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Men in Action. Maskulinität im Actionmodus des amerikanischen Films der 1980er Jahre

Bachelorarbeit 2013 41 Seiten

Filmwissenschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. Maskulinität(en) und Patriarchat
2.1 Die Darstellbarkeit von Maskulinität im Film und die Besonderheit des Actionmodus
2.2 Die historische Entwicklung des amerikanischen Maskulinitätskonzepts

3. Maskulinität im Actionmodus des amerikanischen Films der 1980er Jahre
3.1 Hard Body: Maskulinität und Körper im Actionmodus
3.1.1 Die Inszenierung der harten Körper
3.1.2 Der technologisierte Körper
3.2 Walk like a man, talk like a man: Handlungen, Eigenschaften, Figuren der Maskuliniät
3.2.1 Figuren
3.2.2 Handlungen
3.3 Filmischer Exkurs
3.3.1 Missing in Action 2
3.3.2 Die Hard
3.4 Maskulinität, Einfühlung und spektakulärer Genuss

4. Schlussbemerkung

Anhang

Literaturverzeichnis

Internetquellen

Filmografie

1. Einführung

Anfang der 1980er Jahre kam in den Vereinigten Staaten von Amerika eine neue Filmfigur und mit ihre eine ganze Reihe von Filmen auf, die neben ihrem actionreichen Spektakel vor allem durch eine neue Art von männlichem Körper des Helden glänzten. Dieser Mann war markiert durch einen überaus muskulösen Körper und eine regelrechte Zurschaustellung desgleichen. Gleichzeitig zeigte er sich stets als gewalt- aber auch leidensbereiter neuer Held, dem niemand etwas anhaben konnte und der die Welt – vor allem die amerikanische – im Alleingang zu retten vermochte.

Dieser Held und seine eindeutige Zurschaustellung von Männlichkeit ist gleichzeitig ein offensichtlicher Hinweis auf ein sonst nicht eindeutig erkennbares Thema: Maskulinität im Film. Die exzessiven männlichen Darstellungen geben die Möglichkeit einer Analyse dieses sonst schwer greifbaren Themas.

Diese Arbeit macht es sich zur Aufgabe Maskulinität im Allgemeinen zu definieren und das Konzept in einen sowohl historischen als auch kulturellen Zusammenhang mit den Vereinigten Staaten der 1980er Jahre zu bringen. Desweiteren beschäftigt sie sich mit den Möglichkeiten Maskulinität im Film darzustellen – und damit analysierbar zu machen und geht auf die Besonderheit der Filme der 1980er Jahre im Action Modus ein. Darauf folgen Versuche einer solchen Analyse von Maskulinität im gesamten Filmkanon, sowie in einzelnen Filmbeispielen. Da eine Ausstellung von Maskulinität auch immer einen Zuschauer benötigt, soll im letzten Kapitel auf diesen eingegangen und die Frage erörtert werden, ob und wie sich eventuelle den Filmen inhärente Maskulinitätskonzepte übertragen lassen.

Doch zunächst bedarf es einer ausführlichen Untersuchung des Begriffes und der Bedeutung von Maskulinität.

2. Maskulinität(en) und Patriarchat

Maskulinität ist, genau wie ihr Gegenstück Feminität, ein fluides und nicht exakt definierbares Konstrukt. Dieses kann als eine Zusammenfassung von Rollen, Bildern, Moralvorstellungen, Eigenschaften, Interessen, Aktivitäten und Verhalten, die kulturell dem Mann zugeschrieben werden, verstanden werden. Maskulinität ist in erster Linie eine Abgrenzung zur Feminität. Jedoch handelt es sich hierbei ausschließlich um eine sozial konstruierte Geschlechterrolle (gender), also einen „Effekt einer historisch spezifischen gesellschaftlich-kulturellen Denk-, Gefühls-, und Körperpraxis“[1] und nicht um eine biologische Zuschreibung. Die Begriffe Mann/M ä nnlichkeit und Maskulinit ä t sind also keineswegs kongruent; es kann festgestellt werden, dass es aus sozialer bzw. kultureller Sicht mehr oder weniger maskuline Männer gibt, je nachdem wie groß die Übereinstimmung mit den jeweils gesellschaftlich etablierten Mustern und Normen ist. So beschreibt Brian Baker in seinem Buch „Masculinity in Fiction and Film“[2] unter Zuhilfenahme von Steven Cohans[3] Definition der hegemonic masculinity:

[Masculinity] is a „regulatory fiction” of normality which articulates various social relations of power as an issue of gender normality. It appears to accomodate other forms of masculinity, including „young”, „effeminate”, and „homosexual”, but subordinates them into a power hierarchy, with the „hegemonic” variant at the top.

Die hier erwähnten Machthierarchien lassen sich in Bezug auf die USA um zwei weitere Kategorien erweitern: Religion und Ethnizität. Somit steht der weiße, heterosexuelle, gesunde, christliche Mann an erster Stelle der amerikanischen hegemonic masculinity. [4] Doch selbst Männer, die nicht dieser Spitzengruppe angehören, können sich noch über Frauen und Kindern positionieren, denn sie befinden sich innerhalb einer im Wesentlichen patriarchalisch geordneten Gesellschaft, also einer

[…] manifestation and institutionalization of male dominance over women and children in the family and the extension of male dominance over women in society in general. It implies that men hold power in all the important institutions of society [...].[5]

Die Verbindung von Maskulinität und Patriarchat macht es zwingend notwendig Maskulinität nicht nur als etwas Individuelles zu begreifen, sondern sie zugleich als politische Größe und Bezugspunkt der amerikanischen patriarchalen Gesellschaft zu sehen. Spätestens mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges und dem Beginn des Kalten Krieges ist Maskulinität auch verknüpft mit amerikanischer Ideologie. Eine Krise innerhalb der hegemonialen Maskulinität ist somit auch eine Krise des Patriarchats und demnach auch ein innen- und außenpolitisches sowie ein gesellschaftliches Problem. Gleichermaßen erhebt der hegemoniale Charakter von Maskulinität nur dann erfolgreich einen Anspruch auf Autorität, wenn das Zusammenspiel von Patriarchat als institutioneller Macht und kulturell erwünschtem Ideal gegeben ist:

Nevertheless, hegemony is likely to be established only if there is some correspondence between cultural ideal and institutional power, collective if not individual.[6]

Kultur spielt folglich eine Schlüsselrolle bei der Unterstützung und Verteidigung dieser Hegemonie; sie muss im besten Falle also die maskulinen Normen beinhalten und replizieren.

2.1 Die Darstellbarkeit von Maskulinität im Film und die Besonderheit des Actionmodus

Das amerikanische Maskulinitätskonzept und seine ihm immanenten Normen fließen auch in die Filmkultur ein und werden dort ebenfalls zur maskulinen Norm der filmischen Welt. Diese Annahme bedeutet jedoch nicht, dass Film als Abbildung der Realität gesehen wird:

Dennoch spiegelt Film Realität auf eine spezifische Art und Weise: durch Betonung, Interpretation, Verzerrung, Kommentierung, Fiktionalisierung, Dramatisierung, Raffung, Dehnung etc.. Der Film erschafft (s)eine eigene filmische Realität, die auf die vermeintlich wirkliche Realität verweist, von ihr aber unterscheidbar ist. Aber auch der Film ist durch „soziales Handeln“ (Weber) hervorgebracht worden und lässt sich als „soziale Tatsache“ (Durkheim) analysieren. […] Gerade der kommerzielle Film macht dies besonders deutlich, denn er wird sehr bewusst auf die (angenommenen) Wünsche und Bedürfnisse des Publikums hin produziert.[7]

Im Sinne der hegemonic masculinity bedeutet dies aber, dass eine Form von Maskulinität − überlicherweise die, die im hegemonialen Konstrukt den vordersten Rang einnimmt − gegenüber den anderen Abstufungen herausgehoben werden muss. Konkret heißt das für die Darstellung von Maskulinität im Film, dass sich diese in der Aufführung von maskulin konnotierten Eigenschaften wiederfindet und dass diese Eigenschaften denjenigen entsprechen, die dem amerikanischen Maskulinitätskonzept immanent sind. Solche Zuschreibungen und Eigenschaften lassen sich filmisch nur aus der Handlung ableiten.[8] Ein entscheidendes Indiz, an dem maskuline Eigenschaften festgemacht werden, ist der maskuline Körper selbst. Der Körper des Schauspielers ist der Träger von maskulinen Zeichen und Zuschreibungen und wird entsprechend inszeniert. Eine Untersuchung von Maskulinität im Film lässt sich besonders gut an Filmen im Actionmodus erarbeiten. Dieser Actionmodus produziert Maskulinitätsbilder in einer derart exzessiven Weise, dass die sonst nur schwer aufzudeckenden Normen sichtbar werden. Filme im Actionmodus der 1980er Jahre nehmen hier einen Sonderstatus ein; sie sind die erste Welle von postmodernen und mit Pop-Kultur durchdrungenen kommerziellen Filme dieser Art und sie sind außerdem in einer Zeit angesiedelt, die eindeutig als massive maskuline Krise Amerikas betrachtet werden kann. Hier muss jedoch kurz darauf hingewiesen werden, warum in dieser Arbeit der Begriff Actionmodus und nicht die Begriffe Actionfilm/Actionkino verwendet werden.

Die Zusammenfassung von solch heterogenen Filmen, die sich nicht nur in Erzählform und Setting unterscheiden, sondern oftmals selbst Hybridformen anderer gängiger Genres sind, erscheint nicht sinnvoll. Als Herangehensweise bietet sich dagegen der gemeinsame Modus dieser Filme an, der sich vor allem durch seinen Umgang mit dem Narrativ und durch seine Figuren auszeichnet. Filme im Actionmodus sind modernes Kino der Attraktionen[9], also Filme in denen Spektakel, Sensationsästhetik und -technik, sowie das Zurschaustellen von Körpern den Vorrang haben. Dabei werden sowohl das Narrativ, als auch die Figuren im Wesentlichen über ihren Schau- und Spektakelwert definiert. Für die Figuren bedeutet dies eine Bewertung über ihr Handeln, ihre Fähigkeiten und ihren Körper. Tiefergehende Charakterisierung oder eine psychologische Entwicklung der Figur spielen in diesen Filmen nur eine untergeordnete Rolle.[10]

Das Maskulinitätsbild, das aus dem Actionmodus heraus lesbar wird, entspricht in weiten Teilen jenem hegemonialen Konzept von Maskulinität, das eine Gesellschaft zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt als Bezugsgröße zur Verfügung hat. Hegemonie ist selbst aber nicht statisch, sondern bedeutet stets auch das Ringen um Autorität; Autorität wiederum ist eine angreifbare Kategorie und stellt nur eine „historisch bewegliche Relation“[11] dar. Daher ist es notwendig, sich die – im Folgenden notwendigerweise stark vereinfacht dargestellte – historische Entwicklung des amerikanischen Maskulinitätskonzepts und das darin erkennbare Ringen um diese Autorität näher anzusehen.

2.2 Die historische Entwicklung des amerikanischen Maskulinitätskonzepts

Versucht man das amerikanische Maskulinitätskonzept historisch zurückzuverfolgen, so findet man seine Wurzeln im 18. Jahrhundert. Dort stößt man auf zwei Kategorien von Männerfiguren – Pioniere und Kriegshelden – die sowohl ganz konkrete historische Generationen als auch abstrakte Konzepte amerikanischer Maskulinität prägten. Anhand der historischen Vorbilder, wie bespielsweise Davy Crockett, Daniel Boone, John Brown und Paul Revere, wurden innerhalb des Fiktionalen Destillate des Maskulinen geschaffen, allen voran James Fenimoore Coopers „Lederstrumpf“ aus dem gleichnamigen Romanzyklus (1821-1841). Diese Figur und Nachfolger — die Cowboys der Groschenromane und später der Westernfilme — können gleichsam als Gussform betrachtet werden, in der die historischen Normen des Maskulinen zu einem amerikanischen Konzept von Maskulinität verfestigen. Dieses beruht auf den folgenden Grundansichten/Grundannahmen:

1) Der weiße Mann ist der dominierende und höherwertige Bewohner der USA und genießt mehr Freiheiten und Rechte als alle anderen. 2) Er ist in seinem Kern Krieger und Beschützer. 3) Wertvolle Eigenschaften sind: Mut, Loyalität, Ausdauer, Patriotismus, physische Kraft und Durchhaltevermögen/Durchhaltewillen sowie Einfallsreichtum und eine christliche Moral. 4) Alles, was dieser idealen männlichen Individualität Einhalt gebieten könnte, wird abgelehnt. Hierzu gehört vor allem das Unbehagen gegenüber jeglichen Konstrukten, die auf Grund ihrer Größe, Komplexität und Verwaltungsstruktur dem maskulinen Individuum Grenzen setzen - zum Beispiel das Leben in der Großstadt oder große Firmenkonzerne und die damit verbundene Bürokratisierung.[12]

Die erste große Erosion dieses Konzeptes lässt sich in den 1940/1950er Jahren feststellen. Trotz des erfolgreichen Kampfeinsatzes im Zweiten Weltkrieg kehrten die Soldaten mit Erfahrungen zurück, die vollkommen neu- und einzigartig waren und massive Auswirkungen auf den männlichen Körper hatten. Die Massenvernichtung von Menschen und die Folgen der Atombombe hinterließen ein Trauma sowohl im historischen wie auch im psychologischen Sinne:

The systematic unmaking of bodies in the extermination camps and the atomic bombings [...] denies any possibility of self-protection. The terribly familiar Holocaust image of piled body parts testifies to a form of dismemberment far more debilitating than the trauma any single body can sustain. The very idea of the body’s wholeness is subsumed by the operations of the bureaucratic nation state and its technologies of power in their most obscene form. The loss of hair and teeth simultaneously invokes a more familiar and mundane fear of the male body’s dissolution through aging, just as the security of economic expansion, consumerism, suburbanism, and the nuclear family comes to seem threatening to masculine identity in the postwar era. World War II opens this void and the Cold War refuses to allow it closure.[13]

Auch privat kam das amerikanische Maskulinitätskonzept ins Wanken. An der Heimatfront hatten Frauen die Männer in der Arbeitswelt ersetzt. Zwar holte der Baby Boom der 1950er Jahre die meisten Frauen an den heimischen Herd zurück, doch die Nachkriegsindustrie verwandelte das Leben vieler Männer in eben das gefürchtete industrielle, hyperbürokratische Monster, welches die männliche Freiheit in eine Vorstadtidylle aus Reihenhaus und Kleinfamilie sperrte. Auch politisch erwuchs Druck: Der Kalte Krieg und die Angst vor kommunistischem Gedankengut in den eigenen Reihen führten zu einer neuen Qualität an Konformität und bewusster Anpassung des Sozialverhaltens.[14] Aufbegehren hatte eine sofortige Degradierung der Maskulinität — durch Feminisierung oder Hinweise auf Homosexualität — zur Folge. Oder um es mit Senator McCarthy zu sagen: „If you want to be against McCarthy, boys, you’ve got to be either a Communist or a cocksucker.“[15] Am Ende der 1950er Jahre entwickelte sich eine neue Dichotomie aus soft und hard, die ihren Ursprung in der neuen politischen Welteinteilung hatte:

Presumably one is ‚soft’ if one insists that the danger from domestic Communists is small, while one is ‚hard’ if one holds that no distinction can be made between international and domestic Communism.[16]

Die soft/hard Dichotomie ging schnell über das Politische hinaus und wurde zu einer Bezeichnung, die eine Einteilung vornahm in Männer, die sich in ihrem stromlinienförmigen Arbeits- und Familienalltag durch die Konformität mit der Massengesellschaft „entmännlichen“[17] (soft) und Männer, die nach dem original amerikanischen Maskulinitätskonzept leben (hard). Für letztere bot das Kino jahrzehntelang Bestärkung durch das Leitbild John Wayne, der sowohl privat als auch im Film unantastbare Integrität - weil maskuline Authentizität - ausstrahlte:

By the early ´60s, the Duke, through his movies and political stands, had already approached his present status as a cultural icon representing traditional American values of patriotism, courage, confidence, leadership, and manliness. The name of John Wayne was invoked as a verbal shorthand to describe the character of the American warrior-gentleman and to represent for young American males the elements of manhood.[18]

Gemäß diesem Männerbild war der Vietnamkrieg eine neue Chance, Härte zu beweisen. Vietnam schien ein überschaubarer Konflikt zu sein, in dem man seinen Mann stehen konnte, seine Ideologie und sein Land verteidigte und aus dem man heldenhaft nach Hause zurückkehren würde.[19] Überspitzt gesagt kam dieser Krieg gesellschaftlich zu einem günstigen Zeitpunkt, erodierte das Konzept von Maskulinität doch im eigenen Land durch das Aufkommen der sexuellen Revolution, der Frauenbewegung, der Zivilrechts- und der Schwulenbewegung immer mehr. Die gleichsam archaische Kategorie des Kriegers, das Soldatentum, war die letzte rein männliche Domäne die noch blieb.[20] Doch die Wiederherstellung und Stärkung des originalen Maskulinitätskonzepts scheiterte gleich doppelt: Was als schnell lösbarer und überschaubarer Konflikt begann, entwickelte sich zu einer militärischen und menschlichen Katastrophe, die zudem allabendlich in die Häuser der Amerikaner als televised war geliefert wurde; täglicher body count getöteter amerikanischer Männer inklusive. Vietnam war kein John Wayne Film.

We have seen the John Wayne thing to be many things, including quiet courage, unquestioning loyalty, the idea of noble contest, and a certain kind of male mystique…But its combat version, as far as men in the rap group were concerned, meant military pride, lust for battle, fearless exposure to danger and prowess in killing.[21]

Der Verlust der dem Maskulinitätskonzept immanenten moralischen Komponente und der physischen Dominanz über die vermeintlich unterlegenen und im Sinne der hegemonialen Maskulinit ä t weniger männlichen Vietnamesen wurde allzu deutlich. Komplette Kontrollverluste wie beim Massaker von My Lai verstärkten das Gefühl des Wegbrechens von Maskulinität auf persönlicher, politischer und gesellschaftlicher Ebene und führten zur Auflösung des Wayne’schen Leitbilds.[22] Besonders deutlich lässt sich dieser Befund an den Reaktionen zu dessen Pro-Vietnamkriegsfilm The Green Berets (1968) ablesen, der sowohl vom Publikum als auch von der Kritik[23] zerrissen und als altertümliche, tumbe Propaganda verstanden wurde.

Doch die 1970er Jahren wurden noch katastrophaler für die USA und das originale amerikanische Maskulinitätskonzept: der traumatische Verlust des Vietnamkrieges, die Anzahl an toten und verkrüppelten Soldaten, Watergate, die Geiselnahme von Teheran – ein Schlag folgte dem nächsten. Gleich drei Präsidenten nacheinander (Nixon, Ford, Carter), die allesamt Leitbilder amerikanischer Maskulinität hätten sein sollen, wurden diskreditiert und mussten in Schande ihr Amt verlassen. Auch das Kino stand vor großen Veränderungen: Das alte Zensursystem verwässerte in den 1960er Jahren immer mehr, bis es schließlich abgeschafft wurde. Damit kollabierte auch das alte Studiosystem und machte den Weg frei für Independentfilme (New Hollywood etc.)[24] mit neuen Männertypen, die orientierungslose, fragmentierte Subjekte darstellten, deren Handlungsfähigkeit eingeschränkt ist.[25]

Nach dem Amtsantritt Ronald Reagans Anfang der 1980er Jahre kam es zu einer neuen Ära, die viele Parallelen zu den 1950er Jahren aufwies. Beide Dekaden können als Nachkriegsjahrzehnte verstanden werden, die zwar einerseits friedlich verliefen, andererseits aber mit den Folgen eines Krieges zu kämpfen hatten und sich gleichzeitig in massiver Alarmbereitschaft durch den Kalten Krieg befanden. Auch innenpolitisch waren beide Jahrzehnte ähnlich. Das Land hatte eine neue konservative und harte Vaterfigur in Reagan gefunden, ähnlich zu Eisenhower. Und erneut gab es einen Aufstand der Frauen. Das Women’s Liberation Movement der 1950er Jahre hatte sich in den 1980ern zu einer maturierten feministischen Bewegung gewandelt.[26] Und auch das Kino bot neuen Imaginationsraum. Die Massenunterhaltung boomte durch das Aufkommen von Blockbustern und billigeren kommerziellen Produktionen für den VHS-Markt und auch der männliche Filmheld war wieder gefragt.[27]

[...]


[1] Andrea Maihofer, Geschlecht als Existenzweise. Einige kritische Anmerkungen zu aktuellen Versuchen zu einem neuen Verständnis von „Geschlecht“. In: Institut für Sozialforschung (Hrsg.), Geschlechterverhältnisse und Politik. Frankfurt am Main 1995, S. 182.

[2] Brian Baker, Masculinity in Fiction and Film. New York 2008, S. 33.

[3] Steven Cohan, Masked Men. Bloomington 1997.

[4] In dieser Arbeit soll die Thematik auf den weißen, heterosexuellen Mann eingegrenzt werden, da dieser an der Spitze der maskulinen und patriarchalen Machtstruktur steht und der häufigste Protagonist in den amerikanischen Filmen im Actionmodus der 1980er Jahre ist.

[5] Gerda Lerner, The Creation of Patriarchy. New York 1986, S. 239.

[6] Robert W. Conell, Masculinites. Berkeley und Los Angeles 1995, S. 77.

[7] Christian Hißnauer|Thomas Klein (Hrgs.), Visualität des Männlichen. Skizzen zu einer filmsoziologischen Theorie von Männlichkeit In: dies.:, Männer-Machos-Memmen. Männlichkeit im Film. Mainz, 2002, S. 31. (Hervorhebungen im Original)

[8] Vgl., S. 34.

[9] Tom Gunning, The Cinema of Attractions. Early Films, Its Spectator and the Avant-Garde. In: Thomas Elsaesser (Hsg.) Early Cinema. Space, Frame, Narrative. London 1997.

[10] Siehe auch Thomas Morsch, Medienästhetik des Films. Verkörperte Wahrnehmung und ästhetische Erfahrung im Kino. München 2008, S. 189ff.

[11] Robert W. Conell, Der gemachte Mann. Konstruktion und Krise von Männlichkeiten. Opladen, 1999, S. 98ff.

[12] Vgl. Brett E. Caroll, American Masculinities: A Historical Encyclopedia, Volume 1. Thousand Oaks 2003, S. 489-491.

[13] Katherine Kinney, Friendly Fire. Oxford 2000, S. 107-108.

[14] Vgl. Brian Baker, Masculinity in Fiction and Film, S. 5.

[15] Eric F. Goldman, The Crucial Decade – and After: America 1945-1960. New York 1960, S. 142.

[16] Daniel Bell, Interpretations of American Politics. In: Daniel Bell, The Radical Right. New York 1960, S. 142. (Hervorhebung im Original)

[17] K.A.Cuordileone, Politics in an Age of Anxiety: Cold War Political Culture and Crisis in American Masculinity 1949-1960 In: K.A. Cuordileone, Manhood and American Political Culture in the Cold War. New York 2005, S. 523.

[18] William J. Searle, Search and Clear: Critical Responses to Selected Literature and Films of the Vietnam War. Bowling Green 1988, S. 18.

[19] Vgl. Brenda M. Boyle, Masculinity in Vietnam War Narratives. A Critical Study of Fiction, Films and Nonfiction Writing. Jefferson 2009, S. 6.

[20] Vgl. Susan Jeffords, The Remasculinization of America. Bloomington 1989, S. 62.

[21] Robert Lifton, Home from the War: Vietnam Veterans. New York 1985, S. 219.

[22] The Green Berets [dt. Die Grünen Teufel]; John Wayne| Ray Kellog, USA 1968.

[23] Zwei exemplarische Kritiken aus der Zeit, die die Kritikermeinungen widerspiegeln sind Roger Eberts Kritik in der Chicago Sun Times auf: http://www.rogerebert.com/reviews/the-green-berets-1968 (Zugriff: 27. August 2013) und Renata Adlers Rezension in der New York Times auf: http://www.nytimes.com/books/97/03/23/reviews/wayne-movie.html (Zugriff: 27. August 2013).

[24] Vgl. David Savran, Taking it Like A Man: White Masculinity, Masochism, and the Contemporary American Culture. Princeton 1998, S. 163ff.

[25] Thomas Morsch, Muskelspiele, Männlichkeitsbilder im Actionkino. In: Christian Hißnauer |Thomas Klein (Hrgs.), Männer-Machos-Memmen. Männlichkeit im Film. Mainz 2002, S. 51.

[26] William J. Palmer, The Films of the Eighties. A Social History. Carbondale and Edwardsville 1993, S. ixff.

[27] Siehe Susan Jeffords, Hard Bodies. Hollywood Masculinity in the Reagan Era. New Brunswick, 1994.

Details

Seiten
41
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656843528
ISBN (Buch)
9783656843535
Dateigröße
495 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v284652
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Filmwissenschaft
Note
1,3
Schlagworte
Maskulinität Vietnamkrieg Krieg Actionfilm Arnold Schwarzenegger Rambo Sylvester Stallone Chuck Norris Mann Männer Männlichkeit Kriegsfilm 80er Jahre Film Maskulinitätskonzepte Held Krieger Veteran

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