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Ein Vergleich zwischen Patrick Süskinds Roman "Das Parfum - die Geschichte eines Mörders" und dessen Verfilmung durch Tom Tykwer

Die Darstellung der Madame Gaillard und des Gerbers Grimal

Hausarbeit 2014 27 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Darstellung der Madame Gaillard in Buch und Film
2.1. Die Darstellung der Madame Gaillard in Patrick Süskinds Roman
2.2. Die Darstellung der Madame Gaillard in Tom Tykwers Film
2.3 Vergleich der Darstellung der Madame Gaillard zwischen Buch und Film

3. Die Darstellung des Gerbers Grimal in Buch und Film
3.1. Die Darstellung des Gerbers Grimal in Patrick Süskinds Roman
3.2. Die Darstellung des Gerbers Grimal in Tom Tykwers Film
3.3 Vergleich der Darstellung des Gerbers Grimal zwischen Buch und Film

4. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Anhang

1. Einleitung

Das Phänomen Literaturverfilmung ist bereits seit der Stummfilmzeit präsent und nahm ab den 1910er Jahren durch das Etablieren des Kinos als neue Medienform zu. Mitte der 70er Jahre befanden sich die Literaturverfilmungen dann in einer Krise, nachdem viele Klassiker der Literatur neu verfilmt worden waren und die Stoffe demzufolge erschöpft waren. Das deutsche Gegenwartskino ist dagegen stark von Literaturverfilmungen geprägt und lässt dabei zwei Tendenzen erkennen: die schnelle Verfilmung neuer Stoffe, sowie die Neuverfilmung von Klassikern.

So wurde auch der in Deutschland und international sehr erfolgreiche Roman Das Parfum - die Geschichte eines Mörders von Patrick Süskind unter der Regie von Tom Tykwer verfilmt und ist im Jahre 2006 in Deutschland erschienen. Bei der Übertragung des literarischen Stoffes in einen filmischen handelt es sich um einen Medientransfer, welcher sich nicht nur aufgrund der Tatsache, dass es sich bei Literatur und Film um unterschiedliche Medien mit unterschiedlichem Charakter handelt, als schwierig erweist. Während ein Roman üblicherweise einen Umfang von etwa 100-1000 Seiten aufweist, ist ein Film in der Regel 90-120 Minuten lang. Deshalb kommt es bei der filmischen Adaption eines literarischen Stoffes unweigerlich zu Kürzungen, sowie zu Streichungen beziehungsweise Auslassungen, aber auch zu Ergänzungen.

Aufgrund dieser Problematik soll anhand der Figuren der Madame Gaillard und des Gerbers Grimal aufgezeigt werden, inwieweit sich die Darstellung beider Charaktere gleicht und in welchen Aspekten sie sich unterscheidet. Dabei soll auch berücksichtigt werden, aus welchen Gründen im Film Veränderungen an den Figuren im Vergleich zur Buchvorlage vorgenommen wurden.

Hierfür wird zunächst die Darstellung der Madame Gaillard in Patrick Süskinds Roman (2.1) und anschließend die Umsetzung der Figur im Film von Tom Tykwer (2.2) beschrieben. Der nächste Schritt dient dann dazu, die Repräsentation der Figur in Literatur und Film miteinander zu vergleichen (2.3), um Unterschiede und Gemeinsamkeiten festzustellen.

Um dies zu verdeutlichen, wird auf gleiche Weise die Darstellung des Gerbers Grimals zunächst in der literarischen Vorlage (3.1) und anschließend in der filmischen Umsetzung (3.2) analysiert. Schließlich soll beides erneut miteinander abgeglichen und verglichen werden (3.3).

Im vierten und letzten Kapitel der Hausarbeit werden dann alle zuvor erarbeiteten Ergebnisse noch einmal zusammengefasst.

Ein Verzeichnis der benutzten und zitierten Primär- und Sekundärliteratur wird die Arbeit abschließen. Im Anhang befinden sich außerdem auch noch Abbildungen aus dem Film, auf die im Hauptteil verwiesen wurde.

2. Die Darstellung der Madame Gaillard in Buch und Film

2.1. Die Darstellung der Madame Gaillard in Patrick Süskinds Roman

Nachdem Jean-Baptiste Grenouille geboren wurde und seine Mutter als Kindsmörderin hingerichtet wurde, weil sie ihr Neugeborenes einfach in Fischabfällen liegen hat lassen, kommt er in die Obhut der Amme Jeanne Bussie. Diese verschmäht den Jungen jedoch, da er nicht riecht wie andere Babys und sogar überhaupt keinen eigenen Geruch besitzt. Schließlich fürchtet sich auch der Pater Terrier vor Jean-Baptiste und bringt ihn, um in weit weg von sich zu wissen, ins Waisenhaus der Madame Gaillard, die „Kostkinder jeglichen Alters und jeglicher Art aufnahm, solange nur jemand dafür zahlte.“[1]

Aufgrund dessen ist der erste Eindruck der besagten Madame wenig positiv. Sie scheint in erster Linie profitorientiert zu handeln und sich wenig um das Wohlergehen ihrer Zöglinge zu kümmern. Die ihr anvertrauten Kinder sollen ihr eine finanzielle Absicherung im Alter gewährleisten und ihr somit einen privaten Tod abseits der Krankenhäusern, der in diesen Zeiten den begüterteren Bürgern vorbehalten war, ermöglichen. Madame Gaillard scheint keine Wünsche und Träume im Leben mehr zu haben und einzig und allein für den Tod zu leben. Doch um diesen im wahrsten Sinne des Wortes letzten Wunsch realisieren zu können, benötigt sie „die volle Marge vom Kostgeld.“ (DP 27).

Auffällig ist auch, dass Süskind die im Roman auftretenden Nebenfiguren üblicherweise nicht länger verfolgt, nachdem diese aus Grenouilles Leben getreten sind und deshalb für den weiteren Verlauf der Geschichte unwichtig und uninteressant geworden sind. Dies gilt jedoch nicht für die Madame Gaillard, da nicht nur ihre Vorgeschichte im Rahmen des Romans beleuchtet wird, sondern auch ihr weiterer Lebensweg überdurchschnittlich lang und ausführlich bis zu ihrem Tode geschildert wird.[2]

Auf diese Weise erhält der Leser zusätzliche Informationen über die im Fokus stehende Person. Auch die Kindheit der Madame Gaillard wird erwähnt, insbesondere, dass sie durch einen Schlag ihres Vaters mit dem Feuerhaken, welcher sie oberhalb der Nasenwurzel traf, nicht ihren Geruchssinn, sondern jegliches Gefühl für menschliche Gefühlsregungen verloren hat. Aus diesem Grunde ist es unmöglich für Madame Gaillard irgendeine Art von Gefühlen und Leidenschaften zu verspüren. (Vgl. DP 25) So empfindet sie keine Liebe gegenüber den Kindern, die sie geboren hat und baut auch keine Beziehung oder gar emotionale Bindung zu ihren Kostkindern auf. Wohl auch aus diesem Grunde fällt es der Leiterin des Kinderheims leicht, die in ihrer Obhut stehenden Kinder physisch und vor allem auch psychisch zu vernachlässigen und aus ihnen den größtmöglichen Gewinn zu schlagen. Letzterer soll dann lediglich der Realisierung eines großen und letzten Wunsches dienen, nämlich dem des privaten Todes fernab des öffentlichen Massensterbens der Pariser Krankenhäuser. (Vgl. DP 26f.)

Auffällig ist auch der Name der Leiterin des Kinderheims an sich. Denn das französische Wort ‚gaillard‘ bedeutet in der deutschen Übersetzung so viel wie ‚ausgelassen‘. Dies stimmt jedoch nicht einmal ansatzweise mit den Charaktereigenschaften der besagten Madame Gaillard im Roman überein. Der Name der Figur lässt sich also als Ironie beziehungsweise als ironischer Gegensatz zum wahren Charakter der Figur verstehen.[3]

Madame Gaillard besitzt zudem trotz „oder vielleicht gerade wegen ihrer vollkommenen Emotionslosigkeit“ (DP 26) eine ganz spezifische Eigenschaft, nämlich „einen gnadenlosen Ordnungs- und Gerechtigkeitssinn:“ (DP 26)

Dies wird besonders in den folgenden Sätzen noch einmal deutlich und besonders hervorgehoben:

Sie bevorzugte keines der ihr anvertrauten Kinder und benachteiligte keines. Sie verabreichte drei Mahlzeiten am Tag und keinen kleinsten Happen mehr. Sie windelte die Kleinen dreimal am Tag und nur bis zum zweiten Geburtstag. Wer danach noch in die Hose schiß, erhielt eine vorwurfslose Ohrfeige und eine Mahlzeit weniger. Exakt die Hälfte des Kostgelds verwandte sie für die Zöglinge, exakt die Hälfte behielt sie für sich. Sie versuchte in billigen Zeiten nicht, ihren Gewinn zu erhöhen; aber sie legte in harten Zeiten nicht einen einzigen Sol zu, auch nicht, wenn es auf Leben und Tod ging. (DP 26)

Dieser Gerechtigkeitssinn in Kombination mit der Unfähigkeit, menschliche Gefühle empfinden zu können, stellt dabei die ideale Voraussetzung dar, um die im Kinderheim untergebrachten Zöglinge ungeniert vernachlässigen und dadurch auch ausbeuten zu können.

Anhand der Madame Gaillard wird also aufgezeigt, dass der Verlust des Geruchssinns zusätzlich noch weitreichendere Folgen hat. Mit der Fähigkeit riechen zu können, verschwindet in diesem Fall auch noch jegliche Form von Lebenslust. Madame Gaillard stumpft ab und ist nicht mehr in der Lage, irgendeine Art von Gefühlsregung wahrzunehmen, ganz egal, ob diese nun positiv oder negativ ist. Einzig und allein ihre Hoffnung und ihr Streben nach einem privaten Tod treibt sie voran und bildet das Motiv für die Ausbeutung der Zögling, sowie aller anderen Handlungen im Verlauf ihres Lebens. Da die Madame also nicht nur unfähig ist, Gerüche wahrzunehmen, sondern sie sich zudem nicht um individuelle Besonderheiten ihrer Zöglinge schert und auf diese erst recht nicht eingeht, ist ihr Waisenhaus wohl der optimale Aufzuchtsort für Grenouille.[4]

An einem anderen Ort wäre es für den kleinen Jean-Baptiste dagegen schwierig bis unmöglich gewesen zu überleben. Da der Säugling bereits nach wenigen Wochen von der Amme Bussie, sowie vom Pater Terrier verstoßen wurde, ist es unwahrscheinlich, dass sich eine andere Person für einen Zeitraum von mehreren Jahren, so wie es die Madame Gaillard tat, des Kindes angenommen hätte. Die Leiterin des Kinderheims stellt also, aufgrund ihrer ganz besonderen Eigenheiten, die einzig realistische Überlebenschance für Grenouille dar. Dies kommt auch im Roman ganz klar zum Ausdruck: „Für den kleinen Grenouille war das Etablissement der Madame Gaillard ein Segen. Wahrscheinlich hätte er nirgendwo anders überleben können. Hier aber, bei dieser seelenarmen Frau gedieh er.“ (DP 27)

Mit der Zeit fürchtet sich jedoch auch die Leiterin des Waisenhauses vor Grenouille. Denn durch sein außergewöhnlich gut ausgeprägtes Riechorgan ist dieser in der Lage, außergewöhnliche Vorhersagen zu treffen, die sich stets als wahr herausstellen. So kann er beispielsweise die Ankunft einer Person oder ein nahendes Gewitter, von dem es noch keinerlei Anzeichen gibt, treffend voraussagen. (Vgl. DP 36) Der Madame Gaillard wird angesichts dieser Tatsachen zunehmend mulmig zumute, insbesondere da sie die wahre Ursache nicht ausfindig machen kann und somit keine passende Erklärung für die Prognosen ihres Zöglings findet. Stattdessen redet sie sich ein, dass der Junge „das zweite Gesicht“ (DP 37) hat. Wie bereits erwähnt, fürchtet sie sich vor ihm. Doch die Situation verschärft sich, als sie bemerkt, dass Grenouille vermeintlich auch durch Wände und Balken sehen kann, und somit auch weiß, wo ihr Geld versteckt ist. Dies kommt in den folgenden Zeilen noch einmal gut zum Ausdruck:

Noch unheimlicher, geradezu unerträglich war ihr der Gedanke, mit jemandem unter einem Dach zu leben, der die Gabe hatte, sorgfältig verstecktes Geld durch Wände und Balken hindurch zu sehen, und als sie diese entsetzliche Fähigkeit Grenouilles entdeckt hatte, trachtete sie danach, ihn loszuwerden [...] (DP 37)

Obwohl Madame Gaillard sich also zunächst vor Grenouille fürchtet, unternimmt sie zunächst keine weiteren Schritte. Schließlich stellt der Junge noch immer eine Geldquelle wie jedes andere Kind dar und dient der Realisierung des privaten Todes der Waisenhausleiterin. Als Grenouille jedoch zunehmend zu einer potentiellen Bedohung für diesen Traum wird, da er über den Verwahrungsort der Ersparnisse Bescheid weiß, wird er Madame Gaillard zunehmend unheimlich und sie möchte ihn nun auch loswerden. Als das Kloster zudem die Zahlungen einstellt, fühlt sie sich schließlich zum Handeln animiert. Sie verkauft nun Grenouille an den Gerber Grimal, (Vgl. DP 37) was ihr einen finanziellen Vorteil verschafft, obwohl sie sich bewusst ist, dass ihr Zögling in dem Gerberhandwerk nach reellen Maßstäben keine Überlebenschancen hat.[5] Auch an dieser Stelle handelt Madame Gaillard also profitorientiert, während ihr das Wohlergehen Grenouilles völlig gleichgültig ist.

Die negative Charakterisierung der Madame Gaillard wird zudem auch noch verstärkt durch den ironischen und schon bösartig zu nennenden Erzähler. Dies wird auch dann besonders deutlich, wenn man an das Ende der Madame denkt. Denn obwohl sie stets an die Gerechtigkeit glaubte und für diese ihr ganzes Leben lang eintrat, stirbt sie verarmt mit hunderten anderen Kranken in einem Pariser Krankenhaus. (Vgl. DP 40) Die Gerechtigkeit, an die die Kinderheimleiterin glaubt und die ihr einen gewissen Lebensinhalt gibt, erfüllt sich für sie also nicht. Auf diese Weise erhält die ironische Haltung des Erzählers noch einmal Nachdruck und kommt noch zusätzlich zum Ausdruck. [6]

[...]


[1] Süskind, Patrick: Das Parfum. Die Geschichte eines Mörders. Zürich: Diogenes, 1994, S. 25. Patrick Süskinds Roman wird im Nachfolgenden unter Verwendung der Sigle DP zitiert.

[2] Vgl. Frizen, Werner ; Spancken, Marilies: Patrick Süskind. Das Parfum. 2. Auflage. München: Oldenbourg, 1996, S. 75.

[3] Vgl. Delseit, Wolfgang ; Drost, Ralf: Patrick Süskind, Das Parfum. Stuttgart: Reclam, 2000, S. 9.

[4] Vgl. Frizen, Werner ; Spancken, Marilies: Patrick Süskind. Das Parfum. 2. Auflage. München: Olden-bourg, 1996, S. 75f.

[5] Ebd., S. 75

[6] Ebd., S. 124f

Details

Seiten
27
Jahr
2014
ISBN (eBook)
9783656851424
ISBN (Buch)
9783656851431
Dateigröße
2.2 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v285066
Institution / Hochschule
Universität des Saarlandes
Note
1,0
Schlagworte
vergleich patrick süskinds roman parfum geschichte mörders verfilmung tykwer darstellung madame gaillard gerbers grimal

Autor

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