellen, dass sich diese Berufskonstruktion als sehr stabil erwies, denn die Werte und Zuschreibungen wurde von den Krankenpflegerinnen offensichtlich total verinnerlicht und an die nächsten Generationen von Pflegerinnen weitergegeben,22 so dass sogar noch in der heutigen Zeit ein gewisser Einfluss spürbar ist.

3.4. Von der Berufung zum Beruf der Pflege

Der Medizinhistoriker EDUARD SEIDLER führt auf, dass für die Erneuerung der Krankenpflege im 19. Jahrhundert vier grundsätzliche Organisationsformen gestaltet wurden. Die katholische Ordenspflege, die evangelische Diakonie, die weltlichen Mutterhausverbände und die freiberuflichen Schwestern.23, wobei noch die proletarischen LohnwärterInnen hinzugefügt werden müssen.

[...]


1 Expertenkommission Pflege.(2009): S.10

2 Helga Krüger bezieht sich dabei auf Heinrich Popitz, der in seinem Buch „ Phänomene der Macht “ (1969) eine Situation auf einem Schiff beschreibt, bei der mehr Passagiere als Liegestühle an Bord vorhanden sind. Im Fokus seiner Schilderung stehen die Handlungen und Arrangements, die sich im Machtkampf um diese Liegen herauskristallisieren.

3 Helga Krüger zitiert nach Piechotta, Gudrun (2000): S. 65-66

4 Seidl, Elisabeth / Walter, Ilsemarie (1998): S.7

5 Meyer, Claudia (1996): S.11

6 Vgl. Hülsken-Giesler, Manfred (2006): S.79

7 Vgl. Lauber, Annette (2007): S.66

8 Vgl. Kumbruck, Christel (2007): S.25

9 Bolognes-Leuchtenmüller (1998): S.15

10 Vgl. Ebd.: S.15

11 Vgl. Steppe, Hilde (1994):S.44

12 Ebd. :S.44

13 Vgl. Steppe, Hilde (2000): S.77 - 83

14 Hier kommt ein ökonomischer Aspekt zum Tragen. Das Hauptkontingent der Krankenhauspatienten stellte die proletarischen Schichten. Angehörige der oberen Schichten d.h., die zahlungskräftigen Patienten, ließen sich nach wie vor zu Hause pflegen. Diese Schichten anzuziehen wurde zum Anliegen von Ärzten und Krankenhausverwaltung, die an ihnen verdienten. Daher war sowohl eine effiziente Versorgung nach neuesten medizinischen Erkenntnissen als auch entsprechendes Personal notwendig, das in der Lage ist, auf die individuellen Bedürfnisse der zahlenden Schicht einzugehen. Vgl. Bischoff, Claudia (1984): S.68

15 Für den Staat spielten bei der Gründung von Krankenhäusern weniger humanitäre als vielmehr sozial- und bevölkerungspolitische Motive eine entscheidende Rolle, deren Fokus auf die Versorgung von Kriegsverletzten, auf die Kontrolle und Eindämmung von Seuchengefahr, auf die Isolation und notdürftige Versorgung der sozial Schwachen sowie die schnelle Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit der Unterschichten gerichtet war. Vgl. Bischoff, Claudia (1984): S.66 - 68

16 Vgl. Bischoff, Claudia (1984): S.70

17 Vgl. Schneider, Cornelia (2007): S. 29

18 Vgl. Steppe, Hilde (1994): S.45

19 Vgl. Robert-Bosch-Stiftung (2001):S.181

20 Bischoff, Claudia (1984): S.115 - 119

21 Bischoff, Claudia (1984): S.115 - 119 Steppe, Hilde (2000): S. 78

22 Vgl. Ebd. S. 80

23 Vgl. Seidler, Eduard (1993): S.193

Details

Seiten
35
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656827757
Dateigröße
608 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v283374
Institution / Hochschule
Ernst-Abbe-Hochschule Jena, ehem. Fachhochschule Jena
Note
Schlagworte
Professionalisierung Pflege Kritik

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