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Eine Analyse von Platons Ansicht über die Richtigkeit von Worten auf Grundlage des Dialogs "Kratylos"

Hausarbeit 2013 12 Seiten

Philosophie - Philosophie der Antike

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zeitgenössische Einflüsse auf Platons Sprachphilosophie

3. Platons Auseinandersetzung mit den zeitgenössischen Auffassungen
3.1 Zur Konventionstheorie
3.2 Zur Theorie von der natürlichen Richtigkeit der Benennungen
3.2.1 Zu den Ansichten Homers
3.2.2 Das etymologische Verfahren und die Lehre Heraklits
3.2.3 Die Ideenlehre und die Benennung von Dingen
3.3 Zusammenführung beider Thesen

4. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Platons Dialog „Kratylos“ gilt als die älteste vollständig überlieferte Schrift aus dem europäischen Raum, die sich mit Sprachphilosophie auseinandersetzt. Aus ihr erfahren wir, welche sprachphilosophischen Positionen dem damaligen Athen bereits bekannt waren und sie lässt Spekulationen darüber zu, wie Platon selbst über ebendiese Standpunkte dachte.[1] Den Ausgangspunkt des Dialogs bildet die Beschäftigung mit der Frage, ob Namen durch Konvention festgelegt werden oder ob ihnen eine natürliche Richtigkeit zugrunde liegt. Die Auseinandersetzung mit diesen Positionen eröffnet weitere Fragen, die im Dialog behandelt werden. So setzt sich Platon bzw. sein literarischer Sokrates weiterhin mit den Fragen auseinander, inwiefern Namen überhaupt Dinge repräsentieren können, was von den Dingen durch Namen abgebildet werden sollte und wie etymologische Verfahren vor diesem Hintergrund einem Erkenntnisgewinn über die Dinge zuträglich sein können. Dies wiederum führt schließlich zu der Frage, wie das Sein selbst beschaffen ist, ob es als etwas ständig Fließendes im heraklitischen Sinne zu begreifen sei oder ob den seienden Dingen unveränderliche Ideen zugrunde liegen.[2] Die vorliegende Arbeit wird sich an der Ausgangsfrage orientierend mit Platons Suche nach einer sinnvollen Theorie bei der Bildung und Zuordnung von Namen beschäftigen. Es soll hierbei der Frage nachgegangen werden, worin Platon ein Kriterium für die Richtigkeit von Worten sah und ob er hierbei den zeitgenössischen sprachphilosophischen Positionen etwas abgewinnen konnte. In einem ersten Schritt sollen die Standpunkte zur Sprachphilosophie vor und zu Platons Zeit vorgestellt werden, die er im Dialog „Kratylos“ in zwei grundsätzlich gegenüberstehende Positionen bündelte. In einem weiteren Schritt soll gezeigt werden, inwiefern Platon sich mit ihnen auseinandersetzte. Hierbei soll auch Platons Ideenlehre als Möglichkeit zur Beantwortung der Fragestellung in Betracht gezogen und der Dialog „Kratylos“ auf mögliche Hinweise zur Ideenlehre hin untersucht werden. Eine Schwierigkeit in Platons Dialogen besteht grundsätzlich darin, festzustellen, ob die Erkenntnisse, zu denen der literarische Sokrates seine Gesprächspartner bringt, dem historischen Sokrates oder Platon zuzuschreiben sind.[3] Dieser Umstand erschwert zwar die Einschätzung der Herkunft von Erkenntnissen aus Platons Dialogen, er beeinträchtigt jedoch nicht die Möglichkeit, festzuhalten, welche Erkenntnisse Platon derart überzeugten, dass er sie für tradierenswert erachtete. Daher können im Folgenden die Erkenntnisse, die der literarische Sokrates hervorbringt ohne weiteres als Ansicht Platons interpretiert werden.

2. Zeitgenössische Einflüsse auf Platons Sprachphilosophie

Die Frage, ob Namen eine natürliche Richtigkeit zugrunde liegt oder ob sie durch bloße Konvention festgelegt sind, gab zur Zeit Platons selbst philosophischen Laien Anlass zur Diskussion.[4] Mit welchen Standpunkten konnte Platon also in Berührung kommen, sodass sie möglicherweise Einfluss auf sein Denken nahmen? Uns ist heute bekannt, dass bereits die Dichter Homer und Hesiod die Bedeutung von Eigennamen thematisierten.[5] Im Dialog „Kratylos“ führt Sokrates Homers vermeintliche Ansicht über die Richtigkeit und Unrichtigkeit von Benennungen an. Es wird Homer hierin unterstellt, grundsätzlich von einer natürlichen Korrektheit in puncto Eigennamen auszugehen.[6] Wie Platon zu dieser Interpretation im Genauen kam und was er dieser Ansicht abgewinnen konnte, soll im nächsten Kapitel untersucht werden. Es kann jedoch bereits erwähnt werden, dass Platon Homer und die Dichter im Allgemeinen äußerst gering schätzte, sie in seinem Werk Politeia sogar aus dem Staat verbannte und er daher den Ausführungen eines Dichters wohl mit gewisser Skepsis gegenüber stehen musste.[7] Heraklit, dessen Lehre vom Fließen aller Dinge ebenfalls eine wichtige Rolle im Dialog „Kratylos“ spielte, legte anhand der Sprache und ihrem Bezug auf Dinge exemplarisch dar, dass es eine verborgene Einheit aller Gegensätze in der Welt gebe.[8] Das herakliteische Denken soll Platon durch den historischen Kratylos kennengelernt haben, der in seinen frühen Jahren sein Lehrer war. Dass dieser tatsächlich Herakliteer war, wird heute aufgrund von entsprechenden Belegen aus Schriften von Aristoteles im Allgemeinen angenommen. So soll Kratylos auf das Sprechen verzichtet haben, da er der Ansicht war, dass es der fixierende Charakter von Worten unmöglich mache, die sich ständig im Fluss befindlichen Dinge adäquat abzubilden. Zwar war das Etymologisieren keine belegbare Eigenschaft des historischen Kratylos, dennoch ist aufgrund seiner Entscheidung zur Schweigsamkeit zumindest anzunehmen, dass auch er grundsätzlich ein Verfechter der These war, dass (sinnvollen) Worten eine natürliche Richtigkeit zugrunde liegen müsste.[9] Jedoch konnte Platon durchaus mit sprachphilosophischen Denkern zusammenkommen, die eine Verbindung der These von der naturgemäßen Richtigkeit von Wörtern und der etymologischen Methode vollzogen. Um ein Zeugnis, dass diese Annahme belegt, handelt es sich bei dem 1962 im Norden Griechenlands gefundenen Papyrus von Derveni. Das Dokument, das aus der Mitte des fünften Jahrhunderts stammen soll, thematisiert unter anderem die These von natürlicher Sprachrichtigkeit und bringt sie in Verbindung mit der Methode des Etymologisierens. Vor diesem Hintergrund ist also anzunehmen, dass Platon andere Denker kennenlernte, die auf Grundlage dieser Methode Sprachphilosophie betrieben.[10]

Gegner der These einer natürlichen Richtigkeit von Benennungen speisten sich aus Anhängern von Naturphilosophen und Atomisten aus dem fünften Jahrhundert. Ergebnis ihrer Überlegungen war, dass Sprache es allenfalls oberflächlich vermag, die Dinge so abzubilden, wie sie sind. Die Vorstellung von der Sprache als Abbild der seienden Dinge wurde weiterhin dadurch infrage gestellt, dass rhetorisch versierte Sophisten öffentlich demonstrierten, dass „durch Ausnutzung sprachlicher Scheinevidenzen selbst offensichtlich unwahre Sätze zu beweisen waren.“[11] All diese sprachphilosophischen Ansätze bündelte Platon im Dialog „Kratylos“ in zwei Positionen, die voneinander grundsätzlich abweichende Grundprämissen vertraten. Im folgenden Punkt soll dargelegt werden, wie er die Thesen gegeneinander ausspielte und zu welchem Ergebnis er hierbei kam.

3. Platons Auseinandersetzung mit den zeitgenössischen Auffassungen

Platon setzte sich im Dialog „Kratylos“ nicht mit der Frage auseinander, wie Sprache überhaupt entsteht, sondern führte die Figur eines nomothétes (νομοθέται), also eines Gesetzgebers ein, der für die Bildung und Zuordnung von ónoma (ὄνομα), also Namen oder allgemein Worten zuständig ist.[12] Der Dialog „Kratylos“ beschäftigt sich also mit der Frage, ob der nomothétes willkürlich bei seiner Arbeit verfahren konnte oder ob er hierbei an eine naturgegebene Richtigkeit gebunden war.[13] Die beiden Thesen werden im Dialog von Hermogenes und Kratylos vorgetragen.

3.1 Zur Konventionstheorie

Zu Beginn des Dialogs werden die Standpunkte der beiden Gesprächspartner, mit denen Sokrates sich auseinandersetzt deutlich. Hermogenes positioniert sich dabei wie folgt:

„Ich meines Teils, Sokrates, habe schon oft mit diesem und vielen andern darüber gesprochen und kann mich nicht überzeugen, daß es eine andere Richtigkeit der Worte gibt, als die sich auf Vertrag und Übereinkunft gründet. Denn mich dünkt, welchen Namen jemand einem Dinge beilegt, der ist auch der rechte […]“[14]

Sokrates bringt seinen Gesprächspartner auf Grundlage dieser Aussage im näheren Verlauf des Gesprächs zu einer Zustimmung darüber, dass es prinzipiell jedem zukomme, Dingen beliebige Worte zuzuordnen, die dann wiederum als richtig anerkannt werden müssten. Hermogenes wird schrittweise darauf aufmerksam gemacht, dass in der Konsequenz einer solchen Denkweise die Annahme liegt, dass es lediglich richtige und gar keine falschen Benennungen mehr geben kann. Sokrates bringt seinen Gesprächspartner weiterhin zu der Erkenntnis, dass Dinge in ihrem Sein unterschiedlich sein können und ihnen diese Unterschiedlichkeit darüber hinaus nicht durch das Auge des Betrachters zukomme, sondern sie objektiv auf eine bestimme Art und Weise geschaffen seien. Hieraus ergebe sich, dass auch Handlungen für sich alleine bestehen und es daher eine objektiv richtige Art des Vollzugs von Handlungen gebe. Als Beispiele werden das Schneiden, das Brennen sowie das Benennen angeführt. Hieraus werde deutlich, dass Dinge auch nicht nach Gutdünken benannt werden könnten, sondern auf eine objektiv richtige Art und Weise.[15] So wie der Weber seine Weberlade auf eine richtige Art und Weise zu nutzen wissen sollte, muss daher auch der oben bereits angeführte nomothetés die Worte als sein Werkzeug richtig einzusetzen wissen. Das Wort müsse hierbei als „belehrendes […] und ein das Wesen unterscheidendes und sonderndes“[16] Werkzeug, ein órganon didaskalikòn kaì diakritikòn tês ousías (ὄργανον διδασκαλικόν καὶ διακριτικός τῆς οὐσίας) verstanden werden. Hier wird also bereits deutlich, dass der nomothétes nach Platons Überzeugung nicht nach Gutdünken Namen bilden und zuordnen könne, sondern hierbei bestimmte Funktionen des Wortes berücksichtigen sollte. So sollte er einerseits pragmatische Gesichtspunkte insofern im Auge haben, dass das Wort als Mittel zum Belehren tauge. Andererseits sollte er sicherstellen, dass ein richtiger Bezug zum Sein des jeweiligen zu benennenden Dings sichergestellt ist, damit es auch auf sprachlicher Ebene von in ihrem Sein andersartigen Dingen klar unterschieden ist. Eine richtige Zuordnung war für Platon demgemäß dann gegeben, wenn das Werkzeug „Wort“ dem Lehren und der möglichst eindeutigen Bestimmung eines Dings nutzt. Der Dialektiker war für Platon hierbei derjenige, der als ein die Worte Gebrauchender in der Position ist, die Worte hinsichtlich ihrer Brauchbarkeit und somit ihrer Richtigkeit in Platons Sinne zu beurteilen.[17]

3.2 Zur Theorie von der natürlichen Richtigkeit der Benennungen

Aus bisherigem ist deutlich geworden, dass es für Platon eine richtige Art der Benennung geben musste und diese also nicht willkürlich erfolgen konnte. Hiermit ist jedoch noch immer nicht die Frage beantwortet, nach welchen Gesichtspunkten die voneinander verschiedenen Dinge nun auf sprachlicher Ebene zu ordnen sind, damit ihre Unterschiedlichkeit herausgestellt wird. Es dreht sich also im weiteren Verlauf des Gesprächs um die Frage, worin die natürliche Richtigkeit der Benennungen nun genau besteht. Woran sollte sich der nomothétes orientieren, wenn er Dingen Namen zuordnet?

[...]


[1] Vgl. Klassiker der Sprachphilosophie. Von Platon bis Noam Chomsky. Hrsg. v. Tilman Borsche. München 1996, S.19. [Im Folgenden zitiert mit „Klassiker, S. …“]

[2] Vgl. Gaiser, Konrad: Name und Sache in Platons „Kratylos“. Heidelberg 1974, S. 7-8. [Im Folgenden zitiert mit „Gaiser, S. …“]

[3] Vgl. Jaspers, Karl: Die großen Philosophen. München 2012, S.240-242. [Im Folgenden zitiert mit „Jaspers, S. …“]

[4] Vgl. Klassiker, S.20.

[5] Vgl. ebenda, S. 18.

[6] Vgl. Platon: Kratylos, 391c-396d. In: Platon. Sämtliche Werke. Teil 3. Auf der Grundlage der Bearbeitung von Walter F. Otto [u.a.]. Neu hrsg. v. Ursula Wolf. Reinbek bei Hamburg 362010, S. 26-33. [Im Folgenden zitiert mit: „Platon, 391c-396d. In: Sämtliche Werke, S. …“]

[7] Vgl. Patzig, Günther: Antike Tragödienphilosophie. Platon und Aristoteles. In: Die Tragödie. Eine Leitgattung der europäischen Literatur. Hrsg. v. Werner Frick. Göttingen 2003, S.74-79.

[8] Vgl. Klassiker, S.18.

[9] Vgl. Gaiser, S. 13-18.

[10] Vgl. Gaiser, S. 12. Vgl. Anceshi, Barbara: Die Götternamen in Platons Kratylos. Ein Vergleich mit dem Papyrus von Derveni. Frankfurt am Main [u.a.] 2007.

[11] Klassiker, S.18.

[12] In der vorliegenden Arbeit sind die Begriffe „Namen“, „Worte“ und „Benennungen“ synonym zu verstehen.

[13] Vgl. Klassiker, S. 19-20. Vgl. Platon, 388c-389a. In: Sämtliche Werke, S.22-23.

[14] Platon, 384c-d. In: Sämtliche Werke, S. 16.

[15] Vgl. ebenda, 385a-387d, S.16-21.

[16] Ebenda, 388b-c, S.22.

[17] Vgl. ebenda, 390c, S. 25.

Details

Seiten
12
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656840015
ISBN (Buch)
9783656840022
Dateigröße
533 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v284183
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,3
Schlagworte
eine analyse platons ansicht richtigkeit worten grundlage dialogs kratylos

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Titel: Eine Analyse von Platons Ansicht über die Richtigkeit von Worten auf Grundlage des Dialogs "Kratylos"