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Prä-OP-Gatekeepers. Prämissen des utopischen transsexuellen Körpers

Hausarbeit 2014 31 Seiten

Medien / Kommunikation - Interpersonale Kommunikation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Entscheiden Sie doch für mich! – Eine Einführung

2. Umkämpfte Grenzen. Das Verhandeln von Geschlechtszugehörigkeit im Lichte der Selbstverständlichkeit
2.1 Changing the Subject. Konzept der Transsexualität
2.1.1 Geschlecht in der Sexualpathologie: Das Beispiel Cross Dressing
2.1.2 Eine ›neue Spezies‹ mit besonderen Wünschen
2.1.3 Trans. Inter. Cis. Hilfreiche Begriffe

3. Die Autorität der ›Gatekeepers‹: Das ›Zulassungsverfahren‹ über den eigenen Körper
3.1 Die Janusköpfigkeit der Pathologisierung
3.2 Psychologisches Gutachten, Diagnose und Alltagstest
3.3 Statussicherung: Große Lösung/kleine Lösung

4. »Der Körper ist der Nullpunkt«: Michel Foucault
4.1 Wie ›sicher‹ ist der Körper? Die Technologien des Selbst
4.2 Der utopische Körper

5. Worüber reden wir hier eigentlich? - Ein Fazit

6. Bibliografie
6.1 Literatur
6.2 Webseiten

1. Entscheiden Sie doch für mich! – Eine Einführung

Gehört uns unser eigener Körper? Man sollte meinen ja. Beim genaueren Hinsehen ergibt sich allerdings ein anderes Bild. Der leibliche, erfahrbare Körper erscheint uns zunächst als natürliche Einheit, die von Geburt an existiert. Aber inwieweit ist diese Einheit durch unser biologisches Geschlecht festgesetzt? Welche Zuschreibungen werden einem männlichen, welchem dem weiblichen Körper zugeteilt? Diese allgemeingültigen Fragen werden am Beispiel transsexueller Menschen besonders gut sichtbar: Wenn Transsexuelle sich in Deutschland für eine geschlechtsangleichende[1] Operation entscheiden, müssen sie zunächst unter Beweis stellen, wie sicher sie sich ihrer Entscheidung sind. Psychologische Gutachten sollen gewährleisten, dass post-operative Patienten nicht eines Tages aufwachen und feststellen, dass die vorgenommene Operation ein Fehler war. Da diese Operationen irreversibel sind, hält der deutsche Staat seine schützende Hand über Transsexuelle.

Was auf der einen Seite zunächst als behütende Maßnahme plausibel scheint – Risiken müssen vor jedem operativen Eingriff erwogen werden – wird auf der anderen Seite als eine invasive und hinterfragungswürdige Intervention in das Privatleben von Transsexuellen erlebt. Über anderthalb Jahre hinweg, oftmals länger, müssen sie sich mehreren psychologischen Gutachten unterziehen und dabei immer wieder unter Beweis stellen, wie ernst sie es meinen. Dabei wird ihre Identität wiederholt unter dem Mikroskop von medizinischen Tests, Diagnosen und Therapiesitzungen seziert, getestet, analysiert, eingeschätzt, festgestellt, kategorisiert und im Idealfall schließlich bescheinigt.

Bestehen Zweifel an der ›Ernsthaftigkeit‹ oder ›Echtheit‹ der Identität, kann die Operation abgelehnt werden. Nicht selten führt dies zu desaströser Verzweiflung bis hin zu Suizidversuchen. Was lässt sich aus diesem medizinisch-psychiatrisch indizierten Verfahren über das Verhältnis des Körpers zur Gesellschaft ableiten? Inwieweit ist der Körper ein Zeichensystem unserer Identität? Welche gesellschaftlichen Diskurse und Ängste spiegeln sich in ihm? Zentral ist dabei die ethische Problemstellung, dass es sich bei der geschlechtsangleichenden Operation um einen chirurgisch schwerwiegenden Eingriff handelt, der aus medizinethischen Gesichtspunkten deshalb Probleme bereitet, da er einen Eingriff in einen anatomisch gesunden Körper bedeutet.

Das Versprechen körperlicher Transformation ist kompliziert und wird in gewissem Maße von der Geste der medizinischen Einrichtung konteragiert, die wiederum als verwaltender Agent fungiert. Sie meint es gut, aber sie etabliert Regulatoren, die als anmaßend verstanden werden können: »Sag mir, wie ›ehrlich‹ du bist, wie ›real‹ deine Identität ist und ich sage dir, ob du die Prüfung bestehst« – eine klassische Gatekeeper-Geste. Kategorien von Inklusion (Herzlich willkommen! Du hast es geschafft!) und Exklusion (Tut mir leid, leider nicht.) können arbiträr erscheinen und den starken Wunsch eines/r Transsexuellen, sich im eigenen Körper ›richtig‹ zu fühlen, verunmöglichen. In jedem Fall stellt dieser Dualismus von Inklusion und Exklusion die Rahmung der Konditionen, die hier näher beschrieben werden sollen. Das Bild der ›Gatekeepers‹ ist dabei sinnbildlich nicht nur als die eigentliche medizinische und psychiatrische Instanz zu verstehen, sondern darüber hinaus als eine Überlagerung von Diskursen medizinischer, soziologischer, juristischer, sexualwissenschaftlicher, kultureller und philosophischer Art, die auf den Transsexuellen und seine ›heikle‹ Situation einwirken.

Ausgangspunkt dieser Arbeit ist die binäre Geschlechterordnung der abendländischen Welt, die zu Beginn näher untersucht werden soll. Dabei erzählt sich die Kategorie Geschlecht als eine unverrückbare Realität: Die Differenz von Frau und Mann ist allgegenwärtig und unübersehbar. In den Vordergrund schiebt sie sich nur selten. Jedoch bildet sie die Grundlage jeder alltäglichen Begegnung und ist als solche unbestritten. Transsexualität fordert diese Binarität zunächst heraus. Anhand einer Nachzeichnung des Prozesses von der Entscheidung des Transsexuellen bis hin zur Entscheidung der Psychotherapeuten über den Transsexuellen soll aufgezeigt werden, wie diese Intervention des deutschen Staates gestrickt ist. Es soll dabei deutlich werden, dass die Grenze zwischen professioneller Entscheidung und Selbstbestimmung ständig neu und in jedem Einzelfall mit dem Patienten bestimmt werden muss. Unterschiede transsexueller Identität in Abgrenzung zum Cross-Dressing, Intersexualität etc. sollen einen Überblick über die bestehenden Kategorien geschlechtlicher Identität geben und zugleich einen Beitrag zur historischen Einordnung leisten.

Unter Zuhilfenahme von Michel Foucaults Überlegungen zur Biopolitik und den Techniken des Selbst soll im Anschluss eine Bestandsaufnahme aufgestellt werden, die es ermöglicht, einen Einblick in die Ambivalenz von externer Bestimmung und internem Selbstmanagement zu bekommen. Welche Machtdiskurse verbergen sich hinter diesen regulativen Strategien? Was sind die gesellschaftlichen Implikationen, die mit dem erforderlichen psychologischen Gutachten einhergehen? Was verbirgt sich hinter der Gatekeeper-Geste? Foucaults Gedanken zum utopischen Körper sollen im Anschluss daran den Scheitelpunkt bilden, von dem aus die Arbeit eine andere Richtung ausprobieren will. Ist der Transsexuelle paradox? Verbirgt sich in ihm/ihr ein utopisches Potenzial höchsten Ranges? – Ganz im Arbeitsgeiste Foucaults begibt sich der Text auf die Suche nach brauchbaren Erkenntnissen und will am Ende etwas herausfinden, was zu Beginn noch nicht war.

2. Umkämpfte Grenzen. Das Verhandeln von Geschlechtszugehörigkeit im Lichte der Selbstverständlichkeit

Bei der Frage, wie der Körper dem Geschlecht in unserer Kultur Bedeutung verleiht, ist folgende Unterscheidung sinnvoll: (1) der Körper wird von der Grundannahme der Zweigeschlechtlichkeit gesehen: es gibt ein habituiertes Sehen, das Wahrnehmungen erzeugt, die am Körper die Geltungen ihrer Voraussetzungen reproduzieren; (2) der sichtbare Körper, der das Geschlecht symbolisiert, wird so gesehen, dass der Körper als Bedeutungsträger und das Geschlecht als Bedeutung nicht voneinander unterschieden werden, und (3) als dinghaftes Gebilde ist der Körper ein Verweis darauf, von jedermann gesehen werden zu können, wodurch der Geschlechtskörper Macht gegenüber der individuellen Wahrnehmung erhält (vgl. Lindemann 2011, 39). Diese Parameter sollen Aufschluss darüber gewähren, wie in diesem komplexen Zusammenhang der/die Transsexuelle sich selbst sieht und gleichermaßen gesehen wird.

Das Aushandeln geschlechtlicher Identität war nie reibungsfrei. Im Römischen Reich »wurde zwar ein androgynes Prinzip in Kunst und Philosophie verherrlicht, zwittrige Geburten jedoch als ›monstra‹, als fatales Omen in einem Reinigungszeremoniell getötet« (Hirschauer 1992, 57). Dieses Auseinanderklaffen von sakraler Bildlichkeit von Geschlecht einerseits und profaner Lebenspraxis andererseits markiert hier bereits eine erste Ambivalenz. In der neoliberalen Gesellschaft ist das Verhältnis geschlechtlicher Bestimmung nicht weniger zwiespältig: Einerseits lösen sich Wesensunterschiede zwischen den Geschlechtern immer mehr auf, andererseits bleibt der Geschlechterunterschied aber beharrlich bestehen. Im angloamerikanischen Raum wird deshalb schon seit langem zwischen sex (was am ehesten dem biologischen Geschlecht gleichkommt) und gender (was am ehesten dem kulturellen Geschlecht entspricht) unterschieden. Es ist längst in den Wissenschaften angekommen, dass sex und gender nicht immer zusammenfallen. Der Körper ist demnach ein soziales Unterfangen. Gesa Lindemann schreibt dazu in Das paradoxe Geschlecht:

Gegenüber der Annahme des natürlichen Geschlechterunterschieds hat der Gedanke, dieser [der Körper] sei selbst schon sozialer Natur, den Vorteil einer größeren logischen Geschlossenheit, denn auf diese Weise wird akzeptiert, dass die Körper, sofern sie als Klassifikationsmerkmal fungieren, integraler Bestandteil eines kulturellen Bedeutungszusammenhangs sind. Sie können nicht an sich, sondern nur in und gewissermaßen für diesen Rahmen zum Gegenstand gemacht werden (Lindemann 2011, 30).

Daraus ergibt sich die simple aber wesentliche Erkenntnis: Körper sind nicht einfach da. Eher ließe sich sagen: Körper treten in Erscheinung. Da nämlich im alltäglichen Leben die als entscheidend geltenden Körperpartien (primäre Geschlechtsmerkmale) nicht in Augenschein genommen werden können, müssen wir uns auf das verlassen, was sich uns darbietet, um Bedeutung (Mann/Frau) zu generieren.

Darüber hinaus setzt die Unterscheidung von zwei Geschlechtern anhand der Körper ein Wissen um die Geschlechterdifferenz und deren Signifikanz voraus. Es muss eine Art Kontextwissen darüber bestehen, dass »es nur zwei Geschlechter gibt, denen wir lebenslänglich angehören« (Lindemann 2011, 30). Innerhalb dieses Wissens sind neben dem Körper Gesten, Kleidung und Personalpronomen indexikalische Ausdrücke des Sachverhalts, dass jede Person eine sinnvolle Erscheinung in einer Welt mit zwei Geschlechtern ist. Das bedeutet auch, dass diese sinnvolle Erscheinung eine Realität hervorbringt, innerhalb derer die Beteiligten sowohl konstruierend als auch konstituiert sind (vgl. Lindemann, 31).

Der Soziologe Harold Garfinkel war der erste, der die dem transsexuellen Lebensstil immanente Reflexivität[2] erkannte: Wir alle sind Männer oder Frauen, indem wir den Eindruck erwecken, wir seien es. Aus dieser Perspektive heraus unterscheiden sich Transsexuelle von Nicht-Transsexuellen lediglich dadurch, weil erstere wissen, wie sehr sie damit beschäftigt sind, ihr Geschlecht darzustellen, während Nicht-Transsexuellen das Gleiche zumeist vollbringen, ohne darüber nachzudenken. Die von Geburt an geschlechtsspezifisch geltenden Körperformen erweisen sich dabei in vielfacher Hinsicht als kulturell determiniert. Innerhalb dieses Bezugsrahmens bezeichnet Garfinkel Genitalien als »kulturelles Ereignis« (Garfinkel 1967, 123). Denn (1) als Genitalien, die Personen unterstellt werden, die überzeugend in ihrem Geschlecht wirken, sind sie das Resultat von Darstellungsleistungen und (2) als Genitalien, deren Besitz zu bestimmten Geschlechterdarstellungen verpflichtet, sind sie Bezugspunkte zu Verhaltensnormierungen (vgl. Lindemann 2011, 29). Daraus ergibt sich die zunächst nicht überraschende Vermutung, dass biologische Unterschiede zu unterschiedlichen sozialen Bedeutungssystemen führen. Der leibliche Körper des Transsexuellen wirft dabei wesentliche Fragen auf, der sowohl die Stabilität der sozialen Bedeutungssysteme infrage stellt als auch den Körper als solchen an zentrale Stelle rückt. Nach einer Denkbewegung vom Allgemeinen zum Speziellen soll im Folgenden die Transsexualität als Konzept näher beleuchtet werden. Die historische Verortung bildet dabei den nötigen Hintergrund, um die verzweigten Diskurse, die sich um Transsexualität ranken, besser einordnen zu können.

2.1 Changing the Subject. Konzept der Transsexualität

2.1.1 Geschlecht in der Sexualpathologie: Das Beispiel Cross Dressing

Cross Dressing soll hier vor allen Dingen in aller Kürze dargestellt werden, um einerseits die normierende Funktion des Staates auf den Körper aufzuzeigen und andererseits um Transvestitismus von Transsexualität abzugrenzen. Eine Abgrenzung scheint mir deshalb wichtig, weil Transsexualität allzu oft mit Transvestitismus vermischt wird und sich aus diesem Zusammenhang Unklarheiten ergeben, die mit diesem Schritt vermieden werden sollen.

Das Phänomen des Kleiderwechsels (Cross Dressing) ist kulturgeschichtlich seit langem bekannt und wurde in seinen kulturellen Bedeutungen und sozialen Funktionen bereits eingehend beschrieben. Im aufkommenden psychiatrisch-sexualpathologischen Diskurs des 19. Jahrhunderts – wie auch in der sich nach 1900 etablierten Sexualwissenschaft – spielt die Kategorie ›Geschlecht‹ zunehmend eine zentrale Rolle (vergl. Herrn 2005, 25). Gegenstand des Diskurses war die Naturalisierung und geschlechtsspezifische Kodierung von sexuellem und sozialem Verhalten. Weil Kleidung eine der signifikanten Geschlechterkodierungen darstellt, wurde geschlechtsgemäße und –ungemäße Kleidung bereits seit Beginn der sexualpathologischen Debatte thematisiert. So erklärt sich auch, dass die Cross-Dresser im gleichen Atemzug wie die ›Päderasten‹, wie auch Homosexuelle seinerzeit, genannt wurden. Man sah in beiden Phänomenen, dem Cross-Dressing wie dem gleichgeschlechtlichen Begehren, eine verdächtig anmutende Umkehrung der Geschlechterrollen.

Cross Dressing war als sichtbares Zeichen deutliches Indiz für die konträre Sexualempfindung, also immer auch an ein sexuelles Begehren geknüpft. Albert Moll legte dazu 1891 die erste Monografie vor, in der er beschreibt, dass die konträre Sexualempfindung all diejenigen Verhaltensweisen umfasse, die konträr zu den kulturellen Konnotationen von Männlichkeit und Weiblichkeit standen. Die Kategorien von Aus- und Einschließungen waren auf die Stabilisierung der Geschlechternormen ausgerichtet und lagerten somit non-konformes Verhalten als pathologisch aus. Moll weist darauf hin, dass das Konzept der konträren Sexualempfindung in Teilen der Fach- und Laienöffentlichkeit fälschlicherweise identisch mit der Homosexualität verwendet wurde (vgl. Herrn 2005, 27) [3]. Aus dieser Entwicklung geht hervor, dass dem staatlichen Monopol nicht nur der leibliche Körper gehörte, sondern auch die Kleider, die Gestik und die Art und Weise, wie jemand angesprochen wurde. Im Folgenden soll näher beschrieben werden, wie die Kategorie ›transsexuell‹ im Laufe der Zeit verhandelt wurde und an welcher Stelle die Diskurse sich heute befinden.

2.1.2 Eine ›neue Spezies‹ mit besonderen Wünschen

Die ›neue Spezies‹ ist längst nicht mehr neu, aber ihre Kategorie ist noch relativ jung. Der Wunsch das Geschlecht zu wechseln ist ein alter, schon zu Aristoteles’ Zeiten bekannter. Ein nicht ganz so altes Beispiel aus der Frühen Neuzeit soll als Beleg dienen: Thomas(ine) Hall, die 1570 in Newcastle upon Tyne in England geboren wurde, zog in seiner Jugend als Soldat für England in den Krieg, setzte anschließend ihr Leben als Frau fort, ging dann wieder als Mann auf Reisen, bevor sie in Virginia als Kammerzofe arbeitete. Das Gericht, vor das Thomas(ine) 1629 zitiert wurde, fand eine fixierte Doppelgeschlechtlichkeit leichter zu akzeptieren als eine ständige Metamorphose und stellte öffentlich fest: »Hall is a man and a woman« und schrieb entsprechende Kleider vor (vgl. Hirschauer 1992, 71).

Kurz zuvor, im europäischen Mittelalter, waren männliche Geschlechtswechsler noch in die Reservate der Feste und Bühnen abgedrängt worden. Von ihnen gab es weit weniger als von ihren weiblichen Gegenstücken. Das geht auf eine frühchristliche Tradition zurück, die an das antike Geschlechtermodell geknüpft ist:

Die biblische Verdammung (5. Buch Mose) der Aneignung der Kleider des anderen Geschlechts galt zwar für beide Geschlechter, aber christliche Heiligengeschichten priesen auch über Jahrhunderte die ›mannhafte‹ Frau, insbesondere wenn sie als Nonne oder Mönch ›männliche Spiritualität‹ erreichte (Hirschauer 1992, 72).

Die Hypothesen zum Motivationskontext des Geschlechtswechsels beziehen sich zu diesem Zeitpunkt dementsprechend noch auf den sozialen Status und die sexuellen Beziehungen der Geschlechtswechsler. Für Frauen konnte es aus ökonomischen und sozio-kulturellen Gründen von Vorteil sein, sich als Mann oder Junge zu verkleiden. Die Motivation der Mann-zu-Frau-Transsexuellen schien demgegenüber weitaus zwielichtiger (vgl. Hirschauer 1992, 72).

Die Pathologisierung des Geschlechtswechsels im frühen 20. Jahrhundert ändert nicht nur die gesellschaftlichen Behandlungsformen, die von Auspeitschung bis hin zu Verbrennung rangierten, sondern auch die Phänomene des Geschlechtswechsels selbst. Im Zuge der aufkeimenden Sexualwissenschaft werden die diagnostischen Begriffsraster, die die Patientensammlung organisierten, differenziert, so dass neue Symptome (Depressionen, psychosomatische Störungen, Sucht- und Suizidverhalten) in den Vordergrund rücken, an denen sich neue klinische Typen kristallisieren (Hirschauer 1992, 74). Als Spezifikum des transsexuellen Geschlechtswechsels erscheint schließlich die Aushandlung des sozialen Konflikts darum, welche Realitätsdefinition sich einer anderen anpassen muss: Muss man die Seele therapeutisch dem Körper oder den Körper an die Seele anpassen? Dieser Konflikt gegensätzlicher Schulen (bspw. Somatiker vs. Psychiker) schlägt sich in zahlreichen Debatten, vor allem in den Reihen der Psychotherapeuten, die Abhilfe schaffen sollten, nieder[4].

Mitte der 1960er Jahre grollt das Donnern dieser Debatten noch nach. Der Terminus ›transsexuell‹ beginnt sich für die Vorstellung rein subjektiven Geschlechtsempfindens zu etablieren, zugleich wird Transvestitismus als eine gelegentliche Praxis des Kleidertauschs aufgefasst und als fetischistisches Sexualverhalten begriffen. Damit lässt sich ein erstaunlicher Wandel der kulturellen Assoziation des Kleidertauschs mit sexuellen Motiven feststellen:

Wurde die Travestie von Männern seit dem Mittelalter verdächtigt, sexuellen Zugang zu Frauen anzustreben, um dann ab dem 17. Jahrhundert mit gleichgeschlechtlicher Sexualität assoziiert zu werden, so wird sie in der Medizin des 20. Jahrhunderts zum Zeichen einer rein selbstbezogenen Sexualität, die zwar dem Transsexuellen psychodynamisch verwandt um das Thema von Männlichkeit und Weiblichkeit kreist, aber als Form des Geschlechtswechsels gegenüber der Radikalität der ›Geschlechtsumwandlung‹ entwertet ist. (Hirschauer 1992, 76)

Transsexualität und Transvestitismus werden an dieser Stelle zu eigenständigen Kategorien, die fortan getrennt voneinander untersucht werden, wenn sie auch in der öffentlichen Meinung selbst heute noch durcheinander geraten. Die folgende Aufstellung von Begriffen soll eine genaue Betrachtung qua Abgrenzung ermöglichen.

2.1.3 Trans. Inter. Cis. Hilfreiche Begriffe

Es wurde versucht, sowohl innerhalb medizinischer Diskurse als auch in den Communities Transsexueller, Intersexueller etc. sinnstiftende Begriffe zu etablieren, von denen sich einige durchgesetzt haben und andere wieder verschwunden sind. Der TransInterQueer e. V. stellt auf seiner Webseite folgende hilfreiche Begriffe zusammen, bzw. grenzt diese voneinander ab:

Transgeschlechtliche Menschen (auch: Transgender) sind alle die, die nicht in dem Geschlecht leben können oder wollen, welchem sie bei ihrer Geburt zugeordnet wurden. Hierzu zählen Transsexuelle, Drags, Transidenten, Cross-Dresser und viele mehr.

[...]


[1] Häufig findet sich in Abhandlungen über geschlechtsangleichende Operationen noch immer der Ausdruck „Geschlechtsumwandlung“. Um Missverständnissen von vornherein aus dem Weg zu gehen, soll hier Folgendes geklärt werden: Eine Geschlechtsumwandlung, wie etwa im Tierreich möglich, bezeichnet eine Veränderung des Geschlechts während der Individualentwicklung. Da es sich bei einer operativen geschlechtsangleichenden Operation jedoch nicht um eine Veränderung des Erbguts handelt, wird diese als geschlechtsangleichend verstanden, nicht als Umwandlung. Eine Geschlechtsumwandlung des Menschen als solche ist aus biologischer Sicht nicht möglich.

[2] Für eine ausführliche Untersuchung der Reflexivität vgl. Mehan/Wood (1979).

[3] Er macht damit auf einen Punkt aufmerksam, der sich bis ins 21. Jahrhundert geschlichen hat: Transsexualität ist weder mit Transvestitismus noch mit Homosexualität gleichzusetzen. Will man der Realität der Transsexualität gerecht werden, muss sie von der sexuellen Neigung abgekoppelt werden.

[4] Vor allem ist hierbei die Boss-Mitscherlich-Kontroverse zu nennen. Der Psychiater Medard Boss berichtete 1950 über die Operation eines biologischen Mannes, der sich körperlich an seine empfundene seelische Zweigeschlechtlichkeit hatte anpassen lassen. Für Boss eine neue Menschwerdung, für seinen Hauptkritiker Alexander Mitscherlich eine Verstümmelung. Die entbrannte Kontroverse kreiste um unverändert aktuelle Probleme: Patientenautonomie und ärztliche Verantwortung, Normativität anthropologischer Konzepte, psychotherapeutisches Selbstverständnis.

Details

Seiten
31
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656832263
ISBN (Buch)
9783656829959
Dateigröße
495 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v283440
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Institut für Künste und Medien
Note
1,0
Schlagworte
Gender Studies Körper Transsexualität Geschlechtsangleichende Operation

Autor

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