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Die Poetik autobiographischen Schreibens in Stefan Zweigs "Die Welt von Gestern"

Magisterarbeit 2012 86 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Poetik und autobiographisches Schreiben - Begriffserklärungen
2.1. Poetik
2.2. Autobiographie und Elemente autobiographischen Schreibens

3. Stefan Zweig:Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers
3.1. Beweggründe für Zweigs autobiographisches Schreiben
3.2.Die Welt von Gesternals Exilautobiographie
3.3.Die Welt von Gesternals Zeitzeugnis
3.4. Autobiographisches Erzählen: Zweigs literarische Konstruktion einer „Welt von Gestern“
3.4.1.Die Geschichte als Dichterin: Zweigs historiographisches Konzept
3.4.2. Konstruktion einer „Welt von Gestern“: „Das goldene Zeitalter der Sicherheit“
3.4.3. Zweigs konstruiertes Selbstbild: Als Jude, Schriftsteller, Pazifist und Humanist
3.5. Erzählformen inDie Welt von Gestern
3.5.1. Chronologie und Dramatik
3.5.2. Autobiographisches Subjekt
3.5.3. Stilistik

4. Fazit

5. Bibliographie

5.1. Quellen

5.2. Forschung

1. Einleitung

Stefan Zweig (1881-1942) war ein bedeutender österreichischer Schriftsteller, der zu den meistgelesenen Autoren nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte. Er verfasste seine Autobiographie Die Welt von Gestern mit dem Untertitel Erinnerungen eines Europäers unmittelbar vor seinem Tod in den letzten Jahren seines Exils (1939- 1941). Das Werk erschien postum 1942 bei Bermann-Fischer in Stockholm. Das autobiographische Werk beinhaltet Zweigs „Selbstdarstellung“1, die den An- spruch erhebt, die Erinnerungen eines Europäers wiederzugeben. Er beschreibt darin seine eigene Lebensgeschichte und schildert den Verfall der Monarchie, die Zwischenkriegszeit mit ihren gesellschaftlichen Auswirkungen, das Aufkommen des Nationalsozialismus und den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Es ist ein Werk des Exils und behandelt, wie der Titel sagt, eine Welt, die der Vergangenheit angehört, der unmittelbar vorangegangenen Zeit von der Jahrhundertwende bis zum Zweiten Weltkrieg. Der räumliche Bereich umfasst die Weltmitte Europas, im Wesentlichen Deutschland und Österreich mit gelegentlichen Ausblicken nach Frankreich, Russland, England und Italien. Die Welt von Gestern zeichnet damit ein umfassendes Bild Europas in den Vor- und Zwischenkriegsjahren. Zweig beab- sichtigte, in der autobiographischen Schrift die Erlebnisse der vom Schicksal ge- beutelten Schriftstellergeneration seiner Zeit darzustellen. Die Autobiographie ver- knüpft die objektive Betrachtung des Zeitgeschehens mit der persönlichen Perspek- tive des Ich-Erzählers.

Stefan Zweigs literarisches Schaffen ist beachtlich. Gerade auch in unseren Tagen nehmen Leben und dichterisches Werk des Europäers, der den Gedanken der Einheit Europas schon sehr früh predigte, eine besondere übernationale Bedeutung ein. Die Anfänge seiner Dichtkunst sind in der Zeit um die Jahrhundertwende anzusiedeln. Die Werke jener Tage wurden eindeutig vom Ästhetizismus der Wiener Moderne beeinflusst, der sich an den romanischen Literaturen schulte. Seine literarische Tätigkeit wurde stark von seiner literarischen Heimat Wien geprägt. Diese Stadt bevorzugte die ästhetische Form um ihrer selbst willen.

Bis zu seinem dreißigsten Lebensjahr sah er in der Literatur nur eine Ausdrucks- form des Lebens. Erst zu späterer Zeit in Salzburg ist seine Tätigkeit als Literat in den Mittelpunkt seines Lebens gerückt. Von Literatur sprach er wenig, von sich selbst und seinem Schaffen nie. Zu Zweigs Werken gehören hingegen fast 40 Port- räts verschiedenster Persönlichkeiten, die er in Form von Biographien, Essays und Charakterbildern gezeichnet hat. Das in seiner Autobiographie entworfene Selbst- bild unterscheidet sich davon deutlich, denn hier erzählt der Verfasser nur wenig von sich selbst.

Zeit seines Lebens ist Zweig einer Mittlertätigkeit nachgegangen, die zu seinen größten Leistungen zu zählen ist und ihm den Ruhm eines großen Europäers ein- brachte. Bereits während seiner Lehrjahre in Wien entwickelte der Schriftsteller aufgrund seiner grenzenlosen Begeisterungsfähigkeit eine überschwängliche Lei- denschaft für die Literatur und alles, was mit der Kunst an sich zu tun hatte. Und im Alter von sechzig Jahren hatte er erkannt, „einer vergangenen Generation anzu- gehören, dessen lebendige Erfahrung für jüngere Zeitgenossen schwer vorstellbare Geschichte geworden ist.“2 Er nahm seine eigene Entwicklung zum Anlass, ge- schichtliche Kulturwandlungen darzustellen. Der Autor fühlte sich verpflichtet, eine Welt, die allem Anschein nach dem Untergang geweiht, die von gestern, Ver- gangenheit war, in Erinnerung zu rufen. Er hielt an Idealen wie der humanen Ver- ständigung zwischen Menschen, Geisteshaltungen, Kulturen und Nationen fest. Am Ende seines Lebens und nach vielen Jahren im Exil reifte in ihm der Plan, sein Leben und seine Epoche darzustellen. Seine Rückschau galt dabei dem Individuum Stefan Zweig und seinem Weg durch ein Zeitalter. Er verknüpfte die Autobiogra- phie mit der Bilanz einer Epoche. Der Autor zeichnete die Welt von gestern als Zeitzeuge auf und hielt dabei nicht so sehr sein eigenes Schicksal fest als das seiner Generation. Weit über das Persönliche hinaus, brachte er das Lebensgefühl einer Epoche zum Ausdruck.

Zweig war der Überzeugung, es sei die Pflicht des Dichters, auf seine Zeitgenossen aufklärend einzuwirken. Er glaubte, durch sein schriftstellerisches Schaffen seine Leserschaft humanistisch erziehen zu können. Im Vorwort lässt sich das Argument für sein dringendes Begehren nach seiner Autobiographie finden: „Dies unser ge- spanntes, dramatisch überraschungsreiches Leben zu bezeugen, scheint mir Pflicht.“3 (WvG, 11) Wie ein roter Faden zieht sich diese Intention durch die umfangreiche Beschreibung seines Lebens und seiner Zeit.

Mit seinem letzten Werk, der Autobiographie Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers, die mit einem sehnsüchtigen Blick zurück Bilanz zieht, ging also Zweigs Welt von gestern unter. Als er mit seiner Lebensdarstellung begann, stand er „abermals an einer Wende, an einem Abschluß und einem neuen Beginn.“ (WvG, 12) Er gesteht daher die Absicht in seinem Handeln, „wenn [er] diesen Rückblick auf [s]ein Leben mit einem bestimmten Datum vorläufig enden“ lässt (WvG, 12), „[d]enn jener Septembertag 1939 zieht den endgültigen Schlußstrich unter die Epoche, die uns Sechzigjährige geformt und erzogen hat.“ (WvG, 12) Zweig schrieb sein Werk, um der Nachwelt seinen Lebensrückblick nicht vorzu- enthalten, und es wurde die Geschichte einer ganzen Generation. Die Autobiogra- phie endet mit dem Ereignis, das Zweig zwang, seine wahrhafte geistige Heimat Europa für immer zu verlassen: der englischen Kriegserklärung gegen Deutsch- land. Der Autobiograph hatte sich selbst die Pflicht auferlegt, Zeuge seiner Epoche zu sein, und nachdem er Die Welt von Gestern abgeschlossen hatte, hielt er diese Pflicht für erfüllt.

Stefan Zweig gilt noch heute als der große Europäer und Weltbürger, der „in Wien sein Ideal einer geistigen Einheit Europas entwickelt hat.“4 Daher handelt es sich auch bei der Autobiographie Die Welt von Gestern nicht um eine Lebensbeichte, sondern um Erinnerungen eines Europäers. Doch auch dies geschah im Hinblick auf das Ende, die künstlerische Abrundung eines abgeschlossenen Lebens. Joseph Strelka schreibt zusammenfassend über Zweigs Memoiren: „Das Buch ist ein be- redter Ausdruck seines Takts, seiner Bescheidenheit und seiner Liebe zu allem Schönen, Guten und Menschlichen in einer immer barbarischer werdenden Welt.“5 Autobiographien haben ihren Reiz darin, die subjektive Seite geschichtlicher Ver- hältnisse und Verläufe aufzuzeigen. Die Spiegelung der Zeitverhältnisse entspricht in diesem literarischen Modell einem sehr persönlichen Durchgang durch das Zeit- geschehen. In der Exilforschung haben Autobiographien von jeher eine wichtige Position eingenommen, da sie als Zeugnis und Dokument sowie als Zeit- und Selbstdeutung zu verstehen sind. Die Welt von Gestern, der sich die vorliegende Magisterarbeit widmet, ist hier von besonderem Interesse. Denn im Gegensatz zu einem autobiographischen Text im traditionellen Sinne, der den Erzählenden in den Mittelpunkt der Darstellung rückt, betont Zweig eine aufrichtige und unbefangene Zeitdarstellung. Der Autobiograph beabsichtigte durchaus von sich und seinem Leben zu berichten, machte jedoch die Wichtigkeit der überpersönlichen Begeben- heiten deutlich. Dies nötigt den Leser, den Autor umso mehr von außen zu betrach- ten und zu studieren, um sein Innerstes in seinen Worten und Taten zu erfassen und den verborgenen autobiographischen Inhalt zu entdecken, den dieses Zeitdokument vermittelt.

[...]


1 Zweig, Stefan: Briefe an Freunde. Hrsg. von Richard Friedenthal. Frankfurt/Main 1978, S. 318.

2 Chédin, Renate: Das ,Geheim Tragische des Daseins‘. Stefan Zweig ,Die Welt von Gestern‘. Würzburg 1996, S. 2.

3 Für eine bessere Übersicht werden Zitate aus Stefan Zweigs Autobiographie direkt mit dem Kürzel „WvG“ (Die Welt von Gestern) und der Seitenzahl belegt. Sie beziehen sich auf: Zweig, Stefan: Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers. Frankfurt/Main 2012.

4 Prater, Donald A.: Stefan Zweig und die Welt von Gestern. Wien 1995, S. 10.

5 Strelka, Joseph: Stefan Zweig. Freier Geist der Menschlichkeit. Wien 1981, S. 138.

Details

Seiten
86
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656832898
ISBN (Buch)
9783656829898
Dateigröße
808 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v283583
Institution / Hochschule
Universität des Saarlandes
Note
2,0
Schlagworte
poetik schreibens stefan zweigs welt gestern

Autor

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Titel: Die Poetik autobiographischen Schreibens in Stefan Zweigs "Die Welt von Gestern"