Lade Inhalt...

Christine Graen: Anna Marx' erste Fälle

Hausarbeit (Hauptseminar) 1999 38 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. VORWORT

2. DIE AUTORIN CHRISTINE GRÄN

3. ANNA MARX’ ERSTE FÄLLE
3.1 INHALT
3.1.1 Weiße sterben selten in Samyana
3.1.2 Nur eine läßliche Sünde
3.1.3 Ein Brand ist schnell gelegt
3.2. SCHAUPLÄTZE
3.3. ERMITTLUNGEN UND LÖSUNGEN
3.4. TÄTER UND OPFER
3.5. SCHULD UND SÜHNE

4. KRITIKANSÄTZE
4.1 DAS BILD DER GESELLSCHAFT
4.2 DAS BILD DER POLIZEI

5. ANNA MARX PRIVAT
5.1 AUSSEHEN, CHARAKTER, LEBENSSTIL
5.2 BEZIEHUNGEN
5.2.1 Beziehungen zu Frauen
5.2.2 Beziehungen zu Männern
5.2.3 Beziehungen zu Kollegen
5.3 BERUFSARBEIT

6. ERGEBNISSE DER ARBEIT

7. LITERATURVERZEICHNIS

1. VORWORT

An den Beginn der Arbeit möchten wir ein Zitat von Volker Lilienthal stellen:

Wo sonst vornehmlich Kommissare, Bullen und Schnüffler die Fährte des Verbrechens aufnehmen, versprechen Reporter Abwechslung im Figurenarsenal des Genres. Erleichtert wird damit auch die Anlage eines sozialkritischen Krimis, weil Journalisten mit den Stoffen, aus denen die Skandale dieser Gesellschaft sind, ohnehin tagtäglich umgehen. Ihr Nachrichtenmaterial ist der Stoff, aus dem die kritischen Krimis sind.[1]

Von den im Seminar besprochenen deutschen Kriminalschriftstellerinnen setzt nur Christine Grän mit ihrer Klatschjournalistin Anna Marx eine Reporterin als Detektivin ein. Sie stellt sich damit in die Reihe jener Autoren und Autorinnen, die im detektivischen Kern journalistischer Arbeit die Möglichkeit zur Anlage einer Ermittlerfigur sehen und gesehen haben.

Anhand der ersten drei Romane Christine Gräns soll nun versucht werden, ein Porträt der Hobbydetektivin zu gestalten und ihre Ermittlungsmethoden aufzuzeigen. Weiters soll auf die für den „Neuen deutschen Kriminalroman“ charakteristischen gesellschaftskritischen Ansätze eingegangen werden.

2. DIE AUTORIN CHRISTINE GRÄN

Über diese Autorin sind in der Sekundärliteratur fast keine biographischen Angaben zu finden. Wir haben uns deshalb an die Rechercheergebnisse einer Diplomandin gehalten, die in ihrer Diplomarbeit mehr Informationen von Gräns Verlag erhalten haben dürfte, dies allerdings nicht explizit angibt.[2]

Die Österreicherin, deren richtiger Name Christine Hüller ist, wurde 1952 in Graz geboren. Nachdem sie mit 22 Jahren das Publizistikstudium beendet hatte, ging Christine Grän nach Bonn und begann bei einer Zeitung in der Abteilung für „Regionales“ zu arbeiten. Danach wurde sie -wie die Titelheldin Anna Marx- Gesellschaftskolumnistin beim Bonner „Generalanzeiger“. Im Jahre 1979 begleitete die Publizistin schließlich die Entwicklungshilfeministerin in das afrikanische Botswana, wo sie ihren Mann, einen Entwicklungshelfer, kennenlernte. Dort las sie in der Freizeit viele Bücher, am liebsten Krimis, was später wohl auch Grund dafür war, daß sie sich beim Schreiben auf dieses Genre spezialisierte. Es war der ominöse Mord an einer weißen Frau in der Nachbarschaft des Hotels, das sie zeitweise für eine Freundin leitete, was ihr schließlich den Anstoß für ihren ersten Krimi „Weiße sterben selten in Samyana“ gab, den sie nach eigener Aussage im Busch schrieb, nachdem ihr Hund von einer Pythonschlange verschlungen worden war.

Christine Grän weilte fünf Jahre in Afrika, bis sie vom Rohwolt Verlag nach Deutschland zurückgeholt wurde, um für das eingereichte Manuskript, das überall Begeisterung hervorgerufen hatte, vorzusprechen. Ein Jahr später stand das Buch in den Bücherregalen. Seither lebt Grän als freie Journalistin und Autorin zahlreicher Bücher, „Nur eine läßliche Sünde“ (1988), „Ein Brand ist schnell gelegt“ (1989), „Dead is beautiful“, (1990), „Die kleine Schwester der Wahrheit“ (1990), „Ein mörderischer Urlaub“ (1990), „Grenzfälle“ (1991), „Hongkong 1997“ (1991), Hörspiele, Kurzgeschichtenbände und Drehbücher wieder in Bonn. Derzeit arbeitet sie im Haus der Deutschen Welthungerhilfe, und in ihrer Freizeit schreibt sie Krimis.

3. ANNA MARX’ ERSTE FÄLLE

3.1 INHALT

3.1.1 Weiße sterben selten in Samyana

Anna Marx, Gesellschaftsjournalistin eines Bonner Wochenmagazins, wird von ihrem Chefredakteur in das afrikanische Land Samyana geschickt. Sie soll über den Mord an der Deutschen Anna Hellmann berichten und vor Ort recherchieren. Die Polizei hat bereits den schwarzen Gärtner der Familie als Tatverdächtigen festgenommen. Im Zuge ihrer Ermittlungen stößt Anna zufällig auf den wahren Mörder. Es handelt sich dabei um den deutschen Botschafter in Samyana. Er hatte ein Verhältnis mit Frau Hellmann, und diese wollte ihn durch ein von ihr gemaltes Bild, das den nackten Diplomaten mit Hasenkopf zeigt, auf einer Party erniedrigen.[3]

3.1.2 Nur eine läßliche Sünde

In „Sünde” versucht die Sekretärin Helene Brahm-Telschow aus Geldnot den Vater ihrer fünfzehnjährigen Tochter zu erpressen. Bei diesem handelt es sich um den sehr konservativen deutschen Innenminister. Als sie daraufhin von einem Mann überwacht wird, bittet sie Anna um Rat. Kurze Zeit später wird Helene erwürgt aufgefunden, unter Mordverdacht steht ihr afrikanischer Freund. Anna forscht nach und entlarvt Helenes Chef, Leiter einer Kinderhilfsorganisation, als Täter. Frau Brahm-Telschow hatte auch ihn erpreßt, weil sie von seinen unsauberen Geschäften wußte.[4]

3.1.3 Ein Brand ist schnell gelegt

Anna Marx wird mit zwei anderen Journalisten und einem dreiköpfigen Kamerateam auf die Philippinen geschickt. Sie soll über ein Entwicklungshilfeprojekt schreiben. In der letzten Nacht ihres Aufenthalts kommt der unsymphatische Regisseur des Fernsehteams, Hannibal Matzke, bei einem Brand ums Leben. Sein Tod war zwar ein Unfall, Anna findet jedoch zufällig heraus, daß Matzkes Frau und der mit ihr liierte Kameramann tatsächlich einen Mordplan hatten, dessen Ausführung an der Feigheit des Mannes gescheitert war.[5]

3.2. SCHAUPLÄTZE

Christine Grän wählt für ihre ersten drei Romane Schauplätze, die sie durch eigene berufliche Tätigkeit gut kennt. Ausgangspunkt des Geschehens ist immer Bonn, wo Autorin und Hauptprotagonistin Anna ihren Wohnsitz haben. Während in „Sünde” die Handlung auf die ehemalige deutsche Hauptstadt beschränkt bleibt, stehen in den beiden anderen Romanen exotische Orte im Zentrum.

In „Samyana” ist es ein fiktiver afrikanischer Staat, der zwischen Südafrika und Mozambique liegt und so unwichtig ist, daß er keine diplomatische Vertretung in Bonn hat. Schon auf der Fahrt vom Flughafen zum Hotel muß Anna erkennen, daß dieses Land nicht ihren Erwartungen entspricht: „Nicht so malerisch, wie sie es sich vorgestellt hatte. Ärmlich, schmuddelig, trostlos sah es aus.”[6] Die Hauptstadt Basuto ist „wie jede andere in Afrika. Greuliche Architektur, zu enge Straßen, keine Bauplanung.”[7] Die Slums mit ihren aus Pappe und Wellblech zusammengeflickten Elendsquartieren und das nicht weniger häßliche Industrieviertel stehen in einem krassen Gegensatz zum Wohngebiet der Weißen und Reichen. „Dort – das war das Viertel im Süden der Stadt, den Strand entlang, wo die schönen Häuser standen mit den dicken Mauern und blühenden Gärten, die täglich bewässert wurden. Dort wohnten die Minister und Staatssekretäre, die reichen indischen Geschäftsleute und natürlich die Weißen. Dort war Basuto von exotischer Schönheit.“[8] In dieser Gegend findet man weißen Palmenstrand und blaues Wasser, „so schön und so kitschig, wie auf jeder Postkarte, die das Paradies vorgaukelt”[9].

Auch das Hotel, in dem Anna während ihres Aufenthalts in Basuto wohnt, gehört zum „weißen Afrika”. Von außen präsentiert es sich als weißer, kastenartiger Bau mit Leuchtreklamen und gestutzten Palmen, im Inneren ist es mit roten Teppichen und Plüsch ausgestattet, eine Klimaanlage sorgt für angenehme Kühle.

Neben der Hauptstadt ist auch eine Siedlung im Landesinneren Schauplatz der Handlung. Tulume ist der Geburtsort des Präsidenten von Samyana, „ein malerisches, ein schläfriges Dorf”[10]. Hier gibt es keine Wellblechhütten wie in Basuto, die gepflegt wirkenden Häuser sind aus Stein gebaut.

Mit der Schilderung Samyanas entwirft Christine Grän ein lebendiges und kontrastreiches Bild eines afrikanischen Staates, das durchaus der Realität entsprechen könnte. Das Land ist vom Gegensatz zwischen schwarz und weiß, arm und reich, Stadt und Dorf geprägt und erfüllt nur im Siedlungsgebiet der Weißen die Erwartungen der Besucher: „Das Afrika, das die Weißen schön finden, ist nur da schön, wo die Weißen wohnen.”[11]

Manila, eine kleine philippinische Insel und ein Luxushotel in der thailändischen Hauptstadt Bangkok sind jene Orte, an denen Anna im Roman „Brand” ihrer journalistischen Tätigkeit nachgeht und dabei mit einem mysteriösen Todesfall konfrontiert wird.

Die philippinische Metropole wird als häßliche Stadt geschildert, die von Industrie und sozialen Gegensätzen geprägt ist. Alte, verfallende Prachtbauten stehen neben neu errichteten, unverputzten Betonblöcken und Hütten aus Wellblech und Pappe. Es gibt viele Restaurants, Bars und kleine Geschäfte. Am Straßenrand leben Menschen, campieren inmitten ihrer Habseligkeiten. Zahlreiche Leuchtreklamen werben für westliche Produkte wie Coca-Cola, preisen aber auch Stripteaselokale und Go-Go-Girls an. Einen Gegensatz zu den armseligen Unterkünften der Einheimischen bildet das Manila-Hotel, in dem Anna, die anderen Journalisten und das Fernsehteam untergebracht sind. „Anna stand staunend davor. Das Märchen aus Tausendundeiner Nacht paßte bloß nicht zu dem, was sie bisher von Manila gesehen hatte.”[12] Das Hotel ist ein historisches, luxuriös eingerichtetes Gebäude, umgeben von Palmen und Luxusautos. Es ist ein Rückzugsgebiet der Weißen und Reichen und soll sie vor den armen Einheimischen schützen. Deshalb gibt es viel Personal und Sicherheitskräfte, Prostituierte werden nicht geduldet.

Hauptschauplatz ist jedoch Boraca, eine kleine Insel mit weißem Strand, umgeben von tiefblauem Meer, die auf den ersten Blick perfekt wirkt. Die Journalisten sollen hier über ein Entwicklungshilfeprojekt berichten. Sie sind in der Hotelanlage Paradise Beach untergebracht, die aus Bambushütten besteht und in der Nähe des Hauptortes liegt. Dieser trägt den sprechenden Namen Santa Misericordia und ist eine winzige Stadt, die aus einer Ansammlung windschiefer Hütten besteht. Nur das Rathaus und das Polizeigebäude sind Steinbauten. Dreirädrige Mopeds, Erwachsene, Kinder, Hunde, Ziegen, Hühner und Schweine bevölkern die Straße, die den Ort vom Strand trennt. Es gibt einige schäbige Läden, in denen eine bizarre Mischung von Produkten angeboten wird. Die Touristen sind meist jung, mit dem Rucksack unterwegs. Treffpunkt der Deutschen ist Freddys Berliner Hot, eine Strandkneipe, in der ein Deutscher „Essen wie zu Haus”[13] anbietet.

Santa Helena, eines jener Dörfer, die von den Journalisten besucht werden, ist eine arme Siedlung im Inneren Boracas, ein Haufen von Bambushütten, die sich um eine Sandstraße drängen. Das harte Leben läßt die Menschen früh altern, die Kinder haben Hungerödeme, aber Sonne und herrliche Landschaft lassen „selbst das Elend exotisch erscheinen”[14]. Boraca ist ein „Paradies von einer Insel, vergewaltigt von Armut und Freddys [...] und dem Geruch von altem Fett”[15].

Bevor Anna nach Deutschland zurückfliegt, gönnt sie sich einen Aufenthalt im Oriental, das ihr von Freund Philipp als „eines der schönsten Hotels der Welt“ empfohlen wurde. Doch auch diese luxuriöse Anlage kann über die Mängel der sie umgebenden Stadt Bangkok nicht hinwegtäuschen.

Sich in die Gartenbar setzen, einen Singapore Sling schlürfen und zusehen, wie über der braunen Brühe des Chao Phya die Sonne unterging. [...] All das Häßliche und Traurige dieser Woche abhäuten, Distanz schaffen... Von den Mücken hatte Philipp ihr nichts erzählt und auch nichts von dem fauligen Gestank, den der Fluß, direkt unter ihr, verströmte. Hinter ihr Luxus und vor ihr Verfall: Anna hielt ihren “Singapore Sling” fest und starrte auf den Chao Phya, der sich träge fortwälzte und den Abfall einer Millionenstadt klaglos in sich aufnahm.[16]

Christine Grän schildert die Entwicklungsländer, die sie als Schauplätze ihrer Romane wählt, sehr anschaulich und wirklichkeitsnah. Sie hat dabei durchaus ein Auge für die Gegensätze, von denen diese Gebiete geprägt sind und die daraus resultierenden sozialen Ungerechtigkeiten. Im Gegensatz zu Samyana, wo in gewisser Weise noch ein Rest dörflicher Idylle vorhanden war, entwirft die Autorin am Beispiel der Philippinen das beinahe düstere Bild eines Staates der Dritten Welt, der von Feudalismus geprägt ist und den armen Eingeborenen menschenunwürdige Lebensbedingungen bietet.

3.3 ERMITTLUNGEN UND LÖSUNGEN

Durch ihre Tätigkeit als Journalistin wird Anna Marx zufällig immer wieder mit mystriösen Todesfällen konfrontiert. Anfangs recherchiert sie nur für ihren Artikel, im weiteren Verlauf der Handlung ist sie jedoch immer mehr bestrebt, den Fall zu lösen. Von großer Neugierde getrieben, klärt Anna die Verbrechen schließlich ohne Anwendung von Gewalt auf. Ihr Beruf ermöglicht es, viele Fragen zu stellen und Nachforschungen zu betreiben, ohne daß dies sofort auffällt.

In „Samyana” redet Anna mit vielen Leuten, macht „small talk” auf zahlreichen Partys, erhält so zahlreiche Informationen und entlarvt durch Zufall auch den wahren Mörder. Der Arzt Rainer Schöne erzählt ihr, schon leicht angetrunken, daß die ermordete Hobbymalerin Anna Hellmann nackte Männer mit Tierköpfen als Motiv für ihre Bilder wählte und erwähnt weiters, daß ein Wagen der deutschen Botschaft häufig vor ihrem Haus geparkt haben soll. Anna läßt sich daraufhin von Jochen Hellmann diese Tuschzeichnungen zeigen. Die Ähnlichkeit zwischen einem hasenköpfigen Akt und dem deutschen Botschafter Klaus Halfft, sowie die Mitteilung Jochens, daß seine Frau einige dieser Bilder für viel Geld verkauft hat, führen Anna zur Lösung des Mordfalls. Halfft hatte seine ehemalige Geliebte erstochen, weil sie ihn mit der Zeichnung in der Öffentlichkeit bloßstellen wollte.

Ausgangspunkt der Ermittlungen im Roman „Sünde” ist der Besuch einer ihr unbekannten Frau, der Sekretärin Helene Brahm-Telschow. Diese sucht bei Anna Rat, weil sie dem Vater ihrer unehelichen Tochter Caroline, einem einflußreichen Politiker, aus Geldnot Bittbriefe geschrieben hat und seitdem beschattet wird. Die Marx vermutet, daß der deutsche Innenminister Jürgen Beil hinter dieser Sache steckt. Sie interessiert sich für die Geschichte, weil das Bekanntwerden der unehelichen Vaterschaft des erzkonservativen Politikers einen großen Skandal auslösen würde und somit für eine „heiße Story” bestens geeignet ist. Anna beginnt, die Geschichte sorgfältig nachzuprüfen, denn sie weiß genau, daß hieb- und stichfeste Beweise nötig sind, um darüber einen Artikel zu verfassen. Nach dem Mord an Frau Brahm-Telschow verstärkt sie ihre Nachforschungen, was den Innenminister dazu veranlaßt, seinen Einfluß geltend zu machen. Er läßt Annas Telefonanschluß abhören und bringt ihren Chefredakteur dazu, kein Interesse an der Geschichte zu zeigen. Trotzdem gibt die Marx nicht auf und befragt weiter Leute aus dem Umfeld der Ermordeten. Eine Frau aus Helenes Stammlokal macht schließlich den entscheidenden Hinweis. Sie erzählt Anna, daß die fünfzehnjährige Caroline seit dem Tod ihrer Mutter tolle Kleider trägt und ein neues Mofa fährt. Die Reporterin erinnert sich daran, daß sie bei einem ersten Gespräch mit dem Mädchen das Gefühl hatte, diese verschweige etwas, das mit dem Tod der Mutter in Zusammenhang stehen könnte. Sie trifft sich erneut mit Caroline und kann diese dazu bewegen, die Wahrheit zu sagen. So stellt sich heraus, daß das Mädchen den Mörder, Helenes Arbeitgeber, beim Verlassen der Wohnung gesehen und von ihm deswegen Schweigegeld erhalten hat.

Im letzten der besprochenen Romane, „Brand”, wird besonders deutlich, welch große Rolle der Zufall bei der Lösung eines Todesfalles hat. Als der Regisseur Hannibal Matzke in der letzten Nacht ihres Aufenthalts auf Boraca bei einem mysteriösen Brand ums Leben kommt, verdächtigt Anna zunächst ihre Kollegin Hanna Martens, die am betreffenden Abend einen Streit mit dem unsympathischen Mann hatte. Die philippinische Polizei führt den Tod Matzkes aber auf einen Unfall zurück, und die Journalisten können abreisen. Anna fällt auf, daß der Kameramann des Filmteams, Willy Kirchschläger, die private Telefonnummer Matzkes kennt, freiwillig dessen Frau benachrichtigt und von der hohen Lebensversicherung des Verstorbenen weiß. Als die Marx ihren Rückflug nach Deutschland spontan in Bangkok unterbricht, lernt sie in der Bar des Luxushotels Oriental eine Deutsche kennen und kommt mit ihr ins Gespräch. Bald merkt sie, daß es sich bei der Frau um die Gattin Matzkes handelt, die dessen Leichnam abholen will. Die Marx rechnet nach (bezeichnenderweise hat sie dabei einige Schwierigkeiten!) und gelangt zu dem Schluß, daß Frau Matzke schon im Flugzeug saß, als sie von Kirchschläger angeblich über den Tod ihres Mannes informiert wurde. Eine weitere Beobachtung Annas im Hotel führt schließlich zur Klärung des Falles. „Vor dem Glasfenster, das den Blick in die Bambusbar freigab, blieb Anna abrupt stehen. Da stand jemand an der Bar, dort, wo sie gesessen hatte. Er war in ein intensives Gespräch mit der Witwe vertieft. Anna schluckte und trat einen Schritt zurück. Es war der Kameramann. Willy Kirchschläger.“[17]

Zurück in Bonn, erzählt Anna diese Geschichte einem ihr bekannten Staatsanwalt. Kirchschläger wird verhaftet und gesteht, daß er zusammen mit seiner Geliebten, Frau Matzke, geplant hatte, den Regisseur am letzen Abend des Philippinenaufenthalts zu ermorden. Dieses Vorhaben scheiterte jedoch im letzten Moment an der Feigheit des Kameramannes. Da er für die Tatzeit ein Alibi hat, ist Matzkes Tod letztendlich doch auf einen Unfall zurückzuführen.

Neugier, Hartnäckigkeit und die Suche nach guten Stories, in denen es nicht ausschließlich um banalen Bonner Gesellschaftsklatsch geht, sind die Faktoren, von denen Annas Ermittlungen bestimmt sind. Ihre Tätigkeit als Klatschjournalistin erweist sich bei der Mördersuche als hilfreich, denn sie kennt dadurch viele wichtige Leute, an die sie sich wenden kann und setzt diese guten Beziehungen auch bewußt ein. In Afrika gibt ihr der Polizeioberst Mmusi Informationen, in „Sünde” hilft ihr der Bonner Polizeipräsident, dessen Visitenkarte sie auf einem Empfang erhalten hat. So kennt sie die Nummer seines privaten Telefonanschlusses, unter der sie ihn schließlich erreicht. Der Präsident kann es sich in seiner Position nicht erlauben, Journalisten zu verärgern und gibt einem Mitarbeiter die Weisung, gefilterte Informationen an Anna weiterzugeben. Für diese Gefälligkeit erwartet er, daß die Marx einen Artikel über seinen Geburtstagsempfang schreibt.

Annas Bekanntschaft mit einem Bonner Staatsanwalt führt in „Brand” dazu, daß der Fall vor Gericht kommt.

Wenn Anna ermittelt, beherrscht der Fall ihr ganzes Denken, sie kann nicht abschalten, sie kann sich nicht wirklich entspannen. Selbst in sehr privaten Situationen, zum Beispiel wenn sie mit ihrem Geliebten im Bett liegt oder mit ihm Essen geht, sucht sie nach der Lösung, reflektiert über den Fall, stellt Fragen. Diese Hartnäckigkeit nervt ihre Partner. „Er war ärgerlich. Er wollte mit ihr schlafen. Und das verdammte Weib recherchierte immer noch. Und soff wie eine Keuschlerkuh. Aber es war wohl besser zu antworten. Sie würde ja doch nicht lockerlassen.”[18]

So denkt Jochen Hellmann, Annas Liebhaber in „Samyana“.

Die Marx ist bestrebt, den wahren Mörder ohne Rücksicht auf bestimmte Personen zu fassen. Ihr ist eigentlich nicht klar, in welche Gefahr sie sich bei ihrer Verbrechersuche begeben könnte. In „Sünde” hat die hartnäckige Schnüffelei schließlich Folgen, denn sie wird abgehört.[19]

[...]


[1] Volker Lilienthal: Der Reporter als Detektiv. Journalistisches Personal in der Krimiliteratur.- In: die horen. Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik. 34. 1989. H. 154. S. 205.

[2] Vgl. Regina Lienerbrünn: „...denn das Böse liegt so nah“. Deutschsprachige Kriminalautorinnen.- Wien, Diss. 1993. S. 44.

[3] Christine Grän: Weiße sterben selten in Samyana.- In: Christine Grän: Weiße sterben selten in Samyana. Nur eine läßliche Sünde. Ein Brand ist schnell gelegt. Sammelband. Hg. v. Bernd Jost.- Reinbek bei Hamburg 1997. (= rororo thriller 43277.) Im weiteren Text wird dieser Titel mit “Samyana” abgekürzt.

[4] Christine Grän: Nur eine läßliche Sünde.- In: Christine Grän: Weiße sterben selten in Samyana. Nur eine läßliche Sünde. Ein Brand ist schnell gelegt. Sammelband. Hg. v. Bernd Jost.- Reinbek bei Hamburg 1997. (= rororo thriller 43277.) Im weiteren Text wird dieser Titel mit “Sünde” abgekürzt.

[5] Christine Grän: Ein Brand ist schnell gelegt.- In: Christine Grän: Weiße sterben selten in Samyana. Nur eine läßliche Sünde. Ein Brand ist schnell gelegt. Sammelband. Hg. v. Bernd Jost.- Reinbek bei Hamburg 1997. (= rororo thriller 43277.) Im weiteren Text wird dieser Titel mit “Brand” abgekürzt.

[6] Grän: Samyana. S. 17.

[7] Grän: Samyana. S. 17.

[8] Ebd. S.10.

[9] Ebd. S. 37.

[10] Grän: Samyana. S. 81.

[11] Ebd. S. 17.

[12] Grän: Brand. S. 28.

[13] Ebd. S. 47.

[14] Grän: Brand. S. 80.

[15] Ebd. S. 47.

[16] Ebd. S. 138.

[17] Grän: Brand. S. 143.

[18] Grän: Samyana. S. 108.

[19] Vgl. Lienerbrünn. S. 55-56.

Details

Seiten
38
Jahr
1999
ISBN (eBook)
9783638301664
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v28366
Institution / Hochschule
Universität Wien – Institut für Germanistik
Note
2
Schlagworte
Christine Graen Anna Marx Fälle Deutsche Kriminalschriftstellerinnen

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Christine Graen: Anna Marx' erste Fälle