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Ein Vergleich von Thomas Manns Figuren Tonio Kröger und Hanno Buddenbrook

Tonio Kröger - ein wieder ins Leben gerufener Hanno Buddenbrook?

von Eliane Rittlicher (Autor)

Studienarbeit 2014 49 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einführung

1. Der Verfall einer bürgerlichen Familie als verbindendes Element zwischen Hanno Buddenbrook und Tonio Kröger

2. Die Elternkonstellation – das Motiv des doppelten Erbes
2.1 Tonio Krögers Eltern
2.1.1 Tonio Krögers Vater
2.1.2 Tonio Krögers Mutter
2.2 Hanno Buddenbrooks Eltern
2.2.1 Thomas Buddenbrook
2.2.2 Gerda Buddenbrook, geb. Arnoldsen

3. Die Bedeutung der Namen „Tonio Kröger“ und „Johann“
3.1 „Tonio Kröger“
3.2 „Johann“

4. Äußere Ähnlichkeiten
4.1 Vergleich zwischen Tonio und Hanno
4.2 Tonio und Hanno in Abgrenzung zu Hans Hansen bzw. zu Hannos Mitschülern

5.Tonios und Hannos Stellung in ihrem sozialen Umfeld
5.1 Tonio
5.2 Hanno

6. Weitere Parallelen zwischen Tonio Kröger und Hanno Buddenbrook
6.1 Die Liebe zum Meer
6.1.1 Die Bedeutung des Meeres für Tonio Kröger
6.1.2 Die Bedeutung des Meeres für Hanno Buddenbrook – Ferien in Travemünde
6.2 Die Schule
6.2.1 Die Stellung der Schule in Tonios Leben
6.2.2 Die Bedeutung der Schule für Hanno

7. Die Bedeutung des Künstlertums bzw. der Kunst für Tonio und Hanno
7.1 Tonio Kröger – etwas „Ironisch-Mittleres zwischen Bürgerlichkeit und Künstlertum“
7.2 Die Musik – für Hanno eine Flucht aus dem Leben

Fazit

Einführung

Im literarischen Werk Thomas Manns ist die Wiederkehr einzelner Gestalten in Romanen und Novellen sehr auffällig. Die figuralen Ähnlichkeiten scheinen besonders häufig in seinem Frühwerk aufzutreten. So spricht Helmut Koopmann sogar von einer „werkimmanenten Unsterblichkeit“, welche einzelne Figuren in leicht abgewandelter Form in mehreren Romanen oder Novellen auftreten lässt.[1] Solche Verwandtschaften lassen sich in auffälliger Weise an den Äußerlichkeiten der betreffenden Gestalten erkennen. Aber auch Thomas Manns Vorliebe für einen bestimmten Typus wird deutlich. So stehen im Mittelpunkt des Geschehens nicht etwa die „Problemlosen, die strahlenden Helden des Lebens“, sondern die „Bedrohten, Gefährdeten, Krankheit und frühem Untergang Verfallenen“.[2]

Thomas Manns 1901 erschienener Roman Buddenbrooks – Verfall einer Familie war ursprünglich als „die Geschichte des sensitiven Spätlings Hanno“ gedacht.[3] In dem Antihelden Hanno konzentrieren sich Thomas Manns eigene (zumeist unangenehme) Jugenderfahrungen und Befürchtungen. Indem er sie in der Gestalt des kleinen Hanno personifizierte, konnte er sich von ihnen befreien.[4] Das Thema ist für Thomas Mann jedoch noch nicht erledigt, was die 1903 erschienene „Prosa-Ballade“[5] Tonio Kröger zeigt. In seinen Betrachtungen eines Unpolitischen bezeichnete Thomas Mann die Novelle Tonio Kröger als sein „Eigentliches“.[6] Dies macht eine Beschäftigung mit dem „Helden der Schwäche“ Tonio Kröger aus meiner Sicht sehr interessant.

Die vorliegende Ausarbeitung hat eine vergleichende Gegenüberstellung von Tonio Kröger und Hanno Buddenbrook zum Inhalt. Die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden frühen Helden Tonio und Hanno sollen in dieser Ausarbeitung aufgezeigt werden. Dabei soll deutlich gemacht werden, dass Tonio Kröger als ein „wieder in Leben gerufener Hanno Buddenbrook“[7] gesehen werden kann, der von Thomas Mann mit einer Lebensgebundenheit ausgestattet worden ist, die ihn letztendlich vor dem Tode bewahrt.

Anhand verschiedener Aspekte sollen die figuralen Ähnlichkeiten deutlich gemacht werden. Indem sich immer – die Ausnahme bildet das erste Kapitel – zuerst mit Tonio Kröger auseinander gesetzt und diesem dann Hanno Buddenbrook gegenüber gestellt wird, soll gezeigt werden, dass es durchaus nicht wenige Parallelen zwischen Tonio und Hanno gibt.

Das erste Kapitel beschäftigt sich mit dem Motiv des Verfalls einer bürgerlichen Familie als verbindendes Element von Tonio Kröger und Hanno Buddenbrook.

Das Motiv des doppelten Erbes taucht sowohl im Tonio Kröger als auch in den Buddenbrooks auf. Tonios Mutter kontrastiert seinen Vater; auch Gerda Buddenbrook bildet einen Gegenpol zu ihrem Mann Thomas. Um dies deutlich zu machen, setzt sich das zweite Kapitel zuerst mit Tonios Elternkonstellation auseinander, um dann die Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu Thomas und Gerda Buddenbrook heraus zu arbeiten.

Im dritten Kapitel soll kurz auf die Bedeutung der Namen „Tonio Kröger“ und „Johann“ (Buddenbrook) eingegangen werden.

Die äußeren Ähnlichkeiten, die zwischen Hanno und dem 14-jährigen Tonio bestehen, werden im vierten Kapitel erörtert. Durch diese heben sich Tonio von seinem Freund Hans Hansen bzw. Hanno von seinen Schulkameraden schon rein äußerlich ab, was in diesem Kapitel deutlich gemacht soll.

Sowohl Hanno Buddenbrook als auch der 14-jährige Tonio Kröger nehmen in ihrem sozialen Umfeld die Stellung eines Sonderlings ein. Diesem Sachverhalt soll im fünften Kapitel auf den Grund gegangen werden.

Im sechsten Kapitel werden weitere Parallelen zwischen Tonio Kröger und Hanno Buddenbrook, nämlich ihre Liebe zum Meer und ihre Haltung gegenüber der Schule und den Lehrern, aufgezeigt.

Der Kunst bzw. dem Künstlertum messen Tonio Kröger und Hanno Buddenbrook eine völlig unterschiedliche Bedeutung bei. Während Tonio Kröger am Ende der Novelle durchaus zu einem positiven Verhältnis zu seinem Künstlertum gelangt, das für ihn im Gegensatz zum gewöhnlichen, so sehr geliebten Leben steht, bringt es Hanno Buddenbrook nicht zum echten Künstler. Statt der Lebensgebundenheit Tonio Krögers finden wir bei ihm nur Todessehnsucht. Dies soll im siebten Kapitel erörtert werden.

1. Der Verfall einer bürgerlichen Familie als verbindendes Element zwischen Hanno Buddenbrook und Tonio Kröger

Die Buddenbrooks ist die Verfallsgeschichte einer bürgerlichen Patrizierfamilie, deren letztes Glied – sieht man von der weiblichen Nebenlinie Tony, Erika, Elisabeth einmal ab – Hanno Buddenbrook ist.

Hanno ist der Sohn des Konsuls Thomas Buddenbrook und dessen Frau Gerda Buddenbrook, geb. Arnoldsen. Man hat lange vergeblich auf diesen männlichen Nachkommen gewartet. Da Hanno der einzige Sohn des Konsuls und somit Stammhalter ist und Gerdas Konstitution weitere Kinder unwahrscheinlich macht, erwartet die Familie Buddenbrook, dass er die vor vier Generationen gegründete Firma übernehmen und so seiner Familie weiterhin zu Ruhm und Ansehen verhelfen wird. „nun ist er da [...] er, auf dem längst so viele Hoffnungen ruhen, von dem längst so viel gesprochen, der seit langen Jahren erwartet, ersehnt worden, den man von Gott erbeten und um den man Doktor Grabow gequält hat...“[8]

Der achtjährige Hanno weiß jedoch, zumindest unterbewusst, dass er den Ansprüchen seiner Familie nicht gerecht werden kann: Als er die Mappe mit den Familienpapieren, die seinem Vater sehr wichtig sind, findet, liest er am Ende des Stammbaums der Buddenbrooks seinen eigenen Namen und zieht unter diesem einen Strich, so, wie er ihn in der Schule unter eine abgeschlossene Rechenaufgabe setzen muss.[9] Als der kleine Johann von seinem zornigen Vater gefragt wird, wie er zu solchem Unfug komme, stammelt er: „Ich glaubte... ich glaubte... es käme nichts mehr...“[10]

Im Gegensatz zu seinen Vorfahren nimmt Hanno die ihm von seiner Familie gestellte Aufgabe, Kaufmann und dann Firmenchef zu werden, nicht mehr als gegeben hin. Er wendet sich von ihr ab, hat aber nicht die Kraft dazu, etwas Neues, Eigenes an ihre Stelle zu setzen.[11]

Thomas Buddenbrook lässt nichts unversucht, um aus seinem Sohn seinen zukünftigen Nachfolger zu machen. Doch muss er letztendlich einsehen, dass Hanno nicht gewillt und vor allem nicht in der Lage ist, diese Rolle zu übernehmen. Thomas erkennt, dass sein Sohn noch ängstlicher und schwächer ist, als er selbst[12] und legt in seinem Testament die Liquidation der Firma Buddenbrook fest.

Schließlich stirbt der 17-jährige Hanno an Typhus. Sein Tod wird von Wenchao Li als verkappter Selbstmord, als eine „freiwillige, selbstgewählte Absage an das Leben“ bezeichnet.[13]

Der Grund für den Verfall der Familie Buddenbrook ist die von Generation zu Generation zunehmende Reflexivität.[14] Der Prozess der Entbürgerlichung und des biologischen Verfalls und die gleichzeitige Zunahme der Verfeinerung und Vergeistigung haben in Hanno ihren Höhepunkt erreicht.[15]

Während der Gegensatz zwischen Geist und Leben in den Buddenbrooks nur angedeutet ist, wird er zum Hauptmotiv der 1903 in der Neuen Deutschen Rundschau erschienenen Novelle Tonio Kröger.[16] Die Novelle fängt also dort an, wo die Buddenbrooks aufhören: Sie zeigt, was nach dem Verall geschieht.

Im Tonio Kröger wird die Auflösung einer bürgerlichen Familie, der in den Buddenbrooks fast 1000 Seiten gewidmet sind, als ausschlaggebend für künstlerisches Schaffen angesehen.[17] In einem Satz wird diese Auflösung dem Leser ins Gedächtnis gerufen und so als Vorbedingung für das Künstlertum gekennzeichnet: „Die alte Familie der Kröger war nach und nach in einen Zustand des Abbröckelns und der Zersetzung geraten...“[18] Auch Tonio Kröger selbst scheint seinen Teil zu diesem Zustand beigetragen zu haben: „[...] die Leute hatten Grund, Tonio Krögers eigenes Sein und Wesen ebenfalls zu den Merkmalen dieses Zustandes zu rechnen.“[19] Hier ist eine erste Gemeinsamkeit zwischen Hanno Buddenbrook und Tonio Kröger zu erkennen. Dass nämlich der „kleine Verfallsprinz“[20] Hanno nicht unwesentlich am Niedergang seiner Familie beteiligt ist, liegt wohl auf der Hand. Sowohl Hanno als auch Tonio können also als „entartete Sprößling[e] einer sich auflösenden Familie“ verstanden werden.[21]

Nachdem Tonios Vater gestorben ist, steht nun das „große Krögersche Haus“[22] zum Verkauf, was den Leser wiederum an die Buddenbrooks erinnert. Der Verkauf ihres Hauses in der Mengstraße kann ebenfalls als Zeichen des Niedergangs der Familie Buddenbrook gewertet werden. Sie hatte dieses Haus 1835 von der „ehemals glänzenden Familie“ [23] Ratenkamp erworben. Die Ratenkamps mussten damals für die Buddenbrooks Platz machen, genauso, wie diese nun durch die Hagenströms abgelöst werden, an die das Haus nun verkauft wird.

Eine weitere Parallele bildet die Auflösung der Firma, welche als ein wesentliches Merkmal des Verfalls der bürgerlichen Familie gewertet werden kann. Nach Thomas` Tod soll die Firma liquidiert werden. Im Tonio Kröger wird der Auflösung der Firma nur ein halber Satz gewidmet: “...und die Firma ward ausgelöscht.“[24] Es stand also nie zur Diskussion, dass Tonio Kröger die Firma übernehmen könnte.

2. Die Elternkonstellation – das Motiv des doppelten Erbes

2.1 Tonio Krögers Eltern

2.1.1 Tonio Krögers Vater

Über Tonios Eltern erfährt der Leser nicht sehr viel. Sein Vater bekleidet als großer Kaufmann öffentliche Ämter und ist „mächtig“[25] in seiner Heimatstadt. Er ist Konsul, handelt mit Getreide und bewohnt mit seiner Familie ein „großes altes Haus“, „das herrschaftlichste der ganzen Stadt“[26]. Als Tonio mit seinem Freund Hans die Straße entlang geht, muss er ständig grüßen oder wird sogar von manchen Leuten zuerst gegrüßt. Hieraus kann der Leser schließen, dass die Familie Kröger ein gewisses Ansehen in der Stadt genießt. Die Tatsache, dass Tonio „gut und warm“[27] gekleidet ist, lässt vermuten, dass die Familie Kröger wohlhabend ist.

Tonios Vater wird dem Leser beschrieben als ein „langer, sorgfältig gekleideter Herr mit sinnenden blauen Augen, der immer eine Feldblume im Knopfloch [trägt].“[28] Die Feldblume im Knopfloch des Konsuls Kröger ist als Symbol für den Geist zu sehen. Dieser ist – als Merkmal des inneren Verfalls der Familie Kröger – längst gegenwärtig und wurde nicht erst durch die Ehe des Konsuls mit einer „von ganz unten auf der Landkarte“[29] kommenden Frau in die Familie getragen. Der Prozess der Entbürgerlichung hatte also bereits eingesetzt.[30]

Wenn Tonio aus der Schule schlechte Noten mit nach Hause bringt, ist es der Vater, der sich darüber ärgert und sich besorgt zeigt.[31] Den Zorn seines Vaters respektiert Tonio, und er empfindet ihn sogar als gerechtfertigt. Obwohl sich Tonio darüber bewusst ist, dass er sich in seinem Wesen weder ändern kann noch will, hält er es für richtig, von seinem Vater für seine Wesensart zurechtgewiesen zu werden. Es ist gerade genug, daß ich bin, wie ich bin, und mich nicht ändern will und kann, fahrlässig, widerspenstig und auf Dinge bedacht, an die sonst niemand denkt. Wenigstens gehört es sich, daß man mich ernstlich schilt und straft dafür...“[32]

In Tonio ist noch etwas von dem Familienbewusstsein vorhanden, das sein Vater als Konsul Kröger repräsentiert, auch wenn er in seinem Leben wenig von der Tradition seiner Familie verwirklicht. „Wir sind doch keine Zigeuner im grünen Wagen, sondern anständige Leute, Konsul Krögers, die Familie der Kröger...“[33]

Nach dem Tod des Konsuls Kröger ist dieser in Tonios schlechtem bürgerlichen Gewissen präsent.[34] Tonio ruft sich die Missbilligung seines Lebens als Künstler durch seinen Vater immer wieder ins Bewusstsein und empfindet sie durchaus als gerechtfertigt.[35] Er ist also noch Bürger genug, um seine Existenz als Künstler in Frage zu stellen. So sieht er im Künstlertum etwas „tief Zweideutiges, tief Anrüchiges, tief Zweifelhaftes“.[36]

2.1.2 Tonio Krögers Mutter

Die „dunkle und feurige Mutter“[37] Tonios wird uns als Gegenpol zu seinem bürgerlichen Vater vorgestellt. Bereits ihr Vorname Consuelo macht deutlich, dass sie „von ganz unten auf der Landkarte“[38] kommt. Wir erfahren, dass sie schön und schwarzhaarig und „überhaupt so anders als die übrigen Damen der Stadt“[39] ist.

Im Gegensatz zu Tonios Vater macht sie sich nichts aus Tonios schlechten Noten oder seiner zweifelhaften Stellung in seinem sozialen Umfeld.[40]

Tonios Mutter ist sehr musikalisch; sie spielt Klavier und Mandoline. Das Klavierspiel seiner Mutter wird von Tonio als wunderbar empfunden[41] und weist darauf hin, dass Tonios Künstlertum „mütterliches Erbe“[42] ist. Auch Tonio spielt ein Instrument, nämlich Geige. Obwohl Tonio weitaus mehr Wesensmerkmale der Mutter in sich trägt, empfindet er doch ihre „heitere Gleichgültigkeit“ als „ein wenig liederlich“.[43]

Bezeichnend für das Wesen von Tonio Krögers Mutter ist auch die Tatsache, dass sie, nachdem ihr Mann gestorben ist, noch einmal heiratet, und zwar einen Musiker, mit dem sie dann fort geht. Tonio empfindet dieses Verhalten zwar wiederum als „ein wenig liederlich“, sieht sich jedoch nicht in der Position, sie dafür anzuklagen, da er diesem Lebensentwurf der Mutter keinen ordentlicheren bzw. bürgerlicheren entgegenzusetzen hat.[44]

2.2 Hanno Buddenbrooks Eltern

2.2.1 Thomas Buddenbrook

Über Thomas Buddenbrook, den Repräsentanten der dritten Generation der Buddenbrooks, erfahren wir – im Gegensatz zu Tonios Vater – außerordentlich viel. Thomas begegnet dem Leser zum ersten mal als Kind. Seine geistige und psychologische Entwicklung wird, ebenso wie sein Werdegang als Geschäftsmann und Bürger seiner Stadt, sehr ausführlich geschildert. Der Übersichtlichkeit halber erfolgt an dieser Stelle eine Beschränkung auf die Darstellung Thomas` bzw. auf jene Tatsachen und Wesensmerkmale, die er mit Konsul Kröger gemeinsam zu haben scheint.

Wie Tonio Krögers Vater ist auch Thomas Buddenbrook ein Kaufmann und handelt mit Getreide. Dass er diesen Beruf ergreifen und somit die Firma seines Vaters übernehmen würde, steht bereits fest, als er noch ein Kind ist. So wird über den jungen Thomas gesagt: „er muß Kaufmann werden, darüber besteht kein Zweifel.“[45] Die Firma Buddenbrook kann sich sogar über die Stadtgrenzen hinaus eines gewissen Ansehens erfreuen. „Der Name der Firma gewann nicht nur in der Stadt, sondern auch draußen an Klang, und innerhalb des Gemeinwesens wuchs noch immer sein Ansehen.“[46]

Die Buddenbrooks sind wie die Krögers eine wohlhabende Familie. Hierfür spricht zum Beispiel das Hauspersonal, das Kindermädchen und das silberne Besteck.

Auch Thomas Buddenbrook ist ein geschätzter Mann in seiner Heimatstadt. Wie Tonio Krögers Vater wird er zum Konsul gewählt, später zum Senator. Zu den Eigenschaften, die Thomas zu Erfolg verhelfen, zählen sein sicheres und gewandtes Auftreten, seine Liebenswürdigkeit und sein Takt.[47]

Wie Konsul Kröger ist auch Thomas Buddenbrook um sein Äußeres bemüht. Er legt großen Wert darauf, frisch und korrekt gekleidet zu sein, und wechselt zu diesem Zweck sogar mehrmals am Tag die Wäsche. Das gepflegte Erscheinungsbild der beiden Vaterfiguren entpuppt sich jedoch nur als eine scheinbare Gemeinsamkeit. Die Eitelkeit Thomas Buddenbrooks ist Ausdruck seines Bedürfnisses, den eigenen Verfall zu bekämpfen.

Wenn das Merkwürdige zu beobachten war, daß gleichzeitig seine ´Eitelkeit´, das heißt dieses Bedürfnis, sich körperlich zu erquicken, zu erneuern, mehrere Male am Tag die Kleidung zu wechseln, sich wieder herzustellen und morgenfrisch zu machen, in auffälliger Weise zunahm, so bedeutete das [...] ganz einfach ein Nachlassen seiner Spannkraft, eine raschere Abnützbarkeit.[48]

Eine ähnliche Situation kann bei Konsul Kröger nicht nachgewiesen werden.

Die zunehmende Vergeistigung und Verfeinerung hingegen, die in den Buddenbrooks mit dem Verfall einher geht, ist sowohl bei Konsul Kröger als auch bei Thomas Buddenbrook angedeutet bzw. unübersehbar. Im Tonio Kröger wird sie, wie bereits erläutert, mit der Feldblume im Knopfloch umschrieben. Thomas interessiert sich für modernere Schriftsteller „satirischen und polemischen Charakters“, was sehr ungewöhnlich ist für einen Kaufmann und Bürger seiner Zeit.[49] Seine eigene Zwiespältigkeit und sein Hin-und-her-gerissen-sein zwischen zwei Welten wird in erlebter Rede wiedergegeben: „War Thomas Buddenbrook ein Geschäftsmann, ein Mann der unbefangenen Tat oder ein skrupulöser Nachdenker?“[50] „War er ein praktischer Mensch oder ein zärtlicher Träumer?“[51] Thomas gelangt zu der Erkenntnis, dass er den Erfolg, welchen er ehemals zu verzeichnen hatte, letztendlich seiner Reflexion zu verdanken hat.[52] Mit achtundvierzig Jahren verhält sich Thomas im Umgang mit anderen Menschen wie ein schlechter Schauspieler und ist am Ende seiner Kräfte. [53] Es ist ihm nur noch schwer möglich, den Balanceakt zwischen seiner Sensibilität und seinem Dasein als Geschäftsmann aufrecht zu erhalten. Der Prozess der geistigen Verfeinerung hat also auch hier wie im Tonio Kröger längst begonnen, bzw. ist schon weit fortgeschritten und wird nicht erst durch die Ehe mit Gerda ausgelöst.

Auch für Hannos Vater sind gute schulische Leistungen wichtig. „´...Und Klavier gespielt? [...] Aber nicht zu viel, sonst haben wir keine Lust mehr zum Übrigen und bleiben Ostern sitzen!´“[54]

Thomas Buddenbrook verkörpert für seinen Sohn Hanno die Ansprüche der Familie.[55] Er hofft, seinen Sohn nach dem Bildes seines Urgroßvaters formen zu können, und möchte aus ihm „einen echten Buddenbrook, einen starken und praktisch gesinnten Mann mit kräftigen Trieben nach Außen, nach Macht und Eroberung machen“[56]. Dieses Vorhaben muss scheitern, da in Hanno selbst die Möglichkeit, Bürgerlichkeit zu spielen, verloren gegangen ist.[57] Während Tonio, wie in 2.1.1 erläutert, die Kritik seines Vater durchaus versteht, ja sogar für gerechtfertigt hält, empfindet Hanno die Anforderungen, die sein Vater an ihn stellt, als unmenschlich.[58]

Nur einmal kommt es in der Beziehung zwischen Vater und Sohn, die sonst von Fremdheit und Kälte bestimmt ist, zu einer echten Annäherung: Als Gerda mit Leutnant von Throta Ehebruch begeht, offenbart sich Thomas seinem Sohn Hanno als Leidender und gewinnt so seine Zuneigung.

Das Eine aber war sicher, und sie fühlten es Beide, daß in diesen Sekunden, während ihre Blicke ineinander ruhten, jede Fremdheit und Kälte, jeder Zwang und jedes Mißverständnis zwischen ihnen dahinsank, daß Thomas Buddenbrook, wie hier, so überall, wo es sich nicht um Energie, Tüchtigkeit und helläugige Frische, sondern um Furcht und Leiden handelte, des Vertrauens und der Hingabe seines Sohnes gewiß sein konnte.[59]

2.2.2 Gerda Buddenbrook, geb. Arnoldsen

Schenkt man dem Autor Glauben, so verbindet Gerda Buddenbrook mit Tonio Krögers Mutter lediglich die „Musik und das Weither – Sein“.[60]

Gerda Buddenbrook spielt in fast 1000 Seiten schweren Roman zum ersten Mal eine Rolle, als sie zusammen mit Tony Buddenbrook bei Sesemi Weichbrodt in Pension ist. Dort wird sie dem Leser vorgestellt als eine „elegante und fremdartige Erscheinung mit schwerem, dunkelrotem Haar, nahe beieinander liegenden braunen Augen und einem weißen, schönen, ein wenig hochmütigen Gesicht“[61].

Gerda Buddenbrook stammt wie Tonios Mutter nicht aus Lübeck sondern kommt aus Amsterdam. Auch sie scheint sich von den anderen Frauen der Stadt zu unterscheiden, denn sie hat „etwas Fremdes und Ausländisches“[62] an sich. Man nimmt in Lübeck sogar Anstoß an ihrer Erscheinung; sie scheint nicht integriert in die bürgerliche Gesellschaft zu sein. „Aber unter den soliden, biederen und ehrenfesten Bürgern waren viele, die den Kopf schüttelten... ´Sonderbar... diese Toiletten, dieses Haar, diese Haltung, dieses Gesicht... ein bißchen reichlich sonderbar.´“[63] „Und unter den Damen befanden sich manche, die Gerda Arnoldsen einfach ´albern´ fanden, wobei daran zu erinnern ist, daß ´albern´ einen sehr harten Ausdruck der Verurteilung bedeutete.“[64]

Besonders auffällig ist die Beschreibung von Gerdas Augen: „In den Winkeln ihrer etwas zu kleinen und etwas zu nahe bei einander liegenden braunen Augen lagerten immer noch die bläulichen Schatten...“[65] Diese Schatten um die Augen sind eine Art Kennzeichen ihrer künstlerischen Ausrichtung[66] Sie finden sich bei ihrem Sohn Hanno wieder. Hier wird dieses von der Mutter geerbte Merkmal jedoch negativ beurteilt: „Das gibt diesem Gesichtchen, das noch kaum eines ist, etwas vorzeitig Charakteristisches und kleidet ein vier Wochen Altes nicht zum Besten;“[67]

Außerdem auffällig sind Gerda Buddenbrooks breite, weiße Zähne, die als Zeichen ihrer Vitalität gedeutet werden können. Diese sehr gesunden Zähne vererbt sie nicht an ihren Sohn Hanno, ebensowenig wie ihre Vitalität. Hanno hat zeit seines Lebens Probleme mit seinen Zähnen.

[...]


[1] Vgl. Helmut Koopmann: Hanno Buddenbrook, Tonio Kröger und Tadzio: Anfang und Begründung des Mythos im Werk Thomas Manns. In: Thomas Mann: Erzählungen und Novellen. Hrsg. von Rudolf Wolff, S. 86 – 99. Bouvier Verlag Herbert Grundmann, Bonn 1984. (Im Folgenden zitiert als „Helmut Koopmann“ mit Angabe der Seitenzahl.) S. 86.

[2] Ebd. S. 87.

[3] Wenchao Li: Das Motiv der Kindheit und die Gestalt des Kindes in der deutschen Literatur der Jahrhundertwende. Berlin, 1989. S. 36. Der Autor zitiert hier eine Rede Thomas Manns, die er 1929 im Lübecker Stadttheater gehalten hat.

[4] Vgl. Helmut Koopmann. S.91.

[5] Vgl. Thomas Mann: Betrachtungen eines Unpolitischen. In: Dichter über ihre Dichtungen. Hrsg. von Rudolf Hirsch und Werner Vordtriede. Band 14/I: Thomas Mann Teil I: 1889 – 1917. Hrsg. von Hans Wysling unter Mitwirkung von Marianne Fischer. Heimeran / S. Fischer Verlag, Passau, 1975. S. 145.

[6] Vgl. ebd.

[7] Vgl. Cecil Arthur Noble: Krankheit, Verbrechen und künstlerisches Schaffen bei Thomas Mann. Verlag Herbert Lang & Cie AG, Bern, 1970. S. 107.

[8] Thomas Mann: Die Buddenbrooks. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 1997. (Im Folgenden zitiert als „Buddenbrooks“ mit Angabe der Seitenzahl.) S. 396.

[9] Vgl. ebd. S. 523.

[10] Ebd. S. 524.

[11] Vgl. Ernst Keller: Die Figuren und ihre Stellung im Verfall. In: Buddenbrooks – Handbuch. Hrsg. von Ken Moulden und Gero von Wilpert. Körner Verlag, Stuttgart, 1988. (Im Folgenden zitiert als „Buddenbrooks – Handbuch“ mit Angabe der Seitenzahl.) S. 187.

[12] Vgl. Buddenbrooks. S.657.

[13] Vgl. Wenchao Li: Das Motiv der Kindheit und die Gestalt des Kindes in der deutschen Literatur der Jahrhundertwende. Inauguraldissertation vorgelegt von Wenchao Li an der Freien Universität Berlin, 1989. (Im Folgenden zitiert als „Wenchao Li“ mit Angabe der Seitenzahl.) S. 46.

[14] Vgl. Hermann Kurzke: Thomas Mann: Epoche – Werk – Wirkung. 2. Auflage, Beck – Verlag, München, 1991. (Im Folgenden zitiert als „Hermann Kurzke“ mit Angabe der Seitenzahl.) S. 70.

[15] Vgl. Cecil Arthur Noble: „Krankheit, Verbrechen und künstlerisches Schaffen bei Thomas Mann“. Verlag Herbert Lang & Cie AG, Bern, 1970. (Im Folgenden zitiert als „Cecil Arthur Noble" mit Angabe der Seitenzahl.) S. 88.

[16] Vgl. Thomas Mann: On myself. In: Dichter über ihre Dichtungen, hrsg. von Rudolf Hirsch und Werner Vordtriede. Band 14/I: Thomas Mann Teil I: 1889 – 1917. Hrsg. von Hans Wysling unter Mitwirkung von Marianne Fischer. Heimeran / S. Fischer Verlag, Passau, 1975. (Im Folgenden zitiert als „Thomas Mann: On myself“ mit Angabe der Seitenzahl.) S. 164.

[17] Vgl. ebd.

[18] Thomas Mann: Tonio Kröger, Mario und der Zauberer. 36. Auflage, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2000. (Im Folgenden zitiert als „Tonio Kröger“ mit Angabe der Seitenzahl.) S.25.

[19] Ebd. S. 25.

[20] Buddenbrooks – Handbuch. S. 186.

[21] Cecil Arthur Noble. S. 108.

[22] Tonio Kröger. S. 25.

[23] Buddenbrooks. S. 22.

[24] Tonio Kröger. S. 25.

[25] Ebd. S.8.

[26] Ebd.

[27] Ebd.

[28] Ebd. S. 10.

[29] Ebd. S.11.

[30] Vgl. Cecil Arthur Noble. S. 108.

[31] Vgl. Tonio Kröger. S. 10.

[32] Ebd. S. 11.

[33] Ebd.

[34] Vgl. Karl Werner Böhm: Zwischen Selbstzucht und Verlangen: Thomas Mann und das Stigma der Homosexualität; Untersuchungen zu Frühwerk und Jugend. Königshausen & Neumann, Würzburg, 1991. (Im Folgenden zitiert als „Karl Werner Böhm“ mit Angabe der Seitenzahl.) S. 150.

[35] Vgl. Tonio Kröger. z.B. S. 44 und S. 47.

[36] Cecil Arthur Noble. S. 110.

[37] Ebd. S. 11.

[38] Ebd.

[39] Ebd. S. 10.

[40] Vgl. ebd. S. 11.

[41] Vgl. ebd.

[42] Karl Werner Böhm. S. 150.

[43] Tonio Kröger. S. 11.

[44] Vgl. ebd. S.25.

[45] Buddenbrooks. S. 15.

[46] Ebd. S. 419.

[47] Vgl. Fred Müller: Thomas Mann, Buddenbrooks: Interpretationen. R. Oldenbourg Verlag, München, 1979. (Im Folgenden zitiert als „Fred Müller“ mit Angabe der Seitenzahl.) S. 31.

[48] Buddenbrooks. S. 418 und 419.

[49] Vgl. Fred Müller. S. 31.

[50] Buddenbrooks. S. 469.

[51] Ebd. S. 470.

[52] Ebd.

[53] Vgl. ebd. S.32.

[54] Buddenbrooks. S. 510.

[55] Vgl. Buddenbrooks - Handbuch. S. 187.

[56] Buddenbrooks. S. 508.

[57] Vgl. Hermann Kurzke. S. 73.

[58] Vgl. Michael Zeller: Väter und Söhne bei Thomas Mann: Der Generationsschritt als geschichtlicher Prozeß. Bouvier Verlag Herbert Grundmann, Bonn, 1974. (Im Folgenden zitiert als „Michael Zeller“ mit Angabe der Seitenzahl.) S. 158.

[59] Buddenbrooks. S. 650.

[60] Thomas Mann: Betrachtungen eines Unpolitischen. In: Dichter über ihre Dichtungen. Hrsg. von Rudolf Hirsch und Werner Vordtriede. Band 14/I: Thomas Mann Teil I: 1889 – 1917. Hrsg. von Hans Wysling unter Mitwirkung von Marianne Fischer. Heimeran / S. Fischer Verlag, Passau, 1975. (Im Folgenden zitiert als „Thomas Mann: Betrachtungen eines Unpolitschen“ mit Angabe der Seitenzahl.) S. 160.

[61] Buddenbrooks. S. 86.

[62] Ebd. S. 87.

[63] Ebd. S. 293 und 294.

[64] Ebd. S. 294.

[65] Ebd. S. 644.

[66] Vgl. Fred Müller. S. 43.

[67] Buddenbrooks. S.396.

Details

Seiten
49
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656831242
ISBN (Buch)
9783656831259
Dateigröße
614 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v283806
Note
Schlagworte
vergleich thomas manns figuren tonio kröger hanno buddenbrook leben

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    Eliane Rittlicher (Autor)

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