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Buchbesprechnung: "Globalisierung. Ein interdisziplinäres Handbuch"

Rezension / Literaturbericht 2014 14 Seiten

VWL - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Fakten zum Buch
1.1 Einleitung
1.2 Die Herausgeber und AutorInnen
1.3 Intention der Herausgeber
1.4 Aufbau des Handbuchs

2. Inhaltszusammenfassung ausgewählter Beiträge
2.1 Technik und technische Prozesse
2.2 Netzwerke
2.3 Internet
2.4 Gentechnologie

3. Fazit und Kritik

Quellenverzeichnis

1. Fakten zum Buch

1.1 Einleitung

Dieses Buch1 ist als Einführungsliteratur zum Thema Globalisierung insofern besonders geeignet, da es nicht wie die meisten Bücher, die den Prozess der Globalisierung zu beschreiben versuchen, als Monographie erschien und damit die fachwissenschaftliche Sichtweise eines Einzelnen darlegt (oft auch nur beschränkt auf die Periodisierung, Komponenten der Globalisierung oder Ursachen und Folgen). Hier haben die Herausgeber 2011 einen Sammelband veröffentlicht, der durch ganz verschiedene disziplinäre Perspektiven versucht, die wesentlichen Veränderungen in der Forschung und die Kontroversen gesamtheitlich zu erklären, um die wichtigsten Aspekte in der Globalisierungsdebatte nachvollziehen zu können. (5-6)2

1.2 Die Herausgeber und AutorInnen

Andreas Niederberger ist seit 2009 außerplanmäßiger Professor für Philosophie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Politischen Philosophie (Globalisierung, Theorien der Demokratie, des Rechts und der Gerechtigkeit), der Ethik sowie der Handlungs- und Sozialphilosophie (kollektives Handeln, Kritische Theorie).3 Neben der Einleitung hat er die Beiträge I.7 Technik und technische Prozesse, III.3.4 Internationale Ordnung und Steuerung zwischen Recht und Politik sowie das Glossar verfasst.

Philipp Schink ist ebenfalls am Institut für Philosophie der Goethe-Universität tätig und zwar als Wissenschaftlicher Mitarbeiter. Neben dem Handbuch zur Globalisierung hat er gemeinsam mit Andreas Niederberger in den letzten Jahren noch zwei weitere Bände herausgegeben: Kosmopolitanismus. Geschichte und Zukunft einer umstrittenen Idee (erschienen 2010), Republican Democracy. Liberty, Law and Politics (erschienen

2013).4 Er schrieb im Handbuch neben der Einleitung auch den Artikel zu III.2.1 Hunger und Armut und arbeitete am Glossar mit.

Die restlichen Beiträge und damit der Großteil des Handbuchs stammen von über 50 Autoren und Autorinnen aus verschiedensten Fachgebieten, die u.a. auch Beiträge zu fachfremden Bereichen verfasst haben. Das hat zur Folge, dass „Globalisierung zwangsläufig uneinheitlich in den verschiedenen Disziplinen bearbeitet“5 wird.

1.3 Intention der Herausgeber

Das Handbuch soll zeigen, welche Phänomene spezifisch als solche der Globalisierung aufgefasst werden können und welche Rolle dabei die einzelnen Wissenschaften spielen (begriffliche Differenzierung). Warum also wird nicht bloß von Internationalisierung oder auch transnationalen Institutionen etc. gesprochen? (3) Gibt es etwas, das die verschiedenen Zweige der Globalisierungsforschung miteinander verbindet? (4) Diese und weitere disziplinübergreifende Fragen werden im Handbuch angegangen.

Die Herausgeber unterscheiden in ihrer Einleitung Globalisierung als Prozess (Transformationen, die zur Auflösung ökonomischer, politischer und anderer kultureller Grenzen führen) und den Zustand der Globalität (die Tatsache der zunehmenden Interdependenz des menschlichen Lebens auf der Erde). (1) Das Handbuch soll nun die verschiedenen disziplinären Perspektiven auf diesen Zustand oder Prozess in einem Werk kaleidoskopartig vereinen und erstmalig in systematischer Zusammenschau zugänglich machen. Diesen Pluralismus erwartet man auch bei einem inter disziplinären Handbuch (die Herausgeber heben dahingegen die Trans disziplinarität der Gender Studies hervor). (7)

Als eine allgemeine Hauptproblematik sehen die Herausgeber die Frage an, ob Globalisierung einen Trend zur Vereinheitlichung (Universalisierung) oder eher eine Verstärkung von Partikularisierungstendenzen (Fragmentierung, Spezialisierung) impliziert. (4) Einige Forschungsansätze verbinden beide Aspekte und verstehen Globalisierung als eine Vielfalt dialektischer Prozesse.

Die Herausgeber sind sich zudem der Grenzen ihres Handbuchs bewusst und beanspruchen nicht, sämtliche bestehenden wissenschaftlichen Diskurse zum Themenkomplex Globalisierung vollständig abzubilden. Vielmehr soll aus dem existierenden Spektrum an Definitionsversuchen, Phänomenen, Theoremen und Kontroversen eine paradigmatische Auswahl wesentlicher Problembereiche erfolgen, um dann im Weiteren Übereinstimmungen und Divergenzen zwischen den einzelnen disziplinären Zugängen zu bilanzieren. (5)

1.4 Aufbau des Handbuchs

Das etwa 450-seitige Handbuch ist in fünf Hauptabschnitte gegliedert:

I) Phänomene von Globalisierung;

II) Globalisierungsforschung in Kultur- und Sozialwissenschaft; III) Kernthemen der Globalisierungsdiskussion;

IV) Glossar: Kernbegriffe der Globalisierungsdiskussion;

V) Anhang

Der erste Abschnitt hat die Funktion dem Leser durch Aufweisen neuartiger und bisher unzureichend analysierter Phänomene den Bedarf nach (wenn nicht gar die Notwendigkeit) einer Globalisierungsforschung ersichtlich zu machen. (6) In Abschnitt II werden die transformierenden Effekte untersucht, die der innerdisziplinäre Globalisierungsdiskurs wichtiger Wirtschafts-, Kultur- und

Sozialwissenschaften auf deren Methoden, Gegenstandsbereiche und Forschungsschwerpunkte hatte und hat. Dass Naturwissenschaften dabei kaum berücksichtigt wurden, erklären die Herausgeber u.a. mit ihren begrenzten Kompetenzen auf diesem Feld. (6) Der Abschnitt Nr. III nimmt den größten Teil des Handbuchs ein und ist in sechs umfangreiche Unterabschnitte aufgeteilt, die jeweils thematische Cluster zu den Kontroversen (Globalisierungskritik) und Konsequenzen der Globalisierung in verschiedenen Lebensbereichen darstellen (Wirtschaft, Politik, Religion) als auch die Relationen zu Technologie und Ökologie erläutern.

Sämtliche Einzelbeiträge werden von einem umfangreichen Literaturverzeichnis begleitet und später in Punkt V noch einmal zusammengefasst.

Das Glossar stellt eine wichtige Ergänzung zu den vielen unterschiedlichen Artikeln dar, indem hier wichtige im Handbuch genannte Begriffe und Abkürzungen kurz erklärt werden

Aber auch das im Anhang aufgeführte Sach- und Personenregister gibt Hilfestellung, um unkompliziert Querverbindungen nach zu gehen.

2. Inhaltszusammenfassung ausgewählter Beiträge

An dieser Stelle muss aufgrund der Quantität der Artikel stark selektiert werden. Da dieses Handbuch im Rahmen eines technikwissenschaftlichen Proseminars vorgestellt wurde, liegt es nahe, Beiträge, die dieses Thema aufgreifen, inhaltlich ausführlicher vorzustellen.

Bei der Zusammenfassung wird auch versucht einzelne Artikel auf Ursachen, Triebkräfte und natürlich die Rolle der Technik hin zu untersuchen, was aber aufgrund der vielen verschieden langen und mit unterschiedlichen Schwerpunkten aufbereiteten Beiträge nicht immer möglich ist.

2.1 Technik und technische Prozesse

Andreas Niederberger (einer der Herausgeber) und Andreas Wagner erläutern innerhalb des ersten Abschnitts des Handbuchs einen fundamentalen Phänomenbereich von Globalisierungsprozessen: technische Sachsysteme und deren Verwendungszusammenhänge in ihrer historischen Entwicklung und Bedeutsamkeit. Niederberger und Wagner nehmen aufgrund der grundlegenden Stellung der Technik im Leben der Menschen viele Themen und Problemfelder vorweg, die in späteren Ab- schnitten des Handbuchs erneut aufgegriffen werden (generell weist das Handbuch ein hohes Maß an Redundanz/Wiederholungen auf) Technische Medien und Infrastrukturen, so ihre Ausgangsthese, sind die Möglichkeitsbedingungen für den Ausbau grenzüberschreitender Interaktionen (Wirtschaft, Wissenschaft, Politik usw.), der gemeinhin Globalisierung genannt wird. Sie liefern die materiellen Voraussetzungen dafür u.a. in Form von Transport- und Kommunikationsmitteln (s. Kap. Netzwerke). (71) Die Entwicklung von (sicheren) Verkehrswegen (befestigte Straßen und Schienen) und Transportmitteln (Schiffe, Lokomotiven, Automobile, Flugzeuge) war eine der

Grundbedingungen für grenzüberschreitenden Warenhandel und auch für die diversen Formen der Nachrichtenübertragung. Schnelle und kostengünstige Möglichkeiten der Informationsübermittlung waren ausschlaggebend für die Verdichtung sozialer Kontakte (in allen kulturellen Bereichen). (72)

Durch die technologischen Innovationen auf dem Feld der elektronischen Telekommunikation im 19. Jhd. (Telegrafie, Telefonie und weitere Funk/Drahtlostechnologien) konnte sich die Kommunikation jedoch vom Verkehrswesen weitgehend emanzipieren. Dies war u.a. für die Koordinierung globaler Arbeitsteilung entscheidend. (72) Besonders neuere Entwicklungen in den Bereichen Elektrotechnik und Informatik haben zur Erhöhung der Geschwindigkeit und Sicherheit der Informationsübertragung beigetragen. Seit Beginn der 1970er Jahr stieg der Computer allmählich zum allgegenwärtigen Steuerungs- und Kommunikationsinstrument auf, das aufgrund der Flexibilität der Softwareprogrammierung mit Daten jeglicher Art umzugehen vermag. Nachrichten/Daten lassen sich über das Internet blitzschnell an weit entfernte Orte des Globus übermitteln, wodurch ein Eindruck von Unmittelbarkeit entsteht, der mittlerweile zur Selbstverständlichkeit geworden ist (s. Kap. Internet). Als letzten, aktuell relevanten Innovationsbereich führen Niederberger und Wagner noch die Biotechnologie und deren Potentiale und Risiken in Hinblick auf die Optimierung von Pflanzen (Agrarindustrie) und Tieren (Lebensmittelindustrie) auf (s. Kap. Gentechnologie). (73)

Technischer Wandel ermöglicht zunehmend in vielen Fällen nicht nur globales Handeln, sondern fordert es auch. Neue Erkenntnisse und Instrumente bringen Verantwortung mit sich: z.B. Wettersatelliten und Tsunami-Frühwarnsysteme. (74)

Niederberger und Wagner stellen zuletzt fest, dass die höhere Ressourceneffizienz, die uns technische Fortschritte versprechen, durch das globale Bevölkerungswachstum und den rohstoffhungrigen Aufstieg der Schwellenländer bei weitem zunichte gemacht wird.

(75) Infolgedessen ist zudem mit dramatischen ökologischen Schäden und Auswirkungen auf das globale Klima zu rechnen (s. Kap. Naturverhältnisse und Klimawandel).

2.2 Netzwerke

In diesem Kapitel macht sich der Soziologe Boris Holzer daran, die Globalisierung als einen Vorgang fortschreitender Vernetzung darzustellen. Durch die Weiterentwicklung von Transport- und Kommunikationstechnologien (Medien) wird die Überbrückung geografischer Distanzen zunehmend vereinfacht und befördert. Eine Umwandlung der räumlichen und zeitlichen Organisation gesellschaftlicher Beziehungen ist die Folge. (339) Je enger die Beziehungen werden, desto abhängiger werden sie auch voneinander. Holzer gibt aber zu bedenken, dass sich durch Globalisierung zwar die Reichweite (Extensivität) sozialer Netzwerke erweitert, aber nicht notwendigerweise auch die Intensität. Denn dafür bedarf es noch weiterer technischer und sozialer Bedingungen: effiziente und finanziell erschwingliche Reise/Transportmöglichkeiten sowie u.U. auch politische, religiöse oder wissenschaftliche Motive. (339f.)

Der enge Zusammenhang zwischen der wirtschaftlichen Entwicklung und der Globalisierung sozialer Beziehungen zeigt sich gemäß Holzer in der Geschichte der Ausbreitung des modernen, kapitalistischen Wirtschaftssystems auf deutliche Weise. Von Europa ausgehend setzte ein weltweiter Industrialisierungsschub ein, der maßgebliche Auswirkungen auf die sozialen Verhältnisse hatte. Damit einher ging die Expansion von Handelsbeziehungen und internationaler Arbeitsteilung sowie von grenzüberschreitenden Finanzmarktgeschäften. (340)

Um globale Vernetzung zu ermöglichen, müssen „soziale Hindernisse und Schranken der Kontaktierbarkeit verringert oder gänzlich beseitigt werden.“ (341) Die moderne Weltgesellschaft zeichnet sich durch das Prinzip der universellen Inklusion aus: Jeder ist potentieller Kommunikations/Interaktionspartner und kann die Gesellschaft mitgestalten. (341)

Der entscheidende Schub für die Globalisierung sozialer Beziehungen kam im Zuge der Ablösung der Kommunikationsnetze von den Verkehrsnetzen.

Interaktionsmöglichkeiten sind von diesem Punkt an nicht mehr von räumlicher Nähe und physischer Präsenz abhängig. Eine Kompression - wenn nicht gar Vernichtung - des Raums vollzieht sich. (341) Die Entkopplung ermöglicht es - aufgrund der größer gewordenen Auswahl an Interaktionspartnern -, sich vorrangig an spezifischen In- teressen zu orientieren und die dafür passenden Verbindungen danach gezielt zu suchen (d.h. das Thema hat Vorrang und leitet die Adressatensuche). (342) So müssen weniger

Kompromisse eingegangen werden und es können infolgedessen gemeinsam bessere Leistungen erbracht werden. Damit verbunden ist eine generelle Tendenz zur Differenzierung und Spezialisierung in Bereichen wie etwa der Wissenschaft, der Wirtschaft oder auch der Religion.

2.3 Internet

Das Internet hat „die Netzwerkstruktur als eine Gestalt von Kommunikations- und Ordnungszusammenhängen, die für die Globalisierung prägend sind, vorgebildet“, behauptet der Rechtsphilosoph Andreas Wagner in seinem Artikel. (345) Damit dürfte schon klar sein, dass dieser Abschnitt nur als Ergänzung und Spezifizierung des vorangegangenen Unterkapitels über Netzwerke zu verstehen ist.

Das Internet stellt spätestens seit der Einführung des World Wide Web (WWW) im Jahre 1991 eine zunehmend an Bedeutung gewinnende materiale Möglichkeitsbedingung für viele Globalisierungsprozesse dar. Der Einfluss des Internets auf die Formen, die z.B. Wirtschaft, Politik und internationale Kriminalität (Terrorismus) annehmen, ist nicht zu bestreiten.

(346) An der Börse entscheiden Milli- oder vielleicht sogar Nanosekunden. Das Internet hält ferner Potentiale für neue Formen der Organisation der politischen Öffentlichkeit bereit: z.B. direkte Partizipation sowie bessere Vernetzung von Minderheiten und Aktivisten. Problematisch ist dabei aber die Repräsentativität der Aktiven. Denn die Zugangsmöglichkeiten zum Internet sind weltweit noch sehr ungleich verteilt (vor allem im Vergleich zu Afrika). (349) Weitere Probleme sind Zensurmechanismen (man denke hierbei z.B. an China oder den Iran) als auch Spionageangriffe. (348) Virtuelle Räume wie Second Life haben globale Dimension und verändern unser Verhältnis zur Realität und zu anderen Menschen. (347) Unbemannte Drohnen werden am anderen Ende der Erde eingesetzt. Der Krieg findet an Bildschirmen statt.

2.4 Gentechnologie

Die Philosophin und promovierte Humangenetikerin Sigrid Graumann behandelt in ihrem Handbucheintrag die Anwendungsfelder der Gentechnologie und erörtert sowohl ökologische und gesundheitliche Risiken der Gentechnik als auch ihre sozioökonomische Bedeutung.

Gentechnik ist nach Graumanns Definition „die Veränderung und Neuzusammensetzung von DNA-Sequenzen im Reagenzglas“ mit dem Ziel diese dann „anschließend über geeignete Transfersysteme […] in Organismen“ zu schleusen, wobei „Artgrenzen überschritten werden“ können. (351)

Rund um die Gentechnik haben sich seit ihren Anfängen in den 70er Jahren zahlreiche kritische ethische Debatten entwickelt, die u.a. ihr Missbrauchspotenzial, die Verantwortung des Wissenschaftlers für die Forschungsfolgen, die Risiken für Umwelt, Gesundheit und die Unversehrtheit des menschlichen Genoms zum Gegenstand haben. Heutzutage, so Graumann, stehe dagegen „die globale wirtschaftliche Verwertung“ gentechnisch veränderter Organismen im Zentrum der Aufmerksamkeit. Graumann erläutert im ersten Abschnitt ihres Textes Nutzen und Risiken gentechnisch veränderter Bakterien, Pflanzen und Tiere. Gentechnisch veränderte Bakterien werden u.a. bei der Herstellung von Medikamenten als auch bei der Verarbeitung von Nahrungsmitteln verwendet. Die Risiken werden dabei in möglichen Umwelt- und Gesundheitsschäden gesehen. Nutzpflanzen werden genmanipuliert, um durch verbesserte Resistenz gegenüber Herbiziden und Schädlingsbefall sowie ungünstigen Umweltbedingungen höhere Erträge und bessere Qualität zu liefern. Problematisch sind in diesem Anwendungsfeld der Gentechnologie „sozioökonomische Risiken insbesondere für die Entwicklungs- und Schwellenländer“ (351). Transgene Tiere werden zum einen in der medizinischen Forschung eingesetzt. Damit sind mehrere tierethische Problematiken verbunden: die bloße Instrumentalisierung und die (teils systematische) Zufügung von Leid. Die Anwendung auf Nutztiere hat verstärktes Wachstum und die effizientere Umsetzung von Ressourcen (z.B. Futter Milch) zum Ziel. Die potentiellen und sehr umstrittenen Anwendungsmöglichkeiten beim Menschen liegen einerseits in der Therapie und andererseits im Enhancement/Gen-Doping.

Zu den ökologischen und gesundheitlichen Gefahren der Gentechnik seien nur wenige Punkte angeführt: die potentiell unkontrollierte Ausbreitung bzw. unabsichtliche Übertragung genetischer Modifikationen auf nicht veränderte Organismen, die beschränkte Berechenbarkeit des langfristigen Einflusses auf komplexe Ökosysteme und die Entwicklung resistenter Schädlinge. In Bezug auf Nahrungsmittel ist mit der

Entstehung von Problemen zu rechnen, die auch schon beim Verzehr nicht gentechnisch veränderter Produkte auftauchen: Allergien gegen Inhaltsstoffe und Ausbildung von Resistenzen gegen Antibiotika (diese werden für die Gentransferverfahren benötigt). (352)

Trotz der Risiken wird von den Befürwortern der Gentechnik argumentiert, dass mit ihr ein bedeutender Beitrag zur Ernährungssicherheit und zur Förderung des Wirtschaftswachstums geleistet werden kann. Kritiker erheben aber ebenso auf der sozioökonomischen Ebene Vorwürfe, die sich maßgeblich auf die weltwirtschaftliche Rolle der gentechnisch modifizierten Pflanzen konzentrieren. So werden tradierte, teils indigene Anbaumethoden zerstört und die Bauern in die Abhängigkeit von in- ternationalen Konzernen getrieben, die die Patente für Verfahren und Produkte kontrollieren. (353)

Graumann markiert oftmals das Scheitern der Politik in Fragen der Regulierung und betont den Handlungsdrang, der weltweit darin besteht, unter Berücksichtigung wirtschaftlicher Interessen gemeinsam einheitliche Sicherheits- und Ethikstandards zu schaffen.

3. Fazit und Kritik

Die wissenschaftliche Gemeinde ist sich einig, dass hier erstmals Globalisierung als Totalphänomen darzustellen versucht wurde und zwar mit Erfolg. Durch die Vielzahl der AutorInnen verschiedenster Wissenschaften wird Eintönigkeit vermieden und der Prozess der Globalisierung aus etlichen Blickwinkeln betrachtet.

Diese oft sehr unterschiedlichen Perspektiven auf das Thema lassen das Buch daher aber eben nicht zu einer gemeinsamen Sichtweise zusammenwachsen, sondern wirken oft etwas unbedacht aneinandergereiht und aufgrund der limitierten Länge der Beiträge abgehackt. Die Disziplinen stehen eher nebeneinander und treten kaum in Dialog miteinander, was nicht für einen interdisziplinären sondern vielmehr einen multidisziplinären wissenschaftlichen Sammelband spricht.6

Eine Gemeinsamkeit haben die Autoren aber dennoch: sie verwenden fast alle viel zu oft verwirrende Schachtelsätze wie folgende:

„Ein Beispiel dafür sind kapitalismuskritische öko-feministische Theorien, die aufzeigen, wie ein hegemonial gewordener neoliberaler Globalisierungsprozess die gesellschaftlichen Naturverhältnisse tendenziell auf männlich geprägte utilitaristische Rationalitätsmuster und instrumentelle Praktiken der Beherrschung und Ausbeutung einer zur Ressource degradierten Natur reduziert.“ (338)

„Es lässt sich insoweit analysieren, wie Unternehmen, Wähler/Konsumenten und Politiker in Teufelskreisen aneinander gekoppelt sind - und wie Faktoren wie Konformität, emotionale Wahrnehmungsprobleme mit raumzeitlichen Fernfolgen eigener Handlungen, Eigennutzen, tradierte (falsche) Werthaltungen, technisch-ökonomische Pfadabhängigkeiten und Kollektivgutstrukturen (= das Klima kann niemand allein retten) bei all diesen sozialen Gruppen bisher wirklich einschneidende Klimaschutzbemühungen vereitelt haben.“ (358)

„Diese Umwandlung [von kontinuierlich variierenden Daten jeden Typs in einzelne, distinkt voneinander unterscheidbare Signale, etwa 0 und 1,] macht beliebige Daten für die im Zuge wesentlicher Innovationen in der Halbleiter- und Miniaturisierungstechnik seit den 1970er Jahren verfügbaren Mikroprozessoren und -controller bearbeitbar, welche ihrerseits billig und massenhaft produziert werden können, da sie sich durch die Einfachheit der elementaren Schalter und die flexible Einsetzbarkeit der Prozessoren aufgrund der Verlagerung von Programmfunktionen aus spezialisierter Hard- in die einfach auszuwechselnde Software auszeichneten.“ (73)

Auch der übertriebene und oft unnötige Einsatz von Fachausdrücken und Fremdwörtern ist für eine Einführungsliteratur, die im Allgemeinen den Anspruch erhebt, auch Fachfremden einen leichten Einstig in die jeweilige Disziplin zu ermöglichen, nicht förderlich. Viele Artikel dieses Bandes spiegeln oft nicht die allgemeine Haltung der dazugehörigen Disziplin wieder, sondern vielmehr die ganz persönliche Meinung der AutorInnen. Gar manch ein Artikel besteht sogar nur aus moralischen und politischen Apellen. Es bleibt fraglich, inwiefern diese sehr subjektiven Sichtweisen in diesem Einführungswerk wirklich angebracht sind.

Auch wenn das Handbuch selbstverständlich nicht dafür gedacht ist, von Interessierten im Ganzen gelesen zu werden, muss dennoch bedacht werden, dass selbst wenn nur einige wenige Artikel gelesen und zu Recherchezwecken miteinander verglichen werden sollen, die stets unterschiedliche Aufbereitung der Artikel den Leser vor Probleme stellt. Es gibt zum Teil gar keine oder nur eine sehr schlechte Gliederung, oft fehlende Einleitungen oder ein Resümee.

Auch wenn die Frage, wem dieses Handbuch denn nun wirklich nützt, offen bleibt, kann hier der wissenschaftlichen Gemeinde zugestimmt werden, wenn gesagt wird, dass gesamtheitlich betrachtet hier eine „erste Annäherung an die heutige Globalisierungsdiskussion“7 geschaffen wurde.

Quellenverzeichnis

- Niederberger, Andreas/Schink, Philipp (Hrsg.): Globalisierung: Ein

interdisziplinäres Handbuch, Stuttgart/Weimar: Metzler, 2011.

- Overwien, Bernd: Rezension vom 15.04.2012 zu: Andreas Niederberger, Philipp Schink (Hrsg.): Globalisierung. Ein interdisziplinäres Handbuch. Stuttgart 2011, in:

socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245,

http://www.socialnet.de/rezensionen/11879.php. (11.02.14)

- Werron, Tobias: Rezension zu: Niederberger, Andreas; Schink, Philipp (Hrsg.): Globalisierung. Ein interdisziplinäres Handbuch. Stuttgart 2011, in: H-Soz-u-Kult,

11.10.2013, http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-4-031. (Datum des Abrufs 11.02.14)

- Angaben zu Forschungsschwerpunkten und Publikationen von Andreas Niederberger und Philipp Schink unter: http://www2.uni-frankfurt.de/44534836/Forschung. (Datum des Abrufs 11.02.14)

[...]


1 Niederberger, Andreas/Schink, Philipp (Hrsg.): Globalisierung: Ein interdisziplinäres Handbuch, Stuttgart/Weimar: Metzler, 2011.

2 Die Zahlen in runden Klammern stehen für die Seitenzahlen im Handbuch. Vorangehende doppelte Anführungsstriche zeigen direkte Zitate daraus an.

3 Vgl. http://www2.uni-frankfurt.de/44534836/Forschung.

4 Vgl. http://www2.uni-frankfurt.de/44534836/Forschung.

5 Rezension Overwien.

6 Vgl. Rezension Werron.

7 Rezension Werron.

Details

Seiten
14
Jahr
2014
ISBN (Buch)
9783656847052
Dateigröße
400 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v284466
Note
Schlagworte
buchbesprechnung globalisierung handbuch

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Titel: Buchbesprechnung: "Globalisierung. Ein interdisziplinäres Handbuch"