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Die Bedeutung der Familie in G. E. Lessings "Nathan der Weise"

Hausarbeit 2014 17 Seiten

Deutsch - Literatur, Werke

Leseprobe

Inhalt:

1. Einleitung

2. Familienbilder
2.1 Die Menschheitsfamilie
2.2 Die Entwicklung der Familie zur Zeit der Aufklärung
2.3 Familien in den Dramen Lessings

3. Familien in Nathan der Weise
3.1 Nathans ‚Familie‘
3.2 Der Tempelherr
3.3 Die Familie des Sultans

4. Die Aufdeckung des Familienverhältnisses und die Folgen
4.1 Tatsächliche Verwandtschaftsbeziehungen
4.2 Blutsverwandtschaft vs. Adoption
4.3 Schlusstableau als Menschheitsfamilie?

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Primärliteratur

2. Sekundärliteratur

1. Einleitung

In einer parallel zur Niederschrift des Nathan-Dramas entstandenen Vorrede sagt Lessing selbst über Nathan der Weise: „Noch kenne ich keinen Ort in Deutschland, wo dieses Stück schon jetzt aufgeführt werden könnte. Aber Heil und Glück dem, wo es zuerst aufgeführt wird.“[1]

Diese Aussage kann man nun zum einen auf die Frage nach der ‚wahren‘ Religion beziehen, die im Stück mit der berühmten Ringparabel beantwortet wird.

Zum anderen ist aber auch die Zusammenführung der Familie im Stück, deren Mitglieder nicht nur räumlich, sondern auch durch verschiedene Religionen, und damit auch unterschiedliche Traditionen und Erziehung, voneinander getrennt sind, mehr als fortschrittlich.

Auch die Familienstrukturen, die Lessing im Stück zeigt, wie die auf Vernunft basierende Vater-Tochter-Beziehung zwischen Nathan und seiner Adoptivtochter Recha, sind für die Zeit der Aufklärung überaus modern.

Grundlage für diese utopisch erscheinenden Entwicklungen im Stück ist Lessings „Humanitätsreligion, [bei der] [a]lle Schranken und Grenzen des sozialen und religiösen Lebens […] als wesenslos“[2] zurücktreten.

Die folgende Arbeit untersucht zunächst für das dramatische Gedicht grundlegende Familienbilder: Die sogenannte Menschheitsfamilie, als welche das Schlusstableau häufig gedeutet wird, die Entwicklung der Familie zur Zeit der Aufklärung im Allgemeinen und kurz die Entwicklung der Familiendarstellung in Lessings Dramen.

Anschließend werden die drei zunächst getrennten Familien in Nathan der Weise, also Nathans Familie, der Tempelherr und die Familie des Sultans, beschrieben und die Beziehungen der Familienmitglieder zueinander betrachtet.

In Kapitel 4 wird schließlich das tatsächliche Familienverhältnis und dessen Aufdeckung erläutert sowie die Folgen dieser Aufdeckung. Dabei soll jedoch nicht der Wandel vom Liebespaar Recha/Tempelherr zum Geschwisterpaar im Vordergrund stehen, welcher durchaus zu Recht als „nicht sehr überzeugend“ und als „die schwächste Stelle dieses in seiner Botschaft so starken und überzeugenden Schauspiels“[3] bezeichnet wird, sondern es wird zum einen das Gegensatzpaar Adoptivvater – leiblicher Vater betrachtet und es wird die Schlussszene, die Zusammenführung als Menschheitsfamilie, näher untersucht, insbesondere die Fragen, weshalb sich die Familie in dieser Form finden und vereinen muss und welche Position Nathan dabei einnimmt.

2. Familienbilder

2.1 Die Menschheitsfamilie

Das Ideal der Menschheitsfamilie fasst alle Menschen, unabhängig von Herkunft oder Religion, als eine Gemeinschaft zusammen.

In der Botschaft von Papst Benedikt zum Weltfriedenstag 2008 wurde sie als „eine Gemeinschaft des Friedens“ beschrieben, in der „die Völker der Erde […] aufgerufen [sind], untereinander Beziehungen der Solidarität und der Zusammenarbeit zu schaffen, wie sie sich für Glieder der einen Menschheitsfamilie geziemen“.[4]

Auch unabhängig von christlichen Wertvorstellungen ist die Menschheitsfamilie gekennzeichnet durch eine von allen Mitgliedern

geteilte Gesinnung der Humanität, die sich in Anerkennung der Gleichwertigkeit aller Menschen und Gruppen, Vernunfthandeln mit allgemein moralischer Ausrichtung sowie dem Verzicht auf absoluten Wahrheitsanspruch der Religion ausdrückt.[5]

Dieser Grundgedanke der Humanität wird von Benno von Wiese folgendermaßen definiert:

Humanität bezeichnet als vernünftige Norm der Menschheit das Allgemeine und das Übergeschichtliche. - Sie verlangt die Loslösung vom besonderen Boden, vom besonderen Stand, der besonderen Klasse, der besonderen Nation, dem besonderen Bekenntnis, die Vorurteilslosigkeit, Toleranz gegen Anders-Denkende, Anders-Geborene, Anders-Gläubige und die Vereinigung der in Raum und Zeit getrennten Menschen in jener allgemeinen Vernunft der Menschheit.[6]

Das Humanitätsideal kann also als eine Art Wertekodex jeder Einheitsbestrebung zwischen verschiedenen Menschengruppen interpretiert werden[7].

Die Bedeutung der Menschheitsfamilie in Lessings Nathan der Weise wird in einem späteren Kapitel untersucht.

2.2 Die Entwicklung der Familie zur Zeit der Aufklärung

In der frühen Neuzeit war die zentrale Lebensordnung noch durch das Haus und nicht durch die Familie bestimmt. Die Familie im modernen Sinn entwickelte sich erst im 18. Jahrhundert.

Das Haus bezeichnet eine Lebensgemeinschaft, zu der nicht nur der Hausbesitzer, seine Ehefrau und seine leiblichen Kinder gehörten, sondern alle, die im Haus lebten und der Herrschaft des Hausvaters, der in den meisten Fällen Hausbesitzer und gleichzeitig Arbeitgeber war, unterstellt waren. Zur Hausgemeinschaft zählten also leibliche Kinder und (auch unehelich geborene) Stiefkinder, Anverwandte, Gesinde und Inleute.[8] Der heute geläufige Familienbegriff, der nur die Gemeinschaft von Eltern und Kindern umfasst, entsteht erst Ende des 18. Jahrhunderts, ebenso wie die Betrachtung des einzelnen Menschen als Individuum und eben nicht als Mitglied der Hausgemeinschaft.[9]

Der Wandel der Familienstruktur wurde durch Entwicklungen in drei gesellschaftlichen Bereichen beeinflusst. Hierzu zählen die Verstaatlichung, die Änderung der Produktionsverhältnisse und Veränderungen im generativen Verhalten.

Durch die Verstaatlichung wurden verschiedene soziale Aufgaben, die bisher das Haus übernommen hatte, nun vom Staat übernommen. Dies veränderte entscheidend die Grundlage der zwischenmenschlichen Beziehungen[10], da hierdurch einige Abhängigkeiten vom Haus wegfielen.

Die Industrialisierung führte zu einer Entlastung der Familie von Produktionsfunktionen und einer Trennung von Haus und Betrieb. Diese Entwicklung führte dazu, dass die Familie „eine auf Intimität und Abschließung gerichtete Gemeinschaft“ werden konnte.[11]

Grundlegend verändert wurde die Familienstruktur auch durch die Änderungen im generativen Verhalten. Während es ursprünglich üblich war, bereits in den frühen Ehejahren möglichst viele Kinder zu bekommen – aufgrund der hohen Sterblichkeit und der benötigten Mitarbeit im Haus und der späteren Versorgung der Eltern - setzen im 19. Jahrhundert Familienplanung und Geburtenkontrolle ein. Denn medizinische und hygienische Verhältnisse setzen die Kindersterblichkeit herab und Kinder wurden zu einem Kostenfaktor.[12]

Die Art der persönlichen Beziehung zwischen Eltern und Kindern war stark abhängig vom sozialen Status der Familie, von der Art der Arbeit, die die Familie ausführte und natürlich auch von der Kinderzahl.[13]

Durch die ‚Verkleinerung‘ der Familie kommt es zu einer stärkeren emotionalen Bindung zwischen Eltern und Kindern und zu einer Betonung des Individuums. Die Kinder werden zu selbstständigen Subjekten „für eine nicht mehr statisch durch Abstammung und Geburt, sondern dynamisch durch Leistung bestimmte Gesellschaft“ erzogen.[14]

Dennoch ist das 18. Jahrhundert durch patriarchalische Autorität gekennzeichnet.[15] Es finden jedoch Modifikationen des traditionellen Patriarchalismus statt, so erfolgt beispielsweise eine „‘Emotionalisierung‘ der Vater-Tochter-Beziehung“[16], wie sie auch im untersuchten Werk Lessings zu finden ist.

2.3 Familien in den Dramen Lessings

Wie bereits im vorangegangen Kapitel erwähnt, ändert sich die Bedeutung des Familienbegriffs, der ursprünglich von aristotelischen oikia (gr. = Haus) bestimmt war, und des Familienbewusstseins im 18. Jahrhundert. Dies zeigt sich auch in der Literatur.[17]

Das Werk Lessings nimmt hierbei eine zentrale Stellung ein, da es sich etwa in der Mitte des 18. Jahrhunderts zentriert, wo es zur Zeit der Aufklärung und Empfindsamkeit dem Wandel der Familie direkt gegenüber steht. Außerdem nimmt die Familie gerade in Lessings Dramen eine besondere Stellung ein.[18]

Durchgängig, bis zum letzten Werk Nathan der Weise, wird ein patriarchalisch gegliedertes Familienbild gezeigt. Dennoch wird die väterliche Autorität kritisch betrachtet.[19]

In Miß Sara Sampson und Emilia Galotti sind die Titelfiguren von Schuldgefühlen gegenüber ihren Vätern geprägt: Sara leidet aufgrund ihrer Flucht aus dem Elternhaus unter übergroßem Schuldbewusstsein und Emilias Empfindungen gegenüber den Werbungsversuchen des Prinzen lassen sich nicht mit der vom Vater anerzogenen Tugendhaftigkeit vereinbaren.[20]

[...]


[1] Lessing, Gotthold Ephraim zit. aus: Fick, Monika: Lessing Handbuch. Leben – Werk – Wirkung. Stuttgart, 2004, S. 402.

[2] von Wiese, Benno: Humanität bei Lessing. In: Bauer, Gerhard und Sybille (Hrsg.): Gotthold Ephraim Lessing. Darmstadt, 1968, S. 172-175, hier: S.175.

[3] Vonhausen, Astrid J.: Rolle und Individualität. Zur Funktion der Familie in Lessings Dramen. Bern, 1993, S. 145.

[4] Papst Benedikt XVI: Botschaft seiner Heiligkeit Papst Benedikt XVI. zur Feier des Weltfriedenstages 1. Januar 2008. Web (2014).

[5] Braun, Timo: Halbe Toleranz in Lessings Nathan. Web (2007), S. 8.

[6] von Wiese, S.172f..

[7] Vgl. Braun, S. 7.

[8] van Dülmen, Richard: Kultur und Alltag in der Frühen Neuzeit. Erster Band. Das Haus und seine Menschen, 16.-18. Jahrhundert. München, 1995, S. 12f..

[9] Vgl. van Dülmen, S. 13f..

[10] Vgl. van Dülmen, S. 19f..

[11] Vgl. van Dülmen, S. 21.

[12] Vgl. van Dülmen, S. 22.

[13] Vgl. van Dülmen, S. 105.

[14] Vgl. Schneider, Helmut, J.: Genealogie und Menschheitsfamilie. Dramaturgie der Humanität von Lessing bis Büchner. Berlin, 2011, S. 184.

[15] Vgl. Choi, Yeun-Soo: Frauenbild und Familienstruktur in Lessings Dramen. Gießen, 2001, S. 21f..

[16] Choi, S. 22.

[17] Vgl. Lorey, Christoph: Lessings Familienbild im Wechselbereich von Gesellschaft und Individuum. Bonn, 1992, S. 2.

[18] Vgl. Lorey, S. 2.

[19] Vgl. Lorey, S. 25.

[20] Vgl. Choi, S. 23.

Details

Seiten
17
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656852629
ISBN (Buch)
9783656852636
Dateigröße
442 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v285022
Institution / Hochschule
Universität des Saarlandes – Fachrichtung Germanistik
Note
1,7
Schlagworte
Lessing Nathan der Weise Aufklärung Familie

Autor

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