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Martin Luther und die Entwicklung der neuhochdeutschen Schriftsprache

Bewertung der Leistung Luthers für die Germanistik

Seminararbeit 2013 16 Seiten

Zusammenfassung

Begonnen hat diese Arbeit mit der Ausgangsfrage der Bewertung der Leistung Luthers für die Germanistik. Dabei stellte sich sehr schnell heraus, dass diese Frage in der Forschungsliteratur nahezu immer einhergeht mit der Frage, ob Martin Luther der ‚Schöpfer’ unserer heutigen neuhochdeutschen Schriftsprache sei oder nicht.

Betrachtet man die Einschätzungen zu Martin Luthers Leistungen und langfristiger Wirkung in Bezug auf die Entwicklung der neuhochdeutschen Schriftsprache, so finden sich durch die gesamte Rezeptionsgeschichte hindurch gegensätzliche Äußerungen. Zwischen absolut positiv oder negativ ausfallenden Meinungen liegen diverse weitere, verschiedene Aspekte beleuchtende, mitunter weniger eindeutig wertende, dafür aber objektivere Einschätzungen.

Daher wird sich in dieser Arbeit auf Martin Luthers Rolle bezüglich der Entwicklung der neuhochdeutschen Schriftsprache und seiner Leistung bzw. langfristigen Wirkung in diesem Zusammenhang konzentriert. Der Umfang dieser Arbeit machte es nötig, sich exemplarisch auf drei Texte zu fokussieren, die sich mit dieser Frage beschäftigen. Der Schwerpunkt liegt auf der neueren Rezeptionsgeschichte, da nur hieraus und nicht durch zeitgenössische Rezeption die nachhaltige Wirkung Luthers für unsere heutige Sprache untersucht werden kann. Der erste Text stammt von Paul Pietsch aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert, der zweite von Carl Franke aus dem Jahre 1914 und der dritte schließlich von Joachim Schildt aus den 1980er Jahren. Anhand dieser Meinungen, die natürlich im Kontext ihrer jeweiligen Entstehungszeit zu betrachten sind, soll analysiert werden, ob und wie sich das Lutherbild bezüglich der Fragestellung im Laufe der letzten zwei Jahrhunderte verändert hat. Dabei sind folgende Fragen zu stellen: Gibt es Konstanten und wenn ja welche? Wo und inwiefern treten Veränderungen auf? Wie sind sowohl die Konstanten als auch die Veränderungen zu bewerten? Die Fragen verfolgen das Ziel dem Sprachschaffen Luthers in Folge der beispielhaften Analysen eine – soweit möglich – objektive Beurteilung zukommen zu lassen, sowie damit einhergehend einen Überblick über die Luther-Rezeption samt ihrer zugrundeliegenden Motive in den letzten zwei Jahrhunderten zu geben.
Um die Einordnung und Bewertung von Luthers Sprachschaffen verständlich zu machen, wird zunächst eine kurze überblicksartige Darstellung zur sprachlichen Situation seinerzeit im deutschsprachigen Raum gegeben.

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. DIE SPRACHLICHE SITUATION IM DEUTSCHSPRACHIGEN RAUM ZUR ZEIT LUTHERS 4s

3. TEXTANALYSEN
3.1. Paul Pietsch (1883): Martin Luther und die hochdeutsche Schriftsprache
3.2. Carl Franke (1914): Der geschichtliche Kern der Legende von Luthers Schöpfung der neuhochdeutschen Schriftsprache
3.3. Schildt, Joachim (1986): Zum deutschen Sprachschaffen Martin Luthers. Schwerpunkte und Entwicklungstendenzen der Forschung

4. ZUSAMMENFASSUNG DER ERGEBNISSE AUS DEN TEXTANALYSEN

5. FAZIT / AUSBLICK

QUELLEN

1. Einleitung

Begonnen hat diese Arbeit mit der Ausgangsfrage der Bewertung der Leistung Luthers für die Germanistik. Dabei stellte sich sehr schnell heraus, dass diese Frage in der Forschungsliteratur nahezu immer einhergeht mit der Frage, ob Martin Luther der ,Schöpfer’ unserer heutigen neuhochdeutschen Schriftsprache[1] sei oder nicht.

„Als eigentlicher Begründer der nhd. Schriftsprache gilt, wenn auch neuerdings viel bestritten, doch richtig verstanden mit Recht, Luther.“[2]

„Unsere Schriftsprache ist nach einem schönen Wort Jakob Grimms ein protestantischer Dialekt.

Unser Reformator ist ihr Schöpfer.“[3]

„Fragen wir uns nun nach der stellung, welche Luther in der schriftsprachlichen entwicklung seiner zeit einnimmt. Die etwas vage vorstellung, dass der reformator der schöpfer einer neuen sprache gewesen sei, kann heute als völlig überwunden gelten. [...] [es] muss mit allen nachdruck darauf hingewiesen werden, dass Luther nicht nur nichts absolut neues geschaffen hat, sondern dass seine sprache von dem, was wir heute schlechthin als ,Neuhochdeutsche schriftsprache’ bezeichnen, viel weiter entfernt ist, als dies gewöhnlich angenommen wird.“[4]

Betrachtet man die Einschätzungen zu Martin Luthers Leistungen und langfristiger Wirkung in Bezug auf die Entwicklung der neuhochdeutschen Schriftsprache, so finden sich durch die gesamte Rezeptionsgeschichte hindurch gegensätzliche Äußerungen dieser Art. Zwischen diesen beiden absolut positiv oder negativ ausfallenden Meinungen liegen diverse weitere, verschiedene Aspekte beleuchtende, mitunter weniger eindeutig wertende, dafür aber objektivere Einschätzungen.

„.die abstufungen in der beurteilung von LUTHERs stellung in der entwicklung der deutschen schriftsprache [gehen] von stark positiver einschätzung über verschiedene grade von vorbehalt bis zu einer gewissen skepsis. Das liegt daran, dass die fülle des materials so enorm ist, dass es nicht schwer fällt, gewichtige belege für eine positive einschätzung wie auch für eine kritischere these anzuführen.“[5]

Daher wird sich im Folgenden auf Martin Luthers Rolle bezüglich der Entwicklung der neuhochdeutschen Schriftsprache und seiner Leistung bzw. langfristigen Wirkung in diesem Zusammenhang konzentriert. Der Umfang dieser Arbeit machte es nötig, sich exemplarisch auf drei Texte zu fokussieren, die sich mit dieser Frage beschäftigen. Der Schwerpunkt liegt auf der neueren Rezeptionsgeschichte, da nur hieraus und nicht durch zeitgenössische Rezeption die nachhaltige Wirkung Luthers für unsere heutige Sprache untersucht werden kann. Der erste Text stammt von Paul Pietsch aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert, der zweite von Carl Franke aus dem Jahre 1914 und der dritte schließlich von Joachim Schildt aus den 1980er Jahren. Anhand dieser Meinungen, die natürlich im Kontext ihrer jeweiligen Entstehungszeit zu betrachten sind, soll analysiert werden, ob und wie sich das Lutherbild bezüglich der Fragestellung im Laufe der letzten zwei Jahrhunderte verändert hat. Dabei sind folgende Fragen zu stellen: Gibt es Konstanten und wenn ja welche? Wo und inwiefern treten Veränderungen auf? Wie sind sowohl die Konstanten als auch die Veränderungen zu bewerten? Die Fragen verfolgen das Ziel dem Sprachschaffen Luthers in Folge der beispielhaften Analysen eine - soweit möglich - objektive Beurteilung zukommen zu lassen, sowie damit einhergehend einen Überblick über die Luther-Rezeption samt ihrer zugrundeliegenden Motive in den letzten zwei Jahrhunderten zu geben.

Um die Einordnung und Bewertung von Luthers Sprachschaffen verständlich zu machen, wird zunächst eine kurze überblicksartige Darstellung zur sprachlichen Situation seinerzeit im deutschsprachigen Raum gegeben.

Die sprachliche Situation im deutschsprachigen Raum zur Zeit Luthers

Die sprachliche Situation im deutschen Sprachraum war zu Luthers Zeiten geprägt von einer Vielzahl von Dialekten und Mundarten. Es gab drei große Sprachlandschaften: Das Niederdeutsche im Norden, das Mitteldeutsche im ostmitteldeutschen Raum und das Oberdeutsche in südlichen, besonders südöstlichen Gebieten. Diese teilten sich wiederum in diverse Untergruppen von Dialekten und Mundarten ein, sodass man mitunter bloß 50km reisen musste, um fast eine andere Sprache vorzufinden, in der sich die Sprachteilnehmer der jeweiligen Gruppe untereinander nicht mehr verstanden.

Daher begannen, unter anderem in Folge der Erfindung des Buchdrucks und der daraus resultierenden stark ansteigenden Zahl von Publikationen, Prozesse des Sprachausgleichs und der Sprachangleichung. Diese Prozesse lassen sich mit dem Ziel der Allgemeinverständlichkeit erklären, die Voraussetzung für ein größeres Publikum und breitere Rezeption ist. Dies war nur möglich, wenn die Sprache über den eigenen Dialektraum hinaus verständlich war. Diese Entwicklung begann bereits vor Luther und war mit ihm noch lange nicht abgeschlossen, sondern dauerte noch ca. zwei Jahrhunderte an. Wichtig ist auch, dass sich die Angleichungsprozesse in diesem Zusammenhang auf die Schriftsprache beziehen, die mündliche Kommunikation, zumindest im privaten Bereich, blieb davon zunächst unberührt.

3. Textanalysen

3.1. Paul Pietsch (1883): Martin Luther und die hochdeutsche Schriftsprache

Paul Pietsch erkennt zurecht, dass das Ziel der Allgemeinverständlichkeit schon vor Luther angestrebt wurde, aber er sieht in Luther den ersten, dem es gelang „so zu schreiben, dass es von Seiten der Sprache jedem überhaupt der deutschen Sprache mächtigen verständlich wäre.“[6] Dabei spielen einerseits die günstigen Vorbedingungen eine Rolle - das Aufwachsen sowohl im Niederdeutschen als auch im Mitteldeutschen Raum, sowie das Leben in einer Übergangszone dieser beiden Sprachlandschaften - andererseits möchte Pietsch den wesentlicheren Grund für Luthers Erfolge nicht in diesem zufälligen Umstand sehen, sondern in seinem „ziel- und zweckbewussten verfahren [...] mit Überlegung und Konsequenz.“[7] Pietsch attestiert Luther ein so bisher nie dagewesenes feines Sprachgefühl - unter anderem durch Kenntnis verschiedener Mundarten - und ein ebenso hohes Sprachideal, welches eine perfektionistische Grundeinstellung mit sich brachte, was sich zum Beispiel in den zahlreichen Selbstkorrekturen besonders in der Bibelübersetzung zeigt. Weitere Verdienste Luthers seien außerdem eine angestrebte und auch erreichte Objektivität in der Wahl der sprachlichen Mittel und besonders die Orientierung an der deutschen - vornehmlich der volkstümlichen und weniger der komplexen zum Beispiel der Kanzleien - Sprache und nicht mehr wie zuvor meist geschehen am Latein.[8]

Für besonders herausstechend und wichtig erachtet Pietsch den Unterschied zwischen Mundart und Schriftsprache, welchen Luther erkannt und berücksichtigt habe.

„Er hat erkannt, dass nicht irgend einem bestimmten deutschen Dialekte ein Vorrecht vor den andern zustehe, [...] das sie berechtigen könnte, sich vor ihnen als Schriftsprache geltend zu machen: Luther hat die Begriffe Mundart und Schriftsprache in ihrem Gegensatz klar erfasst. [...] und da er hinzufügt, dass die Angehörigen der verschiedenen Mundarten, ja zuweilen auch die Angehörigen derselben Mundart sich gegenseitig kaum verstehen, so ergibt sich auch hieraus, dass die Sprache seiner Schriften, die ja , Ober- und Niederländer ’ d. i. alle Deutschen von den Alpen bis zur Ost- und Nordsee verstehen sollten, nicht eine bestimmte Mundart sein konnte, dass dieselbe vielmehr eine über allen Mundarten stehende Sprache sein musste.“[9]

Luther strebte nicht danach, diese allgemeinverständliche Sprache auch in der Mündlichkeit durchzusetzen, im ging es um die Verständlichkeit seiner Schriften, die Voraussetzung für die weite Verbreitung seiner reformatorischen Ideen war.

[...]


[1] Wichtig ist hier, dass Schriftsprache tatsächlich nur die Formen der schriftlichen Kommunikation meint. Die diversen deutschen Mundarten und Dialekte betrifft diese Wirkung zunächst nicht. Ein allmählicher Ausgleich in der mündlichen Sprache fand erst später statt und ist auch heute noch nicht abgeschlossen bzw. wird es vermutlich nie vollständig sein. Einige Autoren verwenden auch die Bezeichnung „Literatursprache’ anstatt Schriftsprache, dies ist in diesem Zusammenhang jedoch gleichbedeutend und meint beides die schriftliche Form der Kommunikation hinsichtlich Orthographie, Syntax, Morphologie, Wortschatz, Stil und aller damit einhergehenden Phänomene. In dieser Arbeit wird fortan der Terminus Schriftsprache verwendet.

[2] Paul, Hermann (1916): Die Entstehung der Gemeinsprache. In: Wolf, Herbert (Hg.) (1996): Luthers Deutsch. Sprachliche Leistung und Wirkung. S. 53.

[3] Kluge, Friedrich (1904/1905): Luthers sprachgeschichtliche Stellung. In: Wolf, Herbert (Hg.) (1996): Luthers Deutsch. Sprachliche Leistung und Wirkung. S. 48.

[4] Moser, Virgil (1909): Historisch-grammatische Einführung in die frühneuhochdeutschen Schriftdialekte. In: Wolf, Herbert (Hg.) (1996): Luthers Deutsch. Sprachliche Leistung und Wirkung. S. 65/66.

[5] Bach, Heinrich (1984): Wo liegt die entscheidende Wirkung der „Luthersprache “ in der Entwicklung der deutschen Standardsprache? In: Schildt, Joachim (Hg.): Luthers Sprachschaffen. Gesellschaftliche Grundlagen. Geschichtliche Wirkungen. S. 96.

[6] Pietsch, Paul (1883): Martin Luther und die hochdeutsche Schriftsprache. In: Wolf, Herbert (Hg.) (1996): Luthers Deutsch. Sprachliche Leistung und Wirkung. S. 31.

[7] Ebenda.

[8] Vgl. Pietsch: S. 34/35.

[9] Pietsch: S. 35/36.

Details

Seiten
16
Jahr
2013
ISBN (eBook)
9783656850588
ISBN (Buch)
9783656850595
Dateigröße
432 KB
Sprache
Deutsch
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Institut für Germanistik
Erscheinungsdatum
2014 (Dezember)
Note
1,3
Schlagworte
Martin Luther Literatursprache Schriftsprache Standardsprache Germanistik Neuhochdeutsch Sprachgeschichte

Autor

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