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Gerechte Leistungsbewertung im Sport. Das Lerntagebuch

Hausarbeit 2014 20 Seiten

Pädagogik - Bewertungsmethoden, Noten

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Einleitung: Gibt das Lerntagebuch die Möglichkeit einer gerechten Leistungsbewertung durch eine Benotung?

1 Gerechtigkeit

2 Leistungsbewertung im Sportunterricht
2.1 Leisten und Leistung im Sportunterricht
2.2 Bewertung durch Zensuren

3 Das Lerntagebuch

4 Fazit

Literatur

Internetquellen

Tabellenverzeichnis

Tab. 1: Voraussetzungen um eine Handlung als individuelle und gelungene Leistung zu erleben

Tab. 2: Gütemaßstäbe im Sportunterricht

Tab. 3: Das Lerntagebuch

Einleitung: Gibt das Lerntagebuch die Möglichkeit einer gerechten Leistungsbewertung durch eine Benotung?

Der Anlass dieser Arbeit ergab sich aus meinen Beobachtungen während meines zweiten Schulpraktikums an der Sekundarschule am Fliederweg in Halle/ Saale (Sachsen-Anhalt). Ich möchte zu Beginn dieser Arbeit zwei Situationen beschreiben, die beispielhaft darstellen, warum ich mich mit der Frage beschäftigt habe, ob eine gerechte Leistungsbewertung im Sportunterricht durch eine Benotung möglich ist?

(1) Die siebte Klasse behandelt momentan das Bewegungsfeld Laufen, Springen, Werfen. Sie haben schon vor meinem Praktikum begonnen die Technik des Weitsprungs (Hangsprung) zu erlernen. In der heutigen Stunde stand die Leistungsüberprüfung an der Tagesordnung. Die SchülerInnen durften ihren Anlauf abmessen, sich eine Markierung anzeichnen und zwei Probesprünge absolvieren. Dabei fielen nicht nur mir sondern auch den SchülerInnen untereinander große Unterschiede in der Weite der Sprünge auf. Als alle SchülerInnen ihre Probesprünge absolviert hatten, versammelte der Lehrer alle SchülerInnen und gab ihnen die jeweilige Weite und die dem entsprechende Note bekannt. Drei SchülerInnen schafften ganz locker die eins, obwohl bei zwei SchülerInnen die Technik nicht wirklich sauber war und sie ganz klar von ihrer Körpergröße und ihrer sportlichen Figur profitierten. Der Hauptteil der SchülerInnen erzielte ein befriedigend, was allgemein zu einer miesen Stimmung und zur Demotivation für die restliche Stunde führte. Es gab auch drei mal die Note ausreichend. Hierbei ist mir besonders ein Junge aufgefallen, den man als adipös[1] bezeichnen könnte. Er ist nicht sehr groß und sehr schwer für sein Alter. Sein Anlauf war sehr langsam, seine Sprungkraft nicht gut ausgebildet und er schaffte gerade so die Weite für ein ausreichend. Allerdings hat er die Technik sehr gut umgesetzt, was mir schon während der Probesprünge aufgefallen ist. Nachdem er erfahren hat, dass er eine vier hat, war er sehr geknickt und traurig.

(2) Nach dem Weitsprung begann die Klasse mit dem Ausdauerlauf. Die SchülerInnen sollten am Ende des Bewegungsfelds 15 Minuten Laufen. Die SchülerInnen fragten nach dem Bewertungsmaßstab. Der Lehrer bewertete die SchülerInnen anhand der erreichten Rundenzahl. Wer aber 15 Minuten durchweg läuft, hat auf jeden Fall eine vier. In der ersten Stunde wurde ein Probelauf durchgeführt. Ich beobachtete besonders die drei Jungs, die beim Weitsprung eine eins hatten und den Jungen, der mit der vier so unzufrieden war. Die drei Jungs hatten mit den 15 Minuten kein Problem und liefen beim ersten Probelauf 42 Runden in der Sporthalle. Der Schüler der die vier im Weitsprung erzielte, schaffte nur 23 Runden. Im Verlauf der nächsten Wochen wurden immer wieder Übungen und Spiele zum Ausdauertraining zur Ausdauerschulung durchgeführt. Der Lehrer gab den SchülerInnen auch die Aufgabe, in der Freizeit laufen zu gehen, um ihre Note zu verbessern. Bei der Generalprobe liefen die drei Jungs nur 30 Runden. Sie schienen sich sehr sicher, dass sie sowieso eine eins bekommen würden. Der vierte Junge lief diesmal 26 Runden. Ich fragte ihn daraufhin, ob er denn auch außerhalb der Schule üben würde. Er sagte mir, dass seine Eltern ein Fahrradergometer haben und er vor dem Abendbrot, wenn er die Simpsons schaut, immer die Stunde auf dem Ergometer fährt. Das beeindruckte mich sehr und ich war gespannt auf den Test. Am Tag des Tests gab der Lehrer vorher wieder die jeweilige Rundenanzahl für die Noten bekannt. Ab 40 Runden gab es ein sehr gut. Ein ausreichend ab 20 Runden und ein befriedigend ab 32 Runden. Die drei sportlichen Jungs liefen 40 Runden und hörten auf, obwohl die 15 Minuten noch nicht vorbei waren und erhielten trotzdem eine eins. Der Vierte schaffte 30 Runden und bekam wieder nur ein ausreichend. Er war danach sehr traurig.

Aus beiden Unterrichtssituationen wird klar ersichtlich, dass die SchülerInnen unterschiedliche Voraussetzungen und Interessenlagen aufzeigen. Das Resultat ist eine unterschiedliche subjektive Benotung. Als Schlussfolgerung müssen Maßnahmen ergriffen werden, die solche Situationen vermeiden, damit alle SchülerInnen gleiche Chance haben, eine gerecht Benotung im Sportunterricht zu erfahren. Der Lehrer hat die Aufgabe, sich zu überlegen, wie er alle SchülerInnen im Unterricht im Hinblick auf ihre individuellen Voraussetzungen optimal fördern und fordern kann.

Das Ziel der Schule ist eine allgemeine Ausbildung der SchülerInnen, die sie auf das Berufsleben vorbereitet. Jeder Schüler hat trotz individuell unterschiedlicher Voraussetzungen das Recht „[...] auf eine seiner Begabungen, seiner Fähigkeiten und seiner Neigung fördernde Erziehung, Bildung und Ausbildung [...]“, „[...]ohne Rücksicht auf seine Herkunft oder wirtschaftliche Lage“ (Kultusministerium des Landes Sachsen Anhalt, 2012, § 1). Weiterführend ist die Schule verpflichtet „[...] die individuellen Lernvoraussetzungen und Lernbedürfnisse der Schülerinnen und Schüler zu berücksichtigen [...]“ und „[...] jeder Schüler [...]“ soll nach § 33 des Schulgesetzes, „[...] sein Recht auf Bildung möglichst umfassend verwirklichen können[...]“ und „[...] unterschiedlichen Bildungschancen und Begabungen soll durch besondere Förderung der betreffenden Schülerinnen und Schüler entsprochen werden“ (Kultusministerium des Landes Sachsen-Anhalt, 2012, S.36). Ziel dieser Gesetze ist es, den SchülerInnen die gleichen Chancen auf eine umfassende Bildung einzuräumen. In vergangener Zeit haben allerdings viele Debatten verdeutlicht, dass die Chancengleichheit an deutschen Schulen nicht gegeben ist. Vor allem SchülerInnen mit Migrationshintergrund und niedrigem sozialen Status haben schlechte Chancen auf eine gute Ausbildung. Beispielhaft dafür steht die Kevin-Studie. In dieser Studie wurde nachgewiesen, dass Lehrer Schüler mit dem Namen Kevin bei gleicher Leistung im Vergleich zu anderen SchülerInnen schlechter bewerten, da der Name darauf deuten lässt, dass der Schüler aus einem bildungsschwachen Haushalt kommt. Somit kann angenommen werden, dass viele Lehrer subjektiv bewerten (zeit online, 2012).

Durch die beiden angeführten Unterrichtsbeispiele wurde aufgezeigt, dass es gerade im Sportunterricht schwer scheint, eine Chancengleichheit herzustellen und Leistungen gerecht zu bewerten. Ziel dieser Arbeit ist es herauszustellen, ob eine gerechte Leistungsbewertung durch eine Benotung mit Hilfe eines Lerntagbuchs möglich ist.

Um zu beweisen, dass eine gerechte Leistungsbewertung durch die Benotung von Lerntagebüchern möglich ist, ist es zunächst erforderlich, die Begriffe Gerechtigkeit, Leisten und Leistung und Bewertung zu betrachten, was im Anschluss an die Einleitung folgt. Im Hauptteil der Arbeit wird das Lerntagebuch vorgestellt und analysiert, ob eine individuelle Leistungsbewertung dadurch möglich ist. Aufgrund vielfältiger Bewegungsfelder denen unterschiedliche Kriterien zu Grunde liegen, wird in der folgenden Arbeit die Fragestellung auf das Bewegungsfeld Laufen, Springen, Werfen bezogen, weil es sonst den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde.

1 Gerechtigkeit

Der Begriff Gerechtigkeit ist als idealer Zustand des menschlichen sozialen Miteinanders zu verstehen. Dieser ist gekennzeichnet durch einen unparteiischen, angemessenen und einforderbaren Ausgleich in der Verteilung von Gütern, Chancen und den Interessen der beteiligten Individuen (Schwemmer, 1995). Gerechtigkeit beinhaltet demzufolge Handlungs- und Rechtsnormen des menschlichen Zusammenlebens. Übereinstimmend wird die Gerechtigkeit auf der Welt als Grundnorm verstanden. Es berufen sich nicht nur die Gesetzgebungen und Rechtsprechungen auf die Gerechtigkeit. Sondern stellt auch das zentrale Thema der Moraltheologie, Rechts- und Sozialphilosophie und der Ethik in der Erforschung moralisch rechtlicher Maßstäbe für eine objektive Bewertung sozialer Beziehungen dar.

Der Begriff der Gerechtigkeit ist sehr umstritten und eine ausführliche Darstellung der Theorien von der Antike über die Neuzeit bis hin zur Moderne mit den Zahlreichen Vertretern spezieller Gerechtigkeitsmodelle würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Aufgrund dessen wird im folgenden Abschnitt nur ein kurzer Einblick in das Verständnis von Gerechtigkeit einiger Philosophen gewährt.

Das Thema der Gerechtigkeit ist seit der griechischen Antike schon Gegenstand der Philosophie. Vertreter wie Platon und Aristoteles sahen den höchsten zu erstrebenden Wert des Menschen in der Eudamoni. Eudamoni wird oft mit dem Wort Glück übersetzt und bezieht sich auf ein gutes und gelungenes Leben. Um Eudamoni zu erreichen, bedarf es als grundlegende Voraussetzung der Gerechtigkeit als Tugend und Charaktereigenschaft. Somit ist Gerechtigkeit eine innere Einstellung, die jeden genau das tun lässt, was jedem seine Aufgabe ist und beinhaltet das perfekte Verhältnis der Seelenteile – das Begehrende, das Vernünftige, das Muthafte - des Menschen. Aristoteles und Aquin gehen davon aus, dass Gerechtigkeit nicht nur als Tugend zu verstehen ist, sondern immer im Zusammenhang mit anderen Individuen zu denken ist (Höffe, 2002).

Neuzeitliche Gerechtigkeitstheorien sind vor allem durch Gesellschaftsverträge und das Vernunftrecht geprägt. Vertreter wie Hobbes, Locke und Rousseau entwickelten verschiedene Modelle des Gesellschaftsvertrages. Hobbes erläutert, dass alle Menschen ihre von der Natur gegebenen Rechte auf einen Souverän übertragen, welcher selbständig Recht setzt und dieses Recht auch mit Gewalt durchsetzt. Somit wird Unrecht als Verstoß gegen das geltende Recht verstanden.

„Wo keine allgemeine Gewalt ist, ist kein Gesetz, und wo kein Gesetz, keine Ungerechtigkeit“ (Hobbes).

Für Locke existierte ein von Gott gegebenes natürliches Recht. Der Mensch ist frei und hat das Recht, Eigentum zu besitzen. Sein Gesellschaftsvertrag ist als Kooperationsvertrag zu verstehen, indem die Regierung den Willen des Staatsvolks repräsentiert, an die Verfassung gebunden ist und durch die Gewaltenteilung kontrolliert wird.

Moderne philosophische Theorien wie z.b. der Utilitarismus sehen die allgemeine Wohlfahrt als gesamtgesellschaftlichen Nutzen im Mittelpunk, dessen Rahmenbedingung u.a. die Gerechtigkeit ist. In der Zeit der Aufklärung kritisierte Nietzsche die Bildung eines sinnvollen Gerechtigkeitsbegriffs, Marx legte Recht und Gerechtigkeit keine große Bedeutung zu, da sie schlicht und ergreifend zum Überbau gehörten. Im Kapitalismus liegt die Grundlage der Gerechtigkeit in den materiellen Verhältnissen. John Rawls formulierte gewisse Grundrechte als Grundstein der Gerechtigkeit, ohne die eine gerechte Gestaltung der Gesellschaft nicht vorzustellen sei. Jürgen Habermas versucht die Frage nach Gerechtigkeit mit seiner Diskurstheorie des Rechts rational zu lösen (Tschentscher, 1992). Martha Nussbaum und Amartya Sen entfernen sich von der Dominanz der ökonomischen Kriterien. Ihr Ansatz versteht sich in Entwicklungs- und Verwirklichungschancen. Diesen Chancen (Capabilities) liegen Werthaltungen zu Grunde, durch welche Gerechtigkeit beurteilt werden kann. Dadurch wird der Individualität der Menschen Rechnung getragen (Liebig et. al., 2004).

Im Schulgesetz des Landes Sachsen-Anhalt ist folgendes festgehalten:

„Die Schule hat die Pflicht, die individuellen Lernvoraussetzungen und Lernbedürfnisse der Schülerinnen und Schüler zu berücksichtigen. Schülerinnen und Schüler sind bei Bedarf zusätzlich zu fördern, um einen ihren Fähigkeiten entsprechenden Schulabschluss zu erlangen. Die Integration von Schülerinnen und Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf in allen Schulformen soll gefördert werden, um auf diese Weise zur Verbesserung der Chancengerechtigkeit beizutragen [...]“ (Kultusministerium des Landes Sachsen-Anhalt, S.11).

„Die Schulen sind im Rahmen der staatlichen Verantwortung und der Rechts- und Verwaltungsvorschriften selbständig in Planung und Durchführung des Unterrichts, in der Festlegung pädagogischer Konzepte und Grundsätze im Rahmen dieses Gesetzes, in der Erziehung und in der Verwaltung. In diesem Rahmen können sie sich ein eigenes Profil geben. Sie wahren hierbei Chancengleichheit, Durchlässigkeit der Bildungsgänge und die Voraussetzungen für die Anerkennung der Abschlüsse“ (Kultusministerium des Landes Sachsen-Anhalt, S.28).

Werden nun diese beiden Auszüge aus dem Landesschulgesetz auf das Verständnis von Gerechtigkeit in der Bewertung durch Noten bezogen, sind die Lehrkräfte angehalten, die individuellen Leistungsvoraussetzungen, Entwicklungsprozesse und Resultate der SchülerInnen bei der Bewertung zu berücksichtigen und ihnen dadurch eine Chancengleichheit und -gerechtigkeit zu wahren.

Resultierend daraus wird in dieser Arbeit Gerechtigkeit als eine Art Chancengleichheit verstanden, die es jedem Schüler möglich macht, auf seine individuelle Leistungsentwicklung bewertet zu werden, ganz egal, welche individuellen Voraussetzungen ein Schüler mit sich bringt.

Bevor eine Leistungsbewertung in Form von Noten stattfinden kann, muss untersucht werden, wie das Verhältnis zwischen Leisten und Leistung im Schulsport zu verstehen ist.

2 Leistungsbewertung im Sportunterricht

Laut Statista ist Sport das Lieblingsfach der Jungen, und eines der Lieblingsfächer bei den Mädchen (Statista, 2014). In den vergangenen Jahren wurde das Unterrichtsfach Sport stark kritisiert. Ein Beispiel dafür liefert die Sprint-Studie 2006 (Deutschere Olympischer Sportbund – DOSB). Der Sportunterricht gilt als veraltet und weiches Fach. Probleme sind nicht nur das überalterte Kollegium, sondern auch die fehlende Modernisierung der Inhalte und Methoden.

Jürgen Funke-Wieneke (Sportwissenschaftler an der Universität Hambung: „Es gibt auch immer noch preußische Erziehungsmentalitäten bei den Lehrern“ (Zeit online, 2012).

Der Stellenwert des Sports steigt in der Gesellschaft ungemein. Sport hat sich zu einer Art Trend entwickelt. Zum Lieblingssport der Deutschen ist das Fahrradfahren geworden. 27 Prozent der Deutschen treten in die Pedale und fahren nicht nur in der Freizeit, sondern auch zur Arbeit oder zum Einkaufen (Augsburger Allgemeine, 2010). Laut dpa ist die Anzahl der Bürger, die in einem Sportverein sind, seit 2013 um mehr als 200.000 gestiegen. Insgesamt gehören in Deutschland 27.992 Millionen Bundesbürger Sportvereinen an.

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Details

Seiten
20
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656845492
ISBN (Buch)
9783656845508
Dateigröße
512 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v284232
Institution / Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Note
1,0
Schlagworte
schulische sozialisation kindern jugendlichen Benotung Sport Gerechte

Autor

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Titel: Gerechte Leistungsbewertung im Sport. Das Lerntagebuch