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Die Ökumenische Bewegung. Die Beziehung zu Rom und mögliche Einheitsmodelle

Hausarbeit 2011 19 Seiten

Theologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Begriffsbestimmung

2. Neutestamentliche Zeugnisse

3. Kurzer Abriss der Geschichte der Ökumenischen Bewegung
3.1 Ursprünge
3.2 Nathan Söderblom
3.3 Die beiden prägenden Stränge Life and Work und Faith and Order
3.4 Die Position der römisch-katholischen Kirche
3.4.1 Erste Reaktionen auf die neue Bewegung
3.4.2 Ökumene im 3. Reich
3.4.3 Annäherungen
3.5 Neuere ökumenische Errungenschaften

4. Einheitsmodelle
4.1 Der ÖRK als Beispiel für das Kirchenbundmodell
4.2 Die Kirche von Südindien als Beispiel für das Organic Union Modell

Fazit: Bewertung und Ausblick

Literaturverzeichnis

Einleitung

„Eine echte Ökumene ist von dieser Institution überhaupt nicht angestrebt“

So urteilte der Theologe Gotthold Hasenhüttl 2010 über die ökumenischen Bestrebungen der katholischen Kirche. Hasenhüttl hatte am Rande des ökumenischen Kirchentags 2003 in Berlin Abendmahlsgemeinschaft mit Protestanten gehalten, woraufhin er vom Priesteramt suspendiert und ihm 2006 die Lehrerlaubnis entzogen wurde.1

Doch warum ist das Verhältnis Roms zu anderen Konfessionen so schwierig? Was genau bedeutet Ökumene und warum werden überhaupt Veranstaltungen wie der „ökumenische Kirchentag“ abgehalten, wenn es - wie Hasenhüttl behauptet - so schlecht um die Ökumene steht?

Die vorliegende Arbeit will einen Einblick in die Geschichte und Arbeit der Ökumenischen Bewegung geben und mögliche Einheitsmodelle genauer betrachten. Einen großen Teil der Arbeit wird auch das Verhältnis zur römisch-katholischen Kirche einnehmen, da diese zahlenmäßig die größte Glaubensgemeinschaft der Welt darstellt und somit für eine angestrebte Einheit der Christenheit von zentraler Bedeutung ist.

Angesichts der unglaublichen Bandbreite des Themas können nur die als am wichtigsten erachteten Ereignisse, Personen, Institutionen und schließlich auch Einheitsmodelle kurz angeschnitten werden. Es handelt sich hierbei natürlich um eine unvollständige und subjektive Darstellung.

1. Begriffsbestimmung

Das Wort „Ökumene“ leitet sich vom griechischen Verb für „wohnen“ ab, meinte also ursprünglich lediglich die bewohnte Welt. Im Laufe der Zeit erfuhr der Begriff einen Wandel, zunächst hin zu einer geographischen, kulturellen und politischen Bedeutung - gemeint war: zum römischen Reich gehörend bzw. es vertretend.

In der Bibel wird das Wort „Ökumene“ unpolitisch verwendet: in den Psalmen im Sinne von „Welt“ und im neuen Testament als „die von satanischen Mächten bedrohte Menschheit“. Im Blick ist also wieder die gesamte Menschheit.

Mit dem Wachsen der Kirche und den ersten Konzilen (ab 325) erhielt der Begriff einen kirchlichen Sinn, nämlich: universal, allgemeingültig, autoritativ.2 Diese Konzilien werden auch „ökumenische Konzilien“ genannt weil - zumindest dem Anspruch nach - die gesamte christliche Welt vertreten war.3

Nach Aloys Klein umfasst „Ökumene“ heute mehrere Dimensionen:

- Das Streben nach weltweiter Einheit der Christen bzw. nach Wiederherstellung der sichtbaren Einheit der Kirche
- Der universale Dienst der Kirche an der Welt, also ein missionarisch-soziales Verständnis
- Das Bemühen der Christenheit um die Einheit der Menschheit4

2. Neutestamentliche Zeugnisse

Doch weshalb ist die Einheit der Christen bzw. der Menschheit allgemein solch ein großes christliches Anliegen? Die Antwort ist im neuen Testament zu finden, auf dessen Aussagen sämtliche ökumenische Bemühungen bis heute fußen.

Zum einen betont Paulus die Verbundenheit aller Christen durch Taufe (Eph4,4-6) und Eucharistie (1Kor10,16-17). Des Weiteren bezeichnet er die christliche Gemeinschaft immer wieder als „einen Leib“ (z.B. 1Kor12,12-14).

Als entscheidenstes Zeugnis gelten jedoch die Worte Jesu, am Abend vor seinem Tod um die Einheit seiner Jünger betend: „Alle sollen eins sein, wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, damit auch sie in uns eins sind und die Welt glaubt, dass du mich gesandt hast.“ (Joh17,21).5 Von katholischer Seite wird darüber hinaus auch oft Joh10,16 zitiert: „(…) und es wird eine Herde geben und einen Hirten.“6

3. Kurzer Abriss der Geschichte der Ökumenischen Bewegung

Die Einheit war also von Beginn an ein Wesensmerkmal der Kirche, unter anderem fand der Einheitsgedanke Niederschlag im Credo aller großen Kirchen, wo es heißt: „Ich glaube an die eine, heilige, katholische (bzw. christliche) und apostolische Kirche“.7

Andererseits sind von Beginn an auch Unstimmigkeiten, Konflikte und Spannungen auszumachen, beispielsweise in der Problematik zwischen Judenchristen und Heidenchristen. Im Laufe der folgenden 2000 Jahre kam es immer wieder zu Abspaltungen, wobei an dieser Stelle nur die beiden wohl bedeutendsten Kirchenspaltungen erwähnt seien, die bis heute andauern: Die Trennung zwischen Ost- und Westkirche 1054 und die Reformation, die 1517 einsetzte. In dieser Zeit kam es immer wieder zu vereinzelten Einheitsbestrebungen, wobei diese weitestgehend erfolglose Initiativen blieben. Zu nennen wären hierbei beispielsweise die Konzilien von Lyon (1274) und Florenz (1439), die jedoch von politischen Motiven bestimmt waren, da durch die islamische Bedrohung ein Bündnis der Kirchen für nötig gehalten wurde.8

3.1 Ursprünge

Die eigentliche Ökumenische Bewegung, in welcher auch der Begriff „Ökumene“ für die Einheitsbestrebungen gewählt wurde, hat ihre Wurzeln im ausgehenden 19. Jahrhundert. Auf katholischer Seite gab es einige Theologen, die für ein neues Kirchenbild warben: Kirche sollte als lebendiger Organismus und nicht wie bis dahin als rechtlich verfasste Organisation verstanden werden. Dieses Bild, das für den interkonfessionellen Dialog als unerlässlich angesehen wird, konnte sich allmählich durchsetzen und erfuhr seinen endgültigen Durchbruch im II. Vaticanum.9

Einen wichtigen Beitrag zur Ökumene lieferte von Beginn an die altkatholische Kirche, die sich - 1870 aus Protest gegen das Unfehlbarkeitsdogma des I. Vaticanums entstanden - als „Brückenkirche“ zwischen Katholizismus und Protestantismus sieht. Ebenso erleichterte sie den orthodoxen Ostkirchen den Zugang zur Ökumenischen Bewegung, da gewisse Ähnlichkeiten vorherrschen. Bereits 1872 wurde auf dem Altkatholiken-Kongress die Wiedervereinigung mit Rom als Ziel ausgegeben. Jedoch geriet der Dialog sowohl mit den orthodoxen als auch mit der katholischen Kirche in späterer Zeit ins Stocken. Auslöser waren, dass 1931 die volle Kirchengemeinschaft mit den Anglikanern erreicht wurde und somit auch die Sakramentengemeinschaft (sowohl mit Anglikanern wie auch mit Protestanten) und dass 1976 die Frauenordination eingeführt wurde.10

Die Idee einer überkonfessionellen, internationalen Zusammenarbeit entsprang jedoch eher dem Protestantismus, geht also auf Initiativen aus protestantischen Kreisen zurück. Zum einen entstanden Ende des 19. Jahrhunderts Organisationen wie der Christliche Verein Junger Männer (CVJM/YMCA) oder der christliche Studentenweltbund, welche zwar innerprotestantische Vereinigungen waren, jedoch international ausgerichtet. Zum anderen wurzelt die Bewegung in der Mission und der Friedensbewegung. Als eigentlicher Beginn der Ökumenischen Bewegung gilt - vornehmlich in der angelsächsischen Welt - die Weltmissionskonferenz von 1910 in Edinburgh, wobei nicht über dogmatische Fragen, sondern über praktische Kooperation in der Mission debattiert wurde. Jedoch waren bei dieser Konferenz weder orthodoxe noch katholische Vertreter anwesend.

Ein weiterer Schritt hin zu interkonfessioneller Zusammenarbeit war die Gründung diverser Friedensgesellschaften, wie z.B. des 1914 gegründeten Internationalen Weltbunds für Freundschaftsarbeit der Kirchen.11

3.2 Nathan Söderblom

Der schwedische Erzbischof Nathan Söderblom (1866-1931) gilt als die prägende Gestalt der frühen Phase der Ökumenischen Bewegung und vielen Protestanten als „ökumenischer Kirchenvater“. Er war es wahrscheinlich, der den Begriff „Ökumene“ in seiner heutigen Bedeutung einführte. Ab 1919 kam es zu einer weiten Verbreitung des Begriffs. Söderblom wollte eine weltumspannende Bewegung stiften, die in der Einheit der Christenheit münden sollte. Als überzeugter und aktiver Pazifist plante er während des 1. Weltkriegs ein „Friedenskonzil“, auf welchem Kirchenvertreter aus allen Kriegsnationen gemeinsam ein Zeichen gegen den Krieg setzen sollten. Das Konzil kam jedoch nicht zu Stande.

1919 verfasste Söderblom ein Memorandum für den Internationalen Weltbund für Freundschaftsarbeit der Kirchen, in welchem er eine Weltkirchenkonferenz sowie einen Ökumenischen Rat zur Vertretung aller Christen vorschlug. Hierbei nahm er wichtige Grundprinzipien des späteren Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) vorweg. Die Verwirklichung seiner Idee durch die Gründung des ÖRK 1948 erlebte Söderblom nicht mehr.

Viele seiner Ideen waren wegweisend für die Ökumene und prägen diese bis heute. So wies er unter anderem darauf hin, dass die Annäherung der Konfessionen nicht primär durch eine Angleichung der Lehre und eine gemeinsame Kirchenorganisation erfolgen könne, sondern durch eine gemeinsame christliche Praxis. Die äußerlichen Unterschiede der Konfessionen könnten laut Söderblom eine Bereicherung der ganzen Christenheit darstellen. Zudem war er der - damals nicht unbedingt populären - Ansicht, Rom müsse in die ökumenische Arbeit eingebunden werden.12

3.3 Die beiden prägenden Stränge Life and Work und Faith and Order

1925 wurde Nathan Söderbloms Vorschlag zu einer Weltkirchenkonferenz in die Tat umgesetzt: In Stockholm tagte die erste ökumenische Weltkonferenz der Bewegung Life and Work, im Deutschen auch oft mit Praktisches Christentum wiedergegeben, mit 661 Teilnehmern aus 31 Kirchen. Den Vorsitz der Konferenz hielt Söderblom selbst und auf seinen Vorschlag hin wurden auch orthodoxe Kirchen eingeladen. Dennoch blieb die Veranstaltung eher protestantisch geprägt, 90% der Kirchen waren reformatorisch, die römisch-katholische Kirche blieb fern.

Inhaltlich wurden keine konkreten Ergebnisse hervorgebracht, die Konferenz hatte aber großen symbolischen Wert. Der Krieg wurde verurteilt und neue Wege zu einer Kooperation der Kirchen auf politischem, sozialem und caritativem Gebiet ausgeleuchtet. Glaubensfragen wurden bewusst ausgeklammert, das gemeinsame Zeugnis stand im Vordergrund - „Die Lehre trennt, der Dienst eint“ lautete das Schlagwort der Konferenz.13

Genau dies thematisierte aber der zweite wichtige Strang der Ökumenischen Bewegung, der sich parallel zu Life and Work entwickelte und unter dem Namen Faith and Order - zu Deutsch Glaube und Kirchenverfassung - bekannt wurde. Die Bewegung war eher anglikanisch geprägt und thematisierte bewusst dogmatische Divergenzen, wie die Frage nach dem kirchlichen Amt oder dem Eucharistieverständnis. Die Initiative zur Gründung von Faith and Order geht auf die Weltmissionskonferenz von 1910 zurück, auf welcher der Missionar Bischof Charles Brent seine Überzeugung äußerte, dass echte überkonfessionelle Zusammenarbeit nicht möglich sei, wenn Unterschiede einfach ausgeklammert werden würden. Brent regte zu einer Analyse von Gemeinsamkeiten und Unterschieden an sowie dazu, über offizielle Strategien zu einer Einigung zu beraten Zur ersten Weltkonferenz der Bewegung kam es dann 1927 in Lausanne, auf welcher theologische Grundsatzarbeit geleistet werden sollte. Differenzen sollten festgestellt und der Konsens vergrößert werden. Am Ende der Veranstaltung stand eine gemeinsame Zielumschreibung für das Ende des ökumenischen Prozesses: die gegenseitige Anerkennung und volle Sakramentengemeinschaft der Kirchen. Zudem wurden mögliche Einheitsmodelle, welche im späteren Teil dieser Arbeit näher behandelt werden sollen, diskutiert.

[...]


1 http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2010-11/hasenhuettl-austritt-kirche

2 Klein (1998), 1017

3 Ernesti (2007), 22

4 Klein (1998), 1017

5 Ernesti (2007), 13-14

6 Petri (1986), 110

7 Ernesti (2007), 14

8 Frieling (1992), 22-24

9 Ernesti (2007), 19

10 Ernesti (2007), 46

11 Frieling (1992) 43-46

12 Ernesti (2007), 22-25

13 Ernesti (2007), 27-28

Details

Seiten
19
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656850489
ISBN (Buch)
9783656850496
Dateigröße
540 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v284813
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München – Katholisch-Theologische Fakultät
Note
2,3
Schlagworte
Ökumene Katholisch Evangelisch Christentum

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