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Theoretischer Kontext des Persönlichen Budgets von Menschen mit Behinderung

Akademische Arbeit 2006 30 Seiten

Soziologie - Politische Soziologie, Majoritäten, Minoritäten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretische Erklärungsansätze
2.1 Individualisierungstheorie nach Beck
2.1.1 Die Grundzüge der Individualisierungstheorie
2.1.2 Niveauverschiebungen
2.1.2.1 Einkommen
2.1.2.2 Sozialstaatliche Sicherungs- und Steuerungssysteme
2.1.2.3 Bildung
2.1.2.4 Sonstige Niveauverschiebungen
2.2 Wohlfahrtspluralismus nach Evers/Olk
2.2.1 Die vier Sektoren der Wohlfahrtsproduktion
2.2.1.1 Markt-Sektor
2.2.1.2 Staats-Sektor
2.2.1.3 Informeller Sektor
2.2.1.4 Nonprofit-Sektor/Intermediärer Bereich

3 Fazit

4 Literaturverzeichnis (inklusive weiterführender Literatur)

1 Einleitung

Das Persönliche Budget dürfte die in der Bundesrepublik Deutschland zurzeit am meisten diskutierte Innovation in der Behindertenhilfe und –politik darstellen (Kastl/Metzler 2005: S. 9). Beim Persönlichen Budget handelt es sich um eine Geldleistung, die ein behinderter Mensch anstatt der bisher üblichen durch einen anerkannten Träger der Wohlfahrtspflege erbrachten Sachleistung erhält. Mit dieser Geldleistung kann er sich dann eine entsprechende Unterstützungsleistung auf dem sozialen Dienstleistungsmarkt einkaufen oder auf andere Weise selbst organisieren. Das Persönliche Budget, so die überwiegend in der fachlichen und sozialpolitischen Diskussion zum Ausdruck gebrachte Erwartung, stellt zumindest von seiner Grundkonstruktion her ein geeignetes Instrument zur Erweiterung der Selbstbestimmungsmöglichkeiten von Menschen mit Behinderung dar. Dabei erscheint das Persönliche Budget als Inbegriff eines Paradigmenwechsels in der Behindertenpolitik von „fremdbestimmter Fürsorge“ zu „Selbstbestimmung“, der formal-sozialrechtlich zum ersten Mal im Jahre 2001 im „Gesetz zur Rehabilitation und Teilhabe behinderter Menschen“ (Sozialgesetzbuch IX)[1] seinen Ausdruck gefunden hat (Kastl/Metzler 2005: S. 9; Haack 2003; Bundesregierung 2004: S. 24).

Wenn ich in dieser Arbeit von „Menschen mit Behinderung“ oder - um der flüssigeren Formulierung willen - von „behinderten Menschen“ schreibe, hebe ich in der Regel auf einen sozialrechtlichen Begriff von Behinderung ab und meine damit Menschen, die aufgrund ihrer Behinderung einen Anspruch auf Teilhabeleistungen nach dem SGB IX haben und damit potentiell für das Persönliche Budget in Frage kommen.

2 Theoretische Erklärungsansätze

Das Persönliche Budget soll Menschen mit Behinderung ermöglichen, „in eigener Verantwortung ein möglichst selbstbestimmtes Leben“ zu führen (§ 17 Abs. 2 Satz 1 SGB IX). Der im SGB IX vollzogene Paradigmenwechsel von der Fürsorge zur Selbstbestimmung, so in einem Bericht der Bundesregierung, habe auch Ausdruck in der neu geschaffenen Möglichkeit gefunden, Leistungen zur Teilhabe in Form des Persönlichen Budgets zu erbringen. Der Vorteil für die Menschen mit Behinderung liege darin, dass sie so einen „Zuwachs an Entscheidungsmöglichkeiten für die von ihnen gewünschte Lebensform und über die Erbringung der notwendigen Hilfen erhalten“ (Bundesregierung 2004).

Der Begriff der Selbstbestimmung aber, so konsensfähig und sich selbst erklärend er auf den ersten Blick zu erscheinen vermag, kann dabei auf keine eindeutige wissenschaftliche Definition zurückgreifen. Als Schlüsselbegriff der Gegenwart und weithin akzeptiertes gesellschaftliches Ideal ist er ausgehend von der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung seit Beginn der 80er Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts mehr und mehr auch zu einem Leitbegriff der Behindertenhilfe und –politik geworden (Waldschmidt 1999: S. 7; Waldschmidt 2003: S. 18; Heusinger/Klünder 2005: S. 18 ). Der Begriff der Selbstbestimmung scheint dabei offensichtlich aus sich heraus eindeutig verständlich und wird dabei „in Alltagssprache und wissenschaftlichen Zusammenhängen immer wieder benutzt, ohne einer ausführlichen Explikation für würdig befunden zu werden“ (Waldschmidt 1999: S. 7 Anmerkung 1; ähnlich Heusinger/Klünder 2005: S. 18; Deutscher Caritasverband o.D.). Selbstbestimmung bezeichnet zunächst einmal das Gegenteil von Fremdbestimmung, also der Abhängigkeit von den Entscheidungen anderer (Heusinger/Klünder 2005: S. 18). Als Gegenbegriff zu dieser Abhängigkeit wird häufig auch der aus dem Griechischem stammende Begriff der Autonomie benutzt, ein Wort das ursprünglich „nach eigenen Gesetzen lebend“ bedeutet und damit auf den Tatbestand der Selbstgesetzgebung verweist (Waldschmidt 1999: S. 14; Heusinger/Klünder 2005: S. 18). Begriffe wie Freiheit und Emanzipation stammen ebenfalls aus demselben Konnotationsfeld, auch wenn sie sich in Nuancen durchaus unterscheiden. Freiheit impliziert den Gegensatz zu Sklaverei, Emanzipation bedeutet die Freiheit aus oder den Kampf gegen Abhängigkeitsverhältnisse und Entmündigung. Der Begriff der Selbstbestimmung scheint dagegen „neben der Selbstgesetzgebung noch die Selbstherrschaft zu meinen“ (Waldschmidt 1999: S. 15). Selbstbestimmung impliziert aber nicht nur die Befreiung aus unterdrückerischen Beziehungen, sondern auch die Utopie eines guten Lebens nach dem Emanzipationskampf (Waldschmidt 1999: S. 14 f.). Selbstbestimmung gilt in der späten Moderne des ausgehenden zwanzigsten und beginnenden einundzwanzigsten Jahrhunderts als Grundrecht des Menschen (Waldschmidt 1999: S. 7). Dabei scheint es sich nicht um ein präzise definiertes Grundrecht zu handeln, sondern eher um ein formales Konstrukt, das „offen für sehr unterschiedliche, ja widersprüchliche Inhalte, Deutungen und Praktiken“ ist (Waldschmidt 1999: S. 10). Die mit dem Begriff der Selbstbestimmung eng verbundene Vorstellung, „der einzelne sei ein autonomes Subjekt, ein Wesen, das losgelöst von Tradition, Erziehung und Sozialstruktur, unabhängig von der Zeit, Biographie und Historie persönliche Identität entwickelt und ausgehend von den eigenen Interessen tatkräftig sein Leben gestaltet“ scheint zu suggerieren, „als regierten nur noch die einzelnen, und der äußere soziale Zwang, von Emile Durkheim zum Ende des letzten Jahrhunderts noch als Charakteristikum des Gesellschaftlichen ausgemacht, könne dem Individuum nichts mehr anhaben“ (Waldschmidt 1999: S. 7).

Die sich ergebene konkrete inhaltliche Bedeutung des Selbstbestimmungsbegriffs lässt sich aus soziologischer Perspektive aber nur in Operationalisierungen, also in Bezug auf die jeweilige Praxis, die sich aus ihr ergibt, erschließen. Diese wiederum ist abhängig von den jeweiligen gesellschaftlichen und institutionellen Kontexten (Waldschmidt 1999: S. 10). Will man die Frage beantworten, ob das Persönliche Budget geeignet ist, die Selbstbestimmungsmöglichkeiten von Menschen mit Behinderung zu erweitern und welche Chancen und Risiken für die Lebenslage behinderter Menschen damit möglicherweise verbunden sind, ist es notwendig, dabei den gesellschaftlichen und institutionellen Kontext dieses Instruments zu thematisieren. Wie im weiteren Verlauf meiner Arbeit deutlich werden wird, stehen mit der Individualisierungstheorie von Beck (1983) und dem Wohlfahrtspluralismusansatz von Evers und Olk (1996) theoretische Modelle und Begriffsysteme zur Verfügung, mit dessen Hilfe sich der gesellschaftliche und institutionelle Kontext des Persönlichen Budgets beschreiben und diskutieren lässt.

Im folgenden Abschnitt 2.1 werde ich mit Hilfe der Individualisierungstheorie von Ulrich Beck (1983) zunächst der Frage nach dem gesellschaftlichen Kontext des Persönlichen Budgets nachgehen. In Abschnitt 2.2 dieses Kapitels werde ich dann den für die Lebenslage behinderter Menschen besonders wichtigen institutionellen Kontext des Wohlfahrtsstaates bzw. der Wohlfahrtsgesellschaft thematisieren.

2.1 Individualisierungstheorie nach Beck

Die Thematisierung gesellschaftlicher Individualisierungsprozesse spielt in der Soziologie nicht nur in der Gegenwart eine große Rolle, sondern lässt sich bis hin zu den Klassikern der Soziologie um die Jahrhundertwende zurückverfolgen.[2] Die Individualisierungstheorie von Ulrich Beck scheint mir am besten geeignet, den gesellschaftlichen Kontext des Persönlichen Budgets vor dem Hintergrund meiner Fragestellung zu thematisieren. Überwiegend beziehe ich mich dabei auf den 1983 erschienen Aufsatz „Jenseits von Stand und Klasse“, in dem Beck zum ersten Mal seine Individualisierungstheorie in ihren wesentlichen Grundzügen ausführlich dargelegt hat (Beck 1983). Der Ansatz von Beck zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass er explizit Chancen und Risiken des Individualisierungsprozesses selbst und seiner Folgen thematisiert. Dieser Ansatz betont die Komplexität, Vieldeutigkeit und Ambivalenz[3] des Individualisierungsprozesses und bietet damit für meine Fragestellung den Vorteil eines differenzierten und Ambivalenzen erfassenden Zugangs.

Der von Beck beschriebene gesellschaftliche Individualisierungsprozess dürfte zweifellos auch Menschen mit Behinderung erfasst haben. Die Einführung des Persönlichen Budgets kann damit vor dem Hintergrund der Beckschen Theorie auch als Ausdruck zunehmender gesellschaftlicher Individualisierung gewertet werden. In Abschnitt 2.1.1 stelle ich die Grundzüge dieser Individualisierungstheorie zunächst allgemein ohne den ausdrücklichen Bezug auf Menschen mit Behinderung dar, um dann erst später im weiteren Verlauf meiner Arbeit die wesentlichen für meine Fragestellung relevanten Aspekte dieser Theorie aufzugreifen. Im darauf folgenden Abschnitt 2.1.2 stelle ich im Unterschied dazu einen direkten Bezug zwischen den von Beck für den Prozess gesellschaftlicher Individualisierung verantwortlich gemachten Niveauverschiebungen und Menschen mit Behinderung her. Dabei wird dann deutlich, dass der gesellschaftliche Individualisierungsprozess bei Menschen mit Behinderung spezifischen Bedingungen unterliegen kann, die im Zusammenhang mit dem Persönlichen Budget und der Frage nach erweiterten Entscheidungs- und Gestaltungsspielräumen für behinderte Menschen relevant werden können.

2.1.1 Die Grundzüge der Individualisierungstheorie

Beck konzentriert sich auf die zunehmende gesellschaftliche Individualisierung in der Bundesrepublik Deutschland seit Ende der 50er Jahre des 20. Jahrhunderts. Seit dieser Zeit hat sich der Individualisierungsprozess in der Bundesrepublik nach Beck radikalisiert und universalisiert. Anders als „die ´(früh)bürgerliche` Individualisierung, die im wesentlichen auf Kapitalbesitz und -vermehrung beruhte und ihre soziale und politische Identität im Kampf gegen die feudale Herrschafts- und Rechtsordnung entwickelte“ handelt es sich bei diesem Individualisierungsprozess um „´Arbeitsmarkt-Individualisierung`, die die Bedingungen staatlich regulierter [Hervorhebung durch den Verfasser] Lohnarbeit voraussetzt und sich im Kreislauf von Erwerb, Anbietung und Anwendung von Arbeitskompetenzen entfaltet“ (Beck 1983: S. 45). Das, was früher nur wenigen Menschen zugemutet wurde, nämlich ein eigenes Leben zu führen, wird „nun mehr und mehr Menschen, im Grenzfall allen abverlangt“ (Beck/Beck-Gernsheim 1994: S. 21). Die Grundbedingungen der Gesellschaft wie Arbeitsmarkt, Mobilitäts- und Ausbildungsanforderungen, Arbeits- und Sozialrecht, Rentenrecht etc. begünstigen bzw. erzwingen Individualisierung und führen zu einer zunehmenden Demokratisierung von Individualisierungsprozessen (Beck/Beck-Gernsheim 1994: S. 21).

Entscheidend dabei ist: Dieser zweite, den ersten überlagernden und modifizierenden Individualisierungsprozess, kann erst dann und genau in dem Maße greifen, wie „die Bedingungen der Klassenformierung durch materielle Verelendung, wie sie Marx vorhergesagt hat, überwunden werden“ (Beck 1983: S. 48). Erst unter den Bedingungen relativer sozialer Sicherheit und allgemeiner wirtschaftlicher Prosperität kann sich die Dynamik von arbeitsmarktbezogenen Mobilitäts- und Vereinzelungsprozessen in Richtung Individualisierung entwickeln. Der gesellschaftliche Individualisierungsprozess ist also an komplexe, gesamtgesellschaftliche, soziale, wirtschaftliche, rechtliche und politische Rahmenbedingungen[4] gebunden, die nur in Ländern in einer sehr späten Phase wohlfahrtsstaatlicher Entwicklung vorliegen (Beck 1983: S. 48).

Becks Grundthese zur Individualisierung lässt sich so zusammenfassen: Die Verteilungsrelationen sozialen Ungleichheit in der Bundesrepublik sind auch in den letzten vier bis fünf Jahrzehnten relativ konstant geblieben. Gleichzeitig haben sich aber die Lebensbedingungen der Menschen drastisch geändert. Dies wurde u.a. möglich durch Niveauverschiebungen, die in einem „Mehr“ an Bildung, Einkommen, Mobilität etc. ihren Ausdruck finden. Diese Niveauverschiebungen haben dazu geführt, dass „subkulturelle Klassenidentitäten zunehmend weggeschmolzen, ´ständisch` eingefärbte Klassenlagen enttraditionalisiert und Prozesse einer Diversifizierung und Individualisierung von Lebenslagen und Lebenswegen ausgelöst wurden, die das Hierarchiemodell sozialer Klassen und Schichten unterlaufen und in seinem Realitätsgehalt zunehmend in Frage stellen“ (Beck 1983: S. 36).[5] Individualisierung bedeutet dabei einerseits „die Auf lösung vorgegebener sozialer Lebensformen – zum Beispiel das Brüchigwerden von lebensweltlichen Kategorien wie Klasse und Stand, Geschlechtsrollen, Familie, Nachbarschaft usw.“ (Beck/Beck-Gernsheim 1994: S. 11), andererseits aber auch die Entstehung neuer Lebensformen. Dort, wo die alten, durch Religion, Tradition oder Staat zugewiesenen Lebensformen zerbrechen, „kommen auf den einzelnen neue institutionelle Anforderungen, Kontrollen und Zwänge zu. Über Arbeitsmarkt, Wohlfahrtsstaat und Bürokratie wird er in Netze und Regelungen, Maßgaben, Anspruchsvoraussetzungen eingebunden“ (Beck/Beck-Gernsheim 1994: S. 12). Ein wesentliches Merkmal moderner Gesellschaften ist ihre sehr hohe Regelungsdichte. Individualisierung ist damit – entgegen dem zunächst naheliegenden Wortsinn, der eine quasi im luftleeren Raum jonglierende Handlungslogik suggeriert – ein historisch spezifischer, widersprüchlicher Prozess der Vergesellschaftung. (Beck 1983: S. 42). Das entscheidende Kennzeichen der Vorgaben moderner westlicher Gesellschaften ist aber, „daß das Individuum sie, weit mehr als früher, gewissermaßen selbst herstellen muß, im eigenen Handeln in die Biographie hereinholen muß“ (Beck/Beck-Gernsheim 1994: S. 12). Sie enthalten tendenziell die Aufforderung, ein eigenes Leben zu führen. Während die traditionellen Vorgaben oft Handlungsbeschränkungen und –verbote enthielten[6], handelt es sich bei den Vorgaben moderner westlicher Gesellschaften eher um „Leistungsangebote bzw. Handlungsanreize“ (Beck/Beck-Gernsheim 1994: S. 12). So lässt sich zum Beispiel der Wohlfahrtsstaat moderner westlicher Gesellschaften durch derartige Vorgaben charakterisieren. Während man in die traditionelle Gesellschaft und ihre Vorgaben hineingeboren wurde, z.B. in Stand und Religion, muss man dagegen für die neuen Vorgaben „etwas tun, sich aktiv bemühen“ (Beck/Beck-Gernsheim 1994: S. 12). Zu den entscheidenden Merkmalen von Individualisierungsprozessen gehört damit, „daß sie eine aktive Eigenleistung der Individuen nicht nur erlauben, sondern fordern. In erweiterten Optionsspielräumen und Entscheidungszwängen wächst der individuell abzuarbeitende Handlungsbedarf, es werden Abstimmungs-, Koordinations- und Integrationsleistungen nötig. Die Individuen müssen, um nicht zu scheitern, langfristig planen und den Umständen sich anpassen können, müssen organisieren und improvisieren, Ziele entwerfen, Hindernisse erkennen, Niederlagen einstecken und neue Anfänge versuchen. Sie brauchen Initiative, Zähigkeit, Flexibilität und Frustrationstoleranz“ (Beck/Beck-Gernsheim 1994: S. 14f.). Chancen und Risiken in diesen „erweiterten Optionsspielräumen“ verlagern sich zunehmend auf die Individuen. Wurden diese „früher im Familienverbund, in der dörflichen Gemeinschaft, im Rückgriff auf ständische Regeln oder soziale Klassen definiert“, müssen sie nun „von den einzelnen selbst wahrgenommen, interpretiert, entschieden und bearbeitet werden“ (Beck/Beck-Gernsheim 1994: S. 15). Die Einzelnen sind aber „angesichts der hohen Komplexität der gesellschaftlichen Zusammenhänge, vielfach kaum in der Lage ..., die notwendig werdenden Entscheidungen fundiert zu treffen, in Abwägung von Interesse, Moral und Folgen“ (Beck/Beck-Gernsheim 1994: S. 15). Die die „Normalbiographie“ ablösende „Wahl- bzw. Bastelbiographie“ wird zur „Risikobiographie“ und damit zu einem Zustand der teils offenen, teils verdeckten Dauergefährdung (Beck/Beck-Gernsheim 1994: S. 13).

Nach Beck eröffnen sich durch Individualisierungsprozesse „historisch bis dahin unbekannte Schleusen einer Individualisierung sozialer Risiken“ (Beck 1983: S. 69). Ungleiche Chancen und Risiken werden nach Beck dadurch aber keineswegs beseitigt. Vielmehr ergeben sich neue Risikostrukturen, die sich immer weniger in eindeutigen Ungleichheiten von Personen und Gruppen niederschlagen und zumindest tendenziell den Charakter von „statistischen Verteilungsungleichheiten“ (Beck 1983: S. 68) annehmen . Soziale Ungleichheiten lassen sich „damit immer mehr an gruppenunspezifischen (Risiko-)Dimensionen festmach[en], die – der Tendenz nach – für immer größere Bevölkerungskreise nicht mehr eindeutig kumulieren, sondern möglicherweise quer durch die Gruppen und Personen hindurchgehen und je nach Thema, Dimension und Situation unterschiedliche Teillagen und damit unterschiedliche Denkungsarten, Koalitionszwänge und Formen der Interessenswahrnehmung und Konfliktaustragung begründen können“ (Beck 1983: S. 68). Je mehr die „klassischen Schutzvorrichtungen – Familie, Bildung und Beruf – an Funktionskraft verlieren“, desto stärker müssen diese „entweder durch rechtliche Absicherungen oder durch individuelle Anstrengungen kompensiert werden“ (Beck 1983: S. 69). Individuelles Leistungsdenken gewinnt dabei „sowohl in der sozialen Rechtfertigung fortstehender oder sich verschärfender Ungleichheiten als auch in dem Schuld- und Selbstbewusstsein der einzelnen“ an Bedeutung (Beck 1983: S. 69). Übergreifende „historische Zufallsvariablen“ wie Wirtschaftskonjunkturen, Arbeitsmarkteinbrüche, Numerus Clausus, Stärke oder Schwäche eines Geburtenjahrganges etc. bestimmen dabei gleichzeitig in neuer Weise die Lage des Einzelnen (Beck 1983: S. 69). Beck macht in diesem Zusammenhang auf ein weiteres Phänomen aufmerksam: Sogenannte „naturvermittelte Ungleichheiten“, die sich nicht an „erworbenen Lagen“ wie Bildung und Einkommen, sondern an askriptiven Merkmalen von Personen wie Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, Alter, körperliche Behinderungen festmachen lassen, gewinnen eine besondere Bedeutung. Aufgrund „ihrer Unentrinnbarkeit, ihrer zeitlichen Konstanz, ihrer Widersprüchlichkeit zum Leistungsprinzip, ihrer Konkretheit und direkten Wahrnehmbarkeit und den damit unter den Bedingungen fortgeschrittener Individualisierung und Vereinzelung ermöglichten sozialen und individuellen Identifikationsprozessen“ bieten diese ein besonderes Aktivierungs- und Politisierungspotential (Beck 1983: S. 69). Beck nennt als Beispiele den Kampf um Frauenrechte, Rassenunruhen, Jugendproteste und Umweltinitiativen[7] etc. (Beck 1983: S. 69). Der Kampf behinderter Menschen um Bürgerrechte und um selbstbestimmtes Leben in der „Selbstbestimmt-Leben-Bewegung“ kann m.E. ähnlich gedeutet werden.

Beck behauptet nicht, dass der Individualisierungsprozess „flächendeckend und unterschiedslos die gesamte Bevölkerung erfasst“ hat (Beck/Beck-Gernsheim 1994: S. 16). Er versteht seine Aussagen zur Individualisierung eher als Trendaussage. Wie weit Individualisierungsprozesse in der Gegenwart jeweils ausgeprägt und fortgeschritten sind, ist jeweils abhängig von Gruppe, Milieu und Region (Beck/Beck-Gernsheim 1994: S. 16). Im folgenden Abschnitt beschreibe ich die von Beck für den Individualisierungsprozess verantwortlich gemachten Niveauverschiebungen bezogen auf die Gruppe behinderter Menschen.

2.1.2 Niveauverschiebungen

Die Individualisierungstheorie macht Niveauverschiebungen hinsichtlich Einkommen, Bildung, Mobilität etc. für eine zunehmende gesellschaftliche Individualisierung verantwortlich. Ich werde im folgenden anhand einzelner von Beck beschriebener Niveauverschiebungen erörtern, ob und inwieweit Menschen mit Behinderung bzw. bestimmte Gruppen von Menschen mit Behinderung an diesen Verschiebungen teilhaben konnten. Beck beschreibt insgesamt zehn zum Teil sich überschneidende Niveauverschiebungen. Neben Einkommen, Bildung und sozialstaatlicher Sicherung sind dies soziale und geographische Mobilität, „künstliche“ Binnendifferenzierungen, Konkurrenzbeziehungen, urbane Großstadtsiedlungen, Arbeitsmarktdynamik, kontinuierlich sinkende Erwerbsarbeitszeit und Relativierung von subkulturellen Differenzierungen (Beck 1983: S. 38ff.). Niveauverschiebungen bei Einkommen und Bildung werden dabei von Beck besonders hervorgehoben (Beck 1983: S. 36). In den nächsten drei Abschnitten werde ich diese beiden Bereiche seiner Individualisierungstheorie und den für viele Menschen mit einer schwereren Behinderung sehr wichtigen Bereich der sozialstaatlichen Sicherungs- und Steuerungssysteme jeweils ausführlicher thematisieren, um dann in einem vierten Abschnitt auf einige weitere Niveauverschiebungen sprechen zu kommen.

2.1.2.1 Einkommen

Ein „Mehr“ an Einkommen hat nach Beck vor allem die Lebenslage und die Lebensführung der unteren Einkommensklassen wie die der Arbeiter verändert. Selbst bei sich durchhaltenden Ungleichheitsrelationen zwischen den Schichten könne dies für „die Lebensbedingungen der Menschen aufgrund der dadurch ausgelösten Entwicklungen und Veränderungen sehr viel bedeutsamer sein, als die sich auf dem neuen Niveau wieder herstellenden Abstände und Relationen“ (Beck 1983: S. 37). Gerade dort, wo die Lage bisher am schlechtesten war, nämlich in den unteren Bereichen sozialer Ungleichheit, wirkten sich diese Veränderungen am stärksten aus. So habe „dieselbe Anhebung des materiellen Lebensstandards bei Arbeitern eine sehr viel größere Bedeutung als bei mittleren oder gehobenen Angestellten, weil damit auch Arbeiterhaushalte zum erstenmal in den Genuß bestimmter individueller Entfaltungsmöglichkeiten in der Privatsphäre (größere Wohnung, Auto) kommen, während derselbe Entwicklungsschub in höheren Angestelltenhaushalten möglicherweise nur die Vermehrung von bereits Selbstverständlichen und Bekannten bewirkt (Zweitauto, Ferienwohnung)“ (Beck 1983: S. 37).

[...]


[1] Im Folgenden verwende ich anstatt „Sozialgesetzbuch“ die allgemein übliche Abkürzung „SGB“.

[2] So betont Durkheim (1858-1917), dass soziale Differenzierung Individualisierung fördert. Säkularisierung und der Übergang von der mechanischen Solidarität älterer Gesellschaften, die auf Ähnlichkeit beruht, zur organischen Solidarität moderner Gesellschaften, die auf Arbeitsteilung beruht, führen nach Durkheim zu einem Prozess des Anwachsens individueller Autonomie (Burkart 2002: S. 63). Simmel (1858-1918) arbeitet noch deutlicher als Durkheim heraus, dass soziale Differenzierung die Individualisierung fördert. Das moderne Individuum befindet sich nach Simmel in den Schnittpunkten zahlreicher sozialer Kreise. In moderner Terminologie wird dieser Gedanke von Burkart (2002: S. 63) so zusammengefasst: „Je mehr wir in verschiedenen Funktionsbereichen über bestimmte soziale Rollen partizipieren, desto größer sind die Möglichkeiten der individuellen Lebensgestaltung. Die Zugehörigkeit zu verschiedenen Kreisen bringt ´mehr Spielraum für die Entwicklung unserer Individualität`“. Die Individuellen Freiräume werden umso größer, je differenzierter eine Gesellschaft ist (Burkart 2002: S. 63). Auch Marx hat beschrieben, dass mit der Ausbreitung des Industriekapitalismus ein in Ausmaß und Reichweite bislang unbekannter Freisetzungsprozess in Gang gekommen ist. Dieser führt dann allerdings bei Marx nicht zu zunehmender Individualisierung, sondern zu Klassenkampfdynamik aufgrund der kollektiv erfahrenen Verelendung (Beck: 1983: S. 47f.). Weber arbeitet ausdrücklicher als Marx die Differenziertheit und Pluralität von Lebenslagen heraus. Latent vorhandene Parzellierungs- und Individualisierungstendenzen können aber deshalb nicht wirklich dominant werden, weil sich ständische Traditionen und Subkulturen in der kapitalistischen Industriegesellschaft mit Kompetenzbesitz und Marktchancen zu sozialen Klassenlagen verschmolzen haben. Individualisierungstendenzen werden dadurch abgeschwächt (Beck 1983: S. 48).

[3] Schroer unterscheidet negative, positive und ambivalente Individualisierungstheorien. Becks Individualisierungstheorie zählt dabei ebenso wie die von Simmel zu den ambivalenten Theorien (Schroer 2000: S. 12f.).

[4] Nach Beck gehören zu diesen Rahmenbedingungen: „Allgemeine wirtschaftliche Prosperität und damit verbundene Vollbeschäftigung, Ausbau des Sozialstaates, Institutionalisierung gewerkschaftlicher Interessenvertretungen, Bildungsexpansion, Erweiterung des Dienstleistungssektors und so eröffnete Mobilitätschancen, Reduzierung der Arbeitszeit etc.“ (Beck 1983: S. 48).

[5] Diese Niveauverschiebungen wurden nach Beck zwar auch in der einschlägigen Forschung gesehen, aber „nie systematisch als eine wesentliche eigenständige sozialstrukturelle Entwicklung in der Bundesrepublik begriffen und ausgearbeitet“ (Beck 1983: S. 36). Letztlich läuft Becks Individualisierungstheorie auf den Versuch hinaus, die drastische Veränderung der Lebensbedingungen der Menschen als eigenständige sozialstrukturelle Entwicklung zu begreifen. Damit hat Beck vor jetzt über 20 Jahren die klassische Forschung zu sozialer Ungleichheit in Frage gestellt, die ihren Blick immer auf die sozialen Ungleichheits relationen gerichtet hat. Die Struktur sozialer Ungleichheit wies und weist aus der Perspektive der klassischen Ungleichheitsforschung in der Regel eine überraschende Stabilität auf (Beck 1983: S. 35). Zu dieser Kontroverse sei beispielhaft auf den Aufsatz von Rainer Geißler verwiesen, der 1996 in der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie seinen Aufsatz „Kein Abschied von Klasse und Schicht. Ideologische Gefahren der deutschen Sozialstrukturanalyse“ veröffentlicht hat. Er widerspricht in diesem Aufsatz der Vorstellung, dass sich die moderne Wohlfahrtsgesellschaft von ihren Schichten und Klassen verabschiede. Die Neuausrichtung der Sozialstrukturanalyse im Zuge der Individualisierungstheorie habe inzwischen zu neuen Einseitigkeiten geführt und laufe Gefahr, dass sie wichtige fortbestehende Ungleichheitsstrukturen unterschätze, übersehe und damit ideologisch verschleiere (Geißler 1996). Es würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen, diese Kontroverse hier ausführlicher zu erörtern.

[6] Beck und Beck-Gernsheim nennen hier als Beispiele „Heiratsverbote der vorindustriellen Gesellschaft, die den besitzlosen Bevölkerungsgruppen eine Eheschließung unmöglich machten“ und „Reiseverbote und Heiratsverbote der Ostblockstaaten, die Kontakt zum ´Klassenfeind` untersagten“ (Beck/Beck-Gernsheim 1994: S. 12).

[7] Sogenannte „naturvermittelte, kollektive Betroffenheiten“ können nach Beck nicht nur über bestimmte Personenmerkmale, sondern „auch durch Umwelt veränderungen erzeugt werden, wie den Bau eines Atomkraftwerkes, einer Autobahn etc., die für die Bewohner einer bestimmten Region die ´Gemeinsamkeit eines Risikos` schaffen“ (Beck 1983: S. 69).

Details

Seiten
30
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783656833024
ISBN (Buch)
9783668140226
Dateigröße
467 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v283620
Note
gut
Schlagworte
Theorie Persönliches Budget Menschen Behinderung

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Titel: Theoretischer Kontext des Persönlichen Budgets von Menschen mit Behinderung