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Der Prometheus-Mythos als Motiv in Mary Shelleys "Frankenstein, or The Modern Prometheus" und Ridley Scotts "Blade Runner"

Seminararbeit 2014 17 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Prometheus-Mythos in der Literaturgeschichte

3 Schöpfer und Geschöpf in Frankenstein und Blade Runner
3.1 Charakteristika der Prometheus-Figuren
3.1.1 Das Scheitern des Schöpfergenies in Frankenstein
3.1.2 Der Vatermord in Blade Runner
3.2 „More human than human“. Menschlichkeit der künstlichen Geschöpfe
3.2.1 Einsamkeit und Bildung der Kreatur in Frankenstein
3.2.2 Erinnerungen und Sterblichkeit der Replikanten in Blade Runner
3.3 Verhältnis von Schöpfer und Kreatur

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Ridley Scotts Blade Runner (USA 1982) reiht sich in eine lange Tradition von Erzählungen ein, die die Kreation künstlichen Lebens thematisieren. Ein Diskurs, der nicht erst in jüngerer Zeit aufkam, denn artifizielle Menschen finden sich nicht nur im Science-Fiction-Kino der Gegenwart, sondern bereits in den Epen der Antike. So erzählt der römische Dichter Ovid in seinen Metamorphosen von Pygmalion, der eine Frau aus Elfenbein schnitzt, die von der Göttin Venus zum Leben erweckt wird[1]. Der jüdischen Tradition entstammt der Golem, „eine ungestalte, unfertige Lehmfigur, die durch Wortmagie zu einem künstlichen, menschenähnlichen Geschöpf belebt wird“[2]. Die Legende des Golems wurde 1920 von Paul Wegener unter dem Titel Der Golem, wie er in die Welt kam filmisch umgesetzt[3]. Besonders um 1800, in der Romantik, finden „Androiden der verschiedensten Art – und mit ganz verschiedenen Funktionen“[4] Eingang in die Literatur. Dazu gehören E.T.A. Hoffmanns Olimpia in Der Sandmann oder auch Jean Pauls hölzerne Ehefrau in Auswahl aus des Teufels Papieren. Zu den prominentesten Vertretern des frühen Films zählen neben Wegeners „Golem“ Fritz Langs Metropolis (Deutschland 1926) und Frankenstein (USA 1931) von James Whale[5].

Eine zentrale Figur, die mit vielen der genannten Beispiele in Verbindung gebracht werden kann, entspringt der griechischen und römischen Mythologie: Prometheus. So trägt Mary Shelleys Roman Frankenstein (1818), Vorlage der gleichnamigen Filmadaption und häufiger Gegenstand der Forschungsliteratur auf diesem Gebiet, den Untertitel Der moderne Prometheus. In dieser Hausarbeit soll daher näher auf den Prometheus-Mythos eingegangen werden. Auf dieser Grundlage findet eine Analyse des Films Blade Runner und des Romans Frankenstein statt, die hinsichtlich der Prometheus-Sage verglichen werden sollen. Kann abschließend auf dieser Basis die Aussage getroffen werden, dass Prometheus als Motiv in Literatur und Film Verwendung findet?

2 Prometheus-Mythos in der Literaturgeschichte

Der erste überlieferte Text, der den Mythos des Prometheus behandelt, ist die Theogonie von Hesiod, die um 700 v. Chr. entstanden ist[6]. Hesiod erzählt von der List, mit welcher der Titan Prometheus den Menschen das Feuer brachte, das Zeus der Menschheit verwehrte. Aus Rache erschufen die Götter Pandora (einen weiteren künstlichen Menschen), die auf der Erde ihre Büchse öffnete und damit die göttlichen Untugenden auf der Welt verbreitete[7]. Die Funktion des Prometheus beläuft sich hier vor allem auf die Erklärung des weltlichen Übels: „Das Feuer des Prometheus ist schuld am leidvollen Dasein der Gegenwart“[8]. Durch Der gefesselte Prometheus, das etwa 470 v. Chr. von Aischylos verfasst wurde[9], erhält die heute bekannte Prometheus-Sage laut Robert Bees einen weiteren Schwerpunkt. Er bezeichnet das Götterdrama als „[d]ie Lehre vom tierhaften Urzustand des Menschen“[10]. Aischylos schreibt unter anderem: „Was Menschen wissen, von Prometheus haben sie’s“[11]. Der Fokus liegt in diesem Text auf der Menschenfreundlichkeit des Prometheus, die den Aufstieg des Menschen zur kultivierten Lebensform zur Folge hat. „[D]iese Kultur, so deutet es der Dichter, ist die Folge des Feuerraubs“[12], schließt Bees. In beiden Fällen folgt auf die Rebellion die göttliche Strafe: Prometheus wird für seine Vergehen an einen Felsen gefesselt und dadurch entmachtet.

Ein wichtiger Aspekt der Prometheus-Sage stammt jedoch aus der römischen Mythologie. Dort ist Prometheus „der Menschenbildner, der seine Geschöpfe aus Lehm und Wasser formt“[13]. In Ovids Metamorphosen heißt es: „Aber Japetus Sohn, mit fließender Welle sich mischend,/ Bildete jen‘ in Gestalt der allversorgenden Götter.“[14] Günter Peters merkt außerdem einen wesentlichen Aspekt des Prometheus-Mythos an, der charakteristisch für sämtliche Schöpfungsmythen ist: „[I]mmer dreht er sich um die ersten und letzten Fragen, die die Menschen sich selber stellen und an die Welt richten: Wer sind wir, woher kommen wir, wohin gehen wir?“[15]

Auf dieser Grundlage basieren die Prometheus-Texte der neueren Literaturgeschichte. Direkt thematisiert wird der Titan beispielsweise in Johann Wolfgang Goethes frühem Gedicht Prometheus (1785). Eva Kormann sieht darin „die Selbstfeier eines Schöpfers, der unabhängig sein will und mit seinen Geschöpfen spielt“[16]. Das Aufbegehren des Titanen steht in Percy Bysshe Shelleys Drama Prometheus Unbound (1820) im Vordergrund. Kormann beschreibt Prometheus in diesem Text als „Vorkämpfer der Menschheit, als einen, der sich im Namen seiner Geschöpfe und Schützlinge auflehnt gegen einen ungnädigen Schöpfergott“[17].

Diese verschiedenen Elemente können als eine Art Motiv zusammengefasst werden: Die Prometheus-Figur ist ein Schöpfer neuen Lebens, der sich mit seiner Kreation der göttlichen Ordnung widersetzt und dafür bestraft wird. Die eigene Autonomie, aber auch die Frage nach der persönlichen Identität sind Motivatoren für Kreateur und Kreatur.

3 Schöpfer und Geschöpf in Frankenstein und Blade Runner

Thomas Koebner sieht eine „Logik bei der Erfindung prometheischer Geschöpfe“[18]: Die Erfindung misslingt, wodurch sich „die Unvollkommenheit des Menschen in seinem Werk spiegelt“[19]. Die Fehler des Geschöpfes verweisen direkt auf die Prometheus-Figur. Das Geschöpf könnte jedoch die Mängel des Menschen korrigieren und damit in Teilen perfekter als der Mensch ausfallen. Trotzdem gelingt es den künstlichen Lebensformen nicht, „das Spektrum der menschlichen Möglichkeiten völlig auszuschöpfen“[20], auch wenn sie sich in der Regel möglichst menschenähnlich verhalten. Prinzipiell gilt: Der prometheische Akt bedeutet „Hybris, Revolte, Aufruhr gegen die göttliche Schöpfung“[21] und verstößt damit gegen die „traditionelle Legitimität“[22]. Dadurch, dass das Geschöpf unrechtmäßig geschaffen wurde, wird es sich dann auch unrechtmäßig verhalten, sich gegen seinen Schöpfer auflehnen und einen eigenen Willen entwickeln.

Vor der Folie des Prometheus-Mythos und Koebners Überlegungen sollen im Folgenden sowohl die Prometheus-Figuren als auch die prometheischen Geschöpfe in Mary Shelleys Frankenstein, or The Modern Prometheus und Ridley Scotts Blade Runner genauer untersucht werden. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf den Beziehungen der jeweiligen Figuren miteinander.

3.1 Charakteristika der Prometheus-Figuren

Prometheus-Figur ist bei Shelley der junge Wissenschaftler Viktor Frankenstein, der in seinen Experimenten eine namenlose Kreatur erschafft. Bei Scott ist es Dr. Eldon Tyrell, Gründer der Tyrell-Corporation, die die künstlichen Menschen, Replikanten genannt, produziert.

3.1.1 Das Scheitern des Schöpfergenies in Frankenstein

Den Hauptteil des Romans macht die Binnenerzählung Viktor Frankensteins aus. Dieser berichtet dem Erzähler der Rahmenhandlung, Robert Walton, seine Lebensgeschichte. Frankenstein erklärt seine frühesten Erinnerungen mit den Worten:

My mother’s tender caresses and my father’s smile of benevolent pleasure while regarding me, are my first recollections. I was their plaything and their idol, and something better – their child, the innocent and helpless creature bestowed on them by heaven, whom to bring up to good[23].

Diese „Schilderungen eines nahezu paradiesischen Lebens im Kreise der Familie“[24] stehen im Kontrast zu Frankensteins späterem Leben, das er in Isolation verbringt: Auf Wunsch des Vaters verlässt er die Heimat in Genf, um sein Studium in Ingolstadt aufzunehmen[25]. Das Wegfallen der Familienidylle wird von Frankenstein durch die Vertiefung in wissenschaftlicher Arbeit kompensiert. Dabei möchte er in noch unerforschte Gebiete vorstoßen: „[M]ore, far more will I achieve: [...] I will pioneer a new way, explore unknown powers, and unfold to the world the deepest mysteries of creation”[26]. Kormann erklärt Frankensteins Forscherdrang mit einem hybriden Streben nach Einzigartigkeit: „Er will sich ein Denkmal setzen in der naturwissenschaftlichen Welt, und er will es nicht mit harmlosen Laborspielen“[27].

Seine Suche nach dem „elixir of life“[28] stellt sich als erfolgreich heraus, denn ihm gelingt die Kreation künstlichen Lebens. Doch in dem Moment, in dem die Kreatur seine Augen aufschlägt, ist Frankenstein von seiner wissenschaftlichen Entdeckung schockiert: „[B]ut now that I had finished, the beauty of the dream vanished, and breathless horror and disgust filled my heart”[29]. Mit der Flucht aus dem Labor lässt er nicht nur seine künstliche Lebensform zurück, die er fortan als „daemon“[30] bezeichnet. Er entzieht sich damit auch jeglicher Verantwortung seiner Schöpfung gegenüber. Erst sehr viel später wird Frankenstein sich dieser bewusst, als die Kreatur ihn gegen Ende des Romans dazu zwingt, einen weiblichen Gegenpart zu kreieren. Aus der Furcht heraus, das ‘Monster-Paar’ könne sich fortpflanzen und damit zu einer Bedrohung für die Menschheit werden, erkennt Frankenstein seine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft: „I shuddered to think that future ages might curse me as their pest, whose selfishness had not hesitated to buy its own peace at the price, perhaps, of the existence of the whole human race.“[31] Er zerstört deshalb das fast vollendete Werk. Der anfängliche Frieden kann dadurch jedoch nicht wiederhergestellt werden, denn aus Rache tötet die Kreatur sämtliche Familienmitglieder und Freunde Frankensteins. Eine Wiedereingliederung in die Familienidylle wird dadurch unmöglich gemacht. Auch für Frankenstein selbst sind die Konsequenzen aus seinem Handeln tödlich. Um seine Schöpfung endgültig zu vernichten, verfolgt er sie bis in die Arktis, wo er letztendlich an Erschöpfung stirbt. „Sein Versuch, ein moderner Prometheus zu sein, scheitert kläglich“[32], schließt Kormann. Denn seine prometheische Schöpfung stellt sich als Katastrophe heraus. Gestützt wird diese Schlussfolgerung durch die Tatsache, dass Frankensteins Monster – nach dem Tod seines Schöpfers – aus Reue Selbstmord begeht, sodass auch die Schöpfung nach dem Fall der Prometheus-Figur nicht fortbesteht. „Das Subjekt, das sich autonom wünscht, aber in Einsamkeit und Beziehungsunfähigkeit zugrunde geht, ist verkörpert durch Frankenstein”[33].

3.1.2 Der Vatermord in Blade Runner

Dr. Eldon Tyrell tritt lediglich in zwei Szenen des Films auf, die jedoch Aufschluss über Tyrell als Prometheus-Figur geben. Er unterscheidet sich in seinem Handlungsmotiv von Viktor Frankenstein. Denn im Gespräch mit dem Protagonisten Rick Deckard offenbart Tyrell die Beweggründe hinter der Kreation von Rachael, einer Replikantin, die denkt, sie wäre ein Mensch:

[...]


[1] Ovid: Metamorphosen, S. 228f.

[2] Eva Kormann: Künstliche Menschen oder der moderne Prometheus. Der Schrecken der Autonomie. In: Textmaschinenkörper. Genderorientierte Lektüren des Androiden. Hg. von Eva Kormann, Anke Gilleir und Angelika Schimmer. Amsterdam/New York 2006, S. 74.

[3] Vgl. Thomas Koebner: Wovon träumen die Geschöpfe des Prometheus? Künstliche Menschen im Film. In: Prometheus. Mythos der Kultur. Hg. von Edgar Pankow und Günter Peters. München 1999, S. 197f.

[4] Eva Kormann: Künstliche Menschen oder der moderne Prometheus, S. 75.

[5] Vgl. Thomas Koebner: Wovon träumen die Geschöpfe des Prometheus, S. 196ff.

[6] Vgl. Günter Peters: System Prometheus. Aktuelle Inanspruchnahmen eines Mythos. In: Prometheus. Mythos der Kultur. Hg. von Edgar Pankow und Günter Peters. München 1999, S. 29.

[7] Vgl. Eva Kormann: Künstliche Menschen oder der moderne Prometheus, S. 73.

[8] Robert Bees: Das Feuer des Prometheus. Mythos des Fortschritts und des Verfalls. In: Prometheus. Mythos der Kultur. Hg. von Edgar Pankow und Günter Peters. München 1999, S. 49.

[9] Günter Peters: System Prometheus, S. 29.

[10] Robert Bees: Das Feuer des Prometheus, S.53.

[11] Aischylos: Der gefesselte Prometheus. Die Schutzsuchenden. Hg. von Philipp Reclam. Stuttgart 1965, S. 25.

[12] Robert Bees: Das Feuer des Prometheus, S.55.

[13] Eva Kormann: Künstliche Menschen oder der moderne Prometheus, S. 74.

[14] Ovid: Metamorphosen. Hg. von Hansjörg Kohl. Köln 2010, S.11.

[15] Günter Peters: System Prometheus, S. 26.

[16] Eva Kormann: Künstliche Menschen oder der moderne Prometheus, S. 78.

[17] Ebd., S. 78.

[18] Thomas Koebner: Wovon träumen die Geschöpfe des Prometheus, S. 193.

[19] Ebd.

[20] Ebd.

[21] Ebd.

[22] Ebd.

[23] Mary Shelley: Frankenstein. Hg. von Harper Press. London 2010, S. 23.

[24] Britta Hinz: Mary Shelley. Das Motiv der Isolation in Frankenstein, or The Modern Prometheus und The Last Man. Kiel 1995, S. 18.

[25] Vgl. Mary Shelley: Frankenstein, S. 32.

[26] Ebd., S. 37.

[27] Eva Kormann: Künstliche Menschen oder der moderne Prometheus, S. 79.

[28] Mary Shelley: Frankenstein, S. 29.

[29] Ebd., S. 45f.

[30] Ebd., S. 86.

[31] Ebd., S.150.

[32] Eva Kormann: Künstliche Menschen oder der moderne Prometheus, S. 79.

[33] Ebd., S. 79.

Details

Seiten
17
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656844587
ISBN (Buch)
9783656844594
Dateigröße
438 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v284381
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel – Neuere Deutsche Literatur und Medien
Note
1,7
Schlagworte
film noir neo noir prometheus science fiction frankenstein blade runner

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