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Ludwig Tiecks Darstellung bürgerlicher Frauenfiguren und Familie in Bezug auf Kirche, Staat und Gesellschaft in den Historischen Prosawerken "Vittoria Accorombona" und "Der Hexensabbat"

Hausarbeit 2011 18 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Darstellung von bürgerlicher Familie und Frauen im Spiegel von Kirche, Staat und Gesellschaft
2.1. Bürgerliche Familie und Ehemodelle
2.2. Kirchliche Weiblichkeitsimaginationen und bürgerliches Frauenbild Tiecks
2.3. Individuum und Staat

3. Zusammenfassung

4. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Mittelpunkt der historischen Werke Ludwig Tiecks Der Hexensabbat und Vittoria Accorombona stehen jeweils bürgerliche Frauen und Familien. In beiden wird der Kampf der Frauen um Emanzipation gegen gesellschaftliche Konventionen sowie die Durchdringung der Familie von den Institutionen Kirche und Staat dargestellt. Die Schilderung dieser Konflikte innerhalb der Gattung des Historischen Romans verleitet zu der Frage, ob und inwiefern diese Strukturen auf den allgemeinen Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft übertragen werden können. Ziel dieser Hausarbeit soll es daher sein, die Bedeutung von Familie und Ehe sowie die Rolle der Frau im Speziellen im Hinblick ihrer Abhängigkeiten von Staat und katholischer Kirche zu untersuchen und vor allem die Frage zu klären, inwieweit dabei eine Wechselwirkung zur gesellschaftlichen Ordnung festzustellen ist.

Der erste Teil der Arbeit beschäftigt sich mit der bürgerlichen Familie und den darin geschilderten Ehemodellen. Der zweite Teil geht auf die Darstellung und Funktion der Frauenfiguren ein. Der dritte Teil beleuchtet schließlich das Motiv des Individuellen bei Tieck und diskutiert die Übertragbarkeit von Themen im Historischen Roman.

Das Thema dieser Arbeit erfordert eine klare Eingrenzung, insbesondere im Hinblick auf die Primärliteratur. Die beiden Werke Der Hexensabbat und Vittoria Accorombona wurden aufgrund ihrer historischen Darstellungsweise und nicht zuletzt wegen ihrer vergleichbaren, sich ergänzenden Charakterisierung der weiblichen Figuren und gesellschaftlichen Verhältnisse ausgewählt. Dabei kann und soll nur eine Auswahl von Deutungsmöglichkeiten erläutert und an einigen exemplarischen Beispielen belegt werden.

Eine wichtige Grundlage dieser Arbeit bilden die Monographien von Lutz Hagestedt und Martina Schwarz. Hagestedt analysiert umfassend den privaten, politischen und religiösen Raum in den Spätwerken Tiecks, während sich Schwarz genauer mit dem Ideal der bürgerlichen Familie und ihrem politischen Potential beschäftigt. Italo Michele Battafarano und Martina Wagner-Egelhaaf bringen in ihren Beiträgen wichtige Ansätze zu den Geschlechterverhältnissen im Spiegel von Gesetz und Kirche in Vittoria Accorombona ein. Judith Purver betrachtet den Zusammenhang der verfallenden gesellschaftlichen Ordnung in Hexensabbat und Vittoria Accorombona und konstatiert dabei eine Übertragung dieser in Tiecks Gegenwart. Mithilfe dieser und anderer Forschungsbeiträge konnte daher die Rolle der bürgerlichen Frau und der Familie in Ludwig Tiecks Der Hexensabbat und Vittoria Accorombona im Hinblick auf Kirche und Staat erläutert werden.

2. Darstellung von bürgerlicher Familie und Frauen im Spiegel von Kirche, Staat und Gesellschaft

2.1. Bürgerliche Familie und Ehemodelle

Die Familie nimmt sowohl im Hexensabbat als auch in Vittoria Accorombona einen besonderen Platz ein. Ihr Verlust trägt maßgeblich zum Scheitern der einzelnen Person – insbesondere der Frau – bei, wie es das Schicksal der Gertrud im Hexensabbat verdeutlicht1. Durch die Pflege und das Verstecken des gesuchten Mörders Denis soll die fehlende Familie kompensiert werden – Gertrud bezeichnet ihn sogar als ihren „Bruder“2 – und damit neuen Lebenssinn stiften3. Als Mutter von Kindern, die die Familienehre beschädigt und damit zum Untergang dieser geführt haben, verfällt Donna Julia am Ende, ebenso wie die von der Kirche um die Mutterrolle betrogene Gertrud, dem Wahnsinn4. Die Zuschreibungen von „Mütterlichkeit“ innerhalb bürgerlicher Weiblichkeitskonzepte erfahren im 19. Jahrhundert parallel zum neuen Familienparadigma einen Auftrieb, der auch auf den kirchlichen Marienkult und dem damit einhergehenden Tugend- und Vorbildcharakter der Maria als Mutter Gottes gründet5. Die neue „Mütterlichkeit“ in der bürgerlichen Familie wird von Tieck durch die Matrone Julia in Vittoria Accorombona als „Aufstieg der bürgerlichen Frau“6 zum Familienvorstand dargestellt.

Die Wechselbeziehung zwischen Familie und Staat, in der die Familie modellhaft als kleinste Einheit den Staat repräsentiert, erfährt auch dort besondere Aufmerksamkeit, wo der monarchisch regierte Staat sich mittels dynastischer Erbfolge auf eine ganz bestimmte Familie gründet7. Dies wird in Tiecks Hexensabbat ersichtlich in dem gespannten Verhältnis des burgundischen Herrschers Philipp des Guten zu seinem Sohn Carl und der sich daraus ergebenden politischen Spannungen: „Beide hatten Ursache, sich übereinander zu beklagen und Günstlinge und Schmeichler wendeten alle Künste an, um diese Verstimmung in einen öffentlichen Bruch zu verwandeln“8. Lutz Hagestedt zufolge wird die Relevanz der Familie dadurch offenbart, dass sowohl Kirche als auch Staat ihren Einfluss geltend machen, sie zu reglementieren und dominieren versuchen9 und damit „Unglück in Familien verbreiten, gute, wahre Ehen verderben“10. Im Hexensabbat ist es in besonderem Maße die Kirche, die die Grenze zum privaten Raum überschneidet und damit gleichzeitig Normverstöße in selbigem verursacht11. Ein Beispiel dafür ist die von der Kirche verschwiegene Verwandtschaft zwischen Catharina und dem Dechanten Marck Dubos, die fast zu einem inzestuösen Verhältnis zwischen Bruder und Schwester führt12. Am Ende erfährt er von der Verwandtschaft zu Catharina und Gertrud und verfällt in Raserei: „Von Leidenschaft geblendet hatte er diese verraten, und dazu geholfen, sie und die eigne Mutter dem Scheiterhaufen zu überliefern“13.

Die gegenseitige Durchdringung von Öffentlichkeit und Familie führt bei Tieck stets zu Konflikten, wie es in der bürgerlichen Familie in Vittoria Accorombona durch ihre Kontakte zu Kirche, Adel und Bandenwesen verdeutlicht wird14. Die Familie selbst wird hier aufgrund unterschiedlicher Interessenlager politisiert und „in zwei Parteien geteilt, indem Peretti und der Bischof Ottavio ganz dem Farnese, die übrigen dem mächtigen Paul Giordano ergeben waren“15. Die Familie als Institution erfährt auch in Tiecks Gegenwart im „Anfang des 19. Jahrhunderts einsetzenden ‚Familienkultes‘“16 eine Aufwertung bis hin zu einer politischen Funktionszuschreibung des im Entstehen begriffenen Bürgertums im Kampf gegen die Vormacht des Adels17. Die Familie als die private Seite einer bürgerlichen Öffentlichkeit war demnach maßgeblich an der Politisierung des Bürgertums beteiligt18.

Der heterogene Bürgerbegriff des 19. Jahrhunderts findet sich bei Tieck vor allem unter dem Aspekt, der eine „besondere Nähe zur Kunst, Musik und Literatur sowie durch einen ausgeprägten Bildungsanspruch geprägte bürgerliche Kultur“19 impliziert. Der Salon Catharinas und die „poetische Akademie“ Vittorias repräsentieren diese Beschäftigung des Bildungsbürgertums mit der Kunst. In der Bildung, hier manifestiert im Kunstgenuss, liegt Wolfgang Hardtwig zufolge der entscheidende Punkt für die Erlangung eines neuen gesellschaftlichen Status des Bürgertums und dem Aufstieg der Bildung selbst zum Politikum20. Im Roman Vittoria Accorombona werden im Hause der Accoromboni neben „Improvisationen, Musik und Gesänge[n], zuweilen der Vortrag einer gelehrten philosophischen Untersuchung, scharfsinnige Streitfragen und zierliche Disputationen“21 abgehalten. Der Salon kann daher als eine Schnittstelle von familiärer Privatheit und Forum einer bestimmten „Öffentlichkeit“ interpretiert werden.

Die Eheschließung wird in beiden behandelten Werken Tiecks von der Familie erzwungen. So müssen sich die jeweiligen Protagonistinnen Catharina und Vittoria ohne Mitbestimmungsrecht in ihre Ehen mit Denisel beziehungsweise Peretti fügen22. Beide Ehen sind im Folgenden von einer massiven Unausgeglichenheit geprägt. In der Ehe zwischen Catharina und Denisel ist es der große Altersunterschied und die grausame „väterliche Erziehungs- und Aufsichtsfunktion“23, die Denisel in Form von willkürlicher Züchtigung übernimmt und in Vittorias Ehe zu Peretti die Verweigerung der ehelichen Pflichten vonseiten Vittorias und dem unausgewogenen Mächteverhältnis zuungunsten des als schwächlich charakterisierten Peretti24. Vittorias Mutter muss hier als deren Stifterin mitansehen, wie ungleich sich die Vernunftehe zwischen Vittoria und Peretti gestaltet: „Vittoria ertrug den Gatten nur so eben, sie übersah ihn zu sehr; seine Schwäche, die auch dem blödesten Auge auffiel, mußte sie verachten“25. Bei der Darstellung von Ehen geht es Tieck dabei mehr um den spezifischen Einzelfall und nicht um eine allgemeine Bewertung konventioneller und unkonventioneller Ehen26. So folgen häufig gegensätzliche Ehemodelle aufeinander wie anhand der Zwangsehe von Catherina und Denisel auf ihre Liebesheirat mit Robert oder der leidenschaftlichen Ehe Vittorias mit Bracciano auf deren gefühlskalte Vernunftehe mit Peretti ersichtlich wird.

Die „Infragestellung der Ehe als einem altehrwürdigen, aber obsoleten Institut“27 wird von Tieck genauso problematisiert wie die erfüllende Liebe innerhalb der Ehe. Daher wird durch die Figur der Catharina auch der konsequente Verzicht auf die Ehe und die Liebe dargestellt. Das bewusst eingegangene Zölibat ohne den entsprechenden religiösen Hintergrund wie es ein „Leben in Bußübungen, sogenannten guten Werken, als Mitglied einer frommen Schwesternschaft“28 vorgibt, birgt die Gefahr, dass diese Art der Lebensführung von den Männern nicht respektiert und Catharina ihnen ohne diesen religiösen Schutz ausgeliefert ist. Die fehlende Religiosität als ordnungsgemäße Ummantelung ihrer Unnahbarkeit ist es daher auch, die Friedrich Beaufort an ihr kritisiert: „Ich muß es euch sagen, und Ihr wißt es ja wohl zum Teil, wieviel unwürdige Verleumdung man an Euren Namen knüpft, wie man Euch mißversteht, wie man das Beste Euch zum Schlimmen ausdeutet, Eure Liebe zur Kunst Euch zum Verbrechen macht, und selbst Eure Wohltätigkeit verunglimpft, weil Ihr immer heiter scheint, und jeden Prunk der Religiosität, jedes Prahlen mit Frömmigkeit, alles, wodurch sich die meisten Menschen Ehrfurcht verschaffen, geflissentlich vermeidet“29.

2.2. Kirchliche Weiblichkeitsimaginationen und bürgerliches Frauenbild Tiecks

Die kirchlich konnotierten, antinomisch zugespitzten Zuschreibungen von „Hexe“ und „Heilige“, im Sinne der „Sünderin“ und „frommen Christin“, erscheinen in den Frauen des Hexensabbats, Catharina und Gertrud, besonders charakteristisch, kommen aber auch in anderen Frauenfiguren zum Vorschein30. So sitzt Catharina dem Maler Labitte Modell für „die glorreiche Maria“31 und Gertrud führt aus Sicht der Kirche ein frommes und tugendhaftes Leben, das sinnbildlich für ihre „Heiligkeit“ steht32. Am Ende werden aber beide Frauen aus unterschiedlichen Motiven heraus als „Hexen“ zum Tode verurteilt. Catharina Denisel erscheint den Männern als verführerisch gefährliche und „schöne, mächtige Zauberin“33 mit einem Hang zur biblischen Sünderin34, so dass Labitte über Catharina als sein Modell konstatiert: „Am meisten aber gelang die Magdalena“35. Gertrud denunziert schließlich im Wahn, ausgelöst durch eine tiefe Identitätskrise, sich selbst und andere Frauen als ketzerische und sündige Hexen. Vittoria wird der Vorwurf gemacht, auf ihrem Prozess, bei dem sie des Mordes an ihrem Ehemann angeklagt wird, statt eine „trauernde Witwe, wie eine reichgeschmückte Fürstenbraut, statt der büßenden Magdalena, eine heroische Judith“36 darzustellen. Die jeweiligen Erwartungen an das weibliche Erscheinungsbild, die selten über das Binärpaar der „Hexe“ und „Heiligen“ hinaus gehen, werden also mit den entsprechenden religiösen Motiven untermauert.

Weiterhin dient der angebliche „Hexenzauber“ der Frauen dazu, die Lüsternheit der Männer als magisch erzwungen zu verteidigen. So soll Vittoria Gerüchten zufolge die Männer auf magische Weise mit Liebestränken gefügig gemacht haben und nun zusammen mit ihrer Mutter als Hexe verbrannt werden. Die Grenze zwischen Kirche und Staat verschwimmt zudem, wenn Vittoria aufgrund ihrer Nicht-Verfügbarkeit für die Männerwelt statt als ketzerische Hexe verbrannt zu werden, Opfer eines Mordkomplotts von Männern wird, in dem die Geistlichen sie „nicht als Theologen, sondern als machtbesessene Politiker“37 verfolgen. So wird Vittoria mit den Folgen des politischen Ehrgeizes der Kardinäle und vor allem „verletzter männlicher Eitelkeit“38 konfrontiert. Auch im Hexensabbat wird Catharina letztendlich hingerichtet, weil sie sich dem sexuellen Verlangen der Männer verweigert und ihre Unabhängigkeit bewahrt. Für Achim Hölter stellt dieser Konflikt zwischen der Nicht-Verfügbarkeit der Frau und sexuellem Begehren des Mannes das „fundamentale Syndrom“39 der Hexenverfolgung bei Tieck dar.

Ebenso konträr wie die Frauen werden in beiden Werken die Männerfiguren dargestellt. In Vittoria Accorombona geht Martina Wagner-Egelhaaf gar von einer „Krise der Männlichkeit“40 aus. Hier sind die Männer entweder mit zutiefst negativen Attributen wie „wild“, „gewalttätig“, „machtgierig“ oder „lüstern“ behaftet oder werden als verweiblicht, schwach und damit machtlos charakterisiert41. Die Macht liegt hier klar bei jenen als unmoralisch und gesetzlos beschriebenen Männern. Während die Frauen an den Beschränkungen des Gesetzes leiden, ohne dagegen aktiv vorgehen zu können, wird „Männlichkeit“ am Bruch mit diesem und unmoralischem Verhalten festgemacht. Die Frauen in Vittoria Accorombona und Der Hexensabbat brechen dagegen nur als Außenseiter mit den bestehenden Gesellschaftsnormen. Die „an individuellen Freiheitsrechten nicht-orientierte Gemeinschaft“42 lässt daher keinen Spielraum für die Entfaltung der weiblichen Persönlichkeitsrechte und sanktioniert emanzipiertes oder abweichendes Verhalten beider Protagonistinnen mit dem Tod.

Die Kirche richtet sich hier vornehmlich gegen emanzipierte, gebildete Frauen, die unter den Beschränkungen ihrer Frauenrolle leiden43. Als emanzipiert kann man sowohl Catharina als auch Vittoria bezeichnen, wenn man ihre relative Unabhängigkeit und vor allem ihre eigenständige Gedankenwelt zugrunde legt44. Anders als bei den Männern wird das Verhalten der Frauen stark von der Öffentlichkeit bewertet und gelenkt. Die „Tugendhaftigkeit“ der Frau wird zum Politikum, wie es Vittoria hellsichtig erkennt: „Mit dir entfliehn? – Und diese Kardinäle, deine Familie, Florenz und die Fürsten Italiens – welch Geschrei, welche Anklage würden sie erregen, welche Verfolgung! Und hauptsächlich gegen mich, denn in diesen Fällen ist das Weib immerdar das Opfer“45.

Darüber hinaus sind auch in den Frauenfiguren selbst von der Außenwelt unabhängige Konflikte angelegt. Bei Catharina sind es vor allem gegensätzliche Vorstellungen zu Liebe, Leben und Religion, die nicht miteinander in Einklang zu bringen sind und „Maßlosigkeit und damit eine Verletzung der Idee der ‚Mitte‘ implizieren“46. Innerhalb ihres Salons kann sie ihr Ideal einer auf Ästhetik gründenden Sinnlichkeit aufrechterhalten und sich als Gesellschafterin desselben ihrer Identität versichern47. Die Bedrängungen durch die Männer Friedrich Beaufort und Dechant Mark Dubos stören jedoch das von ihr angestrebte Leben inmitten freundschaftlicher Beziehungen, anregender Gespräche und gemeinsamen Kunstgenusses. Die Kunst spielt auch für die Dichterin Vittoria eine große Rolle, so dass der historische Roman Vittoria Accorombona mitunter auch als „Künstlerin-Roman“48 bezeichnet wird. Christoph Brecht wirft dagegen ein, die Poesie sei hier lediglich ein Mittel, um die Bestimmung der Frau zu reflektieren und wirke daher im Roman nicht um ihrer selbst willen49. Die Gedichte Vittorias geben eine unmittelbare Auskunft über ihr Innenleben, Gedanken zur Liebe aber auch Ängste werden darin thematisiert50. Mit der Schilderung der Zerbrechlichkeit von Kunst, wie sie mit dem Schicksal der Frauenfiguren einhergeht, reflektiert Ludwig Tieck schließlich auch seine eigene gegenwärtige Situation als Künstler und die Angriffe der Jungdeutschen auf sein gesamtes Werk, die ihn politisch zu vereinnahmen suchen51.

2.3. Individuum und Staat

Das Motiv des Verfalls der gesellschaftlichen Verhältnisse prägt sowohl den Hexensabbat als auch in verschärfter Weise Vittoria Accorombona52. Beide Werke veranschaulichen, auf welche Weise „die Schwäche der Staatsgewalt zu Parteihader, Gesetzlosigkeit und Machtmißbrauch vonseiten der Reichen und Mächtigen führt“53. So wie im Hexensabbat der alternde Herrscher Philipp durch seinen schwachen Führungsstil Willkür und Selbstjustiz der Adligen begünstigt, führen auch in Vittoria Accorombona die allgemeinen instabilen politischen Verhältnisse zu einer Gesetzlosigkeit, die ihren Ausdruck in den Banditen, Räubern und nicht zuletzt den korrupten, machtgierigen Adligen und Kirchenfürsten findet54. Die nicht mehr durch Gesetze kontrollierte Macht verselbstständigt sich und fällt jenen zu, die sich explizit „außerhalb des Gesetzes stellen“55. So kommt es schließlich dazu, „daß Rom mit Empörern, Räubern und Mördern, wie mit einer rechtsbestätigten Macht unterhandelt[e], öffentlich, im Palaste eines angesehenen Kardinals“56.

[...]


1 Vgl. Lutz Hagestedt: Ähnlichkeit und Differenz. Aspekte der Realitätskonzeption in Ludwig Tiecks späten Romanen und Novellen. München 1997, S. 140.

2 Ludwig Tieck: Der Hexensabbat. Novelle. Hrsg. v. Walter Münz. Stuttgart 1988, S. 81.

3 Vgl. Lutz Hagestedt: Ähnlichkeit und Differenz, S. 142.

4 Vgl. Lutz Hagestedt: Ähnlichkeit und Differenz, S. 141.

5 Vgl. Simone Staritz: Geschlecht, Religion und Nation. Genoveva-Literaturen 1775-1866, St. Ingbert 2005, S. 87.

6 Martina Schwarz: Die bürgerliche Familie im Spätwerk Ludwig Tiecks. „Familie“ als Medium der Zeitkritik. Würzburg 2002 , S. 220.

7 Vgl. Lutz Hagestedt: Ähnlichkeit und Differenz, S. 127.

8 Ludwig Tieck: Der Hexensabbat, S. 5.

9 Vgl. Ludwig Tieck: Der Hexensabbat, S. 5.

10 Ludwig Tieck: Der Hexensabbat, S. 46.

11 Vgl. Lutz Hagestedt: Ähnlichkeit und Differenz, S. 311.

12 Vgl. Lutz Hagestedt: Ähnlichkeit und Differenz, S. 140.

13 Ludwig Tieck: Der Hexensabbat, S. 214.

14 Vgl. Martina Schwarz: Die bürgerliche Familie im Spätwerk, S. 222 und S. 292.

15 Ludwig Tieck: Vittoria Accorombona. Ein Roman in fünf Büchern. In: Ludwig Tieck: Werke in vier Bänden. Nach dem Text der „Schriften“ von 1828-1854, unter Berücksichtigung der Erstdrucke. Hrsg. v. Marianne Thalmann. München 1963, S. 157.

16 Martina Schwarz: Die bürgerliche Familie im Spätwerk, S. 50.

17 Vgl. Martina Schwarz: Die bürgerliche Familie im Spätwerk, S. 50.

18 Vgl. Carola Lipp: Frauen und Öffentlichkeit. Möglichkeiten und Grenzen politischer Partizipation im Vormärz und in der Revolution 1848/1849. In: Schimpfende Weiber und patriotische Jungfrauen. Frauen im Vormärz und in der Revolution 1848/1849. Hrsg. v. Carola Lipp. Baden-Baden 1998, S. 273.

19 Björn Rüdiger: Bürgerliche Emanzipation und staatliche Reaktion. Zur Genese bürgerlicher Grundrechte zwischen Vormärz und Reaktionszeit. Hamburg 2007, S. 25.

20 Vgl. Wolfgang Hardtwig: Vormärz. Der monarchische Staat und das Bürgertum. München 1998, S. 114.

21 Ludwig Tieck: Vittoria Accorombona, S. 103.

22 Vgl. Lutz Hagestedt: Ähnlichkeit und Differenz, S. 129.

23 Lutz Hagestedt: Ähnlichkeit und Differenz, S. 145.

24 Vgl. Lutz Hagestedt: Ähnlichkeit und Differenz, S. 130-131.

25 Ludwig Tieck: Vittoria Accorombona, S. 148.

26 Vgl. Italo Michele Battafarano: Ludwig Tiecks Spätroman „Vittoria Accorombona“. In: Silvio Vietta (Hrsg.): Romantik und Renaissance. Die Rezeption der italienischen Renaissance in der deutschen Romantik. Stuttgart 1994, S. 207-208.

27 Lutz Hagestedt: Ähnlichkeit und Differenz, S. 130.

28 Ludwig Tieck: Der Hexensabbat, S. 35.

29 Ebd.

30 Vgl. Lutz Hagestedt: Ähnlichkeit und Differenz, S. 171.

31 Ludwig Tieck: Der Hexensabbat, S. 103.

32 Vgl. Lutz Hagestedt: Ähnlichkeit und Differenz, S. 141 und S. 143.

33 Ludwig Tieck: Der Hexensabbat, S. 96.

34 Vgl. Lutz Hagestedt: Ähnlichkeit und Differenz, S. 141 und S. 143.

35 Ludwig Tieck: Der Hexensabbat, S. 103.

36 Ludwig Tieck: Vittoria Accorombona, S. 200.

37 Italo Michele Battafarano: Ludwig Tiecks Spätroman "Vittoria Accorombona", S. 208-209.

38 Ebd., S. 210.

39 Achim Hölter: Frühe Romantik – frühe Komparatistik. Aufsätze zu Ludwig Tieck. Frankfurt am Main 2001, S. 151.

40 Martina Wagner-Egelhaaf: Verque(e)r und ungereimt. Zum Verhältnis von Gesetz, Geschlecht und Gedicht in Tiecks 'Vittoria Accorombona' (1840), S. 162.

41 Vgl. Martina Wagner-Egelhaaf: Verque(e)r und ungereimt, S. 162.

42 Armin Gebhardt: Ludwig Tieck. Leben und Gesamtwerk des „Königs der Romantik“. Marburg 1997, S.303.

43 Vgl. Italo Michele Battafarano: Ludwig Tiecks Spätroman "Vittoria Accorombona", S. 202.

44 Vgl. Christine Harte: Ludwig Tiecks historische Romane. Untersuchungen zur Entwicklung seiner Erzählkunst. Bern 1997, S. 215.

45 Ludwig Tieck: Vittoria Accorombona, S. 177.

46 Lutz Hagestedt: Ähnlichkeit und Differenz, S. 142-143.

47 Vgl. Maria Beate Bitter-Postelt: Zur Auseinandersetzung mit der Imagination des Außenseiters. Philosophische Erörterung und exemplarische Analyse von Ludwig Tiecks Novelle „Der Hexen-Sabbath“. Bremen 1985, S. 124.

48 Italo Michele Battafarano: Ludwig Tiecks Spätroman "Vittoria Accorombona", S. 196.

49 Vgl. Christoph Brecht: Die gefährliche Rede. Sprachreflexion und Erzählstruktur in der Prosa Ludwig Tiecks. Tübingen 1993, S. 231-232.

50 Vgl. Christine Harte: Ludwig Tiecks historische Romane, S. 205.

51 Vgl. Judith Purver: "Da dieses Unheil hat geschehen können, so spreche man nur nicht davon, daß wir besser und klüger geworden sind, als unsere Vorfahren": Europäische Geschichte, Schriftsteller und Zeitgeist in Tiecks späten Prosawerken 'Der Hexensabbat' (1832) und 'Vittoria Accorombona' (1840), S. 197.

52 Vgl. Judith Purver: Da dieses Unheil hat geschehen können, S. 205.

53 Judith Purver: Da dieses Unheil hat geschehen können, S. 205.

54 Vgl. Martina Wagner-Egelhaaf: Verque(e)r und ungereimt, S. 153.

55 Wagner-Egelhaaf: Verque(e)r und ungereimt, S. 155.

56 Ludwig Tieck: Vittoria Accorombona, S. 158.

Details

Seiten
18
Jahr
2011
ISBN (eBook)
9783656846512
ISBN (Buch)
9783656846529
Dateigröße
526 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v284849
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für Deutsche Literatur
Note
1,3
Schlagworte
Ludwig Tieck Der Hexensabbat Vittoria Accorombona Frauen Familie Historische Prosa Kirche Staat Gesellschaft

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Titel: Ludwig Tiecks Darstellung bürgerlicher Frauenfiguren und Familie in Bezug auf Kirche, Staat und Gesellschaft in den Historischen Prosawerken "Vittoria Accorombona" und "Der Hexensabbat"