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Die Nachfeldbesetzung des deutschen Satzes. Ein sprachliches Mittel zur Gestaltung von Pointen

Hausarbeit 2011 24 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1.Einleitung
1.1. Hypothese und methodisches Vorgehen
1.2. Kurze Einführung in die Inkongruenztheorie des Witzes

2.Klassifikation und Funktion der Nachfeldbesetzung im Deutschen
2.1. Klassifikation der fakultativen Nachfeldbesetzungen
2.2. Die Nutzung des Nachfelds für kommunikative Zwecke

3. Empirische Evidenz

4. Die Nachfeldbesetzung – ein „Werkzeug“ zur Gestaltung von Pointen?

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1.Einleitung

Ein Witz bringt uns zum Lachen, weil wir urplötzlich in unerwartete Zusammenhänge eingeweiht werden. Eine uns vertraut erscheinende Wirklichkeit wird durch die Pointe1 umgestoßen:

Arzt zu Patient: „Warum rennen Sie aus dem OP-Saal hinaus?“

Patient: „Die Schwester hat gesagt: Regen Sie sich nicht so auf, das ist nur eine einfache Blinddarmoperation. Sie werden das schon schaffen!“

Arzt: „Und was ist daran schlimm?“

Patient: „Sie hat es nicht zu mir gesagt, sondern zu dem Chirurgen!“2

Die Pointe ist der entscheidende Teil eines Witzes oder eines schlagfertigen Spruchs – der Teil, der den Zuhörer zum Lachen bringt. Aufgabe dieser Arbeit ist es zu untersuchen, ob sich der geistreiche Schlusseffekt eines Witzes auch in einer besonderen syntaktischen Gestaltung der Pointe widerspiegeln kann. Genauer gesagt, ob gemäß dem Motto „Und das Beste kommt zum Schluss…“ die Nachfeldbesetzung beim letzten Satz der Pointe eventuell eine wichtige Rolle spielt. Der komische Effekt einer Pointe beruht oft darauf, dass der Hörer eines Witzes überrascht wird und auf einmal einen Zusammenhang zwischen zwei auf den ersten Blick nicht zusammenpassenden Konzepten erkennt. Bei diesem Beispielwitz ist es die Tatsache, dass der Zuhörer – ganz selbstverständlich und seinem erfahrungsweltlichen Wissen entsprechend – davon ausgeht, dass die Schwester mit dem Patienten gesprochen haben muss. Die Pointe überrascht den Zuhörer aber damit, dass die Schwester nicht beruhigend auf den Patienten eingeredet hat, sondern auf den Chirurgen, der die Operation durchführen soll. Die Pointe dieses Witzes ändert also das Bild, das der Zuhörer im Kopf hat – er denkt jetzt nicht mehr an einen ängstlichen Patienten, sondern an einen nervösen, unfähigen Chirurgen. Eine Pointe zu begreifen lässt sich mit einem Puzzlespiel vergleichen, bei dem erst das letzte, fehlende Teil wirklich Aufschluss darüber gibt, was für ein Bild überhaupt gezeigt wird.3 Somit könnte man annehmen, dass um einen langen Spannungsbogen aufzubauen und einen möglichst großen Überraschungseffekt zu erzielen, das letzte „Puzzleteil“ bei manchen Witzen erst ganz zum Schluss, also im Nachfeld des letzten Satzes geliefert wird. Diese Witze führen den Rezipienten auf eine falsche Fährte, um ihn dann in der Pointe mit einer neuen Information zu überraschen, die alles, was er bis zu diesem Zeitpunkt an Informationen erhalten hat, in einem völlig neuen Licht erscheinen lässt.

Die Informationsstruktur des letzten Satzes der Pointe ist dabei von großer Bedeutung. Wenn man davon ausgeht, dass bei der Thema/Rhema-Gliederung von Sätzen – die Aufteilung in etwas Gegebenes (Thema) und etwas Neues (Rhema) – das Thema meist zu Beginn eines Satzes steht und das Rhema erst am Ende des Satzes genannt wird, drängt sich die Überlegung auf, dass die Nachfeldbesetzung ein sprachliches Mittel sein könnte, um Pointen gezielt zu gestalten. Ursula Hoberg bezeichnet zum Beispiel das Hervorheben der Rhemafunktion eines Elements als eine der drei Hauptfunktionen der Nachfeldbesetzung in der geschriebenen deutschen Gegenwartssprache.4 Das Wichtige, die neue Information, die dem Leser vermittelt werden soll, wird ganz bewusst ins Nachfeld gestellt, weil der Verfasser des Textes besonderen Wert auf diese Information legt und sie dementsprechend hervorhebt. Eduard Beneš betont ebenfalls die stilistische Funktion der Ausklammerung: „Mit Hilfe der Ausklammerung wird der eigentliche Mitteilungskern besonders stark hervorgehoben, manchmal als betonter Gegensatz, als Pointe usw.;“.5 Ich möchte nun nachfolgend untersuchen, ob meine Hypothese, dass bei der Pointe von Witzen oder Punchlines das Nachfeld möglicherweise eine wichtige Rolle spielt, weil es zugunsten des Überraschungseffekts besetzt ist, anhand von Beispielen belegt werden kann.

1.1. Hypothese und methodisches Vorgehen

Viele Pointen basieren auf einer Skriptopposition. Wörter und Begriffe sind in einem gewissen semantischen Umfeld eingebettet, das bei dem Zuhörer Assoziationen hervorruft und Erwartungen weckt – dem sogenannten Skript. Der erste Teil des anfänglich zitierten Witzes ist in das Skript „ängstlicher Patient“ eingebettet. Dann kippt dieses Skript um und wir stellen fest, dass wir es gar nicht mit einem extrem ängstlichen Patienten zu tun haben, sondern mit einem Arzt, der Angst davor hat die Operation durchzuführen. Dieser Skriptwechsel provoziert den komischen Effekt und bringt den Zuhörer im besten Fall zum Lachen.6

Die Hypothese meiner Arbeit lautet, dass bei einer Pointe das Nachfeld des letzten Satzes eine wichtige Rolle spielen kann, weil es - um bei der Metapher mit dem Puzzle zu bleiben - das letzte und wichtigste Puzzleteil liefert. Das Puzzleteil, welches das Bild im Kopf des Lesers bzw. Zuhörers vervollständigt und den verblüffenden und unvermuteten Zusammenhang evoziert. Desweiteren denke ich, dass das Wissen um die Inkongruenztheorie des Witzes und die Tatsache, dass die bewusste Stellung eines Satzgliedes ins Nachfeld des deutschen Satzes sehr stark zur Rhematisierung dieses Satzgliedes beitragen kann, geeignete „Werkzeuge“ sind, um selbst Witze bzw. Punchlines zu schreiben. Deshalb gliedert sich diese Arbeit in zwei Teile – einen theoretischen und einen praktischen. Der theoretische Teil beschäftigt sich zuerst mit den möglichen Nachfeldbesetzungen des deutschen Satzes und sucht dann nach Beispielen, die meine Hypothese unterstützen7. Im praktischen Teil dieser Arbeit werde ich eigene Witze bzw. Punchlines kreieren, deren Pointe ganz bewusst auf dem stilistischen Mittel einer Nachfeldbesetzung beruht. Hintergrund dieses „Selbstversuchs“ ist, dass ich vor meinem Studium an der Humboldt-Universität viele Jahre als Werbetexterin und Comedy-Autorin gearbeitet habe und es mich daher interessiert, ob das Wissen um die stilistische bzw. rhematische Funktion einer Ausklammerung eine Art Arbeitshilfe darstellen könnte, um sich Pointen auszudenken.

1.2. Kurze Einführung in die Inkongruenztheorie des Witzes

„Inkongruenz“ bedeutet ganz allgemein eine Nichtübereinstimmung – sie ist das Gegenteil von Kongruenz. In der Linguistik bezeichnet Kongruenz zum Beispiel die formale Übereinstimmung zweier Elemente in einem Satz in Bezug auf ihre grammatischen Kategorien wie Numerus, Person, Kasus und Genus. Als Erklärungsansatz für die Funktion der Pointe eines Witzes bedeutet Inkongruenz, dass ein Sachverhalt ganz entscheidend von dem abweicht, was man aufgrund seines erfahrungsweltlichen Wissens8 erwarten würde. Um auf den anfänglichen Beispielwitz zurückzukommen: Es ist unser erfahrungsweltliches Wissen, dass die meisten Patienten Angst vor einer OP haben. Dieses Wissen kollidiert nun mit dem in der Pointe dargestellten Sachverhalt, dass es gar nicht der Patient ist, der Angst vor der anstehenden Blindarmoperation hat, sondern der Chirurg, der die Operation durchführen soll. Zuerst ist man als Leser oder Hörer dieses Witzes wahrscheinlich irritiert, da die Vorstellung von einem nervösen, ängstlichen Chirurgen so gar nicht in unser Weltbild passt. Dann hält man inne und versteht den zutiefst menschlichen Aspekt dieses Witzes. Schließlich kennen die meisten von uns ähnliche Situationen aus ihrem Arbeitsalltag. Ein wichtiges Meeting, eine Präsentation, eine Prüfung, ein anstehendes Projekt – kurzum eine Aufgabe, an die man sich nicht so richtig herantraut, weil man Angst hat, etwas falsch zu machen. Warum sollte es einem Chirurgen da anders gehen?

Mit den Worten von Ralph Müller kann man sagen, dass „das Erfassen von Pointen ein geistiges Ereignis ist, das auf der überraschenden Erkenntnis eines Zusammenhangs zwischen für gewöhnlich nicht zusammenpassenden Konzepten beruht.“9 Das bedeutet, dass eine im Witz angelegte Inkongruenz auf einmal doch sinnvoll erscheint, da der Rezipient durch die Pointe in Kombination mit seiner eigenen geistigen Leistung einen neuen und unvermuteten Zusammenhang erkennt. Dieser neue Zusammenhang ist dann zwar ganz anders als erwartet, aber er macht auch Sinn. Übertragen auf die Metapher mit dem Puzzleteil bedeutet das, dass das entscheidende letzte Teil zwar dann ein ganz anderes Bild in unserem Kopf entstehen lässt als wir in unserer Erwartung antizipiert haben, aber dieses andere Bild macht auch Sinn. Und genau das ist das Wichtige bei der Inkongruenztheorie, denn wenn die Inkongruenz und somit die Irritation des Rezipienten nicht aufgelöst werden, dann kann man eher von Nonsens als von einer Pointe sprechen. Ein typisches Beispiel für diese Kategorie wäre:

Zwei Giraffen sitzen im Keller, essen Häuser und stricken Kohle.

Was ist an diesem Witz falsch?

Na, Bananen haben keine Gräten!10

Dieser Nonsens-Witz besteht aus grammatikalisch korrekten Sätzen, die Kombination der Wörter ist aber auf semantischer Ebene inkongruent und irritiert den Rezipienten, ohne dass eine Pointe folgt, die dann eine sinnige Interpretation anbieten würde. Deswegen ist Inkongruenz nur die halbe Erklärung für eine funktionierende Pointe.11 Die Irritation des Lesers oder Hörers eines Witzes ist lediglich eine Art Basis für die Pointe. Es muss auch eine sinngerechte Auflösung dieser Irritation stattfinden – die Erkenntnis eines unvermuteten Zusammenhangs zwischen den auf den ersten Blick so unvereinbaren Konzepten.12 Semantisch gesehen liefert die Pointe also das entscheidende, letzte Puzzlestück, das beim Rezipienten den Aha-Effekt auslöst und einen verblüffenden, neuen Sinnzusammenhang evoziert. Nachfolgend möchte ich nun untersuchen, ob auf der syntaktischen Ebene von Witzen ähnliche Strukturen zu finden sind. Als theoretische Grundlage folgt deshalb eine knappe und auf die für diese Arbeit wesentlichen Aspekte komprimierte Zusammenfassung der möglichen Nachfeldbesetzungen des deutschen Satzes und deren Funktion.

2.Klassifikation und Funktion der Nachfeldbesetzung im Deutschen

Das finite Verb kann im Deutschen an erster, zweiter oder letzter Stelle eines Satzes stehen. Diese möglichen Positionen des finiten Verbs unterteilen die Sätze des Deutschen in folgende – unterstrichen markierte – topologische Stellungsfelder: Vorfeld, Linke Satzklammer (LSK), Mittelfeld, Rechte Satzklammer (RSK), Nachfeld.

Die Satzklammer ist ein Phänomen der deutschen Sprache. Eine Besonderheit, die das Deutsche als sogenannte SOV-Sprache von den syntaktisch wesentlich lineareren angelsächsischen SVO-Sprachen unterscheidet. Denn bei zweiteiligen Verbformen (zusammengesetzten Zeiten, Passivformen, Modalverben etc.) stehen die beiden Teile des Verbs als zusammengehörender Komplex nicht direkt hintereinander, sondern können durch ein äußerst umfangreiches Mittelfeld weit auseinander gerissen sein. In den meisten Fällen bildet die RSK die finale Position eines Satzes. Im Vorfeld steht regulär nur eine Konstituente, diese kann allerdings sehr komplex sein. Die LSK enthält entweder das finite Verb oder eine nebensatzeinleitende Konjunktion. Im Mittelfeld können beliebig viele Konstituenten stehen – fast alle Elemente die nicht in den Satzklammern stehen.

In der RSK stehen alle finiten und nicht finiten Verbteile. Das Nachfeld ist dann der Bereich rechts von der RSK. Die Position des Nachfelds muss nicht unbedingt besetzt sein und bleibt bei vielen Sätzen leer. Wenn das Nachfeld allerdings besetzt ist, spricht man von einem „Abweichungsfall“ von der Satzklammer.13 Dieser „Abweichungsfall“ ist dann meist ein durch eine Konjunktion eingeleiteter Glied- oder Nebensatz – eine grammatikalisierte Erscheinung und der klassische, obligatorische Fall einer Nachfeldrealisierung:

Allerdings gibt es im Deutschen auch noch andere Nachfeldbesetzungen und zwar solche, die – rein grammatisch gesehen – gar nicht notwendig wären:

Bei diesem zweiten Beispielsatz wird die Präpositionalphrase in der Uni aus dem Mittelfeld ins Nachfeld geschoben Es wäre im Falle dieses zweiten Beispielsatzes grammatisch korrekt, die ausgeklammerte Präpositionalphrase in der Uni zurück ins Mittelfeld zu schieben und zu sagen bzw. zu schreiben: Ich habe Peter gestern in der Uni getroffen. Anders verhält es sich mit dem ersten Beispielsatz. *Fritz hat Anna heute, dass er sie liebt, gesagt. wäre grammatisch falsch. Der im Nachfeld stehende, durch die Konjunktion dass eingeleitete Nebensatz kann nicht im Mittelfeld realisiert werden.

Im Unterschied zum ersten Beispielsatz ist die Nachfeldrealisierung bei dem zweiten Beispielsatz also nicht obligatorisch sondern fakultativ, denn die ausgeklammerten Elemente könnten genauso gut im Mittelfeld stehen. Anders ausgedrückt: Fakultative Nachfeldbesetzungen sind Elemente, die aus der Satzklammer herausgelöst und ins Nachfeld verschoben wurden. In der linguistischen Fachliteratur werden diese fakultativen Nachfeldbesetzungen häufig unter dem Oberbegriff Ausklammerung zusammengefasst. Das wirft natürlich die Frage auf, warum diese Elemente ins Nachfeld gestellt wurden? Welchen Zweck und welche Funktion haben derartige Ausklammerungen? Diese „Randphänomene“ des deutschen Satzes sind schon seit Jahrzehnten ein heftig diskutiertes Gebiet in der Fachliteratur und bis heute herrscht unter den Sprachwissenschaftlern weder Einigkeit über deren Klassifikation noch über deren Funktion.

2.1. Klassifikation der fakultativen Nachfeldbesetzungen

Das Nachfeld ist neben dem Vorfeld und dem Mittelfeld eines der topologischen Stellungsfelder des deutschen Satzes. Wie bereits erwähnt, muss das Nachfeld nicht unbedingt realisiert werden, da es strukturell nicht notwendig ist, um einen grammatisch korrekten deutschen Satz zu formulieren. Deswegen wurde in der präskriptiven Grammatik die Realisierung des Nachfelds auch lange Zeit als „Abweichung“ von der Satzklammer bezeichnet. Es gibt obligatorische und fakultative Nachfeldbesetzungen. Obligatorische Nachfeldbesetzungen sind konjunktional eingeleitete Glied- und Nebensätze. Diese können nur im Vor- oder Nachfeld stehen und nicht im Mittelfeld.

Fakultative Nachfeldbesetzungen sind dagegen Nachfeldrealisierungen, die grammatisch gesehen, nicht unbedingt notwendig wären – die Konstituenten könnten auch im Mittelfeld stehen. Sehr oft wird in der linguistischen Fachliteratur deshalb von Ausklammerungs- oder Herausstellungsstrukturen gesprochen. Das sind Oberbegriffe für syntaktische Konstruktionstypen, bei denen syntaktische Elemente außerhalb der Satzgrenze erscheinen.14 Diese fakultativen Nachfeldbesetzungen lassen sich in ein breites Spektrum von satzwertigen und nicht-satzwertigen Satzgliedern bzw. Satzgliedteilen unterteilen. Wobei die satzwertigen, fakultativen Nachfeldkonstituenten wie Relativsätze oder Infinitivkonstruktionen bereits als weitestgehend grammatikalisiert betrachtet werden und unter dem meist einheitlich verwendeten Fachbegriff der „Extraposition“ ihre Schublade gefunden haben. Der Beispielsatz „Letzte Woche hat Paula das Buch gelesen, das Peter ihr empfohlen hatte.“ wäre eine typische Extraposition.

Schwieriger wird es bei den fakultativen, nicht-satzwertigen Nachfeldkonstituenten wie z.B. Nominalphrasen (NPs), Präpositionalphrasen (PPs) oder Vergleichen mit als und wie. Da gehen in der Fachliteratur die Meinungen auseinander – sowohl bezüglich darüber, ob auch diese Nachfeldrealisierungen inzwischen zur grammatischen Norm gehören als auch bezüglich der Unterscheidungskriterien dieser „Randphänomene“ des deutschen Satzes. Trotz der unterschiedlichen Meinungen in der Fachliteratur bezüglich der genauen Unterscheidungskriterien dieser nicht-satzwertigen Nachfeldkonstituenten ist man sich im Grunde darüber einig, dass die nicht-satzwertigen Nachfeldbesetzungen sich in drei Hauptklassen einteilen lassen:15

- „ausgeklammerte“ Konstituenten, wie z.B.:

Die neue Koalition muss die Bürger aufklären über den Preis der Gesundheit. [Hervorhebung S.A.S.][…]

- „nachgetragene Konstituenten“, wie z.B.:

Sie ist spät nach Hause gefahren, und zwar mit dem letzten Bus. [Hervorhebung S.A.S.][…]

- „rechtsversetzte Konstituenten“

Zu Weihnachten ist er bei vielen Menschen neben dem Tannenbaum einfach ein Muss: der klassische Gänsebraten. [Hervorhebung S.A.S.][…]

Hans Altmann unterscheidet in „Formen der Herausstellung im Deutschen“ nach grammatischen, prosodischen und semantisch-funktionalen Kriterien fünf unterschiedliche Herausstellungsstrukturen, um die fakultative Nachfeldbesetzung genauer klassifizieren zu können: Extraposition, Rechtsversetzung, Nachtrag, Apposition und Ausklammerung. Nachfolgend ein kurzer Überblick über die Klassifikation Altmanns:16

- Die bereits erwähnte „Extraposition“ – also die Nachstellung von Glied- und Relativsätzen. Ohne prosodische Pause, keine Ausleitungsfloskel und mit rhematischen Akzent auf dem extraponierten Satz.
- Die „Rechtsversetzung“, deren grammatische Merkmale die morphologische Kongruenz zwischen dem rechtsversetzten Ausdruck und einer koreferenten Proform im vorhergehenden Satz sind. Es gibt eine deutliche Pause zwischen der Basis und der Rechtsversetzung. Funktional gesehen, löst die Rechtsversetzung eine den Hörer eventuell überfordernde Pronominalisierung auf. Die Rechtsversetzung kann mit der Floskel „ich meine“ eingeleitet werden.
- Der „Nachtrag“, der oft mit einem Gedankenstrich vom Rest des Satzes abgegrenzt wird und daher schon optisch eine längere, sogenannte „Satzpause“ andeutet. Der rhematische Akzent liegt dabei auf der Basis und auf dem Nachtrag. Grammatisch gesehen ist der „Nachtrag“ ein elliptisch-satzwertiger Ausdruck, der stark mit dem vorausgehenden Satz verknüpft ist und theoretisch auch innerhalb des Satzrahmens stehen könnte. Semantisch-funktional ermöglicht der Nachtrag die Bildung eines mehrgliedrigen Rhemas und verleiht dem Gesagten bzw. Geschriebenen besonderes Gewicht. Mögliche Ausleitungsfloskeln wären: „und zwar“ und „nämlich“.

[...]


1 Das Wort Pointe leitet sich aus dem Französischen „pointe“ ab und bedeutet „Spitze“, „Schärfe“. Es wird damit ein „[…] geistreicher, überraschender Schlusseffekt (z.B. bei einem Witz.)“ bezeichnet. Vgl. Duden. Das große Fremdwörterbuch. Herkunft und Bedeutung der Fremdwörter. Mannheim u.a. 2000, Stichwort: „Pointe“, S. 1055.

2 Wackel. Dieter F.: Hammerwitze. München 2009, S. 43.

3 Pointen-Verstehen kann demnach als eine Art kognitives Problemlösen betrachtet werden. Die Irritation des Lesers oder Zuhörers durch das Legen einer falschen Fährte ist dabei die Vorbedingung für eine gelungene Pointe, die Pointe selbst jedoch findet dann in „[…] der sinngerechten Auflösung der Irritation“ statt – also in dem Moment, wo dem Rezipienten ein Licht aufgeht.“ Vgl. Müller, Ralph: Theorie der Pointe. Paderborn 2003, S. 110f.

4 Hoberg, Ursula: Die Wortstellung in der geschriebenen deutschen Gegenwartssprache. München 1981, S. 199-200.

5 Beneš, Eduard: Die Ausklammerung im Deutschen als grammatische Norm und als stilistischer Effekt. In: Muttersprache 78, 1968. S. 297.

6 Vgl. Kotthoff, Helga: Scherzkommunikation. Beiträge aus der empirischen Gesprächsforschung. Opladen 1996, S. 10- 17.

7 Die Quellen für meine Suche sind das Witzbuch „Hammerwitze“ mit circa 1000 Witzen und zwei Internetseiten mit TV-Sprüchen.

8 Dieses erfahrungsweltliche Wissen ist zu einem großen Teil von individuellen und kulturellen Faktoren geprägt. Das ist auch der Grund dafür, dass einige nicht deutsche Witze sich nur sehr schwer ins Deutsche übersetzen lassen. Denn um diese Witze zu verstehen, sind nicht nur Sprachkenntnisse nötig, sondern spielt vor allem kulturelles Wissen eine entscheidende Rolle.

9 Müller, Ralph: Theorie der Pointe. Paderborn 2003, S. 103.

10 Wackel. Dieter F.: Hammerwitze. München 2009, S. 307.

11 Ich möchte an dieser Stelle kurz anmerken, dass es neben der kognitiv basierten Inkongruenztheorie natürlich noch andere theoretische Erklärungsmodelle für die Funktion von Pointen gibt, z.B. Erklärungsmodelle aus der Soziologie oder das aus der Psychoanalyse stammende Energiemodell von Sigmund Freud: „Der Witz und seine Beziehung zum Unterbewußten“ (1905). Es würde allerdings den Rahmen dieser Arbeit sprengen, auf weitere Erklärungsmodelle einzugehen.

12 Müller, Ralph: Theorie der Pointe. Paderborn 2003, S. 107-110.

13 Vgl. Wöllstein-Leisten, Angelika et al.: Deutsche Satzstruktur. Grundlagen der syntaktischen Analyse. Tübingen 1997, S. 53-54.

14 vgl. Bußmann, Hadumod: Lexikon der Sprachwissenschaft. Stuttgart 1990, 376.

15 vgl. hierzu: http://www2.hu-berlin.de/linguistik/institut/syntax/onlinelexikon/N/nachfeld.htm Abrufdatum: 30.11.2010

16 vgl. hierzu: Altmann, Hans: Formen der »Herausstellung« im Deutschen. Rechtsversetzung, Linksversetzung, Freies Thema und verwandte Konstruktionen. Tübingen 1981, S.54-72.

Details

Seiten
24
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656836629
ISBN (Buch)
9783656836636
Dateigröße
427 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v283648
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,0
Schlagworte
nachfeldbesetzung satzes mittel gestaltung pointen

Autor

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Titel: Die Nachfeldbesetzung des deutschen Satzes. Ein sprachliches Mittel zur Gestaltung von Pointen