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Bulimie als soziokulturelles Phänomen

Eine theoretische Betrachtung mit Blick auf den schulischen Kontext

Examensarbeit 2012 152 Seiten

Psychologie - Beratung, Therapie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Essstörungen
2.1 Definitionen von Essstörungen
2.2 Hauptformen der Essstörung
2.3 Abweichendes Essverhalten im historischen Verlauf
2.4 Essstörungen in der heutigen Gesellschaft

3. Bulimia nervosa als eine Essstörung
3.1 Begrifflichkeit
3.2 Symptomatik
3.2.1 Bulimisches Essverhalten
3.2.2 Psychische Charakteristika
3.3 Diagnostische Kriterien
3.4 Epidemiologie

4. Ätiologie
4.1 Prädisponierende Faktoren
4.1.1 Familiäre Faktoren
4.1.2 Soziokulturelle Ursachen
4.1.3 Individuelle Faktoren
4.1.4 Biologische Theorien
4.2 Auslösende Bedingungen
4.2.1. Kritische Entwicklungsphase – Pubertät
4.2.2 Traumatische Erlebnisse

5. Folgeschäden der Bulimie
5. 1 Medizinische Komplikationen der Bulimie
5. 2. Psychische Erkrankungen

6. Fallbeispiel

7. Therapie der Bulimie
7. 1 Therapeutische Hilfe
7. 2 Ambulante und Stationäre Therapie
7. 2. 1 Ambulante Therapie
7. 2. 2 Stationäre Therapie
7. 2. 3 Teilstationäre Behandlung
7. 3 Einzeltherapie und Gruppentherapie
7. 3. 1 Einzeltherapie
7. 3. 2 Gruppentherapie
7. 4 Psychotherapieverfahren
7. 4. 1 Psychotherapeutische Ansätze
7. 4. 2 Einleitung und Umsetzung von Veränderungen
7. 5 Medikamentöse Therapie
7. 6 Therapeutische Fallstrickte und wiederkehrende Probleme in der Therapie

8. Konsequenzen für die Schulpraxis
8.1 Erzieherischer Auftrag der Schule und Bildungsplanbezug
8.2 Suchtpräventionsmodell- Torera
8.2.1 Das Grundkonzept von Torera
8.2.2 Neun Lektionen von Torera
8.3 Unterrichtsbeispiele

9. Verallgemeinerung der Erkenntnisse und Ausblick

10. Literaturverzeichnis

Internetverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1. Einleitung

Noch nie war das öffentliche Interesse am Zubereiten von Essen so groß wie heute. Kochsendungen sind so beliebt, wie noch nie. Auf allen Fernsehkanälen kochen prominente Köche mehr oder weniger spektakuläre Gerichte. Verwendet werden meist hochwertige Zutaten, die auf raffinierte Art und Weise veredelt werden. Jung und Alt sind fasziniert, wenn die Küchenvirtuosen auf ihren Kücheninstrumenten Balladen des guten Geschmacks komponieren.

Mittlerweile fachsimpeln wir Laien über Gesundes und Wertvolles, sowie über Nährwerte und Indizes, die verschiedene Lebensmittel haben. Dieser Essenskult, der als Lifestyle daherkommt, liefert sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit den Essstörungen, denen die moderne Gesellschaft ausgeliefert ist. Denn zu dem gewandelten Menschenbild moderner Gesellschaften gehört ein makelloser, sportlich schlanker Körper, der auf „Teufel komm raus“ geformt und ausgebildet werden muss, koste es was es wolle.

Hollywood Stars und Sternchen machen es vor. Ein ungeheurer Druck lastet auf den Schauspielern. Ihr Kapital, nämlich ihren Körper auf Gardemaß zu halten. Die Regenbogen-Presse zeigt uns eine schillernde Welt, in der jedes Kilogramm zu viel verpönt ist. Die Hochglanzbilder vermitteln einen Ist-Zustand von makelloser Haut, wallenden Haaren, langen Beinen, perfekt geformte Po´s und hervortretenden Brüsten, der für ein junges Mädchen nur schwer zu erreichen ist.

Sportliche Exesse wechseln sich mit Diäten ab und aus der angestrebten Glückseeligkeit wird oft Unglück, Trauer und Einsamkeit. Das gilt für das Model genauso wie für das Mädchen von neben an.

Neben Sport und Diäten greifen manche Menschen, zumeist junge Frauen aber auch, zum Mittel der Vomitation. Dieses Phänomen ist nichts neues. Waren es doch die alten Römer, die sich eine Feder in den Rachen einbrachten, um den Magen zu leeren, damit noch mehr von den köstlichen Früchten verspeist werden konnten.

Aber wann ist es die Gier nach unendlichem Genuss und wann ein Krankheitsbild, deren Opfer professioneller Hilfe bedürfen? Wie gestaltet sich dieses soziokulturelles Phänomen, dass wir als Bulimie bezeichnen? Diesen Fragen geht diese vorliegende Arbeit unter anderem nach.

Im Rahmen dieses Kontextes befasse ich mich des Weiteren mit der Definition der Essstörungen und gehe auf die wichtigsten Hauptformen hiervon ein. Dabei lege ich das Hauptaugenmerk in dieser Ausarbeitung auf die Bulimia nervosa. Hierbei erscheint es sinnvoll, zunächst einmal abweichendes Essverhalten im historischen Verlauf zu betrachten. Vergleichsweise nehme ich Bezug auf die heutigen gesellschaftlichen Essstörungen.

In Kapitel 3 fokussiere ich mich hauptsächlich auf die Krankheit Bulimia Nervosa, die zu den wichtigsten Krankheitsformen der Essstörung gehört. Die heutige moderne Gesellschaft versteht unter Bulimie ein Krankheitsbild, dass sich im übertriebenen Essverhalten und anschließendem Erbrechen äußert. In diesem Kapitel versuche ich den Fragen nach der Begrifflichkeit dieser Krankheit, den Erscheinungsformen der Bulimia nervosa, den diagnostischen Gesichtspunkten und der Verbreitung in der Bevölkerung nachzugehen.

Im darauffolgenden Gliederungspunkt setze ich meinen Schwerpunkt auf die Ätiologie. Dabei gehe ich auf die familiären, soziokulturellen, individuellen und biologischen Ursachen ein. Im Anschluss der Ätiologie werden die davon abhängigen psychischen und körperlichen Folgen problematisiert.

Ein Fallbeispiel soll ein genaueres Bild von dieser Krankheit darstellen. Auf diese Weise wird ein Einblick in das Gefühlsleben der Betroffenen gewährt. Dieses Fallbeispiel soll stellvertretend für viele andere Beispiele dastehen, da die meisten Betroffenen ähnliche Symptome aufweisen.

Mein anderer Schwerpunkt liegt in den Therapieformen. Es gibt eine Vielzahl von Therapiemöglichkeiten, die zu einer Genesung der Bulimie führen können. Je nach Schweregrad der Krankheit kommt eine ambulante, teilstationäre oder stationäre Behandlung in Frage. Ergänzend werden in einigen Fällen auch medikamentöse Behandlungen durchgeführt. All diesen Therapieformen gehe ich in meiner Ausarbeitung nach.

Letztlich betrachte ich den schulischen Kontext. Senden Jugendliche bereits in der Schulzeit Zeichen aus, die auf eine spätere Erkrankung hindeuten oder birgt der schulische Kontext Gefahren, welche die Krankheit erst ermöglichen. Eine weitaus wichtigere Frage ist, ob man im schulischen Kontext Aufklärungsarbeit betreiben kann oder nicht, um die Gefährdung zu vermindern und um Gefährdete zu ermitteln.

2. Essstörungen

2.1 Definitionen von Essstörungen

Essstörungen sind definitionsgemäß seelische bzw. psychische Störungen, die sich in erster Linie in Form eines auffälligen Essverhaltens erkennen lassen. Hierbei werden zentrale physiologische und psychologische Regulationsmechanismen des normalen Essverhaltens außer Kraft gesetzt. Unzureichendes Nahrungsangebot und körperliche Erkrankungen als Ursachen sind in diesem Fall ausgeschlossen (vgl. Cuntz/Hillert 2003, S. 44).

Wunderer und Schnebel bezeichnen die Essstörungen als psychosomatische Erkrankungen mit Suchtcharakter (vgl. Wunderer/Schnebel 2008, S. 21).

Laut Cavelius und Grasberger ist es die Sucht nach Fett und Magerkeit, nach Essen und Erbrechen. Die Essstörungen sind keineswegs nur schlechte Angewohnheiten, sondern ernst zu nehmende Süchte mit dramatischen Folgen für Körper und Seele. Sie gehören zwar nicht zu den „substanzgebundenen Süchten“, wie Alkohol, Medikamente oder Drogen, doch leiden die Betroffenen unter Kontrollverlust über ihr Essverhalten und unter starken Entzugserscheinungen (vgl. Cavelius/Grasberger 2000, S. 9).

Die seelischen Störungen, bedingt durch die Essstörung, sind nicht unmittelbar fassbar, sondern müssen aus den Angaben und dem Verhalten der Betroffenen erschlossen werden.

Als Grundlage der Diagnostik bieten sich die deskriptiv fassbaren Aspekte der Symptomatik, die Auffälligkeiten des Essverhaltens und die daraus resultierenden psychischen, körperlichen und sozialen Folgen an (vgl. Cuntz/Hillert 2003, S. 44).

Die einzelnen Merkmale, die für die Diagnose einer bestimmten Essstörung vorausgesetzt werden, werden in den zwei international gebräuchlichen Klassifikationssystemen beschrieben: Das Klassifikationsschema der Weltgesundheitsorganisation „International Classification of Diseases“ (ICD) umfasst alle Krankheiten, die es gibt. Gebräuchlich ist jetzt die zehnte Fassung (ICD-10). Das zweite Klassifikationssystem beschränkt sich auf psychische Störungen, das von der Amerikanischen Psychiatriegesellschaft erarbeitete „Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders“ (DSM) steht seit 1994 in der vierten Fassung (DSM-4) zur Verfügung. In beiden Klassifikationssystemen sind die verschiedenen Essstörungen in vergleichbarer Weise definiert, nur mit einigen Unterschieden (vgl. Gerlinghoff/Backmund 2000, S. 16).

Erwähnenswert ist auch, dass diese Klassifikationssysteme nur starre Schemata sind, gegen die man Einwände vorbringen kann. Unter Fachleuten sind sie jedoch für eine Verständigung und für die Forschung unverzichtbar.

Es lassen sich diagnostisch drei Formen von Essstörungen unterscheiden, nämlich Anorexia nervosa, Bulimia nervosa und Atypische bzw. nicht näher bezeichnete Essstörungen, zu denen auch die Binge-Eating-Störung und Adipositas gehören. Bei diesen Krankheiten handelt es sich um weit mehr als nur um Probleme mit dem Essen. Ein psychischer Hunger, kann dahinter stecken oder eine Seele, die nicht satt wird (vgl. Gerlinghoff/Backmund 2006, S. 9).

Dies spiegelt sich in den diagnostischen Bezeichnungen durch den Zusatzbegriff nervosa wieder. Die Appetitlosigkeit (Anorexia) bzw. der Heißhunger oder der „Ochsenhunger“ (Bulimia, von griechisch limos = Hunger und bous = Stier, Ochse) haben „nervöse“, also psychische Ursachen. Hingegen ist die Binge-Eating-Störung weniger differenziert (von englisch binge eating = Essgelage) (vgl. Wunderer/Schnebel 2008. S. 21).

Es gibt drei gemeinsame Merkmale aller Essstörungen, nämlich schwere Störungen im Körperbild, in der Art und Weise, wie die Betroffenen sich sehen, Fehldeutungen innerer und äußerer Reize, das Gefühl des Unvermögens, die Überzeugung, so hilflos und unfähig zu sein, dass sie nichts in ihrem Leben ändern könnten. Wichtige Gründe für Essstörungen sind auch die fehlende Interozeptionsfähigkeit und das mangelnde Selbstwertgefühl. Sie sind die ständigen Begleiter der Essstörung, aber nicht unbedingt notwendig, um eine entsprechende Diagnose festzulegen (vgl. Wunderer/Schnebel 2008, S. 21).

Nicht immer ist eine eindeutige Abgrenzung der einzelnen Krankheitsbilder möglich, da die Übergänge zwischen den spezifischen Ausprägungen oft fließend sind. In der Forschung wird daher von einem dynamischen und zugleich mehrdimensionalen Modell der Essstörungen ausgegangen. Es wird auch berücksichtigt, dass sich das klinische Bild im Laufe der Zeit ändern kann, z.B. dass es von einer Anorexie zur Bulimie übergehen kann, das zugrundeliegende Problem bleibt aber trotzdem konstant (vgl. Stahr/Barb-Priebe/Schulz 1995, S. 22).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten.

Abbild 1: Kontinuum der Essstörungen (Vandereycken 1981)

(entnommen aus: Stahr 1995, S. 22)

I) Diäthaltende/Abstinenzler

II) Erbrecher/Abführer

III) Bulimia nervosa

IV) Dünne-dicke Leute, latente Adipöse

V) extreme stabile Fettsucht

In der vorliegenden Arbeit wird die Essstörung Bulimie im Anschluss an dieses Kapitel eingehend beleuchtet. Davor wird auf die Anorexie, Adipositas und Binge-Eating-Störung näher eingegangen.

2.2 Hauptformen der Essstörung

Magersucht (Anorexie)

Der Begriff Anorexie stammt aus dem Griechischen und bedeutet wörtlich soviel wie Appetitlosigkeit, mit dem Zusatz nervosa ist gemeint, dass das Phänomen „nervlich“ bzw. psychisch bedingt ist. Der Begriff, der im 19. Jahrhundert eingeführt wurde, ist eigentlich irreführend, weil die Betroffenen nicht unter einem Mangel an Appetit leiden, sondern vielmehr versuchen, Appetit und Hungergefühl zu unterdrücken. Erst mit der Zeit verlieren sie dann ihre normalen Appetit- und Hungergefühle (vgl. Gerlinghoff/Backmund 2006, S. 10).

Die bekannteste, wenn auch nicht die häufigste Essstörung ist die Magersucht. Zum einem liegt dies an der von außen guten Erkennbarkeit der Störung durch das abgemagerte Erscheinungsbild. Zum anderen ist diese Erkrankung durch ihre hohe Sterberate bekannt und die vergleichsweise schlechten Behandlungsaussichten (vgl. Berger 2008, S. 21).

Nach Schätzung der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung leiden in Deutschland etwa 100 000 Menschen an Magersucht. Es ist auch bekannt, dass über 15% der Patientinnen an den Folgen der Magersucht verstarben. Davon nehmen sich 17% selbst das Leben. Obwohl die Bemühungen für die Heilung der Magersucht hinsichtlich der Klinikaufenthalte sehr stark sind, kann nur in knapp der Hälfte der Fälle geheilt werden. Circa ein Viertel der Erkrankungen nehmen einen chronischen Verlauf. Diese Krankheit wird auch häufig als Pubertätsmagersucht bezeichnet. Dies liegt am sehr frühen Auftreten der Erkrankung. Die meisten Betroffenen sind in der Altersgruppe der 15-jährigen Mädchen. Allerdings tritt Magersucht mittlerweile auch bei Frauen zwischen 30 und 40 Jahren auf (vgl. Raabe 2004, S. 6).

Magersüchtige Menschen beginnen oft mit einer ganz gewöhnlichen Diät, die nicht mehr beendet werden wird. Meist sind es Mädchen und junge Frauen, die davon betroffen sind und damit auch nicht aufhören können, obwohl sie schon ihr Idealgewicht längst erreicht haben. Trotz Untergewicht haben diese noch immer das Gefühl, zu dick zu sein. Essen und Nichtessen bestimmen schließlich den ganzen Tagesablauf und das gesamte Denken. Außerdem führt diese Krankheit zum Verlust von sozialen Kontakten. Die Gewichtskontrolle wird zum Lebensinhalt und wird oft durch Sport unterstützt (vgl. Vandereycken/Meermann 2003, S. 20).

Wenn Magersüchtige essen, denken sie, dass sie zu viel gegessen haben auch wenn sie in Wirklichkeit nicht viel essen und haben anschließend ein Völlegefühl. Sie fühlen sich dann richtig schlecht und versuchen bei der nächsten Mahlzeit immer weniger zu essen (vgl. Wrangel/Roth 1998, S. 43). Besonders gefährlich wird es dann, wenn diese Krankheit große Auswirkungen auf den Körper hat, wenn zum Beispiel die Körpertemperatur absinkt (Hypothermie), der Herzschlag sich verlangsamt (Bradykardie), weiße Blutkörperchen sich vermindern (Leukopenie), was zu einer Schwächung der Körperabwehr führt (vgl. Wunderer/Schnebel 2008, S. 24).

Im folgenden Bild ist eine Magersüchtige abgebildet:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten.

Abbild 2: Magersüchtige

(entnommen aus: http://suchthilfeaktuell.com/bilder/suchthilfe-magersucht1.jpg)

Hinzu kommt, dass bei der Magersucht ein Überlegenheitsgefühl vorhanden ist. Aus psychologischer Sicht kann gesagt werden, dass die Verantwortung anderen gegenüber enthoben wird, nach dem Motto: „Ich bin krank, also könnt ihr auch nichts von mir erwarten!“, oder es steht das Umsorgt-Werden im Mittelpunkt: „Ich bin krank, also kümmert euch um mich!“ Bei der Magersucht gilt jedoch vor allem am Anfang die Sichtweise als Störung nur für Außenstehende. Für die Betroffenen ist die Krankheit häufig unbewusst eine Problemlösestrategie, die sie nicht einfach sein lassen können (vgl. Berger 2008, S. 20).

Aus diesem Grund werden Hilfen oft empört abgelehnt. Dieses Abwehrverhalten können Therapeuten, Angehörige und Freunde nur mit Vertrauen, Verlässlichkeit und Bestimmtheit durchbrechen und natürlich auch mit viel Geduld. Es ist auch ganz wichtig, dass nicht auf die Themen Figur und Gewicht angesprochen wird, weil die Bedeutung dieser Themen verstärkt wird und weil auch signalisiert wird, dass etwas anderes als Figur und Gewicht an der Betroffenen nicht interessant erscheint.

Eine erfolgreiche Prävention der Magersucht setzt voraus, dass zum einen die psychologische Dynamik altersgerecht und in all ihren verschiedenen Facetten vermittelt und diskutiert wird. Des Weiteren müssen Kommunikationsstrukturen zwischen Mädchen, Eltern und Lehrern gestärkt werden. Bessere Heilungschancen sind dann gegeben, wenn die Symptome der Magersucht frühzeitig erkannt werden und wenn alle Beteiligten, Betroffene, zusammen arbeiten (vgl. Berger 2008, S. 21).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten.

Tabelle 1: Mögliche Funktionalität der Magersucht

(entnommen aus: Berger 2008, S. 24)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten.

Tabelle 2: Diagnostische Kriterien der Anorexia nervosa

(entnommen aus: Wunderer 2008, S. 23)

Fettsucht (Adipositas)

Adipositas oder Obesitas, die Fettleibigkeit, ist die Folge einer den individuellen Energiebedarf chronisch überschreitenden Energieaufnahme. Eine über längere Zeit positive Energiebilanz führt zu einer Zunahme der Energiereserven des Körpers in Form von Fett. Geht diese Fettansammlung über das normale Maß erheblich hinaus, wird dieser Zustand als Adipositas oder Fettsucht bezeichnet (vgl. Stahr/Barb-Priebe/Schulz 1995, S. 26).

Man spricht von dieser Krankheit dann, wenn das aktuelle Gewicht das Normalgewicht nach der Broca-Formel (Körpergröße minus 100) um 20-30 % übersteigt. Es gibt darüber hinaus noch verschiedene Methoden, die zur Bestimmung des Fettgewebeanteils, der Hautfaltendicke beitragen können. Trotz dieser Methoden gibt es keine einheitliche Definition innerhalb der Forschung, ab wann man von Adipositas sprechen kann. Sowohl die Broca-Formel als auch andere Indizes wie Body Mass Index (BMI), Rohrer-Index usw. haben erhebliche Schwächen (vgl. Cuntz/Hillert 2003, S. 20).

Ab einem Body Mass Index (BMI) von 30 und mehr spricht man von einer Adipostias. Der BMI wird berechnet als Verhältnis von Größe und Gewicht. Formel: Gewicht in Kilogramm geteilt durch Größe in Metern zum Quadrat.

Der BMI ermöglicht es, Erwachsene unterschiedlicher Statur zu vergleichen. Bei Kindern muss der BIM noch mit einer Altersnormkurve verglichen werden. Ein Kind gilt dann als übergewichtig, wenn sein BMI größer ist als der BMI von 90 % seiner Altersgruppe. Ist der BMI größer als der von 97 % der Altersgruppe, gilt das Kind als adipös (vgl. Berger 2008, S. 12).

Der BMI hängt vom Alter ab. Folgende Tabelle zeigt BMI-Werte für verschiedene Altersgruppen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten.

Tabelle 3: BMI-Werte für verschiedene Altersgruppen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten.

Tabelle 4: BMI-Werte

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten.

Abbild 3: Die deutsche Adipositas-Gesellschaft bewertet ihr BMI Ergebnis

(entnommen aus: http://knadipositas.de/patienten/krankheitsbildadipositas/Patienteninformationen/BMI.aspx)

Esssüchtige ernähren sich in überstarkem Maße, auch wenn sie keinen Hunger verspüren. Ihre Appetit- und Sättigungsregulation ist erheblich gestört und sie fühlen sich ihrem Zwang nach Essen ausgeliefert und machtlos.

Die Gewichtsverläufe von Übergewichtigen sind sehr schwankend und weisen häufig einen sogenannten Jo-Jo-Effekt auf, d.h. erhebliche, bewusst durch Diäten eingeführte Gewichtsabnahmen gefolgt von massiven Zunahmen (vgl. Cuntz/Hillert 2003, S. 109).

Darüber hinaus ist grundsätzlich die Frage zu stellen, inwieweit Übergewicht als Krankheit zu definieren ist oder wenn ja, wo sie beginnt und welchem Krankheitsbild sie zuzuordnen ist. Die Betroffenen dieser Krankheit leiden wie schon oben erwähnt, unter starkem Übergewicht, wobei zu bemerken ist, dass nicht alle Übergewichtigen auch esssüchtig sind. Übergewicht kann in seltenen Fällen auch durch körperliche Faktoren wie zum Beispiel hormonelle Störungen verursacht werden (vgl. Stahr/Barb-Priebe/Schulz 1995, S. 26).

Man kann zwei verschiedene Gruppen von Esskranken unterscheiden. Bei den einen ist die Fettsucht mit der Gesamtentwicklung verflochten, die ihrerseits durch viele andere Persönlichkeitsstörungen gekennzeichnet ist. Diese kann man auch als Entwicklungsfettsucht bezeichnen. Bei den anderen kann die Fettsucht als Reaktion auf traumatische Ereignisse auftreten, die als reaktive Fettsucht bezeichnet werden können (vgl. Raabe 2004, S. 10).

Die Esssucht kann, neben den psychischen Belastungen, zu krankheitlichen Problemen führen, wie z.B. Herz- und Kreislaufprobleme und auf lange Sicht Diabetes, Bluthochdruck, Herzinfarkt, Gallensteine, Schlaganfälle, Gelenkleiden und Wirbelsäulenschäden (vgl. Berger 2008, S. 12).

Adipositas wird in den internationalen diagnostischen Leitlinien DSM- IV nicht als Krankheit aufgeführt, da sie im Allgemeinen nicht mit deutlichen psychischen oder Verhaltensstörungen einhergehe. Auch in den Klassifikationen des ICD-10 wird diese Krankheit nicht als eigenständige Essstörung aufgeführt.

Sie wird eher im Zusammenhang mit anderen Störungen dargestellt, so z.B. als Reaktion auf belastende Ereignisse oder als Ursache psychologischer Störungen. Aus diesem Grund ist schwierig anzugeben, wie viele Personen an Esssucht leiden (vgl. Raabe 2004, S. 11).

Binge-Eating-Störung

Seit etwa 20 Jahren ist die Rede von Binge-Eating-Störung oder Binge Eating Disorder, die im Deutschen als eine Essstörung mit Fressanfällen , Esssucht oder psychogene Hyperphagie bezeichnet wird (vgl. Gerlinghoff/Backmund 2006, S. 14). Deshalb ist sie als eine Essstörung noch wenig erforscht. Der Begriff Binge Eating Disorder wurde 1992 bei einer „International Eating Disorder Conference eingeführt“ (vgl. Raabe 2004, S. 11).

Die Binge.Eating.Störung ist bislang lediglich über Forschungskriterien im DSM- IV definiert, auch in der ICD-10 gibt es keine eigene diagnostische Kategorie. Bei Personen, welche die Forschungskriterien erfüllen, muss daher eine nicht näher bezeichnete Essstörung diagnostiziert werden (vgl. Wunderer/Schnebel 2008, S. 27).

In der ICD-10 ist die Binge-Eating-Störung nicht aufgeführt. Sie kann als „atypische Bulimia nervosa“ unter F50.3 kodiert werden. Im DSM- IV ist unter der 307.50, atypische Essstörung, die Binge-Eating-Störung aufgeführt (vgl. Gerlinghoff/Backmund 2006, S. 14).

Diese Esssucht hat, ähnlich wie andere Essstörungen, für die Betroffenen seelische Folgen, da sie ständig auf Nahrung fixiert sind und darunter leiden. Es kommt zu Essanfällen, die oft durch Stimmungsschwankungen oder Spannungen ausgelöst werden, die auf eine andere Weise nicht bewältigt werden können (vgl. Raabe 2004, S. 12). Es treten Heißhungeranfälle auf, ohne dass gewichtsregulierende Maßnahmen (Fasten, Erbrechen, Abführmittel, exzessive Bewegung o.Ä.) praktiziert werden (vgl. Gerlinghoff/Backmund 2000, S. 19).

Binge-Eating Betroffene sind häufig übergewichtig und berichten von Ekel gegenüber dem eigenen Körper, Ablehnung, Depressionen, körperlichen Erkrankungen und zwischenmenschlichen Konflikten (vgl. Raabe 2004, S. 12).

Den Symptomen nach ist die Binge-Eating-Störung der Bulimia nervosa ähnlich. Sie fängt mit Fressanfällen an, aber die Betroffenen ergreifen keine Maßnahmen, so dass es zu einer Gewichtszunahme kommen kann (vgl. Gerlinghoff/Backmund 2006, S. 15).

Nach bisherigen Erkenntnissen gibt es aber auch Unterschiede zwischen dieser Krankheit und der Bulimia nervosa. Die Abgrenzung dieser Krankheit zur Bulimie hat viele Gründe. Zum einen ist die Menge an Nahrungsmitteln, die während eines Fressanfalls zu sich genommen wird, geringer als bei der Bulimie. Die Fressanfälle selbst sind weniger unkontrolliert und gleichen eher den Heißhungeranfällen, die auch viele Menschen ohne eine krankhafte Essstörung erleben, z.B. während eines Versuchs, eine strenge Diät längere Zeit durchzuführen. Der wichtigste Unterschied zur Bulimie ist jedoch die fehlende „Säuberung“ nach einem Essanfall. Auch wenn die Betroffenen Schuld- und Schamgefühle haben, verzichten sie auf Erbrechen oder andere Maßnahmen. Dies führt natürlich zu einer dauerhaften Gewichtszunahme (vgl. Berger 2008, S. 29).

Es lassen sich noch weitere Unterschiede zwischen diesen beiden Krankheiten feststellen:

Patienten mit Bulimie fühlen sich schon während des Essanfalls unwohl, Patienten mit Binge-Eating-Störung erst und verstärkt danach.

Patienten mit Bulimie essen zwischen den Essanfällen restriktiver.

Die Erstmanifestation ist bei der Binge-Eating-Störung im Durchschnitt später als bei der Bulimia nervosa.

Patienten mit Bulimie weisen häufiger komorbide psychiatrische Störungen auf.

Bei Patienten mit Bine-Eating-Störung handelt es sich insgesamt um eine heterogene Gruppe bezüglich soziodemographischer und psychopathologischer Merkmale (vgl. Wunderer/Schnebel 2008, S. 29).

Es wird noch diskutiert, ob künftig die Binge-Eating-Störung als eigenständige Form einer Essstörung neben der Bulimie abgegrenzt werden soll.

Jedoch ist wichtig zu erwähnen, dass im klinischen Betrieb eine Differenzierung dieser beiden Krankheiten sehr sinnvoll erscheint (vgl. Gerlinghoff/Backmund 2006, S. 16).

Nach neueren Erkenntnissen leiden 0,7-4 Prozent der Bevölkerung mit einem Frauenanteil von 60 Prozent unter dieser Essstörung. Die Krankheit tritt meist erst in der späten Adoleszenz und im jungen Erwachsenenalter auf und häufig nach einem deutlichen Gewichtsverlust wie zum Beispiel durch eine Diät (vgl. Raabe 2004, S. 13).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten.

Tabelle 5: Diagnostische Kriterien der Binge-Eating-Störung

(entnommen aus: Wunderer/Schnebel 2008, S. 28)

2.3 Abweichendes Essverhalten im historischen Verlauf

Um den heutigen Umgang mit Essen, Nahrung und mit ihnen zusammenhängendes abweichendes Essverhalten verstehen zu können, ist ein historischer Rückblick aufschlussreich. Er macht deutlich, welchen Funktions- und Bedeutungswandel das (abweichende) Essverhalten im Rahmen des Zivilisationsprozesses erfahren hat.

Cavelius und Grasberger betonen im Hinblick auf die Geschichte, dass das übermäßige Essen mit anschließendem selbst herbeigeführtem Erbrechen der Nahrung keine Erscheinung der Neuzeit sei. Demnach trat die Bulimie vor allem in Kulturen und Zivilisationen auf, die durch Wohlstand und Saturiertheit gekennzeichnet waren. Jedoch galt sie nicht als eine Krankheit, sondern war häufig sogar „gesellschaftsfähig“ (vgl. Cavelius/Grasberger 2002, S. 13).

Schon in der Antike lassen sich Spuren dieser Krankheit finden. Die Geistigen der griechischen Antike befassten sich mit den Symptomen dieser Krankheit und mit den seelischen Dimensionen der Sucht. Der große Dichter Homer (um 800 v. Chr.) verfasste den Mythos des Erysichthon. In dem Mythos wurde Erysichthon von Demeter, der Göttin der Erde und des Korns, wegen eines Baumfrevels mit der Qual der unstillbaren Fressgier bestraft. Der Dichter Xenophon (430-354 v. Chr.) verwendete den Begriff „boulimos“ ( griechisch bous=Ochse, limos=Hunger) für Ohnmacht und Schwäche. Für den Mediziner Hippokrates (um 460-370 v. Chr.) hatte limos auch die Bedeutung von krankhaftem Hunger. Von ihm stammt auch die älteste bekannte Therapie für Bulimie (vgl. Cavelius/Grasberger 2002, S. 14).

Auch bei den Römern konnte man das Erbrechen beobachten. Sie erbrachen willentlich, um bei „ausgiebigen Essgelagen“ den Magen wieder zu entleeren, damit sie weiteressen konnten (vgl. Bachmann 1990, S. 15).

Cavelius und Grasberger betonen ebenfalls, dass um die Zeitenwende, zur Blütezeit des Römisches Reichs, ein bulimisches Essverhalten in der besseren Gesellschaft höchst anerkannt war. Man aß viel und erbrach sich danach und betrachtete das Erbrechen als Fortsetzung der Lust am luxuriösen Gelage (vgl. Cavelius/Grasberger 2002, S. 14).

Nahrungsverweigerung war ebenfalls zu allen Zeiten ein Bestandteil von verschiedenen Kulturen und Religionen gewesen. Im Zusammenhang mit religiösen Motiven wurde dem Fasten im abendländischen Kulturkreis große Bedeutung zugesprochen. Nahrungsverweigerung bedeutete Enthaltsamkeit, bedeutete aber auch Verbundenheit bei religiöser Verfolgung. Ebenso hatte das Einschränken von Essen auch rituellen Charakter. So wurde nicht nur aus Trauer über das Leiden Christi gefastet, sondern auch als Schutz gegen dämonische Kräfte und für den Einzug in den Paradies (vgl. Stahr/Barb-Priebe/Schulz 1995, S. 9).

Hinter der mittelalterlichen Form der Nahrungsverweigerung steckt die Absicht einer christlich-religiösen Buße oder einer Selbstreinigung des von der Kirche für sündig erachteten Körpers. Diese Selbstkasteiung hatte nicht selten eine Heiligsprechung der hungernden Frau durch die Kirche zur Folge. Mit dieser Heiligsprechung war häufig ein Eintritt ins Kloster verbunden. Auf diese Weise konnte eine unerwünschte Verheiratung verhindert werden (vgl. ebd., S. 10).

Fastende Frauen des 16. und 19. Jahrhunderts galten in dieser Zeit der Lebensmittelknappheit als medizinische Wunder und erregten mit ihrem Verzicht in der hungernden Bevölkerung große Bewunderung und Aufmerksamkeit.

Als jüngste Ausprägung von Nahrungsverweigerung kann die Magersucht gesehen werden. Erst mit ihr wurde seit dem 19. Jahrhundert das Hungern von der medizinischen Wissenschaft und der Öffentlichkeit zur Krankheit erklärt (vgl. Stahr/Barb-Priebe/Schulz 1995, S. 11).

In der Literatur findet man auch zahlreiche Belege, dass Frauen über die Jahrhunderte hinweg Essensverweigerungen als Mittel für andere Zwecke einsetzten. Das Essen zu verweigern, diente ihnen innerhalb patriarchaler Herrschaftsstrukturen als Ausdrucksmittel für verschiedenste Anliegen. Ein Zugriff auf andere Ausdrucksmittel war ihnen zumeist verwehrt. Wie schon vorher erwähnt, lassen sich in der historischen Nahrungsverweigerung deutlich verschiedene Charakteristika der heutigen Bulimie beobachten. Historisch gesehen ist seit alters her die Nahrungsverweigerung typisch weibliches Phänomen, das in der Öffentlichkeit Aufsehen erregte, meistens in der Pubertät auftrat und einem bestimmten Zweck dienen sollte (vgl. Thies 1998, S. 43).

Bedeutsam ist zu erwähnen, dass die weibliche Nahrungsverweigerung nie als isoliertes, individuelles Phänomen gesehen wurde. Statt dessen stand sie immer im Zusammenhang mit der darauf reagierenden sozialen Umwelt, die ihr Beachtung und Bewunderung schenkte oder sie für krankhaft hielt, und mit der jeweiligen kulturell etablierten Form des Umgangs mit Nahrung (vgl. Thies 1998, S. 44).

Es ist bewiesen, dass schon im vierten Jahrhundert vor Christus unter dem Begriff Bulimia ein krankhafter, unersättlicher Hunger verstanden wurde. Wichtig ist zu erwähnen, dass dieses Essverhalten nicht als Makel, sondern als Zeichen von Macht, Stärke oder als göttliches Geschenk angesehen wurde. So wird aus der Renaissance Catarina die Medici als historisches Beispiel gegeben, die ohne Scham von ihren enormen Essgelüsten berichtete (vgl. Thies 1998, S. 43).

In der Geschichte lassen sich zwei Formen von ungewöhnlichem Essverhalten finden, die mit der heutigen Bulimie in Verbindung zu stehen scheinen. Zum einen handelt es dabei sich um übermäßiges oder häufiges Essen, Essgier, Gefräßigkeit und Unersättlichkeit. Zum anderen findet in vielen historischen Quellen eine frauentypische Nahrungsverweigerung Erwähnung, die somit ebenfalls eine jahrhundertelange Tradition aufweist (vgl. Thies 1998, S. 42).

In Schriften des 17. Jahrhunderts konnte eine Unterteilung der historischen Bulimie in Untergruppen festgestellt werden. Neben Hunger aufgrund von Wurmbefall, einer Bulimie mit dem Charakteristikum Ohnmacht, des Durchfalls oder mit Symptomen, die heute als Epilepsie bezeichnet werden, ist die Rede von der Bulimia helluonum, die durch übersteigerte Essgier gekennzeichnet war.

Seit Ende des 19. Jahrhunderts verstärkte sich das wissenschaftliche Interesse an der Bulimie. Die Rede ist von einer Unersättlichkeit und Unwiderstehlichkeit des Essdrangs bis zum „Bulimie-Boom“ der siebziger und achtziger Jahre dieses Jahrhunderts (vgl. Fernandez-Aranda 1996, S. 12).

Laut Berichten war die Bulimie mit unterschiedlichen Begriffen beschrieben worden: als Cynorexie bei Blachez (1869), als Hyperorexie bei Stiller (1884) und Soltman (1894), als Ployphagie und Bulimie bei Leo (1888), Peyer (1889) und Crohn (1925).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten.

Tabelle 6: Übersicht der verschiedenen Namen für Magersucht im Laufe der Zeit

(entnommen aus: Fernandez-Aranda 1996, S.12)

Während zuvor eher Beispiele bulimischer Männer in der Literatur zu finden sind, handelt es sich seit der Jahrhundertwende zunehmend um Frauen.

Jedoch lassen sich heute bis auf wenige Ausnahmen keine spezifischen Symptome der heutigen Bulimie in den historischen Schriften finden. Aus diesem Grund kann sich die Bulimie von damals von der heutigen Bulimie unterscheiden. In keiner Quelle konnte man Hinweise auf die heutigen typischen Merkmale feststellen. Weder handelt es sich bei der historischen Bulimie um eine Symptomatik, die nur Frauen betrifft, noch wird dem Körpergewicht dabei eine besondere Bedeutung eingeräumt. Des Weiteren findet das Erbrechen oder andere Methoden zur Gewichtskontrolle, Einteilung in erlaubte und verbotene Nahrungsmittel, keine Erwähnung (vgl. Thies 1998, S. 45).

Erst in einer medizinischen Fallstudie des Jahres 1932 lässt sich eine Bulimie im heutigen Sinne beobachten. Eine Zunahme entsprechender Fallbeispiele seit dem Ende der vierziger Jahre lässt sich ein beginnender Anstieg der Ausbreitung schließen. Erst in den sechziger und siebziger Jahren erreicht diese Krankheit ihren Höhepunkt. Das frauenspezifische, übermäßige Essen und Erbrechen aus Angst vor Gewichtszunahme werden ab dieser Zeit stark thematisiert und ins Bewusstsein gebracht (vgl. Fernandez-Aranda 1996, S. 13).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten.

Tabelle 7: Übersicht von möglichen historischen Fällen von Bulimia nervosa bei normal gewichtigen Patientinnen

(entnommen aus: Fernandez-Aranda 1996, S. 13)

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die historischen Formen der übermäßigen Nahrungsaufnahme nur bedingt als Wurzeln der heutigen Bulimie betrachtet werden können. Ihre Gemeinsamkeit besteht zwar im Symptom des Überessens, aber ihre Verschiedenheit liegt in der heutigen Ausprägung und Bedeutung dieses Symptoms. Heute dient es der Gewichtskontrolle und erfüllt eine Funktion auf der psychischen Ebene. In direkter Beziehung steht die heutige Bulimie dagegen mit den historischen Formen der Nahrungsverweigerungen. Die Bulimie schließt sich an die weibliche Tradition der Nahrungsverweigerung an. Die fastenden Frauen vergangener Jahrhunderte werden als die wichtigsten Vorläufer der heutigen Magersucht und Bulimie gesehen (vgl. Thies 1998, S. 46).

2.4 Essstörungen in der heutigen Gesellschaft

Betrachtet man die Geschichte stellt man fest, dass Essstörungen keine neuen Erkrankungen sind, aber dennoch Erkrankungen unserer Zeit. Man kommt zu dem Entschluss, dass die Anzahl an Betroffenen bezüglich der Essstörungen in der heutigen Gesellschaft ansteigt (vgl. Wunderer/Schnebel 2008, S. 44).

Cavelius und Grasberger betonen ebenfalls, dass in den letzten Jahren ein starker Anstieg bezüglich der Zahl der Menschen, die an schweren Essstörung leiden, zu beobachten ist (vgl. Cavelius/Grasberger 2002, S. 6).

Im Gegensatz dazu gewinnt das Fernsehen mit seinen Kochsendungen mehr an Bedeutung. In der Werbung kann man dieses Geschehen ebenfalls beobachten. Eine zunehmende Verknüpfung von Essen mit Sexualität, Sinnlichkeit, Lust Spaß und Genuss treten in den Vordergrund (vgl. Thies 1998, S. 47).

Hierbei spielen die Medien auch eine wichtige Rolle, die der Annahme nach indirekten Einfluss auf das Essverhalten der Menschen haben. Sie zeigen häufig schlanke Berühmtheiten, insbesondere Models, die das Schönheitsideal verkörpern. Gleichzeitig häufen sich in den Medien in den vergangenen Jahren die Berichte über Prominente mit Essproblemen. Von Kaiserin Sissi über Prinzessin Diana, Sportler wie Franziska von Almisick, Schauspieler wie Jessica Alba bis hin zu Sängern wie Elton John, die vermutlich an Essstörungen erkrankt sind. Solche Berichte können Risiken oder Chancen enthalten, denn Prominente können Vorbilder in beide Richtungen werden. Entweder in Richtung Gewichtsabnahme und Traumfigur oder in Richtung Essstörung und Krankheit (vgl. Wunderer/Schnebel 2008, S. 54).

Tatsache ist, dass es mehr Menschen mit extremem Über- oder Untergewicht oder gestörtem Essverhalten gibt. Gleichzeitig steigt aber auch das Interesse an Körperkultur und Fitness, an gesunder Ernährung und an Diäten. Es wurden auch Richtmaßen gesetzt wie das so genannte Idealgewicht oder der Body-mass-Index. Man wird als schlecht oder sogar als Versager angesehen, wenn man diesen Normen nicht entspricht. Die Grundlage für Erfolg beim anderen Geschlecht und im Geschäftsleben scheint demnach das „richtige“ Verhältnis zum Essen zu sein (vgl. Cavelius/Grasberger 2002, S. 6).

Mit der Etablierung der Gewichtsnormen, die sich im 20. Jahrhundert bemerkbar machen, entsteht bei vielen Menschen auch die Angst vor Gewichtszunahme. An erster Stelle ist die moderne Idealvorstellung des Körpers zu nennen, welcher hauptsächlich Mädchen und Frauen ausgesetzt sind. Insbesondere in der Welt von Laufsteg und Models haben sich Idealmaße durchgesetzt, die eine schlanke weibliche Figur bevorzugen. Auf vielen Frauen und Mädchen lastet ein enormer Druck, ebenfalls so schlank zu sein wie die Models, die sie vor allem im Fernsehen oder Zeitschriften sehen. Dieser Druck kann so weit gehen, dass Essstörungen im Laufe Zeit auftreten können (vgl. Berger 2008, S.35).

Das folgende Bild zeigt ein magersüchtiges Model.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten.

Abbild 4 : Magersüchtiges Model

(entnommen aus:

http://www.forumla.de/attachments/politik-gesellschaft/30986d1242826291-magermodels-schoen-oder-laecherlich-magermodel.jpg)

In den meisten Erklärungsansätzen zu Essstörungen spielen heute soziokulturelle und gesellschaftliche Faktoren bei der Entstehung dieser Krankheit eine wesentliche Rolle. Dabei wird das Augenmerk hauptsächlich auf die modernen Industriegesellschaften gelegt, welche die Essstörungen begünstigen würden (vgl. Stahr/Barb-Priebe/Schulz 1995, S. 68). Soziokulturelle Faktoren bedeuten unter anderem das Überangebot an Nahrungsmitteln in den Industrieländern, sowie die zunehmende Individualisierung. Das Essen verliert seinen rituellen und gemeinschaftlichen Charakter und enge soziale Bindungen nehmen auch ab (vgl. Wunderer/Schnebel 2008, S. 51).

Thies geht ebenfalls darauf ein und merkt an, dass heute kaum noch festgefügte, von außen aufrechterhaltene Essnormen und Mäßigungsregeln bestehe, wie feste Mahlzeiten, Fastenzeiten oder Unterteilungen in Alltags- und Sonntagsessen. Auch die Vielfalt der Nahrungsmittel, von Fastfood spielen in der heutigen Zeit eine viel wichtigere Rolle (vgl. Thies 1998, S. 46). Demnach haben sich die Ernährungsgewohnheiten im Laufe der Zeit gewandelt. Viele greifen auf „schnelles Essen“ zurück und achten dabei nicht auf gesunde Ernährung (vgl. Wunderer/Schnebel 2008, S. 52).

Die Frage, wie diese Krankheiten überhaupt zustande kommen, werden in Kapitel vier im Rahmen der sozialen Faktoren genauer aufgegriffen. Dabei wird der Schwerpunkt hauptsächlich auf das eigentliche Thema dieser Arbeit „Bulimie“ gesetzt.

3. Bulimia nervosa als eine Essstörung

3.1 Begrifflichkeit

Als eigene Krankheit wurde die Bulimia nervosa erst Ende der 70er Jahre beschrieben und danach auch in die Diagnoseschemata aufgenommen.

Dabei wird zwischen dem „Purging-Typus“ und dem „Nicht-Purging-Typus“ unterschieden. Die Purging-Typus Betroffenen versuchen exzessive Nahrungsaufnahme durch Erbrechen und harntreibende oder abführende Mittel wieder rückgängig zu machen, wohingegen die Nicht-Purging-Typus Betroffenen auf andere unangemessene Weise versuchen das Zunehmen zu verhindern. Ein Beispiel dafür wäre extremes Fasten oder übermäßige sportliche Aktivitäten (vgl. Gerlinghoff/Backmund 2000. S. 17).

Laut Stahr/Barb-Priebe/Schulz ist die Bulimie eine relativ junge Essstörung und zeigt hinsichtlich der Lage der Forschung noch die größten Lücken und offenen Fragen (vgl. Stahr/Barb-Priebe/Schulz 1995, S. 25).

Im Vergleich zu anderen Literaturen kann festgestellt werden, dass keine einheitliche Bezeichnung für diese Art der Essstörung besteht. Diese Krankheit wurde mit verschiedenen Namen bedacht wie „Bulimarexie“ (Boskind-Lodahl 1976), „the dietary chaos syndrome“ (Palmer 1979), „Bulimia nervosa“ (Russel 1979) und dem im DSM III gebräuchlichen Begriff „Bulimie“ (American Psychiatric Association 1980) (vgl. Jacobi/Paul 1991, S. 4). In Bezug auf die Terminologie finden heute Begriffe wie „Bulimie, Bulimia, Bulimia nervosa oder Bulimie-Syndrom“ Verwendung (vgl. Thies 1998, S. 3).

Der Begriff Bulimie stammt ursprünglich aus dem Griechischen. Griechisch „bous“ bedeutet Ochse oder Stier und „limos“ ist die Bezeichnung für Hunger und wörtlich übersetzt bedeutet die Bulimie „Stierhunger“ und kennzeichnet bereits das wesentliche Merkmal des Krankheitsbildes, das in den Heißhungerattacken besteht.

Umgangssprachlich wird auch von Ess-Brechsucht oder von Fress-Kotzsucht gesprochen, was dem englischen Ausdruck Binge-purge syndrome ähnelt (vgl. Thies 1998, S. 3).

Nach Gerlinghoff und Backmund wird nach den Heißhungerattacken eine Gewichtszunahme von Betroffenen nicht toleriert, sie wollen diese um jeden Preis verhindern. Die Betroffenen wollen entweder weiter abnehmen oder das erreichte niedrige Gewicht halten. Sie nennen eigene Ziele, die angestrebt werden durch:

Kauen und anschließendes Ausspucken von Nahrung

Selbst herbeigeführtes Erbrechen

Missbrauch von Abführmitteln

Missbrauch von harntreibenden Medikamenten

Exzessives Hungern im Wechsel mit Heißhungerattacken (vgl. Gerlinghoff 1995, S. 45).

Stahr/Barb-Priebe/Schulz äußern sich ebenfalls zu der Gewichtsphobie der Bulimiker und betonen, dass es eine ununterbrochen bestehende Angst vor der Gewichtszunahme ist, die als typisches Krankheitssymptom genannt werden kann (vgl. Stahr/Barb-Priebe/Schulz 1995, S. 26).

Die Bulimie zeichnet sich demnach durch sogenannte Fressanfälle aus, in denen die Personen große Mengen von Nahrungsmitteln ohne Unterbrechung zu sich nehmen. Die Nahrungsaufnahme ist im Moment des Fressanfalls nicht mehr steuer- und regulierbar, sie verfallen in eine Sucht. Solche Anfälle werden in der Regel durch anschließendes Erbrechen beendet (vgl. Stahr/Barb-Priebe/Schulz 1995, S. 26).

3.2 Symptomatik

3.2.1 Bulimisches Essverhalten

Ein zentrales Merkmal der Bulimie sind Heißhungerattacken. Die meisten Bulimiker erleiden fast täglich eine Attacke. Manche können auch über mehrere Tage das Essverhalten kontrollieren (vgl. Stahr/Barb-Priebe/Schulz 1995, S. 40). Die meisten Bulimiker haben demnach ein unwiderstehliches Verlangen nach Essen, die anschließend in eine Heißhungerattacke getrieben werden. Viele Betroffene können dann nach begonnener Nahrungsaufnahme nicht mehr aufhören zu essen. Anhand der Befragungen werden Gefühle des Hungers nur von 12% der Betroffenen als Auslöser benannt. Dies ist ein Hinweis dafür, dass nicht nur physiologische, sondern ebenso psychologische Aspekte dieses exzessive Essverhalten mitbestimmen. Des Weiteren erzählen Betroffene, dass sie vor dem Anfall unter Spannungszuständen leiden und sich frustriert, gelangweilt, angstvoll und sogar wütend fühlen (vgl. ebd., S. 41).

Ein weiteres Merkmal der Bulimie ist das häufige Erbrechen. Viele Betroffene erbrechen regelmäßig selbstinduziert im Anschluss an eine Heißhungerattacke. Die Häufigkeit von diesen Heißhungerattacken kann in der Regel im Laufe der Krankheit zunehmen, so dass einige Betroffene mehrere Male am Tag erbrechen können, gelegentlich auch in der Nacht. Es gibt auch welche, die ihre gesamte freie Zeit darauf verwenden, Nahrung zu beschaffen, sie zu sich zu nehmen und sie wieder aus dem Körper zu entfernen. Menschen mit Bulimie sind auch ständig auf der Suche nach etwas Essbarem, werden aber niemals satt (vgl. Gerlinghoff/Backmund 1995, S. 46).

Die Bulimiker sind bei Beginn der Mahlzeit hungrig und bleiben dies auch nach Beendigung, demnach verspüren sie kein Sättigungsgefühl. Es kann davon ausgegangen werden, dass die Wahrnehmung von Hunger und Sättigung bei Bulimikern gestört ist (vgl. Cuntz/Hullert 2003, S. 30).

Andere wiederum, die sich häufig erbrechen, klagen über ein Völlegefühl während oder nach dem Essen, auch wenn sie nur eine relativ geringe Nahrungsmenge zu sich genommen haben. Dieses Merkmal wird als frühe Sättigung bezeichnet (vgl. Bauer/Anderson/Hyatt 2002, S. 13).

Demnach muss man zwischen subjektiven und objektiven „Fressanfällen“ unterscheiden. Im subjektiven Erleben kann auch das Essen einer relativ kleinen Menge an Nahrungsmitteln als unkontrollierte Heißhungerattacke erlebt werden (vgl. Berger 2008, S. 25).

Nach Berger bedeutet diese Krankheit, dass die Betroffenen unter regelmäßigen unkontrollierten Fressanfällen leiden, die sehr große Mengen von Nahrungsmitteln innerhalb kurzer Zeit verzehren. Anschließend kommt es zu einer „Säuberung“ (vgl. Berger 2008, S. 24).

Der im Deutschen als „Säuberung“ bezeichnete Begriff ist an den englischen Begriff angelehnt und bezeichnet alle nötigen Mittel, die dem „Loswerden“ der aufgenommenen Nahrung dienen. Diese können Erbrechen, Einnahme von Entwässerungs- und Abfuhrmitteln oder exzessiver Sport sein. Solche Heißhungerattacken werden von den Betroffenen selbst meist als Fressattacken oder Fressanfälle bezeichnet (vgl. Berger 2008, S. 25).

Thies nennt ebenfalls andere Mittel, die zum Erbrechen dienen können. Als ein Mittel zur Gewichtsreduzierung werden Strenges Fasten, Diuretikaabusus, exzessives Sporttreiben und Einläufe erwähnt (vgl. Thies 1998, S. 8).

In einer Studie zeigte sich, dass 31,4% der bulimischen Frauen durchschnittlich 28,1 Mal im Monat Laxantien nahmen, wobei jedes Mal im Mittel 17,4 Laxantien eingenommen wurden. Eine ähnliche Anzahl von Frauen erbrach das Essen wieder, um eine Absorption zu vermeiden, oder zeigte spontanes Wiederhochkommen der Nahrung. Bauer geht auch davon aus, dass entwässernde Mittel benutzt werden um das Gewicht zu kontrollieren und ein anstrengendes körperliches Training dazu beitragen kann, Kalorien zu verbrennen (Bauer 2002, S. 13).

Laut Ettl laufen Heißhungerattacken unterschiedlich ab. Bei Einigen kann eine zunächst normale Mahlzeit sich zu einem Fressanfall ausweiten, wenn ein bestimmte Grenze überschritten wurde. In so einem Fall wird dann noch mehr Nahrung zugeführt, damit sich das Erbrechen erst lohnt (vgl. Ettl 2001, S. 14). Andere planen ihre Heißhungerattacken im Voraus. Sie wissen genau, dass sie die zugeführte Nahrung wieder erbrechen werden. Einige erbrechen zu einer bestimmten Tageszeit, wieder andere müssen sich mit ihren Fressanfällen nach den Zeiten richten, in welchen sie ungestört sind. Die meisten Betroffenen bevorzugen aus diesem Grund den Abend und die Nacht. Bei manchen Betroffenen ist es sogar so extrem, dass sie so lange essen und erbrechen, bis sie schließlich erschöpft einschlafen (vgl. Gerlinghoff/Backmund 1995, S. 47).

Über 60% der Betroffenen erzählen, dass sie ihre Nahrungsaufnahme während der Attacke überhaupt nicht kontrollieren können, 24% glauben über eine gewisse Kontrolle zu verfügen, nur 10% behaupten, die Situation unter Kontrolle zu haben (vgl. Stahr/Barb-Priebe/Schulz 1995, S. 40).

Eine Bulimikerin berichtet: „Auf einmal bekam ich einen riesigen Heißhunger und aß plötzlich mehr als eine normale Portion. Danach hasste ich mich und hatte eine wahnsinnige Wut. Aus Trotz verschlang ich noch drei Tafeln Schokolade.“ Eine andere erzählt: „Zur Zeit überfällt mich jeden zweiten Tag ein Heißhungergefühl und ich fresse alles in mich hinein, bis mir schlecht wird. Es handelt sich hier um zwei Beispiele für Essanfälle, die wie aus heiterem Himmel zu kommen scheinen. Formulierungen wie „auf einmal“, „plötzlich“ oder „überfallen“ deuten darauf, dass man unvorbereitet ist. Die Beispiele zeigen auch die bestimmten Affekte, die bei einem Essanfall auftreten wie Wut, Trotz, Selbsthass, Heißhunger, fehlendes Sättigungsgefühl und Übelkeit (vgl. Ettl 2001, S. 14).

Einige Betroffene berichten auch, dass sie auch bei den geplanten Anfällen die Kontrolle über das Essen aufrechterhalten können. Geplant wird demnach ein normales Essen, kein Anfall. Der Beginn wird am Anfang noch oft als lustvoll erlebt, dies Speisen können auch vorher sorgfältig ausgewählt werden. Der Ablauf scheint demnach so zu sein, dass sich zunächst ein normales Essverhalten zu einem unkontrollierbaren Vorgang ausweitet. Die Bulimikerin beginnt eine Unmenge von Nahrung zu verschlingen und zu betonen ist auch, dass die Speisen meist hohe Kalorien haben, die die Bulimiker zu sich nehmen. Süße und breiige Speisen werden von den Betroffenen auch bevorzugt, die sich zum Einsaugen und Einschlürfen eignen. Auf diese Weise wird der Essvorgang beschleunigt (vgl. Ettl 2001, S. 16).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten.

Abbild 5: Bulimikerin bei einem Essanfall

(entnommen aus: http://www.lebensgeschichten.org/bulimie/bilder/essen.jpg)

Neben dem Kontrollverlust kann man bei den Betroffenen auch den Verlust der Tischsitten beobachten, welche im Anfall wahllos nach Nahrung greifen. Sie können in solchen Situationen weder Besteck noch Geschirr benutzen und große Brocken ohne zu kauen herunterschlucken. Auch geht es im Verlauf des Anfalls nicht mehr um die Qualität der Nahrung, sondern nur noch um Quantität. Eine Betroffene erzählt, dass sie nicht mehr auf den Geschmack achtet, sondern nur darauf, ihren Bauch bis zur Schmerzgrenze voll zu schlagen (vgl. Ettl 2001, S. 18).

Im Gegensatz zur Magersucht wird Bulimie häufig nicht erkannt, da die Betroffenen in der Regel normales Gewicht haben und andere Merkmale, wie stark angegriffene Zähne oder Speiseröhre, die lange Zeit von Außenstehenden nicht bemerkt werden (vgl. Berger 2008, S. 24). Die Bulimiker führen nach außen hin ein unauffälliges Leben. Sie verbergen ihre Krankheitssymptome so lange, wie es möglich ist. Sogar enge Angehörige erfahren nichts davon. Sie treffen schon vorher Vorkehrungen, um während des Anfalls nicht gestört zu werden. Die Betroffenen können sich in diese Sache dermaßen reinsteigern, dass Essen und Gewicht ihren ganzen Tagesablauf bestimmen können. Frühere Interessen und Aktivitäten können dafür sogar aufgegeben werden. Auf diese Weise kann es bei Bulimikern zu einer Isolation führen (vgl. Stahr/Barb-Priebe/Schulz 1995, S. 43).

Als Folge der Aufnahme von enormen Nahrungsmengen, des häufigen Erbrechens und der Einnahme von Appetitzüglern und Abfuhrmitteln entstehen im Laufe dieser Erkrankung zahlreiche körperliche Folgeschäden, wie Zerstörung des Zahnschmelzes, bei Einnahme großer Mengen von zuckerhaltigen Nahrungsmitteln Karies, Halsschmerzen, Entzündungen und Verletzungen der Speiseröhre. Wiederholter Gebrauch von Abführmitteln führt zu einer chronischen Verstopfung mit ihren Begleiterscheinungen wie Blähungen und Magenschmerzen. Die Betroffenen leiden auch meist unter Störungen des Mineralstoffhaushaltes und der Nierenfunktion. Nach längerer Krankheit werden sogar Herz- und Kreislaufsystem beeinträchtigt, als auch die Hautbeschaffenheit. Bei einigen Bulimikerinnen kann es sogar zu einer Störung oder Aussetzung der Regelblutung kommen (vgl. Stahr/Barb-Priebe/Schulz 1995, S. 43).

Bei vielen Betroffenen liegt das Gewicht im Bereich des Normal- und Idealgewichtes. Als typisch für dieses Krankheitsbild werden hohe Gewichtsschwankungen angesehen, die bis zu 20 kg betragen. Die Bulimiker glauben, dass ein Verzicht auf das Erbrechen in kürzester Zeit zu der gefürchteten Gewichtszunahme führen würde (vgl. Stahr 1995, S. 41). In vielen Literaturen kann festgestellt werden, dass bulimische Frauen sich nie für dünn genug halten, obwohl ihr Wunschgewicht unter ihrem Idealgewicht liegt und schätzen sie sich zumeist schwerer ein als sie tatsächlich sind (vgl. Thies 1998, S. 9).

Viele Betroffene überprüfen mehrmals täglich ihr Gewicht, andere wiederum wagen sich nicht einmal auf die Waage. Alle streben ein genau definiertes Wunschgewicht an, das aber meistens ca. 5 kg unter dem aktuellen Gewicht liegt. Viele versuchen es auch mit einem Diät und nehmen meist kohlenhydratarme Nahrung zu sich und leichte Nahrung wie z.B. Magerquark, Joghurt oder Äpfel. Teilweise werden auch Nulldiäten durchgeführt (vgl. Stahr/Barb-Priebe/Schulz 1995, S. 41).

Laut Thies kann eine Mahlzeit häufig mit „erlaubten“ Nahrungsmitteln begonnen werden und dann nach einem Alles oder nichts Prinzip in einen Essanfall mit „verbotenen“ Nahrungsmitteln übergehen. Dies können dann hochkalorische Nahrungsmittel sein, die in der Regel bis zur Grenze der Aufnahmekapazität des Magens aufgenommen werden (vgl. Thies 1998, S. 7).

Häufig folgen den Fressattacken auch starke Schuld- und Schamgefühle, sowie Ängste und Depressionen. Dies ist auch der Grund dafür, warum viele Betroffenen ihre Krankheit geheim halten und keine Hilfe suchen (vgl. Stahr/Barb-Priebe/Schulz 1995, S. 42).

Depressionen können sich auch durch Ernsthaftigkeit, Mangel an Bewegung, Trägheit in den Reaktionen, Weinerlichkeit, Apathie, Suizidgedanken, Schlafstörungen und einem generellen Fehlen von Freude und Begeisterungsfähigkeit am Leben äußern (vgl. Bauer/Anderson/Hyatt 2002, S. 13).

Erst wenn bulimisches Verhalten mit selbstverletzendem Verhalten in Erscheinung tritt, kann diese Krankheit von außen erkannt werden. Mögliche auftauchende Autoaggressionen können Ausdruck einer tief liegenden Persönlichkeitsstörung oder Aufmerksamkeitserreger bei emotional vernachlässigten Personen sein. Die Gründe dafür können sein der inneren Leere zu entkommen und gleichzeitig Hilferufe auf diese Weise zu äußern. Nach einer bestimmten Zeit können zu dem geringeren körperlichen Selbstvertrauen ein allgemeines Gefühl der inneren Leere und Sinnlosigkeit hinzutreten. Die Betroffenen versuchen meist durch exzessiven Suchtmittelgebrauch, Extremsport oder dergleichen aus dieser Leere zu entkommen (vgl. Berger 2008, S. 26).

Thies nennt ebenfalls die Folgen des bulimischen Verhaltens, die zu einer sozialen Isolation führen kann. Dies kann demzufolge durch die Geheimhaltung und durch die ständige gedankliche und tatsächliche Beschäftigung mit Essen und Erbrechen bedingt sein. Als weitere Folgen nennt sie ebenfalls die Schuld- und Schamgefühle, Gefühle des Versagens, des Kontrollverlustes, Depressionen und starke Selbstzweifel bis hin zum Selbsthass. Sie führt es weiter aus und spricht von Auswirkungen der Bulimie auf Arbeit oder Studium, von Konzentrationsmangel, Problemen im Umgang mit Kolleginnen und Kollegen, die durch diese Krankheit ausgelöst werden (vgl. Thies 1998, S. 9).

Um die Bulimie sicher erkennen zu können, aber auch um geeignete Maßnahmen der Prävention und Behandlung ergreifen zu können, ist nicht nur die Betrachtung der Krankheitszeichen, sondern auch die mögliche Funktionalität dieser Krankheit von großer Bedeutung. Diese Aspekte werden in der folgenden Tabelle dargestellt (vgl. Berger 2008, S. 27).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten.

Tabelle 8: Mögliche Funktionalität der Bulimie

(entnommen aus: Berger 2008, S. 27)

3.2.2 Psychische Charakteristika

In der Literatur gibt es zahlreiche unterschiedliche und uneindeutige Beschreibungen psychischer Charakteristika der Bulimie, die sich nicht in eine einheitliche Gruppe zusammenfassen lässt. Thies fasst die typischen psychischen Charakteristika bulimischer Frauen zusammen:

Verstärktes Bedürfnis nach Anerkennung

Verstecken der unerwünschten Persönlichkeitsanteile (z.B. Aggressivität, Bedürftigkeit, Autonomiebestrebungen, Eifersucht)

Gefühle der Fremdkontrolle

Große Bedeutung des eigenen Aussehens

Angst vor dem Dickwerden

Hohe Sensibilität für die Erwartungen anderer

Leistungsorientiertes Verhalten

Perfektionismus

Konfliktvermeidung (oder)

Indirekte Konfliktbewältigungsstrategien (z.B. Schweigen, sich Zurücknehmen, Nachgeben) (vgl. Thies 1998, S. 11).

Auch bei Gerlinghoff/Backmund finden bei essgestörten Patientinnen und Patienten psychische Erkrankungen Erwähnung. Sie führen es weiter aus und stellen fest, das bis zu drei Viertel der Kranken mit Magersucht und Bulimie die Kriterien der Major Depression erfüllen. Des Weiteren würden Zwangssymptome bei Magersüchtigen häufig auftreten und von Angststörungen seien häufiger Bulimiker betroffen. Bulimiker wären im Vergleich zu Magersüchtigen auch häufiger von Alkohol und anderen Stoffen betroffen (vgl. Gerlinghoff/Backmund 2006, S. 22).

Man nennt zur Ergänzung die empirisch entwickelte Klassifizierung der bulimischen Persönlichkeit in drei Gruppen. Diesbezüglich sind die bulimischen Frauen durch Kontaktprobleme, Angst vor Kritik, Misserfolg oder Bloßstellung gekennzeichnet. Andere zeigen wiederum eine niedrige Frustrationstoleranz, erhöhte Reizbarkeit und Unbeherrschtheit. Die dritte Gruppe ist durch ihre unauffällige und ausgeglichene Art gekennzeichnet, die sich optimistisch und selbstsicher darstellt (vgl. Thies 1998, S. 12).

Claude-Pierre bezeichnet die psychischen Charakteristika der Bulimie als Negativismussyndrom. Diesbezüglich können diese Depression, Platzangst (Agoraphobie), Panikattacken, Zwangsstörung und somatische Störungen sein. Eine Person kann an mehreren dieser Ausdrucksformen zugleich leiden, unter denen auch eine Essstörung sein kann. Auch wenn sich eine Betroffene von diesen Essstörungen lösen kann, versucht sie ihre essgestörte Krankheit durch andere Erscheinungsform des Negativismussyndrom wie eine Agoraphobie zu ersetzen. Die Autorin geht jedoch davon aus, dass das Negativismussyndrom der Essstörung vorausgeht. Demnach betont sie, dass die Essstörung ein Symptom ist und das Negativismussyndrom das Hauptleiden der Betroffenen darstellt, das zuerst geheilt werden muss (vgl. Claude-Pierre 1997, S. 52).

Körperbildstörungen sind das häufigste Hauptproblem der Bulimie. Sie lassen sich durch die verzerrte Selbsteinschätzung bezüglich des Körperausmaßes, fehlender Gespür für die Körpergrenze und durch die Störungen der Körperwahrnehmung definieren. Die Angst vor dem Dickwerden ist in diesem Zusammenhang das wichtigste Merkmal der Bulimie (vgl. Thies 1998, S. 12).

Jacobi/Paul betonen auch die starke Angst vor einer Gewichtszunahme, obgleich Untergewicht besteht. Betroffene haben eine Störung der eigenen Körperwahrnehmung hinsichtlich Gewicht, Größe oder Form, obwohl ein offensichtliches Untergewicht besteht (vgl. Jacobi/Paul 1991, S. 3).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten.

Abbild 6: Gestörtes Selbstbild

(entnommen aus: http://pagewizz.com/Folge-Krankheiten-und-Beschwerden-bei-Magersucht-und-Bulimie/)

3.2.2.1 Psychodynamik

In der Literatur gibt es noch einen Mangel an der Betrachtung der psychodynamischen Seite der Bulimie. Es wird davon ausgegangen, dass die psychodynamische Funktion des bulimischen Vorfalls zumeist mit der Regulierung emotionaler Spannungen, der Abwehr von Depressivität, Unlust und Angst in Verbindung steht. Die Persönlichkeitsprobleme und Angst werden auf diese Weise verdrängt. Demnach erfüllt das Essen die Funktion einer Ersatzbefriedigung z.B. für Geborgenheit, Umsorgtsein und schützt vor bedrohlichen Affektzuständen. Laut Thies dient der Essanfall vor allem der unbewussten Kompensation aktueller und frühkindlicher emotionaler Deprivationen. Sie ist der Meinung, dass das Erbrechen nicht zur Gewichtskontrolle beiträgt, sondern als Befreiungsaktion eingesetzt wird. Dementsprechend erbrechen die Betroffenen ihre unerwünschten regressiven Bedürfnisse (vgl. Thies 1998, S. 5).

Ettl bestärkt auch die Aussage, dass das Erbrechen psychogen verursacht sein kann. Im Gegensatz zu Heißhungeranfällen, die von der Gesellschaft missbilligt werden und zu Diätvorschlägen veranlasst werden, kann das Erbrechen als ein Zeichen echter Not und als Bedürfnis nach Erleichterung empfunden werden. Nach Erfahrungen zufolge tritt gegen Ende des Essanfalls schwere Ängste, Scham und Schuldgefühle bei Betroffenen ein. Das darauffolgende Erbrechen wird dazu eingesetzt, überstarke innere Reize nach außen zu verlegen und den Körper zu „entgiften“. Während bei den Einen das Essen im Vordergrund steht, um Spannung zu beseitigen, dient bei den Anderen das Erbrechen der Spannungsbeseitigung. Manche Betroffene berichten, dass das Ziel ihres Überfressens dazu dient, einen körperlichen Spannungszustand herzustellen um nach dem Erbrechen eine Erleichterung zu fühlen. Ettl sieht die Erleichterung beim Erbrechen als eine defensive Funktion an, die den gesamten seelischen Schmerz auf der Körperebene abhandelt (vgl. Ettl 2001, S. 180).

Stahr/Barb-Priebe/Schulz zufolge dient das Erbrechen dazu, mit den Unsicherheiten des Lebens fertig zu werden. Der Kontrollverlust, der während den Heißhungerattacken entsteht, ist im Grunde Abwehr und Schutz gegen den äußeren Zwang um Einzigartigkeit zu bewahren. Sie stellen die Hypothese auf, dass diese Krankheit ein misslungener Versuch ist, die körperlich-leibliche und soziale Entfremdung aufzuheben (vgl. Stahr/Barb-Priebe/Schulz 1995, S. 87).

Langsdorff bezeichnet Essstörungen als eine Abwehrhaltung gegen Sexualität, Frauwerden und Schwangerschaft. Vor allem Mädchen, die in ihrer frühkindlichen Erziehung gestörtes Verhältnis zu ihren Müttern hatten, neigen dazu, ihre Weiblichkeit, die sich vor allem in der Pubertät bemerkbar macht, „anzufressen“. Sie geht auch auf gesellschaftliche Faktoren ein und betont, dass Frauen heutzutage mit vielen Aufgaben überfordert sind und sich männliche Verhaltensformen wie Aggressivität, Konfrontationsbereitschaft, Durchsetzungs- und Konfliktfähigkeit aneignen müssen. Mit Ess-Brech-Sucht vereinbaren die Betroffenen das „Unvereinbare“. Sie geben die „weibliche Selbstlosigkeit“ auf und nehmen sich „aktiv“ und „aggressiv“ das Essen. Durch das Erbrechen wird es wieder ungeschehen gemacht. Sie drücken ihr „Nein“ indirekt über das Erbrechen aus (vgl. Langsdorff 2011, S. 115).

Für Thies ist das Erbrechen zumeist ein Akt des Ungeschehenmachens. Nach dem Erbrechen würden sich nämlich negative Gefühle und Gedanken wieder einstellen. Das kurzzeitige Aufheben negativer Stimmungen würde dann durch noch stärkere negative Gefühle und Gedanken sowie körperliches Unwohlsein verdrängt werden (vgl. Thies 1998, S. 6).

Die folgende Tabelle zeigt die auslösenden Momente für ein Essanfall nach Habermas 1990.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten.

Tabelle 9: Auslösende Momente für ein Essanfall

(entnommen aus: Thies 1998, S. 8)

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Details

Seiten
152
Jahr
2012
ISBN (eBook)
9783656836889
ISBN (Buch)
9783656836896
Dateigröße
3.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v284130
Institution / Hochschule
Pädagogische Hochschule Heidelberg
Note
1
Schlagworte
Bulimie Magersucht

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Titel: Bulimie als soziokulturelles Phänomen