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Die Entwicklung von Persönlichkeit. Zur Rolle und Bewertung von Natur und Kultur bei Emst Krieck

Hausarbeit (Hauptseminar) 2013 17 Seiten

Psychologie - Entwicklungspsychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I.. Einleitung
I.1 Forschungsgegenstand
I.2. Auswahl der herangezogenen Quellen

II. Hauptteil
II.1 Persönlichkeit und Kultur (1910)
11.2 Die deutsche taatsidee (1917)
11.3 Erziehung und Entwicklung (1921) und Philosophie der Erziehung (1922)
11.4 Deutsche Kulturpolitik? (1928)
11.5 Nationalsozialistische Erziehung (1935)

III. chluss

IV. Quellen- und Literaturverzeichnis
IV.1. Quellenverzeichnis
IV.2. Literaturverzeichnis

I. Einleitung

I.. Einleitung

I.1. Forschungsgegenstand

Wenn diese Arbeit Natur und Kultur bei Ernst Kriech darstellen möchte, so ist zunächst unklar, was die Begriffe Natur und Kultur in diesem Zusammenhang überhaupt bedeu­ten. Denn eine allgemeingültige Definition dieser Begriffe gibt es nicht. Sie sollen des­halb hier so aufgefasst werden, wie es der ,Erziehungsphilosoph‘ Ernst Krieck selbst getan hat. Eigentlich könnten die Begriffe Natur und Kultur aus einer Kulturphilosophie heraus definiert werden und diese Definition auf das Werk Kriecks angewendet werden, doch Krieck wurde zu Recht von seinen Zeitgenossen und der Nachwelt hauptsächlich als Erziehungsphilosoph bezeichnet1 Zwar lässt schon eines seiner ersten Werke, Per­sönlichkeit und Kultur. Kritische Grundlegung der Kulturphilosophie 2, anderes vermuten, doch beschäftigte sich Krieck inhaltlich über sein ganzes Lebenswerk hinweg vielmehr mit der tiefergehenden Frage, wie auf der Grundlage von Erziehung Kultur für die nächste Generation reproduziert wird und mit dem daraus abgeleiteten Problem, wie eine geschichtliche Entwicklung von Kultur möglich wird.

Darin enthalten ist also der Forschungsgegenstand der vorliegenden Arbeit: Welche An­teile an der Persönlichkeit entspringen natürlichen, individuellen Anlagen und welche übernimmt das Individuum mittels Erziehung aus der ihn umgebenden Kultur heraus? Bei dieser Fragestellung wird man bei Ernst Krieck allerdings mit einer weiteren Beson­derheit konfrontiert, wie diese Arbeit zeigen wird. Denn die Zuordnung Kriecks zum Bereich der Erziehungsphilosophie bzw. Erziehungswissenschaft ist nach heutigen Maßstäben unvollständig. Krieck definiert Erziehung nämlich als „teils funktional, d. h. unbewußt und unabsichtlich, teils nach bewußter Ordnung und planmäßiger Methode“3. Damit ist Kriecks Lebenswerk eher als eine um bewusste Erziehung erweiterte Theorie des Sozialisationsprozesses zu verstehen, was gerade in seinem Hauptwerk Philosophie der Erziehung 4 deutlich wird 5. Anhand der Darstellung dieses Sozialisationsprozesses möchte diese Arbeit versuchen festzustellen, ob Krieck seine Sozialisationstheorie aus der Sicht des Individualismus oder des Holismus aufgestellt hat, ob er den individuellen Naturanlagen oder der kulturellen Umwelt einen Vorrang bei der Persönlichkeits- werdung zugesprochen hat.

I.2. Auswahl der herangezogenen Quellen

Von der gegenwärtigen historischen Forschung wird Ernst Krieck kaum noch beachtet. Die ihn und sein wissenschaftliches Werk betreffende Literatur ist deshalb zahlenmäßig eher gering und stammt größtenteils noch aus den 1970er und 80er Jahren. Deshalb möchte diese Arbeit sehr quellenbasiert arbeiten. Sie steht dabei aufgrund ihres gering­en Umfangs vor der schwierigen Aufgabe, aus Kriecks enorm zahlreichen Veröffent­lichungen auszuwählen. Außerdem hat Krieck gleich drei verschiedene politische Sys­teme erlebt. Sein Erstlingswerk Persönlichkeit und Kultur entstand noch in der Zeit des deutschen Kaiserreichs, es wurde 1910 veröffentlicht. Danach hat Krieck zu Zeiten der Weimarer Demokratie und der nationalsozialistischen Diktatur publiziert, er starb erst 1947 6. Deshalb sollen hier die wichtigsten Stationen der Entwicklung seiner Sozialisa­tionstheorie herausgegriffen werden. Bei der Auswahl hilft Kunz, der als Zeitgenosse Kriecks die Entwicklung seiner Theorie miterlebt hat und eine ausführliche, analytische Übersicht erstellt hat.

Beginnen wird die Darstellung mit Kriecks erstem Werk Persönlichkeit und Kultur von 1910. Es blieb in der Wissenschaft weitgehend unbeachtet, was wohl vor allem auf seine „Unlesbarkeit“7 zurückgeführt werden kann. Dennoch enthält es in der Rück­schau alle Elemente seiner späteren Werke. Krieck hat hier „die Ausgangsstellung für alle späteren Entscheidungen“8 hergestellt. In Die deutsche Staatsidee von 1917 hat Krieck dann seine Überlegungen in verständlichere Formulierungen gefasst. Deshalb9 besitz auch sie den „Wert einer Grundlegung des ganzen Lebenswerkes“10 Mit Erzie­hung und Entwicklung 11 spezifiziert Krieck seine Theorie 1921 zum ersten Mal für den Bereich der eigentlichen Pädagogik. Dieses Gebiet wird später sein Hauptanliegen wer­den und für seine 1922 in der Philosophie der Erziehung ausgearbeitete pädagogisch­soziologische Theorie bekam Krieck die Ehrendoktorwürde der Universität Heidelberg verliehen. Eine praktische Umsetzung der Theorie versuchte Krieck erstmals 1928 in Deutsche Kulturpolitik? 12, in der er Stellung zum sog. deutschen Schulkampf bezog. Schließlich enthält die kurze Schrift Nationalsozialistische Erziehung eine Anpassung seiner Theorie an den Nationalsozialismus. Natürlich können all diese Quellen hier nur schlagwortartig beleuchtet werden. Auf dieser Grundlage soll es aber ein Hauptanliegen der Arbeit sein, nicht nur die Entwicklung von Kriecks Lebenswerk mit dem Schwer­punkt Natur und Kultur nachzuvollziehen, sondern auch abschließend zu beurteilen, inwiefern er seine Theorie dem Nationalsozialismus angepasst oder unterworfen hat. Denn Krieck, der in der Literatur als einer der führenden Erziehungsphilosophen des Nationalsozialismus gesehen wird und schon vor 1933 der „pädagogische Hitler“ 13 ge­nannt wurde, sah sich selbst eher als einen „Nationalsozialismen] auf eigene Faust“14.

II. Hauptteil

II.1 Persönlichkeit und Kultur (1910)

Bereits im Vorwort von Persönlichkeit und Kultur misst Krieck den Wert einer Kultur „in der Erziehung ihrer Angehörigen zur Freiheit und Selbstheit“15. Kultur und Bildung werden vorerst gleichgesetzt und in der Vernunft als „Formprinzip der Wirklichkeit“16 begründet. Einen großen Teil des Werks bildet deshalb die erkenntnisphilosophische Suche nach dem Wesen der Vernunft. Die Persönlichkeit bestehe aus passiven und akti­ven Anteilen. Passiv seien Anteile, die von äußeren Einflüssen her stammten, aktiv da­gegen solche, die das Individuum zur Betätigung und Zurückwirkung auf die Umwelt anregten . Entgegen Kants Kritik der reinen Vernunft sei die Vernunft kein im Inneren des Individuums aktives Vermögen, sondern ein Vermittlungsprinzip zwischen zwei Persönlichkeiten derselben Gemeinschaft, die zwischen ihnen ein gemeinsames Ver­ständnis der Welt schaffe : „Erkenntnis ist [...] von historischen Bedingungen, von einer Gesellschaftsform abhängig“17. Am Ende des interindividuellen Erkenntnispro­zesses stehe das, was Krieck das „Allgemeine“18 nannte.

Hier beginnt Kriecks Erkenntnisphilosophie bereits, Moralphilosophie zu werden. Denn Kultur wird hier zur Norm erhoben: Das Allgemeine sei ein verpflichtender Standpunkt in der Gemeinschaft, eine Position, die jedes Mitglied der Gemeinschaft zwingend über­nehmen müsse, um in einem zweiten Schritt selbst wirken zu können. So wirke Kultur konservativ und stabilisierend auf Gesellschaften, das allgemein Gültige wird zum abso­lut ethischen Maßstab hochstilisiert19. Problematisch sei hier das „Verhältnis der Person zum Allgemeinen“20 - dieses eigentlich soziologische Gebiet wird Krieck sein Leben lang erforschen. Die Person verhalte sich gegenüber dem Allgemeinen meist passiv und zwar weil es vernünftig sei, dies zu tun. Etablierte Verhaltensweisen träten als Normen auf, die ein Individuum übernehmen müsse, weil es sich nur über die Akzeptanz des Gegenübers überhaupt als Person begreifen könne. So entstehe die „gemeinsame Ver- nunft“21 einer organisch gegliederten Gemeinschaft, vergleichbar mit Kants Maximen im Kategorischen Imperativ.

Während die meisten Individuen das Allgemeine äquivalent weitergäben, also nur passiv seien, könnte eine „schöpferische^..] Persönlichkeit“22 Umformungen des All­gemeinen schaffen, indem es von der Norm abweiche und erreiche, dass andere Mit­glieder ihrer Gemeinschaft diese Abweichung übernähmen. Erst hier werde das Indivi­duum zur vollwertigen Person23, die „nicht unmoralisch, sondern übermoralisch“24 ist.

[...]


1 So in Brückner, Gerhard, Die Mythologisierung von Erziehungswirklichkeit und Erziehungswissenschaft bei Ernst Krieck. Ein Beitrag zur Entstehung nationalsozialistischer Erziehungstheorie. Inaugural­Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades der Philosophischen Fakultät der Ludwig-Maximilians­Universität zu München. München 1975. Lingelbach, Karl Ch[ristoph]: Erziehung und Erziehungstheorien im nationalsozialistischen Deutschland. Ursprünge u[nd] Wandlungen d[er] 1933-1945 in Deutschland vorherrschenden erziehungstheoret[ischen] Strömungen; ihre politischen] Funktionen u[nd] ihr Verständnis zur außerschulischen] Erziehungspraxis d[es] „Dritten Reiches". Frankfurt am Main 1987 (Sozialhistorische Untersuchungen zur Reformpädagogik und Erwachsenenbildung Band 6).

2 Krieck, Ernst, Persönlichkeit und Kultur. Kritische Grundlegung der Kulturphilosophie. Heidelberg 1910.

3 Krieck, Ernst, Nationalsozialistische Erziehung. Berlin 1935 (Grundlagen, Aufbau und Wirtschaftsordnung des nationalsozialistischen Staates), S. 6. Z.B. ebenso zu finden in: Krieck, Ernst, Nationalsozialistische Erziehung begründet aus der Philosophie der Erziehung. Osterwieck am Harz [1933], S. 4.

4 Krieck, Ernst, Philosophie der Erziehung, Jena 1925.

5 Im Folgenden wird der Begriff ,Erziehung' im Sinne Kriecks verwendet.

6 Zu Kriecks Biographie und der Entstehung seines Werkes empfehlenswerte Literatur: Kunz, Willi, Ernst Krieck. Leben und Werk. Leipzig 1942. Giesecke, Hermann, Hitlers Pädagogen. Theorie und Praxis nationalsozialistischer Erziehung. Weinheim, München 1993, S. 31-58. Müller, Gerhard, Ernst Krieck und die nationalsozialistische Wissenschaftsreform. Motive und Tendenzen einer Wissenschaftslehre und Hochschulreform im Dritten Reich. Weinheim [u. a.] 1978, S. 5-159. Hojer, Ernst, Nationalsozialismus und Pädagogik. Umfeld und Entwicklung der Pädagogik Ernst Kriecks. Würzburg 1996, S. 67-158.

7 Müller, Ernst Krieck und die nationalsozialistische Wissenschaftsreform, S. 14.

8 Kunz, Ernst Krieck. Leben und Werk, S. 17.

9 Krieck, Ernst, Die deutsche Staatsidee, Leipzig 1934.

10 Kunz, Ernst Krieck. Leben und Werk, S. 22.

11Krieck, Ernst, Erziehung und Entwicklung. Vorspiele zur autonomen Pädagogik. Freiburg im Breisgau 1921.

12 Krieck, Ernst, Deutsche Kulturpolitik? Frankfurt am Main 1928.

13 Hojer, Nationalsozialismus und Pädagogik, S. 145.

14 Krieck, Ernst, Mein Weg zum Nationalsozialismus. In: Die Badische Volksschule, Wochenschrift des Nationalsozialistischen Lehrerbundes 1 (1933), S. 386.

15 Krieck, Persönlichkeit und Kultur, S. VI.

16 Ebd., S. VII.

17 Ebd., S. 1f.

18 Ebd., S. 4-7.

19 Ebd., S. 12.

20 Ebd., S. 18.

21 Ebd., S. 18 und 63.

22 Ebd., S. 32.

23 Ebd., S. 47. Krieck über Kants Kategorischen Imperativ siehe auch S. 57f und 275f. Ebd., S. 49.

24 Ebd., S. 112-114.

Details

Seiten
17
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656843627
ISBN (Buch)
9783656843634
Dateigröße
495 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v284346
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
2,0
Schlagworte
Erziehungsphilosophie Ernst Krieck Holismus Individualismus

Autor

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