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Leni Riefenstahl. Eine Suche nach sich selbst

Bachelorarbeit 2013 44 Seiten

Germanistik - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einführung

1. Die frühe Leni
1.1. Anfänge – Kindheit und Jugend
1.2. Karriere als Schauspielerin und Regisseurin

2.Leni und die Zeit des Nationalsozialismus
2.1. Leni und Hitler
2.2. Im Dienste des Nationalsozialismus

3. Die späte Leni.
3.1. Die Nachkriegszeit
3.2. Die Flucht nach Afrika
3.2.1. Die Nuba
3.2.2 Die Unterwassefotografie
3.3. Die letzten Jahre

Schlussfolgerungen

Streszczenie

Abbildungsnachweis

Einführung

Das Thema meiner Bachlor Arbeit lautet Leni Riefenstahl eine Suche nach sich selbst. Leni Riefenstahl ist eine der kontroversesten Frauen des vergangenen Jahrhunderts. Einerseits eine hervorragende Regisseurin mit einzigartigem Talent und Stil, andrerseits eine ethisch inkorrekte Künstlerin, die mittels verfügbarer Medien zu der Propaganda des Nationalsozialistischen-Regime beitrug. Leni Riefenstahl ist ein Bespiel für eine duale Persönlichkeit. Beim Lesen ihrer Memoiren gewinnt man tatsächlich den Eindruck, als hatte sie nichts vom Schrecken des Nationalsozialismus gewusst und versteht die geübte Kritik ihr gegenüber ihr nicht. Doch mittlerweile hört man auf, die nur im Anschein naive Frau zu rechtfertigen. Jahrelang stand sie an Adolf Hitlers Seite. Leni Riefenstahl wagte es nicht dem Führer zu wiedersprechen und erfüllte seine Film–Wünsche. Mit ihrer Hilfe entstanden die mächtigsten Propagandafilme des Nationalsozialismus. Sie drehte vor allem die Parteitag Trilogie, die die damalige Gesellschaft die sehr stark beeinflusste. In ihren letzten Lebensjahren versuchte sie die Aufmerksamkeit der Medien auf ihre späteren Werke (vor allem auf die Kunstfotografie) zu lenken, doch das gelang ihr nicht. Obwohl die Filmkritiker über sie nicht einig sind, Fakt ist, dass ihr Name in der Geschichte der Filmkunst schon wohl für immer einging, da Leni eine Revolution in der Filmindustrie durchführte. Riefenstahl war immer brilliant, wenn sie etwas zum ersten Mal machte. So war es mit dem Sport, Tanzen, Schauspielen, mit der Regie und Fotografie. Doch ihre weiteren Versuche sind ihr meistens nicht mehr gelungen.

In meiner Bachelorarbeit stelle ich eine geraffte Geschichte des Lebens von Leni Riefenstahl vor. Angefangen von ihrer Kindheit und Jugend, über ihre Sport - und Tanzkarriere einschließlich der Schauspielkunst und ihren am heftigsten diskutierten Lebensmoment – der Bekanntschaft mit Adolf Hitler, bis zu ihren letzten Beschäftigungen in Afrika und ihren Tod. Den Schwerpunkt lege ich auf ihre lebenslängliche Suche nach ihrer Berufung und ihrem Selbst.

Das was mich dazu bewegte dieses Thema zu wählen, war einerseits die Bewunderung für Riefenstahl, andrerseits die Verständnislosigkeit und der Wille ihre Version der Geschehen kennenzulernen, um sich ein objektives Bild von ihrer Person zu machen. Während meiner „Reise“ durch ihr Leben, hatte ich vor die Tatsache zu berücksichtigen, dass sie eine Künstlerin war. Ich wollte ihr Verstehen schenken, da ich mir dessen bewusst bin, dass man für die Kunst viel opfern kann.

Meine Arbeit besteht aus drei Kapiteln. Das Erste Die frühe Leni mit zwei Unterkapiteln: Anfänge - die Kindheit, Jugend und Karriere als Schauspielerin und Regisseurin. Das zweite Kapitel Leni und die Zeit des Nationalsozialismus implizit zwei Unterkapitel Leni und Hitler und Im Dienste des Nationalsozialismus [?]. Das dritte Kapitel Die späte Leni beinhaltet drei Unterkapitel: Die Nachkriegszeit, dann die Flucht in das Afrika das noch weitere Unterkapitel hat, nämlich die Nuba gefolgt von Die Unterwasserfotografie und zuletzt Die letzten Jahre.

Als Ziel meiner Arbeit stellte ich mir, Leni Riefenstahl sowohl als eine Künstlerin als auch einen Menschen der nach seinem Ich sucht, darzustellen. Meine Absicht war es zu zeigen, was Leni selbst von ihrem Leben zu sagen hatte und wie es gegenüber den Fakten stand. Obwohl sie unbestreitbar eine sehr talentierte und vielseitige Künstlerin war, war sie meines Ansehen nach nicht empathisch und deswegen nicht im Stande in ihren Werken ethisch zu handeln. Das was einen wahren Künstler vor allem auszeichnen sollte, ist das Einfühlungsvermögen, das Leni Riefenstahl offensichtlich nicht hatte. Das verifizierte sie ein für alle Mal. Nach der Zeit des Nationalsozialismus wurde die Problematik der Ethik und Ästhetik in Lenis Riefenstahls Werken immer häufiger betont.

1. Die frühe Leni

1.1. Anfänge – Kindheit und Jugend

In meiner Jugend war ich ein glücklicher Mensch. Als «Naturkind» wuchs ich auf, unter Bäumen und Sträuchern, mit Pflanzen und Insekten, behütet und abgeschirmt, in einer Zeit, die weder Radio noch Fernsehen kannte.[1]

Helene Bertha Amalia Riefenstahl wurde am 22. August 1902 in Berlin geboren. Ihr Vater Alfred Riefenstahl war ein Installateur. Ihre Mutter Bertha Ida Riefenstahl, geborene Scherlach, beschäftigte sich mit dem Haushalt. Helene hatte einen zwei Jahre jüngeren Bruder - Heinz Riefenstahl. Lenis Traum war von jung an Schauspielerin zu werden. Schon als kleines Kind machte es ihr Spaß, sich zu verkleiden. Ihre Mutter hatte denselben Traum aber leider gelang es ihr nicht, ihn zu verwirklichen, da sie mit 22 heiratete. So übertrug sie ihre unerfüllten Wünsche auf ihre Tochter:

Die Hände über dem Bauch gefaltet, hatte sie während ihrer Schwangerschaft gebetet: Lieber Gott, schenke mir eine wunderschöne Tochter, die eine berühmte Schauspielerin werden wird.[2]

Doch als Leni zur Welt kam und ihre Mutter sie zum ersten Mal erblickte, war sie sehr betroffen:

Das Kind, das sie am 22. August 1902 zur Welt brachte, schien freilich aber eine Ausgeburt an Häßlichkeit zu sein, verschrumpelt, mit struppigem dünnen Haar und schielenden Augen. Meine Mutter weinte sehr, als sie mich zum ersten Mal betrachtete, und für mich war es ein geringer Trost, wenn die Kameraleute mir später versicherten, mein «Silberblick» eigne sich hervorragend für das zweidimensionale Medium Film.[3]

Schon seit der frühen Kindheit war Leni sportlich aktiv. Das war damals eine Ausnahme, denn nur wenige hatten in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg regelmäßig Sport getrieben. Mit fünf lernte sie schwimmen. Bei den ersten Proben ist sie fast ertrunken. Mit zwölf betrat sie den Schwimmclub <<Nixe>>. Nach mehreren Preisen, die sie sich holte, musste sie das Schwimmen für einige Zeit unterbrechen. Sie verunglückte bei einem Kopfsprung vom Dreimeter-Brett. Danach trat sie einem Turnverein bei. Das Turnen war für sie eine große Leidenschaft,. Ihre Lieblingsgeräte waren Barren und Ringe. Auch hier hatte sie Unglück. Während eines Kopfstandes an den Ringen, ließ jemand die Seile los und sie stürzte in die Tiefe. Sie bekam eine schwere Gehirnerschütterung und biss sich beinahe ihre Zunge ab. Da ihr Vater nichts davon wusste, bestrafte er sie und ihr Abenteuer mit Turnen ging schnell zu Ende. Doch der Drang körperlich aktiv zu sein war sehr stark. Sie ersetzte das Verbot zu turnen mit Rollschuh- und Schlittschuhlaufen.

Ziemlich früh wurde Leni Riefenstahl eine Einzelgängerin, da sie niemanden hatte, mit dem sie ihre Gedanken teilen könnte. Ihre Eltern, die für sie als Kind gleich große Autoritäten waren, vertraten oft andere Meinungen. Darunter soll sie sehr gelitten haben, da sie nicht wusste, wer Recht hat. Sie quälte sich mit vielen Gedanken, wie z.B. die Todesstrafe, persönliche Freiheit oder Religion.

Ihre Freizeit verbrachte Leni häufig mit ihrer Familie auf Rauchfanswerder (Halbinsel im Zeuthener See). Dort hatten ihre Eltern ein Grundstück, am See gelegen, mit einer verwilderten Wiese. Sie pflanzten dort Obst und Gemüse. Ihr Vater, der sonst ein sehr strenger Mann war, war dort viel friedfertiger als in der Stadt. Anders als zu Hause, wo sie kaum Zeit zu zweit verbrachten, forderte er seine Tochter oft auf, mit ihm Schach oder Billard zu spielen.

Lenis Persönlichkeit als Kind war sehr komplex. Einerseits glaubte sie eine Zeit lang Nonne zu werden, da ihr die Abgeschlossenheit der Klöster und Arbeit im Garten sehr gefielen. Sie hat sich oft alleine in ihrem Zimmer oder Hüttchen am See abgeschlossen und geträumt. Nicht selten von der Natur begeistert schrieb sie Gedichte und Theaterstücke. Anderseits hatte sie Spaß mit anderen Kindern am Rudern, Segeln, Klettern, Schwimmen. Im ersten Schuljahr zog Leni mit ihren Eltern nach Berlin-Neukölln um. Dort erlebte sie sowohl Schönes und Sorgenloses, als auch Schreckliches. Eins der Erlebnisse hat sie sehr gut im Gedächtnis behalten, das sie mit folgenden Worten beschrieb:

Damals in Berlin trieb sich ein Lustmörder herum. […] Er mordete Kinder und schlitzte ihnen den Bauch auf. Wir hatten alle große Angst vor ihm. Eines Abends sollte ich für meinen Vater Bier holen.[…] Mit einem Siphon - so wurden damals die Bierkrüge mit Deckelverschluß aus weißem Porzellan genannt - lief ich die Treppe hinunter. Plötzlich stockte ich. Vor einem Treppenhausfenster stand ein Mann, mit dem Rücken zur Treppe gewandt.[…] Als ich hinter seinem Rücken vorbeihuschte, blieb er bewegungslos stehen. Ich hatte große Angst und dachte, hoffentlich ist er nicht mehr da, wenn ich zurückkomme. Mit dem gefüllten Siphon stand ich vor der Tür unseres Hauses. Ich wagte nicht, es zu betreten. Was sollte ich tun? Meine Eltern konnte ich nicht verständigen. Telefon hatten wir nicht. Nachts auf der Straße bleiben, wollte ich auch nicht. So entschloß ich mich schließlich doch, nach oben zu gehen. Der Mann stand breitbeinig in genau derselben Stellung da wie vorher. Starr und schweigend schaute er auf das dunkle Fenster. Ich umklammerte meinen Bierkrug und rannte rückwärts, so schnell ich konnte, an ihm vorbei, mehrere Stufen auf einmal nehmend. Doch ich kam nicht weit. Er packte mich hinten am Mantelkragen, ich ließ den Bierkrug fallen und stürzte auf die Treppe, laut um Hilfe schreiend. Er legte seine Hände um meinen Hals und versuchte mich zu würgen, aber im gleichen Augenblick rissen einige Hausbewohner die Wohnungstüren auf. Der Lärm hatte sie alarmiert. Der Mann ließ mich los und flüchtete. Geblieben ist mir bis zum heutigen Tag ein Schock, wenn ich hinter mir Schritte höre.[4]

Fünf Jahre lang musste Leni als junges Mädchen, zwei Mal in der Woche Klavierstunden besuchen. Es gehörte damals zu bürgerlichen Verpflichtungen. Das machte sie aber zu Freude ihres Vaters, sie selbst, obwohl sie Musik sehr liebte, hasste diese Stunden.

Mit dem Klavierspielen ging es mir ähnlich wie mit der Malerei - für beides war ich begabt, so daß ich sogar für ein Schülerkonzert in der Philharmonie ausgewählt wurde, in dem ich mit großem Erfolg eine Sonate von Beethoven spielte. Aber die Leidenschaft fehlte, die ich für den Tanz so stark empfand.[5]

Solange sie mit ihren Eltern wohnen musste (bis zum 21.Lebensjahr), durfte sie mit keinen Jungen ausgehen. Sogar Kinobesuche ohne Begleitung von einem der Elternteile, waren ihr nicht erlaubt. Ihr Vater wurde immer sehr wütend, wenn die Männer sich nach ihr umdrehten. In der Schulzeit hatte Leni keine für Mädchen typischen Interessen:

Ich fing an Flugzeuge zu zeichnen, die eine größere Anzahl von Leuten befördern konnten. Eine zivile Luftfahrt gab es noch nicht. Wir befanden uns im letzten Kriegsjahr. Flugzeuge wurden nur an der Front eingesetzt. Viele wurden abgeschossen und verbrannten mit ihren Piloten. Wieviel besser wäre es, dachte ich, wenn Flugzeuge die Menschen friedlich von Stadt zu Stadt bringen würden. Ich arbeitete einen exakten zivilen Luftfahrtplan aus, der die wichtigsten deutschen Städte miteinander verband, und veranschlagte auch die Kosten für die Herstellung der Maschinen, den Bau von Flugplätzen und den nötigen Benzinverbrauch, um die Preise für die Flugkarten zu errechnen.[6]

Diese Arbeit habe sie sehr fasziniert. Als Leni Riefenstahl 16 wurde, fing sie an – eigentlich durch einen Zufall – zu tanzen. Man suchte nämlich 20 Mädchen zum Film Opium. Sie ging dort aus Neugier hin. Inzwischen beobachtete sie in der Grimm-Reiter-Schule, wo der Casting stattfand, eine Tanzstunde. Es hat ihr so gefallen, dass sie sich sofort anmeldete und schon bald nahm sie zwei Mal pro Woche Tanzunterricht, obwohl sie wusste, dass es ihrem Vater nicht gefallen würde und deswegen auch verheimlichte sie es mit ihrer Mutter. Schon bald widmete sie dem Tanzen noch mehr Zeit, weil sie zusätzlich noch 2 Mal pro Woche Balletunterricht nahm.

Von nun an machte ich große Fortschritte und wurde in kurzer Zeit eine Meisterschülerin. Obwohl ich nun schon seit drei Monaten an dem Unterricht teilnahm, blieb es meinem Vater verborgen. Dadurch ermutigt, beschloß ich, auch den Ballettkurs mitzumachen. So ging ich nun viermal in der Woche zum Unterricht. Bald konnte ich bereits auf den Spitzen tanzen und ließ mir von meinen Freundinnen die Glieder verrenken, so daß ich sie wie eine Gummipuppe bewegen konnte.[7]

Mit 16 Jahren hat sie das erste Mal in einem Film gespielt. Das war eigentlich auch ein Zufall, denn sie wurde von einem Regisseur auf der Straße angesprochen.

In einem kleinen Zimmer-Atelier in der Belle-Alliance-Straße spielte ich die Rolle eines jungen Köhlermädchens. An den Namen dieses Regisseurs kann ich mich nicht mehr erinnern, ich weiß nur noch, daß er mir eine große Zukunft prophezeite. An den Aufnahmen selbst, also an meinem eigentlichen Film-Debüt, habe ich nicht viel Freude gehabt. Die Angst, mein Vater könnte davon erfahren, peinigte mich zu sehr. Deshalb hatte der Regisseur mich durch Frisur und Maske so verändern müssen, daß ich mich dann im Kino selbst nicht wiedererkennen konnte.

Kurz danach fand auch ihr Tanz-Debüt statt - erstaunlicherweise auch zufällig. Sie sprang für eine bekannte Tänzerin, die krank wurde an einem Tanzabend in ihrer Schule ein. Ihr Auftritt war sehr gut und sie bekam einen lang anhaltenden Beifall. Zu allem Unglück sah den Auftritt ein Bekannter der Familie und gratulierte ihrem ahnungslosen Vater zu einer begabten Tochter. Das hatte schreckliche Konsequenzen. Ihr Vater wollte sich von seiner Frau scheiden lassen, da sie alles vor ihm verheimlichte. Leni konnte es nicht ertragen, ihre Mutter leidend zu sehen und beschloss ihre Wünsche zu begraben, indem sie ihrem Vater geschworen hat nicht mehr zu tanzen. Ihrem Vater zuliebe entschied sie sich Malerei zu lernen. Sie bestand die Aufnahmeprüfung in der staatlichen Kunstgewerbeschule und besuchte von jetzt an die Zeichenschule.

Inzwischen meldete ihr Vater sie an ein Mädchen-Pensionat in Thale an. Obwohl sie es nicht wollte, musste sie dorthin. Ihr Vater wollte, dass sie dort streng behandelt wird und Tanzen und Schauspielen vergisst. Leider hat er es nicht geahnt, dass dort Theaterspielen zum Vergnügen der Schüler gehörte. Zusätzlich hatte ihre Zimmerkameradin und dann sehr gute Freundin denselben Traum wie Leni, nämlich Schauspielerinn zu werden. Sie engagierte sich sehr in das Theater-Leben der Schule und am Wochenende besuchte sie häufig die Freilichtbühne in Thale, wo vorwiegend klassische Stücke aufgeführt wurden.

Nun musste sich Leni für eine Berufsausbildung entscheiden. Sie interessierte sie für vieles aber für nichts so sehr, dass sie es hätte studieren wollen. Nichts mit Ausnahme von Tanzen. Sie beschloss ihrem Vater zuliebe in seiner Firma als Sekretärin zu arbeiten – worüber er sich sehr freute und ihr sogar den Tanzunterricht erlaubte. Bald gab sie sich auch einem neuen Hobby hin – dem Tennis. Unglücklich erlitt sie während eines Spieles sehr heftige Gallenkolik. Es war so schlimm, dass sie ins Krankenhaus gebracht und sofort operiert wurde – man nahm die Gallenblase heraus. Sie war sehr froh von der Gallenkolik befreit zu sein, da sie sie schon seit vielen Jahren immer wieder befallen hatte.

Einige Monate später zog Leni mit ihrer Familie um. Sie musste jetzt zur Arbeit mit dem Zug fahren. Das war für sie sehr anstrengend, da sie noch Tanzunterricht nahm und als sie nach Hause kam, war es schon sehr spät. Dazu hat sich ihr Vater seit längerer Zeit sehr merkwürdig benommen und mit ihr überhaupt nicht gesprochen. Die Mutter und Leni litten sehr unter diesem Zustand. Eines Abends hat es sich erwiesen, worum es ging. Ihr Vater warf ihr vor, sie arbeitete in seiner Firma nur, weil er ihr dadurch das Tanzen erlaube. Er schrie die ganze Zeit und war sehr wütend. Leni beschloss den Koffer zu packen und von zu Hause auszuziehen. Sie war einerseits traurig, weil ihre Mutter weinte und andrerseits fühlte sie sich befreit. Sie schwor sich nicht zurückzukommen. Es kam aber ganz andres als sie gedacht hat. Schon am nächsten Tag wurde Leni von einem Angestellten ihres Vaters ins Büro bestellt. Sie hatte fürchterliche Angst. Ihr Vater teilte ihr mit, dass er mit der Tanzausbildung einverstanden sei, aber nur zuliebe seiner Frau. Er sagte auch, dass er überzeugt sei, dass Leni nicht für das Tanzen geeignet sei, aber er will nicht später hören, dass er ihr das Leben zerstört habe. Noch an demselben Tag gingen Leni und ihr Vater zur einer hervorragenden russischen Balletlehrerin und Solotänzerin aus Petersburg - Eugenie Eduardowa. Sie schrieben sie an und Leni begann ihre Ausbildung. Sie war eigentlich fürs Ballett schon zu alt. Trotzdem trainierte sie hart und nach einem Jahr war sie eine der Besten in der Schule. Das soll eine wunderbare Zeit für sie gewesen sein. Es gab aber auch schwere Momente. Währen ihrer Tanzausbildung musste sie mehrmals größere Pausen machen. Drei Mal hat sie sich die Füße gebrochen. Hat aber mit dem Tanzen immer wieder neu angefangen.

In dieser Zeit war Leni Riefenstahl schon 21 Jahre alt. Alle ihre Freundinnen hatten schon längst einen festen Freund oder sogar Ehemänner. Seit längerer Zeit dachte sie an einen viel älteren Mann – Otto Froitzheim, den sie während der Zeit als sie Tennis spielte, kennenlernte. Das erste Treffen mit dem Mann empfand sie als eine große Enttäuschung. Sie erlebte es sehr tief und wollte von Berlin weg. Erstaunlicherweise hat es ihr der Vater erlaubt und meldete sie bei der Marz-Wigman-Schule in Dresden an. Dort kam sie in die Meisterklasse. Sie fühlte sich aber dort sehr einsam und unglücklich. Auch der Stil, den sie gelernt hat, war ihr zu abstrakt. Inzwischen bekam sie von Otto einen Brief mit einer Entschuldigung und nach paar Tagen war er bei ihr. Es begann eine Beziehung zwischen ihnen. Leni gab die Tanzstunden in Dresden auf und setzte ihren Tanzunterricht in Berlin fort. In dieser Zeit spielte für sie auch die Malerei eine besondere Rolle. Sie besuchte öfters das Museum und verschiedene Ausstellungen.

Am 23. Oktober 1923 fand ihr erster Tanzabend statt. Über Nacht wurde sie berühmt. Das beste war für sie aber, dass ihr Vater jetzt an sie glaubte und ihr gratulierte. Sie erhielt von allen Seiten Angebote und man schrieb von ihr in den Zeitungen. Einer der ersten, die sie engagierten war Max Reinhard. Sie tanzte im Theater sechs Tage pro Woche. Danach erhielt sie noch mehr Angebote und tanzte fast jeden Abend in einer anderen Stadt. Überall erlebte sie Erfolg sowohl beim Publikum als auch bei Presse. Nach wenigen Monaten tanzte sie im Ausland. Ihre Mutter hat sie immer begleitet und nähte für sie die Kostüme. Es war für sie eine sehr harte aber glückliche Zeit. Sie verdiente auch sehr viel Geld. Sie bekam verschiede Filmangebote, die sie aber ablehnte. Weil sie sich nur dem Tanzen widmen wollte, musste sie auf vieles verzichten, z.B. auf das Privatleben.[8]

Bald geschah aber ein Unglück. Während eines Auftritts in Prag, bei der Aufführung eines ihrer Sprünge hat sie sich das Knie verletzt. Sie führte den Tanz zu Ende, ohne die Schwere des Unfalls zu ahnen. Leider musste sie ihre anderen Tanzabende absagen. Die Ärzte sagten sie hätte eine Bänderzerrung und eine Operation sei nicht möglich. Das einzige was sie tun konnte, war sich ausruhen. Sie wollte an die Diagnose nicht glauben und besuchte noch weitere Spezialisten, die ihr aber das gleiche empfohlen haben. Sie hoffte aber, die Schmerzen werden bald vergehen. Sie konnte sich nur mit Hilfe eines Stockes bewegen. In dieser Zeit hat sich Otto Froitzheim sehr um sie gekümmert. Bald machte er ihr einen Heiratsantrag und fing die Vorbereitungen zur Hochzeit an. Innerlich wollte Leni ihn nicht heiraten, hatte aber keinen Mut es ihm zu sagen.[9]

1.2. Karriere als Schauspielerin und Regisseurin

Leni Riefenstahls Geschichte mit dem Film fing, wie vieles in ihrem Leben zufällig an. Während sie auf den Zug zu einem renommierten Internisten wartete, erblickte sie auf dem Bahnhof ein Plakat des Filmes Berg des Schicksals. Statt zum Arzt zu fahren, ging sie ins Kino. Sie war von der Aufführung begeistert und beschloss bald in die Dolomiten, wo der Film gedreht wurde, zu verreisen. Dort ging ihr Traum in Erfüllung und sie begegnete dem Hauptdarsteller. Nach der Rückkehr gelang es ihr ein Treffen mit dem Regisseur Arnold Fanck zu vereinbaren. Sie wollte in einem seiner Bergfilme mitspielen und erzählte ihm viel von sich. Er kannte die junge Tänzerin nicht und war anfangs nicht besonders von ihr begeistert. Hartnäckig schickte sie ihm einige Fotos und Kritiken aus den Zeitungen zu. Noch an demselben Abend mit der Hoffnung in einem der Bergfilme mitspielen zu können, meldete sie sich bei einem bekannten Arzt um ihr Bein zu heilen. Es erwies sich, dass es sich eine Knorpelwucherung gebildet hat und sie eine Operation benötigt. Am nächsten Tag unterzog sie sich der Operation, obwohl sie sich der Risiken bewusst war. Sie musste sechs Wochen lang im Krankenhaus liegen bleiben, ohne zu wissen, ob sie noch jeweils überhaupt laufen wird.[10]

Als Leni im Krankenhaus lag, besuchte sie überraschungsweise Arnold Fanck. Er brachte ein Geschenk mit - ein Manuskript. Auf der ersten Seite befand sich die Aufschrift: Der heilige Berg: geschrieben für die Tänzerin Leni Riefenstahl. Sie freute sich sehr auf die Arbeit an dem Film. In diesem Moment begann ihr neues und sehr langes Abenteuer mit dem Film.[11]

Bald fingen die Probeaufnahmen in Freiburg im Arnold Fancks Atelier an. Leni waren die Aufnahmen sehr wichtig, denn davon hing es ab, ob sie die Rolle bekommt. Die Proben sind gelungen und Riefenstahl bekam einen Vertrag. Seitdem war sie viele Jahre im sehr engen Kontakt zu Arnold Fanck, den sie als ihren geistigen Lehrer bezeichnete. Die Zeit der Darsteller-Karriere war für Leni Riefenstahl sehr anstrengend. Sie musste sich in der neuen Welt der Berge durchsetzen. Nicht leicht gelang es ihr das Skifahren und Bergsteigen zu erlernen. Ihre Knie setzten sich spürbar. Sie hat mit vielen Verletzungen diesen und die weiteren Filme bezahlt[12].

[...]


[1] Leni Riefenstahl: Memoiren 1902-1945. 2 Auflage, Mai 1994, S.15.

[2] Ebd.

[3] Ebd.

[4] Leni Riefenstahl: Memoiren 1902-1945. 2 Auflage, Mai 1994, S.20-21.

[5] Ebd., S.22.

[6] Leni Riefenstahl: Memoiren 1902-1945. 2 Auflage, Mai 1994, S.25.

[7] Ebd. S. 27.

[8] Leni Riefenstahl: Memoiren 1902-1945. 2 Auflage, Mai 1994, S.64.

[9] Leni Riefenstahl: Memoiren 1902-1945. 2 Auflage, Mai 1994, S.68.

[10] Leni Riefenstahl: Memoiren 1902-1945. 2 Auflage, Mai 1994, S.69-70.

[11] Ebd. S.73-74.

[12] Ebd. S.74-75.

Details

Seiten
44
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656840695
ISBN (Buch)
9783656840701
Dateigröße
1.6 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v284383
Institution / Hochschule
Uniwersytet im. Adama Mickiewicza w Poznaniu – Instytut Filologii Germańskiej ( Institut für germanische Philologie)
Note
voll befriedigend
Schlagworte
leni riefenstahl

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Titel: Leni Riefenstahl. Eine Suche nach sich selbst