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Einmal böse – immer böse? Die Banalität des Bösen vs. Das Radikal Böse

Seminararbeit 2013 15 Seiten

Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Konzepte
2.1 Kant und das Radikal Böse
2.1.1 Das böse Prinzip im Menschen
2.1.2 Der Hang zum Bösen
2.1.3 Das von Natur aus Böse im Menschen
2.1.4 Der Ursprung des Bösen in der menschlichen Natur
2.2 Hannah Arendt und die Banalität des Bösen
2.2.1 Der Eichmann-Prozess
2.2.2 Der Skandal – Die Banalität des Bösen

3 Der Vergleich

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis
5.1 Bücher
5.2 Interviews

1 Einleitung

Die Philosophie hat zur Aufgabe, Begriffe zu diskutieren und zu klären, die in ihrer Komplexität und Bedeutung durch allgemeinen Sprachgebrauch schwierig zu erfassen sind. Zu diesen gehören unter anderem „Freiheit“, „Bewusstsein“ und auch der Begriff der Moral. Fundamental für den Letztgenannten scheinen die Prinzipien des Guten und des Bösen entscheidend zu sein, denn allein bei der Bewertung von Handlungen wird, auch im Alltag, diese Kategorisierung vorgenommen und angewendet. Nicht nur dies: In Film, Musik und Literatur wird in den darin vorkommenden Handlungen und Charakteren stark zwischen dem Guten und dem Bösen differenziert. Doch es stellt sich die Frage, wie im Allgemeinen beide Begriffe charakterisiert werden können, und vor allem, wo der Mensch zwischen diesen beiden Kategorien positioniert ist.

In der vorliegenden Hausarbeit geht es um den inhaltlichen Vergleich der Auffassungen des Bösen bei Immanuel Kant und Hannah Arendt.

Basierend auf seinem Werk „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ von 1793 soll Kants Prinzip des Bösen im Menschen dargestellt werden. Er geht von einem radikal Bösen in der menschlichen Natur aus. Das radikal Böse bei Kant meint nicht, wie eventuell auf den ersten Blick vermuten lässt, etwas „sehr, sehr Böses“ – sondern es meint viel mehr, dass bereits etwas schon an der Wurzel böse ist. Dabei geht Kant von einer anthropologischen Konstanze aus – sprich, in jedem Menschen herrscht diese Veranlagung des Bösen.

Hannah Arendt prägt hingegen den Begriff der Banalität des Bösen in ihrem Bericht „Eichmann in Jerusalem“ von 1990, aber auch in ihrer Vorlesung „Über das Böse“ aus dem Jahre 1965. Arendt verwendete bis zum Eichmann-Prozess 1961 selbst die Bezeichnung des radikal Bösen. Da laut Arendt das Böse aber niemals radikal und banal zugleich sein kann, kritisierte sie später die Auffassung von Kant. Die Hausarbeit versucht dabei die These zu begründen: Für Hannah Arendt ist das Böse immer nur extrem – niemals radikal. Das Böse hat keine Tiefe und auch keine Dämonie. Ein Mensch ist somit ohne Trieb und ohne Neigung böse – es ist etwas „Beiläufiges“. Die Banalität des Bösen kommt nur auf der Ebene des Tatsächlichen zur Sprache.

Ob Kant und Arendt mit ihren (vermeidlichen) Gegenbegriffen nicht doch dasselbe meinten soll die Untersuchung der Frage: „Ist das Böse radikal, banal oder gar beides?“ zeigen.

2 Die Konzepte

2.1 Kant und das Radikal Böse

Kant distanziert sich zu Beginn des Ersten Stückes seines Werkes „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ von 1793 von der Ansicht, dass sich die Menschheit in Richtung des Guten entwickelt, denn die Beobachtungen aus der Geschichte zeigen das Gegenteil auf.1 Er bezeichnet diese Ansicht als „gutmütige Voraussetzung der Moralisten, […] um zum […] Anbau des vielleicht in uns liegenden Keimes zum Guten anzutreiben“.2 Es wird deutlich, dass Kant der Meinung ist, die Gesellschaft würde sich nicht zum Besseren verändern, sondern vom „radikale[n] Bösen[n]“3 beeinflusst sein. Dennoch räumt er ein, dass beide Ansichten – sowohl die seine[,] als auch die […] der Moralisten – verfälscht sein könnten.4

Bevor Überlegungen zum guten und bösen Prinzip angestellt werden, klärt Kant auf, wann ein Mensch als böse bezeichnet werden kann. Er sagt, dass „Handlungen […], welche böse (gesetzeswidrig) sind[, …] auf böse Maximen [im Menschen] schließen lassen.“5 In der „Vorrede zur ersten Auflage“ wird angeführt, dass der Mensch, aufgrund seiner Freiheit, autonom ist – dass heißt, eine Person entscheidet selbst nach welchen Gesetzen sie handelt.6 Die Natur steht im Gegensatz zur Autonomie des Menschen.7 Maximen sind jene Gesetze – oder genauer seine Grundlagen – die der Mensch für sich bestimmt und nach denen er handelt. Ist die Voraussetzung (die Maxime) für eine Handlung bereits moralisch böse, so ist folglich auch der Mensch, der diese für sich annimmt, böse. Weiterhin setzt Kant voraus, dass die „Gesinnung […] niemals […] weder gut, noch böse“8 sein kann. Diesen Schritt denkt er weiter und bestreitet ebenso die These, dass der Mensch entweder moralisch gut oder moralisch böse ist. Folglich stellt er die Frage nach einem Mittelweg, welcher zum Inhalt hätte, dass Gutes und Böses im Menschen gleichzeitig existiert.9

Hier muss zusätzlich der Begriff der „Triebfeder“10 angeführt werden. Triebfedern verkörpern, für Kant den, durch die Autonomie des Menschen, aufgenommen Grund einer Handlungsweise in die eigene Maxime. Maximen werden in „Ansehung des moralischen Gesetzes“11 im Menschen aufgenommen. Dieses Gesetz gilt vor jeder Erfahrung (a priori). Zudem ist, so Kant, „das moralische Gesetz […] für sich selbst im Urteile der Vernunft, Triebfeder und wer es zu seiner Maxime macht, ist [moralisch] gut.“12 Das moralische Gesetz wird also durch die Vernunft erkannt. Durch diese ist der Mensch in der Lage zu erkennen, dass dieses Gesetz zum moralisch guten Handeln als Treibfeder ausreicht.

2.1.1 Das böse Prinzip im Menschen

Ein Mensch ist nur gut, sofern er in seiner Maxime das moralische Gesetz aufgenommen hat. Es besteht allerdings auch die Möglichkeit des Entgegengesetzten. Die Autonomie ermöglicht dem Menschen auch die Aufnahme anderer Triebfedern in seiner Maxime. Diese stammen aus der Selbstliebe, daher bezeichnet Kant diese auch als „Quelle des Bösen“.13 Im Folgenden soll kenntlich gemacht werden, wie das Böse im Menschen entsteht.

2.1.2 Der Hang zum Bösen

Den Begriff „Hang“ definiert Kant als „subjektiven Grund der Möglichkeit einer Neigung.“14 Analog ist der „Hang zum Bösen“ ein „subjektiver Grund der Möglichkeiten einer Neigung zum Bösen“. Der Hang zum Bösen besteht – so Kant – in der Möglichkeit, dass Maximen vom moralischen Gesetz abweichen können, beziehungsweise dass auch andere Treibfedern in die Maxime aufgenommen werden.15 Ist dies der Fall, so spricht Kant von einem „böse[n] Herz[en].“16

Beim Begriff des bösen Herzens unterscheidet er drei Stufen. Die erste Stufe definiert Kant als „die Schwäche des menschlichen Herzens in [der] Befolgung genommener Maxime […] oder die [Gebrechlichkeit].“17 Das moralische Gesetz wird zwar in die Maxime aufgenommen, jedoch folgt daraus keine konsequente Handlung nach diesem. Zweitens, „die Unlauterkeit“18: Hiermit meint Kant das aus der Aufnahme moralischer und nicht-moralischer Triebfedern in die Maxime resultierende Handeln. Die zwei Stufen gipfeln letztlich in der dritten Stufe, der „Annehmung böser Maxime, d.i. die [Bösartigkeit].“19 Das moralische Gesetz wird als Treibfeder anderen, den nicht moralischen Triebfedern, untergeordnet. Diese können auch als böse Maxime bezeichnet werden. Der Hang zum Bösen muss aus der Freiheit des Menschen abgeleitet werden, denn aufgrund der Freiheit ist der Mensch in der Lage selbst zu entscheiden, was er in seine Maxime aufnimmt.20

2.1.3 Das von Natur aus Böse im Menschen

Wenn etwas als „von Natur böse“ bezeichnet wird – so Kant – ist keine Einzelperson, sondern die Gattung „Mensch“ gemeint.21 Wenn die Gattung nun im Vordergrund steht, bedarf es einer Verallgemeinerung des Hanges zum Bösen auf alle Menschen. Im vorherigen Abschnitt wurde bereits herausgestellt, dass der Hang aus der Freiheit des Menschen abgeleitet wird. Die Freiheit einer Person selbst, zu entscheiden welche Maxime er annimmt, bleibt allerdings subjektiv. Dieses Problem löst Kant, indem er den Hang zum Bösen „als radikales, angeborenes […] Böse[s] in der menschlichen Natur“22 bezeichnet. Dieses lässt sich folgendermaßen erklären: Es existiert das moralische Gesetz, dessen Befolgung der Mensch – als Willen dieses Gesetz zu befolgen – in seine Maxime, aufgrund der Vernunft, aufnimmt oder wenigstens erkennen muss. Solange keine bösen Treibfedern auf dieses moralische Gesetz einwirken, bleibt es bestehen. Doch wird das moralische Gesetz aufgrund einer anderen Treibfeder untergeordnet, resultiert aus dieser Umordnung der Treibfedern dessen Gegenteil: Das moralisch Böse.23

2.1.4 Der Ursprung des Bösen in der menschlichen Natur

Der Ursprung des Bösen wird von Kant als ein Anfang „desselben in der Menschengattung“24 angesehen. Dieser Anfang besteht in der Missachtung des moralischen Gesetzes, der „Sünde“25, wie Kant es benennt, und nicht im Hang zum Bösen. Dennoch könnte der Hang als Folge, des im Ursprung vorhandenen Bösen, gesehen werden. Missachtet der Mensch das moralische Gesetz, so ist er geneigt unmoralische Triebfedern in seine Maxime aufzunehmen.

Die Sünde selbst entspringt aus der Möglichkeit, dass der Verlauf einer Handlung – trotz des Abhanden seins einer moralischen guten Treibfeder – rein formal dem moralischen Gesetz nicht widerspricht.26 Dass heißt: Der Mensch handelt zwar an sich gut, aber die Intention basiert nicht auf einer moralisch guten Grundlage. Der Mensch will also nicht bewusst gut handeln. Am Ende des Kapitels betont Kant allerdings, dass „der Mensch [… durch Verführung] ins Böse gefallen, also [nicht von Grund aus] […] verderbt, sondern als noch einer Besserung fähig“27 ist. Dieser Verfall kann nur aus der Selbstliebe resultieren, da diese durch die Instinkte – und nicht durch das moralische Gesetz – verfolgt wird.28

[...]


1 Vgl. Immanuel Kant: „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“, 1793, S.4 im Folgenden zitiert als [Kants Rel.].

2 Kants Rel. S.5.

3 Kants Rel. S.3.

4 Kants Rel. S.5.

5 Kants Rel. S.5f.

6 Kants Rel. S.III.

7 Vgl. Kants Rel. S.6.

8 Kants Rel. S.12f.

9 Kants Rel. S.5f.

10 Kants Rel. S.12.

11 Kants Rel. S.8f.

12 Kants Rel. S.12.

13 Kants Rel. S.52.

14 Kants Rel. S.21.

15 vgl. Kants Rel. S.21.

16 Kants Rel. S.21.

17 Kants Rel. S.21.

18 Kants Rel. S.21.

19 Kants Rel. S.22.

20 vgl. Kants Rel. S.22.

21 vgl. Kants Rel. S.27.

22 Kants Rel. S.27.

23 vgl. Kants Rel. S.34f.

24 Kants Rel. S.34.

25 Kants Rel. S.44.

26 Kants Rel. S.44.

27 Kants Rel. S.47f.

28 Kants Rel. S.50f.

Details

Seiten
15
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656850328
ISBN (Buch)
9783656850335
Dateigröße
698 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v284916
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
Schlagworte
einmal banalität bösen radikal böse

Autor

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